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Der rote Napoleon

Floyd Phillips Gibbons: Der rote Napoleon - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFloyd Gibbons
titleDer rote Napoleon
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1930
printrun1. - 5. Tausend
translatorFranz Fein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190129
projectid2609b641
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Wie jener Pistolenschuß, der im Juni 1914 in Sarajevo abgefeuert wurde, das Signal zum Weltkrieg gab, so sollte eine andere kleine Bleikugel, die in Moskau ihre tödliche Bahn vollendete, die politische Struktur und das Schicksal Europas und Asiens ändern und die Welt in einen Krieg stürzen, der in seinem Verlauf neue und unerhörte Barbareien über die Menschen brachte.

Am 2. November 1932 wurde Josef Stalin ermordet.

Ein schwachsinniger Judenjunge, dessen Eltern in Polen lebten, feuerte die tödliche Kugel ab, die augenblicklich den »Mann von Stahl« tötete, in dessen Händen die politische Macht des roten Rußlands lag.

Das Attentat wurde um zehn Uhr vormittags auf dem Roten Platz ausgeführt, als Stalin in seinem Automobil durch das alte Spaskajator aus dem Kreml fuhr. Die Kugel zerschmetterte ein Seitenfenster des Wagens und traf ihn mitten ins Gesicht. Der andere Insasse des Wagens, der Mann, der neben dem schweigsamen politischen Führer saß und in dessen Armen dieser starb, war Karakhan von Kasan.

Walter Duranty, der Moskauer Korrespondent der »New York Times«, war mit mir um diese Zeit zufällig in einem Buchladen auf dem Roten Platz. Wir hörten den Schuß zwar nicht, aber wir sahen Menschen über den Platz laufen und folgten ihnen.

Als ich hörte, was geschehen war, lief ich in die Buchhandlung zurück und gab einen kurzen Tatsachenbericht an mein Büro durch, der augenblicklich durch Kabel und Radio nach Chicago weitergeleitet wurde. Gleichzeitig bekam Margot Denison den Auftrag, Speed Binney davon zu verständigen, daß er mit einem ausführlicheren Bericht nach Riga zu fliegen haben werde. In diesem Bericht, den Binney glücklich über die Grenze brachte, erzählte ich von den Ereignissen, die dem Attentat vorangegangen waren, und sprach als erster von dem Vertrauen, das Stalin in Karakhan gesetzt hatte.

Jetzt wurde offenbar, daß Stalin es gewesen war, der so außerordentliche Vollmachten in Karakhans Hände gelegt hatte. Stalin hatte diesen politischen Schritt getan, um aus dem Zentralkomitee eine Anzahl von Trotzkis Freunden zu entfernen, die auf die Rückkehr ihres alten Führers hingearbeitet hatten.

Trotzkis Anhänger im Zentralkomitee hatten Stalins Manöver zu spät erkannt. Es war nahe daran, daß die Judenfrage mit dem Konflikt verquickt wurde, weil die beiden politischen Feinde verschiedenen Rassen angehörten und die Trotzki-Faktion, die so heftige Opposition gegen Stalin trieb, zu einem guten Teil aus Juden zusammengesetzt war.

Stalin hatte Karakhan davon überzeugt, daß der einzige Feind, den er zu fürchten habe, Trotzki mit seiner jüdischen Faktion sei.

Als die Nachrichten von dem Attentat sich in den Straßen Moskaus verbreiteten, tauchte sofort das Gerücht auf, die Ermordung Stalins sei die erste Tat einer jüdischen Verschwörung zur Usurpierung der russischen Regierung.

In den nächsten Tagen konnte ich keine Beweise dafür sammeln – und es wurde auch nie erwiesen – daß Trotzki oder einer seiner Anhänger auch nur das geringste mit der Wahnsinnstat des geistig minderwertigen jungen Juden zu tun hatte, der den Schuß abfeuerte.

Aber die öffentliche Erregung wurde so groß, daß eine vernünftige Betrachtung des Falles ganz unmöglich war. Wieder einmal wurde die Jahrhunderte alte Anklage gegen die Juden erhoben.

Das war es gerade, was Karakhan brauchte.

Am Tage nach dem Attentat wurden in Moskaus Straßen zweitausenddreihundert Juden ermordet. Es war ein Pogrom, wie man es seit den Tagen des Zaren nicht erlebt hatte.

Schreckliche Szenen spielten sich in den Straßen des Judenviertels ab. Frauen und Kinder wurden überrannt und unter den Hufen berittener Soldaten und Polizisten zertrampelt. Junge Juden, die aus ihren Häusern flohen, wurden auf Bajonette gespießt. Magazine, Geschäfte und Wohnhäuser wurden geplündert.

Täglich schickte ich lange Berichte über die Grausamkeiten und Greueltaten ab, welche die ganze Welt in Empörung versetzten. Zur Überraschung aller Auslandskorrespondenten in Moskau verbot die Regierungszensur nicht die Verbreitung dieser furchtbaren Augenzeugenberichte.

Sie hatten den Erfolg, daß die Aufmerksamkeit im Augenblick davon abgelenkt wurde, daß Karakhan sofort die Zügel der Regierung an sich riß und die Zivilverwaltung Peter Malik unterstellte, einem von Stalins nächsten Freunden und fähigsten Stellvertretern, der bis dahin den Posten des Volkskommissars der Bauern- und Arbeiterinspektion im Zentralkomitee innegehabt hatte.

Karakhan wurde aus eigener Machtvollkommenheit Stalins Nachfolger als ständiger Generalsekretär des Politbüros. Er ernannte Malik zu seinem Assistenten in dieser außerordentlichen Regierungsstelle, die alle Ministerien mit Hilfe der kommunistischen Parteiorganisation kontrollierte.

