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Gutenberg > Ludwig Thoma >

Der Ruepp

Ludwig Thoma: Der Ruepp - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Ruepp
authorLudwig Thoma
year1922
publisherAlbert Langen Verlag
addressMünchen
titleDer Ruepp
pages3-304
created20020508
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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Vierzehntes Kapitel

Der Rechtsanwalt Lachermayr, ein junger Anfänger in seinem Berufe, saß dem Ruepp gegenüber und redete eifrig auf ihn ein.

»Eigentlich versteh' ich Sie nicht, warum Sie lieber tausend Mark zahlen wollen, als schwören, das heißt, wenn Sie ein gutes Gewissen haben.«

»I kannt jed'n Tag hi'steh und schwör'n . . .«

»Also . . .«

»Aber d' Afra mag it. Sie scheucht's a so, sagt s', und liaba is ihr dös Geld hi . . .«

Der junge Herr zog die Achseln in die Höhe.

»Tja . . . aber der Pfleiderer geht nicht darauf ein. Da is sein Brief . . .«

Er las dem Ruepp vor. »Ich erkläre . . . et cetera . . . daß ich mich auf keinen außergerichtlichen Vergleich einlasse und kein Angebot annehme, indem ich darauf bestehe, daß die Wahrheit zutage kommt. Hochachtungsvollst . . . et cetera . . . und dann kommt noch eine Nachschrift, die ist allerdings sehr bezeichnend. Da heißt es nämlich: Höchstens, wenn der obengenannte Umbricht sogleich die Forderung der Verstorbenen, also dreitausend Mark, und außerdem weitere dreitausend Mark bezahlt . . .«

Der Ruepp sprang vom Stuhle auf.

»A so an ausg'schamter Lump! Aba i woaß guat, wer da dahinta steckt. Dös is der sell Schlehlein.«

»Ich hab's Ihnen ja gleich gesagt . . .« antwortete der Anwalt. »Ich war gleich dagegen, daß man dem Pfleiderer was anbietet. Diese Art Leute kenn ich. Der glaubt, Sie sind in einer Zwangslage . . .«

»Was waar na dös?«

»Daß Sie nicht schwören können . . .«

»I ko aba schwör'n.«

»Sie können, sagen Sie, und wenn wir dann weiter reden, sagen Sie, Ihre Frau kann nicht, oder vielmehr, sie will nicht . . .«

»Weil sie it füri steh mag, weil sie's a so scheucht . . .«

»Ja, gut, ich weiß zwar nicht, warum man sich scheut, das, was wahr ist, auch zu beschwören. Aber wo stehen wir jetzt? Der Mensch nützt die Situation aus und verlangt von Ihnen das Sechsfache . . .«

»Dös is do an offenbariger Wucher . . .«

»Ah was, Wucher. In gewissem Sinn ist es eine Erpressung, aber keine strafbare. Was wollen Sie jetzt tun?«

»Ja, i zahl do net sechstausend Mark! Wo nahm i denn 's Geld her? Und überhaupts is ja dös so ausg'schamt, daß ma gar it red'n ko.«

»Schön, aber dann gibt es eben nur den einen Ausweg, daß Sie schwören.«

»I schwör scho, aba Sie müassen's halt a so drah'n, daß d' Afra net mit muaß.«

»Das kann ich nicht. Das hab' ich Ihnen schon ein dutzendmal gesagt.«

»Bal sie aba nix woaß!«

»Dann soll sie in Gott's Namen ihr Nichtwissen bestätigen.«

»Wia is dös?«

»Daß sie nichts weiß, muß sie sagen, aber um den Eid kommt sie nicht herum. Reden Sie halt mit Ihrer Frau. Der Termin is auf meinen Antrag verlegt worden, auf den 10. Oktober. In diesen acht Tagen besprechen Sie's nochmal, vielleicht halten Sie auch eine Nachsuche, und wenn der Zufall will, daß sich noch was findet, nicht wahr, dann kann ja Ihre Frau mit dem besten Gewissen erklären: So, das ist alles, und mehr war net da, und das kann ich auf meinen Eid nehmen . . .«

Der Ruepp, der gut verstand, wo der Advokat hinaus wollte, fragte zögernd:

»Bal si was fand'?«

»M . . . ja . . . net wahr, wenn man recht sorgfältig sucht, geht oft noch was her, was man zuerst übersehen hat oder gar net bemerkt hat . . .«

»Bal si aba nix find?«

»No ja, dann hat eben die gewissenhafteste Prüfung nichts ergeben?«

»Und muaß d' Afra na aa schwör'n?«

Herr Lachermayr wurde ungeduldig.

