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Der Rosenkönig

Heinrich Seidel: Der Rosenkönig - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHeinrich Seidel's erzählende Schriften Band II
authorHeinrich Seidel
year1899
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer Rosenkönig
pages77-152
created20030522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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Freitag den 2. Juni.

»Thorheit!« rief ich aus nach einem längeren Nachdenken, »Thorheit! Es ist ja ganz unmöglich.« Es war einige Tage nach dem Geburtstage und ich dachte über die geheimnisvollen Andeutungen des Herrn Grund nach, auf die ich eigentlich wenig Wert gelegt hatte, da ich wußte, daß dergleichen gewagte Kombinationen zu den Lieblingsunterhaltungen seines flüchtigen Geistes gehörten. Wenn ich mir das Verhalten des Rosenkönigs vergegenwärtige, seine väterliche Zärtlichkeit und sein trotzdem gemessenes Wesen dem jungen Mädchen gegenüber; wenn ich den Unterschied des Alters bedenke – dies graue Haupt und dieser dunkle, schelmische Lockenkopf – nein, das kann und will ich nicht glauben.

Seit dem Geburtstage bis heute ist aber schon eine kleine Zeit verflossen, und alle die Unruhe und Pein, die ich vorhin zu schildern versuchte, ist über mich gekommen und hat sich ganz meiner bemächtigt. Und dazu dieser Frühling, diese lachenden Tage, diese singende Welt, diese strahlenden Morgen, diese sonnigen Tage, diese seligen Abende. Soll Herrn Grunds Prophezeiung des kalten Juni eintreten, so muß es bald geschehen, denn er hat bereits angefangen und seine Tage überstrahlen noch den Mai an Pracht und Schönheit.

Mit dem Rosenkönig bin ich nun bekannter geworden und ich bringe manche Stunde bei ihm in seinem Garten zu. Doch alles Spähen in den Nachbargarten ist vergebens, denn wie ein dämonisches Geschick waltet es über mir, daß Marie niemals im Garten ist, wenn ich den Rosenkönig besuche. Nur einmal, als der Rosenkönig in der Nähe des Hauses beschäftigt war und ich nachdenklich an der Hecke des Nachbargartens entlang durch den Garten wanderte, hörte ich dort ein leises Geräusch, als wenn man Blätter eines Buches umschlägt; ich spähte durch eine Lücke der Hecke und erschrak fast, denn nahe vor mir auf einer Bank saß Marie, so eifrig in einem Buche lesend, daß sie mein Nahen auf dem weichen Sande des Steiges gar nicht vernommen hatte.

Es war ein liebliches Bild; die junge, helle Mädchengestalt in grünem Rahmen, die Wangen von der Erregung des Gelesenen leicht gerötet. Mit klopfendem Herzen, aus Furcht, sie möge aufschauen und den Lauscher bemerken, stand ich dort, kein Auge verwendend. Ich hätte viel darum gegeben, hätte ich den Titel des Buches gewußt, und zitterte fast, es möchte einer jener albernen Frauenromane sein, die den Geschmack an wahrer Dichtung und wahrer Poesie bei manchem jungen Mädchen so gründlich verderben. – Da wandte sie plötzlich das Buch etwas, und ich las den Titel auf dem Einband: »Uhland.« Fast hätte ich meiner Freude einen lauten Ausdruck gegeben – Uhland, mein Lieblingsdichter! Und sie saß dort mit freudig erregtem Ausdruck und las die klaren, einfältigen Verse dieses liebenswürdigsten aller deutschen Dichter. Denn Uhlands Dichtungen zeigen, wie keine anderen, eine wahre poetische Einfalt, frei von Künstelei und wucherndem Prunk, es ist die verklärte Sprache eines edlen, warmen, deutschen Herzens, und darum ist er auch ein Dichter des Volkes geworden, wie kein anderer.

Noch stand ich so im Anschauen verloren, da rief der Rosenkönig oben im Garten meinen Namen. Das junge Mädchen horchte auf, und da ich mich durch ein unwillkürliches Geräusch verriet, fielen plötzlich ihre Augen auf mich, und ich sah, wie sie erschrak und rot ward. Ich errötete ebenfalls, beschämt über meine Indiskretion, bis über die Ohren, und ohne mich zu entschuldigen, benutzte ich die Gelegenheit, einem zweiten Rufe des Rosenkönigs folgend, mich schleunigst auf den Rückzug zu begeben. In diesem Augenblick kam ich mir unaussprechlich jämmerlich vor und hatte eine so elende Empfindung, daß ich es kaum beschreiben kann. Aber dieses betrübte Gefühl ward doch zuweilen ganz wonnig durchleuchtet von Strahlen eines stillen Glückes, so daß es in meinem Gemüte aussah wie Regen und Sonnenschein.

