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Der rote Napoleon

Floyd Phillips Gibbons: Der rote Napoleon - Kapitel 16
Quellenangabe
authorFloyd Gibbons
titleDer rote Napoleon
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1930
printrun1. - 5. Tausend
translatorFranz Fein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190129
projectid2609b641
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14

Von allen welterschütternden Ereignissen des epochalen Jahres 1936 war keines von so entscheidender Wirkung auf den Verlauf des Krieges, wie der amerikanische Seesieg in der Windward Passage.

Die zahlreichen Truppen des Roten Napoleons auf der westlichen Hemisphäre – vier Millionen Mann an der neuenglisch-kanadischen Front, zwei Millionen, die in Washington, Oregon und dem ehemaligen Britisch-Kolumbien an der Nordwestfront standen, und weitere zwei Millionen, die an der mexikanischen Front auf dem Isthmus von Tehuantepec standen und Zentralamerika bis zum zerstörten Panamakanal besetzt hielten – alle diese Truppen waren auf den Nachschub über die Meere angewiesen.

Die Vernichtung der Roten Flotte befreite die siegreiche amerikanische Marine aus ihrer langen Gefangenschaft im Golf von Mexiko. Was uns an Schlachtschiffen, Kreuzern, Zerstörern und U-Booten geblieben war, konnte sich frei bewegen. Die Beherrschung der Meere ging in unsere Hände über, und damit waren Karakhans lebenswichtige Verbindungen mit seinen Operationsbasen in Europa und der übrigen Welt unterbrochen.

Die amerikanischen Seestreitkräfte blockierten, nachdem sie die Reste der mächtigen Armada Brixtons verfolgt und versenkt oder gekapert hatten, Karakhans Häfen im Atlantischen und im Stillen Ozean. Die Rote Flagge verschwand von den Meeren. Bermudas und Trinidad, die jetzt ungeschützt waren, ergaben sich und wurden zu amerikanischen Flottenstützpunkten.

Vor den Roten Häfen in Europa und Asien fanden amerikanische Flottendemonstrationen statt, und diese Zurschaustellung der wiedergewonnenen Macht genügte, um den ersten Anstoß zu dem Zusammenbrechen der kolossalen politischen Maschinerie zu geben, die der Rote Napoleon so hastig zur Beherrschung der eroberten Länder eingerichtet hatte.

Während der furchtbaren Kämpfe in den Jahren 1934 und 35 waren Karakhans Anforderungen an die menschlichen und wirtschaftlichen Kräfte seiner Völker ungeheuer gewesen. Die Tatsache, daß der größte Teil aller verfügbaren Schiffe zur Versorgung seiner Truppen gebraucht wurde, hatte den Handel zwischen den von ihm beherrschten Kontinenten sehr geschädigt. In den Materialien und Vorräten, die nicht unmittelbar kriegswichtig waren, aber für die zahllosen Millionen Zivilbevölkerung gebraucht wurden, hatte große Knappheit zu herrschen begonnen. Die Rationierungen, Einschränkungen, Steuererhebungen und Beschlagnahmungen für den Betrieb der kolossalen Militärmaschine hatten zu kleineren Revolten geführt, welche bewiesen, daß die Moral seiner Leute nicht mehr dieselbe war wie früher.

Karakhans Unvermögen, Amerika, wie er versprochen hatte, in einem Jahr zu überwältigen, und die vernichtende Niederlage seiner Seestreitkräfte ließen die Unzufriedenheit in seinem Hinterland immer bedenklicher aufflammen.

Bei seinen Truppen im Felde aber war es nicht so. In allen Sprachen abgefaßte Aufrufe wurden unter den gelben, braunen, roten und schwarzen Divisionen sowie bei den weißen kommunistischen Truppenteilen verteilt.

»Kameraden, wir stehen auf fremdem Boden fern von unserer Heimat und unseren Familien«, lautete eine dieser Proklamationen. »Die maritimen Verbindungen hinter uns sind zerstört worden. Wir stehen der Streitmacht des Rassenvorurteils und der kapitalistischen Habsucht gegenüber, deren Bestreben es ist, uns zu vernichten. Unser Rücken ist dem Meere zugewandt, und das Meer gehört nicht mehr uns. Nur eine Rettung gibt es für uns: die feindlichen Linien durchbrechen, das Land im Namen unseres großen Karakhan erobern, besetzen und darin leben.

Noch eine gewaltige Anstrengung, und das letzte Hindernis ist aus dem Weg geräumt. Auf zum Sieg!«

Die amerikanische Moral hob sich. Die kolossalen wirtschaftlichen Kräfte der Nation hatten neue Rekorde aufzustellen begonnen. Der Kriegsindustrieausschuß des Expräsidenten Hoover hatte jetzt Leistungen erreicht, die alle Erwartungen übertrafen. Dank der Energieverteilung war die Industrie dezentralisiert worden, so daß die Erzeugung der lebenswichtigen Güter ungeachtet häufiger lokaler Störungen durch schwere feindliche Luftangriffe Tag und Nacht vonstatten gehen konnte.

Unsere Heere an den Fronten setzten sich nicht mehr aus unausgebildeten, unvorbereiteten Rekruten zusammen. Zwei Jahre bitterer Kämpfe und Verluste, die mehr als zwei Millionen betrugen, waren die Schule der Erfahrung, welche die Armeen von 1936 hinter sich hatten. Neun Millionen Amerikaner standen unter Waffen, und fünf Millionen davon waren an der neuenglischen Front, die sich vom Erie-See nach Albany und hinunter bis zum Westufer des Hudson in New York City zog.

Mit dem Mangel an Vorräten und Ausrüstungsgegenständen war es vorbei. Wir hatten das größte Heer, das jemals unter der amerikanischen Fahne gekämpft hatte, und jetzt sollte es auch zum erstenmal Unterstützung aus der Luft haben.

Die amerikanische Luftflotte, die in der Schlacht in der Windward Passage so tüchtig gearbeitet hatte, war am Tage nach der Niederlage der Roten Marine vom Karaibischen Meer nach dem Norden geflogen. Neue Piloten und Maschinen füllten die Lücken aus, die durch die Verluste in den See- und Luftgefechten entstanden waren.

Die Herrschaft über die Meere war unser, und jetzt sollte sich entscheiden, wer die Oberhand in der Luft behalten würde. In der ersten Hälfte des März 1936 bereiteten sich die einander gegenüberliegenden Landstreitkräfte für die kommende Frühjahrsaktion vor.

Die amerikanische Luftoffensive setzte am 17. März ein. Ihr Ziel war ein Angriff auf Boston, das nicht nur Karakhans Hauptquartier und Hauptoperationsbasis war, sondern auch das wichtigste Zentrum seiner Luftstreitkräfte. Rumsay leitete die Operation persönlich aus der Luft. Das Flaggschiff der Luftflotte war ein großes, rasches und leichtes armiertes Beobachtungsflugzeug.

