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Der rote Napoleon

Floyd Phillips Gibbons: Der rote Napoleon - Kapitel 11
Quellenangabe
authorFloyd Gibbons
titleDer rote Napoleon
publisherErnst Rowohlt Verlag
year1930
printrun1. - 5. Tausend
translatorFranz Fein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190129
projectid2609b641
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9

Während ich versuche, mir die übrigen Monate des Jahres 1934 – dieses furchtbaren ersten Kriegsjahres – ins Gedächtnis zurückzurufen, erkenne ich widerstrebend, daß jeder Bericht über diese entsetzliche Zeit, wenn er nicht ganz unklar bleiben soll, notwendigerweise viele der schauerlichen Ereignisse streifen muß, die dem gelben Vormarsch in das Herz Amerikas, des letzten Bollwerks der weißen Rasse, vorausgingen.

Populäre Erinnerungsbücher, Kriegskarten, militärische Untersuchungen, Wirtschaftsaufsätze und historische Chronologien berichten die Einzelheiten, die ich übergehen muß. Und schließlich ist es meine Aufgabe, über die Geschehnisse im Zusammenhang mit meinen Beziehungen zu dem Roten Napoleon selbst zu berichten, dessen Exil im Frieden und Sonnenschein Bermudas ich heute teile.

Meine Erlebnisse als Kriegskorrespondent hatten mich gegen die Greuel der Schlachtfelder abgehärtet, aber nichts machte mir auf so furchtbare Weise die Entsetzen des Krieges klar wie der Tod meines Lieblingsneffen, des achtzehnjährigen Jimmie Byrnes, im Jahre 1934. Er war nur einer der vielen Tausende dieser heldenhaften unausgebildeten ERSTEN MILLION von Amerikanern, deren namenlose Gräber um Seattle, Tacoma und Olympia das Vorrücken von Karakhans gelben Horden im pazifischen Nordwesten markieren.

Dutzende von meinen Freunden in der amerikanischen Armee hatten sich in den Dschungeln Tehuantepecs dem Tod geweiht, um die Eindringlinge vom Golf von Mexiko abzuhalten – und der Erfolg war lediglich, daß aus Karakhans Einmarsch in Mexiko ein Vorrücken nach Panama wurde.

Das ganze Jahr hindurch quälte mich der Gedanke an ein schönes englisches Mädchen, das in den Händen der Feinde war, das durch die ganze Weite des Atlantischen Ozeans von den beiden jungen Leuten getrennt war, die einander bis auf den Tod bekämpft hätten, um ihr Leben für sie hinzugeben.

Margot Denisons absonderliches und gefährliches Schicksal als Gefährtin und Mitgefangene von Karakhans Frau ließ uns nicht aus der Angst kommen – sowohl mich nicht, wie Leutnant Speed Binney von der Fliegertruppe und Marineleutnant Whit Dodge.

Whit verfluchte die Defensivpolitik, die unsere Flotte im Golf von Mexiko festhielt. Speed verdammte die politischen und administrativen Fehler, die Amerika in der Luft wehrlos gemacht hatten.

Diese Unterlegenheit zu Wasser und absolute Kampfunfähigkeit in der Luft ermöglichte im Verein mit der mangelhaften Vorbereitung der Landstreitkräfte die Ereignisse, über die ich jetzt berichten werde.

Gedeckt von einer Wolke von Marineflugzeugen, die den winzigen kanadischen Luftwiderstand vernichteten, begann Karakhan die Ausschiffung von Truppen an Neubraunschweigs unbefestigter Küste, an der Northumberland-Straße im Golf von St. Lawrence.

Nach zwei Tagen leichter Kämpfe waren die einmarschierenden Roten im Besitz der Hauptstrecke der von Nova Scotia nach der Provinz Quebec führenden Canadian National Railroad. Die Häfen, Bergbaugebiete und Industriezentren von Pictou bis Campbellton wurden besetzt, und Trümmer von kanadischen Regimentern flüchteten sich mit der von Entsetzen ergriffenen Zivilbevölkerung nach dem Süden.

Hochfliegende Hydroplane der Roten, die von Flugzeugmutterschiffen und Transportdampfern vor der Maine-Küste in der Nähe von Bar Harbour aufgestiegen waren, bombardierten die im Binnenland gelegenen Eisenbahnstrecken und unterbrachen die Verbindungen zwischen den Grenzen Maine-Neubraunschweig und Maine-Quebec. Während Ingenieure an der Ausbesserung der zerstörten Kommunikationsmittel arbeiteten, wurden die nach dem Norden fahrenden Züge mit amerikanischen Verstärkungen aufgehalten, und Tausende von kanadischen Flüchtlingen setzten ihren Weg nach dem Süden zu Fuß oder in Automobilen auf den verstopften Straßen fort.

Am dritten Tag der Offensive fuhren rote Materialschiffe, Truppentransportdampfer und leichte Kreuzer hinter einer Schutzwand von Minensuchern kühn in den St.-Lawrence-Strom ein und bewerkstelligten Landungen an den wichtigen Eisenbahnpunkten Rimouski und Rivière du Loup.

Auf einer hundertdreißig Kilometer langen Strecke setzten sich die einmarschierenden Truppen, die zum größten Teil aus sibirischen Mongolen und nordslawischen Kommunisten bestanden, in den Besitz der Bahnstrecke am Südufer des Flusses und landeten unermeßliche Mengen von Feldgeschützen, Tanks und Ausrüstungsmaterial. Von Rivière du Loup vorstoßende Kolonnen schnitten die National Transcontinental Railway an dem Punkt ab, wo sie von der Provinz Quebec eine Wendung nach dem Osten macht und nach Neubraunschweig führt.