Montag den 12. Juni.

Sonnenschein und Regen; gestern war es noch heller Sonnenschein, nur zuweilen fuhren Wolkenschatten daher, und am Abend ging die Sonne in einem majestätisch aufgetürmten Gebirge von Wolken unter. Heute rieselte der Regen eben und gleichmäßig vom Himmel; Blumen, Bäume und Sträucher hielten dankbar und still ihre Blätter hin und tranken. Am Vormittage kam der alte Diener des Rosenkönigs und brachte mir eine Einladung zum Mittagessen. Ich war froh darüber, denn ich war noch nie in seinem Hause gewesen und freute mich darauf, den mir so lieb gewordenen Mann in seiner Häuslichkeit kennen zu lernen. Da ich gebeten war, möglichst früh zu kommen, so beeilte ich mich mit meinen Arbeiten, von denen mich heute kein notwendiges Spionieren, wohl aber eine innere Unruhe abzuziehen suchte, und ging um zwölf Uhr, eine Stunde vor der gewöhnlichen Tischzeit des Rosenkönigs, zu ihm.

Ich hatte mir seine Häuslichkeit eigentlich anders vorgestellt. Ich fand ihn an seinem Schreibtische sitzend, in einem altertümlichen Zimmer mit Möbeln im Geschmack des vorigen Jahrhunderts. An den Wänden standen alte Bücherschränke und eigentlich war das Zimmer etwas überfüllt, obgleich es doch einen behaglichen Eindruck machte. In einer Ecke zwischen einem Fenster mit Vorhängen von bunten chinesischen Mustern und einem alten Sekretär mit zierlich eingelegter Arbeit leuchtete, seltsam sich abhebend von den ihn umgebenden Rokokodingen, aus grünen Pflanzen ein schöner Gipsabguß des Apoll von Belvedere hervor. Nach der ersten Begrüßung fiel ihm wohl der musternde Blick auf, mit dem ich dies alles betrachtete, denn er sprach lächelnd: »Sie sehen mich hier unter alten Dingen, die von einer vergessenen Zeit reden. Mir sind sie wert durch Erinnerungen, es sind alte Familienerbstücke; ich fühle mich wohl in dieser Gesellschaft, denn sie weiß mich in manchen Stunden schweigend zu unterhalten.«

»Es liegt,« antwortete ich, »auch eine eigentümliche Poesie in diesen Ueberbleibseln einer uns zeitlich noch so nahe, geistig doch schon so ungemein fern liegenden Zeit. Sie mahnen uns wie Geschichten, die die Großmutter erzählt; diese wunderlichen, geschnitzten, schnörkelhaften und gedrehten Dinge haben in ihrer Willkürlichkeit etwas von dem geheimnisvollen Reiz des Märchens. Man sucht diesen abenteuerlichen Fratzen, diesen eingelegten bunten Blumen und Vögeln einen Sinn, eine Deutung unterzulegen, und je weniger es gelingt, je mehr wird die Phantasie angeregt. Darin liegt wohl der Hauptreiz, während schöne, sinnvolle, von antikem Geiste erfüllte Formen dem Gemüt eine heitere Ruhe geben.«

»Ich muß schließen,« sprach der Rosenkönig, »daß Sie sich mit solchen Dingen beschäftigen, denn Sie scheinen darüber nachgedacht zu haben. Merkwürdigerweise haben wir noch nie über dergleichen miteinander gesprochen.«

»Es ist mein Studium,« war meine Antwort, »und ich fühle mich glücklich dabei. Schon von Kind auf waren es Bilder und Bildwerke, die mich am meisten anzogen; es stand fest bei mir, daß auch ich ein Künstler werden wollte, der dereinst so Herrliches zu schaffen vermöge; allein in späteren Jahren stellte sich heraus, daß die Hand dem Fluge der Gedanken nicht zu folgen vermöge, daß ich wohl die Lust, aber nicht den Beruf zu einem Künstler hatte; ich erwählte daher die liebevolle Beschäftigung mit den Werken anderer zu meinem Berufe, und es ist mein höchstes Glück, das Ringen des Menschengeistes nach der Schönheit und die Art, wie er seine Ideale zu verwirklichen strebte, durch den Lauf der Zeiten zu verfolgen.«

