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Der rote Napoleon

Floyd Phillips Gibbons: Der rote Napoleon - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFloyd Gibbons
titleDer rote Napoleon
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1930
printrun1. - 5. Tausend
translatorFranz Fein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190129
projectid2609b641
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Heute haben wir den 17. Juli 1941.

Es ist der fünfte Jahrestag seit der Beendigung des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Weltunion der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

Hier auf der Veranda des alten Bermudiana-Hotels in Bermuda ist es sehr behaglich; eine warme Brise bewegt das Palmenlaub, und die Blätter glänzen in dem weißglühenden Licht der Sonne, als wären sie von einem Farmersjungen mit freigebiger Hand eingefettet worden.

In einem Korbstuhl, sechs Meter von mir entfernt, sitzt der Mann, der die Welt erzittern ließ – der Mann, der, in trotzigem Stolz auf seine farbige Haut, alle Minderwertigkeitsgefühle überwindend, den brennenden Ehrgeiz entwickelte, alle Rassen – weiße, gelbe, schwarze, braune und rote – zu einer Menschenrasse zu verschmelzen, der einzigen, die er anerkennt.

Als Vertreter der Weltpresse habe ich die Aufgabe, hier auf dieser paradiesischen Insel zu sitzen und diesen Mann langsam sterben zu sehen. Täglich berichte ich über sein Befinden im Exil und über die Gedanken, die er sich über seine militärischen Siege und Fehler macht.

Ich zitiere seine Erwägungen über das Scheitern seines Strebens, die zahllosen farbigen Frauen, die im Lauf der Jahrhunderte die Beute weißer Männer waren, durch die Auslieferung weißer Frauen an gelbe und schwarze Männer zu rächen.

Er ist besiegt, aber nicht gebrochen, seine Heere sind aufgelöst, seine Flotten versenkt, seine Luftgeschwader abgeschossen, dennoch bleibt er das trotzige Symbol der unbeugsamen Willenskraft, die der Welt die Politik der Rassenmischung diktierte und seinen Kriegshorden befahl: »EROBERE UND ZEUGE.«

Auch heute noch, im Exil, trägt er das stolze und überzeugte Benehmen zur Schau, mit dem er seinen Anhängern ein Vorbild gab, als er eine Amerikanerin zur Frau nahm, die ihm drei Halbblutsöhne gebar.

Er denkt nicht daran, von seiner Überzeugung zu lassen. Er ist stolz darauf, daß so viele Kinder seine mongolischen Züge geerbt haben, die Kinder anderer weißer Frauen, die er um ihrer Schönheit, ihres Verstandes und ihrer sozialen Stellung willen dazu bestimmt hatte, zu Müttern seiner Nachkommenschaft zu werden.

Und von den Tausenden der Eurasier-, Mulatten- und Mestizenkinder, der halb gelben, halb schwarzen, halb braunen und halb roten Kinder, die überall in Europa, in Nord- und in Südamerika, wo seine siegreichen Heere gewesen waren, von weißen Frauen zur Welt gebracht wurden, sagt er, sie seien das bleibende Zeichen, das er der Bevölkerung der Welt aufgedrückt habe, er nennt sie den ersten Schritt auf dem Weg zur »Befreiung der Menschheit vom Fluch des Rassenvorurteils.«

Im Jahre 1928 – die seitdem vergangenen dreizehn Jahre des Blutvergießens kommen mir vor wie ebenso viele Jahrhunderte – 1928 kam ich als überzeugter Pazifist von Europa nach Amerika zurück. Mir war übel vom Krieg. Als Berichterstatter war ich vierzehn Jahre lang im Krieg gewesen.

Kämpfe in Mexiko, Gefechte an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, dann der Weltkrieg (zur Beendigung aller Kriege). Der Waffenstillstand und der Friedensschluß von 1918 ließen mich denken, meine blutige Aufgabe sei beendet, aber das war erst der Anfang.

Von 1918 bis 1928 machte ich in jedem Jahr einen Krieg mit – den polnisch-russischen Krieg, mehrere Aufstände in Deutschland, den Krieg in Irland, den Krieg im Baltikum, den Krieg in Südrußland, den Krieg in Sibirien, den Krieg im nahen Osten, den Krieg in China, den Krieg in Marokko, die Revolution in Polen und den Krieg in Nicaragua.

Aber woher sollte ich wissen, daß die nächsten zehn Jahre – diese furchtbare Dekade von 1928 bis 1938 – mir die Pflicht bringen würden, noch blutigeren Schauspielen beizuwohnen?

Wie konnte ich das erbarmungslose Vergießen weißen Blutes in Südasien und das australische Massaker voraussehen? Wie konnte ich wissen, was in Nordafrika bevorstand? Wie sollte ich ahnen, daß ein neues, kämpfendes Europa sich wieder in ein Schlachthaus verwandeln würde?

Wie konnte ich mir vorstellen, daß ein blockiertes, gänzlich isoliertes Amerika gegen die ganze Welt kämpfen würde, bedroht von der stärksten, brutalsten, grausamsten Heeresmacht, die jemals unter einem einzigen Banner vereint war?

Wie konnte ich ahnen, daß ich den Führer dieser Streitkräfte auf seinen Eroberungszügen begleiten, daß ich mit ihm und gegen ihn kämpfen würde, daß ich auf den Höhen seines Ruhmes und auch heute noch in der Tiefe seines Falles bei ihm sein würde?

Wie konnte ich auf den Gedanken kommen, daß ich jetzt im Jahre 1941 in Bermuda stationiert sein würde, um die Geschichte dieser schrecklichen Ereignisse aufzuzeichnen, neben dem sterbenden Mann, dessen eiserner Wille, dessen militärisches Genie und verzehrender Ehrgeiz die Welt an den Abgrund der Zerstörung brachten?

Ich war mein ganzes Leben lang Berichterstatter, und dieser Bericht wird von den Tatsachen nicht abweichen; aber der Zusammenhang zwischen den Ereignissen und dem Mann, der ihr Urheber war, ist so eng, daß diese Zeilen sowohl biographisch wie historisch sein werden. Und meine Beziehungen zu ihm waren so nah, daß vieles von dem Folgenden auch autobiographisch sein wird. Man sagt, daß niemand ihn besser kennt als ich, und ich glaube auch, daß das richtig ist.

Karakhan von Kasan ist mit seinen einundvierzig Jahren noch ein junger Mann. Das Alter hat seine ein Meter fünfundachtzig hohe Gestalt nicht gebeugt und ihm nichts von seiner Schlankheit genommen. Nur in der Blässe seiner Haut verrät sich die Krankheit, an der er langsam stirbt.

