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Der rote Napoleon

Floyd Phillips Gibbons: Der rote Napoleon - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFloyd Gibbons
titleDer rote Napoleon
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1930
printrun1. - 5. Tausend
translatorFranz Fein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190129
projectid2609b641
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6

»KARAKHAN FORDERT U.S.A. AUF, ROT ZU WERDEN.«

Diese Überschrift trugen Dutzende amerikanischer Zeitungen auf ihrer ersten Seite, als das offizielle Communiqué über die sensationelle Einladung ausgegeben wurde, welche die Paneurasische Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken an die Vereinigten Staaten und an die Nationen Süd- und Zentralamerikas ergehen ließ.

Die gleiche Überschriftzeile, die telephotographisch übermittelt worden war, prangte auf den ersten Seiten der Londoner Abendblätter vom 25. August 1933.

Ich bekam die Zeitungen, während ich mit Speed Binney und Margot Denison im Büro der Tribune in der Fleet Street am Radio saß, das auf W E A F, New York, eingestellt war. Über den Ozean kam die Stimme meines Freundes David Lawrence, des politischen Ansagers, der von Washington sprach:

»Die Aufregung in der Hauptstadt ist heute vormittag noch größer als in den bedeutsamen Tagen des April 1917, als Amerika in den Weltkrieg eingriff.

Ungeheuere Menschenmengen stauen sich vor dem Washingtoner Postgebäude.

In den Straßen stehen Tausende von Menschen vor dem weißen Marmorpalais der Panamerikanischen Union, obwohl die von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten einberufene Spezialkonferenz der panamerikanischen Delegierten bereits um Mitternacht zu Ende war.

Doktor L. S. Rowe, der Präsident der Union, schilderte mir den Verlauf der Sitzung. Jede der einundzwanzig amerikanischen Mitgliedsrepubliken war durch ihren Gesandten oder Botschafter vertreten, nur Nicaragua nicht, dessen Botschafter jetzt in seinem Vaterlande ist, um an der Unterdrückung der Sandino-Revolution mitzuarbeiten.

Staatssekretär Conger Reynolds eröffnete die Konferenz mit Worten des Bedauerns für die Tatsache, daß seit der Gründung der Union im Jahre 1889 den Delegierten an diesem Abend zum erstenmal ein politisches Problem vorgelegt werde.

Dann sprach er seine Überzeugung aus, daß der Vorschlag, den die Regierungen der westlichen Hemisphäre den Unionsmitgliedern jetzt unterbreiten, ein gemeinsames Beraten, wenn nicht gemeinsames Handeln von Seiten der Mitgliedsvölker erfordere.

Hierauf sprach Sekretär Reynolds von der Situation, in welcher die Vereinigten Staaten sich bezüglich Karakhans Einladung, der Roten Union beizutreten, befinde. Die Regierung der Vereinigten Staaten habe achtungsvoll abgelehnt.

Dieser Ankündigung folgte eine dreistündige Debatte, welche dazu führte, daß alle Delegierten sich einstimmig dafür aussprachen, Instruktionen von ihren Ländern abzuwarten.

Obwohl es heftig regnete, drängten sich große Massen um das Panamerika-Gebäude, als die Diplomaten in ihren Automobilen die Konferenz verließen.

Die Aufnahme, die Karakhans Vorschlag in Amerika findet, spiegelt sich am besten wider in den von den heutigen Washingtoner Morgenblättern gebrachten Zeichnungen, in denen der rote Napoleon als grausames, lauerndes, boshaftes, überaus bösartiges Geschöpf dargestellt ist, mit roten, bluttriefenden Händen, die sich über den Atlantik Onkel Sam und den symbolischen Figuren der anderen amerikanischen Völker entgegenstrecken und sie dazu einladen, gleichfalls zu den Schädelbergen unter den aufsteigenden Rauchwolken und Flammensäulen zu kommen, welche über der Zerstörung, Hungersnot und Pestilenz liegen, die die revolutionären Kontinente Europa, Afrika und Asien darstellen.

Die Leitartikel der amerikanischen Presse bringen bittere Anklagen gegen die gelbe Herrschaft über die weiße Rasse, und wieder wird vor der gelben Gefahr gewarnt.«

Obgleich Karakhans Vorschlag den politischen, wirtschaftlichen, sozialen und Rasse-Idealen Amerikas ins Gesicht schlug und auch allgemein so bezeichnet wurde, wußten spätere Ausgaben der Londoner Blätter am gleichen Tage zu berichten, daß die rote Einladung an manchen Stellen Amerikas ernsthaft in Erwägung gezogen werde.

