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Der rote Napoleon

Floyd Phillips Gibbons: Der rote Napoleon - Kapitel 15
Quellenangabe
authorFloyd Gibbons
titleDer rote Napoleon
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1930
printrun1. - 5. Tausend
translatorFranz Fein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190129
projectid2609b641
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13

Während wir ausösten und warteten, wanderten meine Gedanken zu einer Nacht im Februar 1917 zurück – einer Nacht, die ich in einem offenen Boot verbrachte, nachdem das Cunard-Schiff Laconia von zwei deutschen Torpedos versenkt worden war. Nahezu zwanzig Jahre waren seitdem vergangen und noch immer war der Krieg das einzige Mittel, mit dem der zivilisierte Mensch Streitigkeiten mit seinem Bruder austragen kann. Noch immer kämpften die Menschen, um zu töten. Seltsam, wie einem Friedensgedanken kommen, wenn man die Nähe des Todes fühlt.

Über das schwarze Wasser kam – aus welcher Richtung, weiß ich nicht – das schwere Dröhnen von Geschützfeuer. Blink Russell wurde wieder lebendig.

»Herrgott, sie stehen im Gefecht«, sagte er, »und es scheint näher zu kommen. Ich glaube, der Kampf zieht sich hierher. Wir haben doch noch eine Möglichkeit – eine ganz kleine Möglichkeit, aufgefischt zu werden.«

Jetzt konnten wir auch das Aufblitzen der Geschütze sehen – hellrote Flammen auf dem schwarzen Horizont.

»Da scheint es ja ganz lustig zuzugehen«, sagte Binney, »aber wie die sich in der finsteren Nacht erkennen können, das ist mir ganz unbegreiflich.«

Und dann sauste ein brüllendes schwarzes Ungetüm mit rasender Geschwindigkeit an uns vorüber. Es war ein Zerstörer, der uns nahezu überrannt hätte. Unser ruderloser Rumpf hüpfte in dem Gischt des Kielwassers umher wie eine Nußschale. Wir schrieen mit vereinten Kräften, aber man hörte uns wohl nicht.

Jetzt war die Schlacht schon ganz in unserer Nähe – rechts und links krachten Geschütze in der Nacht, die Granaten heulten über uns dahin. Einige schlugen in unserer Nähe ein und sandten große Wassersäulen empor. Eine furchtbare Explosion rechts vor uns sprengte uns nahezu die Trommelfelle und erleuchtete die Nacht taghell.

»Herrgott, was war denn das?« rief Binney.

»Das scheint ein ganz großes Ding gewesen zu sein«, erklärte Russel. »Mindestens ein Schlachtschiff torpediert. Hoffentlich war es nicht eines von den unseren.«

Zerstörer schossen rechts und links an uns vorüber. Keine zwanzig Meter rechts von uns sank einer, und wir konnten hören, wie die Leute einander über das Wasser zuriefen. Unwillkürlich riefen wir sie an, und einige von ihnen schwammen auf uns zu. Wir zogen sie zu uns herein.

Es waren Überlebende vom amerikanischen Zerstörer D 201, der zum dritten Geschwader der zweiten Flotille der von Vize-Admiral Haltigan befehligten Zerstörergruppe gehörte. Ein anderer Zerstörer drehte in der Nähe bei, um Überlebende aufzunehmen. Wir riefen ihn an und wurden an Bord gebracht. Es war das Führerschiff Wortman, das aus mir unbekannten Gründen von seiner Besatzung zärtlich »Die McGinnis« genannt wurde.

So versetzte uns das Schicksal in das Zentrum des furchtbaren Gefechts in der Nacht vom 4. auf den 5. März, das später als »Zweite Phase der Schlacht in der Windward Passage« bezeichnet wurde.

