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Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Der Rosenkavalier

Hugo von Hofmannsthal: Der Rosenkavalier - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Rosenkavalier
authorHugo von Hofmannsthal
year2001
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-15159-7
titleDer Rosenkavalier
pages3-9
created20020228
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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Erster Akt

Das Schlafzimmer der Feldmarschallin. Links im Alkoven das große zeltförmige Himmelbett. Neben dem Bett ein dreiteiliger chinesischer Wandschirm, hinter dem Kleider liegen. Ferner ein kleines Tischchen und ein paar Sitzmöbel. Auf einem kleinen Sofa links liegt ein Degen in der Scheide. Rechts große Flügeltüren in das Vorzimmer. In der Mitte kaum sichtbare kleine Türe in die Wand eingelassen. Sonst keine Türen. Zwischen dem Alkoven und der kleinen Türe stehen ein Frisiertisch und ein paar Armsessel an der Wand Die Vorhänge des Bettes sind zurückgeschlagen. Octavian kniet auf einem Schemel vor dem Bett und hält die Feldmarschallin, die im Bett liegt, halb umschlungen. Man sieht ihr Gesicht nicht, sondern nur ihre sehr schöne Hand und den Arm, von dem das Spitzenhemd abfällt.

Octavian
Wie du warst! Wie du bist!
Das weiß niemand, das ahnt keiner!

Marschallin richtet sich in den Kissen auf
Beklagt Er sich über das, Quin-quin?
Möcht' Er, daß viele das wüßten?

Octavian
Engel! Nein! Selig bin ich,
daß ich der einzige bin, der weiß, wie du bist.
Keiner ahnt es! Niemand weiß es.
Du, du – was heißt das »du«? Was »du und ich«?
Hat denn das einen Sinn?
Das sind Wörter, bloße Wörter, nicht? Du sag'!
Aber dennoch: Es ist etwas in ihnen:
ein Schwindeln, ein Ziehen, ein Sehnen, ein Drängen!
Wie jetzt meine Hand zu deiner Hand kommt,
das Zudirwollen, das Dichumklammern,
das bin ich, das will zu dir,
aber das Ich vergeht in dem Du,
ich bin dein Bub – aber wenn mir dann Hören und Sehen vergeht –
wo ist dann dein Bub?

Marschallin leise
Du bist mein Bub, du bist mein Schatz!

Octavian
Warum ist Tag? Ich will nicht den Tag!
Für was ist der Tag! Da haben dich alle!

Marschallin lacht leise.

Octavian
Lachst du mich aus?

Marschallin zärtlich
Lach ich dich aus?

Octavian
Engel!

Marschallin
Schatz du, mein junger Schatz!
Ein feines Klingeln.
Horch!

Octavian
Ich will nicht.

Marschallin
Still, paß auf.

Octavian
Ich will nichts hören! Was wirds denn sein?
Das Klingeln näher.
Sind's leicht Lauffer mit Briefen und Komplimenten?
Vom Saurau, vom Hartig, vom portugieser Envoyé?
Hier kommt mir keiner herein! Eher bin ich der Herr!

Die kleine Tür in der Mitte geht auf und ein kleiner Neger in Gelb, behängt mit silbernen Schellen, ein Präsentierbrett mit der Schokolade tragend, trippelt über die Schwelle.

Marschallin
Schnell, da versteck Er sich, das Frühstück ist's.

Octavian gleitet hinter den Schirm.

Die Tür hinter dem Neger wird von unsichtbaren Händen geschlossen.

Marschallin
Schmeiß Er doch Seinen Degen hinters Bett.

Octavian fährt nach dem Degen und versteckt ihn.

Marschallin legt sich zurück, nachdem sie die Vorhänge zugezogen hat.

Der kleine Neger stellt das Servierbrett auf das kleine Tischchen, schiebt dieses nach vorne, rückt das Sofa hinzu, verneigt sich dann tief gegen das Bett, die kleinen Arme über die Brust gekreuzt. Dann tanzt er zierlich nach rückwärts, immer das Gesicht dem Bette zugewandt. An der Tür verneigt er sich nochmals und verschwindet.

Marschallin tritt zwischen den Bettvorhängen hervor. Sie hat einen leichten mit Pelz verbrämten Mantel umgeschlagen.

Octavian kommt zwischen der Mauer und dem Wandschirm hervor.

Marschallin
Er Katzenkopf, Er unvorsichtiger!
Läßt man in einer Dame Schlafzimmer den Degen herumliegen?
Hat Er keine besseren Gepflogenheiten?

Octavian
Wenn Ihr zu dumm ist, wie ich mich benehm',
und wenn Ihr abgeht, daß ich kein Geübter nicht in solchen Sachen bin,
dann weiß ich nicht, was Sie überhaupt an mir hat!

Marschallin zärtlich, auf dem Sofa
Philosophier Er nicht, Herr Schatz, und komm' Er her.
Jetzt wird gefrühstückt. Jedes Ding hat seine Zeit.

Octavian setzt sich dicht neben sie. Sie frühstücken sehr zärtlich. Octavian legt sein Gesicht auf ihr Knie. Sie streichelt sein Haar. Er blickt zu ihr auf. Leise
Marie Theres'!

Marschallin
Octavian!

Octavian
Bichette!

Marschallin
Quin-quin!

Octavian
Mein Schatz!

Marschallin
Mein Bub!

Sie frühstücken.

Octavian lustig
Der Feldmarschall sitzt im crowatischen Wald und jagt auf Bären und Luchsen –
und ich sitz hier, ich junges Blut, und jag' auf was?
Ich hab ein Glück, ich hab ein Glück!

Marschallin indem ein Schatten über ihr Gesicht fliegt
Laß Er den Feldmarschall mit Ruh!
Mir hat von ihm geträumt.

Octavian
Heut' Nacht hat dir von ihm geträumt? Heut' Nacht?

Marschallin
Ich schaff mir meine Träum' nicht an.

Octavian
Heute Nacht hat dir von deinem Mann geträumt?

Marschallin
Mach' Er nicht solche Augen. Ich kann nichts dafür.
Er war auf einmal wiederum zuhaus.

Octavian
Der Feldmarschall?

Marschallin
Es war ein Lärm im Hof von Pferd' und Leut' und er war da.
Vor Schreck war ich auf einmal wach, nein schau nur,
schau nur, wie kindisch ich bin: ich hör' noch immer den Rumor im Hof
Ich brings nicht aus dem Ohr. Hörst du leicht auch was?

