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Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Der Rosenkavalier

Hugo von Hofmannsthal: Der Rosenkavalier - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Rosenkavalier
authorHugo von Hofmannsthal
year2001
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-15159-7
titleDer Rosenkavalier
pages3-9
created20020228
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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Zweiter Akt

Saal bei Herrn von Faninal. Mitteltüre nach dem Vorsaal. Türen links und rechts. Rechts auch ein großes Fenster. Zu beiden Seiten der Mitteltüre Stühle an der Wand. In den Ecken jederseits ein großer Kamin.

Herr von Faninal im Begriffe, von Sophie Abschied zu nehmen
Ein ernster Tag, ein großer Tag!
Ein Ehrentag, ein heiliger Tag!

Sophie küßt ihm die Hand

Marianne Leitzmetzerin, die Duenna
Der Josef fahrt vor, mit der neuen Kaross',
hat himmelblaue Vorhäng',
vier Apfelschimmel sind dran.

Haushofmeister nicht ohne Vertraulichkeit
Ist höchste Zeit, daß Euer Gnaden fahren.
Der hochadelige Bräutigamsvater,
sagt die Schicklichkeit,
muß ausgefahren sein,
bevor der silberne Rosenkavalier vorfahrt.
Wär' nicht geziemend,
daß sie sich vor der Tür begegneten.

Lakaien öffnen die Tür.

Faninal
In Gottesnamen. Wenn ich wiederkomm',
so führ' ich deinen Herrn Zukünftigen bei der Hand.

Marianne
Den edlen und gestrengen Herrn auf Lerchenau,
kaiserlicher Majestät Kämmerer
und Landrechts-Beisitzer in Unter-Österreich!

Faninal geht.

Sophie vorgehend, allein, indessen Marianne am Fenster.

Marianne am Fenster
Jetzt steigt er ein. Der Xaver und der Anton springen hinten auf.
Der Stallpag' reicht dem Josef seine Peitschn.
Alle Fenster sind voller Leut'.

Sophie vorne allein
In dieser feierlichen Stunde der Prüfung,
da du mich, o mein Schöpfer, über mein Verdienst erhöhen
und in den heiligen Ehestand führen willst,
sie hat große Mühe, gesammelt zu bleiben
opfere ich dir in Demut – in Demut – mein Herz auf.
Die Demut in mir zu erwecken,
muß ich mich demütigen.

Marianne sehr aufgeregt
Die halbe Stadt ist auf die Füß.
Aus 'm Seminari schaue die Hochwürdigen von die Balkoner.
Ein alter Mann sitzt oben auf der Latern'.

Sophie sammelt sich mühsam
Demütigen und recht bedenken: die Sünde, die Schuld, die Niedrigkeit,
die Verlassenheit, die Anfechtung!
Die Mutter ist tot und ich bin ganz allein.
Für mich selber steh' ich ein.
Aber die Ehe ist ein heiliger Stand.

Marianne wie oben
Er kommt, er kommt in zwei Karossen.
Die erste ist vierspännig, die ist leer. In der zweiten,
sechsspännigen,
sitzt er selber, der Herr Rosenkavalier.

Sophie wie oben
Ich will mich niemals meines neuen Standes überheben –
Die Stimmen der Lauffer zu dreien vor Octavians Wagen unten auf der Gasse: Rofrano! Rofrano!
– mich überheben.
Sie hält es nicht aus.
Was rufen denn die?

Marianne
Den Namen vom Rosenkavalier und alle Namen
von deiner neuen, fürstlich'n und gräflich'n Verwandtschaft rufens aus.
Jetzt rangieren sich die Bedienten.
Die Lakaien springen rückwärts ab!

Die Stimmen der Lauffer zu dreien näher: Rofrano! Rofrano!

Sophie
Werden sie mein' Bräutigam sein' Namen
auch so ausrufen, wenn er angefahren kommt!?

Die Stimmen der Lauffer dicht unter dem Fenster: Rofrano! Rofrano! Rofrano!

Marianne
Sie reißen den Schlag auf! Er steigt aus!
Ganz in Silberstück' ist er ang'legt, von Kopf zu Fuß.
Wie ein heiliger Erzengel schaut er aus.
Sie schließt eilig das Fenster

Sophie
Herrgott im Himmel, ja,
ich weiß, der Stolz ist eine schwere Sünd',
aber jetzt kann ich mich nicht demütigen.
Jetzt geht's halt nicht!
Denn das ist ja so schön, so schön!

Lakaien haben schnell die Mitteltüre aufgetan. Herein tritt Octavian, ganz in Weiß und Silber, mit bloßem Kopf, die silberne Rose in der Hand. Hinter ihm seine Dienerschaft in seinen Farben: Weiß mit Blaßgrün. Die Lakaien, die Haiducken, mit krummen, ungarischen Säbeln an der Seite, die Lauffer in weißem, sämischem Leder mit grünen Straußenfedern. Dicht hinter Octavian ein Neger, der Octavians Hut, und ein anderer Lakai, der das Saffianfutteral für die silberne Rose in beiden Händen trägt.

Dahinter die Faninalsche Livree.

Octavian, die Rose in der Rechten, geht mit adeligem Anstand auf sie zu, aber sein Knabengesicht ist von seiner Schüchternheit gespannt und gerötet.

Sophie ist vor Aufregung über seine Erscheinung und die Zeremonie leichenblaß. Sie stehen einander gegenüber.

Octavian nach einem kleinen Stocken, indem sie einander wechselweise durch ihre Verlegenheit und Schönheit noch verwirrter machen
Mir ist die Ehre widerfahren,
daß ich der hoch- und wohlgeborenen Jungfer Braut,
in meines Herrn Vetters,
dessen zu Lerchenau Namen,
die Rose seiner Liebe überreichen darf.

Sophie nimmt die Rose
Ich bin Euer Liebden sehr verbunden.
Ich bin Euer Liebden in aller Ewigkeit verbunden. –

Eine Pause der Verwirrung

Sophie indem sie an der Rose riecht
Hat einen starken Geruch. Wie Rosen, wie lebendige.

Octavian
Ja, ist ein Tropfen persischen Rosenöls darein getan.

Sophie
Wie himmlische, nicht irdische, wie Rosen
vom hochheiligen Paradies. Ist Ihm nicht auch?

Octavian neigt sich über die Rose, die sie ihm hinhält; dann richtet er sich wie betäubt auf und sieht auf ihren Mund.

Sophie
Ist wie ein Gruß vom Himmel. Ist bereits zu stark!
Zieht einen nach, als lägen Stricke um das Herz.
Wo war ich schon einmal
und war so selig!