Dem Politbüro hatten die Sekretäre aller kommunistischen Parteibüros in ganz Rußland Bericht zu erstatten. Mit Hilfe dieses Netzwerks politischer Kreaturen und Polizeispione wurde im Verein mit der Gewalt, die Karakhan über den Militärapparat ausübte, die völlige Umwandlung Rußlands vollzogen.

Dem Namen nach blieb die einhundertfünfzig Millionen Menschen zählende Nation die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, in Wirklichkeit aber stand sie unter einer viel absoluteren persönlichen Gewalt, als jemals in den Tagen Nikolaus' II.

Meine Kabel- und Funktelegramme, die täglich nach Amerika gingen, schilderten das eiserne Regiment, unter dem Karakhans verstärkte Garnisonen die Städte Moskau und Leningrad hielten, und stellten fest, daß es nur in Südrußland, im Gebiet von Kiew, Odessa und Charkow, eine bedeutende Opposition gegen Karakhans Diktatur gab.

Karakhan kannte die Ukraine, als ob er dort aufgewachsen wäre. Ausgebildete Tartaren-, Baschkiren- und Mongolenbattaillone wurden sofort in das bedrohte Gebiet geworfen, über das der Belagerungszustand verhängt wurde.

In Kiew kam es zu dreitägigen, in Odessa zu viertägigen Straßenkämpfen. Als die Ruhe wiederhergestellt wurde, waren in jeder Stadt ungefähr dreitausend Menschen getötet worden.

Maliks Tscheka-Agenten folgten den Militärkräften sofort nach und richteten außerordentliche Tribunale ein, die Macht über Leben und Tod hatten. Der Terror herrschte mit öffentlichen Hinrichtungen.

Innerhalb von zehn Tagen war alle Opposition unterdrückt und die Diktatur »Onkelchens« anerkannt.

Für Karakhans Zwecke war es jedoch noch zu früh, Friede und Sicherheit herrschen zu lassen. Maliks Propagandastellen und Zeitungen verbreiteten Nachrichten über groß angelegte konterrevolutionäre Verschwörungen, und Hunderte von Verdächtigen wurden verhaftet. Damit war Karakhan die Möglichkeit gegeben, zwei Klassen der ausgebildeten Soldaten unter die Fahnen zu rufen.

Das Verdienst für die erste Information über diese geheime Mobilisierung gehört meinem Piloten Speed Binney. Er bekam die Nachricht von der französischen Geliebten eines Stabsobersten. Nicht ein Wort war darüber veröffentlicht worden, und nur wenige außerhalb der Kreise des Generalstabs wußten um das Geheimnis.

Die stehende Armee Rußlands zählte damals 600 000 Mann, und auf Grund der Militärdienstpflicht kamen alljährlich 550 000 junge Männer zum Heer. Eine gleiche Anzahl ausgebildeter Soldaten kehrte in jedem Jahr ins Zivilleben zurück, hatte aber jederzeit einen Ruf zu den Waffen zu gewärtigen.

Die Mobilisierung zweier organisierter und ausgebildeter Klassen bedeutete eine Verstärkung um 1 100 000 Mann, womit Karakhans unter Waffen stehende Truppen insgesamt 1 700 000 Mann zählten.

Es war weitaus die größte Armee der Welt.

Was das zu bedeuten hatte, wurde mir klar, als ich eine alte, aus dem Jahre 1928 stammende Ausgabe des Weltalmanachs fand, in dem ich auf Seite 848 eine Tabelle der Militärkräfte sah, welche die einzelnen Mächte aufbringen konnten.

Die Aufstellung war allerdings fünf Jahre alt und wurde den militärischen Kräften jener Zeit nicht ganz gerecht, aber sie machte einen Vergleich zwischen Rußland und seinen Nachbarn in Europa möglich. Die Tabelle sah folgendermaßen aus:

 

Land Bevölkerung Aktives Heer Organisierte Reserven Nicht organisierte Reserven Gesamtmilitärmacht Militärmacht in Prozenten der Bevölkerung
Rußland 146 300 000 608 100 800 000 12 501 900 14 000 000 9,6
Frankreich 40 922 300 662 600 4 639 000 700 000 6 001 000 14,6
England 45 226 300 154 500 305 830 5 676 010 6 136 340 13,6
Italien 42 115 606 240 288 3 120 614 2 000 000 5 321 649 12,6
Deutschland 62 348 782 100 000 8 600 000 8 700 000 13,9
Polen 29 249 000 244 372 2 500 000 2 744 372 9,4
Jugoslawien 12 017 323 117 000 2 075 000 2 192 000 18,2
Rumänien 17 393 000 266 500 1 333 500 1 600 000 9,2
Tschechosl. 13 613 172 120 000 1 509 700 475 000 2 104 700 15,5

 

In einem Bericht von zweitausend Worten, den meine Sekretärin noch am frühen Nachmittag durch Radio abschickte, schilderte ich, welche Bedeutung dieser Tabelle beizumessen sei.

Infolge mancher Verzögerungen und Schwierigkeiten der telegraphischen Verbindungen hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, von wichtigen Berichten Duplikate auf dem Luftwege nach Riga zu schicken. Das tat ich auch an diesem Tage, und Speed Binney flog mit einem Exemplar nach Riga ab.

Mit dem angenehmen Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben, legte ich mich schlafen.