»Jaa! Jetzt sag' ich's zum letztenmal. Schwören muß sie unter allen Umständen, ob was da ist oder nicht . . .«

»Am zehnten, hamm S' g'sagt?«

»Ja, heut über acht Tag . . .«

»Und . . . aa . . . und . . .«

Der Ruepp drehte seinen Hut in der Hand und überlegte.

»Bal ma vielleicht dem Schreiberspitzbuab'n saget, ma legt no an etla Hundert drauf, wann er's guat sei laßt?«

». . . Ich hab' Ihnen ja vorgelesen, wieviel er verlangt. Und wenn Sie jetzt mit ihm handeln wollen, wird er natürlich erst recht glauben, daß Sie . . . sagen wir, in Verlegenheit sind. Wenn Sie nicht gleich eine große Summe opfern wollen, mit den kleinen Angeboten richten Sie nichts aus. Höchstens das eine, daß Ihre Sache recht unsicher ausschaut . . .«

»Koa große Summe kann i net zahl'n, und überhaupts braucht's as it . . .«

»Also dann in acht Tagen. Adje!«

Als der Ruepp in seinem Wagen saß und auf der Landstraße dahin klepperte, dachte er darüber nach, wie oft er jetzt schon die Fahrt gemacht hatte, die ihm eine einzige erspart hätte.

Ja, wenn und wenn und hätt' ich; für die Reu' gibt der Jud' nichts.

Was der Advokat vom Finden gesagt hatte, fiel ihm ein. Der traute ihm auch nicht und gab ihm heimlich den Rat, das Geld herzuschaffen.

Aber wie denn?

Mit den paar tausend Mark hatte er die drückendsten Schulden bezahlt, und damit war's fort, wie weggeblasen.

Sonst wär' er schon selber so gescheit gewesen.

Wo er hinsah, es gab keinen Ausweg. Es war, als wenn ein Zaun um ihn herum gezogen wäre, aus dem er nicht hinaus schliefen konnte, und der sich immer enger und enger zusammenschloß.

Eins war ganz gewiß . daß die Afra nicht schwören wollte. Noch zweimal hatte er davon angefangen, aber sie hatte wie närrisch getan und ihn kaum angehört.

»Ich tu's net. Ich mach 's Arge net no ärger und verspiel mei Seligkeit dazu, und wenn's d' mir koa Ruah laßt, geh i zum Pfarrer abi und bitt 'n, daß er mir hilft.«

Das war keine leere Drohung. Die Afra war ganz auseinander und hatte ihr leidsames Wesen verloren.

So bockig und verbissen war sie, und so verzweifelt tat sie gleich.

Hatte sie am End nicht recht?

»Na,« brummte der Ruepp vor sich hin. Denn sie hätt's ihm ja gleich sagen können, dann hätt' er das Geld nicht weggegeben, schon weil er sich vor ihr scheniert hätte.

Er hätt' so getan, ja, er hätt' so getan, als hätt' er das Geld bloß zum Aufheben genommen.

Nur weil er geglaubt hatte, daß keine Menschenseele was davon wisse, hatte er sich verleiten lassen; bloß deswegen.

Jetzt mußte er es herschaffen, ging's wie's wollte.

Unbedingt.

Zu leihen nehmen? Das gab ihm niemand.

Darin konnte er sich selber nicht anlügen, weil er es zu oft ausprobiert und gesehen hatte, wie es immer schwerer ging, bloß etliche hundert Mark zu kriegen. Aufs Anwesen, das schon mit drei Hypotheken verpflastert war, gab ihm kein Mensch was.

