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Der rote Napoleon

Floyd Phillips Gibbons: Der rote Napoleon - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFloyd Gibbons
titleDer rote Napoleon
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1930
printrun1. - 5. Tausend
translatorFranz Fein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190129
projectid2609b641
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Am 2. Januar 1932 betrat Karakhan polnischen Boden. Die Eroberung Europas durch die Roten hatte begonnen.

Mein erster Kriegsbericht an meine Zeitungen über die Eröffnung der Feindseligkeiten lautete folgendermaßen:

 

DRINGEND PRESSE

MINSK RUSSLAND 2 JANUAR 1932
(FLOYD GIBBONS)
ZWOELF UHR MITTAGS

TRIBUNE CHICAGO

RUSSISCHER EINMARSCH IN POLEN HEUTE BEI TAGESANBRUCH UNTER PERSOENLICHEM KOMMANDO KARAKHANS BEGONNEN STOP ROTE TRUPPEN SIND IN ANNAEHERND SECHSHUNDERTFUENFZIG KILOMETER LANGER FRONT NACH UEBERSCHREITUNG DER GRENZE FUENFZEHN BIS DREISSIG KILOMETER IN POLNISCHEM TERRITORIUM VORGERUECKT STOP FRONT ERSTRECKT SICH IN NORDSUEDLICHER RICHTUNG VON MINSK BIS KAMENEZ-PODOLJSK STOP POLNISCHER WIDERSTAND ZUSAMMENGEBROCHEN STOP HABE SOEBEN ROTEN OBERBEFEHLSHABER INTERVIEWT STOP ER SAGTE ANFUEHRUNGSZEICHEN UNSERE LINIEN RUECKEN PLANMAESSIG VOR ANFUEHRUNGSZEICHEN GENAUERES FOLGT STOP BINNEY FLIEGT MIT BERICHT TELEGRAPHENAMT RIGA

GIBBONS

 

Das von Speed Binney geführte Meldeflugzeug der »Tribune« machte einen imposanten Eindruck, als es vom Flugfeld in Minsk abging. Mein junger Pilot hatte beide Seiten, den Boden und den Oberteil des Rumpfes mit den amerikanischen Farben bemalt, und die beiden Seiten der Tragflächen trugen ein großes rotes C in einem grünen quadratischen Feld. Es war im Grunde nichts anderes als das Abzeichen auf den Binden, die Binney und ich am linken Ärmel unserer Uniformjacken trugen, um offiziell als zugelassene Kriegskorrespondenten und Nichtkombattanten gekennzeichnet zu sein.

Während der Nacht hatte Karakhans Hauptquartier in Homel gelegen. Aber kurz nach Mitternacht brach er mit einer Anzahl von Stabsoffizieren in einem Flugzeug zur Front auf.

Oberst Boyar, Binney und ich begleiteten die Staffel des Oberbefehlshabers, die zu beiden Seiten von Kampfflugzeugen flankiert war, in unserem Breguet-Apparat.

»Die Eröffnung der Feindseligkeiten um diese Jahreszeit widerspricht allen meinen Kriegserfahrungen«, sagte ich zu Boyar. »Schnee, Eis und Kälte werden es den Truppen nicht leicht machen. Das Ganze erscheint mir sehr riskant. Es ist noch plötzlicher gekommen als der Weltkrieg. Keine Verhandlungen, keine Fristen, keine Präliminarien, kein Ultimatum. Frühling oder Sommer eignen sich besser für eine Kriegseröffnung.«

»Sie reden wie ein polnischer General«, antwortete Boyar lachend. »Wenigstens sind wir überzeugt, daß der polnische Generalstab so denkt wie Sie. Das ist der springende Punkt in Karakhans Plänen, Plötzlichkeit des Angriffs, Beweglichkeit der Truppen, Elastizität der Organisation. Verlassen Sie sich darauf, daß Onkelchen es anders macht als die anderen.

Pilsudsky ist ein Greis, und im ganzen polnischen Generalstab gibt es kaum einen Mann, der weniger als sechzig Jahre alt ist. Sie alle konnten sich nicht vorstellen, daß ein Krieg um diese Jahreszeit beginnen kann.

Vergessen Sie nicht, daß Karakhan erst zweiunddreißig Jahre alt ist. Das ist der Kampf der Jugend gegen das Alter, und der Ausgang wird dementsprechend sein.

Und Kälte, Schnee und Eis – die Truppen, die heute unsere erste Linie bilden, sind die sibirischen Winter gewohnt. Die russisch-polnische Grenze wird für sie wie die Riviera sein.«

»Wir werden ja sehen«, unterbrach ich ihn, weil ich vor der Arbeit, die der Morgen bringen mußte, noch eine Stunde schlafen wollte. Er setzte sich neben Binney vor das beleuchtete Armaturenbrett, und wir flogen weiter durch die Nacht.

Spät setzte die klare Winterdämmerung über dem schneebedeckten flachen Lande ein.

Wir bewegten uns nach Norden zu, in der Richtung der vorrückenden Gefechtslinie. Große Gruppen russischer Kampfflieger passierten uns häufig mit westlichem Kurs, und in dieser Richtung beobachteten wir drei Kämpfe mit polnischen Luftstreitkräften. Die Russen waren den Polen drei- bis vierfach überlegen.

Tief unter uns schoben sich auf allen Straßen lange Truppenkolonnen vorwärts, und über die Felder und Wiesen ging Kavallerie vor, an manchen Stellen bis zum Sattel im Schnee. Auf den Straßen, die im Westen gerade noch sichtbar waren, konnten wir schwarze Rauchsäulen aufsteigen sehen, gelegentlich auch Explosionen von abgeworfenen Bomben hören.