Am nächsten Morgen wurde ich um sechs Uhr – es war kalt und finster – in meinem Bett im Savoy geweckt. Ein Offizier in Oberstenuniform stand lächelnd am Fußende meines Bettes und stellte sich mit folgenden Worten vor:

»Guten Morgen, Kamerad Gibbons. Ich bin Oberst Boyar vom Stab des Generals Karakhan und habe den Auftrag, Sie im Namen des Generals zum Frühstück einzuladen.«

Die Kälte, die ungewöhnliche Stunde, das plötzliche Erwachen und die Wichtigkeit der Einladung, oder besser des Befehls, ließen mich im ersten Augenblick an die Erfüllung eines alten Traums glauben. Obgleich ich oft darum gebeten hatte, die Bekanntschaft mit dem Mann, den ich im Jahre 1921 während der großen russischen Hungersnot kennengelernt hatte, erneuern zu dürfen, waren meine Bitten stets ignoriert worden.

»Ausgezeichnet«, antwortete ich, aus dem Bett springend. »Ich stehe in einem Augenblick zu Ihrer Verfügung.«

»Reiten Sie?« fragte Oberst Boyar.

»Ja.«

»Gut. Ziehen Sie Reithosen und Stiefel an, vielleicht nimmt der General Sie auf seinen Morgengalopp mit.«

Entsprechend gekleidet, verließ ich mit Oberst Boyar in seinem Militärautomobil das Hotel. In der kalten, dunklen Winterdämmerung fuhren wir über die Twerskaja und durch den Triumphbogen bei der Brest-Litowsk-Station am nördlichen Rand Moskaus, dann bogen wir in die breite Leningrader Chaussee ein. Der Oberst gab mir höflich Feuer für meine Zigarette und begann:

»Für einen Mann, der nie Soldat gewesen ist, haben Sie erstaunliche militärische Kenntnisse. Onkelchen hat gestern abend Ihre Personalakten gelesen. Sie haben ihn sehr interessiert. Ebenso wie die Depesche über die neue Mobilisierung, die Sie gestern abgeschickt haben.«

»War sie richtig?« fragte ich.

»Nur zu richtig, fürchte ich«, antwortete Boyar lächelnd.

»Dann wird sie ziemliche Aufregung in Europa hervorrufen«, sagte ich mit schlecht verhehltem Stolz.

»Nicht im geringsten.« Boyar lachte. »Ihr Bericht ist nicht abgegangen. Ich fürchte, Ihre Millionen Leser im übrigen Teil der Welt werden nicht das Vergnügen haben, Ihr Meisterwerk zu lesen. Aber Sie haben die Befriedigung, zu wissen, daß die Lektüre den General sehr interessiert hat. Er hat sofort die Akten des Nachrichtendienstes über Sie eingefordert, und diese Frühstückseinladung ist das Resultat.«

Daß die Zensur gegen meinen Bericht einschritt, bewies mir seine Richtigkeit und seine Bedeutung. Ich gewann die Überzeugung, daß nicht nur meine Information und die aus ihr gezogenen Schlüsse, sondern auch meine Prophezeiungen sehr ernster Ereignisse für die nächste Zukunft richtig waren.

Gleichzeitig jedoch hatte ich den tröstlichen Gedanken, daß Speed Binney mit seinem zweimotorigen Breguet das Duplikat nach Riga gebracht hatte und mein Bericht auf diese Weise doch nach Amerika gelangte. Diesen Gedanken drückte ich jedoch nicht laut aus.

Wir hielten vor dem alten Petrowski-Palais im gleichnamigen Park. Ein halbes Hundert gesattelter Pferde mit Ordonnanzen hielt vor der halbkreisförmigen Säulenkolonnade, welche die Anfahrt von der Straße zum Palais begrenzte. Wir kamen durch eine Marmorhalle, in der einige Dutzend Offiziere rauchten; die meisten von ihnen gehörten, wie an ihrer Hautfarbe und an ihren Waffenröcken zu sehen war, gelben Regimentern aus dem Osten und Südosten an.

Boyar öffnete eine Tür, und ich folgte ihm in einen Nebenraum.

»Wir wollen hier eine Minute warten und –« Er unterbrach sich mitten im Satz, weil er bemerkte, daß noch jemand im Zimmer war.

Mit dem Rücken zu uns stand am Fenster gegenüber der Tür eine mittelgroße schlanke Gestalt in Uniform. Eine runde, flache Kosakenmütze aus schwarzem Perserlammfell saß schief auf dem Kopf.

Die Gestalt drehte sich um, und ich sah das Gesicht der amerikanischen Frau des russischen Diktators vor mir. Ihr eng anliegender Waffenrock war die verweiblichte Kopie einer Husarenjacke mit schwarzer Seidenverschnürung auf Brust und Kragen und mit Astrachanmanschetten.

Aber es war nicht mehr das Gesicht, das ich vor elf Jahren in Moskau gesehen hatte. Damals hatte es in dem glatten irischen Gesicht Lin Larkins keine Linien der Traurigkeit gegeben. Jetzt war der stolze, trotzige Ausdruck, den die junge New Yorker radikale Agitatorin zur Zeit ihrer freiwilligen Verbannung nach Rußland getragen hatte, nicht mehr da.

Ich mußte mich über diese Veränderung wundern. War sie die Folge von Liebe und Mutterschaft, oder hatte die Berührung mit einer stolzeren Flamme etwas von dem alten Feuer unterdrückt? Hatte sich der Geist der alten Lin Larkin vor dem des Mannes gebeugt, dessen Namen sie trug?

Sie erkannte mich und trat lächelnd mit ausgestreckter Hand auf mich zu.