Der gesamte Widerstand, der dieser ungeheuren Operation entgegengesetzt wurde, bestand in Angriffen vereinzelter Geschwader von amerikanischen und kanadischen Flugzeugen, in isolierten Gefechten, die von sehr unterlegenen, mit Freiwilligen aus der Zivilbevölkerung verstärkten kanadischen Milizeinheiten geliefert wurden, und in Aktionen amerikanischer U-Boote, denen es gelang, im Golf von St. Lawrence vier feindliche Transportschiffe und einen leichten Kreuzer zu versenken.

Amerikanische Militärkritiker führten Karakhans Erfolg an der Nordostfront zurück auf:

  1. die Überlegenheit seiner Luftstreitkräfte, das Fehlen aller Küstenschutzanlagen infolge des Jahrhunderte alten kanadischen Vertrauens auf eine Verteidigung durch die britische Flotte,
  2. die Schwäche der kanadischen Landtruppen, die darauf zurückzuführen war, daß ihre Hauptmacht an der roten Front in Britisch-Columbien festgehalten war,
  3. die auf die wiederholten Zerstörungen amerikanisch-kanadischer Eisenbahnstrecken durch feindliche Bombengeschwader zurückzuführende Verspätung, mit der die amerikanischen Landtruppen an der Front eintrafen,
  4. Karakhans unbelästigte Rückenverbindungen auf dem Wasser bis nach Liverpool, Queenstown, Antwerpen, Hamburg, Cherbourg, Boulogne und Lissabon, wo seine Sammelstellen und Depots lagen.

Auf Grund meiner persönlichen Beobachtungen in jenen aufregenden Tagen und Nächten, in denen ich mit Leutnant Binney im Flugzeug, im Automobil und zu Fuß über Hunderte von Kilometern den Bewegungen der retirierenden kanadischen Front folgte, kann ich die oben aufgezählten fünf Gründe nur als weitere Beweise betrachten für das Genie des gelben Feldherrn, der sie alle zu seinem Vorteil zu vereinen wußte.

Sogar die Natur des Landes verstand Karakhan seinem Willen Untertan zu machen. Ihn störten die Wildnisse am Nordufer des St. Lawrence nicht. Seine leichten Marinekräfte im Fluß deckten die rechte Flanke seiner Landtruppen, die wieder ihre linke Flanke auf das Rückgrat des Notre-Dame-Gebirges stützten. In diesem wohlgeschützten Korridor am Südufer des St. Lawrence marschierten seine Truppen mit einer Frontbreite von fünfzig bis achtzig Kilometern siegreich auf Quebec zu.

Die Verteidigungsmittel dieser Stadt, die von der Natur selbst sehr geschützt ist, waren völlig veraltet und konnten gegen die modernen Kriegswaffen Karakhans nichts ausrichten.

In hundert Jahren kostbarer Sicherheit hatten die Kolonisten des Dominions sich völlig darauf verlassen, daß die britische Flotte sie schützen würde. Vom Ontariosee bis zum Meer existierte nicht eine einzige moderne Befestigungsanlage.

Da keine britische Flotte den Weg versperrte, war der St.-Lawrence-Strom eine offene breite Straße, die in das Herz Kanadas führte.

Links von ihm lag die unbewohnte Bergwildnis, zu der auch die Berggipfel im Norden des Staates Maine gehörten. Auch dieses Gebiet jungfräulichen Waldes, in dem es keine Bahn und keine Automobilstraßen gab, wurde von Karakhan ausgenutzt. Die unzähligen kleinen Seen wurden zu Häfen für seine Wasserflugzeuge.

Tag und Nacht brachten große Transportaeroplane Brennstoff, Bomben und Vorräte für diese neuen Stützpunkte, die so unzugänglich waren, daß sie von Landtruppen nicht angegriffen werden konnten. Dank ihrer zentralen Lage zwischen dem Atlantischen Ozean und dem St.-Lawrence-Tal hatte Karakhan so die strategische Herrschaft in einem Umkreis von dreihundert Kilometer Radius.

Ich sprach nur mit einem Amerikaner, der sich über das schwierige Problem, das Karakhans genialer Angriff bot, freute. Oberst Willoughby Watkins, der früher Ingenieur des Küstenschutzdienstes der Staaten gewesen war, fragte uns lächelnd:

»Was glauben Sie denn, warum Karakhan so viel Zeit und Mühe verliert, warum er sich zwischen Farmen, Holzgebieten und Fischerdörfern in der Gegend des St. Lawrence durcharbeitet, während er in Wirklichkeit in die Staaten kommen will? Die acht Millionen Kanadier sind ihm ganz egal.

Er ist auf Onkel Sam aus. Was meinen Sie, weshalb er nicht direkt auf unsere Küste losgegangen ist – warum hat er seine Truppen nicht in Massachusetts oder Delaware oder Norfolk gelandet wie seinerzeit die Engländer, als sie von Bermudas kamen und Washington verbrannten? Was meinen Sie, weshalb er das nicht versucht hat?«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich das erraten kann, Oberst«, unterbrach Binney. »Warum?«

»Weil die Küstenverteidigung der Staaten unsere einzige Waffe ist, die noch etwas taugt«, antwortete der Oberst. »Wir haben Forts, Festungen und vorbereitete Geschützstellungen an der ganzen atlantischen Küste von Key West bis zur Bai von Fundy, und an den Küstenbahnstrecken sind schwere Geschütze montiert, an allen Automobilstraßen längs der Küste stehen automobilisierte Geschütze bereit. Wir könnten ihm die Hölle heiß machen, wo immer er zu landen versuchen würde. Und deshalb will er über Kanada zu uns kommen.«

Quebec fiel am 15. Juni in die Hände der Roten, und Karakhan, der dort sein Hauptquartier einrichtete, ließ am höchsten Flaggenmast auf dem Dach des Chateau Fontenac zum erstenmal die neue Standarte seiner Heere aufziehen – die Flagge der Rassenmischung.

Das von ihm selbst entworfene regenbogenähnliche Emblem bestand in verschiedenfarbigen Strahlen, die von einer aus mehreren Farben zusammengesetzten Sonne ausgingen und die Verschmelzung der roten, gelben, weißen, braunen und schwarzen Rassen zu der einzigen von der Roten Union anerkannten – der Menschenrasse – darstellten.