Hier in der Verbannung legt er nur selten die Uniform an, die er auf seinen Eroberungszügen trug. Meistens ist er gekleidet wie heute, in seinen halb tropischen Zivilanzug von hellbrauner Farbe, dessen einzige Konzession an das Militärische der am Hals geschlossene Kragen ohne Revers ist.

Sein schwarzes Haar, das jetzt über den Schläfen ein wenig ergraut ist, trägt er noch immer so kurz geschoren, wie wir es von den Photographien und Karikaturen der letzten zehn Jahre kennen. Noch immer hat er seine alte Abneigung gegen Bart und Schnurrbart und bleibt glatt rasiert. Die Kugelnarbe, die auf allen Photographien so deutlich zu sehen ist, hebt sich weißschimmernd von der Zitronenfarbe seiner Haut ab.

In den schwarzen Augen brennt noch immer das Licht, das in ihnen leuchtete, als er im Jahre 1933, fünf Tage nach der dritten Marneschlacht, in Paris den europäischen Frieden diktierte.

Seine gut gepflegten Hände mit den langen Fingern ruhen ausgestreckt auf der Lehne seines Sessels. In seinem Schoß liegt eine aufgeschlagene Karte des Karaibischen Meeres. Heute hat er die Schlacht an der Windward-Passage studiert, der Militärkritiker seine Niederlage zuschreiben.

Seine Blicke schweifen über den blauen Atlantik, er scheint die Gewässer zu betrachten, in denen seine Sonne untergegangen ist.

Meine nahen Beziehungen zu Karakhan stammen aus dem Herbst 1932, aber angesichts der vielen Biographien und Kommentare, die über »die Geißel der Welt« geschrieben worden sind, halte ich es jetzt für notwendig, kurz über die Herkunft dieses unermüdlichen Dynamos in Menschengestalt zu berichten, der seinen Namen mit blutigen Lettern in der Liste der größten Soldateneroberer an die oberste Stelle geschrieben hat.

Karakhan von Kasan wurde am 16. Juli 1900 in dem Dörfchen Almas an den Abhängen des Ural geboren, im Osten von Kasan, der Hauptstadt der Tartarenrepublik, die an der östlichen Grenze des europäischen Rußlands liegt.

Sein Vater, Fjodor Karakhan, stammte von einer langen Reihe mongolischer Kämpfer ab und war Rittmeister bei den Donkosaken. Er war wohl Kosak, aber er fühlte sich seinen Gefährten überlegen, weil seine Haut etwas heller war als die der anderen, und dieses Gefühl, etwas Besseres zu sein, manifestierte sich bald in seinen Beziehungen zu der Frau, die er heiratete. Aral war die Tochter eines dunkelhäutigen Kosaken und einer Mongolenfrau. Karakhan der Ältere wußte ihre Mitgift sehr wohl zu gebrauchen, betrachtete sie selbst aber als reine Asiatin, als ein Geschöpf von niedriger Abkunft, und behandelte sie auch ganz offen so.

Diese Frau war die kraftvolle Mutter des Knaben, der später das Banner der Rassengleichheit entfalten und seine Siege über die ganze Welt tragen sollte. Zweifelsohne trank er mit der Milch seiner Mutter den Widerwillen ein, den sie gegen den Vater empfand. Sie erzog ihren Sohn als Gelben und zum Haß gegen die Macht der Weißen.

Er wurde in einem Zelt geboren, während eines Besuches seiner Mutter auf den Weidegründen der großen Herde mongolischer Pferde, welche die Mitgift waren, die sie ihrem Mann gebracht hatte.

Der Knabe war wohl auch ein wenig stolz darauf, daß sein Vater Soldat war, aber von seiner Mutter erbte er die Wirtschaftlichkeit, die Ausdauer und Hartnäckigkeit, die es ihm später möglich machen sollten, seine militärischen Gaben im vollsten Maße auszunutzen.

Vater Karakhan schien die Lustbarkeiten Kasans der sparsamen Wirtschaft seiner Frau vorzuziehen. Sie und die Kinder verbrachten die meiste Zeit auf den Bergen bei den Herden.

Sie lebten, wie die Hirten lebten, und mit diesen Männern wuchs der künftige Weltdiktator auf. Der Vater besuchte sie nur selten, und der junge Karakhan empfand eine respektvolle Scheu vor ihm. Aber seine früheste Erinnerung an seinen Vater war unangenehm.

Das erzählte er mir eines Tages, als ich ihn fragte, warum er niemals einen Bart oder einen Schnurrbart getragen habe. Er antwortete mir, sein Vater habe ihn bei dem ersten Besuch, dessen er sich entsinnen könne, hochgehoben und auf den Mund geküßt.

Das Kind war damals vier Jahre alt und konnte später nie vergessen, daß der schwarze, struppige Bart des Vaters feucht war und einen Geruch ausströmte, der, wie er später erfuhr, von türkischem Tabak, Wodka und rohen Gurken stammte.

Und noch in diesem Jahr fiel der ältere Karakhan in einer selbstmörderischen Attacke an der Spitze der Reiterei des Zaren vor Mukden. Er kehrte niemals aus dem russisch-japanischen Krieg heim, aber er hinterließ in Kasan so viele Schulden, daß Mutter Karakhans stolze Herde, die tausend Pferde gezählt hatte, auf einige Dutzend zusammenschmolz und das Familienvermögen fast ganz zunichte wurde.

Der Kamerad des jungen Karakhan auf den Uralebenen war ein alter tartarisch-mongolischer Veteran, der sein Leben als Hirte wieder aufgenommen hatte. Dieser alte Krieger, der seinen rechten Arm im Dienst des weißen Zaren verloren hatte, lehrte Karakhan lesen und schreiben.

Er hieß Sabutai, und von ihm hörte Karakhan zum erstenmal die tartarischen und mongolischen Legenden von dem großen Sabutai, dem kühn reitenden und kühn kämpfenden Stellvertreter des großen Dschingis-Khan. Von ihm hörte er, wie die Yakschwanz-Standarte des mongolischen Eroberers Tod und Vernichtung verbreitet und über ein Reich geherrscht hatte, dessen Gebiet sich vom Gelben Meer bis zum Persischen Meerbusen erstreckte.