Russell und ich gingen zu Commander Haney auf die Brücke. Die Geschwindigkeit des langen, schlanken Fahrzeuges war geradezu furchtbar. Die Vibrationen, die von den unter Überdruck stehenden Kesseln kamen, waren fast unerträglich. Nach einigen Worten mit dem beschäftigten Haney erklärte Russell mir, was vorging.

»Die drei Gruppen unserer Flotte, die wir heute gesehen haben, ziehen sich jetzt in nördlicher Richtung auf einen Konzentrationspunkt zurück. Die Rote Flotte verfolgt. Unsere Zerstörer greifen an. Wir werden heute noch allerhand zu tun bekommen.«

»Ich kann aber nicht begreifen«, warf ich ein, »warum die amerikanische Flotte in drei weit voneinander getrennte Kampfgruppen zersprengt wurde. Warum wurde nicht alles zusammengehalten? Ich dachte, es wäre eine anerkannte Flottentaktik, alle verfügbaren Kräfte in eine Einheit zusammenzufassen.«

»Sie sind nicht mehr überrascht als der Feind«, erläuterte Russell. »Die Roten stießen auf unsere dritte Schlachtgruppe im Osten, und auf unsere erste dreihundertzwanzig Kilometer weiter im Westen. Sie glauben, uns getrennt zu haben und versuchen, einen Keil zwischen die beiden Geschwader zu treiben. Mittlerweile konzentrieren wir unsere Kräfte. Die Vorteile unserer Schlachtgruppenorganisation, wie Sie sie heute nachmittag gesehen haben, sind zahlreich.

Erstens: da jede Gruppe eine vollständige und unabhängige Einheit bildet, sind wir in der Lage, bei jedem Zusammenstoß überlegene Kräfte einzusetzen.

Zweitens: die Schlachtgruppenorganisation erlaubt uns die volle Ausnutzung der Geschwindigkeit von Kreuzern, Zerstörern und Flugzeugen.

Drittens gestattet sie uns eine bessere Nutzbarmachung der U-Boote.

Viertens macht sie es jeder einzelnen Gruppe möglich, das Gefecht zu eröffnen, und sorgt für augenblickliche Unterstützung jeder von überlegenen Kräften angegriffenen Gruppe – mit anderen Worten, wir haben leichtere Konzentrationsmöglichkeiten und eine allgemeine größere Beweglichkeit.«

»Was ist das feindliche System?« fragte ich.

»Die alte britische Taktik, die seit Nelsons Zeit angewendet wird. Schlachtschiffe in einer Einheit, Schlachtkreuzer in einer Einheit, und so weiter durch alle Klassen. Für eine Gefechtsaktion ist das ganz gut, aber für das Manövrieren ist dieses System zu plump und nicht schmiegsam genug.«

Russells Marinestrategie war interessant, aber die Ereignisse des Augenblicks waren noch viel interessanter. Für mich werden die folgenden Stunden stets ein böser Traum von eilenden Schiffen, donnernden Geschützen, von Explosionen, Tod und Verderben bleiben.

Dieses Nachtgefecht, in dessen Verlauf der Feind die retirierende amerikanische Flotte über das Karaibische Meer in nördlicher Richtung verfolgte, ist bereits mit größter Lebendigkeit geschildert worden; alle Berichterstatter mußten das Geschick des Admirals Kennedy anerkennen, der seine leichten Einheiten auf die Vorhut und die Flanken des vorgehenden Feindes losließ, während seine drei Schlachtschiffgruppen auf ihren Versammlungsort zufuhren und sich dort für den Entscheidungskampf des nächsten Tages vereinigten.

Das Ergebnis des Nachtgefechts bewies, wie gut sein Schlachtplan war. Bei den wiederholten Angriffen auf das Gros des Feindes verloren wir Dutzende von Zerstörern, die von den schweren Geschützen ihrer überlegenen Gegner mit Tausenden von Menschen versenkt wurden. Aber bei diesen Attacken gelang es einigen Zerstörern, die feindliche Schutzwand von Zerstörern und Kreuzern zu durchstoßen und drei feindliche Schlachtschiffe zu torpedieren.