»Das Wiedersehen mit Ihnen erinnert mich an die alten Zeiten. Es muß etwas in der Luft liegen. Weshalb sind Sie hier? Wittern Sie Krieg?« sagte sie munter. Dann wandte sie sich an Boyar, der uns miteinander bekannt machen wollte: »Das ist nicht nötig, wir kennen uns aus der Zeit der Hungersnot. Das war ein anderes Moskau damals.«

»Allerdings«, antwortete ich, »aber heute ist es bequemer. Man braucht nicht mehr Zwieback und Salami miteinander zu teilen. Die Ereignisse sind rasch marschiert seit damals. Sie sitzen jetzt im ›Weißen Haus‹ Rußlands und sehen ausgezeichnet aus.«

Ihre Gestalt reckte sich, und das noch immer pikante Kinn hob sich ein wenig.

»Es ist wunderbar, herrlich. Ich bin die glücklichste Frau der Welt. Ich bin die Frau eines großen Mannes und habe die Freude gehabt, die Kampfjahre während des Aufstiegs zur Größe bei ihm zu verbringen. Ich habe drei herrliche Kinder, und viele Hoffnungen, die in den alten Tagen der Agitation in New York nur Träume und Gebete waren, sind in Erfüllung gegangen.«

Diese etwas pathetische Behauptung klang mir nicht ganz aufrichtig. Ich konnte nicht recht an das angebliche Glück Madame Karakhans glauben.

»Ich sehe, Sie werden heute mit dem General ausreiten«, sagte sie. »Ich bin seit den alten Kampftagen nicht mehr mit ihm geritten. Das war damals noch vor unserer Ehe. Jetzt bin ich fast immer mit den Kindern zu Hause. Heute will ich ihn überraschen und auf seinem Morgengalopp begleiten. Ich habe eigentlich im Hauptquartier nichts zu suchen. Aber ich wollte ihm mein Reitkostüm zeigen. Ich habe es selbst entworfen. Gefällt es Ihnen? Glauben Sie, daß es das Richtige für die Frau des Oberbefehlshabers ist?«

Als ich antworten wollte, öffnete sich eine Tür, ein junger Offizier kam herein und nickte Boyar zu.

Wir standen auf. Madame Karakhan sagte: »Ich will mir das Vergnügen machen, Sie meinem Mann vorzustellen« – und wir gingen zu dritt zu ihm hinein.

Karakhan stand allein vor dem Kamin am anderen Ende des großen Raumes. Das kurzgeschorene schwarze Haar, das wie eine schwarze Mütze auf seinem Schädel zu sitzen schien, steigerte noch die Intensität seiner forschenden Blicke. Sein Kopf war leicht vorgeneigt, und der schmallippige Mund lächelte nicht. Er stand mit dem Rücken zum Kamin, seine Schultern waren nach hinten gezogen, seine Hände am Rücken verschränkt, die Beine ein wenig gespreizt.

Madame Karakhan blieb einige Schritt vor uns stehen und sah ihrem Mann ins Gesicht. Dieser hatte seine brennenden Augen auf sie gerichtet, aber kein Blick der Begrüßung oder auch nur des Erkennens war zu sehen. Das lange Schweigen wurde peinlich, während die Frau darauf wartete, daß irgendein Wort den Bann dieses Blickes, den ich nicht anders als giftig bezeichnen kann, brechen würde.

»Lieber«, versuchte Madame Karakhan zu sprechen. »Wie gefällt dir – ich dachte, vielleicht – äh, äh – ich möchte dir einen alten Kameraden von mir vorstellen. Aber, aber – vielleicht hast du zu tun.«

Karakhans Züge blieben unbewegt. Die brennenden Augen dieser gelben Maske fixierten weiter das Gesicht der weißen Frau. Ich fühlte ihre Verlegenheit und litt mit ihr. Das Schweigen war quälend. Sie spielte nervös mit ihrer Reitpeitsche.

»Geh augenblicklich nach Hause.« Die englischen Worte kamen fast zischend zwischen den aufeinander gepreßten Lippen ihres Mannes hervor. »Meine Kinder warten auf dich. Zieh dieses Hanswurstkostüm aus, bevor du dich ihnen zeigst. Hosen haben in meiner Familie nur Männer zu tragen.«

Madame Karakhan wandte sich um und schritt aus dem Zimmer. Ihre Blicke wichen den meinen aus, aber ich konnte ihre Lippen zittern sehen. Ich konnte nicht glauben, daß dies die Lin Larkin sei, die in Boston und New York Volksmassen angeführt und der Polizei Trotz geboten – die Lin Larkin, die Streikende zu Gewalttätigkeiten aufgehetzt – die Lin Larkin, die Weltrevolution und roten Terror gepredigt hatte.

Während der peinlichen Minute, die dieser Zwischenfall in Anspruch nahm, standen Boyar und ich steif da. Karakhans Augen nahmen von uns nicht die geringste Notiz, bevor die Tür sich hinter seiner Frau geschlossen hatte.

Dann wandte sich das gelbe Gesicht mit dem bohrenden Blick mir zu, und ich fühlte, wie dieser Mann mich maß – mich von Kopf bis zu Fuß musterte. Er ließ sich Zeit zu dieser Prüfung, und obgleich sie nur Sekunden in Anspruch nehmen konnte, schien es mir lange zu dauern, bis er unseren Gruß mit einem leichten Nicken erwiderte.

»Guten Morgen«, sagte er in einem Ton, der um eine Nuance freundlicher war als der, in dem er zu seiner Frau gesprochen hatte. »Wir werden Tee trinken und in zehn Minuten abreiten. Wenn wir zurückkommen, können Sie ein amerikanisches Frühstück essen.«

Sein Englisch hatte denselben amerikanischen Akzent wie das seiner Frau, von der er es gelernt hatte.