Octavian
Ja, freilich hör' ich was, aber muß es denn dein Mann sein!
Denk' dir doch, wo der ist: im Raitzenland,
noch hinterwärts von Esseg.

Marschallin
Ist das sicher sehr weit?
Na dann wird's halt was anders sein. Dann is ja gut.

Octavian
Du schaust so ängstlich drein, Theres'!

Marschallin
Weiß Er, Quin-quin – wenn es auch weit ist –
der Herr Feldmarschall is halt sehr geschwind. Einmal –

Octavian eifersüchtig
Was war einmal?

Marschallin zerstreut, horcht.

Octavian
Was war einmal? Bichette!
Bichette, was war einmal?

Marschallin
Ach sei Er gut, Er muß nicht alles wissen!

Octavian wirft sich auf das Sofa

So spielt sie sich mit mir! Ich bin ein unglücklicher Mensch!

Marschallin horcht
Jetzt trotz Er nicht. Jetzt gilts. Es is der Feldmarschall.
Wenn es ein Fremder wär', so wär' der Lärm da drüben in meinem Vorzimmer!
Es muß mein Mann sein, der durch die Garderob' herein will
und mit die Lakaien disputiert!
Quin-quin, es is mein Mann.

Octavian fährt nach seinem Degen und läuft gegen rechts.

Marschallin
Nicht dort. Dort ist das Vorzimmer.
Da sitzen meine Lieferanten und ein halbes Dutzend Lakaien.
Da!

Octavian läuft hinüber zur kleinen Türe.

Marschallin
Zu spät! Sie sind schon in der Garderob'!
Jetzt bleibt nur eins!
Versteck' dich! dort!

Octavian
Ich spring' ihm in den Weg! Ich bleib' bei dir.

Marschallin
Dort hinters Bett! Dort in die Vorhäng'. Und rühr' dich nicht!

Octavian zögernd
Wenn er mich dort erwischt, was wird aus dir, Theres!

Marschallin flehend
Versteck Er sich, mein Schatz.

Octavian beim Wandschirm
Theres!

Marschallin ungeduldig aufstampfend
Sei Er ganz still.
Mit blitzenden Augen
                            Das möcht' ich seh'n,
ob einer sich dort hinüber traut, wenn ich hier steh'.
Ich bin kein napolitanischer General: Wo ich steh', steh' ich.
Geht energisch gegen die kleine Türe los. Horcht.
Sind brave Kerl'n, meine Lakaien. Wollen ihn nicht herein lassen,
sagen, daß ich schlaf'. Sehr brave Kerl'n!
Die Stimm'?
Das is ja gar nicht die Stimm' vom Feldmarschall!
Sie sagen »Herr Baron« zu ihm! Das ist ein Fremder.
Quin-quin, es ist ein Besuch!
Sie lacht.
Fahr' Er schnell in seine Kleider,
aber bleib' Er versteckt,
daß die Lakaien Ihn nicht sehen.
Die blöde, große Stimm' müßt' ich doch kennen.
Wer ist denn das? Herrgott, das ist der Ochs.
Das ist mein Vetter, der Lerchenau, der Ochs auf Lerchenau.
Was will denn der? Jesus Maria!
Sie muß lachen.
Quin-quin, hört Er, Quin-quin, erinnert Er sich nicht?
Sie geht ein paar Schritte nach links hinüber.
Vor fünf, sechs Tagen den Brief –
Wir sind im Wagen gesessen,
und einen Brief haben sie mir an den Wagenschlag gebracht.
Das war der Brief vom Ochs.
Und ich hab' keine Ahnung, was drin gestanden ist.
Lacht.
Daran ist Er alleinig schuld, Quin-quin.

Stimme des Haushofmeisters draußen
Belieben Euer Gnaden in der Galerie zu warten!

Stimme des Barons draußen
Wo hat Er Seine Manieren gelernt?
Der Baron Lerchenau antichambrieret nicht.

Marschallin
Quin-quin, was treibt Er denn? Wo steckt Er denn?

Octavian in einem Frauenrock und Jäckchen, das Haar mit einem Schnupftuch und einem Bande, wie in einem Häubchen, tritt hervor, knixt
Befehl'n fürstli' Gnad'n, i' bin halt' noch nit recht lang in fürstli'n Dienst.

Marschallin
Du, Schatz!
Und nicht einmal mehr als ein Buss'l kann ich dir geben.
Küßt ihn schnell.
Er bricht mir ja die Tür' ein, der Herr Vetter.
Mach Er, daß Er hinauskomm'.
Schlief' Er frech durch die Lakaien durch.
Er ist ein blitzgescheiter Lump! Und komm' Er wieder, Schatz.
Aber in Mannskleidern und durch die vordre Tür, wenn's Ihm beliebt.

Setzt sich, den Rücken gegen die Türe, und beginnt ihre Schokolade zu trinken. Octavian geht schnell gegen die kleine Türe und will hinaus. Im gleichen Augenblicke wird die Türe aufgerissen und Baron Ochs, den die Lakaien vergeblich abzuhalten suchen, tritt ein. Octavian, der mit gesenktem Kopf rasch entwischen wollte, stößt mit ihm zusammen. Octavian drückt sich verlegen an die Wand links von der Türe. Drei Lakaien sind gleichzeitig mit dem Baron eingetreten, stehen ratlos.

Der Baron mit Grandezza zu den Lakaien
Selbstverständlich empfängt mich Ihre Gnaden.

Er geht nach vorne, die Lakaien zu seiner Linken suchen ihm den Weg zu vertreten.

Baron zu Octavian mit Interesse
Pardon, mein hübsches Kind!

Octavian dreht sich verlegen gegen die Wand.

Baron mit Grazie und Herablassung
Ich sag': Pardon, mein hübsches Kind.

Marschallin sieht über die Schulter, steht dann auf, kommt dem Baron entgegen.

Baron galant zu Octavian
Ich hab' Ihr doch nicht ernstlich weh getan?

Die Lakaien zupfen den Baron
Ihre fürstliche Gnaden!

Baron macht die französische Reverenz mit zwei Wiederholungen.

Marschallin
Euer Liebden sehen vortrefflich aus.

Baron verneigt sich nochmals, dann zu den Lakaien
Sieht Er jetzt wohl, daß Ihre Gnaden entzückt ist, mich zu sehen?
Auf die Marschallin zu, mit weltmännischer Leichtigkeit, indem er ihr die Hand reicht und sie vorführt.
Und wie sollte Euer Gnaden nicht.
Was tut die frühe Stunde unter Personen von Stand?
Hab' ich nicht seinerzeit wahrhaftig Tag für Tag
unserer Fürstin Brioche meine Aufwartung gemacht,
da sie im Bad gesessen ist,
mit nichts als einem kleinen Wandschirm zwischen ihr und mir.
Ich muß mich wundern,
zornig umschauend
wenn Euer Gnaden Livree –

Marschallin
Verzeihen Sie,
man hat sich betragen, wie es befohlen,
ich hatte diesen Morgen die Migräne.