Wie ich später erfuhr, trug zu dem erfolgreichen Resultat der Aktion ein genialer Trick sehr viel bei. Beide Flotten gebrauchten Erkennungssignale – Blinklichter – mit Punkten und Strichen, ähnlich den Losungsworten und Feldrufen von Wachtposten auf dem Land.

Ein Roter Zerstörer, der einem amerikanischen begegnete, gab sein Anrufsignal. Das Signal wurde von dem Signaloffizier des amerikanischen Zerstörers aufgenommen und aufgezeichnet; der Amerikaner antwortete aber nicht und konnte in der Dunkelheit entkommen. Als unser Zerstörer sich einem anderen, feindlichen Schiff näherte, machte er Gebrauch von dem gestohlenen Anrufsignal, und das Rote Schiff erwiderte mit dem vorgeschriebenen Antwortsignal.

Der Kommandeur des amerikanischen Zerstörers teilte die feindlichen Signale funktelegraphisch dem Führerschiff mit, das augenblicklich die anderen Einheiten unterrichtete. Infolge dieser Information waren unsere Zerstörer im Lauf der Nacht einige Male imstande, die Signalanrufe des Feindes zu erwidern, ungestört hinter die Kette der Zerstörer und Kreuzer zu gelangen und ihre Torpedos aus nächster Nähe auf die Linienschiffe abzulassen.

Unter anderem hatte der amerikanische Nachtangriff den Zweck, die zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners zu verringern. Die Rote Flotte, die am 4. März mit einunddreißig Schlachtschiffen ausgefahren war, hatte am nächsten Morgen nur noch achtundzwanzig.

Außer seinen Zerstörern verlor Amerika nur ein Linienschiff, das hinter seinen Schwesterschiffen der ersten Division zurückgeblieben war und von feindlichen Zerstörern, die durchgebrochen waren, um drei Uhr morgens versenkt wurde.

Die im Laufe der Nacht versenkten drei Roten Linienschiffe waren: Iron Duke, Royal Sovereign und The Marne.

Unser Führerschiff fuhr eine Stunde vor der Morgendämmerung mit zerschossenen Schornsteinen und beträchtlich beschädigten Verdecks, aber mit unverminderter Geschwindigkeit in nördlicher Richtung, bis wir die Nachhut der amerikanischen Flotte erreichten, die eben die Konzentration ihrer drei getrennten Einheiten durchgeführt hatte und sich in Schlachtlinie entwickelte.

Haney fuhr neben das Flaggschiff Oregon und meldete mit dem Semaphor, daß Russell, Binney und ich auf der Wortman seien und an Bord genommen zu werden wünschen. Strickleitern wurden über die nassen Stahlflanken des Kriegsschiffes hinuntergelassen, und wir kletterten zum Deck hinauf.

Bei Tagesanbruch hörten wir im Süden wieder Geschützfeuer. Russell sagte mir, die schnellere Rote Flotte hätte uns endlich eingeholt. Das war der Beginn des größten und ausschlaggebenden Gefechts der Schlacht in der Windward Passage; Karte und Erklärung sind im Anhang zu finden.

»Unsere Kreuzer decken die Nachhut«, erklärte Russell. »Sie beschäftigen jetzt die Kreuzer in der Vorhut der Roten Flotte. Der Feind bewegt sich langsam mit östlichem Kurs auf uns zu. Das heißt, daß er zwischen uns und die Ostküste von Jamaica kommen wird. Wir sind jetzt ungefähr fünfundsiebzig Kilometer östlich von Point Morant und fahren auf die Windward Passage zu.«

Die ungestaffelte graue Linie der amerikanischen Linienschiffe – fünfzehn von ihnen fuhren mit Volldampf – hatte Intervalle von 450 Meter.