Vielleicht konnte er was verkaufen?

Schlagbares Holz hatte er nicht mehr, Vieh stand niedrig im Preise, es blieb nichts übrig, wie etliche Tagwerke Grund verschachern.

»Oeh . . .«

Der Gaul zog so scharf an, daß er dem nachdenklichen Ruepp beinahe die Zügel aus der Hand riß.

Ein Wagen war in gutem Trab vorgefahren, und der Lukas saß darin mit dem Kooperator von Altomünster.

Der verstand es mit allen Geistlichen und Amtsleuten, stand überall gut und war angesehen.

Der Ruepp hielt seinen Gaul, der nach wollte, mit grobem Zerren zurück.

»Fahr zua, Tropf scheinheiliga . . .!«

Aber die alte Feindseligkeit kam heute nicht recht in ihm auf.

Vor Jahren hatte ihn einmal der Lukas wissen lassen, daß er den Acker am Weiherer Holz, der ihm passend lag, kaufen oder gegen ein anderes Grundstück eintauschen wolle.

Damals hatte er den Klöckl, der unter der Hand für den Lukas sachte anfrug, mit barschen Worten abgewiesen.

Ob es nicht jetzt ginge?

Es waren freilich Jahre mit offenen und heimlichen Feindseligkeiten darüber vergangen, und der Lukas hatte ihm mehr wie einmal Abneigung und Despektierlichkeit gezeigt. Aber was machte das bei einem Handel aus?

Wenn er die vier Tagwerk verkaufte, war er über das Schlimmste weg.

Der Gedanke setzte sich in ihm fest, und lange vor er heimkam; war der Ruepp entschlossen, den sauren Gang zum Lukas hinüber zu machen.

Er mußte; es gab sonst keinen Ausweg.

Einen Haken hatte es. Seine Hypothekgläubiger mußten mit der Verkleinerung des Anwesens einverstanden sein, sonst ging's nicht.

Das hatte er vor einem Jahre zu seinem Verdrusse erfahren, als er eine Wiese am Schleifbach hatte verkaufen wollen.

Aber, wenn er dem Schmauß das Eckhofer Feld abhandelte, das war um etliche Tagwerk größer, und dann war ja sein Anwesen nicht verringert.

Er wußte, daß es ihm feil war, und es ließ sich schon so einrichten, daß er den Kaufpreis etliche Wochen schuldig blieb, und derweil hatte er sich mit dem Bargeld vom Lukas geholfen.

Nur schlau sein, dann war man nicht gar so leicht unterzukriegen. Der Ruepp straffte sich, wie er nur wieder einen Plan hatte. Da war halt doch ein Loch im Zaun, durch das er hinausschliefen und wieder ins Freie gelangen konnte.

Er sah den Kaspar seitab im Feld Mist breiten; hinter ihm den Michel.

War denn die Vakanz nicht aus?

Da fiel ihm ein, daß ihm die Afra gesagt hatte, der Bub könne nicht mehr nach Freising zurückgehen, oder wolle nicht mehr.

Und die Geschichte, die er im Wirtshaus gehört hatte, tauchte in seiner Erinnerung auf.

Die letzten zwei Wochen war's ihm gewesen, als ging ihn das alles nichts mehr an; frei vergessen hatte er es, und auch die Bäurin hatte in ihren Ängsten nichts mehr davon gesagt.

»He du, Michi!«

Michel steckte seine Mistgabel in den Boden und kam langsam heran.