Octavian Zugleich mit ihr wie unbewußt und leiser als sie
Wo war ich schon einmal und war so selig?

Sophie
Dahin muß ich zurück! und wär's mein Tod.
Wo soll ich hin,
daß ich so selig werd'?
Dort muß ich hin und müßt' ich sterben auf dem Weg.

Octavian die ersten Worte zugleich mit ihren letzten, dann allein
Ich war ein Bub,
war's gestern oder war's vor einer Ewigkeit.
Da hab' ich die noch nicht gekannt.
Die hab' ich nicht gekannt?
Wer ist denn die?erden
Wie kommt sie denn zu mir?
Wer bin denn ich? Wie komm' ich denn zu ihr?
Wär' ich kein Mann, die Sinne möchten mir vergeh'n.
Aber ich halt' sie fest, ich halt' sie fest.
Das ist ein seliger, seliger Augenblick,
den will ich nie vergessen bis an meinen Tod.

Indessen hat sich die Livree Octavians links rückwärts rangiert, die Faninalschen Bedienten mit dem Haushofmeister rechts. Der Lakai Octavians übergibt das Futteral an Marianne. Sophie schüttelt ihre Versunkenheit ab und reicht die Rose der Marianne, die sie ins Futteral schließt. Der Lakai mit dem Hut tritt von rückwärts an Octavian heran und reicht ihm den Hut. Die Livree Octavians tritt ab, während gleichzeitig die Faninalschen Bediensteten drei Stühle in die Mitte tragen, zwei für Octavian und Sophie, einen rück- und seitwärts für die Duenna. Zugleich trägt der Faninalsche Haushofmeister das Futteral mit der Rose durch die Mitteltüre ab. Sophie und Octavian stehen einander gegenüber, einigermaßen zur gemeinen Welt zurückgekehrt, aber befangen. Auf eine Handbewegung Sophies nehmen sie beide Platz, desgleichen die Duenna.

Sophie
Ich kenn' Ihn schon recht wohl.

Octavian
Sie kennt mich, ma cousine?

Sophie
Ja, aus dem Buch, wo die Stammbäumer drin sind, mon cousin.
Dem Ehrenspiegel Österreichs.
Das nehm' ich immer abends mit ins Bett
und such' mir meine künftige Verwandtschaft d'rin zusammen.

Octavian
Tut Sie das, ma cousine?

Sophie
Ich weiß, wie alt Euer Liebden sind:
Siebzehn Jahr' und zwei Monat'.
Ich weiß alle Ihre Taufnamen: Octavian Maria Ehrenreich
Bonaventura Fernand Hyazinth.

Octavian
So gut weiß ich sie selber nicht einmal.

Sophie
Ich weiß noch was.
Errötet.

Octavian
Was weiß Sie noch, sag' Sie mir's, ma cousine.

Sophie ohne ihn anzusehen
Quin-quin.

Octavian lacht
Weiß Sie den Namen auch?

Sophie
So nennen Ihn halt Seine guten Freund'
und schöne Damen denk' ich mir,
mit denen Er recht gut ist.

Kleine Pause.

Sophie mit Naivität
Ich freu' mich aufs Heiraten! Freut Er sich auch darauf?
Oder hat Er leicht noch gar nicht drauf gedacht, mon cousin?
Denk' Er: Ist doch was anders als der ledige Stand.

Octavian leise, während sie spricht
Wie schön sie ist.

Sophie
Freilich, Er ist ein Mann, da ist Er, was Er bleibt.
Ich aber brauch' erst einen Mann, daß ich was bin.
Dafür bin ich dem Mann dann auch gar sehr verschuldet.

Octavian wie oben
Mein Gott, wie schön und gut sie ist.
Sie macht mich ganz verwirrt.

Sophie
Und werd' ihm keine Schand' nicht machen –
und meinem Rang und Vortritt.
Tät eine, die sich besser dünkt als ich,
ihn mir bestreiten
bei einer Kindstauf' oder Leich',
so will ich, meiner Seel, ihr schon beweisen,
daß ich die vornehmere bin
und lieber alles hinnehmen
wie Kränkung oder Ungebühr.

Octavian lebhaft
Wie kann Sie denn nur denken,
daß man Ihr mit Ungebühr begegnen wird,
da Sie doch immerdar die Schönste sein wird,
daß es keinen Vergleich wird leiden.

Sophie
Lacht Er mich aus, mon cousin?

Octavian
Wie, glaubt Sie das von mir?

Sophie
Er darf mich auch auslachen, wenn Er will.
Von Ihm will ich mir alles gerne geschehen lassen,
weil mir noch nie ein junger Kavalier . . . . . . .
Jetzt aber kommt mein Herr Zukünftiger.

Die Tür rückwärts geht auf. Alle drei stehen auf und traten nach rechts. Faninal führt den Baron zeremoniös über die Schwelle und auf Sophie zu, indem er ihm den Vortritt läßt. Die Lerchenausche Livree folgt auf Schritt und Tritt: zuerst der Almosenier mit dem Sohn und Leibkammerdiener. Dann folgt der Leibjäger mit einem ähnlichen Lümmel, der ein Pflaster über der eingeschlagenen Nase trägt, und noch zwei von der gleichen Sorte, vom Rübenacker her in die Livree gesteckt. Alle tragen, wie ihr Herr, Myrtensträußchen. Die Faninalschen Bedienten bleiben im Hintergrund.

Faninal
Ich präsentier' Euer Gnaden Dero Zukünftige.

Baron macht die Reverenz, dann zu Faninal
Deliziös! Mach' Ihm mein Kompliment.
Er küßt Sophie die Hand, langsam, gleichsam prüfend
Ein feines Handgelenk. Darauf halt' ich gar viel.
Ist unter Bürgerlichen eine seltene Distinktion.

Octavian halblaut
Es wird mir heiß und kalt.

Faninal
Gestatten, daß ich die getreue Jungfer
Marianne Leitmetzerin –
Mariannen präsentierend, die dreimal tief knixt.

Baron indem er unwillig abwinkt
Laß' Er das weg.
Begrüß' Er jetzt mit mir meinen Herrn Rosenkavalier.

Er tritt mit Faninal auf Octavian zu, unter Reverenz, die Octavian erwidert. Das Lerchenausche Gefolge kommt endlich zum Stillstand, nachdem es Sophie fast umgestoßen, und retiriert sich um ein paar Schritte.

Sophie mit Marianne rechts stehend, halblaut
Was sind das für Manieren? Ist das leicht ein Roßtäuscher
und kommt ihm vor, er hätt' mich eingekauft?