Auf einen Wink der Marschallin haben die Lakaien ein kleines Sofa und einen Armstuhl nach vorne gebracht und sind dann abgegangen.

Baron sieht öfters nach rückwärts.

Octavian ist an der Wand gegen den Alkoven hingeschlichen, macht sich möglichst unsichtbar beim Bett zu schaffen.

Marschallin setzt sich auf das Sofa, nachdem sie dem Baron den Platz auf dem Armstuhl angeboten hat.

Baron versucht sich zu setzen, äußerst okkupiert von der Anwesenheit der hübschen Kammerzofe. Für sich
Ein hübsches Kind! Ein gutes, sauberes Kinderl!

Marschallin aufstehend, ihm zeremoniös aufs neue seinen Platz anbietend
Ich bitte, Euer Liebden.

Baron setzt sich zögernd und bemüht sich, der hübschen Zofe nicht völlig den Rücken zu kehren.

Marschallin
Ich bin auch jetzt noch nicht ganz wohl.
Der Vetter wird darum vielleicht die Gnade haben –

Baron
Natürlich.
Er dreht sich um, um Octavian zu sehen

Marschallin
Meine Kammerzofe, ein junges Kind vom Lande.
Ich muß fürchten, sie inkommodiert Euer Liebden.

Baron
Ganz allerliebst! Wie? Nicht im geringsten! Mich? Im Gegenteil!
Er winkt Octavian mit der Hand, dreht sich dann zur Marschallin.
Euer Gnaden werden vielleicht verwundert sein,
daß ich als Bräutigam –
sieht sich um                    indes – inzwischen –

Marschallin
Als Bräutigam?

Baron
Ja, wie Euer Gnaden denn doch wohl aus meinem Brief genugsam –
ein Grasaff, appetitlich, keine fünfzehn Jahr'!

Marschallin
Der Brief, natürlich, ja, der Brief, wer ist denn nur die Glückliche,
ich habe den Namen auf der Zunge.

Baron
Wie?
Nach rückwärts
Pudeljung! Gesund! Gewaschen! Allerliebst!

Marschallin
Wer ist nur schnell die Braut?

Baron
Das Fräulein Faninal. Ich hab' Euer Gnaden den Namen nicht verheimlicht.

Marschallin
Natürlich! Wo habe ich meinen Kopf. Bloß die Famili. Sinds keine Hiesigen?

Octavian macht sich mit dem Servierbrett zu tun, wodurch er noch mehr hinter den Rücken des Barons kommt.

Baron
Jawohl, Euer Gnaden, es sind Hiesige.
Ein durch die Gnade Ihrer Majestät Geadelter.
Er hat die Lieferung für die Armee, die in den Niederlanden steht.

Marschallin bedeutet Octavian ungeduldig mit den Augen, er soll sich fortmachen.

Baron mißversteht ihre Miene völlig
Ich seh', Euer Gnaden runzeln Dero schöne Stirn ob der Mesalliance.
Allein, daß ich es sag', das Mädchen ist für einen Engel hübsch genug.
Kommt frischwegs aus dem Kloster. Ist das einzige Kind.
Dem Mann gehören zwölf Häuser auf der Wied'n, nebst dem Palais am Hof,
und seine Gesundheit soll nicht die beste sein.

Marschallin
Mein lieber Vetter, ich kapier' schon, wie viel's geschlagen hat.

Winkt Octavian, den Rückzug zu nehmen.

Baron
Und mit Verlaub von Euer fürstlichen Gnaden,
ich dünke mir gut's adeliges Blut genug im Leib zu haben für ihrer Zwei.
Man bleibt doch schließlich, was man ist, corpo di Bacco!
Den Vortritt, wo er ihr gebührt, wird man der Frau Gemahlin
noch zu verschaffen wissen, und was die Kinder anlangt, wenn sie denen
den goldnen Schlüssel nicht konzedieren werden –
Va bene!
Werden sich mit den zwölf eisernen Schlüsseln
zu den zwölf Häusern auf der Wied'n zu getrösten wissen.

Marschallin
Gewiß! O sicherlich, dem Vetter seine Kinder,
die werden keine Don Quixotten sein!

Octavian mal mit dem Servierbrett rückwärts vorbei zur Tür hin.

Baron
Warum hinaus die Schokolad'! Geruhen nur! Da! Pst, wieso denn!

Octavian steht unschlüssig, das Gesicht abgewendet

Marschallin
Fort, geh' Sie nur!

Baron
Wenn ich Euer Gnaden gesteh',
daß ich noch so gut wie nüchtern bin.

Marschallin resigniert
Mariandl, komm Sie her. Servier Sie Seiner Liebden.

Octavian kommt, serviert.

Baron nimmt eine Tasse, bedient sich
So gut wie nüchtern, Euer Gnaden. Sitz' im Reisewagen seit fünf Uhr früh.
Leise
Recht ein gestelltes Ding! Bleib' Sie dahier, mein Herz. Ich hab' Ihr was zu sagen.
Meine ganze Livree, Stallpagen, Jäger, alles –
Er frißt.
alles unten im Hof zusamt meinem Almosenier.

Marschallin zu Octavian
Geh Sie nur.

Baron
Hat Sie noch ein Biskoterl? Bleib' Sie doch!
Leise
Sie ist ein süßer Engelsschatz, ein sauberer.
Zur Marschallin
Sind auf dem Wege zum »Weißen Ross«,
wo wir logieren, heißt bis übermorgen –
halblaut
Ich gäb' was Schönes drum, mit Ihr –
zur Marschallin sehr laut
bis übermorgen –
schnell zu Octavian
unter vier Augen zu scharmutzieren, wie?

Marschallin muß lachen über Octavians freches Komödienspiel.

Baron
Dann ziehen wir ins Palais von Faninal.
Natürlich muß ich vorher den Bräutigamsaufführer –
nach rückwärts, wütend
will Sie denn nicht warten? –
an die wohlgeborne Jungfer Braut deputieren,
der die silberne Rose überbringt
nach der hochadeligen Gepflogenheit.

Marschallin
Und wen von der Verwandtschaft haben Euer Liebden
für dieses Ehrenamt sich ausersehen?