»Nur a weng g'schwinder . . . gel! Was is denn mit dir? Bleibst du ganz oafach dahoam, und i wer gar it g'fragt?«

»I hab ja mit'n Vata red'n woll'n . . .«

»Woll'n . . . is dös a Furm? Dös muaß do z' allererscht mir recht sei. Und überhaupts, braucht's da gar nix, als daß ma sagt, jetzt hör i auf? Und dös ganz Geld waar außi g'schmissen?«

»Wann mi da Vata amal o'hör'n möcht, i hätt ja scho lang gern g'redt, aba am Freitag hab i gar koan Antwort it kriagt, und da Vata hat g'sagt, daß er koa Zeit hat für dös . . .«

»Weil mi gar it red'n mag über so an Aufführung. Oa Jahr ums ander dös sündteure Geld koscht'n und nix wia faulenzen und dahoam bei de Menscha umanand laffen! Schama tat i mi . . . aba wart no, mir wachsen no z'samm . . .«

»Wann mi da Vata heut o'hör'n will . . .«

»I wer's scho sag'n, wann's mir paßt, und dös sag i dir jetza scho, mir wer'n g'schwind mitanand firti sei . . . wüah!«

Der Wagen rollte weiter.

Michel ließ den Kopf hängen, als er zurückging.

Da kam auch der Kaspar auf ihn zu.

»I gib eahm it leicht recht,« sagte er. »Aba dös Mal laßt si nix dageg'n sag'n. Du tuast dir scho a weng leicht, du!«

»Leicht! Wann du wissest, wia schwar daß i trag'n hab an dem?«

»An was nacha?«

»Daß i von dahoam furt hab müass'n, und i hab's nia anderst glaabt, als daß 's do nix werd . . .«

»So is recht. Dös hätt'st du vor fünf und sechs Jahr net aa sag'n kinna?«

»Da bin i a Bua g'wen, auf den ma net g'hört hat.«

»Es muaß dir na do scho paßt hamm, sinscht hätt'st di scho bessa g'rührt. Und was hoscht na jetzt an Sinn?«

»Dös woaß i net . . .«

»Is dös aa no a Red für an ausg'wachsna Menschen? Er woaß it, was er tuat. Er hockt halt amal dahoam, ander Leut auf da Suppenschüssel . . .«

»Dir hock i net drauf . . .«

»Na, sag i . . .«

»Vorläufi amal net, und Rechenschaft bin i dir aa koane schuldi.«

»Waarst ma's no schuldi g'wen, i hätt dir's scho vatrieb'n, de Faulenzerei . . .«

Er ging brummend weg wieder an seine Arbeit, und auch der Michel stocherte unmutig und verdrossen im Mist herum.

Die Ungewißheit lag ihm ganz gewiß schwerer auf wie dem unguten Kerl, dem Kaspar.

Aber seit zwei Wochen war daheim alles wie verkehrt; der Vater ließ sich kaum mehr beim Essen sehen, und wenn er mit der Mutter reden wollte, gab sie ihm keine richtige Antwort, hatte immer gleich nasse Augen und seufzte.

»O mei Bua, i ko jetzt gar nix denk'n über dös. Wia werd's uns no alle mitanand geh.«

Wenn er fragte, was sie denn so bedrücke, und ob es seinetwegen wäre, schüttelte sie den Kopf.

»Dös waar no dös allerg'ringst, und wenn dös ander net waar . . .«

Aber eine Auskunft gab sie nicht, immer nur so unklare Andeutungen.

»Mi woaß wohl, es hamm ander Leut aa Sorg'n und Vadruß, aber wenn no oans net is, na ko all's recht wer'n . . . wenn no oans net is . . .«

Was das war?

Wahrscheinlich hatte sich der Vater tiefer in Schulden hinein gearbeitet, als sie alle geglaubt hatten, und er sah sich jetzt nicht mehr hinaus.

So war seine Zukunft ganz und gar aufs Ungewisse gestellt, und diese Sorge mit der Reue um die verlorenen Jahre drückte ihn nieder.

Ein Tag um den andern verging, und anscheinend kümmerten sie sich daheim nicht einmal darum, daß die Zeit, wo er hätte einrücken müssen, herankam und vorbeiging, bis ihn jetzt der Vater grob anfuhr.

Manchmal dachte er sich, ob es nicht das beste wäre, auf und davongehen und irgendwo bei einem Bauern einstehen.

Aber wenn er sich das überlegte, standen schon gleich wieder die Schwierigkeiten vor seinen Augen.

Wer nahm ihn, so wie er war, ohne rechte Kenntnisse, und wer glaubte ihm, daß es ihm Ernst sei mit der Arbeit?