Die Roten Luftstreitkräfte, die 6000 bis 7000 Maschinen zählten, wurden vom Luftgeneral De Long befehligt.

Unsere Luftflotte bestand aus 400 Geschwadern zu je achtzehn Apparaten, hatte im ganzen also 7200 Einheiten. Die Flugplätze dieser ungeheuren Luftarmada lagen in den Staaten Maryland, Delaware, New Jersy, Pennsylvanien und New York.

Am 17. März sammelte sich die Flotte eine Stunde nach Sonnenaufgang in der Nähe Philadelphias. Sie flog zum Meer hinaus und schlug, sobald sie von der Küste aus nicht mehr in Sicht war, nordöstlichen Kurs ein.

Einige Stunden später erschien sie vom Atlantik her über Boston. Wieder regnete es aus der Luft Tod und Verderben auf die alte Stadt. Die feindlichen Abwehrgeschütze feuerten wie besessen, aber kein Rotes Flugzeug war in Sicht. Rumsays Aufklärer rekognoszierten das Binnenland im Norden und Süden, aber die Roten Flugfelder waren verlassen. Diese befremdende Abwesenheit der feindlichen Flotte fand ihre Erklärung um ein Uhr mittags, als Rumsay folgende Funknachricht erhielt.

 

»FURCHTBARE FEINDLICHE LUFTFLOTTE MIT TAUSENDEN VON FLUGZEUGEN UEBER BUFFALO IN NEW YORK STOP INDUSTRIEVIERTEL DER STADT IN TRUEMMERN STOP NIAGARAKRAFTWERKE ZERSTOERT ABWEHRBATTERIEN AUSSER GEFECHT GESETZT.

 

Rumsay gab augenblicklich an seine Gruppenkommandeure funktelegraphische Befehle aus, und die amerikanische Luftflotte flog mit westlichem Kurs über Massachusetts. Fast um die gleiche Zeit begann die feindliche Flotte, die ihr Zerstörungswerk in Buffalo vollendet hatte, den Rückflug nach dem Osten. Gegen 4 Uhr nachmittags stießen die beiden Flotten in der Nähe von Albany in New York aufeinander. Bei beiden waren die Betriebsstoffvorräte sehr knapp. Während des Fluges über Massachusetts hatte Rumsay den Abwurf aller Bomben von sämtlichen Maschinen angeordnet, um die Belastung herabzusetzen.

Es war ein Kampf mit der Zeit. Beide Flotten waren acht bis zehn Stunden unterwegs und hatten fast völlig geleerte Tanks. Die Roten waren am weitesten von ihren Operationsbasen in der Gegend Bostons entfernt. Tausende von Soldaten beobachteten unten diese große Himmelsschlacht. Viele Maschinen stürzten ab – ein großer Teil brennend. Rumsays Befehl lautete: bis zum letzten Schuß und bis zum letzten Benzintropfen kämpfen. Die Gefechte, die ein sehr weites Gebiet einnahmen, fanden in allen Höhen bis zu siebentausend Metern statt.

Kurz nach fünf Uhr kam ein kalter Ostwind den Amerikanern zu Hilfe, und der Schauplatz des Luftgefechtes zog sich allmählich in westlicher Richtung über die Schlachtfront. Bald begannen Flugzeuge aus Benzinmangel abzustürzen. Jetzt fanden die Kämpfe bereits hinter den amerikanischen Linien statt, und Rumsay war entschieden im Vorteil. Der amerikanische Luftbefehlshaber hielt seine Formationslinie im Allgemeinen nördlich und östlich vom Feind. Als das Gefecht sich in südlicher und westlicher Richtung in den Staat New York zog, setzte die Dämmerung ein.

Jetzt begannen beide Seiten sich tiefer herabzusenken. Hunderte von Flugzeugen, die zu Landungen in der Dunkelheit gezwungen waren, gingen zugrunde. Feindliche Piloten, die hinter unseren Linien landen mußten, wurden von Zivilisten und Soldaten gefangen genommen. Viele, deren Maschinen im flachen Lande niedergegangen waren, suchten sich der Gefangennahme durch Verstecken zu entziehen. Ein gelber Pilot, der seine Maschine in der Nähe von Cooperstown auf die Erde gebracht hatte, erschoß einen Automobilisten, füllte seinen Tank frisch auf und konnte in der Nacht entfliehen.

Als solcher war der Luftkampf unentschieden, aber nach seiner Beendigung ruhte der Vorteil bei den amerikanischen Streitkräften. Schätzungsweise zwei Drittel der Luftflotte Karakhans waren entweder abgeschossen oder zu Landungen hinter den amerikanischen Linien gezwungen worden. Die amerikanischen Verluste beliefen sich insgesamt auf etwa zweitausend Maschinen.

So kam es, daß die amerikanischen Truppen am 1. April 1936 die berühmte Siegesoffensive mit entschiedener Überlegenheit in der Luft eröffnen konnten. Dem Angriff voraus ging ein furchtbares Trommelfeuer an der ganzen Front vom Erie-See bis zum Harlemfluß.

Nach zweitägiger Artillerievorbereitung rückte unsere Infanterie durch die Stacheldrahtverhaue am Ostufer des Hudson gegenüber von Albany vor. In den Kämpfen des ersten Tages wurde der Feind unter erbitterten Handgemengen aus Waterford und Troy vertrieben. Gegenüber Albany rückten unsere Truppen, unterstützt von dem Feuer der am Westufer des Hudson massierten Artillerie, in der Richtung auf Nassau vor. Die feindliche Etappe wurde Tag und Nacht mit Bomben aus der Luft zugedeckt.

Der neue amerikanische Rickenbacker-Tank, der eine sehr große Geschwindigkeit entwickeln konnte, zeigte sich dem feindlichen Vauxhall weit überlegen. Die Tanks überquerten die Stacheldrahtverhaue, zerstörten sie und vernichteten die feindlichen Unterstände. Die Geschwindigkeit und Selbständigkeit dieser Maschinen, die jetzt zum erstenmal eingesetzt wurden, waren die wirksamste Waffe im Angriff.

Graben um Graben wurde von der vorrückenden Infanterie genommen und besetzt. Niedrig fliegende Kampfflieger arbeiteten mit den Tanks zusammen.

Die amerikanischen Verluste in der ersten Woche des Vormarsches waren schwer, entsprachen aber den gemachten Fortschritten und den überwältigten Hindernissen. In sieben Tagen schoben unsere Linien sich um vierzig Kilometer in östlicher Richtung vor und überschritten die Grenze zwischen New York und Massachusetts. Das Zentrum der Linie stützte sich auf Williamstown am Hoosicfluß, und dreißig Kilometer südlich davon hatten wir Pittsfield besetzt und waren noch im Vorrücken begriffen. North Adams und Briggsville fielen in unsere Hände, und im Norden besetzten unsere Truppen nach schweren Kämpfen die Ortschaft Bennington.