Die Depeschen aus New York erzählten von einem ernsthaften Zusammenstoß auf dem Union Square, wo Anhänger William Z. Fosters, Benjamin Gitlows und anderer amerikanischer Kommunisten in Straßenreden Amerikas Beitritt zur Roten Union zu fordern suchten. Im Verlauf der sofort einsetzenden Unruhen wurden zwei Konfektionsarbeiterinnen zu Tode getrampelt.

Auf Washingtons Weigerung war man in London gefaßt gewesen, aber die Einmütigkeit, mit der die anderen Mitgliedsstaaten der Panamerikanischen Union den gleichen politischen Kurs einschlugen, überraschte allgemein. Die panamerikanische Einigkeit war ein Zeichen von Stärke.

An dem Tag, an dem die Antworten eintrafen, sah ich Karakhan. Unser langes Zusammensein während seines furchtbaren Siegeszuges durch Europa hatte eine sonderbare Vertraulichkeit zwischen uns entwickelt, der es aber von meiner Seite durchaus nicht an Respekt fehlte. Die forschenden Augen in dem gelben Gesicht studierten meine Miene.

Es fiel mir schwer, zu glauben, daß dieser große, magere, gelassene Mann, der eben dreiunddreißig Jahre alt geworden war, in nicht ganz einem Jahr Europa, Asien, Afrika und Australien unter seine Diktatur gebracht hatte.

Von der annähernd zwei Milliarden Menschen zählenden Bevölkerung der Erde standen mehr als drei Viertel unter seiner Herrschaft.

Die Eroberungen Hannibals, Cäsars, Alexanders, Philipps und Napoleons waren weit in den Schatten gestellt.

»Ihr Amerikaner werdet eines Tages zu mir kommen müssen«, sagte er ruhig, mir in die Augen blickend. »Wenn nicht jetzt – dann etwas später. Darauf kommt es nicht an. Es gibt nur eine Rasse, die Menschenrasse.«

Als ich ihn fragte, ob die Weigerung Amerikas ihn überrascht hätte, antwortete er:

»Nein. Es ist so, wie ich erwartet habe, und paßt in meine Pläne.«

Genau entgegengesetzt war die Haltung der gesamten Presse in den kommunistischen Erdteilen Europa, Asien und Afrika. Der Allrote Pressedienst veröffentlichte eine Sammlung der in den Londoner, Wiener, Berliner, Pariser und Moskauer Leitartikeln ausgesprochenen Ansichten, die ich noch in der gleichen Nacht an meine amerikanischen Zeitungen weitergab. Die wichtigsten zitierten Stellen waren folgende:

 

»Wir von der Alten Welt haben den arbeitenden Millionen Amerikas die Hand zu Frieden und Kameradschaft gereicht, und der Erfolg war, daß unser Angebot von den wahnwitzigen Geldbaronen und Sklaventreibern der westlichen Hemisphäre mit Hohn zurückgewiesen wurde.« – L'humanité, Paris.

»Die Wirtschaftskräfte einer Milliarde fünfhundert Millionen Arbeiter in Europa, Asien und Afrika werden als Erwiderung auf die unverschämten Antworten des amerikanischen Kapitalismus genügen. Die organisierte industrielle Produktion, die Rohmaterialien, der Handel und das internationale Transportwesen können nicht ignoriert werden.« – Der Vorwärts, Berlin.

»Nikolaj Lenins Leichnam liegt geehrt in Moskau, aber sein Geist ist auf dem Marsche. Amerika kann ihn nicht aufhalten.« – Iswestija, Moskau.

 

»Die Dollargottheiten auf ihren feudalen kalifornischen Gütern verschließen ihre Augen vor der Morgenröte des Tages, an dem die sonnigen Hänge und fruchtbaren Täler der Sierra Madres das Heim von Millionen sein werden, die jetzt landlos sind.« – Jiji Schimpo, Tokio.

»Die Verbohrtheit Amerikas kann die kämpfenden, eingepferchten, zusammengedrängten Massen Europas und Asiens nur dazu bringen, daß sie nach Ausdehnung verlangen – daß sie die Mauern der Habsucht und des Egoismus niederreißen und an der Schönheit und Geräumigkeit der Welt ihren Anteil suchen. Es geht um das Recht der Menschheit.« – Il Avanti, Mailand.