Marianne ebenso
Ein Kavalier hat halt ein ungezwungenes,
leutseliges Betragen.
Sag' dir vor, wer er ist
und zu was er dich macht,
so werden dir die Faxen gleich vergeh'n.

Baron während des Aufführens zu Faninal
Ist gar zum Staunen, wie der junge Herr jemand gewissem ähnlich sieht.
Hat ein Bastardl, recht ein sauberes zur Schwester.
Plump vertraulich
Ist kein Geheimnis unter Personen von Stand.
Hab's aus der Fürstin eigenem Mund
und da der Faninal gehört ja sozusagen jetzo
zu der Verwandtschaft.
Macht dir doch kein Dépit, Cousin Rofrano,
daß dein Herr Vater ein Streichmacher war?
Befindet sich dabei in guter Kompagnie, der selige Herr Marchese.
Ich selber exkludier' mich nicht.
Seh' Liebden, schau dir dort den Langen an,
den blonden, hinten dort.
Ich wie ihn nicht mit Fingern weisen,
aber er sticht wohl hervor,
durch eine adelige Contenance.
Ist auch ein ganz besonderer Kerl,
sags nicht, weil ich der Vater bin,
hat's aber faustdick hinter den Ohren.

Sophie währenddessen
Jetzt laßt er mich so steh'n, der grobe Ding!
Und das ist mein Zukünftiger.
Und blattersteppig ist er auch, mein Gott!

Marianne
Na, wenn er dir von vorn nicht g'fallt, du Jungfer Hochmut,
so schau ihn dir von rückwärts an,
da wirst was seh'n, was dir schon g'fallen wird.

Sophie
Möcht' wissen, was ich da schon sehen werd'.

Marianne ihr nachspottend
Möcht' wissen, was sie da schon sehen wird.
Daß es ein kaiserlicher Kämmerer ist,
den dir dein Schutzpatron
als Herrn Gemahl spendiert hat.
Das kannst sehn mit einem Blick.

Der Haushofmeister tritt verbindlich auf die Lerchenauschen Leute zu und führt sie ab. Desgleichen tritt die Faninalsche Livree ab, bis auf zwei, welche Wein und Süßigkeiten servieren.

Faninal Zum Baron
Belieben jetzt vielleicht? – ist ein alter Tokaier.

Octavian und Baron bedienen sich.

Baron
Brav Faninal, Er weiß was sich gehört.
Serviert einen alten Tokaier zu einem jungen Mädel.
Ich bin mit Ihm zufrieden.
Zu Octavian
Mußt denen Bagatelladeligen immer zeigen,
daß nicht für unseresgleichen sich ansehen dürfen,
muß immer was von Herablassung dabei sein.

Octavian
Ich muß Deine Liebden sehr bewundern.
Hast wahrhaft große Weltmanieren.
Könnt'st einen Ambassadeur vorstellen heut wie morgen.

Baron
Ich hol' mir jetzt das Mädl her.
Soll uns Konversation vormachen,
daß ich seh', wie sie beschlagen ist.

Geht hinüber, nimmt Sophie bei der Hand, führt sie mit sich.

Baron
Eh bien! nun plauder Sie uns eins, mir und dem Vetter Taverl!
Sag' Sie heraus, auf was Sie sich halt in der Eh' am meisten g'freut!
Setzt sich, will sie auf seinen Schoß ziehen

Sophie entzieht sich ihm
Wo denkt Er hin?

Baron behaglich
Seh, wo ich hindenk! Komm Sie da ganz nah zu mir,
dann will ich Ihr erzählen, wo ich hindenk.

Gleiches Spiel, Sophie entzieht sich ihm heftiger.

Baron behaglich
Wär Ihr leicht präferabel, daß man gegen Ihrer
den Zeremonienmeister sollt hervortun?
Mit »mill pardon« und »Devotion«
und »Geh da weg« und »hab Respeck«?

Sophie
Wahrhaftig und ja gefiele mir das besser!

Baron lachend
Mir auch nicht! Da sieht Sie! Mir auch ganz und gar nicht!
Bin einer biedern offenherzigen Galanterie recht zugetan.

Er macht Anstalt, sie zu küssen, sie wehrt sich energisch.

Faninal nachdem er Octavian den zweiten Stuhl zum Sitzen angeboten hat, den dieser ablehnt
Wie ist mir denn, da sitzt ein Lerchenau
und karessiert in Ehrbarkeit mein Sopherl, als wär' sie ihm schon angetraut.
Und da steht ein Rofrano, grad' als müßt's so sein,
wie ist mir denn? Ein Graf Rofrano, sonsten nix,
der Bruder vom Marchese Obersttruchseß.

Octavian zornig
Das ist ein Kerl, dem möcht' ich wo begegnen
mit meinem Degen da,
wo ihn kein Wächter schrei'n hört.
Ja, das ist alles, was ich möcht'.

Sophie zum Baron
Ei laß Er doch, wir sind nicht so vertraut!

Baron zu Sophie
Geniert Sie sich leicht vor dem Vetter Taverl?
Da hat Sie Unrecht. Hör' Sie, in Paris,
wo doch die Hohe Schul' ist für Manieren,
hab' ich mir sagen lassen, gibt's frei nichts
was unter jungen Eheleuten geschieht
wozu man nicht Einladungen ließ' ergeh'n
zum Zuschau'n, ja gar an den König selber.
Er wird immer zärtlicher, sie weiß sich kaum zu helfen.

Faninal
Wär nur die Mauer da von Glas,
daß alle bürgerlichen Neidhammeln von Wien uns könnten
so en famille beisammen sitzen seh'n!
Dafür wollt ich mein Lerchenfelder Eckhaus geben, meiner Seel'!

Octavian wütend
Ich büß' all' meine Sünden ab!
Könnt' ich hinaus und fort von hier!

Baron zu Sophie
Laß Sie die Flausen nur: gehört doch jetzo mir!
Geht all's gut! Sei Sie gut. Geht all's so wie am Schnürl!
Halb für sich, sie kajolierend
Ganz meine Maßen! Schultern wie ein Henderl!
Hundsmager noch – das macht nichts, aber weiß
und einen Schimmer drauf, wie ich ihn ästimier!
Ich hab' halt ja ein Lerchenauisch Glück!

Sophie reißt sich los und stampft auf.

Baron vergnügt
Ist Sie ein rechter Kaprizenschädel?
Auf und ihr nach, die ein paar Schritte zurückgewichen ist.
Steigt Ihr das Blut gar in die Wangen,
daß man sich die Händ' verbrennt?

Sophie rot und blaß vor Zorn
Laß' Er die Händ' davon!