Sein eigener Bruder verhöhnte ihn ja damit und machte sich lustig über den lateinischen Knecht, der keine Sense und keine Gabel richtig in die Hand nahm. Es war ja auch bloß eine halbe Sache, so wie er es jetzt trieb; er tändelte mit der Arbeit und ging den andern im Weg um.

Eine so bleierne Müdigkeit kam über ihn, daß er die Gabel wegwerfen und heimgehen wollte.

Drüben am Weg kam gerade der Zotzen-Peter vom Ackern heim.

Der Kaspar pfiff ihm und ging langsam zu ihm hinüber; er gab ihm den Auftrag, mit dem Mistbreiten weiter zu machen, und trieb selber die Ochsen heim.

Der Peter griff flink zu und kam bald dem Michel näher.

»Nimm net so vui auf d' Gabel und gib eahm grad an Schlenzer. Siehgst a so . . .« sagte er.

»Du ko'st as halt bessa . . .«

»Dös lernt si leicht . . . so jetza . . . feit dir was?«

»Mir? Na . . .«

»Weil's d' a G'sicht machst, als wann dir d' Henna 's Brot g'stohl'n hätt'n. Hoscht am End gar Zeitlang auf Freising?«

»G'wiß net.«

»Dös moanat i halt aa. Paß no auf, im Winta bal'st dableibst, mach ma's ins luschti . . .«

»Ja, dös hab i grad voring g'sehg'n, wia lustig dös wer'n kunnt.«

»Hoscht d' mit'n Kaschbar was g'habt?«

»Der hat ma's jetzt scho vorg'worfen, daß i no dahoam bin . . .«

»Ja, i kenn an scho; dös is a müahsama Deifi, a müahsama. Grad bengs'n und knauz'n an ganzen Tag. Aba auf den pass'n ja mir gar it auf, vastehst. Z'weg'n dem brauchst de Trentsch'n net hänga lass'n . . .«

»Mi freut überhaupt nix mehr . . .«

»Hö . . . hö! Gar so weit werd's do scho net g'fehlt sei. Laß da sag'n, mit da Eitel-Nanni han i scho g'redt; ihr is scho recht, hat s' g'sagt, bal mir ummi kemma, und dös han i ausg'macht, i stell an Strohbusch'n auf bei da Bruck'n hiebei, und durch dös woaß sie, daß mir kemman, und sperrt an Hund in Stall. Probier'n ma's de nachst'n Tag?«

»Na, Peta . . .«

»Warum denn net?«

»Mi g'freut's net. I bin amal net aufg'legt dazua.«

»Geh weita! A lebfrischa Mensch muaß do allaweil aufg'legt sei . . .«

»I ko mi net zwinga, und i hab meine Gründ; i sag dir's scho amal . . .«

»Na geh'n i alloa ummi, sinscht kennt si ja d' Nanni gar it aus . . .«

»Geh no . . .«

Der Peter wandte sich ab und brummte vor sich hin.

Es war halt doch so, daß der Pfarrer dem Michel die Schneid abgekauft hatte, denn seit der Zeit brachte er immer Ausreden vor, wenn er ihn zu einem Besuch in die Nachbarschaft überreden wollte.

Es war aber ein bissel anders.

Die ernsten Ermahnungen des geistlichen Herrn hatten nicht so viel Kraft gehabt wie die bösen und guten Worte der Stasi, die gerade an diesem Tag wieder mit ihm zusammen treffen wollte an der Lukasleiten, und die ihm gesagt hatte, daß sie ihn nie mehr, aber durchaus nie mehr anschauen möchte, wann er noch einmal zu so einem schlechten Weibsbild ans Fenster ginge.

Und die Freundschaft eines saubern Mädels, das Gehorsam und Treue zu belohnen weiß, ist allemal stärker wie die beste Kameradschaft.

Der Zotzen-Peter hätte es leicht herausbringen können, was seinem Einfluß so entgegen wirkte, wenn er dem Michel nachgegangen wäre, der sich nach der Heimkunft aus dem Hause schlich und, so rasch er konnte, zur Lukasleite hinübereilte.