Vor dem Kamin stehend, tranken wir einige Glas Tee. Meine Absicht, das Gespräch auf die Mobilisierung und meine zensurierten Berichte zu bringen, wurde von Oberst Boyar vereitelt, der unaufhörlich über Wetter, Pferde und ähnliche Gegenstände plauderte. Karakhan sprach nicht.

Als wir den Tee getrunken hatten, ging er aus dem Zimmer und wir folgten ihm. Einige Minuten später zeigte er im Hof auf ein Pferd, das neben dem seinen stand. Wir saßen auf und ritten, von den übrigen Offizieren gefolgt, ab. Ich war zur Linken des Generals, Oberst Boyar zu seiner Rechten.

»Wie standen die Dinge in Nordafrika, als Sie dort waren?« fragte mich Karakhan, während wir unsere Pferde über die Straße führten und den Pfad einschlugen, der über die Choduninskoje-Wiesen nach Westen führte.

Ich berichtete kurz von meinen Beobachtungen über die Zustände in den spanischen, französischen und italienischen Armeen, die in Tripolis, Tunis, Ägypten, Algier und Marokko den Eingeborenen gegenüberlagen, und bemühte mich, das Gespräch auf meine letzte Meldung zu bringen, indem ich mit dem Satz schloß:

»Aber keine der europäischen Mächte in Afrika oder Europa hat ein so starkes Heer, General, wie Sie schon jetzt haben oder nach dieser Mobilisierung haben werden.«

»Welche von den Truppen in Nordafrika scheinen ihnen die beste Moral zu haben?« fragte Karakhan zurück, ohne meine Anspielung zu beachten. Er sprach, ohne mir den Kopf zuzuwenden.

Ich antwortete ihm, daß meiner Ansicht nach Mussolinis fascistische Divisionen mehr Kampfmut hätten als die englischen, französischen und spanischen Truppen.

»Ist es wahr«, fragte er mit seiner ruhigen, gleichmäßigen Stimme, »daß die Franzosen und Italiener zum Truppentransport über das Mittelmeer große Bombenflugzeuge verwenden?« Ich sagte ihm, daß ich einige Artikel über die Schranken, die derartigen Truppentransporten über das Mittelmeer gezogen seien, geschrieben hätte. Er schwieg einige Minuten und wechselte dann das Thema.

»Was halten Sie von der rumänischen Armee?«

»Nicht gerade viel«, antwortete ich. Ich erwartete, daß er lächeln würde, aber er verzog keine Miene. Er trabte sein Pferd an, und Boyar und ich taten dasselbe.

»Sie waren einmal mit Pilsudsky zusammen?« Aus dieser Frage ersah ich, daß er meinen Akt ziemlich genau studiert hatte. Ich konnte nur aufrichtig über meine Vergangenheit sprechen.

»Jawohl! Ich war bei ihm während der Kämpfe gegen Sie, General, 1921. Sie haben uns damals eine schöne Strecke laufen lassen. Von Kiew zurück bis nach Warschau. Westlich von Brest-Litowsk haben Ihre Kosaken mich und meinen Fahrer nahezu beim Schlafittchen gekriegt. Ich glaube, mein Wagen war der letzte, der in die Stadt kam.«

Eine ganze Stunde, während wir durch die Wälder im Westen der Wiesen ritten, dauerte diese seltsame Unterhaltung. Ab und zu galoppierte der General sein Pferd an, und die Kavalkade von fünfzig Berittenen donnerte hinter uns her.

Für einen Korrespondenten, der ein Interview wünscht, war es entmutigend. Nicht ich fragte Karakhan aus, er interviewte mich, sehr gegen meinen Willen. Seine Fragen bezogen sich auf fast alle militärischen Dinge – Straßen, Brücken, Bahnen, Transportwesen, Artillerie, Flugzeugabwehrkanonen, Munitionsfabriken, Proviantvorräte; die Wirkungen der Hungersnot und der Influenza-Epidemie in Europa, die Unzufriedenheit der Bevölkerungen, die Moral der Truppen und meine Ansicht über die einzelnen europäischen Heeresführer, die ich kannte.

Wir kamen zum Petrowski-Palais zurück und saßen ab. Er beantwortete den Gruß seiner Offiziere mit einem kaum sichtbaren Kopfnicken und sah aus wie ein Mann, den ein sehr wichtiges Problem beschäftigt, aber was er dachte, davon hatte ich nicht die geringste Ahnung. Ich folgte ihm mit Boyar in sein Arbeitszimmer, wo uns Tee und Zigaretten erwarteten.

Diesmal setzten wir uns. Nach einem drückenden Schweigen von wohl einer Minute, während dessen er mir ununterbrochen in die Augen sah, sagte er:

»Ich habe meinen Entschluß gefaßt. Sie bleiben bei mir, das heißt Sie bleiben in Moskau. Sie wissen viel zu viel über militärische Angelegenheiten, um sich jetzt in Rußland frei bewegen zu dürfen.

Der Bericht, den Sie gestern abend geschrieben haben, hätte meinen Plänen schaden können, deshalb wurde er nicht abgeschickt. Ich wünsche keine überflüssige Beunruhigung unter den Nachbarn Rußlands hervorzurufen.

Die Berechnungen, auf denen Ihre Schlußfolgerungen beruhen, sind richtig. Ich habe es lieber mit Verstand zu tun, selbst wenn er auf der Gegenseite steht, als mit Unwissenheit, die mir vielleicht freundlich gesinnt ist.