 

Der Ton des Londoner Daily Herald war im Gegensatz zu seiner kommunistischen Politik unverhohlen jingoistisch:

 

»Die Welt hat genug von der Yankeearroganz. Dieser Arroganz steht ein furchtbares Ende bevor.«

»Die Rote Marine ist weitaus die größte der Welt.«

»Die Rote Luftflotte ist den vereinigten Luftstreitkräften der westlichen Hemisphäre bei weitem überlegen.«

»Die Rote Armee hat überall in der Welt Fuß gefaßt und ist das mächtigste, unwiderstehlichste Heer, das jemals unter Waffen stand.«

»Karakhan, unser Onkelchen, ist der größte militärische Führer und der genialste Organisator, den die Welt jemals gesehen hat.«

»Heute geht die Sonne über den Ländern der roten Flagge niemals unter.«

»Das sind Wahrheiten, die in ›Gottes Vaterland‹ sehr beachtet werden sollten – im Vaterland des Dollargottes.«

 

»Das ist ja ein richtiges Zeitungsbombardement«, sagte Margot, als sie mit dem Abschreiben der Auszüge fertig war. »Alle diese Blätter sind Propagandaorgane, die unter der Leitung der roten Union stehen. Sie drucken, was Karakhan anordnet. Ich glaube nicht, daß diese Ansichten die Gefühle der Völker ausdrücken.«

»Vielleicht denken die Massen jetzt noch nicht so«, meinte Speed, »aber bald werden sie es tun. Dieses Bewerfen mit Dreck ist erst der Anfang der antiamerikanischen Kampagne.«

Speed hatte recht. Der Presse- und Radiofeldzug gegen Amerika setzte augenblicklich ein. Als ich Whit Dodge einige Tage später im Amerikanischen Klub in Piccadilly traf, war er ganz entsetzt.

»Die Haßmacher sind an der Arbeit«, sagte er. »Ich habe eben die Beschimpfungen, die von allen Seiten auf uns einhageln, zusammengestellt. Die russischen Roten werden daran erinnert, daß Millionen Amerikaner Denikin, Wrangel und Koltschak gegen Lenin und Trotzki unterstützt haben. Sie werden an die amerikanische Armee erinnert, die südlich von Archangelsk gegen das rote Rußland gekämpft hat, und an das amerikanische Expeditionskorps, das 1918 und 1919 in Sibirien war.

In Berlin erhebt sich ein Geschrei gegen die ›Yankee-Falschheit‹ in Wilsons berühmten vierzehn Punkten.

Die französischen Kommunisten haben die Rede wieder auf die peinlichen französischen Schulden an Amerika gebracht.

Mailand, Rom und Neapel sprechen wieder vom Sacco-Vanzetti-Fall und schimpfen über die Härten auf Ellis Island.

In ganz Afrika wird den Negern erzählt, daß die Amerikaner Barbaren sind, und daß unser Nationalsport das Lynchen ist.

Presseausschnitte aus Asien zeigen, daß man die Millionen des übervölkerten Japans und Chinas täglich daran erinnert, daß die Regierung der Vereinigten Staaten alle farbigen Völker als minderwertig bezeichnet und zur Einwanderung in Amerika nicht zugelassen hat.

Alle Gefühle – Stolz, Haß, Liebe, Habsucht – werden angerufen, um die Mißgunst gegen Onkel Sam zu schüren.«

Einige Tage später wurde von den Fenstern des Lesezimmers einer amerikanischen Zeitung am Trafalgar Square eine Bombe auf Karakhans Automobil geschleudert. Elf Zivilisten und vier Soldaten kamen bei der Explosion um, der Wagen wurde zertrümmert, und der rote Napoleon, der von Stahlsplittern Schädelverletzungen davontrug, verlor das Bewußtsein.

Giulio Vincenzo, Mussolinis Kammerdiener, der bei dem Attentat in Udine an der Seite des italienischen Führers gestanden hatte, wurde verhaftet und bekannte sich zu dem Verbrechen. Er erklärte voll Stolz, er habe die Bombe geworfen, um den Tod des »größten Mannes der Jetztzeit« zu rächen, und sagte, er hoffe Karakhan getötet und die Welt von »dem roten Kommunismus und dem gelben Joch« befreit zu haben.