Franzosen in Quebec, die sich darüber beklagten, daß Karakhans schwarze Soldaten in Häusern einquartiert wurden, in denen weiße Frauen und Kinder wohnten, wurden offiziell darauf hingewiesen, daß Frankreich während der Rheinlandbesetzung seine Senegalesen in den Häusern deutscher Frauen einquartiert hatte. Ganz Amerika hörte es am Radio.

Speed Binney und ich luden, als wir von Armstrong in Quebec nach Augusta in Maine fuhren, unseren Wagen mit geflüchteten französischen Frauen und Kindern und den wenigen von ihnen geretteten Habseligkeiten voll. Eine weißhaarige Französin, deren Augen sowohl von Entsetzen wie von Resignation sprachen, erzählte:

»Ach, Monsieur, Sie können es ja nicht ahnen – ich habe unsere toten Soldaten unbegraben auf den Feldern und Wiesen liegen sehen. Unsere Mädchen – meine Tochter – fortgeführt – ermordet – mein Mann, meine Enkel, sie müssen unter dem gelben Mann mit der Peitsche arbeiten. Mit jedem Tag haben sie im Dörfchen St. Damien mehr erschossen – sie morden. An den Straßen hängen die Leichen unserer Priester an den Telegraphenstangen. Sacre Dieu! Ich habe zuviel gesehen.«

Die Übergabe, zu der Hampton Ferguson mit den zwanzigtausend Überlebenden seiner zertrümmerten kanadischen Streitkräfte bei Fredericton in Neubraunschweig gezwungen wurde, bedeutete den endgültigen Zusammenbruch der Seeprovinz.

Halifax war vom Land aus genommen worden, und rote Truppen und Schlachtschiffe füllten den Hafen wie seinerzeit in den Tagen des Weltkrieges.

Während St. Johns von roten Landtruppen besetzt wurde, drangen feindliche Schiffe in die Bai von Fundy ein und landeten Besatzungstruppen in diesem Hafen, der das größte Trockendock der Welt hatte; damit war ein Flottenstützpunkt von größtem Wert für Karakhans Marine im Westatlantik gewonnen.

Amerikas »Klapperkastenheer« – so wurde es wegen der verschiedenartigen Automobile, von leichten Lieferwagen bis zu eleganten Limousinen, genannt, mit deren Hilfe es transportiert wurde – konnte die Eisenbahnstrecke von Woodstuck nach St. Andrews nicht halten und wurde unter ununterbrochenen Beschießungen und Vergasungen aus der Luft gezwungen, sich über die Grenze nach Maine zurückzuziehen. Die Truppen, die kein Benzin mehr hatten, zerstörten oder verließen ihre improvisierten Transportmittel und zogen sich über die Bahnstrecken der Canadian Pacific und der Maine Central und über die nach Süden führenden Straßen zurück.

Die Eroberer hatten das erste Stück Bodens in Neuengland gewonnen.

Ihre konzentrierten Land- und Luftstreitkräfte stießen längs der Maineküste und im Tal des Penobscot in südlicher Richtung vor und zerstörten und besetzten zwei Tage nach der Eroberung Quebecs die Stadt Bangor.

Am 17. Juni verlief die neuenglische Schlachtlinie auf den großen Kriegskarten, die an den Gebäuden der amerikanischen Zeitungen gezeigt wurden, südlich von Quebec in einer Linie fünfzehn Kilometer östlich von Jackman und von da zur Küste bei Belfast in Maine. Bangor war in den Händen der Feinde, und die amerikanische Front stützte sich auf die Automobilstraße zwischen Augusta und der Ortschaft Armstrong in Quebec. Diese Front vom St. Lawrence bis zum Atlantik war dreihundertundzwanzig Kilometer lang.

Die amerikanische Moral im Hinterland bekam einen Stoß. Die Männer wandten sich mit wütenden Blicken von den Nachrichtentafeln mit den Heeresberichten ab. Die stündlich erscheinenden Extraausgaben brachten in großen Überschriften übertriebene Berichte über geringfügige taktische Erfolge amerikanischer Einheiten, aber dieser verfehlte Optimismus konnte der immer mehr überhandnehmenden Angststimmung nicht mehr Herr werden.

In den nächsten fünf Monaten des Krieges wurden fünf Millionen Männer vom Präsidenten Smith zu den Fahnen gerufen. In den Straßen aller amerikanischen Städte sah man Tausende von Uniformierten. Aber auf jeden Glücklichen, der eine ordentliche Khakiuniform bekommen hatte, kamen mindestens zwei Leute in Zivilanzügen, die nur ein Abzeichen hatten – eine acht Zentimeter breite Khakibinde am linken Arm.

Die Ausbildungslager im ganzen Lande waren überfüllt und hatten nicht genug Möglichkeiten zur Unterbringung und Ernährung der Mannschaften, und sehr groß war auch der Mangel an Instruktionskräften. Die meisten der Eingezogenen hatten nie in ihrem Leben eine Feuerwaffe in der Hand gehabt, und die Regierung war nicht imstande, genug Gewehre für die Ausbildung herbeizuschaffen. Die Rekruten verbrachten ihre Zeit im wesentlichen mit Exerzieren, Geländeübungen und Lagergesängen.

Theater und Konzertsäle wurden beschlagnahmt, in einigen Staaten sogar Zuchthäuser und Gefängnisse, um die in der Heimat wartenden Truppen unterzubringen.

Halbaufgefüllte Divisionen unausgebildeter Rekruten waren rasch an die Fronten in Oregon und Mexiko geworfen worden, von wo die Heeresleitung die Divisionen des aktiven Heeres und der Miliz abgezogen hatte, um sie an der gefährlicheren Stelle im Nordosten einzusetzen.