Karakhans Versuch, einen Druck auf den linken Flügel des amerikanischen Vormarsches auszuüben, wurde durch fünf Gruppen der amerikanischen Luftflotte vereitelt, die seine in offenem Gelände konzentrierte Infanterie einem furchtbaren Bombardement unterzog.

Binney und ich beobachteten die Kämpfe täglich aus der Luft. Wir benutzten Albany, das jetzt außerhalb der Reichweite der Roten Geschütze lag, als Ausgangspunkt, und von dort schickte ich auch meine Berichte ab. Mein Meldeflugzeug trug wieder den roten Buchstaben C im grünen Kreis, aber jetzt waren wir nicht mehr unbewaffnet. Das Flugzeug hatte vorne zwei Maschinengewehre, und hinten eines, das ich bedienen konnte. Im Notfall konnte unser Apparat vier Passagiere aufnehmen.

Am 15. April waren General Mullens Kampftanks nach Greenfield und Northampton am Connecticut durchgestoßen, und diese Phase der Offensive, welche die Historiker die Schlacht in den Berkshire-Bergen nennen, war beendet.

Karakhan leistete in der Linie am Connecticutfluß verzweifelten Widerstand. General Soubreff, der diese Heeresgruppe befehligt hatte, wurde zunächst enthoben und dann hingerichtet. Karakhan leitete die Operationen persönlich von einem vorgeschobenen Kommando in Worcester.

Aber die amerikanische Dampfwalze war in Bewegung. Mit der Wucht ihrer zahlenmäßigen Stärke, ihres Mutes, ihrer Entschlossenheit und ganz einfach des Momentes, das sie gewonnen hatte, durchbrach sie die Linie am Connecticut gegenüber von Holyoke und deckte die feindlichen Truppen in Springfield dermaßen mit schweren Granaten und Gasgeschossen zu, daß sie zum Rückzug gezwungen wurden.

Unsere Überlegenheit zur Luft war jetzt unbezweifelbar. Tag und Nacht trugen wir die Luftkämpfe hinter die feindliche Linie. Da Karakhans Artillerie keine Luftbeobachter mehr hatte, konnte sie nur noch nach der Karte schießen.

Und dann begann der Zusammenbruch des Feindes im Süden. Die gelben Truppen am Harlemfluß gegenüber den Ruinen von Manhattan Island begannen sich zurückzuziehen. Im Anfang ging der Rückzug ordnungsmäßig mit gut geleiteten Deckungsgefechten vor sich, während der Feind sich von der durch Yonkers und New Rochelle führenden Linie loslöste und von Tarrytown und White Plaines auf Port Chester zurückging.

Aber amerikanische Truppen, die den Hudson auf Pontonbrücken überschritten, behielten stets Fühlung mit den retirierenden Roten, und der Rückzug, der geordnet begonnen hatte, artete bald in eine Flucht aus. Mehr und mehr Marodeure blieben zurück, um sich gefangen nehmen zu lassen. Die durch New Haven, Hartfort, Providence und Fall River führenden Straßen waren verstopft. Nach Hunderttausenden zählende Truppen suchten mit allen möglichen Transportmitteln nach Boston zu gelangen, bevor noch Mullens Flankenbewegung zur Eroberung der Stadt führte. Das Rückgrat der roten Macht in Neuengland war gebrochen. Aus dem Rückzug wurde eine wilde Flucht. Fünfzigtausend Mann, die Rote Besatzung auf Long Island, ergaben sich nach Verhandlungen. In ganz Connecticut erlitten Regimenter und Divisionen, die nach keiner Seite hin Bewegungsfreiheit hatten, schwere Verluste durch unsere Bombenflugzeuge und ergaben sich schließlich, indem sie die Worte: »Wir ergeben uns« mit großen weißen Tafeln auf dem Boden auslegten.

Worcester fiel, dann Fitchburg – das Debacle hatte begonnen.

Inmitten dieser aufregenden Ereignisse während des amerikanischen Vorrückens auf Boston bekam ich eine chiffrierte Funkbotschaft von Whit Dodge, des Inhalts, daß Margot zu dem letzten Rendezvous am Hummernfelsen bei Salem nicht gekommen sei.

Sein U-Boot habe vor der Küste patroulliert, und er sei hintereinander in drei Nächten an Land gewesen, aber Margot sei nicht an der verabredeten Stelle erschienen. Er fürchte, daß sie durch irgendein unangenehmes Ereignis verhindert worden sei. Ich beriet mich mit Speed Binney, und wir faßten augenblicklich einen Entschluß.

»Ich kann in der Nähe von Graystones landen«, sagte Speed. »Ich weiß eine kleine Wiese in der Nähe des Hauses, die von der Straße ziemlich abgelegen ist.«

Eine Stunde vor der Morgendämmerung stiegen wir in Albany auf und flogen nach dem Osten.

»Wenn dieser gelbe Teufel auch nur einmal Hand an mein Mädchen legt«, rief Speed, »so reiße ich ihm das Herz aus dem Leibe.«

Ich war nicht nur Karakhans wegen für Margot besorgt, ich mußte an die wilden Heerhaufen denken, die sich in nördlicher Richtung zurückzogen. Ob Sieg oder Niederlage, weiße Frauen waren immer erwünschte Beute für die gelben Truppen des Roten Napoleons.

Während des Fluges säuberte und ölte ich die vier Pistolen, die wir als Waffen hatten. Wir waren uns der Gefahr bewußt, eventuell hinter den feindlichen Linien gefangen genommen zu werden, aber unser Ziel war des Einsatzes wert, und außerdem war ich überzeugt davon, daß es uns gelingen konnte, Margot aus Graystones herauszubekommen und mit ihr im Flugzeug zu flüchten.

Als wir über Boston flogen, konnten wir die von Entsetzen gepackten Menschenmassen in den Straßen der Stadt sehen. Während wir uns der Küste und Salem näherten, mußte ich daran denken, daß hier in den Gewässern Whit Dodge und das V-4 Wache hielten, und teilte die Besorgtheit Dodges für das Mädchen, das er liebte.

Über Salem wendete Binney das Flugzeug landeinwärts und wir flogen über die Straße, die wir vor kaum zwei Monaten in den Tagen unserer Rekonvaleszenz so gut kennen gelernt hatten.

»Nur noch ein paar Kilometer«, rief Speed. »Es muß dort sein, wo der Rauch aufsteigt.« In nicht ganz einer Minute waren wir über der Stelle.

»Hier ist die Pförtnerbude und die Anfahrt, aber wo ist das Haus?« rief ich und dann erblickte ich zu meiner Überraschung einen rauchenden Trümmerhaufen, umgestürzte Mauern mit schwarzen, starrenden Löchern, die einst Fenster gewesen waren.