Es wird Ihnen nicht gestattet werden, Ihren gestrigen Bericht, auf welchem Wege immer, Ihrer Zeitung zukommen zu lassen, und zunächst wünsche ich nicht, daß Sie das Land verlassen.

Ich glaube, es wird Ihrem persönlichen Interesse und dem Interesse Ihrer Zeitungen ebenso dienlich sein wie meinem, wenn Sie hier sind; deshalb wünsche ich, daß Sie aus freiem Willen hierbleiben.

In Ihrem Akt habe ich einen Brief von General Pershing an Sie gelesen, in dem er Ihnen schreibt: ›Sie haben sich immer ehrlich und tapfer benommen, und dafür möchte ich Ihnen danken.‹ Pershing war nicht ein Mann von vielen Worten. Deshalb glaube ich, daß ich Ihnen vertrauen kann. Deshalb lasse ich Ihnen jetzt auch die Wahl zwischen Arrest und Ehrenwort.

Wenn Sie auf das Ehrenwort eingehen, wird es notwendig sein, Sie von Oberst Boyar überwachen zu lassen, was keineswegs Haft bedeutet. Diese Überwachung wird sich jedoch notwendigerweise auch auf Ihr Büro erstrecken, ich meine Ihren Piloten und Ihre Stenotypistin, die selbstverständlich nichts selbständig unternehmen dürfen.

Ich glaube, Sie werden die Bedingungen des Ehrenworts nicht hart finden; sie werden im Gegenteil von Vorteil sowohl für Sie selbst wie auch für Ihre Zeitung sein.

Wenn Sie mir Ihr Wort geben, daß weder Sie noch Ihre Angestellten Mitteilungen ins Ausland gehen lassen, die nicht die russische Zensur passiert haben, werden Sie die Erlaubnis bekommen, alles zu sehen, und wir werden dafür sorgen, daß Sie aus erster Hand offizielle Berichte über alle Angelegenheiten bekommen, welche die Welt interessieren, selbstverständlich soweit sie die Interessen Rußlands nicht schädigen.

Ich werde nicht von Ihnen verlangen, daß Sie einzelne Tatsachen verfälschen, und Sie werden nicht den Eindruck haben, daß Ihre Anwesenheit in Rußland von Ihrem propagandistischen Wert für mich abhängt. Ich brauche keine Propaganda.«

Er machte eine Pause, und ich fragte ihn, ob er mir erlauben würde, meiner Redaktion in Chicago Bericht über meine Lage zu erstatten.

Seine Antwort war: »Wenn Sie auf das Ehrenwort eingehen, ja.«

»Kann ich mein Ehrenwort geben lediglich für die Zeit, bis eine Antwort von meiner Redaktion kommt?«

Er schwieg einige Augenblicke, dann erwiderte er: »Ja, aber Ihr Bericht an die Redaktion muß Oberst Boyar vorgelegt werden.«

»Natürlich«, antwortete ich.

Karakhan erhob sich, und Boyar und ich standen auch auf.

»Ich sehe Sie beide morgen wieder, wenn die Antwort da ist. Guten Morgen!« Wir gingen.

Boyar begleitete mich nach Moskau zurück. Wenn ich schon einen Kerkermeister haben sollte, hätte ich mir keinen angenehmeren und bequemeren aussuchen können. Seine Leichtmütigkeit strafte seine fünfzig Jahre Lügen. Er nahm seine militärischen Pflichten nicht allzu ernst, er kannte das Leben, und in seinen Augen stand immer ein lustiges Zwinkern.

Als wir ins Hotel kamen, sah ich, daß an den Türen, die zu meinen Zimmern führten, zwei Soldaten standen. Auf einen Wink Boyars traten sie zur Seite, und wir gingen hinein; drin fanden wir zwei weitere Wachtposten vor. Whit Dodge und Margot Denison saßen auf einem Diwan vor dem Kamin.

»Was ist denn passiert?« rief Whit aufspringend. »Ich wollte Sie hier aufsuchen, und während ich mit Ihrer Sekretärin sprach, kamen die Soldaten und sagten uns, wir wären unter Arrest. Hoffentlich hat das nichts mit Ihrer Intervention bei der Tscheka für mich zu tun.«

»Das hängt gar nicht damit zusammen«, beruhigte ich ihn. »Eine Kollision mit der Zensur. Hüten Sie die Bürogeheimnisse, Margot. Vergessen Sie nicht, daß Mr. Dodge auch Korrespondent ist.«

»Alles, was für die Tribune von Wert ist, ist in Ordnung, außer einer Sache«, antwortete das Mädchen. »Von Speed fehlt jede Nachricht.«

Ich hörte Margot zum erstenmal Binneys Vornamen gebrauchen, und in ihrer Stimme klang eine Besorgtheit mit, die sich augenblicklich auf mich übertrug. Da er die Wichtigkeit der Nachricht kannte, war es nicht ausgeschlossen, daß er in seiner Waghalsigkeit überflüssige Gefahren auf sich genommen hatte, um seine Aufgabe durchzuführen.

»Wenn Sie von Ihrem Piloten, Mr. Binney, sprechen«, sagte Boyar, als er ein zusammengefaltetes Papier gelesen hatte, das ihm von einem der Soldaten übergeben worden war, »kann ich Ihnen verraten, daß er unter Bewachung auf dem Flugfeld ist.«

Er führte ein längeres Telephongespräch in russischer Sprache und hörte aufmerksam Antworten zu, die ihn zu amüsieren schienen, denn er lachte fast ununterbrochen. Er hängte den Hörer auf und sagte:

»Kamerad Gibbons, Ihr kühner junger Flieger scheint zwar sehr tüchtig mit seinen Fäusten zu sein, aber jetzt hat er sich doch davon überzeugen müssen, daß er es nicht allein mit der ganzen russischen Armee aufnehmen kann.