Unter den geschlagenen amerikanischen Truppen, die den Vormarsch der Roten aufzuhalten gesucht hatten, war die Moral nicht gerade glänzend. Sie klagten das Heeresflugwesen an, weil sie den feindlichen Luftangriffen ungeschützt ausgesetzt waren, und dem Hauptquartier warfen sie vor, es sei unfähig, die Kampffront mit Proviant und Munition zu versorgen.

»Sie sind also Flieger, so?« sagte ein Infanterieleutnant verächtlich, als Mr. Lynn, der Besitzer des Hotels North in Augusta, ihn mit Speed Binney und mir bekannt machte. »Ich habe über euch Flieger in Frankreich gelesen. Dort habt ihr nur Champagner getrunken. Und furchtbar gekämpft habt ihr, in den Magazinen zehn Jahre nach dem Krieg. Richtige Helden und Ritter der Luft. Es muß damals anders gewesen sein als in diesem Krieg.

Die einzigen amerikanischen Flugzeuge, die ich oben im Norden sah, flogen, was hast du, was kannst du, nach Süden, während die Chinks ihnen Schwanzfedern ausschossen.«

Speeds Gesicht färbte sich rot.

»In gewissem Sinn haben Sie recht«, antwortete er, als er sich wieder in der Gewalt hatte. »Ich bin nur ein Kiwi. Ich habe seit drei Wochen nicht in einem Flugzeug gesessen. Es gibt keine mehr.«

»Was meinen Sie damit, daß er in gewissem Sinn recht haben soll? Worin hat er denn unrecht?« fragte Mr. Lynn. »Warum stellen unsere Flieger sich nicht, um die Truppen unten zu verteidigen?«

»Das war ja unser verflucht idiotisches System«, erwiderte Speed. »Und deshalb haben wir überhaupt keine Luftflotte mehr. Jeder Divisionskommandeur an der Front verlangte Flugzeuge zur Beschützung seiner Division. Das ist beim Puget-Sund gemacht worden. Und das ist in Mexiko gemacht worden. Und das ist einer der Gründe, weshalb wir Hiebe bezogen haben.

In Europa habe ich gesehen, wie Karakhans Luftflotte alles niedermachte, was ihr in den Weg kam. Das wurde aber nicht dadurch erreicht, daß man jedem Regimentskommandeur Flugzeuge für Luftpatrouillen zur Verfügung stellte. Erreicht wurde es dadurch, daß man die gesamte Luftflotte zu einer überlegenen, beweglichen Einheit zusammenfaßte und sie offensiv gebrauchte. Mit Defensiven kann man in der Luft ebensowenig Schlachten gewinnen wie im offenen Gelände oder in Straßenkämpfen. Der Sieg gehört dem, der am kräftigsten zuschlägt.

Wir haben unsere Luftstreitkräfte zersplittert und auf den Feind eingehackt wie eine Schar Tauben. Sie wissen, was einer Taube passiert, wenn der Habicht auf sie losgeht? Na also, es gibt keine Tauben mehr.«

Ein Teil der amerikanischen Luftstreitkraft war jedoch erhalten geblieben. Aber diesen hatte man konzentriert, um ihn für eine Offensivaktion bereitzuhalten. Am 18. Juni berichteten die Zeitungsüberschriften über diese neue Taktik mit folgenden Worten:

 

U.S.-FLUGZEUGE BOMBARDIEREN HALIFAX

ROTES TRANSPORTSCHIFF MIT 10 000 TONNEN LADUNG TRINITROTOLUOL ZERSTOERT. RIESENEXPLOSIONEN IN HAFEN UND STADT. AEHNLICHE KATASTROPHE WIE 1917. FURCHTBARE VERLUSTE AN MENSCHENLEBEN. KARAKHANS ATLANTISCHER FLOTTENSTUETZPUNKT EXISTIERT NICHT MEHR.

 

Die veröffentlichten Berichte übertrieben den angerichteten Schaden sehr und verschwiegen ganz, daß die größere Hälfte des amerikanischen Geschwaders auf dem Rückflug von überlegenen roten Kräften angegriffen und vernichtet worden war.

Der amerikanische Jubel über den »Erfolg« der Bombardierung von Halifax sollte nur von kurzer Dauer sein. Schon in der nächsten Nacht rächte Karakhan sich mit furchtbaren Luftangriffen auf Boston. Binney und ich waren gerade zu Besuch bei den Eltern Whit Dodges, die in der Beacon Street wohnten.

»Wenn Sie gestatten, Sir«, wandte der tadellose Hausmeister sich an Vater Dodge, während wir in dem steifen neuenglischen Salon saßen, »mir wurde soeben mitgeteilt, daß feindliche Flugzeuge sich der Stadt nähern, und daß man ein Bombardement erwartet.

Die Polizei alarmiert telephonisch und empfiehlt, alle Lichter zu löschen, keine Feuer brennen zu lassen, sich von den Straßen fernzuhalten und in den Kellergeschossen der Häuser zu bleiben.«

»Gut, Hodgins«, antwortete Mr. Dodge ohne jede Erregung. »Sorgen Sie dafür, daß im Keller ein Diwan für Mrs. Dodge bereitgestellt wird. Für mich einen Sessel, einen Tisch, die elektrische Leselampe und eine Kanne Tee. Und, richtig, schicken Sie mir den Evening Transcript hinunter.«

Wir empfahlen uns von den alten Herrschaften und traten in die Juninacht hinaus.

Feuerwehrwagen patrouillierten unter Glockengebimmel und Sirenengeheul in den Straßen. Alles in der Stadt war verfinstert. Hunderte packten ihre Familien in Automobile, um auf das offene Land hinauszufahren, aber da sowohl Wagen wie Straßen unbeleuchtet waren, kam es zu zahllosen Zusammenstößen und Verkehrsverstopfungen.

Die erste rote Bombe ging im Boston Common, unmittelbar vor der Park Street, nieder. Die Detonation drückte alle Fensterscheiben des State House ein und zerstörte den Cambridge-Tunnel und die Bostoner Untergrundbahn in der Nähe der Unterführung der Tremont Street.