Octavian, vor stummer Wut, zerdrückt das Glas, das er in der Hand hält, und schmeißt die Scherben zu Boden.

Duenna läuft mit Grazie zu Octavian hinüber, hebt die Scherben auf und raunt ihm mit Entzücken zu
Ist recht ein familiärer Mann, der Herr Baron!
Man delektiert sich, was er all's für Einfäll' hat!

Baron dicht bei Sophie
Geht mir nichts drüber!
Könnt' mich mit Schmachterei und Zärtlichkeit
nicht halb so glücklich machen, meiner Seel!

Sophie scharf, ihm ins Gesicht
Ich denk nicht d'ran, daß ich Ihn glücklich machen wollt!

Baron gemütlich
Sie wird es tun, ob Sie daran wird denken oder nicht.

Octavian vor sich, blaß vor Zorn
Hinaus! Hinaus! und kein Adieu,
sonst steh' ich nicht dafür,
daß ich nicht was Verwirrtes tu!

Indessen ist der Notar mit dem Schreiber eingetreten, eingeführt durch Faninals Haushofmeister. Dieser meldet ihn dem Herrn von Faninal leise; Faninal geht zum Notar nach rückwärts hin, spricht mit ihm und sieht einen vom Schreiber vorgehaltenen Aktenfaszikel durch.

Sophie zwischen den Zähnen
Hat nie kein Mann dergleichen Reden nicht zu mir geführt!
Möcht wissen, was Ihm dünkt von mir und Ihm?
Was ist denn Er zu mir!

Baron gemütlich
Wird kommen über Nacht,
daß Sie ganz sanft
wird wissen, was ich bin zu Ihr.
Ganz wie's im Liedl heißt – kennt Sie das Liedl?
»Lalalalala – wie ich dein Alles werde sein!
Mit mir, mit mir keine Kammer dir zu klein,
ohne mich, ohne mich jeder Tag dir so bang,
mit mir, mit mir keine Nacht dir zu lang!«

Sophie, da er sie fester an sich drückt, reißt sich los und stößt ihn heftig zurück.

Duenna zu ihr eilend
Ist recht ein familiärer Mann, der Herr Baron!
Man delektiert sich, was er all's für Einfäll' hat!

Octavian ohne hinzusehen, und doch sieht er auf alles was vorgeht
Ich steh auf glühenden Kohlen!
Ich fahr' aus meiner Haut!
Ich büß' in dieser einen Stund
all meine Sünden ab!

Baron für sich, sehr vergnügt
Wahrhaftig und ja, ich hab' ein Lerchenauisch Glück!
Gibt gar nichts auf der Welt, was mich so enflammiert
und also vehement verjüngt als wie ein rechter Trotz!

Faninal und der Notar, hinter ihnen der Schreiber, sind an der linken Seite nach vorne gekommen.

Baron sowie er den Notar erblickt, eifrig zu Sophie, ohne zu ahnen, was in ihr vorgeht
Da gibt's Geschäfter jetzt, muß mich dispensieren,
bin dort von Wichtigkeit. Indessen
der Vetter Taverl leistet Ihr Gesellschaft!

Faninal
Wenn's jetzt belieben tät, Herr Schwiegersohn!

Baron eifrig
Natürlich wird's belieben.
Im Vorbeigehen zu Octavian, den er vertraulich umfaßt
Hab nichts dawider,
wenn du ihr möchtest Augerln machen, Vetter,
jetzt oder künftighin.
Ist noch ein rechter Rühr-nicht-an,
Betrachts als förderlich, je mehr sie degourdiert wird.
Ist wie bei einem jungen ungerittenen Pferd.
Kommt alls dem Angetrauten letzterdings zu Gute,
wofern er sich sein ehelich Privilegium
zu Nutz zu machen weiß.

Er geht nach links. Der Diener, der den Notar einließ, hat indessen die Türe links geöffnet. Faninal und der Notar schicken sich an, hineinzugehen. Der Baron mißt Faninal mit dem Blick und bedeutet ihm, drei Schritte Distanz zu nehmen. Faninal tritt devot zurück. Der Baron nimmt den Vortritt, vergewissert sich, daß Faninal drei Schritte Abstand hat, und geht gravitätisch durch die Tür links ab. Faninal hinter ihm, dann der Notar, dann der Schreiber. Der Bediente schließt die Tür links und geht ab, läßt aber die Flügeltüre nach dem Vorsaal offen. Der servierende Diener ist schon früher abgegangen.

Sophie, rechts, steht verwirrt und beschämt.

Die Duenna neben ihr, knixt nach der Türe hin, bis sie sich schließt.

Octavian mit einem Blick hinter sich, gewiß zu sein, daß die anderen abgegangen sind, tritt schnell zu Sophie hinüber; bebend vor Aufregung
Wird Sie das Mannsbild da heiraten, ma cousine?

Sophie einen Schritt auf ihn zu, leise
Nicht um die Welt!
Mit einem Blick auf die Duenna
Mein Gott, wär ich allein mit Ihm,
daß ich Ihn bitten könnt! daß ich Ihn bitten könnt!

Octavian halblaut, schnell
Was ist's, das Sie mich bitten möcht'? Sag' Sie mir's schnell!

Sophie noch einen Schritt näher zu ihm
O mein Gott, daß Er mir halt hilft! Und Er wird mir
nicht helfen wollen, weil es halt Sein Vetter ist!

Octavian heftig
Nenn ihn Vetter aus Höflichkeit,
ist nicht weit her mit der Verwandtschaft, Gott sei Lob und Dank!
Hab' ihn im Leben vor dem gestrig'n Tage nie gesehen!

Quer durch den Saal flüchten einige von den Mägden des Hauses, denen die Lerchenauischen Bedienten auf den Fersen sind. Der Leiblakai und der mit dem Pflaster auf der Nase jagen einem hübschen jungen Mädchen nach und bringen sie hart an der Schwelle zum Salon bedenklich in die Enge.

Der Faninalsche Haushofmeister kommt verstört hereingelaufen, die Duenna zu Hilfe holen
Die Lerchenauischen sind voller Branntwein gesoffen
und gehn aufs Gesinde los, zwanzigmal ärger
als Türken und Crowaten!

Die Duenna
Hol Er unsere Leut', wo sind denn die?

Lauft ab mit dem Haushofmeister, sie entreißen den beiden Zudringlichen ihre Beute und führen das Mädchen ab; alles verliert sich, der Vorsaal bleibt leer.

Sophie nun da sie sich unbeachtet weiß, mit freier Stimme
Und jetzt geht Er noch fort von hier
und ich – was wird denn jetzt aus mir?