Vincenzo behauptete wohl, völlig auf eigene Faust gehandelt zu haben, gab aber zu, nach der Besetzung Roms durch die Roten von Italien nach Amerika geflogen zu sein und dann im italienischen Viertel New Yorks gewohnt zu haben, bis er vor einem Monat nach England abreiste.

Diese Tatsache genügte der Presse der Roten Union, um ausnahmslos die Verantwortung für den Mordversuch Amerika aufzubürden. Onkel Sam wurde angeklagt, unter den europäischen Flüchtlingen und Ausgewanderten gefährliche Elemente zu beherbergen, die sich mit konterrevolutionären Verschwörungen und weißen Intriguen beschäftigen.

Das Auswärtige Amt der Vereinigten Staaten stellte diese Behauptungen sofort in Abrede und drückte sein Bedauern über das schändliche Attentat aus. Der amerikanische Gesandte in London gratulierte Karakhan persönlich zu seiner Rettung.

Karakhans Verwundung war leicht, aber um die Massen zu beruhigen, zeigte er sich auf einem Balkon des Buckingham Palastes der Öffentlichkeit. Eine weiße Bandage bedeckte zur Hälfte die gelbe Stirn des roten Napoleons; groß, schlank und aufrecht stand er in seinem eng anliegenden Khakiwaffenrock da und nahm die donnernden Hurrarufe der unten versammelten Volksmengen entgegen.

Kein Lächeln zeigte sich auf seiner ernsten, fast finsteren Miene. Er nahm den Beifall hin, wie Mussolini es getan hatte – in der Überzeugung, ihn zu verdienen.

Bald wurden die infolge des Attentats schon sehr gespannten Beziehungen zwischen der Roten Union und den Vereinigten Staaten noch heftiger erschüttert.

In der Nacht des 19. November 1932 dampfte der 6000-Tonnen-Frachtdampfer Sandino, der die Flagge Nicaraguas zeigte, langsam in die Fahrstraße, die vom Stillen Ozean zum Panamakanal führt. Wie es den Gepflogenheiten entsprach, hielt er vor Flamenco Island an, wo das Lotsenboot bei ihm anlegte, das außer dem Lotsen die Zollwächter, Inspektoren und Beamten der Kanalzone an Bord brachte.

Der amerikanische Lotse übernahm das Ruder, während der Kanaloffizier in die Kapitänskajüte hinunterging, um die Schiffspapiere zu prüfen. Der Inspektor und die Wächter versahen ihren Dienst, während das Schiff, wie es üblich war, Kurs auf die Signalstation beim Eingang des Kanals nahm.

Was sich an Bord des Dampfers ereignete, wird stets ein Rätsel bleiben, weil von der etwa fünfzig Mann starken Besatzung des Schiffes und den vierzehn vom Lotsenboot auf das Schiff gebrachten Amerikanern nicht eine Seele am Leben blieb.

Die Sandino näherte sich der Signalstation auf zwei Meilen, ohne die übliche Verbindung durch Blinklicht zwischen den amerikanischen Signalgasten, die sie an Bord genommen hatte, und dem wartenden Offizier der Signalstation herzustellen. Die Station forderte die Sandino durch Signal auf, das Losungswort zu geben.

Keine Antwort kam vom Schiff, das mit gesteigerter Geschwindigkeit auf die Kanalmündung zufuhr. Dann forderte die Station die Sandino auf, augenblicklich beizudrehen. Immer noch keine Antwort von dem näher kommenden Schiff. Es stand ganz außer Zweifel, daß seine Fahrtgeschwindigkeit gesteigert wurde. Das nächste Blinksignal der Station lautete:

»Sofort vor Anker gehen, oder wir eröffnen Feuer.«

Gleichzeitig wurde in der ganzen Zone Alarm gegeben, und die Geschütze auf Guinea Point, Farfan Point und den Höhen von Cerro San Juan wurden bemannt.

Die Sandino setzte, ohne die Signale zu beachten, ihre Fahrt fort.

Am Rand des Wassers bei Guinea Point blitzte es auf, und eine dreizöllige Granate fuhr durch die Takelage des Dampfers. Leuchtraketen, die an kleinen Fallschirmen hingen, hüllten den Kanal in kalkweißes Licht.

In diesem Licht sah man, daß auf dem Verdeck des Dampfers Männer miteinander kämpften, und auch einige Pistolenschüsse wurden gehört.

Die zwanzig Geschütze des Kanalschutzes, die in den vorhergehenden fünf Minuten auf die Sandino gerichtet worden waren, gaben eine Salve ab. Die Granaten, die ihr Ziel erreichten, verursachten eine entsetzliche Explosion.