»Er hat sich davongemacht«, schrie Binney, während wir über den Ruinen kreisten, wo Karakhan einst seine weiße Frau und das englische Mädchen gefangen gehalten hatte, dessen kühner Geheimarbeit hinter den feindlichen Linien die Niederlage der Roten Heere zu einem guten Teil zu verdanken war.

Binney fluchte. »Dieses gelbe Stinktier. Verbrennt das ganze Haus. Herrgott! Wo ist Margot? Wir müssen landen und sie suchen.«

»Das hätte keinen Sinn«, antwortete ich ihm. »Hier ist alles verlassen. Und wenn sie in den Ruinen ist, ist es zu spät. Wir haben nur noch eine Hoffnung. Wir müssen Karakhan finden. Daß er Graystones so gründlich zerstört hat, beweist, daß er ernsthaft auf der Flucht ist. Aber wo steckt er?«

»Es gibt nur eine Möglichkeit«, meinte Binney. »Sein Heer flutet zurück, und in der Luft sind wir ihm überlegen. Er kann nur über das Meer entkommen.«

»Aber nicht auf dem Meer, Speed, sondern unter dem Meer«, rief ich mit neuer Hoffnung. »Wir sind doch zwei Riesenesel. Wir haben ganz die Star of Asia vergessen.«

»Das Groß-U-Boot, natürlich. Margot hat mir ja davon erzählt. Es war immer in einer kleiner Bucht bei Manchester vertäut. Das sind nur fünfzehn Kilometer von hier. Das wäre noch eine Möglichkeit. In ein paar Augenblicken sind wir dort.«

Während wir mit voller Kraft zur Küste fuhren, besann ich mich genauer auf die Schilderung, die Margot von diesem riesigen modernen, in eine Untersee-Yacht umgewandelte U-Boot gegeben hatte. Ich hatte sie gefragt, warum Dodge es nicht schon längst zerstört hätte, und von ihr zur Antwort bekommen, daß Dodge über die Star of Asia genau informiert sei, aber jede Operation in der Nähe Graystones vermeiden wolle, um nicht Karakhans Verdacht zu erwecken. Der gute Junge fürchtete jeden Schritt, der Margot gefährden könnte.

»Pech«, rief Speed mir zu. »Wir sind über der Bucht. Das Wasser ist ganz glatt und klar. Man kann bis auf den Grund sehen. Der Kahn ist nicht da.«

»Fliegen wir zum Long Island Sund zurück – verständigen wir die Patrouillenflottille«, meinte ich.

»Dazu ist es jetzt zu spät«, sagte Speed traurig. »Er ist wahrscheinlich schon unterwegs nach Halifax. Aber er wird nicht unter Wasser bleiben, das wäre ihm zu langsam. Er wird aufgetaucht fahren, um geschwinder vorwärts zu kommen. Vielleicht können wir ihn von oben aus sehen. Das wäre die letzte Gelegenheit, und die will ich nicht unausgenutzt lassen.«

Ich stimmte ihm zu, erinnerte ihn aber daran, daß wir schon ziemlich lange unterwegs waren und wohl nicht mehr viel Benzin in den Tanks haben konnten. Seine einzige Erwiderung war ein Achselzucken. Ich glaubte ihn zu verstehen. Woran konnte noch etwas liegen, wenn er das Mädchen verlor?

Mit nördlichem Kurs fliegend, hielten wir nach allen Richtungen Ausschau, so weit es mit meinen Gläsern ging, aber weder die Star of Asia noch irgendein anderes Fahrzeug war zu sehen. Da weiter draußen die amerikanischen Blockadeschiffe patrouillierten, waren diese Gewässer selbst für die kleinsten Fahrzeuge gefährlich. Auch Dodges U-Boot gehörte zu der Blockadeflottille, und ich hoffte, daß wir aufgefischt werden könnten, wenn uns der Betriebsstoff ausgehen sollte.

»Das da vor uns sieht aus wie ein Fischerboot«, rief Binney. In der von ihm angegebenen Richtung sah ich weit vorne einen kleinen weißen Fleck auf dem Meer. Während wir näherkamen, beobachtete ich ihn durch das Glas.

»Es ist ein offenes Boot«, sagte ich. »Jetzt kann ich es genauer sehen. Es ist wahrscheinlich ein über Bord gespültes oder auf die See hinausgetriebenes Rettungsboot,«

»Es ist jemand drin«, sagte Speed. »Wir wollen hinunter und fragen. Vielleicht haben die Leute gesehen, was wir suchen.«

»Während wir in flachem Gleitflug niedergingen, konnte ich mit meinem Glas feststellen, daß nur ein Mensch in dem Kahn saß, und bald war ich sicher, daß es eine Frau war. Als wir über das Wasser auf das kleine Boot zufuhren, stand die Frau auf und winkte uns zu. Wir waren auf ungefähr zehn Meter herangekommen, und da erkannte ich sie. Es war Lin Karakhan.

»Wo ist Margot?« schrie Speed, während wir mit abgestellten Motoren heranglitten. Ich packte Lin um die Hüften und zog sie in das Flugzeug.

»Im U-Boot«, keuchte sie. »In der Star of Asia. Er hat sie bei sich. Mich hat er in dem Kahn ausgesetzt.«

»Wie lang ist das her?«

»Ungefähr eine Stunde.«

»Wohin fahren sie?«

»Ich weiß nicht – wahrscheinlich nach Halifax, um Betriebsstoff einzunehmen, und dann nach England.«

»Wir müssen scharf Ausschau halten«, rief Speed, während wir wieder aufstiegen. »Jetzt sind wir auf der Spur. Und wenn wir mit dem Benzin reichen, haben wirs geschafft.« Dann fragte er Lin: »Hat er – ist sie – hat er ihr etwas getan?«

»Nein, Speed. Wenigstens bis jetzt noch nicht; aber er ist außer sich vor Wut. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Er führt seine Niederlage auf einen Verrat zurück.«

Sie erzählte mir, daß Karakhan in der Dämmerung mit einigen Stabsoffizieren nach Graystone gekommen sei, sie selbst und Margot in einen geschlossenen Wagen gesetzt, alles aus dem Haus getrieben und es dann in die Luft gesprengt habe. Wie Speed und ich vermutet hatten, war er im Automobil nach Manchester gefahren, hatte die Frauen und Oberst Boyar mit sich an Bord der Star of Asia genommen und war in See gestochen.

»Er fürchtet die Blockade«, erklärte Lin, »und fährt meistens unter Wasser, aber zwei- oder dreimal tauchte er auf, um Beobachtungen anzustellen. Beim letztenmal riß er mich von Margot fort und schleifte mich auf das Verdeck. Ich wurde in das kleine Boot gesetzt und zurückgelassen.