Octavian
Ich darf ja nicht bleiben –
Wie gern blieb ich bei Ihr.

Sophie seufzend
Er darf ja nicht bleiben –

Octavian
Jetzt muß Sie ganz alleinig für uns zwei einstehen!

Sophie
Wie? Für uns zwei? Das kann ich nicht verstehen.

Octavian
Ja, für uns zwei! Sie wird mich wohl verstehn.

Sophie
Ja! Für uns zwei! Sag' Er das noch einmal!
Ich hab' mein Leben so was Schönes nicht gehört.
O, sag Er's noch einmal.

Octavian
Für sich und mich muß Sie das tun,
sich wehren, sich retten
und bleiben, was Sie ist!

Sophie
Bleib' Er bei mir, dann kann ich alles, was Er will –

Octavian
Mein Herz und Sinn

Sophie
Bleib' Er bei mir!

Octavian
– wird bei Ihr bleiben, wo Sie geht und steht!

Sophie
Bleib' Er bei mir, o bleib' Er nur bei mir!

Aus den geheimen Türen in den rückwärtigen Ecken sind links Valzacchi, rechts Annina lautlos spähend herausgeglitten. Lautlos schleichen sie, langsam, auf den Zehen, näher.

Octavian zieht Sophie an sich, küßt sie auf den Mund. In diesem Augenblick sind die Italiener dicht hinter ihnen, ducken sich hinter den Lehnsesseln; jetzt springen sie vor, Annina packt Sophie, Valzacchi faßt Octavian.

Valzacchi und Annina zu zweien schreiend
Herr Baron von Lerchenau! – Herr Baron von Lerchenau! –

Octavian springt zur Seite nach rechts

Valzacchi der Mühe hat, ihn zu halten, atemlos zu Annina
Lauf und 'ole Seine Gnade!
Snell, nur snell. Ick muß alten diese 'erre!

Annina
Laß ich die Fräulein aus, lauft sie mir weg!

Zu zweien
Herr Baron von Lerchenau!
Herr Baron von Lerchenau!
Komm' zu seh'n die Fräulein Braut!
Mit ein junge Kavalier!
Kommen eilig, kommen hier!

Baron tritt aus der Tür links. Die Italiener lassen ihre Opfer los, springen zur Seite, verneigen sich vor dem Baron mit vielsagender Gebärde.

Sophie schmiegt sich ängstlich an Octavian.

Baron die Arme über die Brust gekreuzt, betrachtet sich die Gruppe. Unheilschwangere Pause. Endlich
Eh bien, Mamsell, was hat Sie mir zu sagen?

Sophie schweigt.

Baron der durchaus nicht außer Fassung ist
Nun, resolvier Sie sich!

Sophie
Mein Gott, was soll ich sagen:
Er wird mich nicht verstehen!

Baron gemütlich
Das werden wir ja sehen!

Octavian einen Schritt auf den Baron zu
Eu'r Liebden muß ich halt vermelden,
daß sich in Seiner Angelegenheit
was Wichtiges verändert hat.

Baron gemütlich
Verändert? Ei, nicht daß ich wüßt'!

Octavian
Darum soll Er es jetzt erfahren!
Die Fräulein –

Baron
Er ist nicht faul! Er weiß zu profitieren,
mit Seine siebzehn Jahr'! Ich muß Ihm gratulieren!

Octavian
Die Fräulein –

Baron halb zu sich
Ist mir ordentlich, ich seh' mich selber!
Muß lachen über den Filou, den pudeljungen.

Octavian
Die Fräulein –

Baron
Seh! Sie ist wohl stumm und hat Ihn angestellt
für ihren Advokaten!

Octavian
Die Fräulein –

Er hält abermals inne, wie um Sophie sprechen zu lassen.

Sophie angstvoll
Nein! Nein! Ich bring' den Mund nicht auf, sprech Er für mich!

Octavian
Die Fräulein –

Baron ihm nachstotternd
Die Fräulein, die Fräulein! Die Fräulein! Die Fräulein!
ist eine Kreuzerkomödi wahrhaftig!
jetzt echappier Er sich, sonst reißt mir die Geduld.

Octavian sehr bestimmt
Die Fräulein, kurz und gut,
die Fräulein mag Ihn nicht.

Baron gemütlich
Sei Er da außer Sorg'. Wird schon lernen mich mögen.
Auf Sophie zu
Komm' Sie jetzt da hinein: wird gleich an Ihrer sein,
die Unterschrift zu geben.

Sophie zurücktretend
Um keinen Preis geh' ich an Seiner Hand hinein!
Wie kann ein Kavalier so ohne Zartheit sein!

Octavian der jetzt zwischen den beiden anderen und der Türe links steht, sehr scharf
Versteht Er Deutsch? Die Fräulein hat sich resolviert,
Sie will Eu'r Gnaden ungeheirat' lassen
in Zeit und Ewigkeit!

Baron mit der Miene eines Mannes, der es eilig hat
Mancari! Jungfernred' ist nicht gehau'n und nicht gestochen!
Verlaub Sie jetzt!
Nimmt sie bei der Hand.

Octavian sich vor die Tür stellend
Wenn nur so viel an Ihm ist
von einem Kavalier,
so wird Ihm wohl genügen,
was Er g'hört hat von mir!

Baron tut, als hörte er ihn nicht, zu Sophie
Gratulier' Sie sich nur, daß ich ein Aug' zudruck'!
Daran mag Sie erkennen, was ein Kavalier ist!
Er macht Miene, mit ihr an Octavian vorbeizukommen.

Octavian schlägt an seinen Degen
Wird doch wohl ein Mittel geben,
Seinesgleichen zu bedeuten.

Baron der Sophie nicht losläßt, sie jetzt vorschiebt gegen die Tür
Ei, schwerlich, wüßte nicht!

Octavian
Will Ihn denn vor diesen Leuten –

Baron gleiches Spiel
Haben Zeit nicht zu verlieren.

Octavian
auch nicht länger menagieren.

Baron
Ein andermal erzähl' Er mir Geschichten
wo anders oder hier.

Octavian losbrechend
Ich acht' Ihn mit nichten
für einen Kavalier!
Auch für keinen Mann
seh' ich Ihn an!

Baron
Wahrhaftig, wüßt' ich nicht, daß Er mich respektiert,
und wär' Er nicht verwandt, es wär mir jetzo schwer,
daß ich mit Ihm nicht übereinander käm'!
Er macht Miene, Sophie mit scheinbarer Unbefangenheit gegen die Mitteltür zu führen, nachdem ihm die Italiener lebhaft Zeichen gegeben haben, diesen Weg zu nehmen.
Komm' Sie! Geh'n zum Herrn Vater dort hinüber!
Ist bereits der nähere Weg!