Er stellte sich am Waldrande hinter einen Baum und brauchte nicht lange zu warten, so kam ein Frauenzimmer mit rüstigen Schritten die Anhöhe herunter.

Es war die Stasi, die einen kleinen Korb trug, für eine Ausrede, wenn sie daheim wer gesehen und gefragt hätte. Es war ihr aber gelungen, unbemerkt zu entkommen, und sie begrüßte jetzt den Michel mit freundlichem Lachen.

»I ko fei gar it lang bleib'n. S' letztmal hat mi d' Muatta scho g'fragt, wo i g'wen bi, und i hab g'sagt, i hätt grad no a weng Tannazapf'n klaabt. Aber allemal glaabt s' mir's net.«

»Jetzt bleib nur a weng. Wer woaß, wia oft mir no z'sammkomma . . .«

»Warum? Gehst du furt?«

»I woaß net . . .« antwortete er zögernd.

»Nach Weihenstephan?«

»M . . . mei . . . mit dem werd's a so nix, und dahoam kann i a net bleib'n . . .«

»Was hast denn, Michi?«

»Schlecht geht's ma . . . So ver . . . so verleidt is mir all's, daß i gar it woaß, was i o'fanga soll . . .«

»Ah geh . . . jetzt woanst d' gar . . . wer werd denn woana? Bal'st it aufhörst, na muaß i ja selm o'fanga . . .«

Das gute Zureden des Mädels stimmte den Michel noch weichmütiger; die Tränen liefen ihm die Backen herunter, und wie sie immer reichlicher kamen, zog er sein Sacktuch heraus und wischte und wischte, und dabei stieß es ihn, und alle Bitterkeit und Hilflosigkeit der letzten Wochen brachten ihn zu einem fassungslosen Weinen.

»Ja geh . . . ja Bua . . . da ko mi ja gar it anders . . .«

Die brave Stasi setzte den Korb zur Erde und schluchzte und schnupfte auf, und dabei fuhr sie mit der Hand dem langen Burschen liebkosend übers Haar.

»Sag ma's halt, was dir feit. Schau, muaßt it so woana . . .«

»Bei ins is gar nix mehr, Stasi . . .«

»Tean deine Leut recht schiach, weil's mit da Schtudi nix mehr is?«

»N . . . na, net amal. I bin . . . i bin no gar it z'red'n kemma über dös, aber all's is bei ins ausanand, und . . . und i woaß grad, daß i für gar nix bin und de andern bloß im Weg umgeh . . .«

»Aba schau, bal's d' auf Weihenstephan kimmst, wia 's d' g'sagt hast, und bal's d' nacha Verwalta werst . . .«

»Ja, wenn . . .«

Er faßte sich ein wenig und trocknete sich die Tränen ab.

»I glaab nimma, daß was draus werd . . .«

»Warum denn net?«

»Dir derf i's ja sag'n, Stasi; bei uns muaß was net in Richtigkeit sei; da Vata redt nix und deut't nix und fahrt allbot nach Dachau, und d' Muatta geht voller Kümmerniß dahoam umanand. I glaab, daß er in d' Schulden eini kemma is, und daß er si nimma z' helfa woaß. Und durch dös is halt mit Weihenstephan aa nix mehr . . .«

»Wer woaß! Vielleicht geht's wieder umma . . .«

»Na, da hab i gar koa Hoffnung . . .«

»Aber de alt Loni hat's dir do versproch'n . . .«

»Ja, wenn s' no a Testament mach'n hätt kinna . . .«

»Na, so an Unglück . . .«

Der Michel sah schweigend auf den Boden. Aber warum sollte er dem guten Mädel nicht alles sagen, was er auf dem Herzen hatte?