Schließlich landeten wir auf einem weiten Feld in der Nähe eines Dorfes, das an einer Eisenbahnstrecke lag. Karakhans Flugzeug war einige Minuten vor uns angelangt, und als wir ausstiegen, begrüßte uns einer seiner Stabsoffiziere. Boyar übersetzte:

»Das ist die polnische Ortschaft Lakva. Wir halten an, um unseren Morgentee auf erobertem Boden zu trinken. Die russische Front hat sich seit der Dämmerung in westlicher Richtung vorgeschoben. Alles entspricht unserem Plan und Onkelchens Wünschen. Speed, geben Sie Ihren durstigen Motoren zu trinken, in zehn Minuten geht es weiter.«

Dann flogen wir wieder nach Norden, aber mit mehr westlich gehaltenem Kurs, an der Linken stets begleitet von einer nicht endenden Reihe von Rauchsäulen, die sich am Horizont in nordsüdlicher Richtung hinzog wie eine Allee übernatürlich hoher Bäume.

Kurz vor Mittag landeten wir in Minsk, dem Hauptquartier der Heeresgruppe, wo ich den eingangs zitierten Bericht schrieb. Als Binney abgeflogen war, brachte Boyar uns in einem Stabsflugzeug unter, in dem wir einen südlichen Kurs über den vorrückenden Linien einschlugen.

Die russische Westbewegung hatte sich längs der Eisenbahnen von Minsk, Lenino, Olewsk, Slavita, Buk und Kamenez-Podoljsk entwickelt. Hinter den Pioniertruppen, welche die Eisenbahn reparierten, marschierten die Trains vor. Berittene Abteilungen bewegten sich querfeldein. Die Reihen der Traktorschlitten auf allen von Osten kommenden Straßen schienen kein Ende zu nehmen. Von oben sah es aus wie die Auswanderung eines ganzen Landes nach dem Westen.

Am Spätnachmittag landeten wir in der eroberten polnischen Ortschaft Ostrog, die mit Moskau bereits telephonisch verbunden war. Boyar erklärte sich mit meinem zweiten Bericht einverstanden und verschaffte mir ein Gespräch mit meinem Moskauer Büro. Ich diktierte Margot Denison meinen Bericht.

Darin wies ich auf das Überraschungsmoment in Karakhans unvorhergesehenem Vorrücken auf so breiter Front hin und lobte die beweglichen Einheiten der polnischen Ulanen, die der sich vorwälzenden roten Welle heldenhaften, aber fruchtlosen Widerstand entgegensetzten. Ich erklärte, wie die rote Vorhut sich in aufgelösten Formationen über Felder und durch Wälder vorwärts bewegte und alle größeren Anhäufungen vermied, um der polnischen Artillerie keine ausgedehnten Ziele zu bieten.

Ich erzählte, wie überrascht die roten Korpskommandeure waren, als sie sahen, daß die Polen es verabsäumt hatten, vor wichtigen Stellungen Stacheldrahtverhaue aufzuführen, obgleich Tausende von Drahttrommeln bereitlagen.

Die kleine Republik Polen hatte sich seit 1919 auf die Verteidigung gegen das rote Rußland vorbereitet, und dennoch fand der plötzliche Vorstoß Karakhans sie völlig unvorbereitet.

»Ist Speed bei Ihnen?« fragte Margot, als ich mit dem Diktieren fertig war. Ich erzählte ihr, daß er auf dem Rückfluge von Riga begriffen sei, und fragte sie nach Whit Dodge.

»Der arme Kerl ist fürchterlich wütend«, antwortete sie mir. »Er hat noch immer Schwierigkeiten mit seinen Beglaubigungsschreiben. Man will ihn nicht an die Front lassen.«

Obgleich Whit eigentlich mein Konkurrent war, tat er mir leid. Aber meine Aufmerksamkeit war von wichtigeren Angelegenheiten in Anspruch genommen. Erst spät in der Nacht nach diesem ersten wichtigen Tag erfuhr ich von Rußlands erstem Alliierten in diesem Krieg.

Die kleine, tüchtige litauische Armee marschierte – in solcher Übereinstimmung mit den russischen Bewegungen, daß es den Anschein hatte, sie sei von Moskau dirigiert – in südlicher Richtung vor, um die ihnen von Pilsudsky im Jahre 1920 entrissene Hauptstadt Wilna zurückzuerobern.

Litauen, das Kind des Versailler Vertrags, das Spielzeug und Opfer des Völkerbundes, war auf dem Marsch, um das Unrecht zu sühnen, das sein polnischer Nachbar ihm zugefügt hatte.

Der schwache Pilsudsky rief die anderen Völker der kleinen Entente an: die Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien.

Auf Grund der Artikel des Verteidigungsbündnisses zwischen diesen vier Alliierten, hinter denen Frankreich stand, wurde in Bukarest, Prag und Belgrad augenblicklich mobilisiert.

»Hier habe ich die letzten Nachrichten der feindlichen Funktelegraphie«, verkündete Boyar mit einem Blatt Papier in der Hand. »Der Rat der kleinen Entente ist in Prag zusammengetreten und erklärt, mit Polen gemeinsame Sache zu machen. Jetzt werden wir etwas Lustiges erleben. Das europäische Kartenhaus beginnt zu wanken.«

Ich meldete sofort ein Ferngespräch nach Moskau an und gab die Information weiter.

Margot erzählte mir am Telephon: »In Moskau finden wilde Kriegsdemonstrationen statt. Große Massen marschieren durch die Straßen, singen die Internationale und tragen riesige Bilder Karakhans mit sich. Die Mobilisierung der kleinen Entente wird als weiterer Beweis für die Feindschaft des kapitalistischen Europas gegen Rußland betrachtet.«

Ich hängte den Hörer auf und wandte mich zu Boyar um.

»Was nun?«

»Ihr Flugzeug ist hier.« (Wir waren in der eroberten polnischen Ortschaft Tarnopol.) »Wir fliegen sofort mit dem Oberbefehlshaber nach dem Süden. Sie werden sehen.«

Am nächsten Tag, dem 4. Januar, folgten wir Karakhans Flugstaffel und bewegten uns längs der Linien am Dnjestr von Kamenez-Podoljsk nach Odessa hinunter und wieder herauf. Die Antwort des gelben Führers auf das Erscheinen der Tschechoslowakei, Jugoslawiens und Rumäniens in den Reihen seiner Feinde – eine lang vorbereitete Antwort – setzte mit einer Plötzlichkeit ein, die sogar die Geschwindigkeit übertraf, mit der seine Streitkräfte die polnische Grenze überschritten hatten.