Baron
Die Begierde, darüber Euer Gnaden Ratschlag einzuholen,
hat mich so kühn gemacht, in Reisekleidern bei Dero heutigem Lever –

Marschallin
Von mir?

Baron
Gemäß brieflich in aller Devotion getaner Bitte.
Ich bin doch nicht so unglücklich mit dieser devotesten Supplik Dero Mißfallen –
lehnt sich zurück
Sie könnte aus mir machen, was Sie wollte.
Sie hat das Zeug dazu!

Marschallin
Wie denn, natürlich! Einen Aufführer
für Euer Liebden ersten Bräutigamsbesuch,
aus der Verwandtschaft – wen denn nur? Ich werde –
den Vetter Jörger? Wie? Den Vetter Lamberg?

Baron
Dies liegt in Euer Gnaden allerschönsten Händen.

Marschallin
Ganz gut. Will Er mit mir zu Abend essen, Vetter?
Sagen wir morgen, will Er? Dann proponier' ich Ihm einen.

Baron
Euer Gnaden sind die Herablassung selber.

Marschallin will aufstehen
Indes –

Baron halblaut
Daß Sie nur wiederkommt! Ich geh' nicht eher fort!

Marschallin für sich
Oho!
Laut
Bleib Sie nur da! Kann ich dem Vetter
für jetzt noch dienlich sein?

Baron
Ich schäme mich bereits.
An Euer Gnaden Notari eine Rekommandation
wär' mir lieb.
Es handelt sich um den Ehevertrag.

Marschallin
Mein Notari kommt öfters des Morgens. Schau' Sie doch, Mariandel,
ob er nicht in der Antichambre ist und wartet.

Baron
Wozu das Kammerzofel?
Euer Gnaden beraubt sich der Bedienung
um meinetwillen!
Hält sie auf.

Marschallin
Laß Er doch, Vetter, sie mag ruhig gehen.

Baron
Das geb' ich nicht zu. Bleib' Sie dahier zu Ihrer Gnaden Wink.
Es kommt gleich wer von der Livree herein,
ich ließ ein solches Goldkind, meiner Seel',
nicht unter das infame Lakaienvolk.
Streichelt sie.

Marschallin
Euer Liebden sind allzu besorgt.

Der Haushofmeister tritt ein.

Baron
Da, hab' ich's nicht gesagt?
Er wird Euer Liebden zu melden haben.

Marschallin zum Haushofmeister
Struhan, hab' ich meinen Notari in der Vorkammer warten?

Haushofmeister
Fürstliche Gnaden haben den Notari,
dann den Verwalter, dann den Kuchelchef,
dann, von Exzellenz Silva hergeschickt,
ein Sänger mit einem Flötisten.
Ansonsten das gewöhnliche Bagagi.

Baron hat seinen Stuhl hinter den breiten Rücken des Haushofmeisters geschoben, ergreift zärtlich die Hand der vermeintlichen Zofe
Hat Sie schon einmal
mit einem Kavalier im Tête-à-tête zu Abend 'gessen?

Octavian tut sehr verlegen.

Baron
Nein? Da wird Sie Augen machen.

Octavian leise, verschämt
I' weiß halt nit, ob i dös derf.

Marschallin, dem Haushofmeister unaufmerksam zuhörend, beobachtet die beiden, muß leise lachen.

Haushofmeister verneigt sich, tritt zurück, wodurch die Gruppe für den Blick der Marschallin frei wird.

Marschallin zum Haushofmeister
Warten lassen.

Haushofmeister ab.
Baron setzt sich möglichst unbefangen zurecht und nimmt eine gravitätische Miene an.

Marschallin lachend
Der Vetter ist, ich seh, kein Kostverächter.

Baron erleichtert
Mt Euer Gnaden ist man frei daran. Da gibt's keine Flausen, keine Etikette!
keine spanische Tuerei!
Er küßt der Marschallin die Hand.

Marschallin amüsiert
Aber wo Er doch ein Bräutigam ist?

Baron halb aufstehend, ihr genähert
Macht das einen lahmen Esel aus mir?
Bin ich da nicht wie ein guter Hund auf einer guten Fährte?
Und doppelt scharf auf jedes Wild nach links, nach rechts!

Marschallin
Ich seh', Euer Liebden betreiben es als Profession.

Baron stehend
Das will ich meinen.
Wüßte nicht, welche mir besser behagen könnte.
Ich muß Euer Gnaden sehr bedauern,
daß Euer Gnaden nur – wie drück' ich mich aus –
nur die verteidigenden Erfahrungen besitzen!
Parole d'honneur! Es geht nichts über die von der anderen Seite!

Marschallin lacht
Ich glaub Ihm schon, daß die sehr mannigfaltig sind.

Baron
Soviel Zeiten das Jahr, soviel Stunden der Tag, da ist keine –

Marschallin
Keine?

Baron
Wo nicht –

Marschallin
Wo nicht?

Baron
Wo nicht dem Knaben Kupido
ein Geschenkerl abzulisten wäre.
Dafür ist man kein Auerhahn und kein Hirsch,
sondern ist man der Herr der Schöpfung,
daß man nicht nach dem Kalender forciert ist, halten zu Gnaden!
Zum Exempel der Mai ist recht lieb für verliebte Geschäft',
das weiß jedes Kind,
aber ich sage:
Schöner ist Juni, Juli, August.
Da hat's Nächte!
Da ist bei uns da droben so ein Zuzug
von jungen Mägden aus dem Böhmischen herüber:
Zur Ernte kommen sie und sind ansonsten anstellig und gut –
Ihrer zwei, dreie halt' ich oft
bis im November mir im Haus,
dann erst schick' ich sie heim.
Und wie sich das mischt,
das junge runde böhmische Völkel,
süß und schwer,
mit denen von uns, dem deutschen Schlag,
der scharf ist und herb wie ein Retzer Wein.
Wie sich das miteinander mischen tut!
Und überall steht was und lauert und rutscht durch den Gattern
und schlieft zueinander und liegt beieinander
und überall singt was
und schupft was die Hüften
und melkt was
und mäht was
und planscht und plätschert was im Bach und in der Pferdeschwemm.

Marschallin
Und Er ist überall dahinter her?

Baron
Wollt', ich könnt' sein wie Jupiter selig
in tausend Gestalten,
wär' Verwendung für jede.

Marschallin
Wie, auch für den Stier? So grob will Er sein?