Von Sabutai hörte er zum erstenmal die Geschichten vom großen Khan der Tartarei – dem großen Khan von Kasan, dem die weißen Russen aus dem Westen, sogar der allgewaltige Iwan der Schreckliche, Tribut bezahlt hatten, um sich gegen die Beutezüge der tartarischen Horden zu sichern. Das waren die Lagerfeuererzählungen, die der Knabe in kalten Nächten auf Hügeln hörte, während sie die im Tal unten schlafenden Herden bewachten. Das waren seine ersten Lehren, das legte die Grundlage zu seinen Träumen, einer zu werden, der es Dschingis-Khan, Sabutai, Alexander, Caesar, Hannibal, Attila und Napoleon zuvortun sollte.

Von Sabutai lernte er zunächst reiten und dann schießen, vor allem jedoch ausdauernd sein. Von Sabutai lernte er die Verachtung des Bergbewohners für dicke Männer.

Dicke Männer waren keine Männer. Dicke Männer waren zum Schlachten gemästete Ochsen. Sie waren nicht freie Männer, sie waren Sklaven. Sie glichen Eunuchen. Sie waren die Beute des Mäßigen, der die Kraft hatte, seine Lüste dem Willen zu unterwerfen.

Von Sabutai lernte der junge Karakhan spartanische Enthaltsamkeit. Es war sein Stolz, nach einem Tagesmarsch die volle Lederflasche an seinem Sattel zu zeigen, aus der er sich während des Rittes keinen Trunk gegönnt hatte.

Es war kalt in der Nacht, wenn man im Freien unter einer einzigen Pferdedecke in den Kleidern schlief, aber Sabutai tat es, und Karakhan lernte es von ihm. Es war eine Entbehrung, die weder von der Natur noch von den Umständen geboten, sondern vom Willen diktiert war, und der Lohn, den sie versprach, war Überlegenheit und Macht über die, welche ihren Willen nicht so meistern konnten.

Sabutai war es, der den Knaben in der wilden asiatischen Philosophie mit Beispielen aus der Natur unterrichtete. Leben und Macht waren der Lohn des Starken, Sklaverei und Tod die Strafe des Schwachen, Unsittlichkeit war Genußsucht, Sittlichkeit Selbstzucht.

Karakhan lernte jeden Mann, den er traf, abschätzen. War der Mann stark, so mußte er geachtet, beobachtet, mit Argwohn betrachtet und gefürchtet werden, man mußte auf der Hut vor ihm sein und gleichzeitig sorgfältig suchen, ob man den schwachen Punkt in seiner Stärke zu finden vermöchte, weil dieser schwache Punkt einem Klügeren die Gelegenheit geben könnte, ihn zu überwältigen. War er schwach, dann war es in Ordnung, war es moralisch und richtig – einfach natürlich – daß der Stärkere diese Schwäche unter die Herrschaft seines Willens brachte.

Diese Lehren zeitigten im Frühling seines zwölften Lebensjahres ihr erstes Resultat. Er war mit Sabutai und der Herde im oberen Ufagebiet. Eine Stunde vor der Dämmerung bemerkte das ungleiche Paar, während sie ihren Becher heißen Tees tranken und ihren gebackenen Kaschakuchen aßen, eine Bewegung unter den Pferden im Tal unter ihnen. Bald galoppierte die Herde aufgescheucht in zwei Richtungen auseinander.

Sowohl Karakhan wie Sabutai wußten, was das zu bedeuten hatte. Es waren Pferdediebe. Einige hastige Worte wurden gesprochen. Der alte Mann und der Knabe sattelten ihre Reitpferde, und dann war Karakhan hinter der Herdenhälfte her, die durch den Fluß getrieben worden war.

Als die Sonne aufging, ritt er in einem Wald an der Flanke der Herde, die von einem einzelnen Tartarenreiter geführt wurde. Der Knabe stieg ab, legte seine schwere Büchse an, und eine Kugel pfiff über die Lichtung. Das Pferd des Reiters stürzte und schleuderte den Tartaren zu Boden, der aufzustehen versuchte, aber wieder zusammenbrach.

Karakhan band sein Pferd an und durchmaß vorsichtig die zweihundert Meter, die ihn von dem Verletzten trennten. Sein Gewehr war frisch geladen, sein Finger lag am Abzug.

Aus einer Entfernung von zwanzig Metern sah er, daß der Dieb durch seinen Sturz entwaffnet war. Dummkopf! Ihn hatte Sabutai gelehrt, das Gewehr immer am Rücken oder in der Hand zu haben und niemals am Sattel festzubinden.

Das Gewehr schußbereit, ging der Knabe auf den anderen zu. Das Gesicht des Tartaren war vor Schmerz verzogen, er hatte sich ein Bein gebrochen.

Der Mann blickte dem Knaben mit dem Gewehr in die Augen. Karakhan sah ihn an. Kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt.

Beide wußten Bescheid.

Auf zehn Schritt Distanz schickte Karakhan ihm eine Kugel zwischen die Augen. Ein rascher Blick auf das Loch in der Stirn des Toten, und der Knabe ging zu seinem Pferd zurück, saß auf und ritt zu der Herde, die mittlerweile zu weiden aufgehört hatte. Er versammelte die Tiere und trieb sie zur Furt zurück.

Die Pferde scheuten vor der ruhigen Gestalt auf dem Rasen und wichen ihr zu beiden Seiten weit aus. Karakhan stieg neben der Leiche aus dem Sattel. Gefühllos drehte er sie um, untersuchte die Taschen des Schafsfellgewandes und entnahm ihnen ein Messer, einen Hornlöffel und einen ledernen Tabaksbeutel. Ohne einen Blick hinter sich zu werfen, stieg er wieder auf, ritt der Herde nach und kehrte zu Sabutai zurück, der den anderen Teil der Pferde wiedergeholt hatte.

Es war sein erstes Töten. Es machte gar keinen Eindruck auf ihn. Er hatte nach seinem Kodex das Richtige getan und war stolz darauf, daß er dazu imstande gewesen war.

In den stürmischen Jahren, die dann folgten, als das Töten unter seinem Befehl Tausende und Hunderttausende von Opfern erforderte, blieb er ebenso unberührt. Ihm war die Überwindung des Schwachen durch den Starken das Gesetz der Natur.

Von seinem zehnten bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr verbrachte Karakhan die Winter bei seiner Mutter. Die Familie war verarmt. Die Weiden waren schlecht gewesen, Pferde waren umgestanden, es konnte nur wenig verkauft werden, und die Preise waren niedrig. Oft fiel es Mutter Karakhan schwer, ihre drei Knaben und zwei Mädchen zu ernähren und zu bekleiden.