In einer dreihundertzwanzig Kilometer breiten Front, die von Tiraspol bis zu einem Punkt im Süden von Kamenez-Podoljsk reichte, schwärmten berittene Mongolen, Tartaren, Baschkiren und Kalmücken über den Dnjestr aus.

Kleine Garnisonen rumänischer Artillerie und Infanterie in den Dörfern am Westufer des Flusses leisteten vereinzelt Widerstand. Aber die bereits revoltierenden bessarabischen Bauern nahmen den einrückenden Feind mit offenen Armen auf.

Der russische Vormarsch ging mit der Geschwindigkeit eines Waldbrandes vor sich. Die eindringenden Heeressäulen, deren Bewegungen stets von übermächtigen Luftstreitkräften vorbereitet wurden, stießen an allen Eisenbahnlinien und Straßen vor. Im Norden fiel Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, im Süden zogen die unter Fremdherrschaft gebrachten Bulgaren in der Dobrutscha die rote Fahne auf und schufen so eine zweite feindliche Front im Südosten Rumäniens.

Binney erfuhr durch ein langes Telephongespräch mit Margot, was in den letzten Tagen in Moskau vorgegangen war. Die kleine Entente hatte Frankreich und England aufgefordert, Geschwader in das Schwarze Meer zu entsenden. Rußland beantwortete diese Drohung augenblicklich mit der funktelegraphischen Bekanntgabe des Geheimbündnisses, das Mustafa Kemal Pascha mit Moskau abgeschlossen hatte. Der Bosporus wurde gesperrt und in den Dardanellen in der Höhe des Tschan Minen gelegt.

Karakhans stärkster Verbündeter war das Wetter. Es war bitter kalt und trocken und die Straßen in Ostpolen hoch mit Schnee bedeckt, so daß die französischen Transportautomobile der polnischen Armee schwer behindert waren, während die roten Reiterhorden keine ernsthaften Schwierigkeiten fanden.

In Rumänien war die Witterung milder, und dort kamen den Roten die Mitarbeit des bessarabischen Bauern und die schlechte Organisation des rumänischen Heeres zu Hilfe.

Zehn Tage später besetzten Karakhans Truppen die Hauptstadt Rumäniens. In einem Stabsautomobil, das Oberst Boyar uns verschafft hatte, fuhren wir hinter der einrückenden Kavallerie in Bukarest ein. Die Stadt übergab sich kampflos, wie seinerzeit im Weltkrieg, als Mackensens siegreiche Armee die Calle Victoria entlangmarschierte. Im Hotel Plaza Athene warteten wir auf Speed Binney und Margot, die mit dem Flugzeug aus Moskau kommen sollten.

Noch vor ihrer Ankunft schickte ich einen zweitausend Worte langen Bericht über die Besetzung Bukarests und die Niederlage des rumänischen Heeres ab, und zwar über die Funkstelle der rumänischen Regierung, deren Zerstörung die geschlagene Armee verabsäumt hatte.

Am späten Nachmittag flogen wir nach Warschau. Margot saß neben Speed am Doppelsteuer, während Boyar und ich in der Kabine Karten studierten. Plötzlich sahen wir zu unserer Überraschung Binney neben uns. Wir flogen in einer Höhe von mehr als fünfzehnhundert Metern.

»Mein Gott«, rief Boyar, »wer fliegt denn diese verdammte Kiste?«

»Die kleine Margot«, antwortete Binney lächelnd. »Ich habe sie während des Fluges von Moskau nach Bukarest unterrichtet. Sie ist noch nicht aufgestiegen und noch nicht gelandet, aber in unserer Höhe kann sie ruhig steuern. Ich habe sie zu meinem Ersatzpiloten ernannt.«

Ich schickte Binney an das Steuer zurück. Unser Flug führte uns in nördlicher Richtung über die eroberten Städte Czernowitz und Lemberg, in deren Südwesten gelbe Truppen langsam die Karpathenpässe forcierten.

Während wir diese Städte überflogen, mußte ich an die zahllosen gefallenen Russen und Österreicher des Weltkrieges denken, die in Przemysl, südlich von Lemberg, begraben lagen, und machte Boyar darauf aufmerksam, daß Karakhans Vormarsch dieselbe Richtung habe wie der russische in den Jahren 1914 und 1915.

»Aber die Armeen des Zaren hatten keinen Erfolg«, antwortete Boyar. »Karakhan tritt in die Fußtapfen eines Führers, der größer war als alle Werkzeuge der Romanows. Der erste, der den Übergang dieser Berge unter uns erzwang, war ein Gelber.«

»Wer?«

»In dem gleichen Monat Januar vor ungefähr siebenhundert Jahren – wenn ich mich richtig erinnere, war es genau im Jahr 1241 – schickte ein asiatischer Feldherr namens Dschingis-Khan einen seiner Generäle, einen gewissen Sabutai, über eben diese Pässe. Er kam hinüber und räumte mit den Ungarn auf der andern Seite auf.

Sie wissen selbstverständlich, daß unser Onkelchen Karakhan die Feldzüge Dschingis-Khans sehr genau studiert hat. Es kann sein, daß Ihnen in den allernächsten Wochen sehr große Ähnlichkeiten auffallen werden.« Boyar lachte bedeutsam.

Am nächsten Morgen landeten wir in Praga am Ufer der Wistula, gegenüber von Warschau, das im Verlauf der Nacht von den Polen geräumt worden war. Um elf Uhr vormittags sahen wir von einem Balkon im zweiten Stock des Hotels Bristol Karakhan an der Spitze seiner gelben Reiterei triumphierend in die Stadt einziehen.

Obgleich Karakhan in der kurzen Spanne von zwei Wochen vierhundert Kilometer vormarschiert war, in einer Front, die ungefähr elfhundert Kilometer lang war, also nahezu doppelt so lang wie die europäische Westfront im Weltkrieg, obgleich er zwei europäische Hauptstädte erobert und sowohl das polnische wie das rumänische Heer geschlagen hatte, wollte er seinen siegreichen Scharen nicht einmal eine Atempause geben.