»Preisen Sie sich glücklich,« sagte der Rosenkönig, »daß es so ist, es gibt kein unglücklicheres Leben, als das in einem verfehlten Berufe; nur wenn der Mensch in seinem Berufe aufgeht und in die vollendete Erfüllung dessen sein höchstes Streben setzt, kann eine wahre Befriedigung über ihn kommen. – Doch der Regen scheint sich zu verziehen, vielleicht können wir noch den Nachmittag im Garten zubringen,« setzte er hinzu, nach einem Blick durchs Fenster. »Heute nach diesem warmen Regen werden die ersten Rosen aufgebrochen sein.«

Wir plauderten noch mancherlei zusammen, bis wir uns in einem anderen Zimmer mit ebenfalls alten Möbeln, geschnitzten Stühlen und einem vom Alter schwarzbraunen Büffett mit wunderlichen gedrehten Säulchen, Faunen und Hirschköpfen, zu Tisch setzten. Dieser bot eine ganze Auswahl von alten merkwürdigen Gläsern mit eingeschliffenen Bildern und bunten Arabesken, kein Weinglas moderner Form war darauf zu erblicken.

»Ich liebe nicht das Uniforme,« sagte der Rosenkönig, »und besonders, wenn ich Gäste habe, muß eine ganze Auswahl von Gläsern da stehen, damit jeder sich das aussuchen könne, aus dem es ihm am besten mundet. Denn das ist kein leerer Wahn – Wein aus Porzellantassen zu trinken, ist zum Beispiel ein greulicher Gedanke – bei keinen Dingen spielt die Einbildungskraft eine so große Rolle, als beim Essen und Trinken.«

Wir aßen gut und tranken vortrefflichen Rheinwein, und der alte Diener bediente uns schweigend dabei mit der ihm eigenen Würde.

Der Rosenkönig hatte mich gebeten, den Nachmittag bei ihm zu bleiben, ihm jedoch nicht übel zu nehmen, wenn er nach Tisch sein gewohntes Schläfchen hielte. Darum überreichte er mir nach dem Essen eine Mappe mit alten Kupferstichen und Holzschnitten, die er so beiläufig gesammelt hatte, und ließ mich eine Stunde damit allein.

Unterdessen klärte es sich draußen auf, die Sonne brach hervor und sandte ihre Strahlen flimmernd über die nasse Welt. Ich saß gerade ganz vertieft in die Betrachtung eines jener merkwürdigen Callotschen Kupferstiche, auf denen die Figuren so klein sind, daß man fast einer Lupe bedarf, – da hörte ich draußen leichte Schritte, es klopfte an die Thür, und herein trat Marie ganz unerwartet. Ich, aus meinen Gedanken aufgeschreckt und mich verlegen erhebend, mag einen komischen Anblick dargeboten haben; auch sie war verwirrt, und da mir in dem Augenblicke das letzte Erlebnis einfiel, wo ich sie belauscht hatte, errötete ich noch mehr. Wir wurden alle beide feuerrot und keines fand im Augenblick Worte, um die Situation zu enden. Sie faßte sich zuerst wieder und sprach: »Herr Born – ist er nicht hier?«

»Er schläft noch, ich werde ihn rufen!« entgegnete ich schnell, froh, eine Gelegenheit zu finden, meine Verlegenheit dahinter zu verbergen.

»Ach nein,« fiel sie mir schnell ins Wort, »stören Sie ihn nicht, ich wußte auch nicht, daß er Besuch hat, sonst wäre ich gar nicht gekommen – wollen Sie nur die Freundlichkeit haben und ihm sagen, ich sei hier gewesen.« Damit wollte sich das schöne Mädchen wieder entfernen, und mir Unglücklichem zitterte schon das Herz, daß es geschehen möge; ich verzweifelte fast, daß ich so dumm dastand und nichts zu thun vermochte, um sie zurückzuhalten. – Da erschien, ein Retter, der Rosenkönig in der Thür, und nun war alles gut. Sie blieb, wir wurden einander vorgestellt und dann gingen wir drei in den Garten.