Die Angreifer warfen an kleine Fallschirme gehängte Leuchtraketen ab. Die Scheinwerfer der an den Rändern der Stadt aufgestellten Abwehrbatterien fegten über den Himmel mit Strahlenbündeln, die in das Dunkel hinaufgriffen wie tastende Finger. Dann kam der Tod herab. Eine Bombe fiel in den Hof des Copley Plaza Hotels, zerstörte die Front und einen Seitenflügel des Gebäudes und tötete 118 Hotelinsassen.

Ein anderes Geschoß krachte durch das Dach der Untergrundbahnstation Milk Street in der Washington Street, wo 3000 Menschen Zuflucht gesucht hatten. Einige hundert wurden durch die Explosion verstümmelt und getötet, aber die meisten kamen in der furchtbaren Panik um ihr Leben. Hunderte von Männern, Frauen und Kindern wurden in dem entsetzlichen Schieben und Drängen der von Furcht gepackten Menge zertreten und erstickt. Die übervölkerten Bezirke Charlestown, Ost- und Südboston bekamen Dutzende von Bomben, und Hunderte wurden getötet im Zusammensturz neuer Mietshäuser und in Bränden, die in der Siedlung um Bunker Hill ausbrachen.

In Cambridge zerstörte eine Brandbombe, die das Dach des großen Gebäudes der »Athenaeum Press« traf, das wohlbekannte Verlagshaus von Messrs. Ginn and Company. Eine andere Bombe vernichtete das Harvard Stadion.

Als das Dröhnen der Explosionen und das Bellen der Abwehrgeschütze aufgehört hatte, zählte Boston seine Toten, und die Überlebenden atmeten erleichtert auf.

Tausende von Neugierigen stiegen aus ihren Zufluchtsorten empor und suchten die beschädigten Straßen auf, um sich alles genau anzusehen.

Dann kam der zweite Angriff auf die Stadt. Dieser ging, wie man später erfuhr, von Flugzeugmutterschiffen aus, die vor der Küste vor Anker gegangen waren. Wieder stürzten die Bomben, aber diesmal war kein Alarm vorausgegangen. Die Flugzeuge waren in furchtbarer Höhe gekommen und senkten sich mit abgestellten Motoren auf die Stadt hinab.

Die Mengen in den Straßen wurden von einer entsetzlichen Panik erfaßt, alles schrie und kreischte, drängte Treppen hinunter, stürzte sich in Untergrundbahnhöfe und verbarg sich in Kellern. Das Wasserleitungsrohr vor der Bostoner Oper platzte, und achthundert Männer, Frauen und Kinder ertranken elendiglich in überschwemmten Kellern. Gasrohre barsten, und neue Brände taten ihr Zerstörungswerk auf der Anhöhe in Charlestown und in der Back Bay.

Der angerichtete Materialschaden war nicht groß, und militärisch hatte die ganze Aktion keine große Bedeutung, aber der furchtbare Verlust von 7000 Menschenleben ließ ganz Amerika erzittern. Washington wurde wegen des Fehlens aller Luftverteidigungskräfte mit Vorwürfen überschüttet.

Ein Teil der Luftflotte, der aus 54 Kampfflugzeugen bestand, wurde bei dem heroischen Bemühen, die angreifenden Bombengeschwader abzuschießen, fast völlig vernichtet. Nur fünf Piloten überlebten den Kampf.

Sehr bedeutsam war eine Tatsache, die die Öffentlichkeit nicht begriff, die Tatsache nämlich, daß von den zahllosen Bomben, die abgeworfen wurden, nur drei in der Nähe der Hafenanlagen niedergegangen waren. Diese Anlagen, die für Amerika nutzlos waren, weil unsere Flotte lahmgelegt war, wünschte Karakhan nicht zu zerstören. Die Angreifer hatten sich sorgfältig davor gehütet, die Docks zu beschädigen. Karakhan hatte noch Verwendung für sie.

Ein Resultat des Bostoner Bombardements war, daß Gouverneure, Bürgermeister und Handelskammern aller Ortschaften und Städte in Neuengland im Kongreß nachdrücklich Abwehrbatterien und Schutzmaßnahmen für ihre Städte forderten. Der Generalstab in Washington war den heftigsten Angriffen ausgesetzt, weil er sich weigerte, die Reste der Verteidigungsmittel zu zersplittern, und Präsident Smith hatte den politischen Mut, das Kriegsministerium zu decken.

Man konnte nicht offiziell erklären, daß alles, was an Luftverteidigungskräften blieb, zum Schutz der wichtigsten Gebiete des Landes konzentriert war, nämlich der Eisenhütten und Kohlenbergwerke Pennsylvaniens, der Wasserkraftwerke am Niagara und der lebenswichtigen Verkehrswege für das Eisenerzgebiet bei Sault Sainte Marie.

Da Karakhan jetzt alle Hafen- und Bahnhofsanlagen Quebecs, St. Johns' und Halifax' zur Verfügung hatte, konnte er sein Vorrücken durch das Tal des St. Lawrence und in das östliche Maine beschleunigen. Der Hauptstoß wurde in Kanada geführt.

Bald mußten die hart bedrängten Linien der Kanadier und Amerikaner in diesem sechzig Kilometer breiten Korridor unter der Intensität der rasch aufeinanderfolgenden feindlichen Schläge nachgeben.

Die Kommunikationen im Rücken unserer Truppen wurden von Fliegerbomben zerstört. Die Front war erschüttert und wich unter den wiederholten Massenangriffen zurück. Leichte Marinekräfte im Fluß beschossen unsere Truppen vom Rücken aus. Tag und Nacht waren die Eisenbahnlinien Bombardements und Gasbeschießungen aus der Luft ausgesetzt.

An der rechten Flanke fiel Trois Rivières, womit die roten Marinekräfte den Zugang zum St.-Peter-See hatten. Im Süden vom Fluß mußten die Verteidiger sich von Thetford Mines auf Sherbrooke zurückziehen, um eine Umfassung ihrer exponierten linken Flanke zu verhindern.