Baron
Je nachdem! alls je nachdem!
Das Frauenzimmer hat gar vielerlei Arten,
wie es will genommen sein.
Da kenn' ich mich aus, halten zu Gnaden!
Da ist das arme Waserl',
steht da, als könnt sie nicht bis fünfe zählen,
und ist, halten zu Gnaden, schon die Rechte, wenns drauf ankommt.
Und da ist, die kichernd und schluchzend den Kopf verliert.
Die hab' ich gern!
Und die herentgegen,
der sitzt im Aug' ein kalter, harter Satan,
aber trifft sich schon ein Stündl, wo so ein Aug' ins Schwimmen kommt.
Und wenn derselbige innerliche Satan läßt erkennen,
daß jetzt bei ihm Matthäi am letzten ist,
gleich einem abgeschlagenen Karpfen,
das ist schon, mit Verlaub, ein feines Stück.
Kann nicht genug dran kriegen!

Marschallin
Er selber ist ein Satan, meiner Seel'!

Baron
Und wäre eine, haben die Gnad,
die keiner anschaut
im schmutzigen Kittel, haben die Gnad, schlumpt sie daher,
hockt in der Aschen hinterm Herd,
die wo einer zur richtigen Stund' sie angeht,
die hat's in sich! Die hat's in sich!
Ein solches Staunen! gar nicht Begreifenkönnen!
und Angst! und auf die letzt so eine rasende Seligkeit,
daß sich der Herr, der gnädige Herr!
herabgelassen gar zu ihrer Niedrigkeit.

Marschallin
Er weiß mehr als das A B C.

Baron
Da gibt es, die wollen beschlichen sein,
sanft wie der Wind das frisch gemähte Heu beschleicht.
Und welche – da gilts,
wie ein Luchs hinterm Rücken heran
und den Melkstuhl gepackt,
daß sie taumelt und hinschlägt!
Muß halt ein Heu in der Nähe dabei sein.

Marschallin
Nein! Er agiert mir gar zu gut!
Laß Er mir doch das Kind!

Baron nimmt wieder würdevolle Haltung an
Geben mir Euer Gnaden den Grasaff da
zu meiner künftgen Frau Gemahlin Bedienung.

Marschallin
Wie, meine Kleine da? Was sollte die?
Die Fräulein Braut wird schon versehen sein
und nicht anstehn auf Euer Liebden Auswahl.

Baron
Das ist ein feines Ding! Kreuzsakerlott!
Da ist ein Tropf gutes Blut dabei!

Marschallin
Euer Liebden haben ein scharfes Auge!

Baron
Geziemt sich.
Vertraulich
Find' in der Ordnung, daß Personen von Stand in solcher Weise von adeligem Blut bedienet werden,
fahre selbst ein Kind meiner Laune mit mir.

Marschallin
Wie? Gar ein Mädel? Das will ich nicht hoffen!

Baron
Nein, einen Sohn: trägt Lerchenauisches Gepräge im Gesicht.
Halt ihn als Leiblakai.
Wenn Euer Gnaden dann werden befehlen,
daß ich die silberne Rosen darf Dero Händen übergeben,
wird er es sein, der sie heraufbringt.

Marschallin
Soll mich recht freuen. Aber wart' Er einmal. Mariandel!

Baron
Geben mir Euer Gnaden das Zofel! Ich laß nicht locker.

Marschallin
Ei! Geh Sie und bring Sie doch das Medaillon her.

Octavian leise
Theres! Theres, gib acht!

Marschallin ebenso
Bring's nur schnell! Ich weiß schon, was ich tu'.

Baron Octavian nachsehend
Könnt' eine junge Fürstin sein.
Hab' vor, meiner Braut eine getreue Kopie
meines Stammbaumes zu spendieren
nebst einer Locke vom Ahnherrn Lerchenau, der ein großer Klosterstifter war
und Obersterblandhofmeister in Kärnten
und in der windischen Mark.

Octavian bringt das Medaillon.

Marschallin
Wollen Euer Gnaden leicht den jungen Herrn da
als Bräutigamsaufführer haben?

Baron
Bin ungeschauter einverstanden.

Marschallin
Mein junger Vetter, der Graf Octavian.

Baron
Octavian –

Marschallin
Rofrano, des Herrn Marchese zweiter Bruder.

Baron
Wüßte keinen vornehmeren zu wünschen!
Wär' in Devotion dem jungen Herrn sehr verbunden!

Marschallin
Seh' Er ihn an!
Hält ihm das Medaillon hin.

Baron sieht bald auf das Medaillon, bald auf die Zofe
Die Ähnlichkeit!

Marschallin
Ja, ja.

Baron
Aus dem Gesicht geschnitten!

Marschallin
Hab mir auch schon Gedanken gemacht.

Baron
Rofrano! Da ist man wer, wenn man aus solchem Haus!
und wär's auch bei der Domestikentür.

Marschallin
Darum halt' ich sie auch wie was Besonderes.

Baron
Geziemt sich.

Marschallin
Immer um meine Person.

Baron
Sehr wohl.

Marschallin
Jetzt aber geh' Sie, Mariandel, mach' Sie fort.

Baron
Wie denn? Sie kommt doch wieder?

Marschallin überhört ihn absichtlich
Und laß Sie die Antichambre herein.

Octavian geht gegen die Flügeltür rechts.

Baron ihm nach
Mein schönstes Kind!

Octavian an der Türe rechts
Derfts eina gehn!
Läuft nach der anderen Türe.

Baron ihm nach
Ich bin Ihr Serviteur! Geb' Sie doch einen Augenblick Audienz.

Octavian schlägt ihm die kleine Tür vor der Nase zu
I komm glei.

Im gleichen Augenblick tritt eine alte Kammerfrau durch die gleiche Türe ein. Baron dreht sich enttäuscht zurück. Zwei Lakaien kommen von rechts herein, bringen einen Wandschirm aus dem Alkoven Die Marschallin tritt hinter den Wandschirm, die alte Kammerfrau mit ihr. Der Frisiertisch wird vorgeschoben in die Mitte. Lakaien öffnen die Flügeltüren rechts. Es treten ein: der Notar, der Küchenchef, hinter diesen ein Küchenjunge, der das Menübuch trägt. Dann die Marchande de modes, ein Gelehrter mit einem Folianten und der Tierhändler mit winzig kleinen Hunden und einem Äffchen. Valzacchi und Annina, hinter diesen rasch gleitend, nehmen den vordersten Platz links ein. Die adelige Mutter mit ihren drei Töchtern, alle in Trauer, stellen sich an den rechten Flügel. Der Haushofmeister führt den Tenor und den Flötisten nach vorne. Baron, rückwärts, winkt einen Lakaien zu sich, gibt ihm einen Auftrag, zeigt: »Hier durch die Hintertür«.