Von welcher Schönheit und Klarheit war dieser wunderbare Nachmittag umflossen. Wie glänzte die Sonne auf den Bäumen und funkelte in den gleitenden Tropfen, wie umleuchtete sie ihre helle Gestalt und hob den eigentümlichen Goldglanz ihres braunen Lockenhaares hervor. Ich ging verzaubert nebenher, und wir sprachen alle drei nicht viel, bis dann der Rosenkönig an einem Lieblingsrosenstrauch stillstand und uns einen Zweig mit eben aufgebrochenen Rosen entgegenneigte.

»So ein Regen thut Wunder,« sprach er, »gestern waren sie noch fest geschlossen.«

»Wie sie so schön aussehen in ihrer grünen Haube,« meinte Marie.

»Wie kleine rosige Mädchengesichter, – wie du, wenn du deinen grünen Hut auf hast,« sprach lächelnd der Rosenkönig.

Wir gingen weiter, aber bald blieb der Rosenkönig zurück, weil er sich mit den Blumen allenthalben zu schaffen machte, und wir beide gingen allein weiter. Als wir um eine Gebüschecke gebogen waren, daß der Rosenkönig uns aus dem Gesichte gekommen war, fragte Marie mich plötzlich in geheimnisvollem Tone: »Wissen Sie, wann Onkel Borns Geburtstag ist?«

»Nein,« antwortete ich, »aber ist er denn Ihr Onkel?«

»Das gerade nicht,« sprach sie lächelnd, »diese Bezeichnung stammt noch aus meiner Kinderzeit, wo jeder ältere Freund der Familie Onkel genannt wird – doch der Geburtstag – er fällt gerade mitten in die schönste Rosenzeit, auf den fünfundzwanzigsten Juni, und Sie müssen mit dazu helfen, daß er recht schön gefeiert wird.«

»Gewiß, von Herzen gern,« sagte ich freudig über das Vertrauen, »sagen Sie mir nur, was ich thun soll.«

»Ja, wenn ich das wüßte!« rief sie lachend, »Sie sollen eben auch mit nachdenken helfen.« Dann teilte sie mir ihre Pläne mit, ich gab meine Meinungen dazu ab, und wir kamen so in Eifer dabei, daß wir kaum noch zur rechten Zeit schwiegen, als wir wieder in die Nähe des Rosenkönigs kamen.

»Ei, ei,« sagte er, »welche lebhafte Unterhaltung!«

»Geheimnisse,« antwortete Marie schelmisch, »sehr wichtige Geheimnisse, wovon Onkel Born nicht das geringste wissen darf.«

Er lächelte vergnügt vor sich hin, denn er schien die Natur dieser Geheimnisse zu ahnen.

»O, etwas muß ich Ihnen doch zeigen!« rief Marie plötzlich, »– ob die Tierchen auch wohl vom Regen naß geworden sind?«

Damit eilte sie voran auf ein Gebüsch zu, aus dem bei ihrer Annäherung ein Vogel herausflog.

»Das ist der Alte,« rief sie, »der hat sie gewiß mit den Flügeln geschützt.«

Damit bog sie leise und vorsichtig die Zweige auseinander und schaute hinein und sprach, indem sie sich freudig nach mir umsah: »Sehen Sie, wie niedlich!«

Es war da ein Hänflingsnest mit vier noch ziemlich nackten Jungen, die, als sie die Bewegung der Zweige merkten, die großen Schnäbel aufsperrten und mit leisem Zirpen die Hälse verlangend hin und her bewegten.

Wir schauten beide hinein und ihre lockigen Haare streiften meine Wange, ich war ganz erfüllt von dem Zauber ihrer Nähe.

»So ein kleines rundes Nest voll warmen Lebens,« sagte sie.

»Eigentlich sind die Tierchen doch noch recht häßlich, sie sind so nackt und haben so dicke Augen,« meinte ich.

»Ja,« antwortete sie, »das wohl – aber sie sind doch so niedlich.«

Dann ließ sie leise die Zweige sich schließen und wir traten beide zurück. Dabei trat sie mit dem Fuß auf den Rand des Rasens und glitt etwas aus, so daß ich auf einen Augenblick den sanften Druck der anmutigen Gestalt gegen meinen Arm fühlte. Infolgedessen trafen sich zufällig unsere Augen auf einen Moment, dann sahen wir beide nach der anderen Richtung, sie pflückte im Weitergehen eine Blume und schaute angelegentlich in ihren Kelch; ich wußte eigentlich gar nicht, wie mir war, ich hatte eine unbestimmte Vorstellung von Glanz und Sonnenschein und Vogelgesang um mich her, und daß die Welt wunderschön sei, wie sie noch nie gewesen.