An der Maine-Front ließ der Druck des Feindes ein wenig nach. Aber immer wieder wurden Aktionen unternommen, unterstützt von Geschwadern, die von den vor der Küste stationierten Mutterschiffen aufstiegen. Truppenteile, die sich längs der Küstenbahnstrecken über Rockland und Waldoboro vorwärts bewegten, besetzten Bath in Maine.

Die Zivilbevölkerung Augustas flüchtete über Lewiston nach Portland, und nach einem heftigen, einen Tag währenden Gefecht zogen die Roten in die Staatshauptstadt ein.

Die amerikanisch-kanadischen Verluste waren groß. Die hinter Stacheldrahtverhauen in Reservestellungen eingegrabenen Divisionen wurden im Verlauf des Vormarsches eine nach der anderen aufgerollt. Sie brauchten gar nicht zur Kampflinie vorzurücken – Karakhan schickte ihnen die Kampflinie entgegen. Ihr Widerstand war so verbissen, daß die wenigen Überlebenden, denen es gelang, sich nach hinten zu retten, kaum ausreichten, um die Identität ihrer Einheiten aufrechtzuhalten. Maschinengewehrposten, die keine Munition mehr hatten, kämpften mit Gewehr und Bajonett weiter, und viele von ihnen fielen neben ihren nutzlos gewordenen Waffen.

Karakhans Vormarsch vom St.-Peter-See verbreiterte jetzt auf beiden Flußufern seine Front. Die vom Süden und vom Westen nach Montreal führenden Bahnen wurden, kaum daß sie von Ingenieuren ausgebessert waren, von Bombengeschwadern wieder zerstört. Die Automobilstraßen hinter der amerikanisch-kanadischen Linie bestanden nur noch aus Riesenkratern, die jeden Verkehr unmöglich machten.

Am Morgen des 20. Juli rückte die Vorhut der Roten vom Norden her in Montreal ein. Roten Horden, die auf der Strecke der Canadian Pacific vorgingen, gelang es, die Flüsse Ottava und Back zu überschreiten, trotz des entschlossenen Widerstandes der französisch-kanadischen Infanterie und der massierten leichten Feldgeschütze, die von den Höhen des Mount Royal Park ein heftiges Feuer unterhielten.

Karakhan, der den Angriff persönlich leitete, verwendete seine unbelästigten Luftstreitkräfte dazu, die bewaldeten Höhen des Parks in Wolken von Rauch und Gas zu hüllen.

Von dem Fluß gegenüber Chambly bombardierten rote Kreuzer die Stadt mit Zwanzigzentimeter-Granaten. Am Südufer des Flusses aufgefahrene österreichische Feldartillerie deckte die Stadt mit furchtbarem Trommelfeuer zu.

Kurzgänger in dem Artillerieduell mit den kanadischen Kanonieren auf Mount Royal Park zerstörten die Hälfte der Gebäude der McGill-Universität und des Royal Victoria Hospitals am Rande von Fletchers Field. Hunderte hilfloser Verwundeter und Kriegspflegerinnen kamen ums Leben.

Bevor die Verteidiger der Stadt sich zurückzogen, versuchten sie, jedoch ohne Erfolg, die großen Angus-Werkstätten der Canadian Pacific Railway in Brand zu setzen, denen Karakhans Granaten sorgfältig aus dem Wege gegangen waren.

Bessere Arbeit leisteten die Zerstörungskommanden an den Schleusen des überaus wichtigen Kanals, der den Wasserverkehr vom unteren St. Lawrence zu den großen Seen und der Umgebung der La-Chine-Schnellen vermittelt. Diese lebenswichtige Verkehrsader wurde völlig zerstört.

Montreal kapitulierte am Nachmittag des 21. Juli, und eine aus etwa 5000 Kanadiern und 1000 Amerikanern bestehende Nachhut geriet in Gefangenschaft.

An diesem Tag verlief die Frontlinie von einem südwestlich von Montreal am St. Lawrence gelegenen Punkt in südöstlicher Richtung über den Richelieufluß, über die alte kanadisch-vermonter Grenze zwischen Philippsburg und Richeford, durch West Burke und Gorham in New Hampshire zu einem fünfzehn Kilometer nördlich vom Hafen Portlands gelegenen Punkt an der atlantischen Küste.

In sechsunddreißig Tagen fürchterlichen Kämpfens waren die roten Truppen in einer mehr als 320 Kilometer breiten Front um annähernd 270 Kilometer vorgerückt.

Amerikaner und Kanadier hatten verstehen können, daß die deutsche Militärmaschine so rasch durch Flandern vorwärts rollte, aber um ihnen begreiflich zu machen, daß so etwas auch in Nordamerika möglich war, dazu mußte erst die bittere Erfahrung der Wirklichkeit kommen.

Unsere militärischen Optimisten suchten damit zu trösten, daß Karakhan in Neuengland doch langsamer vorgerückt sei als im Jahre vorher in Europa, woraus sie den Schluß zogen, daß der amerikanische Widerstand kräftiger gewesen sei. Es war zum erstenmal, daß die gelben Horden einer Nation begegnet waren, die frei von inneren Klassenkämpfen war.

Aber in den vier Monaten und zehn Tagen, welche die nächste Phase der gelben Invasion ausmachten, kam mehr Unheil über Amerika, als es jemals im Verlauf seiner Geschichte erlebt hatte. Trotzdem zeigte sich in dem wachsenden Widerstand, mit dem um jeden Fußbreit Landes gekämpft wurde, die Stärkung der amerikanischen Moral. Die nach Hunderttausenden zählenden amerikanischen und kanadischen Truppen konnten die Vorwärtsbewegung von Karakhans Kriegs-Dschaggernaut nicht aufhalten, aber es gelang ihnen, wenn auch nur mit den Mauern ihrer Leichen, das Tempo des feindlichen Vormarsches zu verlangsamen. Karakhan hielt sich in Montreal nicht auf.