Als das U-Boot sich schon entfernte, rief er mir noch zu: ›Geh in dein Land zurück, und sage deinen Landsleuten, daß ich bald wiederkomme, und dann wird es mit der Herrschaft der Weißen auf der Erde endgültig vorbei sein.‹«

Wir fuhren mit rasender Geschwindigkeit. Speed suchte die Wasserfläche vor uns ab, und ich beobachtete den Horizont zur Rechten und zur Linken mit meinem Glas. Lin saß mit dem Rücken nach vorn, ihre Augen schienen richtungslos vor sich hinzublicken.

»Ich habe eben dort ein Rauchwölkchen gesehen«, sagte sie plötzlich, über meine Schulter nach hinten weisend. Ich blickte rasch durch das Glas hin und rief dann Speed an:

»Rasch umkehren! Dort ist etwas. Ich weiß noch nicht, was, aber wir müssen auf jeden Fall nachsehen.«

»Das ist ein U-Boot«, antwortete er, »aber nicht die Star of Asia. Das kann ich am Oberbau erkennen. Es ist ein amerikanischer Typ. Scheint von der »V«-Klasse zu sein. Aber worauf schießen die denn? Ich kann nichts sehen.«

»Aber ich kann jetzt sehen«, rief ich. »Es ist ein zweites U-Boot – ganz im Dunst, ungefähr eineinhalb Kilometer weiter draußen. Hier, Lin, schauen Sie durch das Glas. Können Sie das zweite erkennen?« Sie nahm das Glas vor die Augen.

»Ich kann nicht sehen – doch, jetzt – ja, ich sehe. Ich weiß nicht, ob es dasselbe ist. Ja – ja – es ist es. Es ist die Star of Asia. Es ist Karakhan!«

Speed hatte gehört, und wir gingen mit entsetzlicher Geschwindigkeit im Gleitflug nieder. Jetzt konnte ich durch das Glas beobachten, daß die Deckgeschütze der beiden Unterseeboote Schüsse wechselten – es war ein ganz seltsamer Kampf.

Beide, oder doch zum mindesten eines der Boote mußte so beschädigt sein, daß es nicht tauchen konnte, denn sonst hätte es nie zu diesem absonderlichen Kampf kommen können. Ein unglücklicher Schuß mußte das Ende bedeuten. Wir gingen so schnell nieder, daß unsere Maschine furchtbar vibrierte.

»Langsamer, Speed«, rief ich. »Die Tragflächen können abbrechen.« Er kümmerte sich nicht um meine Warnung, und ich hielt den Atem an, als wir auf das Wasser kamen und mitten zwischen die beiden kämpfenden U-Boote fuhren.

»Nicht hierher, um Gottes Willen«, schrie ich. »Wenden. Wir sind zwischen zwei Feuern.«

Während ich sprach, ging ein Schuß vom amerikanischen U-Boot ab, und ich sah das Geschütz auf dem Achterdeck der Star of Asia umstürzen. Ich blickte zu der amerikanischen Mannschaft zurück, die so ausgezeichnet geschossen hatte, und sah, daß sie sich zum Weiterfeuern vorbereitete. Am meisten aber freute mich die weiße Beschriftung auf der nassen Flanke des Oberbaues. Es war die V-4.

»Das ist Whit Dodge«, rief ich.

Er wird Margot umbringen, wenn er noch einen Schuß abgeben läßt«, antwortete Binney, auf die Mündung der Kanone zurasend.

Wir sahen die Geschützbedienung laden. Eine Gestalt in blauer Uniform ließ das Glas sinken und winkte uns ärgerlich zu, um uns aus der Schußlinie zu bringen. Ich erkannte Dodge.

»Um Gottes Willen, hören Sie auf zu schießen«, brüllte Speed, seine Maschine längsseit bringend und mit den Tragflächen die Schußlinie der bereits gerichteten Kanone sperrend.

»Sie werden das Boot versenken. Karakhan ist an Bord«, rief ich.

»Hoffentlich gelingt mir das«, schrie Whit Dodge zurück. »Schafft die Kiste aus dem Weg.« Dann sagte er zu seinen Kanonieren:

»Ihr müßt den Rumpf treffen, Jungens! Laßt den Oberbau. Wir müssen sie versenken.«

»Margot ist auch dort, Sie Idiot. Karakhan hält sie gefangen«, schrie ich. »Um Gottes Willen, Mensch Sie bringen SIE um!«

»Feuer einstellen!« befahl Whit bleich werdend. »Du guter Gott, wir haben sie schon zweimal getroffen. Sie ist manövrierunfähig und ihre Geschütze sind außer Gefecht gesetzt. Hoffentlich sinkt sie nicht.«

Er suchte mit dem Glas besorgt das Verdeck des feindlichen Fahrzeuges ab. Ich tat dasselbe und sah plötzlich eine Rauchwolke aufsteigen, die die vordere Hälfte des Bootes unseren Blicken entzog.

»Sie brennt!« rief einer von der Mannschaft. »Sollen wir die Jolle bereit machen, Sir?«

»Nicht vom Geschütz gehen und feuerbereit bleiben«, befahl Dodge. »Sie brennt nicht. Das ist eine Rauchbombe, er unternimmt etwas auf dem Vorderdeck. Was es ist, kann ich nicht sehen, aber er hat etwas vor.«

»Nehmen Sie Lin an Bord, wir werden nachsehen, was dort geschieht«, sagte ich und half Lin aus dem Flugzeug auf das Verdeck des U-Bootes. In diesem Augenblick flitzte etwas auf dem Wasser hinter der Rauchwolke hervor.

»Das ist ein Flugzeug«, rief Binney. »Der gelbe Hund glaubt, daß er uns jetzt entkommen kann. Aber er gehört mir«, und mit brüllenden Motoren sprangen wir vom Wasser auf und fuhren auf die andere Maschine los.

Speed konnte rascher steigen als die Rote Maschine, und bald waren wir in Kampfstellung über und hinter ihr. Wir kamen näher, und ich konnte sehen, daß Speed sich zum Angriff bereit machte.

Bald waren wir so nahe, daß ich beobachten konnte, daß die drei Insassen des Flugzeuges Fallschirme auf den Rücken geschnallt hatten. Hin und wieder blickte sich der Pilot im Vordersitz besorgt um und änderte den Kurs, um uns abzuschütteln. Dann sah ich, wie das im Hinterteil montierte Maschinengewehr auf uns gerichtet wurde, obgleich die Entfernung für ein wirksames Feuer noch zu groß war. Als ich das gelbe Gesicht hinter dem Gewehr sah, wußte ich augenblicklich, daß es der Rote Napoleon selbst war.

»Fertig machen«, rief Speed, »ich gehe los.«

Speed drehte die Nase der Maschine nach unten und richtete seine Maschinengewehre. Sein Daumen lag bereit auf dem Gewehrknopf des Armaturenbrettes.