In Kasan leitete ein ehemaliger Offizier eine Schule für Offizierskinder. Mutter Karakhan konnte das Schulgeld nicht aufbringen, aber Oberst Subiloff war ein Kamerad ihres Mannes gewesen, und der junge Karakhan bezahlte einen Teil seines Schulgeldes, indem er ab und zu Pferde für den Oberst zuritt.

Über diese vierjährige Schulzeit in Kasan berichtet eine kurze Monographie, »Die Schulzeit Karakhans von Kasan«, die Oberst Subiloff zwei Monate vor seinem Tode beendete.

»Den stärksten Eindruck«, heißt es da, »machten auf mich seine Aufmerksamkeit, seine Wißbegier, seine Wortknappheit und sein übergroßer Fleiß. Für die Spiele und sportlichen Betätigungen seiner Kameraden hatte er nur Verachtung. Schließlich war sein Leben unter Sabutai mit den Herden im Ural ein viel interessanterer Sport gewesen als alle Spiele auf unserem kleinen Turnplatz.

Karakhans leidenschaftliches Interesse für die exakten Wissenschaften war auffallend. Er besaß ein Gedächtnis, das ein Studieren nahezu überflüssig machte. Mathematik, vor allem rasche Berechnungen im Kopf, schien ihm anzufliegen. Die Geographie war für ihn, was die Filme für den Schuljungen von heute sind.

Karten lebten für ihn. Er maß auf ihnen Entfernungen in Tagesreisen zu Fuß, zu Pferd, zu Schlitten, zu Bahn und zu Schiff. Schon damals versuchte er Entfernungen in Flugstunden auszudrücken.

Der Geschichtsunterricht war eine Erholung für ihn.

Es kam ihm nie auf die Größe von Ereignissen an oder auf die malerischen Zeremonien, von denen sie begleitet waren, sein Interesse galt immer ausschließlich den Bedingungen und Verhältnissen, die ihre Ursache gewesen waren, und den Wirkungen, die sie zur Folge hatten.

Große historische Gestalten studierte er aufmerksam, ohne sie jedoch zu bewundern. Er war kein Heldenverehrer, und seine Gewandtheit im Aufsuchen ihrer Irrtümer war größer als seine Anerkennung für ihre Leistungen.

Als er den Plutarch gelesen hatte, sagte er mir einmal, er wüßte jetzt, welche Fehler jeder einzelne von ihnen begangen hätte. ›Ich glaube, jedermann begeht Fehler‹, sagte er. ›Je größer der Mann, desto kleiner der Irrtum. Die kleinen Irrtümer der Großen sind die großen Lehren der Kleinen.‹«

Unter seinen Schulkameraden hatte Karakhan wenige Freunde. Es war ihm stets bewußt, daß er schlechter gekleidet war als die anderen. Sie konnten ihr Taschengeld in Rubeln zählen, er hatte selten Zweikopekenstücke zum Klimpern. Er vergaß nie ihre hellere Haut und ihr überlegenes Gebaren, und das machte ihn sie hassen. Aber er war seiner Überlegenheit sicher.

Der junge Karaloff, der Sohn eines wohlhabenden Generals, zog ihn eines Tages nach Schulschluß auf. Karaloff war drei Jahre älter und schwerer als er.

»Gelber Junge aus den Bergen«, sagte er, »du hast Läuse in deinem Schafspelz, und du stinkst wie eine Bergziege.«

Karakhans Hand packte plötzlich das linke Handgelenk des Generalssohnes in einem überraschend starken Griff. Wortlos, mit flammenden Augen, drehte er langsam das Gelenk nach außen und hinten. Der ältere Knabe, den dieses plötzliche Manöver wehrlos gemacht hatte, wand sich vor Schmerzen. Karakhan preßte ihn auf die Knie.

Karaloff rief seine Kameraden, aber diese hatten die Wut in den klein gewordenen Augen des ruhig Gebliebenen gesehen und hüteten sich davor, sich einzumischen.

»Spür, wie die Laus beißt«, sagte Karakhan gelassen. »Lern die Stärke der Bergziege kennen. Ist ihr Geruch dir jetzt angenehmer?«

»Hör auf! Du tust mir weh! Ich hab' es nicht ernst gemeint. Es tut mir leid. Bitte hör auf, du brichst mir den Arm. So helft mir doch einer«, jammerte der andere.

Karakhan warf ihn um und ließ dann los. Über ihm stehend sagte er: »Mutters Schoßhündchen kann jetzt nach Hause gehen und sich neues Parfum holen. Pudel riechen besser als Bergziegen, aber das ist auch alles, was sie können.«

Und noch einmal wurde der Stolz des Knaben durch einen Zwischenfall verletzt, der in der Nachbarschaft seiner Mutter viel Gelächter auslöste. Jedes Lachen war ein Dolchstich für ihn, als er den Grund erfuhr.

Ein weißer russischer Marktschreier, der sich seinen Wodka und sein kärgliches Brot damit verdiente, daß er in Wirtshäusern mit seiner Ziehharmonika schlechte Musik machte, wurde einmal von Mutter Karakhan über Nacht aufgenommen. Der junge Karakhan und die anderen Kinder waren am nächsten Morgen nicht zu Hause, als der wandernde Sänger für sein Bett zu bezahlen versuchte, indem er Mutter Karakhan einlud, es mit ihm zu teilen.

Der weiße Mann lief halb nackt aus dem Haus, verbrüht von einem halben Kessel kochenden Wassers, den die Mutter ihm nachschleuderte.

Der junge Karakhan, bleich vor Wut, aber ohne ein Wort zu sprechen, hatte in der nächsten Nacht sein Messer bei sich, als er die Trinkhäuser Kasans vergeblich absuchte. Zahllose Weiße, Männer und Frauen, sollten in der Zukunft dafür bezahlen.

Die Schulzeit war im Frühjahr 1914 zu Ende. Das war auch der letzte Sommer, den er mit Sabutai in den Bergen verbrachte. Eine neue Schule sollte ihm in diesem Jahr eröffnet werden, eine Schule, in der er lernte, was ihn zur Geißel der Welt machte.

Rußland mobilisierte – Krieg.

Rußland brauchte Pferde.

Militärbeamte brachten die Nachricht in die abgelegene Uralgegend. Alle verfügbaren Tiere wurden an den Eisenbahnknotenpunkten konzentriert. Mutter Karakhan verkaufte dreihundert kräftige Mongolenpferde an die Heeressammelstelle in Kasan und steckte eine Regierungsanweisung auf dreißigtausend Rubel ein.