Octavian ihm nach, dicht an ihr
Ich hoff', Er kommt vielmehr jetzt mit mir hinters Haus,
ist dort recht ein bequemer Garten.

Baron setzt seinen Weg fort, mit gespielter Unbefangenheit Sophie an der Hand nach jener Richtung zu führen bestrebt, über die Schulter zurück
Bewahre. Wär mir jetzo nicht genehm.
Laß um alls den Notari nicht warten.
Wär' gar ein affront für die Jungfer Braut!

Octavian faßt ihn am Ärmel
Beim Satan, Er hat eine dicke Haut!
Auch dort die Tür passiert Er mir nicht!
Ich schrei's Ihm jetzt in Sein Gesicht:
Ich acht, Ihn für einen Filou,
einen Mitgiftjäger,
einen durchtriebenen Lumpen und schmutzigen Bauer,
einen Kerl ohne Anstand und Ehr'!
Und wenns sein muß, geb' ich Ihm auf dem Fleck die Lehr'!

Sophie hat sich vom Baron losgerissen und ist hinter Octavian zurückgesprungen. Sie stehen links, ziemlich vor der Tiir.

Baron steckt zwei Finger in den Mund und tut einen gellenden Pfiff. Dann
Was so ein Bub in Wien mit siebzehn Jahr
schon für ein vorlaut Mundwerk hat!
Er sieht sich nach der Mitteltür um.
Doch Gott sei Lob, man kennt in hiesiger Stadt
den Mann, der vor Ihm steht,
halt bis hinauf zur kaiserlichen Majestät!
Man ist halt, was man ist, und braucht's nicht zu beweisen.
Das laß Er sich gesagt sein und geb mir den Weg da frei.

Die Lerchenauische Livree ist vollzählig in der Mitteltür aufmarschiert; er vergewissert sich dessen durch einen Blick nach rückwärts Er rückt jetzt gegen die beiden vor, entschlossen, sich Sophiens und des Ausganges zu bemächtigen.
Wär' mir wahrhaftig leid, wenn meine Leut, dahinten –

Octavian wütend
Ah, untersteht Er sich, seine Bedienten
hineinzumischen in unsern Streit!
Jetzt zieh' Er oder gnad' Ihm Gott!

Er zieht.

Die Lerchenauischen, die schon einige Schritte vorgerückt waren, werden durch diesen Anblick einigermaßen unschlüssig und stellen ihren Vormarsch ein.

Baron tut einen Schritt, sich Sophiens zu bemächtigen.

Octavian schreit ihn an
Zum Satan, zieh' Er oder ich stech' Ihn nieder!

Sophie
O Gott, was wird denn jetzt geschehn!

Baron retiriert etwas
Vor einer Dame! pfui, so sei Er doch gescheit!

Octavian fährt wütend auf ihn los.

Baron zieht, fällt ungeschickt aus und hat schon die Spitze von Octavians Degen im rechten Oberarm Die Lerchenauischen stürzen vor.

Baron indem er den Degen fallen läßt
Mord! Mord! mein Blut! zu Hilfe! Mörder! Mörder! Mörder!

Die Diener stürzen alle zugleich auf Octavian los Dieser springt nach rechts hinüber und hält sie sich vom Leib, indem er seinen Degen blitzschnell um sich kreisen läßt. Der Almosenier, Valzacchi und Annina eilen auf den Baron zu, den sie stützen und auf einen der Stühle in der Mitte niederlassen.

Baron von ihnen umgeben und dem Publikum verstellt
Ich hab ein hitzig Blut! Einen Arzt, eine Leinwand!
Verband her! Ich verblut mich auf eins zwei!
Aufhalten den! Um Polizei, um Polizei!

Die Lerchenauischen indem sie mit mehr Ostentation als Entschlossenheit auf Octavian eindringen
Den haut's z'samm! Den haut's z'samm!
Spinnweb her! Feuerschwamm!
Reißt's ihm den Spadi weg!
Schlagt's ihn tot auf'n Fleck!

Die sämtliche Faninalsche Dienerschaft, auch das weibliche Hausgesinde, Küchenpersonal, Stallpagen sind zur Mitteltür hereingeströmt.

Annina auf sie zu
Der junge Kavalier
und die Fräul'n Braut, versteht's?
waren im geheimen
schon recht vertraut, versteht's?

Valzacchi und der Almosenier ziehen dem Baron, der stöhnt, seinen Rock aus.

Die Faninalsche Dienerschaft
G'stochen is einer? Wer?
Der dort? Der fremde Herr?
Welcher? Der Bräutigam?
Packt's den Duellanten z'samm!
Welcher is der Duellant?
Der dort im weißen Gwand!
Was, der Rosenkavalier?
Wegen was denn? Wegen ihr?
Angepackt! Niederg'haut!
Wegen der Braut?
Wegen der Liebschaft!
Wütender Haß is'!
Schaut's nur die Fräul'n an,
schaut's wie sie blaß is!

Duenna bahnt sich den Weg, auf den Baron zu; sie umgeben den Baron in dichter Gruppe, aus welcher zugleich mit allen übrigen die Stimme der Duenna klagend hervortönt
So ein fescher Herr! So ein guter Herr!
So ein schwerer Schlag! So ein groß' Malheur!

Octavian indem er sich seine Angreifer vom Leib hält
Wer mir zu nah kommt,
der lernt beten!
Was da passiert ist,
kann ich vertreten!

Sophie links vorne
Alles geht durcheinand'!
Furchtbar war's, wie ein Blitz,
wie er's erzwungen hat,
ich spür' nur seine Hand,
die mich umschlungen hat!
Ich spür' nichts von Angst,
ich spür' nichts von Schmerz,
nur das Feu'r, seinen Blick,
durch und durch, bis ins Herz!

Die Lerchenauischen lassen von Octavian ab und gehen auf die ihnen zunächst stehenden Mägde handgreiflich los
Leinwand her! Verband machen!
Fetzen aus'n Gwand machen!
Vorwärts, keine Spanponaden,
Leinwand für Seine Gnaden!

Sie machen Miene, sich zu diesem Zweck der Hemden der jüngeren und hübscheren Mägde zu bemächtigen. In diesem Augenblick kommt die Duenna, die fortgestürzt war, zurück, atemlos, beladen mit Leinwand, hinter ihr zwei Mägde mit Schwamm und Wasserbecken. Sie umgeben den Baron mit eifriger Hilfeleistung.