Die Rote Schlachtflotte nahm im Westen eine ähnliche Formation ein. Luftbeobachter meldeten, daß sie etwas über dreißig Kilometer entfernt sei. Da von beiden Seiten Beobachter genaue Meldungen über Lage und Kurs der Flotten machen wollten, tobte in der Luft bereits der Kampf. Russell telefonierte mit dem Nachrichtenoffizier und lächelte mir dann zu.

»Wir haben feindliche Funktelegramme aufgefangen, in denen Brixton von dem Roten Oberbefehlshaber auf Jamaica die volle Mitarbeit der Roten Luftstreitkräfte der Insel fordert.

Verstehen Sie jetzt, warum wir Ihren Bericht über die Eroberung Jamaicas unterdrücken mußten? Sehen Sie jetzt, was das wert ist?

Brixton ahnt noch nicht, daß die Insel in unseren Händen ist. Er verläßt sich noch immer auf die Unterstützung von den Flugplätzen auf Jamaica. Er weiß nicht, daß diese Plätze jetzt von unseren eigenen Geschwadern besetzt sind. Das wird eine ganz nette Überraschung für ihn sein.«

Es wurde sieben Uhr, und noch immer verfolgten die beiden Flotten ihren Kurs – die Roten kamen langsam näher. Um diese Stunde waren sie fünfzehn bis fünfundzwanzig Kilometer fast genau östlich vom Point Morant.

Russell führte mich auf die Vormars der Oregon, aber auch mit dem stärksten Glas konnte ich die Linie der feindlichen Schiffe am westlichen Horizont nicht wahrnehmen. Trotz der Entfernung aber konnten wir das Geschützfeuer hören, und wir wußten, daß die Kreuzer in ein Gefecht verwickelt waren. Nach einer weiteren Stunde lag die Linie der Roten Linienschiffe der amerikanischen Formation parallel gegenüber. Die schweren Geschütze der Roten Flotte eröffneten eben das Feuer. Es war Punkt acht Uhr.

Russell erklärte mir: »Die Entfernung beträgt mindestens 25 000 Meter. Sie schießen mit Luftbeobachtung. Da ist ein Kurzgänger«, sagte er, auf eine Wassersäule weisend, die etwa einen halben Kilometer neben uns aufsprang.

Dann begannen die amerikanischen Kanonen ihr Feuer auf das erste Schiff in der feindlichen Linie zu konzentrieren. Ob sie trafen, wußte ich nicht. Ich konnte nicht einmal das Ziel sehen, auf das sie schossen. Mein Kopf schmerzte und meine Ohren dröhnten von dem furchtbaren Krachen der Vierzigzentimeter-Geschütze der Oregon.

Als die Breitseiten vom Voraus- und vom Achterturm abgingen, schlingerte das Schiff zur Seite und wieder zurück, und wir, oben in unserer Mars, wurden heftig hin und her geschleudert.

Beißende Rauchwolken stiegen von den Geschützmündungen auf und hüllten uns ganz ein. Zum Glück kam der Wind aus Nordosten, so daß der Rauch vom Schiff abtrieb.

»Der alte Kennedy hat sich die Zeit und die Stellung gut ausgesucht«, schrie mir Russell ins Ohr. »Sehen Sie, die Sonne geht hinter uns auf – das heißt, sie scheint dem Feind in die Augen.«

Obwohl die Sicht gut war, glaube ich nicht, daß im Verlauf dieses Fernschießens eine der beiden Seiten einen Treffer zu verzeichnen hatte. Aber vor den schweren Schiffen beschossen sich die einander gegenüberliegenden Linien der Kreuzer und Zerstörer auf nähere Distanz.