Im Süden von Warschau fiel am nächsten Tag die überaus wichtige Stadt Krakau, womit ein neuer Übergang über die Karpathen in die ungarische Tiefebene erschlossen war. Das war der rechte Flügel der russischen Zange. Der linke, der von Bukarest in westlicher Richtung vorging, umfaßte die Transsylvanischen Alpen und schob sich im Donautal auf Belgrad zu.

Das Zentrum der ganzen Bewegung stieß über die Karpathenpässe im Südwesten Lembergs.

Nur die unerwartet hohe Anzahl der unter rotem Befehl stehenden Truppen machte diese drei- und vierfachen Bewegungen zu gleicher Zeit möglich.

Wichtiger aber noch als die zahlenmäßige Größe der Streitkräfte war die Elastizität und Beweglichkeit der Organisation, die nahezu übermenschliche Ausdauer der Mannschaften und das rasche Tempo der Bewegungen.

Der ernsthafteste Widerstand wurde in Ostpreußen geleistet, wo eine deutsche Nationalistenarmee von fünfzigtausend ausgebildeten Männern, die sich Stahlhelmer nannten, den Vormarsch in den masurischen Sümpfen zum Halten brachte.

Der frühere deutsche Kronprinz, der auf diese Weise etwas von seiner verlorenen Beliebtheit wiederzugewinnen suchte, fiel mit mehr als vierzigtausend tapferen deutschen Nationalisten in einer furchtbaren, drei Tage währenden Schlacht, die mit dem roten Sieg bei Allenstein endete.

Die Explosion einer kommunistischen Mine im Althäuser Tunnel, die den Tod von zwölfhundert Soldaten des 233. französischen Kolonialregiments zur Folge hatte, verriet den heimlichen französischen Versuch, die fliehenden Polen zu verstärken, bevor die radikalen Mitglieder des Kabinetts dagegen opponieren konnten.

Der Abberufung französischer und italienischer Truppen von der anderen Seite des Mittelmeers folgte ein erneuter Druck der nordafrikanischen Aufständischen. Fanatische Touaregs vertrieben die Franzosen aus Biskra und besetzten den Garten Allahs. Die Ägypter rückten zwischen Kairo und Alexandria vor. Die Marokkaner eroberten Fez zurück, und die Senussi schlossen Tripolis ein.

Das Schicksal Zentraleuropas wurde auf der Preßburger Ebene entschieden. In einem fürchterlichen zweitägigen Kampf, der am Morgen des 29. Januar begann, trug Karakhan den entscheidenden Sieg über die Streitkräfte der kleinen Entente davon, von deren 300 000 Mann fast zwei Drittel frische serbische Truppen waren.

In der Nacht des 31. Januar diktierte ich den Bericht über das Ende der Schlacht telephonisch Margot Denison, die in Warschau war. Binney flog in der gleichen Nacht ab, um sie und das ganze Büro zu holen, denn wir wußten bereits, daß unsere nächste Station Wien sein würde.

Das kleine Oesterreich, der klägliche Überrest des einst großen Oesterreichisch-Ungarischen Reiches, setzte der asiatischen Flut keinen Widerstand entgegen.

Die Bundesregierung der kleinen Republik mit einer Bevölkerung von 6 500 000 Menschen war wohl in den Jahren des Hungers und der Demütigung nach dem Versailler Vertrag konservativ geblieben, aber die sozialistische Regierung der Stadt und Provinz Wien selbst war stets weiter nach links gerückt, bis Wien, einst die heiterste Stadt Zentraleuropas, vor einigen Jahren auch die röteste Stadt geworden war.

Hans Breitner, der Wiener Diktator, fuhr Karakhan im Automobil entgegen, begrüßte ihn und begleitete ihn bei seinem Einzug in die oesterreichische Hauptstadt. Boyar und ich fuhren im Automobil hinter ihnen durch die schöne Landschaft am Südufer der Donau.

Als wir an diesem Vormittag über die Ringstraße kamen, versahen die Wiener Verkehrsschutzleute wie gewöhnlich ihren Dienst an den Straßenkreuzungen, aber jeder hatte zwei rote Soldaten bei sich, einen Berittenen und einen Infanteristen.

Wir richteten uns im Grand Hotel ein, und Boyar telephonierte in seinem ausgezeichneten Deutsch mit der Hofburg, dem alten Palast des Kaisers Franz Joseph, in dem Karakhan sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

»Rasch, nehmen Sie Ihren Hut«, rief er, den Hörer aufhängend. »In der Burg ist etwas los, das wir nicht versäumen dürfen.«

Wir eilten zu dem wartenden Automobil hinunter, in dem er mir dann erklärte, daß das österreichische Kabinett mit Monsignore Ignaz Seipel, dem bejahrten Ministerpräsidenten, und dem Bundespräsidenten Michael Hainisch verhaftet worden sei und mit ihnen eine Anzahl hervorragender Wiener des alten Regimes. Dr. Dumba, der frühere oesterreichisch-ungarische Gesandte in Washington, war unter den Gefangenen.

»Karakhan wird alle töten«, sagte Boyar.

Das verschlug mir den Atem. Drei von den Männern, die sterben sollten, kannte ich persönlich. Vor fünf Jahren hatte ich lange Interviews mit ihnen veröffentlicht. Diesen Männern, die sich überall nur Sympathien erworben hatten, war es in unermüdlichen Bemühungen um ihr geschlagenes Land gelungen, Oesterreich allmählich vor dem fast sicheren Untergang zu bewahren.

»Um Gottes Willen, warum denn?« fragte ich, als unser Wagen an den Schildwachen vorbei in die Burghöfe einfuhr. »Diese Männer sind keine Kämpfer, sie haben nichts gegen Karakhan unternommen. Oesterreich hat seinem Vormarsch keinen Widerstand geleistet. In den Straßen hat sich nichts gerührt. Die Besetzung des Landes ist in vollster Ruhe vor sich gegangen. Das ist einfach überflüssiger Mord«.

»Alles, was Sie sagen, ist richtig, nur eines nicht«, erwiderte Boyar. »Sie können versichert sein, daß Onkelchen nichts Überflüssiges tut. Diese Exekutionen gehören zur Politik des Terrors. Der Terror ist ein notwendiger Bestandteil der Kriegführung.