Faninal kommt zur Türe links hereingestürzt, hinter ihm der Notar und der Schreiber, die in der Türe ängstlich stehen bleiben.

Baron man hört seine Stimme, ohne viel von ihm zu sehen
Ich kann ein jedes Blut mit Ruhe fließen sehen,
nur bloß das meinig nicht! Oh! Oh!
So tu Sie doch was G'scheidt's, so rett' Sie doch mein Leben!
Oh! Oh!

Sophie ist, wie sie ihres Vaters ansichtig wird, nach rechts vorne hingelaufen, steht neben Octavian, der nun seinen Degen einsteckt.

Annina knixend und eifrig zu Faninal links vorne
Der junge Kavalier
und die Fräul'n Braut, Gnaden,
waren im geheimen
schon recht vertraut, Gnaden!
Wir voller Eifer
für'n Herrn Baron, Gnaden,
haben sie betreten
in aller Devotion, Gnaden!

Duenna um den Baron beschäftigt
So ein fescher Herr! So ein groß' Malheur!
so ein schwerer Schlag, so ein Unglückstag!

Faninal schlägt die Hände überm Kopf zusammen
Herr Schwiegersohn! Wie ist Ihm denn? Mein Herr und Heiland!
Daß Ihm in mein' Palais hat das passieren müssen!
Gelaufen um den Medicus! Geflogen!
Meine zehn teuern Pferd zu Tod gehetzt!
Ja hat denn niemand von meiner Livree
dazwischen springen mögen! Fütter' ich dafür
ein Schock baumlange Lackeln, daß mir solche Schand
passieren muß in meinem neuchen Stadtpalais!
Auf Octavian zu
Hätt' wohl von Euer Liebden eines andern Anstands mich versehn!

Baron
Oh! Oh!

Faninal abermals zu ihm hin
Oh! Um das schöne freiherrliche Blut, was auf'n Boden rinnt!
gegen Octavian hin
O pfui! So eine ordinäre Metzgerei!

Baron
Hab' halt ein jung und hitzig Blut, das ist ein Kreuz,
ist nicht zum Stillen! Oh!

Faninal auf Octavian losgehend
War mir von Euer Liebden hochgräflicher Gegenwart allhier
wahrhaftig einer andern Freud' gewärtig!

Octavian höflich
Er muß mich pardonieren.
Bin außer Maßen sehr betrübt über den Vorfall.
Bin aber ohne Schuld. Zu einer mehr gelegnen Zeit
erfahren Euer Liebden wohl den Hergang
aus Ihrer Fräulein Tochter Mund.

Faninal sich mühsam beherrschend
Da möcht ich recht sehr bitten!

Sophie entschlossen
Wie Sie befehlen, Vater. Werd' Ihnen alles sagen.
Der Herr dort hat sich nicht so wie er sollt betragen.

Faninal zornig
Ei, von wem red't Sie da? Von Ihrem Herrn Zukünftigen?
Ich will nicht hoffen! Wär mir keine Manier.

Sophie ruhig
Ist nicht der Fall. Seh' ihn mit nichten an dafür.

Der Arzt kommt, wird gleich zum Baron geführt.

Faninal immer zorniger
Sieht ihn nicht an?

Sophie
Nicht mehr. Bitt' Sie dafür um gnädigen Pardon.

Faninal Zuerst dumpf vor sich hin, dann in helle Wut ausbrechend
Sieht ihn nicht an. Nicht mehr. Mich um Pardon.
Liegt dort gestochen. Steht bei ihr. Der Junge.
Blamage. Mir auseinander meine Eh'.
Alle Neidhammeln von der Wieden und der Leimgrub'n
auf! In der Höh! Der Medikus. Stirbt mir womöglich!
Auf Sophie zu, in höchster Wut
Sie heirat' ihn!
Auf Octavian, indem der Respekt vor dem Grafen Rofrano seine Grobheit zu einer knirschenden Höflichkeit herabdämpft
Möcht' Euer Liebden recht in aller Devotion
gebeten haben, schleunig sich von hier zu retirieren
und nimmer wieder zu erscheinen!
Zu Sophie
Hör' Sie mich!
Sie heirat' ihn! Und wenn er sich verbluten tät,
so heirat' Sie ihn als Toter!

Der Arzt zeigt durch eine beruhigende Gebärde, daß der Verwundete sich in keiner Gefahr befindet.

Octavian sucht nach seinem Hut, der unter die Füße der Dienerschaft geraten war.

Eine Magd überreicht ihm den Hut

Faninal macht Octavian eine Verbeugung, übertrieben höflich, aber unzweideutig.

Octavian muß wohl gehen, möchte aber gar zu gerne Sophie noch ein Wort sagen. Er erwidert zunächst Faninals Verbeugung durch ein gleich tiefes Kompliment.

Sophie beeilt sich das folgende noch zu sagen, solange Octavian es hören kann. Mit einer Reverenz
Heirat' den Herrn dort nicht lebendig und nicht tot!
Sperr' mich zuvor in meine Kammer ein!

Faninal in Wut und nachdem er abermals eine wütende Verbeugung gegen Octavian gemacht hat, die Octavian prompt erwidert
Ah! Sperrst dich ein. Sind Leut' genug im Haus,
die dich in Wagen tragen werden.

Sophie mit einem neuen Knix
Spring' aus dem Wagen noch, der mich zur Kirch'n führt!

Faninal mit dem gleichen Spiel zwischen ihr und Octavian, der immer einen Schritt gegen den Ausgang tut, aber von Sophie in diesem Augenblick nicht los kann
Ah! Springst noch aus dem Wagen! Na, ich sitz' neben dir,
werd' dich schon halten!

Sophie mit einem neuen Knix
Geb' halt dem Pfarrer am Altar
Nein anstatt Ja zur Antwort!

Der Haushofmeister macht indessen die Leute abtreten. Die Bühne leert sich. Nur die Lerchenauischen bleiben bei ihrem Herrn zurück.

Faninal mit gleichem Spiel
Ah! Gibst Nein anstatt Ja zur Antwort!
Ich steck dich in ein Kloster stante pede!
Marsch! Mir aus meine Augen! Lieber heut als morgen!
Auf Lebenszeit!

Sophie erschrocken
Ich bitt' Sie um Pardon! Bin doch kein schlechtes Kind!
Vergeben Sie mir nur dies eine Mal!

Faninal hält sich in Wut die Ohren zu
Auf Lebenszeit! Auf Lebenszeit!

Octavian schnell halblaut
Sei Sie nur ruhig, Liebste, um Alles!
Sie hört von mir!

Duenna stößt Octavian, sich zu entfernen.