Karakhan feuerte. Ein Hagel von Bleigeschossen traf die Holzhaube unserer Maschine, und dann wandte die Gestalt im zweiten Hintersitz sich mit blassem Gesicht um, es war Margot.

»Mein Gott, jetzt hat nicht viel gefehlt«, sagte Binney. »Fast hätte ich geschossen.« Er führte die Maschine aus dem Schußbereich von Karakhans Gewehr. »Jetzt traue ich mich nicht, ihn abzuschießen. Ich würde sie dabei umbringen. Herrgott, ist das eine Schweinerei!«

Karakhan hatte bemerkt, daß wir plötzlich von der Offensive in die Defensive übergegangen waren, und auch den Grund erraten. Er wußte, daß wir das Mädchen nicht gefährden wollten. Er nahm sofort seinen Vorteil wahr und ließ sein Flugzeug wenden.

Wir bewegten uns ununterbrochen in Kreisen. Speed bemühte sich, dem Maschinengewehrfeuer zu entgehen, das wir nicht erwidern konnten.

Und dann geschah etwas: das Mädchen, das von Speed Binney fliegen gelernt hatte, handelte.

Hinten war Karakhan mit dem Maschinengewehr beschäftigt. Vorn hatte der Pilot mit der Steuerung der Maschine zu tun.

Im Mittelteil richtete Margot sich auf, setzte die Füße auf den Bordrand und sprang ab. Sofort öffnete sich ihr Fallschirm, und sie trieb langsam zum Wasser hinab.

»Das ist ein Mädel«, rief Speed stolz aus und wendete unverzüglich die Maschine, um neben dem Fallschirm niederzugehen. Um Karakhan kümmerten wir uns jetzt nicht. Der mochte zum Teufel gehen. Wir mußten das Mädchen bekommen.

Aber dann geschah etwas Fürchterliches. Die Rote Maschine wendete, senkte sich und richtete ihre Gewehre auf das kleine Stück weißer Seide, von dem Margots Leben abhing.

»Jesus!« brüllte Binney und ging mit einer plötzlichen Wendung auf das Rote Flugzeug los. Seine beiden Gewehre sprachen gleichzeitig, und ein Hagel von Bleigeschossen traf den Roten Führersitz. Die Maschine machte einen Ruck, kippte und stürzte zum Wasser hinunter. Karakhan arbeitete verzweifelt, um sich aus den Munitionsstreifen zu befreien, in die er sich bei dem heftigen Stoß verwickelt hatte.

Einige Minuten später waren wir neben Margot auf dem Wasser und zogen sie zu uns herein. Sie war bleich und atemlos, aber unverletzt. Speed nahm sie in die Arme.

Dann flogen wir auf die Trümmer des Roten Flugzeuges zu. Es trieb noch, obwohl seine Pontons beim Anprallen auf das Wasser zertrümmert worden waren. Der Pilot war tot, und Karakhan saß schlaff im Hintersitz; seine Stirn, mit der er gegen das Maschinengewehr gestürzt war, blutete.

»Er lebt«, sagte ich, etwas Wasser in das reglose Gesicht spritzend.

»Ja«, antwortete Binney, »natürlich lebt dieses Aas.«

Als Karakhan zu sich kam, holten wir ihn in das Flugzeug herüber. Ich setzte ihn neben mich, und Speed stieg mit der jetzt schwer belasteten Maschine auf. Bald sahen wir die Star of Asia, die jetzt das Sternenbanner zeigte, und die V-4 Seite an Seite auf uns zufahren.

Amerikanische Matrosen halfen uns auf das Verdeck des gekaperten U-Bootes. Als Dodge Karakhan sah, sagte er uns leise, Lin sei schwer erkrankt und hätte in seiner Koje zu Bett gebracht werden müssen.

Dann sah Dodge, daß Speed Margot umfaßt hielt, und fragte stotternd:

»Was – was – was bedeutet das?«

Er zauderte eine Weile, ging aber schließlich mit ausgestreckter Hand auf Binney zu und sagte:

»Sie haben gewonnen, Speed. Ich kann Ihnen jetzt nur Glück wünschen.«

Mit einemmal hörten wir Hurrarufe, und als wir uns umsahen, sahen wir, daß die Mannschaften Flaggen hißten. Ein Offizier kam auf uns zu und sagte:

»Der Krieg ist aus. Wir haben eben folgenden Funkbericht bekommen:

 

GENERALSTABSCHEF DER ROTEN HEERE IN NEUENGLAND GENERAL BOLINOFF ERGIBT SICH STOP ER IST UNTER DEM SCHUTZ DER WEISSEN FLAGGE HINTER DIE AMERIKANISCHEN LINIEN IM SÜDEN VON BOSTON GEKOMMEN KOMMA UM WAFFENSTILLSTANDVERHANDLUNGEN EINZULEITEN STOP KARAKHAN AUF DER FLUCHT.

 

Du guter Gott, mein Bericht! Die ganze amerikanische Marine und das ganze Heer suchten nach dem Roten Napoleon, und ich hatte ihn gefangen genommen!

Einige Minuten später gingen die ersten Zeilen meines Funkberichtes mit der Überschrift »An Bord von Karakhans Groß-U-Boot Star of Asia« ab.

Wir nahmen Kurs auf New York, und schon nach einer halben Stunde stießen wir auf Kriegsschiffe, Zerstörer und Flugzeuge, die von allen Seiten auf uns zukamen. Die Nachrichten jagten einander durch die Luft – es waren so viele, daß unser Funktelegraphist nicht einmal alle aufnehmen konnte.

Wir wurden an Bord des Kreuzers Minneapolis gebracht, und die ganze Nacht hindurch gingen die Nachrichten weiter. Als wir morgens vor Sandy Hook waren, bekamen wir Befehl, nach Norfolk weiter zu fahren. New York lag in Trümmern, und die Minenfelder im Hafen machten eine Einfahrt unmöglich.

Heute weiß die ganze Welt, daß die Bevölkerung Norfolks so aufgebracht gegen den gelben Mann war, der seinen Truppen die Devise EROBERE UND ZEUGE gegeben hatte, daß es unmöglich war, ihn in die Stadt zu bringen. Wir gingen in Hampton Roads vor Anker, und Karakhan wurde einer Gruppe von Stabsoffizieren unter dem Befehl des Generals H. B. Smith übergeben.

Wir alle wurden dann an Bord des Linienschiffes Oregon geschafft und fuhren nach Bermuda, wo der Rote Napoleon seitdem im Exil lebt.

Die Geschichte der letzten Kriegsphasen kennt heute jeder Schuljunge – die Kapitulation der Roten Truppen im pazifischen Nordwesten und in Zentralamerika; die Konterrevolutionen in London, Paris, Berlin und Wien; den politischen Zerfall der ehrgeizigen kommunistischen Föderation, die Karakhan durch die Eroberung Amerikas über die ganze Erde ausdehnen und »Die Rote Weltunion« hatte nennen wollen.