Die drei adeligen Töchter indem sie niederknien
Drei arme adelige Waisen
erflehen Dero hohen Schutz!

Marchande de modes
Le chapeau Paméla! La poudre à la reine de Golconde!

Der Tierhändler
Schöne Affen, wenn Durchlaucht schaffen,
auch Vögel hab' ich da, aus Afrika.

Die drei Waisen
Der Vater ist jung auf dem Felde der Ehre gefallen,
ihm dieses nachzutun, ist unser Herzensziel.

Marchande de modes
Le chapeau Paméla! C'est la merveille du monde!

Tierhändler
Papageien hätt' ich da
aus Indien und Afrika.
Hunderln so klein
und schon zimmerrein.

Marschallin tritt hervor, alles verneigt sich tief. Baron ist links vorgekommen.

Marschallin
Ich präsentier' Euer Liebden hier den Notar.

Notar tritt mit Verneigung gegen den Frisiertisch, wo sich die Marschallin niedergelassen, zum Baron links. Marschallin winkt die Jüngste der drei Waisen zu sich, läßt sich vom Haushofmeister einen Geldbeutel reichen, gibt ihn dem Mädchen, indem sie es auf die Stirne küßt. Gelehrter will vortreten, seinen Folianten überreichcn. Valzacchi springt vor, drängt ihn zur Seite.

Valzacchi ein schwarzgerändertes Zeitungsblatt hervorziehend
Die swarze Seitung! Fürstlike Gnade!
alles 'ier geeim gesrieben!
nur für 'ohe Persönlikeite!
eine Leikname in 'Interkammer
von eine gräflike Palais!
ein Bürgersfrau mit der amante
vergiften der Hehemann!
diese Nackt um dreie Huhr!

Marschallin
Laß Er mich mit dem Tratsch in Ruh!

Valzacchi
In Gnaden!
tutte quante Vertraulikeite
aus die große Welt!

Marschallin
Ich will nix wissen!

Valzacchi mit bedauernder Verbeugung springt zurück.
Die drei Waisen, zuletzt auch die Mutter, haben der Marschallin die Hand geküßt.

Die drei Waisen zum Abgehen rangiert
Glück und Segen allerwegen Euer Gnaden hohem Sinn!
Eingegraben steht erhaben er in unsern Herzen drin!

Gehen ab samt der Mutter.

Der Friseur tritt hastig auf, der Gehilfe stürzt ihm mit fliegenden Rockschößen nach. Der Friseur faßt die Marschallin ins Auge; verdüstert sich, tritt zurück; er studiert ihr heutiges Aussehen. Der Gehilfe indessen packt aus, am Frisiertisch. Der Friseur schiebt einige Personen zurück, sich Spielraum zu schaffen. Nach einer kurzen Überlegung ist sein Plan gefaßt, er eilt mit Entschlossenheit auf die Marschallin zu, beginnt zu frisieren. Ein Lauffer in Rosa, Schwarz und Silber traf auf, überbringt ein Billet. Haushofmeister mit Silbertablett ist schnell zur Hand, präsentiert es der Marschallin. Friseur hält inne, sie lesen zu lassen. Gehilfe reicht ihm ein neues Eisen. Friseur schwenkt es: es ist zu heiß. Gehilfe reicht ihm, nach fragendem Blick auf die Marschallin, die nickt, das Billet, das er lächelnd verwendet, um das Eisen zu kühlen. Gleichzeitig hat sich der Sänger in Position gestellt, hält das Notenblatt. Flötist sieht ihm, begleitend, über die Schultern.

Drei Lakaien haben rechts ganz vorne Stellung genommen, andere stehen im Hintergrund.

Der Sänger
Di rigori armato il seno
Contro amor mi ribellai
Ma fui vinto in un baleno
In mirar due vaghi rai.
Ahi! che resiste puoco
Cor di gelo a stral di fuoco.

Der Friseur übergibt dem Gehilfen das Eisen und applaudiert dem Sänger. Dann fährt er im Arrangement des Lockenbaues fort.

Ein Bedienter hat indessen bei der kleinen Tür den Kammerdiener des Barons, den Almosenier und den Jäger eingelassen.

Es sind drei bedenkliche Gestalten. Der Kammerdiener ist ein junger, großer Lümmel, der dumm und frech aussieht. Er trügt unter dem Arm ein Futteral aus rotem Saffian. Der Almosenier ist ein verwilderter Dorfkooperator, ein vier Schuh hoher, aber stark und verwegen aussehender Gnom. Der Leibjäger mag, bevor er in die schlecht sitzende Livree gesteckt wurde, Mist geführt haben. Der Almosenier und der Kammerdiener scheinen sich um den Vortritt zu streiten und steigen einander auf die Füße. Sie steuern längs der linken Seite auf ihren Herrn zu, in dessen Nähe sie Halt machen.

Baron sitzend zum Notar, der vor ihm steht, seine Weisungen entgegennimmt
Als Morgengabe – ganz separatim jedoch
und vor der Mitgift – bin ich verstanden, Herr Notar? –
kehrt Schloß und Herrschaft Gaunersdorf an mich zurück!
Von Lasten frei und ungemindert an Privilegien,
so wie mein Vater selig sie besessen hat.

Notar kurzatmig
Gestatten Hochfreiherrliche Gnaden die submisseste Belehrung,
daß eine Morgengabe wohl vom Gatten an die Gattin,
nicht aber von der Gattin an den Gatten
bestellet oder stipuliert zu werden fähig ist.

Baron
Das mag wohl sein.

Notar
Dem ist so –

Baron
Aber im besondren Fall –

Notar
Die Formen und die Präskriptionen kennen keinen Unterschied.

Baron schreit
Haben ihn aber zu kennen!

Notar erschrocken
In Gnaden!

Baron wieder leise, aber eindringlich und voll hohen Selbstgefühls
Wo eines hochadeligen Hauses blühender Sproß sich herabläßt,
im Ehebette einer so gut als bürgerlichen Mamsel Faninal
– bin ich verstanden? – acte de présence zu machen
vor Gott und der Welt und sozusagen
angesichts kaiserlicher Majestät –
da wird, corpo di Bacco! von Morgengabe
als geziemendem Geschenk dankbarer Devotion
für die Hingab' so hohen Blutes
sehr wohl die Rede sein.

Sänger macht Miene, wieder anzufangen, wartet noch, bis der Baron still wird.