Die Deutschen haben Ähnliches in Belgien getan und es geleugnet. Die Engländer taten es oft in Indien und Ägypten und wollten es nicht wahr haben. Die Franzosen haben es in Afrika getan und dann gelogen. Und Ihr Amerikaner, Ihr seid auf den Philippinen und in Haiti ebenso vorgegangen.

Karakhans Politik, die darin besteht, die konservativen Führer der kapitalistischen Regierung, deren Zahl sich nur auf einige Dutzend beläuft, hinrichten zu lassen, ist viel menschlicher als das Töten vieler Tausende von Nullen zur Erzielung desselben Resultates.«

»Aber das muß doch die ganze übrige Welt zu euern Feinden machen«, sagte ich. »Die Hinrichtungen in Bukarest und Warschau waren schon schlimm genug. Aber die Ermordung dieser Männer, die in der ganzen Welt geschätzt und geachtet sind, wird überall Entsetzen hervorrufen.«

»Ganz richtig«, antwortete Boyar. »Dieses Entsetzen und diese Furcht werden überall die Kraft und den Willen Karakhans fühlbar machen. Es gibt nichts Feigeres als das Kapital. Dollars kämpfen nicht, und Kapitalisten ebensowenig.

Die eigentliche Wirkung dieser Hinrichtung wird sein, daß alle konservativen Mächte der Welt geschwächt, und die innere Kraft der Radikalen gestärkt wird. Einige Dutzend Menschenleben sind ein billiger Preis dafür.«

Die Erinnerung an diesen Vormittag wird mich bis an meinen Tod verfolgen. Die Hinrichtungen fanden im inneren Burghof statt. Boyar führte mich zu einem Fenster im zweiten Stock eines Seitenflügels; links unter mir konnte ich den Verurteilten ins Gesicht sehen, und zu meiner Rechten hatte ich den Balkon, auf dem Karakhan selbst dem Abschlachten beiwohnte.

Groß, schmal und schlank, die Züge des gelben Gesichts so unbeweglich wie immer, stand er allein am Geländer, einige Schritt vor einer Reihe von Stabsoffizieren.

Die Gefangenen wurden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, herausgeführt und vor einer Reihe chinesischer Schützen an die Mauer gestellt. Über den Köpfen des Exekutionskommandos konnten sie die finstere, zitronenfarbene Maske des Mannes sehen, auf dessen Geheiß sie sterben mußten.

Als wir unsere Plätze am Fenster einnahmen, knallte eine Salve, und ich sah eine Gestalt auf die Pflastersteine stürzen. Sie wurde auf einer Bahre hinausgetragen, und dann erschien zwischen Soldaten die hohe, aufrechte Gestalt des Präsidenten der Republik Oesterreich.

Als er an die Wand gestellt wurde, hob er die Augen empor und warf den Kopf zurück, so daß sein langer, flatternder grauer Bart nach vorne stieß. In dieser Stellung wurde er von den Kugeln durchbohrt.

Der nächste war Dr. Seipel. Er hatte die lange, schwarze Soutane seines Ordens an, und auf seinem kahlen Kopf saß das viereckige Birett. Während er dem Tod ins Antlitz blickte, war ein Lächeln auf seinem Gesicht und ein Gebet auf seinen Lippen.

Ich sah ihn sterben. Und dann den armen alten Dr. Dumba. Er fiel, wie er gelebt hatte – ein Edelmann bis zum letzten Ende.

Meine Augen sandten noch einen flehenden Blick über den Hof, in das strenge Gesicht des gelben Schreckens. Es war nutzlos. Karakhans Kopf bewegte sich weder nach rechts noch nach links. Seine Augen blickten kühl jedem einzelnen seiner Opfer ins Gesicht. Er hatte das Antlitz eines herzlosen Dämons.

»Mein Gott, das ist entsetzlich«, flüsterte ich Boyar zu. »Ich muß fort von hier. Das kann ich nicht aushalten. Diese Männer waren Freunde von mir. Das ist das Unmenschlichste, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.«

Wir kehrten zum Hotel zurück, wo ich, von einigen Schnäpsen gestärkt, mich hinsetzte und meine Eindrücke zu Papier brachte, ungefähr so, wie ich sie oben wiedergegeben habe. Boyar sagte mir, mein Bericht über die Hinrichtungen würde nicht verstümmelt werden. Ich dürfe meinen Zeitungen alles so mitteilen, wie ich es gesehen hätte, und meinen Gefühlen freien Lauf lassen.

»Erzählen Sie alles«, sagte er. »Die Welt soll wissen, daß der Osten sich in seiner Macht erhoben hat.«

Mein viertausend Worte langer Bericht über die Exekution des österreichischen Kabinetts ging an diesem Nachmittag in die ganze Welt hinaus. Die fürchterliche Wirkung dieser Depesche brauche ich hier nicht zu schildern. Die ganze Erde erzitterte.

Später erfuhr ich, daß man in der Redaktion in Chicago gefürchtet hatte, ich würde wegen der Offenheit meines Berichtes selbst hingerichtet werden. Man wußte damals noch nicht, daß es in Karakhans Absicht lag, Nachrichten zu verbreiten, die in der ganzen Welt Entsetzen hervorriefen. Es war das Brüllen des Löwen.

Speed Binney und Margot Denison kamen am Nachmittag an, und während sie sich mit der Einrichtung des Büros im Grand Hotel beschäftigte, erzählte er mir, daß meine blonde Sekretärin den ganzen Weg über das große Flugzeug allein geführt habe.

»Wenn der Krieg nicht plötzlich zu Ende ist, wird sie auch noch Aufsteigen und Landen lernen.«

»Darüber machen Sie sich keine Sorgen«, rief Oberst Boyar, der eben telephoniert hatte. »Sie werden bald die Nase voll haben, mein junger Freund, vielleicht schon heute abend.