»Geben Sie Acht«, rief Russell. »Jetzt können Sie sehen, daß sie vorgehen. Sie sind schon näher an uns heran. Sie verringern die Schußdistanz. Nein! – weiß Gott, es ist die Luftflotte!«

Er nahm das Telephon, um weitere Informationen einzuholen, während ich durch den Beobachtungsschlitz schaute und mir mit Hilfe meiner Phantasie vorzustellen suchte, was in der Entfernung von vierundzwanzig Kilometern vor sich ging. Kleine hellere Flecken über großen Rauchwolken – das war alles, was ich sah.

Wir hörten das Geräusch einer furchtbaren Explosion und aus großer Ferne langgezogenen Kanonendonner. Erst später konnte Russell mir erklären, was geschehen war.

Eine Linie amerikanischer U-Boote war unter der Roten Kreuzerformation im Westen aufgetaucht und hatte einen Torpedoangriff auf die Flanke der Schlachtschifflinie eröffnet. Als diese zigarrenförmigen Todesmaschinen auf sie loseilten, machte die Rote Schlachtschifflinie eine Wendung nach rechts. Und während dies vor sich ging, senkte sich von oben Geschwader um Geschwader von Bomben- und Torpedoflugzeugen herab.

Sie kamen von den eroberten Flugfeldern auf Jamaica.

Rote Geschwader von den feindlichen Mutterschiffen eröffneten den Kampf, um die Schlachtschiffe zu schützen, deren Abwehrgeschütze infolge des veränderten Kurses nur schwer arbeiten konnten. Die Luftflotte von den Operationsbasen zu Land gab uns die zahlenmäßige Überlegenheit in der Luft.

Das Ergebnis dieses plötzlichen und ganz unerwarteten Doppelangriffes war, daß zwei Rote Linienschiffe, die Warspite und die Rodney, sofort sanken und das frühere italienische Linienschiff Conte di Cavour außer Gefecht gesetzt wurde und noch in der nächsten Stunde von Bombenfliegern versenkt werden konnte.

»Noch drei von ihren großen Schiffen erledigt«, rief mir Russell zu. »Es wird langsam besser. Jetzt haben wir fünfzehn Linienschiffe gegen ihre fünfundzwanzig.«

Aber jetzt begannen Rote Granaten in der Nähe der Oregon und der anderen amerikanischen Schlachtschiffe vor und hinter uns einzuschlagen. Unsere Geschütze antworteten. Der Feind konnte Treffer in unserer Linie verzeichnen, und Admiral Kennedy befahl eine kleine Kursänderung, um die Schußentfernung zu vergrößern. Mit seiner überlegenen Geschwindigkeit konnte der Feind die Distanz bald wieder verringern, und kurz vor zehn Uhr schlug eine Vierzigzentimeter-Granate von einem Steilfeuergeschütz in das Achterdeck des Linienschiffes Oklahoma und verursachte schweren Schaden.

Der Ruderapparat war manövrierunfähig geworden, und die Oklahoma fuhr mit voller Geschwindigkeit aus der Linie in einer wilden Kurve auf den Feind zu.

Als dieses wahnsinnige Manöver infolge ihrer Wendeunfähigkeit sie in die Nähe der Roten Linie gebracht hatte, wurden die Geschütze von zwölf Schiffen auf sie gerichtet. Es war rasch mit ihr zu Ende.

Nach einer fürchterlichen Explosion kenterte das Schiff völlig, so daß der Rumpf dem Himmel zugewandt war, und kurz darauf sank es.

Jetzt schickte Admiral Kennedy eine Kette von Zerstörern vor, und bald zeigte sich zwischen uns und dem Feind eine dicke Rauchwand, hinter der die amerikanische Linie eine scharfe Rechtswendung in nahezu rechtem Winkel machte. Die überlegene Reichweite der feindlichen Geschütze im Verein mit der Schwere ihrer Breitseiten und ihren besseren Geschwindigkeiten war noch zu viel für unsere Linie. Die Rote Schlachtlinie suchte wieder näher heranzukommen. Als die neunziggrädige Wendung vollendet war, nahm General Kennedy wieder den alten Kurs auf.