»Siehgst, da is aa da Vata schuld. I hab's dahoam gar net verzähl'n mög'n, was i in Dachau drin derfragt hab . . .«

»Was is na dös?«

»Selbig'smal hätt mi d' Muatta nach Dachau einig'schickt, und es waar aa no Zeit g'wen. Aber da hat er mi net weg lassen und is selber eini g'fahr'n, und in Dachau drin is er in's Saufen kemma und hat an Notari verpaßt, und dahoam hat er nix g'sagt davo, und na war's z' spaat.«

»Jessas! Ja wia'r a si no net Sünden fercht! Und durch dös hast du 's Geld verlor'n?«

»Ja . . . und jetzt schimpft er mi no, daß i dahoam hock . . .«

»Ja so was! Da tat i's eahm aba sag'n . . .«

»Was helft dös? Da gibt's bloß a Schimpferei . . . und na sagt er mir höchstens, daß i eahm so viel kost hab . . .«

»Du host ja net woll'n . . .«

»Vo dem redt jetzt neamd mehr. Na, es is scho a so, Stasi, i woaß ma nimma z' rat'n . . .«

»Werst d' sehg'n, es geht bessa, wia's d' moanst. De paar Jahr kimmst d' scho auf Weihenstephan . . .«

Er schüttelte den Kopf.

»Na, i glaab nix mehr. I muaß no umanand betteln, daß mi a Bauer als Knecht nimmt . . .«

»Du muaßt jetzt net glei an Muat valier'n. Bal's d' as dein Vata richti vorstellst, nacha ko er ja gar it anders . . .«

»I hab dir ja g'sagt, i glaab nimma, daß er ko, wann er will . . .«

»Dös woaß mi do net . . .«

Michel seufzte tief auf.

»Und bal i als Knechtl wo unterschliaf, schaugst mi du aa nimma o . . .«

»Geh, wer werd denn so was sag'n! Warum nacha net?«

»Weil mi ja do a jeda über d' Achsel o'schaugt, und überhaupts, wer woaß, wo i hi kimm. Da umanand nimmt mi neamd . . .«

»Über dös tat i mi jetzt net so viel bekümmern. Du werst sehg'n, es geht no all's bessa außi. Und bal's d' na firti bist mit dera Schul und bal's d' na Verwalter werst, wer woaß, ob du mi nacha no o'schaugst . . .«

»Jo, Stasi . . .«

»Dös sagst d' halt a so . . .«

»Na, g'wiß is wahr. I denk ja so bloß desz'weg'n so viel dro, weil i an dös ander aa denk . . .«

»An was nacha?«

»A so halt, schau . . . I stell mir dös a so für, wann i an Post'n kriagat, und nacha kannt's am End do was wer'n . . .«

Die Stasi wußte schon, was, aber es war so viel schön, es zu hören, daß sie weiterfragte.

»Was kunnt was wer'n?«

»Du woaßt as scho . . .«

»Na . . .«

»No ja, i moan halt, i und du . . .«

»Ah, du derbleckst mi ja grad . . .«

»G'wiß net, Stasi. Dös waar mir dös allerliaba . . .«

»Ja, und bal's d' an recht an schön Post'n hätt'st, passet it am End gar it hi . . .«

»Du passetst überall'n hi. Wenn nur i so weit waar und grad a weng an Aussicht hätt . . .«

Die Aussicht redete ihm nun Stasi ein, und wie sie eng beieinander auf einem Baumstumpf saßen, erschien dem Michel eine gute Zukunft möglich und wahrscheinlich und zuletzt noch ganz gewiß.

»Bst! Da kimmt wer,« flüsterte das Mädel nach einer guten Weile.

Schwere Schritte kamen auf dem Fußsteig heran; die beiden verhielten sich still, da sie nur ein kleines Gebüsch davon trennte.

In der Dämmerung erkannten sie den Mann, der achtlos an ihnen vorbeiging und halblaute Worte vor sich hinsprach.

»Da Vata . . .« flüsterte Michel. »Wo kimmt denn der her?«

»I glaab, er war bei ins drob'n.«

»Bei enk?«

»Ja, wia'r i voring von dahoam weg bin, hab i g'moant, daß i'n vorn an der Haustür g'sehg'n hab. I hab aba ganz vergessen, daß i dir's g'sagt hätt

Sie vergaßen auch jetzt wieder darauf über dem, was ihnen wichtiger war.

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