Unsere Luftpatrouillen erwarteten ihn gestern nacht, als er an der Grenzstation Sebosch vorüberfliegen wollte, ohne sich um die Formalität des Landens zu kümmern. Er wurde heruntergeholt und verhaftet, wenn auch nicht ohne heftigen Widerstand, den unsere Flieger schließlich überwinden konnten. Dann wurde er mit dem Nachtzug nach Moskau zurückgeschafft. Ich lasse ihn jetzt hierher bringen.«

»Er ist doch nicht verletzt worden?« fragte Margot beunruhigt.

»Oho!« rief Boyar aus und lächelte Margot vielsagend zu. »Die entzückende Dame ist interessiert, dann muß die entzückende Dame wissen, daß ihr Wolkenkavalier keine ernsthaften Erinnerungen an den Kampf davongetragen hat. Aber die Rote Luftflotte hatte einige Verwundete, die sich bestimmt bei der nächsten Gelegenheit revanchieren werden.«

»Hoffentlich stecken sie ihn nicht in meine Zelle bei der Tscheka«, sagte Dodge.

Eine halbe Stunde später wurde Speed Binney von zwei Posten bei uns abgeliefert. Als er in der Tür stand, mußten wir alle laut auflachen. Er hatte ein wunderschönes blaues Auge.

Während Dodge ein reichliches Frühstück bestellte und Binney sich zurückzog, um sich zu säubern, diktierte ich eine Depesche an die Redaktion, in der ich Karakhans Vorschlag auseinandersetzte und um Instruktionen bat. Boyar gab seine Zustimmung und schickte sie mit einem unserer Soldaten zum Telegraphenamt. Dann hatten wir ein vergnügtes Frühstück, bei dem Boyar am oberen Ende des Tisches wie ein glücklicher Vater präsidierte.

Binney erzählte von seinem Boxkampf mit den Fliegern und von seiner Gefängniszelle.

Boyar trank auf unser aller Wohl, und wir verbrachten einen vergnügten Tag, während ich meine Instruktionen aus Chicago abwartete, die über meinen künftigen Aufenthalt in Moskau entscheiden sollten. Spät in der Nacht bekamen wir Antwort. Sie lautete:

 

DRINGEND

1 NOVEMBER 1932
X M CHICAGO

GIBBONS / CHITRIB
MOSKAU

GEBT EHRENWORT BLEIBT BEI KARAKHAN STOP KABELT TAEGLICH BERICHTE UEBER IHN UND POLITISCH MILITAERISCHE ENTWICKLUNGEN IN RUSSLAND UNTER NEUEM REGIME STOP RIESENINTERESSE IN DER GANZEN WELT

CHITRIB

 

So blieb ich also auf Ehrenwort in Rußland. Ich gab Karakhan das Versprechen, daß ich alle Mitteilungen durch seine Zensurstelle laufen lassen würde, und erhielt dafür von ihm die Versicherung, daß man meinen Bewegungen nichts in den Weg legen und mir alle Möglichkeiten zu Beobachtungen und Untersuchungen geben würde.

Oberst Boyar, offiziell mein Aufseher und Zensor, wurde in Wirklichkeit mein Begleiter und Gefährte. Diese Beziehung, die sich noch zu einer langen persönlichen Freundschaft entwickeln sollte, bot mir viele Erleichterungen und Vorteile.

Mehr als jemals war ich jetzt davon überzeugt, daß Ereignisse von der größten Bedeutung unmittelbar bevorstanden. Aber meine wildesten Befürchtungen blieben weit hinter der Wirklichkeit zurück, die ich mit eigenen Augen sehen sollte.

Ich konnte täglich einige Depeschen durchbekommen, die aber im wesentlichen nur offizielle Verlautbarungen der neuen Diktatur enthielten. Karakhan bewilligte mir das erste Interview seines Lebens, verbarg aber seine eigentlichen Gedanken dabei so gut, daß die internationalen Wirkungen des Interviews fast völlig belanglos waren. Ich schmückte den Bericht mit einer Charakterskizze dieses seltsamen europäisierten Asiaten aus, der für die übrige Welt noch immer ein Rätsel war. Und das war er übrigens auch für mich.

Mein lebhaftestes Interesse galt der rapiden Entwicklung von Rußlands furchtbarer Militärmacht. Ich schrieb Dutzende von Artikeln über diesen Gegenstand, aber Boyar unterdrückte alle mit dem lächelnd ausgesprochenen Verdikt: »Noch nicht!«

Ich konstatierte, daß in den letzten achtzehn Monaten Tausende neuer und gebrauchter Automobile aus Amerika nach Rußland gekommen waren. Diese alten Fahrzeuge, die den amerikanischen Automobilmarkt einigermaßen verstopft hatten, kamen nach Rußland über den Stillen Ozean, das Schwarze Meer und baltische Häfen und wurden in rasch aufgestellten Werkstätten, in denen Hunderte von deutschen Mechanikern beschäftigt waren, überholt.

Unzählige Flugzeugteile waren aus Deutschland, der Tschechoslowakei, Österreich und auch aus Japan importiert und unter der Leitung deutscher Ingenieure in Heeresdepots in ganz Europäisch-Rußland für eine rasche Montage fertig gemacht worden.