Mittlerweile war es zwölf Uhr geworden, und die allgemeine Nordbewegung des Gefechtes hatte die Spitze der amerikanischen Linie auf einen Punkt gebracht, der ungefähr fünfundsechzig Kilometer südlich von der Kubanischen Küste war.

Die Rote Linie im Norden von uns lag jetzt zwischen uns und der Kubanischen Küste. Die Entfernung war kleiner geworden, so daß ich den zweiten großen Gefechtsvorgang der Aktion durch das Glas beobachten konnte. Jetzt trat eine zweite amerikanische Falle in Wirkung.

Um diese Stunde griff die U-Bootdivision unter dem Befehl des Vizeadmirals Thomas die Rote Linie vom Norden an, und als die feindlichen Schiffe wendeten, um den U-Booten auszuweichen, erfolgte ein zweiter Angriff frischer amerikanischer Luftgeschwader. Diese Gruppen der Luftflotte kamen von den kubanischen Flugfeldern bei Santiago und an der Guantanamo Bay. Dann konzentrierten die amerikanischen Schlachtschiffe ihr Feuer mit furchtbarer Wirkung auf die Spitze der feindlichen Linie – und –

»Die ist hinüber!« rief Russell. »Wieder eine versenkt. Das ist die Marlborough. Und auch der Rest der Linie hat schwere Treffer. Sehen Sie an der linken Flanke das manövrierunfähige Schiff? Das ist die Aisne, die ist auch erledigt. Und dort das Schiff in Brand. Das ist die Queen Elizabeth.«

Noch ein feindliches Schiff wurde außer Gefecht gesetzt, das frühere britische Schlachtschiff Ramillies.

Wie Geier schwebten die Flugzeuge über den verletzten Opfern und erledigten sie durch Bombenabwürfe. Zwischen zwölf und ein Uhr verlor Brixton, während er Kurs nach dem Osten nahm, infolge der Zusammenwirkung zwischen U-Booten, Flugzeugangriffen und den Schiffsgeschützen sechs Schlachtschiffe. Die beiden letzten außer Gefecht gesetzten feindlichen Einheiten waren die Emperor of India und die Barham.

Unter dem Schutz einer dicken Rauchwand, die von der Luftflotte abgeblasen wurde, brach Admiral Kennedy vorläufig das erfolgreiche Gefecht ab, nahm aber gleich wieder seinen alten Kurs auf.

Das Hauptstärkeverhältnis der beiden Flotten war jetzt neunzehn zu vierzehn, und unsere Überlegenheit in der Luft schien gesichert zu sein. Da nun eine annähernde Schlachtschiffparität erreicht war, nahm Kennedy das Artillerieduell an und eröffnete auf eine Distanz zwischen 21 000 und 23 000 Meter das Feuer.

Wir hatten die bessere Luftbeobachtung, und Russell versicherte immer wieder, daß die amerikanische Feuerleitung besser sei als die feindliche.

»Herr Gott, was ist das für ein Gefecht«, rief er. »Haben Sie die letzten Treffer gesehen? Noch zwei feindliche Kähne sind versenkt. Ein deutsches Schiff, die von Tirpitz und ein japanisches, die Mutsu. Die beiden gehörten eigentlich zur Kreuzergruppe, aber Brixton hatte sie zu Hilfe rufen müssen.«

Aber Russells Freude sollte bald gedämpft werden; die amerikanische Flotte erlitt den zweiten schweren Verlust dieses Tages.

Das neue Schlachtschiff Nevada fiel, nachdem es schwere Treffer von dem konzentrierten Feuer der Nelson, der Royal Oak und der Resolution erlitten hatte, hinter die Linie, und obgleich unsere Luftstreitkräfte sie hinter schweren Rauchwänden zu verbergen suchten, konnten leichte feindliche Kreuzer und Zerstörer sie mit Torpedos versenken.