Sonnabend den 24. Juni.

Morgen ist des Rosenkönigs Geburtstag. Marie und ich haben noch einige Besprechungen durch die Heckenlücke gehabt; dabei habe ich auch ihre Mutter, eine noch schöne, ruhigklare Frau kennen gelernt. Heute abend sah ich von meinem Fenster aus Marie und ihre Mutter in ihrem Garten in voller Arbeit, Kränze und Guirlanden zu winden. Marie zeigte scherzend die fertigen Teile zu mir herüber und deutete pantomimisch ihren Fleiß an. Ich ließ dagegen ein Geburtstagsgedicht von drei Ellen Länge, an dem ich den ganzen Tag im Schweiße meines Angesichtes gearbeitet und es dann auf einen so langen Zettel geschrieben hatte, aus dem Fenster hängen. Als ich ihr mit gedämpfter Stimme zurief: »Verse!« schien es ihr zu imponieren, und sie lachte, schlug die Hände zusammen und rief: »Das ist schön, das ist schön!«

»Wenn die Verse es nur wären!« gab ich zur Antwort.

»Die Länge muß es thun!« rief sie zurück und lachte.

»Ich werde es ihm nach Tisch als Schlummerlied vorlesen!« meinte ich.

Ich erhielt keine Antwort, denn der Rosenkönig kam aus dem Hause und ging langsam den Gartenweg hinab. Die Damen zogen sich in die dichte Laube zurück und verhielten sich mäuschenstill – sie thaten, als ob sie gar nicht da wären.

Dienstag den 27. Juni.

Wie oft schaue ich hinaus auf die Rosenpracht des Gartens. Wenn ich den Blick von meiner Arbeit erhebe, so fällt er zuerst auf den blühenden, sich leise wiegenden Zweig vor meinem Fenster und dann in den Garten, der förmlich von Rosen glüht und wie in einer Atmosphäre von Rosenduft daliegt. Mir ist manchmal, als schwebe dieser Duft sichtbarlich wie ein rosenroter Nebel darüber.

In gleichem rosenroten Lichte liegt in meiner Erinnerung ein Tag, der Geburtstag des Rosenkönigs; immer wieder kehren meine Gedanken zu jenen schönen Stunden zurück, wo das Gefühl eines reinen Glückes mich so ganz erfüllte, wo mir vergönnt war, das Schöne des Lebens in seiner ungetrübten Reinheit zu kosten. Pünktlich um sechs Uhr erschien auch an diesem Tage der Rosenkönig in seinem Garten, um den ersten Rundgang bei seinen in voller Pracht erblühten Rosen zu machen. Sobald er sich in seinem Garten befand, wurden wir, Marie, ihre Mutter und ich, von dem alten Diener in das Haus eingelassen, und nun begannen wir unser Werk, während wir den Diener als Vorposten aufstellten mit dem Auftrag, den Feind, das heißt seinen Herrn, sollte er uns mit einer Annäherung bedrohen, auf irgend eine Weise so lange hinzuhalten, bis wir die genügenden Vorbereitungen für seinen Empfang getroffen hätten. Während Marie und ich mit Eifer unter Scherzen und großer Fröhlichkeit mit Blumen und Guirlanden hantierten und große Wirkungen damit hervorbrachten, ordnete die Mutter den Geburtstagstisch mit einem wahren Ungeheuer von Baumkuchen, der von oben bis unten mit einer Guirlande von kleinen Röschen umwunden war, und einigen Kleinigkeiten, die sie und Marie dem Rosenkönig gearbeitet hatten; auch hier thaten die Blumen die Hauptwirkung.