Die Herde war auf den Weidegründen. Sabutai und der Knabe wurden von den Anordnungen in Birsk im oberen Wolgagebiet erreicht. Im Süden der Ufa gab es eine Eisenbahnstrecke, aber die war verstopft. Tausende von Pferden, zu deren Transport das Waggonmaterial nicht ausreichte, waren von den Bergen herunter gebracht worden.

Die Quartiermeisterei in Ufa gab Sabutai den Befehl, seine Pferde nach Kasan zu führen.

Das war der erste Kriegsdienst des jungen Karakhan. Sabutai, der für die Reise zu alt war, mußte bei den Fohlen und alten Stuten bleiben.

Am nächsten Morgen trennte sich das Paar. Das Lagerfeuer warf seinen Schein auf die gelben Gesichter des Jungen und des Alten. Sabutai legte Karakhan die Hand auf die Schulter. Die Instruktionen waren einfach: Liefer die Pferde ab.

Sie gaben sich nicht den üblichen russischen Abschiedskuß. Sabutai hielt nichts davon, und Karakhan hatte von ihm gelernt, das Küssen für eine Weichlichkeit zu halten. Mit der Dämmerung war die Herde unterwegs.

Ein vierzehnjähriger Knabe, drei Leute und dreihundert Pferde in seiner Obhut, eine Reise von vierhundertfünfzig Werst vor sich. Die Helfer des jungen Karakhan waren drei Tartarenbauern: ein bärtiger Großvater und zwei sechzehnjährige Burschen.

Karakhan kannte das Land, er kannte die besten Weideplätze und hielt sich am Fluß, um in der Nähe des Wassers zu bleiben. Sie legten fünfundvierzig Werst am Tag zurück. Karakhan ritt hinter der Herde, ein Bursche vor ihr, der andere und der alte Mann an den beiden Seiten. Sie aßen im Sattel und wechselten dreimal am Tag ihre Reittiere. Nachts trieben sie die Herde in Schluchten am Fluß, in deren Ausgang sie ihr Lagerfeuer anzündeten.

Die Tiere mußten vor Dieben geschützt werden. Es war Kriegszeit, und Pferde waren Gold wert. Die Bewaffnung Karakhans und seiner Leute bestand in alten Flinten und dem nie fehlenden Messer des Bergbewohners.

Am Abend des zehnten Tages lieferte Karakhan seine Pferde in den Armeeeinzäunungen des Rangierbahnhofs vor Kasan ab. Er war mit dreihundert Pferden aufgebrochen und hatte keines verloren. Nach zwei Tagen, in denen man die Pferde getränkt, gefüttert und ausgeruht und einige lahme ausgeschieden hatte, wurden sie in einen Zug von vierzig Wagen einwaggoniert und nach Westen geschickt.

Ein dicker ältlicher Intendanturmajor, der am Tag vorher aus Petersburg nach Kasan gekommen war, hatte das Kommando über den Zug. Major Branskij war seit zwanzig Jahren Militärbeamter und haßte Pferde.

»Gelber Bursche«, sagte er mit einem Versuch zu imponieren zu Karakhan, »willst du ein Mann und ein Soldat werden wie ich? Willst du den Kanonendonner hören? Willst du an die Front gehen? Wenn du das willst, werde ich dich mitnehmen, aber du mußt im Zug arbeiten.«

Major Branskij sah, während er sprach, nicht den Blick in Karakhans ruhigen Augen, oder wenn er ihn sah, verstand er ihn nicht. Der Junge wollte ganz entschieden nicht ein Mann und ein Soldat werden wie Branskij, der in der Augusthitze schnaufend und keuchend in seinem Abteil saß.

Aber Karakhan wollte in den Krieg gehen. Er nahm an, und er war es, der eigentlich den Transport leitete.

Sie tränkten und fütterten in Nishnij Nowgorod, dann in Moskau, in Smolensk und in Minsk und lieferten schließlich ihre Tiere in Pinsk, dem Hauptquartier der Armee des Großfürsten Michael, im Kavallerie-Remontendepot ab.

Major Branskij wurde dafür belohnt, daß er seine Tiere sicher durchgebracht hatte, und feierte diese Tatsache mit einem Wodkagelage in seinem Quartier. Als seine Alkoholseligkeit am höchsten war, ließ er den Pferdejungen aus dem Ural zu sich kommen, machte ihm Komplimente für seine Leistungen und übergab ihm das Dokument, das Karakhans erstes Militärpapier war.

 

»Inhaber dieses, Iwan Karakhan, vierzehn Jahre alt, 1,78 m groß, Haare schwarz, Augen schwarz, Hautfarbe gelb, Wohnsitz Kasan, Sohn von Aral Karakhan, Witwe des Rittmeisters Fjodor Karakhan vom 5. Donkosakenregiment, untersteht der Quartiermeisterei und ist mit dem Kauf, Verkauf, Transport, Ablieferung und Zureiten von Pferden für die Armee des Großfürsten Michael beauftragt.

Dieser Paß berechtigt ihn zur Benutzung aller Militär- und Zivilzüge inner- und außerhalb des Heeresgebietes und zur Quartiernahme in allen Quartiermeistereidepots, an Stützpunkten und bei Vertretern der Quartiermeisterei an der Front.

gez. Laminoff,
Generalquartiermeister.

Pinsk, am 3. September 1914.«

 

Karakhan machte in den Jahren 1915 und 1916 den Krieg mit. Es war seine Lehrzeit. Er nahm an dem siegreichen Vormarsch der Russen auf Lemberg teil, er hörte den Kanonendonner, als die russischen Massen auf das österreichische Heer geworfen wurden und die Karpathenpässe zu forcieren suchten. Im März 1915, als die Deutschen Memel wiedernahmen, retteten ihn nur wenige Minuten vor der Gefangenschaft.

Er suchte das Kosakenregiment seines Vaters auf und wurde von dem Oberst empfangen, der Leutnant gewesen war, als Karakhans Vater vor Mukden fiel. Der Oberst gab ihm die Erlaubnis, eine russische Uniform zu tragen, was seine Bewegungen hinter der Front sehr erleichterte.

Im Jahre 1917 sah er die russische Armee zusammenschmelzen. Er sah die Meutereien, die der Revolution vorausgingen, er sah, wie Mangel an Disziplin, Knappheit an Vorräten und Unfähigkeit in der Führung die russische Armee zermürbten.

Sein stets kritischer Geist suchte nach den Fehlern und Irrtümern und fand sie. Dann kam die Revolution. Karakhans Gefühle gegen den Zaren basierten auf seiner Verachtung für alle Schwäche. Nikolaus der Zweite war seiner Ansicht nach geistig und körperlich ein Schwächling, der verdiente, was immer das Schicksal über ihn verhängte.