Notar zum Baron leise
Vielleicht, daß man die Sache separatim –

Baron leise
Er ist ein schmählicher Pedant: als Morgengabe will ich das Gütel!

Notar ebenso
Als einen wohl verklausulierten Teil der Mitgift –

Baron halblaut
Als Morgengabe! geht das nicht in seinen Schädel!

Notar ebenso
Als eine Schenkung inter vivos oder –

Baron schreiend
Als Morgengabe!

Der Sänger während des Gesprächs der beiden
Ma sì caro è, 'l mio tormento
Dolce è sì la piaga mia
Ch' il penare è mio contento
E 'l sanarmi è tirannia
Ahi! che resiste puoco –

Hier erhebt der Baron seine Stimme so, daß der Sänger jäh abbricht, desgleichen die Flöte.

Notar zieht sich erschrocken in die Ecke zurück.

Marschallin winkt den Sänger zu sich, reicht ihm die Hand zum Kuß. Sänger nebst Flöte ziehen sich unter tiefen Verbeugungen zurück.

Baron tut, als ob nichts geschehen wäre, winkt dem Sänger leutselig zu, tritt dann zu seiner Dienerschaft; streicht dem Leiblakai die bäurisch in die Stirn gekämmten Haare hinaus; geht dann, als suchte er jemand, zur kleinen Tür, öffnet sie, spioniert hinaus, ärgert sich, daß die Zofe nicht zurückkommt, schnüffelt gegen's Bett, schüttelt den Kopf, kommt wieder vor.

Marschallin sieht sich in dem Handspiegel, halblaut
Mein lieber Hippolyte,
heut' haben Sie ein altes Weib aus mir gemacht!

Der Friseur, mit Bestürzung, wirft sich fieberhaft auf den Lockenbau der Marschallin und verändert ihn aufs neue Das Gesicht der Marschallin bleibt traurig.

Marschallin über die Schulter zum Haushofmeister
Abtreten die Leut!

Vier Lakaien, eine Kette bildend, schieben die aufwartenden Personen zur Tür hinaus, die sie dann verschließen.

Valzacchi, hinter ihm Annina, haben sich im Rücken aller rings um die Bühne zum Baron hinübergeschlichen und präsentieren sich ihm mit übertriebener Devotion.

Baron tritt zurück.

Valzacchi
Ihre Gnade sukt etwas. Ik seh'.
Ihre Gnade at ein Bedürfnis.
Ik kann dienen. Ik kann besorgen.

Baron
Wer ist Er, was weiß Er?

Valzacchi
Ihre Gnade Gesikt sprikt ohne Sunge.
Wie ein Hantike: come statua di Giove.

Baron
Das ist ein besserer Mensch.

Valzacchi
Erlaukte Gnade, attachieren uns an sein Gefolge!
Fällt auf die Knie, desgleichen Annina.

Baron
Euch?

Valzacchi
Onkel und Nickte.
Su sweien maken alles besser.
Per esempio: Ihre Gnade at eine junge Frau –

Baron
Woher weiß Er denn das, Er Teufel Er?

Valzacchi eifrig
Ihr, Gnad' ist in Eifersukt: dico per dire!
Eut oder morgen könnte sein. Affare nostro!
Jede Sritt die Dame sie tut,
jede Wagen die Dame sie steigt,
jede Brief die Dame bekommt –
wir sind da!
an die Ecke, in die Kamin, unter die Bette –
wir sind da!

Annina
Ihre Gnaden wird nicht bedauern!

Halten ihm die Hände hin, Geld erheischend, er tut, als bemerke er es nicht.

Baron halblaut
Hm! Was es alles gibt in diesem Wien!
Zur Probe nur. Kennt Sie die Jungfer Mariandel?

Annina ebenso
Mariandel?

Baron ebenso
Das Zofel hier im Haus bei ihrer Gnaden.

Valzacchi leise zu Annina
Sai tu, cosa vuole?

Annina ebenso
Niente!

Valzacchi zum Baron
Sicker! Sicker! Mein Nickte wird besorgen!
Seien sicker, Ihre Gnade.
Hält abermals die Hand hin, Baron tut, als sähe er es nicht.

Marschallin ist aufgestanden. Friseur nach tiefer Verneigung eilt ab, Gehilfe hinter ihm.

Baron die beiden Italiener stehen lassend, auf die Marschallin zu
Darf ich das Gegenstück zu Dero sauberen Kammerzofel präsentieren?
Die Ähnlichkeit soll, hör' ich, unverkennbar sein.

Marschallin nickt.

Baron
Leupold, das Futteral.

Der junge Kammerlakai präsentiert linkisch das Futteral.

Marschallin ein bißchen lachend
Ich gratuliere Euer Liebden sehr.

Baron nimmt dem Burschen das Futteral aus der Hand und winkt ihm zurückzutreten
Und da ist nun die silberne Rose!
Will's aufmachen.

Marschallin
Lassen nur drinnen.
Haben die Gnad' und stellen's dorthin.

Baron
Vielleicht das Zofel soll's übernehmen?
Ruft man ihr?

Marschallin
Nein, lassen nur. Die hat jetzt keine Zeit.
Doch sei Er sicher: den Grafen Octavian bitt' ich Ihm auf
und er wird's mir zulieb schon tun
und als Euer Liebden Kavalier
vorfahren mit der Rosen bei der Jungfer Braut.
Stellen indes nur hin.
Und jetzt, Herr Vetter, sag' ich Ihm Adieu.
Man retiriert sich jetzt von hier:
Ich werd' jetzt in die Kirchen gehn.

Lakaien öffnen die Flügeltür.

Baron
Euer Gnaden haben heut'
durch unversiegte Huld mich tiefst beschämt.

Macht die Reverenz; entfernt sich unter Zeremoniell. Der Notar hinter ihm, auf seinen Wink. Seine drei Leute hinter diesem, in mangelhafter Haltung Die beiden Italiener, lautlos und geschmeidig schließen sich unbemerkt an. Lakaien schließen die Tür.

Haushofmeister tritt ab.