Faninal
Auf Lebenszeit!

Duenna zieht Sophie mit sich nach rechts
So geh doch nur dem Vater aus die Augen!

Zieht sie zur Türe rechts hinaus, schließt die Tür.

Octavian ist zur Mitteltür abgegangen.

Baron, umgeben von seiner Dienerschaft, der Duenna, zwei Mägden, den Italienern und dem Arzt, wird auf einem aus Sitzmöbeln improvisierten Ruhebett jetzt in ganzer Gestalt sichtbar.

Faninal schreit nochmals durch die Türe rechts, durch die Sophie abgegangen ist
Auf Lebenszeit!
Eilt dann dem Baron entgegen
Bin überglücklich! Muß Euer Liebden embrassieren!

Baron dem er bei der Umarmung am Arm wehgetan
Oh! Oh!

Faninal
Jesus Maria!
Nach rechts hin in innerer Wut
Luderei! Ein Kloster!
Nach der Mitteltür
Ein Gefängnis!
Auf Lebenszeit!

Baron
Is gut! Is gut! Ein Schluck von was zu trinken!

Faninal
Ein Wein? Ein Bier? Ein Hippokras mit Ingwer?

Der Arzt macht eine ängstlich abwehrende Bewegung.

Faninal
So einen Herrn zurichten miserabel,
in meinem Stadtpalais! Sie heirat' Ihn um desto früher!
Bin Manns genug!

Baron
Is gut, all's gut!

Faninal nach der Türe rechts, in aufflammender Wut
Bin Manns genug!
Zum Baron zurück
Küß Ihm die Hand für seine Güt' und Nachsicht.
Gehört alls Ihm im Haus. Ich lauf' – ich bring' Ihm –
Nach rechts
Ein Kloster ist zu gut! Sei Er nur außer Sorg'.
Weiß was ich Satisfaktion Ihm schuldig bin.

Stürzt ab. Desgleichen gehen Duenna und Mägde ab. Die beiden Italiener sind schon während des Obigen fortgeschlichen.

Baron halb aufgerichtet
Da lieg' ich! Was ei'm Kavalier nicht all's passieren kann
in dieser Wienerstadt!
Wär' nicht mein Gusto, – ist eins allzusehr in Gottes Hand,
wär' lieber schon daheim!

Ein Diener ist aufgetreten, eine Kanne Wein zu servieren.

Baron macht eine Bewegung wodurch sich ihm der Schmerz im Arm erneuert
Oh! Oh! Der Satan! Oh! Oh! Sakramentsverfluchter Bub,
nit trocken hinter'n Ohr und fuchtelt mit'n Spadi!
Wällischer Hundsbub' das! Wart', wenn ich dich erwisch!
In Hundezwinger sperr' ich dich, bei meiner Seel',
in Hühnerstall! In Schweinekofen!
Tät dich kuranzen! Solltest alle Engel singen hören!

Der Arzt schenkt ihm ein Glas Wein ein, präsentiert es ihm.

Baron nachdem er getrunken
Und doch, muß lachen, wie sich so ein Bub
mit seine siebzehn Jahr die Welt imaginiert:
meint Gott weiß, wie er mich contrecarriert!
Hoho! um'kehrt ist auch g'fahren – möcht' um alles nicht,
daß ich dem Mädel ihr rebellisch Aufbegehren nicht verspüret hätt'.
Gibt auf der Welt nichts, was mich enflammiert
und also vehement verjüngt, als wie ein rechter Trotz!
Zum Arzt gewandt
Bin willens, jetzt mich in mein Kabinettl zu verfügen und eins zu ruhn.
Herr Medicus, begeb' Er sich indes voraus!
Mach Er das Bett aus lauter Federbetten.
Ich komm'. Erst aber trink' ich noch. Marschier' Er nur indessen.

Der Arzt geht ab mit dem Leiblakai.

Annina ist durch den Vorsaal hereingekommen und schleicht sich verstohlen heran, einen Brief in der Hand.

Baron vor sich, den zweiten Becher leerend
Ein Federbett. Zwei Stunden bis zu Tisch. Werd' Zeitlang haben.
»Ohne mich, ohne mich, jeder Tag dir so bang«
»mit mir, mit mir, keine Nacht dir zu lang.«

Annina stellt sich so, daß der Baron sie sehen muß, und winkt ihm geheimnisvoll mit dem Brief.

Baron
Für mich?

Annina näher
Von der Bewußten.

Baron
Wer soll da gemeint sein?

Annina ganz nahe
Nur eigenhändig, insgeheim, zu übergeben.

Baron
Luft da!

Die Diener treten zurück, nehmen den Faninalschen ohne weitere die Weinkanne ab und trinken sie leer.

Baron
Zeig Sie den Wisch!
Reißt mit der Linken den Brief auf. Versucht ihn zu lesen, indem er ihn sehr weit von sich weghält.
Such' Sie in meiner Taschen meine Brillen.
Mißtrauisch, da sie sich dazu anschickt
Nein: Such' Sie nicht! Kann Sie Geschrieb'nes lesen?
Da.

Annina nimmt und liest
»Herr Kavalier! Den Sonntag Abend hätt' i frei.
»Sie ham mir schon gefallen, nur geschamt
»hab i mi vor die Fürstli'n Gnad'n
»weil i noch gar so jung bin. Das bewußte Mariandel,
»Kammerzofel und Verliebte.
»Wenn der Herr Kavalier den Nam' nit schon vergessen hat.
»I wart' auf Antwort.«

Baron
Sie wart' auf Antwort.
Geht alles recht am Schnürl, so wie zu Haus'
und hat noch einen andern Schick dazu.
Ich hab' halt schon einmal ein Lerchenauisch Glück.
Komm' Sie nach Tisch, geb' Ihr die Antwort nachher schriftlich.

Annina
Ganz zu Befehl, Herr Kavalier. Vergessen nicht der Botin?

Baron vor sich
»Ohne mich, ohne mich, jeder Tag dir so bang.«

Annina dringlicher
Vergessen nicht der Botin, Euer Gnad'n?

Baron
Schon gut. »Mit mir, mit mir, keine Nacht dir zu lang.«
Das später. Alls auf einmal. Dann zum Schluß.
Sie wart' auf Antwort! Tret' Sie ab indessen.
Schaff' Sie ein Schreibzeug in mein Zimmer. Hier dort drüben,
daß ich die Antwort dann diktier'.

Annina ab.

Baron noch einen letzten Schluck, im Abgehen, von seinen Leuten begleitet, behaglich
»Mit mir, mit mir, keine Nacht dir zu lang!«

 
Vorhang

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