Im Jahre des Unterganges des russischen Kaiserreiches wurde Karakhan als Siebzehnjähriger Soldat in der russischen Armee. Er kannte Gibbons' »Verfall und Sturz des römischen Reiches« und Carlyles Werk über die Französische Revolution, er hatte ein halbes Dutzend Napoleonbiographien gelesen und war imstande, die sich ihm bietenden Möglichkeiten zu erfassen.

Mit der roten Binde am linken Ärmel seines Waffenrocks, mit Koppel, Bajonett und Gewehr trat er in das sechste Soldaten-, Matrosen- und Arbeiterbataillon der Roten Armee ein. Die meisten seiner Kameraden waren ganz junge Leute wie er selbst.

Die drei Jahre, die Karakhan beim Heer verbracht hatte, waren ihm von großem Nutzen. Er wußte, was Organisation und Disziplin bedeuten, und er kannte die Wege zur Beförderung. Nach zwei Wochen war er Führer seiner Kompanie. Allerdings nicht mit dem Rang eines Offiziers, weil damals in den Reihen der Revolution jedes Zeichen von Autorität verhaßt war. Seine hundertzwanzig Leute nannten ihn »Towarischtsch Tehyt« – »Kamerad Befehlshaber«.

Er war von Anfang an streng zu ihnen, aber es konnte ihnen nicht entgehen, was ihr Lohn dafür war, daß sie sich seiner strengen Disziplin fügten: sie durften sicher sein, daß er stets auf das Beste für ihre Verpflegungsrationen, ihre Ausrüstung, ihre Quartiere sorgte. Er wußte immer eine Beschäftigung für ihre müßigen Hände und Köpfe und fand Mittel und Wege zur Überwindung aller Schwierigkeiten.

Mit der Erlaubnis seines Bataillonskommandeurs, eines früheren Offiziers, machte er seine Infanterietruppe beritten und bildete sie im Sattel aus. Im Lager wurde seine berittene Mannschaft vom Bataillonskommandeur zum Stabsdienst verwendet, auf Märschen bildete er die Nachhut und hatte die doppelte Aufgabe, zu verhindern, daß aus Nachzüglern Deserteure würden, und gleichzeitig neue Rekruten unter den jungen Bauern zu sammeln.

Sein Bataillon marschierte mit den zerfetzten Streitkräften Trotzkis und Lenins in Moskau ein. Er nahm an den Kämpfen auf dem Roten Platz teil und war Zeuge vieler Massenexekutionen von Weißgardisten auf diesem Platz.

In diesem Jahr wurde er mit dem Rang eines Obersten, aber an der Spitze eines Regiments, das die Stärke einer Brigade hatte, mit der Bahn nach Pensa geschafft und im Osten gegen General Gaida eingesetzt, den jungen tschechischen Befehlshaber, dessen tschechoslowakische Legionen, die ihre Waffen nicht den Österreichern ausliefern wollten, auf ihrem Zug durch Südrußland alles hinter sich verwüsteten.

Gaida wurde aus Samara verdrängt und zog sich längs der Eisenbahnlinie west- und nordwärts nach Ufa zurück. Karakhan blieb ihm auf den Fersen. Es war ein Kavalleriekrieg, und es war Karakhans Land. Gaidas Rückzug bewegte sich über ein Gebiet, das vom Krieg unberührt war. Auf seinem Weg nach dem Osten fand er frische Pferde und Vorräte vor.

Hinter ihm blieben verwundete Tiere und Pferde mit Satteldrucken, brennende Weizenfelder, Kornspeicher und Häuser zurück. Karakhan mußte bei seinem Verfolgungsritt an Napoleons großen Vormarsch in Rußland denken, aber im Ural war es etwas ganz anderes. Er bediente sich einer anderen Taktik. Er kannte die Flüsse, die Täler, die Landschaft. Er belästigte die Flanken der retirierenden Tschechen, deren Scharen jetzt von zahlreichen ermüdeten und entmutigten Weißgardisten verstärkt wurden.

Gaida war Koltschaks stärkste Streitkraft. Karakhan schlug ihn in zwölf Gefechten. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß keiner der Teilnehmer an diesen Kämpfen im Jahre 1918 Berufssoldat war.

Gaida war um sieben oder acht Jahre älter als Karakhan. Als der Krieg ausbrach, war er Apotheker in Prag gewesen und zwangsweise in die österreichische Armee eingereiht worden. Bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm bot, war er zusammen mit Tausenden von Tschechen und Slowaken, deren Herzen nicht bei Österreich waren, zu den Russen übergelaufen. Rußland verwendete ihn dazu, aus eben diesen desertierten Truppen die tschechoslowakische Armee zu formieren, welche gegen die Österreicher kämpfte.

Trotz all seiner Erfahrung, zu der noch das treibende Motiv der tschechoslowakischen Unabhängigkeit kam, wurde Gaida von dem jungen Burschen aus den Uralbergen geschlagen, der im nächsten Jahr nach Moskau zurückkehrte und im Alter von neunzehn Jahren zum General befördert wurde. In diesem Jahr führte er im Baltikum siegreich Befehl gegen Judenitsch. Nach seinen Erfolgen wurde er wieder nach Südrußland geschickt, wo er den weißgardistischen Kräften Denikins schwere Verluste zufügte.

Im Jahre 1921 veranlaßte Frankreich Pilsudsky zu seinem unheilvollen Zug nach Kiew. Karakhan beschäftigte um diese Zeit die Streitkräfte General Wrangels in der Krim. Karakhan war es, von dem der Gedanke der Frontalbewegung ausging, welche vom Osten her auf die polnischen Eindringlinge ausgeführt wurde.

Die rote Hauptmacht war auf beiden Seiten von starken berittenen Truppeneinheiten flankiert. Budieni hatte den linken Flügel, rechts ritt Karakhan. Die Bewegung führte zu einer vernichtenden Niederlage Pilsudskys und der fast völligen Aufreibung der polnischen Armee, die sich aufgelöst und in Unordnung über eine Strecke von fast achthundert Kilometern nach Warschau zurückzog.

Als Korrespondent der Chicago Tribüne begleitete ich die Polen auf ihrem Rückzug und wurde im brennenden Brest-Litowsk von Karakhans Kosaken nahezu gefangengenommen.