Obgleich die Geschwindigkeit der beiden Flotten im Verlauf des Artillerieduells herabgemindert worden war, zog die Spitze der Roten Linie bereits an den amerikanischen Schlachtschiffen vorüber, und um zu verhindern, daß seine Linie gekreuzt würde, ordnete General Kennedy die nächste Wendung an und nahm jetzt Kurs nach Süden.

Überzeugt von der Überlegenheit unserer Feuerleitung, eröffnete die amerikanische Flotte das Feuer wieder auf eine Entfernung von 27 000 Meter.

Jetzt war es zwischen vier und fünf Uhr nachmittags, und seit der Morgendämmerung wurde ununterbrochen gekämpft. Wir lagen noch immer innen, und die amerikanischen Kanoniere hatten die Nachmittagssonne wieder im Rücken.

Jetzt lagen siebzehn feindliche Schlachtschiffe dreizehn amerikanischen gegenüber. Aber im Verlauf dieser Stunde wurde die feindliche Luftflotte fast völlig vernichtet. Die amerikanischen Flugzeuge konzentrierten ihre volle Stärke auf die Reste der feindlichen Luftstreitkräfte, und fast kein einziger Roter Pilot überlebte diesen Entscheidungskampf.

Bombenflugzeuge senkten sich auf die feindlichen Mutterschiffe Eagle, Furious, Courageous und Glorious herab.

Tausendpfund-Bomben durchschlugen die Landungsdecks und explodierten in den Schiffsrumpfen.

Binney, der den Kampf mit den der Oregon zugeteilten Fliegeroffizieren beobachtet hatte, rief mich jetzt an.

»Ich habe eine Maschine, diesmal aber mit einem Gewehr. Ich darf vom Verdeckkatapult aufsteigen. Kommen Sie mit Commander Russell herunter, und dann kanns losgehen.«

Fünf Minuten später stiegen wir in einem armierten Marinebeobachter auf. Bevor wir volle Höhe gewannen, wurden wir in ein Gefecht mit einem japanischen Kampfflieger verwickelt, den Binney abschoß.

Bald hatten wir eine Höhe von fünfzehnhundert Metern gewonnen, aus der wir die Endphasen der Schlacht in der Windward Passage beobachten konnten. Jetzt war die Rote Flotte, die südlichen Kurs hatte, fünfzehn bis fünfundzwanzig Kilometer von Cap Dame Marie, dem Westzipfel der Insel Haiti, entfernt.

Die amerikanische Flotte, die weiter draußen lag und südwestliche Direktion hatte, war etwa fünfzehn Kilometer nordöstlich von der kleinen kahlen Felseninsel Navassa Island entfernt. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich bis dahin keine Ahnung davon gehabt hatte, daß dieses Inselchen den Vereinigten Staaten gehört.

Das war die Stellung der Streitmächte, als Admiral Kennedy die dritte Überraschung des Tages brachte – seinen großen Angriff. Eine weitere Gruppe von U-Booten, die im Golf von Gonaives im Hinterhalt gelegen hatten, attackierten die Ostflanke von Brixtons hartbedrängter Schlachtschifflinie. Gleichzeitig erschienen in den Lüften frische amerikanische Luftgeschwader, die von Haiti kamen.

Wieder operierten Luft- und Seestreitkräfte gleichzeitig. Während die Rote Linie eine Wendung nach Westen machte, um dem Torpedoangriff zu entgehen, senkten Bomben- und Torpedoflugzeuge sich in geschlossener Formation herab. Gleichzeitig sandten die Breitseiten der amerikanischen Schiffe Tonnen heißen Metalls nach dem Osten.

Russell, der neben mir saß, sprach ununterbrochen.