Ich habe das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, daß wir einen neuen Feind gefunden haben, und diesmal einen guten – den ersten in Europa, der kühn genug ist, die Offensive gegen Karakhan zu ergreifen. Italienische Truppen haben den Brenner überschritten und marschieren nach Innsbruck. Andere Heeressäulen bewegen sich auf Lienz und Klagenfurt zu. Längs der Eisenbahnstrecken Triest–Laibach und Fiume–Agram sind Fortschritte gemacht worden.«

»Drei Hurras für den alten Mussolini«, schrie Binney.

»Das wird er brauchen können«, antwortete Boyar lachend. »Unser Onkelchen wird den Duce bald haben. Unsere Truppen sind bereits den ganzen Tag auf dem Marsch in östlicher und südlicher Richtung. Die Luftstreitkräfte sind schon im Kampf. Auf dem Boden haben wir noch nicht Fühlung mit dem Feind. Aber es wird bald so weit sein.

Mussolinis Schritt paßt in Karakhans Pläne. Für alle Österreicher wird jetzt die Gelegenheit kommen, sich für die Gefahr zu rächen, die sie seit zwölf langen Jahren der Verfolgung aus dem Süden bedroht und beleidigt. Damit ist die gesamte Bevölkerung Österreichs unter Karakhans Fahnen gebracht.«

Noch in dieser Nacht trug Italien den Krieg bis zu Karakhan vor, bis in das Zimmer, in dem der rote Napoleon schlief. Kurz nach Mitternacht erschienen einige italienische Geschwader über Wien und setzten die Stadt einem furchtbaren Luftbombardement aus.

Eine der Bomben fiel in den Hof, in dem am Vormittag die Exekutionen stattgefunden hatten, und riß einen ungeheueren Krater von dreißig Meter Durchmesser und fünfzehn Meter Tiefe auf. Alle Fenster der Burg wurden zertrümmert, und Glassplitter fielen auf das Bett, in dem Karakhan schlief.

Rote Nachtstaffeln stellten die feindlichen Kräfte in der Luft, und der nahezu volle Mond leuchtete dem Luftkampf, der sich über der Stadt abspielte, mit einem unheimlichen, kalten Licht.

Sieben italienische Bombenflugzeuge und dreizehn rasche italienische Kampfflieger wurden von Karakhans Luftkräften abgeschossen. In einem der Kampfflugzeuge saß der Führer des Angriffs, kein anderer als der bejahrte italienische Dichter Gabriele d'Annunzio, der im Jahre 1918, als die italienischen und österreichischen Armeen am Isonzo kämpften, zum erstenmal nach Wien geflogen war.

Am nächsten Vormittag fiel uns ein, daß d'Annunzio seinerzeit im Weltkrieg lediglich italienisches Propagandamaterial über Wien abgeworfen hatte, diesmal aber handelte es sich nicht um theatralische Gesten. Mussolini hatte den Dichter mit vielen Tonnen von Mord- und Zerstörungsmaterial ausgeschickt; d'Annunzio hatte seine Aufgabe erfüllt und seinen Wagemut mit dem Tod bezahlt.

Karakhan leitete die Vorbereitungen gegen Italien von Wien aus und unternahm fast täglich Flüge an die italienische Front.

Im Norden hatten seine in Polen vorrückenden Kräfte Posen erreicht, von Lodz und Krakau ausgehende Truppen hatten die schlesisch-polnische Grenze überschritten und Breslau besetzt.

Am 3. Februar stießen die Roten bei Kollin im Elbetal, fünfzig Kilometer östlich von Prag, auf die Trümmer des tschechoslowakischen Heeres, die unter dem Befehl General Gaidas standen.

Die Überwindung dieses heldenhaften Restes der tschechoslowakischen Armee kostete dem roten Kommandanten sechzigtausend Mann.

Zwei Tage später fiel die Hauptstadt Prag in die Hände der Roten, und am 8. Februar besetzten Karakhans Truppen Pilsen mit den Munitionsfabriken und den Skodawerken, die im Jahre 1914 die großen 42-cm-Geschütze erzeugt hatten.

»Die Eroberung dieser Werke und Munitionsfabriken ist Karakhans wichtigster Sieg im ganzen Feldzug«, erklärte ich Speed Binney, als wir am Tag nach der Besetzung in Pilsen ankamen. »Pilsen ist das Arsenal Zentraleuropas.«

»Und die Stadt mit dem besten Bier der Welt«, fügte Speed hinzu. »Unter der Brauerei liegt ein unterirdischer See mit Pilsner Bier, und das Haus des Braumeisters ist mit Prager Schinken gedeckt. Das ist der richtige Platz für unser Büro.«

Am 6. Februar kam Whit Dodge, dem es endlich gelungen war, an die Südwestfront zu gelangen, in Wien an und erzählte von dem Vormarsch der russischen Armee, die nach dem Fall Bukarests die Transsylvanischen Alpen umgangen und eine Verteidigungsstellung quer über das Donautal im Osten Belgrads bezogen hatte.

»Unser Abschnitt war nahezu ruhig«, erklärte Whit. »Ich erwartete mit Bestimmtheit, daß die Serben ihre Hauptstadt verteidigen würden, aber als Ihr roter Napoleon drei Viertel der serbischen Armee bei Preßburg vernichtet hatte, blieb dem Rest der serbischen Streitkräfte nichts anderes übrig als zu kapitulieren.

Sie zogen sich auf Belgrad zurück, und schon am nächsten Tag besetzten die Roten die Stadt. Es war kaum jemand von Bedeutung in der Stadt geblieben.

Die Königin Marie war mit dem kleinen Michael zu ihrer Tochter geflüchtet, der früheren Prinzessin Marie, die, wie Sie wissen, die Gemahlin König Alexanders I. ist. Beide königlichen Familien sind im Flugzeug geflohen und jetzt sind sie, glaube ich, vorläufig Gäste des Königs Zogu von Albanien. Carol, der bis jetzt verschollen ist, wird sich wohl auch dorthin flüchten.

Jugoslawien ist ganz zu den Roten übergegangen. Dort gibt es keine Kämpfe mehr. Die Streitigkeiten der Kroaten, Bosniaken und Slowenen mit den Serben haben den Roten Tür und Tor geöffnet. Alle diese Völker wollen die Autonomie haben, und das haben die Russen ihnen versprochen.