Weygand und französische Tanks retteten die Polen und hielten die Roten an den Mauern Warschaus auf, aber die rückkehrenden russischen Streitkräfte wurden in Rußland als Sieger gefeiert, was sie auch wirklich waren. Nach der Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau heiratete Karakhan.

Über diese erste weiße Frau in Karakhans Leben ist so viel erzählt und geschrieben worden, daß nur wenig über die seltsamen psychologischen Faktoren zu sagen bleibt, die in dieser Ehe miteinander kämpften. Lin Larkin war um sechs Jahre älter als der erfolgreiche einundzwanzigjährige Soldat, den sie 1921 heiratete.

Sie war in Boston geboren als Kind eingewanderter irischer Fabrikarbeiter, von denen sie ihre rebellische Natur erbte, die sich zum erstenmal gelegentlich der Industriestreiks im Fall River Gebiet manifestierte. Die führende Rolle, die sie bei diesen Auseinandersetzungen spielte, erwarb ihr schon früh eine hervorragende Stellung in den radikalen Kreisen New Yorks.

Als in Amerika die teilweise Dienstpflicht eingeführt wurde, verschrieb sie sich der Sache der Dienstverweigerer und heiratete einen von diesen lediglich zu dem Zweck, ihn dem Heer fernzuhalten.

Nach dem Waffenstillstand ließ sie sich scheiden, trat auf die Seite der russischen Revolutionäre, verriet die Anwesenheit amerikanischer Soldaten in Sibirien und Archangelsk und trat schließlich dem Büro von Ludwig Martens bei, der die russischen Revolutionäre in New York vertrat.

Als Martens mit seinem Büro am 22. Januar 1921 vom Arbeitsministerium deportiert wurde, ging sie mit den Ausgewiesenen nach Rußland und gehörte bei der Dritten Internationale in Moskau zusammen mit Bill Haywood, Ruth Bryant Reed und anderen amerikanischen Roten der amerikanischen Delegation an.

Lin war klassenbewußt, aber nicht rassenbewußt. Ich hatte im folgenden Jahr viele Unterredungen mit ihr in Moskau. Ihr Haß richtete sich gegen das kapitalistische System, und stolz erklärte sie, keine Vorurteile gegen Juden, Neger, Chinesen oder Türken zu haben. Karakhans gelbe Haut bedeutete für sie nichts, er war ein junger Kriegsgott, der siegreich für die Masse kämpfte.

Für Karakhan war diese gebildete, beredte und revolutionäre Frau ein Bote aus einer fernen Welt, der ihn viel mehr anzog und lockte als die gedemütigten und geschlagenen asiatischen Frauen, die er kannte. Er wollte sie haben und wußte, daß er sie brauchte.

Nach den kommunistischen Regeln ließen sie die Eheschließung eintragen, die von so großen Folgen auf die späteren Ereignisse seines Lebens und die Geschichte der nächsten Jahre sein sollte.

Ich lernte Karakhan 1922, während der russischen Hungersnot, kennen. Er hatte sein Hauptquartier an der Wolga, in Samara, dem Hintergrund seiner ersten militärischen Siege über die Tschechoslowaken, aufgeschlagen. Damals war seine Division in Garnisonstädten längs der Wolga untergebracht und bewachte die Weizenvorräte der Roten Armee. Während in diesem Kornspeicher der Welt Hunderttausende an Hunger starben, sicherte Karakhan die Verproviantierung der russischen Armee und verteidigte sie gegen Scharen hungernder Bauern.

Karakhan suchte sich der Politik fernzuhalten. Er hatte sein Schicksal an die Armee geknüpft. 1923 war er im Kaukasus, 1924 in Persien, 1925 bedrohte seine Division die Grenzen Turkestans und Afghanistans mit dem Einmarsch und ließ einen Schauer durch ganz Indien laufen. Es war ein Schrecken, der von Kalkutta bis zur Downing Street gefühlt wurde.

1926 und 1927 lag sein Hauptquartier in Irkutsk am Baikalsee in Mittelsibirien, und Waffen, Munition und Organisatoren aus seinem Hauptquartier waren es, welche die Kräfte der mongolischen Kriegsherren von Swerd Udinsk bis Urga und bis hinunter zur Kalgan-Straße, fast vor den Mauern Pekings, zu einem Ganzen zusammenschweißten.

Er war auch im Jahre 1928 dabei, als das allmählich erwachende China mit den Japanern bei Tsinan Fu offen zusammenstieß. Japan beobachtete die Kalgan-Straße und die Anwesenheit Karakhans und seiner starken Streitkräfte an der Transsibirischen Eisenbahn mit dem Zentrum in Irkutsk mit Mißtrauen. Tschang Tso Lin, der Diktator des Nordens, hatte in Peking mit Streitkräften zu tun, die zu beiden Seiten der Bahnstrecke Hankau–Peking in der Provinz Tschi Li lagen. Die Bombe, die den Eisenbahnzug, in dem er sich zurückzog, zertrümmerte und ihn tötete, kam von Karakhan von Kasan.

Im Jahre 1929 war Karakhan der Mann, der am eifrigsten darauf hinarbeitete, daß Rußland sich weigerte, an der von Amerika vorgeschlagenen Panchinesischen Friedenskonferenz teilzunehmen, die Chinas Geschicke festlegen sollte. Später wurde ihm von Diplomaten die Hauptverantwortung für die weiteren Ereignisse dieses Jahres zugeschrieben, die zur Einigung Chinas unter den nationalistischen Führern führten.

Die Anerkennung des neuen Chinas durch Amerika zwang England, Frankreich, Italien, Portugal und Japan dazu, ihre extraterritorialen Privilegien in der gelben Republik aufzugeben, und war mittelbar schuld am Sinken des weißen Prestiges im Osten.

Die schrecklichen Geschehnisse von 1930, die Blutbäder in Kalkutta, Bombay und Saigon und die schließliche Austreibung der französischen und britischen Kräfte aus Südasien waren das natürliche Resultat der Einigung Chinas.

Im folgenden Jahr ging die Saat, die Karakhan auf der Kalgan-Straße ausgestreut hatte, auf und griff im Westen, in Persien und im nahen Osten um sich. Die ausländischen Konzessionen am Roten Meer, dem Golf von Aden, dem Persischen Meerbusen, in Arabien und Mesopotamien fielen eine nach der anderen; zum Schlimmsten kam es im Jahr 1931, der nordafrikanische Aufstand setzte ein und verbreitete sich von Ägypten aus in westlicher Richtung durch Tripolis, Algier und Marokko, wo England, Frankreich, Italien und Spanien den stark bewaffneten Eingeborenenkräften, die vom Süden heraufstießen, Widerstand leisteten.