Unsere Vorbereitungen näherten sich dem Ende, da kamen mehrere Kinder aus der Nachbarschaft, die mit dem Rosenkönig eine Gartenmauerfreundschaft unterhielten, die von seiner Seite durch häufige Spenden von Früchten des Tages befestigt und aufrecht erhalten wurde. Marie ging mit ihnen in ein Nebenzimmer, denn mit diesen Kindern hatte sie, wie sie mir unter schelmischem Lachen schon früher versichert hatte, ihre besonderen geheimnisvollen Pläne vor. Bald war alles geordnet, oder wie Herr Grund zu sagen liebte, »in der gehörigen Konfusion«; aus dem Nebenzimmer hörte man zuweilen das lustige Lachen der Kinder, da steckte der Diener den Kopf in die Thür und rief: »Er kommt! – geht es schon?«

Marie hatte es gehört und sagte, indem sie wieder eintrat: »Meinetwegen kann er nun kommen.«

Wir ergriffen nun eine bereit liegende Guirlande und stellten uns, dieselbe hochhaltend, an beiden Seiten der Thür wie eine lebendige Ehrenpforte auf, während die Mutter mit vergnügtem Lächeln zur Seite auf einem Stuhle Platz nahm.

Als der Rosenkönig eintrat, ging eine freudige Verwunderung über seine Züge, wir ergriffen seine Hände, die Mutter trat auch hinzu und er stand eine Weile dankend und fröhlichen Antlitzes zwischen uns dreien. Dann eilte Marie schnell fort, öffnete den Flügel und begann den Hochzeitsmarsch aus dem »Sommernachtstraum« zu spielen. Mit einemmal öffnete sich die Thür, wo die Kinder sich befanden, und heraus traten sie in feierlicher Prozession. Voran ging der größte Knabe, das kleinste der Kinder, ein blondköpfiges dreijähriges Mädchen, vor sich auf dem Arme tragend. Dieses war ganz in einen Blumenstrauß eingebunden, dessen mittelste Blume es gleichsam bildete; nur der blondgelockte fröhliche Kinderkopf und die kleinen runden Arme schauten aus Päonien und grünen Blättern hervor. Unten um Blumenstengel und Beinchen war ein rosenrotes Band gewunden mit einer großen Schleife, nur die Füße waren frei gelassen. Die anderen Kinder, an einer Guirlande gleichsam wie Perlen aufgereiht, trugen in den freien Händen wie Schwerter lange spitze Blumensträuße. Sie marschierten einmal um den Tisch, umringten dann den Rosenkönig, während der älteste Knabe sein Riesenbouquet überreichte, und sangen unter dem Schwenken der Sträuße nach der Melodie »Wir winden dir den Jungfernkranz«:

»Wir bringen dir den Blumenstrauß –
Das Röschen thut ihn zieren –
Sie streckt nach dir die Arme aus
Und will dir gratulieren! –
Lieber, guter, lieber Onkel Born, lebe hoch, juchhe!
Lieber, guter, lieber Onkel Born, lebe hoch!«

Der Rosenkönig lachte vergnügt: »Na, Kinder, das habt ihr gut gemacht! – Aber diese kleine Rose hier in meinem Blumenstrauß wird mir zu schwer,« und damit setzte er das Kind in seiner Blumenhülle auf den Tisch.

»Nun, Röschen,« sprach er dann, »muß ich euch wohl in ein Wasserglas setzen, damit ihr mir nicht vertrocknet?«

Das Kind hatte unverwandt den Kuchen angesehen, auf diese Anfrage neigte es den Kopf auf die Seite, den Rosenkönig verschämt ansehend: »Kuchen,« war die lakonische Antwort.

Wir lachten alle. »Jawohl, Kuchen!« versetzte er dann vergnügt, »der ist dir auch dienlicher als kaltes Wasser.«

Dann ward Röschen ausgewickelt und auf die Erde gesetzt, und dann gab es Kuchen. Es war gut, daß für diese Fälle eine Reserve bereit gehalten war, sonst hätte der festliche Baumkuchen schon am Morgen einen ansehnlichen Teil seiner majestätischen Höhe eingebüßt.

Das war der erste Teil des Festes. Nach einem solennen Kaffee zogen sich alle Festteilnehmer in ihre Behausungen zurück, um am Mittage sich teilweise wiederum am Festorte zu versammeln, da wir mit Ausnahme der Kinder zu einem festlichen Mittagessen eingeladen waren.

Es waren nur wenige Teilnehmer, nur vier, aber eine große Fröhlichkeit. Der Rosenkönig hielt eine schöne Rede, bei der man gar nicht wußte, worauf er hinaus wollte; schließlich ließ er ganz meuchlings Mariens Mutter leben. Dann hielt ich eine, die bei den alten Aegyptern anfing und alle bedeutenden Könige von der Zeit der Pharaonen bis auf die Jetztzeit aufzählte und schließlich den Rosenkönig, den Beherrscher aller Rosen, als den vortrefflichsten, hochleben ließ.