Ich brauche auch nicht zu erzählen, daß Europa wieder in geordnete Zustände gekommen ist und sich unter dem neuen Namen »Die Vereinigten Staaten von Europa« reorganisiert hat, und daß der Abtransport der Millionen gelber Soldaten in Amerika nahezu achtzehn Monate dauerte und die Schiffe der ganzen Welt in Anspruch nahm.

Für Hunderttausende von Karakhans weißen Truppen war der Kriegsausgang ein Segen. Amerikas extensives Kolonisationsprogramm gab ihnen, was sie ihr ganzes Leben lang entbehrt hatten – Land. Heute sind sie die aufstrebenden Kolonisten und Bürger der neuen Staaten Manitoba, Saskatchewan, Alberta (früheres Kanada) und Vancouver (Britisch Kolumbien). Die Aufnahme aller Kanadischen Provinzen als gleichberechtigte Staaten in den Verband der Vereinigten Staaten von Amerika war das Ergebnis der großen kanadischen Volksabstimmung im November 1937.

Die politische Verschmelzung der beiden Völker war angesichts der wirtschaftlichen Möglichkeiten des geeinigten Europas notwendig geworden.

St. Louis blieb Hauptstadt, und das Sternenbanner herrscht heute vom Polarkreis bis zur mexikanischen Grenze. Die früheren britischen Stützpunkte Jamaica, Trinidad und Bermuda unterstehen nicht mehr Europa. Britisch Honduras und die drei Guianas bilden heute Teile der amerikanischen Republiken Guatemala, Venezuela und Brasilien.

In der letzten Woche kamen Binney und Margot im Flugzeug aus New York, um mich zu besuchen. Margot ist jetzt Abgeordnete des Staates Saskatchewan im Kongreß.

Lin erholte sich erst nach einigen Monaten von dem schweren Nervenfieber, an dem sie in jener aufregenden Nacht erkrankt war, und fuhr dann nach Rußland, um ihre Kinder zu holen, mit denen sie noch heute bei ihren Eltern in der Nähe Bostons lebt.

Oberst Boyar, der Karakhan ins Exil begleitet hat und bei mir auf Bermuda ist, war mir bei der Abfassung dieses Buches mit Karten, Dokumenten und Informationen behilflich.

Karakhan ist ein kranker Mann. Heuer – 1941 – ist er einundvierzig Jahre alt geworden. Ich mache Spaziergänge mit ihm, und manchmal reiten wir zusammen aus. Aber meistens sitzt er allein im Sonnenschein auf der Veranda des Bermudiana-Hotels, und dann hat er gewöhnlich eine Karte des Karaibischen Meeres vor sich, das während der Schlacht in der Windward Passage seinen Stern untergehen sah.

In meiner Eigenschaft als Vertreter der gesamten Weltpresse spreche ich täglich mit ihm. Seine Haltung gegen mich scheint sich nicht im Geringsten geändert zu haben. Er hat noch immer das Gehaben eines Welteroberers. Seine Heere sind aufgelöst, seine Flotten versenkt, seine Luftstreitkräfte abgeschossen, sein Reich vernichtet, aber der Rote Napoleon ist auch in der Niederlage und im Exil aufrecht geblieben.

Für mich wird er stets ein Symbol bleiben für trotzigen Mut, unbeugsamen Willen, stählerne Entschlossenheit und asiatische Grausamkeit. Seine Korrespondenz, die stets General Smiths Zensur zu passieren hat, ist umfangreich. Und durch diese Zensur erfahre ich den Inhalt vieler an ihn gerichteter Briefe. Sie kommen von den weißen Frauen, die ihm in Europa und Amerika gehört haben, und bringen ihm Nachrichten von den zahlreichen halb weißen und halb gelben Kindern, in deren Adern sein mongolisches Blut fließt.

»Ich bin ebenso stolz auf meine gelbe Haut, wie Sie auf Ihre weiße«, sagte er mir eines Tages. »Wer kann behaupten, daß glattes Haar besser ist als gekräuseltes, oder daß seine Schädelform einer anderen überlegen ist. Ihr Weißen schwatzt noch immer von Euerer höheren Zivilisation. Ihr vergeßt dabei, daß gelbe und braune Menschen schon viel höhere Zivilisationen hatten. Gelbhäutige Menschen haben die Pyramiden erbaut, sie haben das Schießpulver und das Papier erfunden, den Grund zu den Wissenschaften Medizin, Chirurgie, höhere Mathematik, Astronomie und Algebra gelegt, alles zu einer Zeit, als Eure weißen Vorfahren in Europa sich noch in Felle kleideten, in Höhlen lebten und sich von rohem Fleisch nährten.

Ich bin verurteilt, weil ich Vereinigungen mit weißen Frauen anstrebte und für die Rassenmischung eintrat – weil ich meinen Heeren befahl, zu erobern und zu zeugen.

Ich habe nichts zu widerrufen. In der von mir gewiesenen Richtung liegt die Zukunft der Welt. Schon vor mir hat es entschlossene und willensstarke Männer gegeben; einige von ihnen haben ihr Ziel erreicht, andere konnten nur die Saat ausstreuen. Ich habe die Saat ausgestreut. Es gibt nur ein Mittel zur Besserung – Gewalt. Mein Fehler lag darin, daß ich auf den Meeren meine Gewalt nicht durchsetzen konnte. Ich bin stolz auf meine militärische Laufbahn. Ich bin stolz darauf, daß ich in meinen Adern das Blut Dschingiskhans habe, und wahrscheinlich werde ich hier unter der Gewalt und Aufsicht meines Kerkermeisters Smith sterben. Aber im Andenken der Welt werde ich nicht bloß als Eroberer weiterleben. Ich habe für die Menschheit gekämpft.

Krieg, Kämpfe, Schlachten – das sind die einzigen Werkzeuge des Fortschritts. Mit ihnen sind alte Vorurteile der Welt – nationalistische, religiöse, Klassen- und Wirtschaftsvorurteile – aus der Welt geschafft oder wenigstens geschwächt worden. Aber ein Vorurteil ist geblieben – das Rassenvorurteil – und dieses wird das nächste sein, das verschwindet.

Eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Weißen kann nicht für alle Zeit ihre farbigen Brüder verdrängen. Ihr amerikanischen Rassenpuristen, Ihr Anbeter der arischen Illusion – Ihr nehmt alle schönen Flecken der Erde für Euch in Anspruch. Warum macht Ihr Farbenunterschiede? Ich will es Ihnen sagen – aus Angst vor unserer Macht. Es gibt in den Vereinigten Staaten eine farbige Rasse, für die Ihr diesen Unterschied nicht gelten laßt. Vizepräsident Curtis hatte Indianerblut in seinen Adern. Frau Woodrow Wilson rühmte sich gleichfalls indianischer Abstammung. Warum erkennt Ihr diese Leute an, obwohl ihr sie in Acht und Bann tätet, wenn es sich statt um Rot um Schwarz handelte?