Dasselbe haben die Mazedonier in Griechenland getan. Bulgarien versucht neutral zu bleiben, aber das ist ein nutzloses Unterfangen. König Boris hat bereits das Land verlassen.«

»Wie steht's mit Ungarn?«

»Rot«, antwortete Whit. »Daraus kann man ihnen schließlich auch keinen Vorwurf machen, der Versailler Vertrag hat sie entwaffnet und schutzlos gemacht, und jetzt, wo sie auf allen Seiten von siegreichen roten Armeen umgeben sind, sitzen die Bolschewisten wieder im Sattel wie in den Tagen Bela Khuns. In Budapest herrschen die Radikalen, und Admiral Horthy hat sich versteckt.

Auf dem Marsch nach Preßburg stießen Karakhans Truppen auf keinen Widerstand. Man darf eben nicht vergessen, daß die Magyaren mehr Asiaten als Europäer sind. Wenn man sie kratzt, kommt der Tartar heraus, und jetzt schwören sie, daß sie mit Karakhan und seinen gelben Horden blutsverwandt sind.«

Furchtbare Gerüchte lösten einander ab. Das Pulvermagazin Europa stand in Flammen. Meine Berichte nach Amerika umfaßten an manchen Tagen zehntausend Worte. Die überstürzenden Ereignisse jagten ganz Amerika und Westeuropa Entsetzen ein.

Während die Truppen an der österreichisch-italienischen Front Kontakt miteinander bekamen und sich für den Hauptkampf vorbereiteten, wurde der Schauplatz der wichtigsten Ereignisse plötzlich weiter nach Norden verlegt.

Ich übergab Margot das Wiener Büro und flog mit Binney nach Berlin. Seit dem Eindringen der roten Truppen in Schlesien hatte Deutschland zweimal ziemlich matt gegen die Verletzung seiner Neutralität protestiert.

Die Londoner und Pariser Presse deutete zunächst an und behauptete dann ganz offen, daß zwischen Rußland und dem Deutschen Reich ein stillschweigendes Abkommen bestehe, das den Durchmarsch roter Truppen über deutsches Gebiet gestatte.

Die Berliner Presse setzte sich energisch gegen diese Anschuldigungen zur Wehr und gab die Hauptschuld an den augenblicklichen Ereignissen den Bedingungen, deren Aufnahme im Versailler Vertrag Frankreich und England durchgesetzt und damit Deutschland jede Verteidigungsmöglichkeit geraubt hatten.

Ich landete kurz nach Mitternacht auf dem Tempelhofer Flugfeld und fuhr durch die verlassenen Straßen der Stadt zu dem Büro der »Tribune« im Hotel Adlon Unter den Linden. Sigrid Schultz, die polyglotte Korrespondentin der Tribune, saß noch an ihrem Schreibtisch.

»Ich bin froh, daß Sie kommen«, begrüßte sie mich müde. »Es ist höchste Zeit, daß Chicago mir eine Ablösung schickt. In der letzten Woche habe ich täglich zwanzig Stunden zu arbeiten gehabt. Es steht wieder ein Putsch bevor. Alles weist darauf hin.«

»Ich verlasse mich auf Sie, Sigrid. Niemand kennt diese Anzeichen besser als Sie. Sie haben jeden Aufstand in Deutschland vorausgesagt, seitdem der Kaiser hinausgeschmissen worden ist.«

»Aber das wird der schlimmste von allen sein«, antwortete sie. »Die deutschen Roten sind stärker als jemals und die Nationalisten so schwach wie noch nie. Nach der fürchterlichen Niederlage der Stahlhelmer in Ostpreußen sind die Kommunisten die einzige organisierte Macht außer der Regierung, und alles spricht dafür, daß sowohl in der Reichswehr wie in der Sicherheitspolizei kommunistische Zellen sind.

Und vor allem herrscht in ganz Deutschland ein sehr bitteres Gefühl gegen die ehemaligen Alliierten. Das Land ist schutzlos, und das Volk hat gelitten.

Für alles wird der Versailler Vertrag verantwortlich gemacht. Jeder Umstand und jede Macht, die die Deutschen von dem befreit, was sie das Versailler Verbrechen nennen, wird mit offenen Armen aufgenommen werden.«

»Aber«, protestierte ich, »hat Deutschland denn schon die schwarzen Truppen Frankreichs vergessen, die im Rheinland in den Häusern deutscher Frauen einquartiert waren? Weiß Deutschland denn nicht, daß Karakhans Truppen sich aus den unterdrückten Rassen Asiens rekrutieren, die jetzt zum erstenmal den Sieg über Weiße kosten? Begreifen die deutschen Ehemänner, Väter und Brüder nicht, was weiße Frauen für solche Truppen bedeuten?«

»O ja«, erwiderte sie. »Deutschland hat in diesem Punkt reichlich bittere Erfahrungen, und gerade deshalb werden Karakhans Truppen als Verbündete begrüßt werden. Deutschland will sie lieber als Waffenbrüder aufnehmen, bevor es gezwungen ist, sie als Eroberer einziehen zu sehen. Davon hat Deutschland schon genug gehabt.«

Und wie sie prophezeit hatte, wurde der deutsche Staatsstreich am nächsten Tag ausgeführt. Tausende von Demonstranten, zum großen Teil Mitglieder der Kommunistischen Partei, marschierten die Linden entlang und durch die Bögen des Brandenburger Tors, auf dem Maschinengewehre aufgestellt waren. Sie stießen auf keinen Widerstand bei den Regierungstruppen, welche die Straßen besetzt hatten und die Ordnung aufrechterhielten.

Ohne ein Blutvergießen, wie es die verschiedenen Berliner Aufstände seit 1918 gekennzeichnet hatte, wurde die Hauptstadt Deutschlands, und damit das ganze Land, über Nacht kommunistisch und ein offener Verbündeter Karakhans.

In Hamburg, Bremen und Stettin wurden große Bilder des roten Befehlshabers durch die Straßen getragen, begleitet von Dutzenden roter Fahnen und begrüßt von Hurrarufen.