Nach Tisch, als er sich anschickte, seine gewohnte Nachmittagsruhe zu halten, überreichte ich ihm als ein schönes Schlafmittel mein langes Gedicht, das er mit komischem Entsetzen übernahm, zugleich das verwegene Versprechen gebend, es vor dem Einschlafen noch durchlesen zu wollen.

Wir waren in das Wohnzimmer zurückgekehrt; in ein kleines Zimmer nebenan, dessen Thür angelehnt war, hatte sich der Rosenkönig begeben, und Frau Werner war in ihre Wohnung gegangen; so war ich denn mit Marie allein in dem behaglichen Zimmer. Die Nachmittagssonne fiel in breiten Lichtern, in denen die Sonnenstäubchen flimmerten, durch die Blumenfenster hinein und ließ die messingenen Zieraten und die bunte eingelegte Arbeit an den alten Schränken erglänzen; es war eine recht wohlbehagliche und festliche Stille in dem blumendurchdufteten Raume.

»Kennen Sie schon Onkel Borns Blumenbuch?« fragte Marie mich, »das müssen wir einmal zusammen besehen.« Damit holte sie eine ziemlich große, sauber gebundene Mappe herbei und legte sie auf den mit Zeitschriften und litterarischen Neuigkeiten bedeckten Tisch in der Nähe des Fensters. Wir setzten uns nebeneinander, und nun ward die Mappe ausgeschlagen. Das Titelblatt war ganz einfach. In großen schönen gotischen Lettern stand dort »Blumenbuch«. Durch die Buchstaben rankte ein Rosenzweig mit vielen Blüten in verschiedenem Zustande der Entwickelung. Das folgende Blatt stellte einen Blumenstrauß von Feldblumen dar in einem altertümlichen schönen Kelchglase.

»Das sind ja lauter Knospen,« sagte ich.

»Das ist auch ganz richtig,« antwortete Marie, »denn Onkel Born sagt, dies Buch enthalte seine ganze Lebensgeschichte. Dies hier ist, wie er ganz klein war und noch in der Wiege lag – es kommt mir immer so lustig vor, daß er einmal ein so ganz kleines Kind gewesen ist, und hat nun so weiße Haare.« Dabei sah sie mich fröhlich mit ihren lachenden Augen an. Dann zeigte sie mir alle einzelnen Blumen, und ich fragte, ob der Rosenkönig dies alles selber gemalt habe, denn ich bewunderte die künstlerische, saubere Ausführung des Dargestellten.

»Ja, gewiß,« antwortete sie, »ach, das glauben Sie gar nicht, wie lange das dauert, bis so ein Blatt fertig wird, manchmal ein halbes Jahr, so sorgfältig arbeitet er daran.«

Das nächste Blatt fand schon an mir einen Erklärer: »Nun haben Sie mir den Schlüssel gegeben,« sagte ich, »nun will ich dieses Blumenstück deuten. Dies sind die Knabenjahre, dort ist ein Weidenzweig mit blühenden Kätzchen, hier ein blühender Holunder – die feine weiße Blütendolde ist köstlich gemalt – hier Knallschoten; es sind alle die Sträucher, die das Knabenspielzeug liefern, und darüber die flatternden Schmetterlinge, und hier der Käfer mit den langen gebogenen Fühlhörnern und den metallisch glänzenden Flügeldecken . . .«

»Den kenne ich auch!« rief Marie, »der schnirkst immer so, wenn man ihn anfaßt!«

» Aromia moschata,« sagte ich.

»Ach, sind Sie aber gelehrt! – Sie wissen wohl alles?« – Dabei machte sie aber ein so schalkhaft ernstes Gesicht, daß ich lachen mußte.