Die Sandino, die bisher ein dunkler Fleck auf dem Wasser gewesen war, verwandelte sich in einen Vulkan und spie rote und gelbe Flammen aus, die den ganzen Himmel beleuchteten und auf der anderen Seite des Isthmos deutlich gesehen wurden.

Eine fürchterliche Detonation drückte die Fensterscheiben des Hotels in Panama City ein und zerstörte alle Navigationslichter in einem Umkreis von acht Kilometern.

In den drei Minuten, die der Explosion folgten, regnete es Schiffstrümmer auf Guinea Point und Farfan Point. Augenblicklich traf der Kommandant der Zone seine Maßnahmen. Maskierte Geschütze, welche die Gebiete vor dem Kanal zu beiden Seiten des Isthmos bestrichen, wurden bemannt und gerichtet. Automobilisierte Infanterieeinheiten und Marinetruppen bezogen vorbereitete Stellungen an wichtigen Punkten bei den Pedro-Miguel-Schleusen, dem Culebra-Durchstich und den Gatun-Schleusen.

Armee- und Marineflugzeuge stiegen augenblicklich auf, und Torpedobootszerstörer fuhren mit qualmenden Schornsteinen unter Volldampf aus, um die Gebiete vor den Kanaleinfahrten zu rekognoszieren.

Zu Mittag des nächsten Tages hatte der Nachrichtendienst der Vereinigten Staaten festgestellt, daß die Sandino, obgleich sie die Flagge Nicaraguas zeigte, von der Liverpooler Hafenbaufirma Compton Thompson Ltd. gechartert war und vor vier Tagen aus Salina Cruz in Mexiko mit einer Ladung von Sisalhanf mit der Bestimmung Liverpool abgegangen war.

Als diese Tatsachen bekannt waren, begriff die amerikanische Öffentlichkeit sofort, daß die Sandino, sobald sie aus Salina Cruz ausgefahren war, ihre Ladung über Bord geworfen und drei- bis viertausend Tonnen Trinitrotoluol eingeschifft hatte, und daß es ihre Aufgabe gewesen war, mit dieser fürchterlichen Ladung den Panamakanal in die Luft zu sprengen und zu blockieren.

In Panama nahm man an, daß Lotse und Signalgasten sowie alle anderen Mitglieder der amerikanischen Behörde an Bord der Sandino überwältigt worden seien und unter Todesdrohungen dazu gezwungen werden sollten, die richtigen Antworten zu signalisieren und so dem Schiff die Einfahrt in den Kanal zu ermöglichen.

Dieser Versuch, den Kanal zu zerstören, rief in Amerika helle Empörung hervor. Washington erwartete die üblichen Versicherungen offizieller Mißbilligung und Entschuldigung aus London, sollte aber eine große Überraschung erleben.

Die Rote Union stellte das Vorhandensein von Explosivstoffen an Bord der Sandino in Abrede und forderte eine diplomatische Aufklärung über die Versenkung eines unbewaffneten Handelsschiffes und den Tod von zweiundzwanzig Bürgern der Roten Union. Das Vorgehen der Kanalbehörden wurde als »unverantwortlich« bezeichnet.

Während die Auswärtigen Ämter in Washington und London lange Kabeltelegramme austauschten, fuhr die Schlachtflotte der Vereinigten Staaten, die lange im Stillen Ozean stationiert gewesen war, durch den Panamakanal in das Karaibische Meer. Die Evakuierung des Flottenstützpunktes der Staaten in Pearl Harbour in Honolulu wurde ausgeführt, ohne daß die Welt erfuhr, was geschah. Erst als die vereinigten Streitkräfte der amerikanischen Marine mit sämtlichen Kriegsschiffen des Atlantischen und des Stillen Ozeans in einer Flotte vor dem Atlantikeingang des Kanals versammelt war, drang die Nachricht von dem Manöver an die Öffentlichkeit.

Auf die Proteste der Handelskammern und der Abgeordneten, welche die Staaten der pazifischen Küste repräsentierten, wurde von Washington mit inoffiziellen Verlautbarungen geantwortet, welche erklärten, daß die plötzliche Konzentrierung der Flotte im Atlantik notwendig sei, weil sich in dem gleichen Ozean eine überwältigend starke Streitmacht der Roten Flotte befinde, die aus der Gesamtheit der alten britischen Flotte, sämtlichen französischen und italienischen Seestreitkräften und der Hälfte der japanischen Flotte bestehe, die durch den Suezkanal nach dem Westen geschafft worden sei.