Während Tausende von Zivil- und Militärgefangenen, die unter der Peitsche gelber Aufseher arbeiteten, die zerstörten Einrichtungen von Kanadas großem Binnenhafen ausbesserten, nutzte die Gelbe Geißel ihre Siege in dem flachen, offenen Gelände südlich von Montreal aus und schickte Truppen und Vorräte durch das Tal des Richelieuflusses vor.

An der Ost- und an der Westküste des Champlainsees strömten die Roten in die nördlichen Teile der Staaten New York und Vermont.

Die vorbereiteten amerikanischen Stellungen im Norden von Plattsburg brachen unter dem Ansturm zusammen. St. Albans und Milton am Vermonter Ufer fielen in die Hände der Feinde. Burlington in Vermont wurde durch einen Luftangriff unhaltbar gemacht.

Mongolische Kavallerie, welche die zurückflutenden amerikanischen Kräfte im Osten der Stadt abschnitt, ging im Tal des Winooskiflusses vor. Von diesen Fanatikern überlebte kein einziger die furchtbaren Kämpfe mit den amerikanischen Verteidigern, aber sie hatten den Truppen, die bald darauf die Staatshauptstadt Montpellier besetzten, den Weg bahnen können.

Die amerikanischen Kommunikationslinien zwischen den Grünen Bergen und dem See wurden immer wieder durch Luftbombardements lahmgelegt. An der New Yorker Küste, zwischen dem See und dem Gipfel der Adirondacks, wurde eine ähnliche Taktik angewendet.

Die Flanken der vormarschierenden roten Truppen wurden ständig von Scharen entschlossener Scharfschützen aus den Wäldern der Adirondacks und der Grünen Berge belästigt. Diese Belästigungen beantwortete Karakhan, indem er asiatische Reiter nach beiden Seiten in die Berge ausschwärmen ließ. Rote Flugzeuge, die sich in großer Höhe hielten, verhinderten durch Bomben- und Gasbombenabwürfe jede Konzentration der Verteidiger. Aber schwere Angriffe hatte der Feind nicht zu befürchten – daran hinderten die Bergwände.

Die heute gedruckten Erinnerungen an die Guerillakämpfe in den Adirondacks und den Grünen Bergen können mit Recht moderne Lederstrumpferzählungen genannt werden. Der heldenhafte Widerstand der amerikanischen Waldbewohner war jedoch nur eine Ablenkung, die Karakhan nie von dem Hauptzweck seines Feldzuges hätte abbringen können.

Der Rote Napoleon hatte beschlossen, seine Hauptmacht über jenen historischen Wasserweg des Binnenlandes nach dem Süden vorzuschieben, den die Irokesen und Mohawks den »Kriegspfad der Völker« genannt haben.

Durch dieses Tal waren die Lilien Frankreichs südwärts marschiert. Durch dieses Tal waren die englischen Truppen vorgerückt. Es war der Weg, den Burgoyne bei seinem Versuch, die junge Republik zu erdrosseln, gewählt hatte. Es war den Amerikanern geheiligt durch die Namen Ethan Allen, Stark, Rogers und Putnam. Es barg die Heiligtümer von Ticonderoga. In seinem Boden lagen die Gebeine amerikanischer, englischer, deutscher, französischer, holländischer und indianischer Krieger, und jetzt strömten wieder Eroberer, die Vertreter aller Rassen und Farben aus den entferntesten Winkeln des Erdballs, durch diese Öffnung südwärts.

An der linken Flanke seiner Linie in Maine übte Karakhan unablässig einen Druck längs des Küstenstreifens zwischen den Weißen Bergen und dem Atlantik aus. Portland wurde von der Landseite her genommen. Die ausgezeichneten Befestigungen seiner Hafenschutzanlagen waren gegen Angriffe vom Meer aus eingerichtet worden. Der Verlust des nördlichsten Hafen Amerikas, der einer der wichtigsten Plätze an der atlantischen Küste und einer der größten Weizenumschlagplätze der Welt war, versetzte der öffentlichen Moral einen neuen Stoß.

Obgleich es amerikanischen U-Booten, die von Boston aus operierten, gelang, eine Anzahl feindlicher Fahrzeuge zu versenken, blieb die Tatsache bestehen, daß zwei Tage nach der Besetzung der Stadt durch die Gelben rote Truppenschiffe und Transportdampfer an den Kais des Maine-Staates löschten und Mannschaften landeten. Die aus Stahl und Zement erbauten modernen Docks hatten den Sprengstoffen, mit denen die zurückziehenden Amerikaner sie zerstören wollten, Widerstand geleistet.

Während die rote Linie sich am Champlainsee langsam südwärts schob, erzielten amerikanische Gegenangriffe an der atlantischen Küste Teilerfolge im Süden von Portland, aber keine Gegenoffensive konnte den Roten die Portland mit Montreal verbindende Canadian Grand Trunk Railway entreißen.

Die Leiden der mangelhaft ausgebildeten, tapferen, eifrigen amerikanischen Truppen, die sich dem furchtbaren Druck des roten Vormarsches entgegenstemmen mußten, waren gräßlich. Die Verlustlisten von der Kampffront im Norden von Saratoga Springs waren so entsetzlich, daß Washington sie monatelang nicht zu veröffentlichen wagte.

Bei Saratoga Springs sollten jedoch der hart bedrängten amerikanischen Linie zwei Verbündete zu Hilfe kommen. Am 30. November fiel Schnee, die Seen und der Hauptnachschubweg Karakhans, der St. Lawrencefluß, froren zu. Außerdem brach in seinen Westarmeen eine schwere Influenzaepidemie aus.

In allen Kirchen Amerikas, in denen gerade das Erntedankfest gefeiert wurde, wurde der Vorsehung für diese unerwartete Hilfe gedankt.