Es kamen noch einige Blätter, die das Knabenalter bezeichneten, Fichtenzweige und Ginsterstrauch; ein Dornenzweig mit einem Vogelnest darin, Feldblumen und anderes. Zuweilen schweifte mein Blick von den bemalten Blättern auf das viel schönere Mädchen, das mir zur Seite saß, so nahe, daß ich zuweilen ihre Schulter berührte und ihr lockiges Haar mein Gesicht streifte, wenn wir uns näher über die Bilder beugten, so daß ich zuweilen, ganz befangen von dem beseligenden Gefühle ihrer Nähe, weiter nichts sah als ein buntes Gemisch von Farben, neben dem ihre weiße Hand auf dem Papiere lag. Es war eine wunderbare Hand – sie war nicht klein, aber schön, was viel seltener ist. Und wenn wir dann auf das deuteten, was uns besonders gefiel, dann streiften sich unsere Hände, und einmal blieben sie dicht nebeneinander in leiser Berührung liegen, aber nur kurze Zeit, und dann schlugen wir ein neues Blatt um. Es war nur eine sehr schöne, mit besonderer Sorgfalt gemalte rote Rose darauf. »Ich weiß nicht, was diese Rose bedeuten soll,« sagte Marie, »ich habe Onkel Born schon gefragt, aber der sagt es mir nicht.«

»Ich weiß es,« meinte ich; »nun kommt die Zeit des Jünglingsalters, und dies ist seine erste Liebe.«

»Ach,« sagte sie und sah ganz verwundert aus. »Daran habe ich noch nie gedacht.« Dann sah sie die Rose eine kleine Weile wie in Gedanken verloren an und sprach: »Ich glaube es auch – die ist gewiß sehr schön gewesen?«

Das nächste Blatt war uns unverständlich; es war wieder eine ähnliche rote Rose, zusammengebunden mit einem Eichenzweig, während daneben ein Büschel Lindenblüten stand. Dann kam ein sehr buntes Blatt mit einem mächtigen Blumenstrauß, der durch ein breites rotes Band zusammengehalten wurde. Da war Rittersporn und Klatschmohn und Kletterrosen, Hyazinthen, Tulpen und Narzissen, eine ganze prunkende Gesellschaft. Danach fiel das nächste Blatt um so mehr auf, auf dem ein einzelnes, sehr fein gemaltes Vergißmeinnicht zu sehen war. Dann kamen bald Rosen und nur Rosen von allen Farben und Arten, auf vielen Blättern dargestellt, und mitten darunter ein Moosrosenzweig mit einer eben abgebrochenen Knospe; darunter stand mit zierlichen Schriftzügen: »Marie.«

»Das sind Sie!« rief ich.

Sie sah das Blatt verwundert an und ein leises Erröten ging über ihr Gesicht, so daß sie der Rose nur noch ähnlicher ward; »das kenne ich noch gar nicht,« sagte sie leise.

Wie war sie schön, als sie so dasaß. Sie trug ein mattgelbes Sommerkleid mit einer kleinen Krause und einem roten Bändchen am Halse, was zu ihrem braunen Haar einen anmutigen Gegensatz bildete.

Ihre Hand war vom Tische niedergeglitten und ruhte auf dem Stuhl dicht neben der meinen. Und ich weiß nicht, wie es so kam, daß die beiden Hände, die schon den ganzen Nachmittag viel Zuneigung zu einander gehabt hatten, sich ganz leise berührten. Und wir besahen die Rosenbilder und sprachen von allerlei Dingen, und die Sonne schien so friedlich in das Zimmer, die Fliegen summten umher und leise tickte die alte Uhr über dem Kamin; es war so still und nachmittäglich, wie es eben nur an einem Sommernachmittage sein kann. Und unsere Hände fügten sich immer näher ineinander, ihre schlanken Finger lagen in den meinen und ich fühlte ihre Schulter leicht an der meinen ruhen, so daß ich ihre sanften Atemzüge spürte. Aber wir sahen uns nicht an, wir sahen nur auf die Blätter vor uns und sprachen von gleichgültigen Dingen und saßen doch da Hand in Hand, – aber wir thaten, als merkten wir es nicht.

Dann hörten wir den Rosenkönig im Nebenzimmer gehen, unsere Hände lösten sich leise auseinander und wir schlugen ein neues Blatt um. Der Rosenkönig trat in die Thür: »Nun, Kinder, ist euch die Zeit auch lang geworden?« sprach er, »ich habe heute etwas länger geschlafen.«

»Das macht wohl das Gedicht?« meinte ich.

»O nein,« sagte er, »wenn man so zum erstenmal in seinem Leben angesungen wird, wie es mir heute geschehen ist, so bringt es nur angenehme Wirkungen hervor.«

Dann sprachen wir von den Bildern.

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