Warum? Ich will Ihnen den Grund sagen. Den Indianer fürchtet Ihr nicht mehr. Ihr habt ihn besiegt – seine Stämme sind zerstreut, seine Krieger entwaffnet, seine Frauen haben Euch gehört – Ihr habt die Indianer als zoologische Raritäten in Reservationen zusammengetrieben, Ihr stellt sie aus als Schlangenbeschwörer, Teppichknüpfer und Museumsstücke – aber Euer Vorurteil gegen die Gelben und Schwarzen ist ganz anders. Ihr fürchtet unsere Macht.

Ich sage Ihnen das alles, weil ich wünsche, daß Sie es niederschreiben. Ihren weißen Ohren klingt es entsetzlich, aber ich wünsche, daß es nicht vergessen wird, weil einmal eine Lösung dieser Frage kommen muß. Der Haß zwischen den Farben und Rassen muß zum Verschwinden gebracht werden.

Die Gebote Eures weißen Gottes – die Lehren Eurer weißen Religion – die Gesetze Eurer weißen Regierungen – die Grundprinzipien Eurer weißer Biologie – alle verkünden sie die Brüderschaft und Gleichheit aller Farben als Mitglieder der Menschenfamilie. Und dieselben Schriften legen Zeugnis ab für Eure ungeheure Heuchelei.

Ich erkenne nur eine Rasse an – die MENSCHENRASSE.«

Karakhan wird diese Insel nie verlassen. Es wird kein Entrinnen von seinem Elba geben – keine »Hundert Tage« für den Roten Napoleon.

Er weiß recht gut, daß in dem Gedächtnis der Welt – der gehaßten weißen Welt – die Erinnerung an die ihm zu verdankenden Verluste an Menschenleben und Reichtümer noch zu lebendig sind, als daß er auch nur die kleinste Aussicht haben könnte, die Macht wieder an sich zu reißen.

Aber er läßt nicht von der Hoffnung, daß aus der Saat der Unzufriedenheit, die er ausgestreut hat, und aus dem Charakter der vielen in die Welt gesetzten Mischlinge seine Rache erstehen werde.

Roter Versuch zur Zerstörung der Einfahrt vom Stillen Ozean in den Panama-Kanal, um die amerikanische Flotte zu zerreißen

Annäherung, Kontakt und Flucht, bzw. Verfolgung der gegnerischen Flotte im Lauf des Tages und der Nacht des 5. März, Vorspiel zu der Schlacht in der Windward-Passage

Hauptaktion der Seeschlacht in der Windward-Passage am 6. März 1936.

Legende:

A. Konzentration und Aufstellung der Flotten in Gefechtslinie in der Morgendämmerung.

B. Eröffnung des Feuers auf Totalschußweite.

C. Flankenangriff der amerikanischen Luftflotte und der U-Boote auf Rote Flotte. Zwei Rote Schlachtschiffe versenkt, eines gefechtsunfähig gemacht.

D. Amerikanische Flotte vergrößert Schußdistanz unter schwerem Feuer.

E. Amerikanisches Schlachtschiff Oklahoma sinkt nach Fahrt in die feindliche Linie infolge Manövrierunfähigkeit.

F. Amerikanische Flotte macht unter Schutz von Zerstörern erzeugter Rauchwand Loslösungsbewegung, um Schußdistanz zu vergrößern, ändert Kurs um 90 Grad und nimmt früheren Kurs wieder auf.

G. Mittag, zweiter amerikanischer Luft- und U-Bootangriff von kubanischen Stützpunkten aus. Ein Rotes Schlachtschiff versenkt, drei außer Gefecht gesetzt, von denen zwei später sinken. Gleichzeitig verringert amerikanische Flotte Schußdistanz und eröffnet wieder Feuer.

H. Amerikanische Zerstörer greifen an und versenken außer Gefecht gesetzte Rote Schlachtschiffe, darunter die beiden erwähnten, mit Torpedos.

I. Amerikanische Linie vollführt unter Schutz von der Luftflotte erzeugten Rauchvorhanges Loslösungsbewegung, um Schußdistanz zu vergrößern.

J. Beide Flotten haben jetzt ungefähr Parität in den Haupteinheiten erreicht, Vereinigte Staaten haben örtliche Luftüberlegenheit, amerikanisches Kommando nimmt Artillerieduell an, Schußdistanz 22 000 bis 24 000 Yards. Feuerüberlegenheit und bessere Luftbeobachtung ermöglichen es Amerikanern, noch vorhandenen Roten Haupteinheiten schwere Verluste und Beschädigungen zuzufügen. Zwei Rote Schlachtschiffe fliegen in die Luft, auf vier weiteren werden gefechtsunfähig machende Brände beobachtet.

K. Amerikanische Flotte, ihrer Feuerüberlegenheit sicher und imstande, Verluste zuzufügen, ohne selbst Verluste zu erleiden, vergrößert Schußdistanz auf 30 000 Yards.

L. Hauptangriff. Amerikanische U-Boote aus dem Golf von Gonaives und Haiti attackieren Rote Flotte vor Kap Dame Marie. Diese U-Boote waren die größten und stärksten Typen Amerikas, ausgerüstet mit weittragenden und besonders raschen Torpedos, bestückt mit zwei 15-cm-Geschützen. V – 6, infolge Beschädigung durch Rote Tiefenmine zum Auftauchen gezwungen, nimmt augenblicklich Artilleriegefecht mit Rotem Zerstörer auf, der mit 10-cm-Geschützen bestückt ist, und beschädigt ihn schwer. Dann taucht V – 6 nach Reparatur wieder und nimmt teil an den Angriffen auf Großkampfschiffe. Wütende Angriffe auf dem Wasser, unter dem Wasser und aus der Luft führen zur Versenkung von sechs Roten Schlachtschiffen. Amerikanischer Admiral nähert sich wieder der Roten Formation, die jetzt in äußerster Verwirrung ist.

M. Abschließendes Artilleriegefecht, in dem die Rote Seeherrschaft gebrochen wird. Roter Admiral befiehlt Auflockerung der Flotte, allgemeinen Rückzug und verzweifelte Nachhutgefechte, wobei er sich auf die im Kurs der amerikanischen Flotte befindlichen U-Boote stützt.

N. Amerikanische Flotte stößt auf Rote U-Boote, die eine Linie senkrecht zum amerikanischen Kurs bilden, verliert zwei Kampfschiffe, Verfolgung erleidet jedoch keine Verzögerung.

 

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