Sämtliche amerikanischen Zeitungen suchten der Öffentlichkeit klarzumachen, daß angesichts einer so furchtbar überlegenen fremden Flotte im Atlantik eine Zersplitterung der amerikanischen Seestreitkräfte eine unermeßliche Gefahr für das Land bedeuten würde.

Der nächste Schritt brachte auch die überzeugtesten Pazifisten Amerikas zum Schweigen.

Dem mexikanischen Gesandten in London wurde notifiziert, wenn der Magistrat von Salina Cruz die zehn Millionen Dollar, welche der Mexikanische Staat Oaxaca der Firma Compton Thompson Ltd. für ausgeführte Hafenbauten schulde, nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden an die rote Union, an die sämtliche Forderungen übergegangen seien, auszahle, werde die Paneurasische Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken in Salina Cruz Truppen landen und die Zollgewalt über den Hafen an sich reißen.

Als das Auswärtige Amt Amerikas von diesem Ultimatum an Mexiko erfuhr, verständigte es das Auswärtige Amt in London davon, daß die Vereinigten Staaten ein derartiges Vorgehen der Roten Union in Mexiko als einen Akt der Feindseligkeit, der sich gegen die Vereinigten Staaten richte, betrachten müßte. Die offizielle amerikanische Note wies darauf hin, daß jede Landung europäischer Truppen in Salina Cruz eine direkte Verletzung der anerkannten amerikanischen Politik, der »Monroe-Doktrin«, bedeute.

Washington schlug vor, das Vierundzwanzigstunden-Ultimatum an Mexiko solle zurückgezogen oder so modifiziert werden, daß eine Untersuchung mit dem Ziel eines Dreiparteien-Schiedsspruches über die Streitfrage ermöglicht werde, und stellte eine eventuelle Garantie der Vereinigten Staaten für die Einlösung der mexikanischen Schuld in Aussicht.

Karakhans inoffizielle Erwiderung war folgende:

»Was ist die Monroe-Doktrin?

Die Durchsuchung der Archive aller Auswärtigen Ämter in Europa, Asien und Afrika konnte nicht ein einziges Protokoll zutage bringen, nach welchem irgendeine der alten Nationen, welche jetzt der Roten Union angehören, eine Politik anerkannt hätte, durch welche diese Nationen gezwungen wären, auf ihr Recht, die Interessen ihrer Bürger zu schützen, gegenüber irgendeinem Land der Welt zu verzichten.

Ebenso hat das Auswärtige Amt der Roten Union keine Kenntnis davon, daß die sogenannte amerikanische Monroe-Doktrin von irgendeinem Land oder irgendeiner Nation Zentral- oder Südamerikas anerkannt worden wäre.

Die Rote Union erkennt sie also nicht an.«

Das war Krieg.

Attachés und Sekretäre verschlossen ihre Schreibtischschubladen, zerstörten Register und packten ihre Koffer, als ich in die amerikanische Botschaft am Grosvenor Square kam. Ich konnte einen Augenblick mit dem Marineattaché, Commander Dawson, sprechen, der mir im Vertrauen erklärte, daß der Zweck der roten Landungsdrohung in Salina Cruz derselbe sei, den die Sandino hätte erreichen sollen, wenn sie nicht vor dem Panamakanal in die Luft gesprengt worden wäre. Er erklärte mir, daß die Salina-Cruz-Expedition unternommen werde, um einen Teil der amerikanischen Flotte in den Stillen Ozean zurückzulocken.

Wenn das die Absicht der Flottenberater Karakhans gewesen war, so scheiterte sie, denn die Flotte der Vereinigten Staaten blieb als Einheit in den Gewässern des Atlantik, wo sie sich der größten Seestreitkraft gegenübersah, die es jemals gegeben hat.

Ich saß im Tribune-Büro in der Fleet Street und hatte meinen Artikel über den unvermeidlichen Ausbruch der Feindseligkeiten nahezu zu Ende geschrieben, als Speed Binney und Whit Dodge in das Zimmer stürzten. Wer von beiden die Frage zuerst aussprach, weiß ich nicht mehr, vielleicht haben auch beide gleichzeitig gesprochen.

»Wo ist Margot?«

Margot Denison war seit dem Morgen nicht gesehen worden.

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