Am Abend des Tages war die republikanische Regierung abgelöst von der Diktatur des deutschen Proletariats unter der Führung Erich Schulzbergers, des deutschen Kommunistenführers, der als Mitglied der Moskauer III. Internationale schon seit langem unter der Leitung Rußlands stand.

Dieser Wechsel in der politischen Struktur des Landes, der sich am 10. Februar 1933 ereignete, ging der Eingliederung der Bevölkerung in das europäische Sowjetsystem voraus.

In Ostpreußen, Sachsen und Bayern vereinigten sich größere Einheiten der deutschen Reichswehr mit den roten und gelben Truppen, die in westlicher Richtung vormarschierten.

Binney und ich kehrten mit dem Flugzeug über Prag nach Wien zurück. Obgleich der Morgen kaum zu dämmern begonnen hatte, wartete Margot bereits im Grand Hotel mit sehr ernstem Gesicht.

»Karakhans Frau ist nach Wien gekommen«, erzählte sie in ruhigem Ton. »Ich wollte Ihnen das sagen, bevor Oberst Boyar herkommt. Karakhan hat ihr verboten, Moskau zu verlassen. Ich nehme an, daß er jetzt schon von ihrer Abreise weiß, aber ich glaube nicht, daß er schon davon gehört hat, daß sie hier ist.«

»Wo ist sie?« fragte ich.

»In meinem Schlafzimmer«, antwortete Margot. »Sie ist in der Nacht nach Ihrer Abreise nach Berlin gekommen und hat nach Ihnen gefragt. Ich stellte mich als Ihre Sekretärin vor und sagte ihr, daß Sie selbst in Deutschland seien. Sie erklärte mir, wie schwer ihre Lage sei, und wollte bis zu Ihrer Rückkunft warten. Hinauswerfen konnte ich sie nicht. Hoffentlich habe ich keine Dummheit gemacht.«

Das war eine Schwierigkeit, die unabsehbare Folgen für mich haben konnte. Hier war eine weiße Frau, eine Amerikanerin, die sich in die Schrecken des Krieges stürzte, zwischen die mahlenden Räder der erbarmungslosen Militärmaschine, deren Führer ihr Mann war, ihr Herr und Gebieter, der Vater ihrer Kinder.

Ich mußte an die Demütigung denken, der Karakhan seine Frau bei unserer letzten Zusammenkunft in Moskau ausgesetzt hatte. Was war jetzt von ihm zu erwarten, wenn er erfuhr, daß sie ihm fast bis an die Schlachtfront seiner kämpfenden Armeen nachgereist war?

Wie würde er sich mir gegenüber verhalten, wenn ich bei diesem Akt des Ungehorsams mithalf?

Ich hatte mich schon fast zu dem feigen Verhalten entschlossen, nichts zu tun – sie nicht zu sehen und ihre Anwesenheit in unseren Zimmern nicht zur Kenntnis zu nehmen – als die Tür zum Nebenzimmer sich öffnete und Lin Karakhan sich zeigte.

»Bitte sprechen Sie im anderen Zimmer mit ihr«, sagte Margot. »Boyar kann jeden Augenblick hier sein.« Ich ergriff die Hand, die Lin mir entgegenstreckte, ging in das Nebenzimmer und schloß die Tür hinter uns.

»Ich weiß, daß es nicht recht ist«, sagte sie. »Ich weiß, daß er furchtbar sein wird, wenn er mich hier findet. Ich fürchte, es wird auch für Sie schlimm sein. In seiner Wut ist er teuflisch.«

»Aber warum sind Sie denn gekommen?«

»Um ihm nahe zu sein, wenn ich kann, auch in seiner Wut. Ich weiß, daß ich überflüssig bin, aber ich kann nicht anders. Ich bin nicht mehr das Mädchen, das Sie gekannt haben. Ich bin ein anderer Mensch. Ich bin seine Frau. Ich bin die Mutter seiner Kinder. Ich bin seine Sklavin. Ich liebe ihn.«

Wieder packte mich Verwunderung darüber, welche Gewalt von dem gelben Mann ausgehen mußte, wenn er aus dieser einst so stolzen weißen Amerikanerin ein demütiges asiatisches Weib gemacht hatte.

»Was soll ich denn für Sie tun, Lin?« fragte ich. »Ihre Anwesenheit hier kompliziert die Dinge ein wenig. Die Spione des Generals werden Sie sicher aufspüren. Was wollen Sie, daß ich tue?«

»Nichts. Lassen Sie mich nur in Margots Zimmer bleiben. Ich habe alle meine Mahlzeiten dort eingenommen. Ich werde nicht ausgehen. Man wird mich nicht sehen. Alle Neuigkeiten von ihm kommen durch Ihr Büro. Sie wird mir alles erzählen, was sich ereignet.

Ich muß wissen, was geschieht. Die Unsicherheit ist unerträglich. Er ist so tapfer. Er kennt keine Furcht. Täglich ist er Gefahren ausgesetzt – Tod in der Luft oder an der Front, Mord hier im Hauptquartier. Können Sie nicht begreifen, warum ich in seiner Nähe sein will?«

Ich verstand, und verstand auch nicht. Aber ich konnte nichts tun. Ich erklärte mich damit einverstanden, daß sie bei Margot bleibe, und Lin dankte mir mit Tränen in den Augen. Ich ging ins Büro zurück, eben in dem Augenblick, als Boyar, vergnügt wie immer, hereinkam.

»Schön, daß Sie wieder hier sind«, begrüßte er mich. »Große Ereignisse erwarten Sie, unser Onkelchen führt uns an den Sitz der Cäsaren. Wir gehen wieder auf Reisen – in Mondschein getauchte Kanäle in Venedig, Gondeln und klimpernde Guitarren, die italienischen Seen, die Straße nach Rom.«

»Wann?«

»Wir brechen heute früh zur Front auf. Die Angelegenheiten in Deutschland bedeuten zunächst einen Stillstand an der Nordflanke. Jetzt wird im Süden gehämmert. Morgen früh geht der Vorhang auf.«

Das geschah auch. Am 16. Februar begann Karakhans Offensive gegen Italien.

Ich sollte zusehen, wie die Wiege der abendländischen Zivilisation von einem zweiten Attila mit Feuer und Schwert vernichtet wurde.

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