»Die Benbow ist außer Gefecht gesetzt. Sie war das Flaggschiff der ersten britischen Linienschiffdivision. Das gekenterte Schiff hier ist die Revenge. Der Kahn, dem die beiden Masten abgeschossen sind, ist die Somme, das frühere Flaggschiff der französischen Linienschiffdivision. Was da gerade mit der Nase voraus sinkt – sehen Sie rasch hin – das ist die Giulio Cesare von der italienischen Division. Dort ganz im Osten – was eben in die Luft geht – das ist die Nagato, und das brennende Schiff rechts von ihr ist die Togo. Beide von der achten japanischen Division. Sie waren der Stolz der ehemaligen kaiserlich japanischen Flotte. Ich glaube, die Nagato war das Flaggschiff von Admiral Oki, dem Brixton den Befehl über die Schlachtkreuzerflotte übergeben hat.«

Die furchtbare Außergefechtsetzung von sechs Schlachtschiffen war das Resultat von Kennedys großem Angriff vor Kap Dame Marie. Die Verluste an Schlachtkreuzern, Panzerkreuzern, leichten Kreuzern und kleineren Fahrzeugen waren noch schwerer. Die Überreste der Roten Gefechtslinie suchten jetzt mit südlichem Kurs in das Karaibische Meer zu entrinnen, aber Kennedy hatte noch nicht Schluß gemacht. Elf Linienschiffe waren von der großen Roten Flotte übrig geblieben. Aber jetzt waren wir die Überlegenen. Dreizehn amerikanische Großkampfschiffe waren noch in Aktion.

Kennedy fuhr an die Rote Linie heran, in der jetzt fast völlige Verwirrung herrschte, und in der Abenddämmerung fand der letzte Artilleriekampf der Schlacht südöstlich von Navassa Island statt.

Zu unserem Glück vertrieb der Nordostwind häufig die schweren Rauchwolken, so daß wir den Kampf beobachten konnten, der sich in eine Reihe von Schiffszweikämpfen auflöste. Wie man mittlerweile festgestellt hat, gab Admiral Brixton jetzt von seinem schwerbeschädigten Flaggschiff, der Nelson, den Befehl zum allgemeinen Rückzug, der von Zerstörern und U-Booten gedeckt werden sollte.

In der ersten Stunde der Verfolgung stieß die siegreiche amerikanische Linie auf getauchte U-Boote, die vom Süden heraufgekommen waren. Ihr verspätetes Erscheinen war ganz unerklärlich, und in der sich ergebenden Verwirrung wurde befürchtet, daß uns der Sieg noch in der letzten Minute entrissen werden könnte.

Zwei mächtige amerikanische Schiffe, die West Virginia – die die Flagge des Konteradmirals Atwood führte – und die Idaho wurden versenkt; zum Glück konnte ein Teil der Besatzungen gerettet werden. Dieses furchtbare Unheil dämpfte den amerikanischen Jubel. Admiral Kennedy sammelte seine Streitkräfte wieder und verfolgte die Roten Schlachtschiffe weiter.

Binney ging mit Russell und mir neben der Oregon nieder, und wir wurden an Bord geholt. Binney stand neben mir, riß mir die Blätter aus der Schreibmaschine und eilte mit ihnen zur Funkstation, die den Bericht sofort weitergab.

Infolge der unausgesetzten Aufregung und des reichlichen Kaffeegenusses während der Abfassung meines Berichtes zitterten meine Nerven, als ich schließlich erschöpft in meinem Stuhl zusammensank.

Die weit vorgeschobenen Heere des Roten Napoleons mochten noch auf amerikanischem Boden stehen, aber seine Seemacht, die ihm die Herrschaft über die Welt gesichert hatte, war vernichtet. Die Morgendämmerung des Sieges war angebrochen.

»Herrgott, ist das ein Bericht«, rief Binney. »Hoffentlich wird er im Radio weitergegeben – ich weiß nicht, was ich darum geben würde, bei Margot zu sein, wenn sie ihn hört. Du guter Gott – was wird jetzt mit ihr geschehen?«

Ich war zu erschöpft, um zu antworten, und wollte gar nicht denken.

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