Die Fabriken, die Ford und die American General Electric Company 1929 in Rußland eingerichtet hatten, wurden in großem Maßstab erweitert.

Große Vorräte von altem Phosgengas aus dem Weltkrieg, die in den Jahren nach dem Waffenstillstand von 1918 aus Deutschland verschwunden waren, lagerten in unterirdischen Kammern der alten russischen Festungen. In den Jahren 1931 und 1932 hatte man ungeheure Mengen neuer Chemikalien eingeführt und Maschinen zur Granatenerzeugung aufgestellt.

Während die alte russische Armee noch mit den altmodischen Gewehren ausgerüstet war, die sechsschüssige Magazine verfeuerten, waren neue Vorräte von automatischen Gewehren und Maschinenpistolen heimlich aufgestapelt worden und lagen gebrauchsbereit da.

Meine Berichte über die Requisition Tausender von Pferden aus der Mongolei und Zentralsibirien fielen dem Rotstift des Zensors zum Opfer. Meine Depeschen über die Bereitstellung von Korn und Nahrungsmitteln für militärische Zwecke – die Requisitionen wurden so streng durchgeführt, daß die Kornspeicher des Wolgagebietes ganz entblößt waren – durften niemals die Grenze überschreiten.

Die Nahrungsmittelknappheit in Rußland führte fast automatisch zu einer Rationierung für die Zivilbevölkerung, aber zu jeder Tagesstunde setzten die Moskauer Sendestationen ihre Vorträge fort, in denen sie die Schuld an diesen Verhältnissen der Zusammenarbeit kapitalistischer Mächte zuschrieben, die einen eisernen Ring um Rußland bildeten.

Maliks Propaganda-Agenten steigerten die Kriegsangst und sprachen immer wieder von konterrevolutionären Verschwörungen und Intriguen gegen das neue Regime.

Am 1. Dezember kam es wieder zu einer Revolte der bessarabischen Bauern gegen die rumänische Regierung, und wieder machten sich Tausende auf den Weg, um ihre Sorgen dem König in Bukarest vorzutragen.

Die Revolte hatte keine größere Ausdehnung und war nicht ernsthafter als alle anderen, zu denen es fast in jedem Jahr seit 1928 gekommen war, und die Bewegungen der rumänischen Armee auf den Dnjestr zu waren nicht umfassender als bei den früheren Unruhen, aber Karakhan hatte in der rumänischen Mobilisierung einen Vorwand zur Verschiebung von Truppen in westlicher Richtung.

In Odessa, Kiew, Homel, Minsk und Smolensk richteten sich Armeegruppenkommandos ein. Tag und Nacht durchfuhren Truppenzüge mit Zielen im Westen und im Süden Moskau. Ich erfuhr, daß große Truppenteile von der Wolga in das Gebiet von Charkow und Jekaterinoslaw verlegt worden waren.

Meine Berichte über diese Verschiebungen wurden unterdrückt, aber die Nachrichten von der Westmobilisierung drangen auf anderen Wegen in die Welt.

Moskau gab offizielle Verlautbarungen aus, von denen ich einige weiterleitete; darin wurde festgestellt, daß keinerlei Truppenteil weniger als zwanzig Meilen von der russischen Westgrenze entfernt sei, und daß die Sowjetunion lediglich Maßnahmen zur Verteidigung ihrer inneren Sicherheit unternommen habe.

Mitteilungen aus den europäischen Büros der Chicago Tribüne informierten mich über die Angst, die in diesen furchtbaren Tagen des Dezembers 1932 den ganzen Kontinent ergriffen hatte. Frankreich, Italien und Spanien stellten die Einschiffung der Verstärkungen für ihre in Nordafrika kämpfenden Armeen ein, und das gesamte Interesse konzentrierte sich auf Moskau.

Dann kam am Silvesterabend wie ein Blitz aus heiterem Himmel die unerklärliche Giftgasexplosion in der Warschauer russischen Botschaft, die den Tod des roten Gesandten Igor Jader und von acht Mitgliedern seines diplomatischen Korps zur Folge hatte.

Die Nachrichten über diese Katastrophe erreichten Moskau in den frühen Morgenstunden des ersten Tages im neuen Jahr und wurden augenblicklich durch das Radio bekanntgegeben.

Die Ansager nannten die Explosion »ein Großattentat«.

Diese Nachricht wurde zur Bestätigung der Befürchtungen, die so lange offiziell genährt worden waren.

Hier hatte man den Beweis und die Tatsachengrundlage für die Kriegsgefahr, welche die Sowjetregierung auftauchen sehen und mit der Ernennung Karakhans zum Oberkommandierenden der russischen Verteidigungskräfte erwidert hatte.

Alles blickte auf den neuen Diktator.

Der polnische Gesandte in Moskau machte ihm einen Besuch, entschuldigte sich persönlich und sprach sein tiefstes Bedauern über die tragischen Vorgänge in Warschau aus.

Karakhan war kühl. Er wies darauf hin, daß dies der zweite Botschafter sei, den Rußland durch einen Mörder in Warschau verliere. Diplomatische Schritte hätten in dem früheren Fall zu nichts geführt.

»Polen hat von den Vertretern Rußlands in Polen seine schützende Hand abgezogen«, sagte er, nicht einmal ärgerlich oder auch nur streng.

Karakhans Entschluß war scharf und endgültig.

Als er ihn dem polnischen Gesandten gegenüber aussprach, zeigte sich auf dem gelben Gesicht des roten Diktators ein Lächeln.

»Die Warschauer Mörder werden vor einem russischen Kriegsgericht in Warschau verhört werden.«

Das war Krieg.

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