Allerdings hatte Karakhan noch zahllose Reserven an Menschenmaterial in Europa, und Kanadas eisfreie Häfen Halifax und St. Johns dienten ihm im Verein mit Portland auch im Winter. Aber Portland war nicht imstande, die ungeheueren Mengen des Materials aufzunehmen, die seine jetzt nahezu vier Millionen starken Truppen brauchten.

Als die Kämpfe im nördlichen New York zum Stillstand kamen, hielten amerikanische Truppen im Westen der Adirondacks eine Linie, die von Watertown in New York über die Tausend Inseln nach Kingston an der Küste des Ontariosees lief. Diese Front folgte dem Tal des Schwarzen Flusses in südöstlicher Richtung bis zu einem Punkt achtzig Kilometer nördlich von Utica und bog dann in östlicher Richtung nach Saratoga Springs und Schuylerville am Hudson ab.

Östlich vom Hudson hielten die Amerikaner noch Rockingham in Vermont und Concord in New Hampshire. Genau im Norden von Portsmouth, in New Hampshire, stieß die Linie an die Küste.

Im westlichen New York waren die amerikanischen Stützpunkte Syracuse, Utica und Albany wiederholt von Bombengeschwadern heimgesucht worden, aber die Front im Norden hielt diese Städte noch außerhalb des Bereichs der feindlichen Feldgeschütze.

Die Lage der amerikanischen Verteidiger im Norden von Boston wurde unhaltbar. Der Feind drang im westlichen Massachusetts nach dem Süden vor, so daß sie in Gefahr kamen, an der linken Flanke aufgerollt zu werden. Karakhan begriff rasch den Vorteil seiner strategischen Lage. Er konzentrierte seine Wasserfahrzeuge in Portland, verstärkte seinen atlantischen Flügel mit frischen Divisionen wintergewohnter Sibirier und begann die Südwärtsbewegung, deren Höhepunkt die Besetzung Bostons am Weihnachtstag 1934 war.

Amerika war nicht imstande, die Flut aufzuhalten. Der Generalstab in Washington blieb dabei, daß die Unversehrtheit der amerikanischen Linie im westlichen New York wichtiger sei als die Verteidigung dieses alten Kulturzentrums.

Karakhans Südbewegung von Montreal nach Saratoga Springs, welche die Front nahezu 320 Kilometer vorgeschoben hatte, war in 132 Tagen ausgeführt worden.

Es waren die hoffnungslosesten Weihnachten, die Amerika jemals mitgemacht hatte. An drei Fronten war der Feind ins Land gedrungen – Neuengland war uns entrissen worden, und die Spitze der feindlichen Bewegung wies auf das Industrieherz der Nation – auf die Kohlengebiete und Stahlwerke Pennsylvaniens.

Acht Millionen Amerikaner waren in Uniform. Fünf Millionen verbrachten den Winter an der Front, die sich von Plymouth Rock nach Watertown in New York zog. Im pazifischen Nordwesten stemmten sich zwei Millionen der roten Flut in Oregon entgegen. Und eine Million hielt verzweifelt die Linie, welche die gelben Truppen Kamkus vom Golf von Mexiko trennte, in dem die amerikanische Flotte eingeschlossen war.

Kurz nach Neujahr traf ich in New York City Whit Dodge. In meinen Zimmern im New Weston Hotel erschreckte er mich mit einer Neuigkeit.

»Margot ist jetzt in Amerika«, erzählte er.

»Woher wissen Sie das?« fragte ich.

»Vor zwei Wochen ging ich in der Bantry Bay an der Westküste Irlands an Land, wo Karakhan sie und seine Frau seit der Eröffnung des Neuenglischen Feldzuges festhält. Dieser gelbe Teufel weigert sich noch immer, seine Frau zu sehen.

Lin versprach ihm, sich ihm nicht zu nähern, wenn er ihr und Margot erlauben würde, nach Amerika zu fahren. Sie bat, nach Portland in Maine gehen zu dürfen, und sprach von ihrer Angst um ihre Eltern, die irgendwo im Norden von Boston leben.

Karakhan gab die Erlaubnis dazu. Obgleich er sich gar nicht um seine Frau kümmert, ist er, glaube ich, gerade eitel genug, daß es ihm nicht unangenehm ist, wenn sie seine neuen Eroberungen aus der Nähe sieht.

Als ich dort war, packten Margot und Lin gerade. Ich beschrieb ihr Gray's Cove, einen Punkt an der Maine-Küste im Norden von Portland, wo unsere U-Boote sich während ihrer Operationen gegen die roten Truppentransporte nach Portland verborgen hatten, und dort werde ich sie in der fünften Nacht von heute sehen.«

»Aber woher wird sie wissen, in welcher Nacht sie Sie erwarten soll?« fragte ich.

»Dabei werden Sie uns helfen«, erklärte Dodge. »Sie wird in Portland immer Ihre Radioberichte hören. Sie werden die alten Schlüsselworte und den alten Code gebrauchen. Sie müssen die Nachricht einflechten. Sie wird das Ganze stenographisch aufnehmen und dann die Nachricht dechiffrieren.«

»Whit, das ist eine verflucht gefährliche Sache. Wenn ihr erwischt werdet, seid ihr tote Leute.«

»Ich weiß«, sagte der Junge. »Aber in dieser Gefahr schwebt das Mädchen seit einem Jahr Tag und Nacht. Ich war bloß ein Botenjunge. Ihre Informationen über den Zustand der roten Industrie in England und die innere Politik der Roten Union waren die wichtigsten Nachrichten, die Washington aus dem feindlichen Hinterland bekommen konnte. Margot kennt die Gefahr, in der sie schwebt, aber sie hält es für ihre Pflicht, sie auf sich zu nehmen.«

Die Botschaft, die ich in den nächsten fünf Tagen in jeden meiner Radioberichte am New Yorker Mikrophon einschloß, lautete:

»GRAY'S COVE, MITTERNACHT, 7. JANUAR.«

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