Noch einen zweiten Schlag von tödlicher Wirkung erlitt Europa vor seinem endgültigen Sturz. Nie wird man in Europa die Influenzaepidemie und die Hungersnot vergessen, die im Spätsommer des Jahres 1932, unmittelbar nach dem Versagen der Washingtoner Konferenz zur Rüstungsbeschränkung, ausbrachen.

Im Juli des Sommers 1932 berichtete ich für die Zeitungen des Chicago Tribune-Syndicates über die Verbreitung und die Verheerungen der Influenzaepidemie in Frankreich, Italien, Deutschland und dem Balkan und über die Nahrungsmittelknappheit, die ein bedrohliches Ausmaß annahm und von den üblichen Preissteigerungen begleitet war.

Im folgenden Monat machte ich, ausgerüstet mit Beglaubigungsschreiben der spanischen, französischen, italienischen und englischen Kriegsministerien eine Automobilreise hinter der gesamten Front der Alliierten, die sich quer durch Nordafrika von Casablanca am Atlantik bis nach Port Said an der Mittelmeermündung des Suezkanals hinzog.

Die alliierten Streitkräfte in Marokko, Algier, Tunis, Tripolis und Ägypten, die annähernd dreiviertel Millionen Mann zählten, bestanden aus 400 000 Franzosen, 150 000 Engländern, 100 000 Spaniern und 100 000 Italienern.

Die gegenüberliegenden Kräfte der aufständischen Marokkaner, Algerier, Tunesier, Ägypter und Sudanesen wurden verschiedentlich auf eine Gesamtstärke von 1 000 000 Mann geschätzt. Die Linie der Alliierten war so ausgedehnt, daß sie nur mit leicht verteidigten Blockhäusern gehalten werden konnte, auf welche massierte Eingeborenentruppen oft mit Erfolg angesetzt wurden. Die Wirkung dieser wiederholten Kleinsiege tat dem Ansehen der Weißen in Nordafrika großen Schaden an.

Ich hatte das Glück, von dem alliierten Generalstab, der sein Quartier in Algier aufgeschlagen hatte, den ersten dokumentarischen Beweis dafür zu bekommen, daß die revoltierenden Eingeborenen von ihren Parteigängern in Asien und Rußland unterstützt wurden. Ständig kamen von Moskau Geld, Munition und Propaganda für den Heiligen Krieg und den Farbenkrieg, und auf Grund dieser Enthüllungen bekam ich den Auftrag, in die russische Hauptstadt zu reisen und Informationen an der Quelle einzuholen.

In der zweiten Augusthälfte 1932 kam ich in Moskau an und richtete im Savoy-Hotel ein Büro für die Chicago Tribüne ein.

Dort lernte ich in der ersten Woche nach meiner Ankunft den jungen Amerikaner kennen, dessen Schicksal mit den Ereignissen, über die ich zu berichten habe, in engstem Zusammenhang stehen.

Stephen (Speed) Binney war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Das war mein erster Eindruck, als dieser große, schlanke, blonde zweiundzwanzigjährige Amerikaner mit dem lächelnden Mund und den strahlenden Augen sich mir in der Halle des Savoy-Hotels vorstellte.

»Mr. Gibbons«, sagte er, »ich heiße Steve Binney. Sie kennen meinen Vater, Speed Binney, von der Zeit in Frankreich her. Ich habe einen Brief von ihm für Sie. Sie erinnern sich doch an ihn, nicht wahr?«

Ob ich mich an Speed Binney erinnerte? Selbstverständlich. Er war einer der wildesten Kampfflieger in seinem Geschwader gewesen, er hatte acht deutsche Flugzeuge abgeschossen, war einmal mit mir über die deutschen Linien geflogen und war selbst auch einmal abgeschossen worden. Wir hatten als Verwundete in einem amerikanischen Lazarett in Paris Bett an Bett gelegen.

Ich öffnete den versiegelten Brief, den sein Sohn mir überreichte. Mein alter Kamerad erzählte mir darin, sein Sohn sei leidenschaftlicher Flieger, stelle aber im friedlichen Amerika so viel Unfug an, daß es nicht länger zu ertragen sei. Ich solle den Jungen übernehmen und einen Mann aus ihm machen. Ich könnte ihn ja zur raschen Beförderung von Nachrichten verwenden, der Luft würde er auf die Dauer ohnedies nicht fernzuhalten sein.

Ich legte den Brief zusammen und dachte über diese Aufgabe nach, während ich das lächelnde Gesicht des jungen Speed betrachtete, der sich auf den Tisch gesetzt hatte. Eine Verantwortung für ihn zu übernehmen, paßte mir durchaus nicht. Wie kam ich dazu, das Kindermädchen für einen jungen, ungezähmten Wirbelwind zu spielen?

Aber der junge Binney lächelte. Es war ein sauberes, ansteckendes Lächeln, dem ich trotz aller Willensanstrengung nicht widerstehen konnte. Von Freunden des »Alten« erwartet man, mehr oder weniger, daß sie versauerte Brummbären sind. Ich machte einen Versuch, diese Erwartung zu erfüllen, und warf ihm einen ernsten Blick zu.

»Trinken Sie viel, Speed?«

»Was haben Sie?« war die lächelnde Antwort. »Ich bin erst heute früh angekommen und kenne den hiesigen Stoff noch nicht. Aber ich bin durchaus bereit, ihn zu probieren.«

Über zwei kleinen Gläsern Wodka verständigte ich mich mit Speed Binney junior. Die Unterredung dauerte eine Stunde und schloß mit folgender Ansprache:

»Es ist Ihnen also klar«, sagte ich, »daß ich keine Verantwortung für Sie übernehme, sondern daß von jetzt an Sie verantwortlich für mich sind.

Sie wissen, worin meine Arbeit besteht, und Sie haben mir dabei behilflich zu sein. Ich werde Ihnen nicht sagen, wie Sie trinken sollen, wann oder wo Sie trinken sollen. Ich werde Sie nicht wie einen kleinen Jungen behandeln. Sie sind ein Mann, und man erwartet von Ihnen, daß Sie sich auch wie ein Mann benehmen. Einverstanden?«

»Einverstanden«, sagte Binney. Wir drückten uns die Hand. Am nächsten Morgen reiste er mit dem Passagierflugzeug nach Paris, und eine Woche später kam er mit einem großen zweimotorigen Breguet nach Moskau zurück.

Wir waren bereit für das Jahr, das uns die größten Aufregungen bringen sollte.

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