Marschallin allein
Da geht er hin, der aufgeblasene, schlechte Kerl,
und kriegt das hübsche, junge Ding und einen Binkel Geld dazu,
als müßt's so sein.
Und bildet sich noch ein, daß er's ist, der sich was vergibt.
Was erzürn' ich mich denn? ist doch der Lauf der Welt.
Kann noch auch an ein Mädel erinnern,
die frisch aus dem Kloster ist in den heiligen Ehestand kommandiert word'n.
Nimmt den Handspiegel
Wo ist die jetzt? Ja, such dir den Schnee vom vergangenen Jahr.
Das sag' ich so:
Aber wie kann das wirklich sein,
daß ich die kleine Resi war
und daß ich auch einmal die alte Frau sein werd! . .
Die alte Frau, die alte Marschallin!
»Siegst es, da geht's, die alte Fürstin Resi!«
Wie kann denn das geschehen?
Wie macht denn das der liebe Gott?
Wo ich doch immer die gleiche bin.
Und wenn er's schon so machen muß,
warum lasst er mich denn zuschau'n dabei,
mit gar so klarem Sinn? Warum versteckt er's nicht vor mir?
Das alles ist geheim, so viel geheim.
Und man ist dazu da, daß man's ertragt.
Und, in dem »Wie« da liegt der ganze Unterschied –

Octavian tritt von rechts ein, in einem Morgenanzug mit Reitstiefeln.

Marschallin mit halbem Lächeln
Ach, du bist wieder da!

Octavian
Und du bist traurig!

Marschallin
Es ist ja schon vorbei. Du weißt ja, wie ich bin.
Ein halbes Mal lustig, ein halbes Mal traurig.
Ich kann halt meine Gedanken nicht kommandieren.

Octavian
Ich weiß, warum du traurig bist, du Schatz.
Weil du erschrocken bist und Angst gehabt hast.
Hab' ich nicht recht? Gesteh' mir nur:
Du hast Angst gehabt,
du Süße, du Liebe.
Um mich, um mich!

Marschallin
Ein bißl vielleicht.
Aber ich hab' mich erfangen und hab' nur vorgesagt: Es wird schon nicht dafür stehn.
Und wär's dafür gestanden?

Octavian
Und es war kein Feldmarschall.
Nur ein spaßiger Herr Vetter und du gehörst mir.
Du gehörst mir!

Marschallin
Taverl, umarm' Er nicht zu viel:
Wer allzuviel umarmt, der hält nichts fest.

Octavian
Sag', daß du mir gehörst! Sag', daß du mir gehörst!

Marschallin
Oh, sei Er jetzt sanft, sei Er gescheit und sanft und gut.
Nein, bitt' schön, sei Er nicht wie alle Männer sind.

Octavian
Wie alle Männer?

Marschallin
Wie der Feldmarschall und der Vetter Ochs.
Sei Er nur nicht, wie alle Männer sind.

Octavian zornig
Ich weiß nicht, wie alle Männer sind.
Sanft
Weiß nur, daß ich dich lieb hab',
Bichette, sie haben mir dich ausgetauscht.
Bichette, wo ist Sie denn?

Marschallin ruhig
Sie ist wohl da, Herr Schatz.

Octavian
Ja, ist Sie da? Dann will ich Sie halten
und Sie pressen, daß Sie mir nicht wieder entkommt!

Marschallin sich ihm entwindend
Oh sei Er gut, Quin-quin. Mir ist zu Mut,
daß ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muß,
bis in mein Herz hinein:
wie man nichts halten soll,
wie man nichts packen kann,
wie alles zerlauft zwischen den Fingern,
alles sich auflöst, wonach wir greifen,
alles zergeht, wie Dunst und Traum.

Octavian
Wo Sie mich da hat,
wo ich meine Finger in Ihre Finger schlinge,
wo ich mit meinen Augen Ihre Augen suche,
gerade da ist Ihr so zu Mut?

Marschallin sehr ernst
Quin-quin, heut oder morgen geht Er hin
und gibt mich auf um einer andern willen,
Octavian will ihr den Mund zuhalten
die schöner oder jünger ist als ich.

Octavian
Willst du mit Worten mich von dir stoßen,
weil dir die Hände den Dienst nicht tun?

Marschallin
Der Tag kommt ganz von selber. Wer bist denn du?
Ein junger Herr, ein jüngerer Sohn.
Dein Bruder der Chef von deinem Haus.
Wie wird er nicht eine Braut für dich suchen?
Als ob nicht alles auf der Welt
sein' Zeit und sein Gesetzl hätt'.
Heut' oder morgen kommt der Tag, Octavian.

Octavian
Nicht heut', nicht morgen: ich hab' dich lieb.
Nicht heut', nicht morgen!

Marschallin
Heut' oder morgen oder den übernächsten Tag.
Nicht quälen will ich dich, mein Schatz.
Ich sag', was wahr ist, sag's zu mir so gut wie zu dir.
Leicht will ich's machen dir und mir.
Leicht muß man sein:
mit leichtem Herz und leichten Händen,
halten und nehmen, halten und lassen ...
Die nicht so sind, die straft das Leben und Gott erbarmt sich ihrer nicht.

Octavian
Mein Gott, wie Sie das sagt, Sie will mir doch nur zeigen,
daß Sie nicht an mir hängt.
Er weint.

Marschallin
Sei Er doch gut, Quin-quin.
Er weint stärker.
Sei Er doch gut.
Jetzt muß ich noch den Buben dafür trösten,
daß er mich über kurz oder lang wird sitzen lassen.
Sie streichelt ihn.

Octavian
Über kurz oder lang!
Wer legt Ihr heut' die Wörter in den Mund, Bichette?
Er hält sich die Ohren zu.

Marschallin
Über kurz oder lang!
Daß Ihn das Wort so kränkt.
Die Zeit im Grund, Quin-quin, die Zeit,
die ändert doch nichts an den Sachen.
Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie:
sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.
In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie,
in meinen Schläfen fließt sie.
Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder.
Lautlos, wie eine Sanduhr.
Oh Quin-quin!
Manchmal hör' ich sie fließen unaufhaltsam.
Manchmal steh' ich auf, mitten in der Nacht
und lass' die Uhren alle stehen.

Octavian
Mein schöner Schatz, will Sie sich traurig machen mit Gewalt?

Marschallin
Allein man muß sich auch vor ihr nicht fürchten.
Auch sie ist ein Geschöpf des Vaters,
der uns alle geschaffen hat.

Octavian
Sie spricht ja heute wie ein Pater.
Eine befangene Stille.
Soll das heißen, daß ich Sie nie mehr
werd' küssen dürfen,
bis Ihr der Atem ausgeht?

Marschallin sanft
Quin-quin, Er soll jetzt geh'n, Er soll mich lassen.
Ich werd' jetzt in die Kirch'n geh'n
und später fahr' ich zum Onkel Greifenklau,
der alt und gelähmt ist,
und ess' mit ihm; das freut den alten Mann.
Und Nachmittag werd' ich Ihm einen Lauffer schicken,
Quin-quin, und sagen lassen,
ob ich in Prater fahr'.
Und wenn ich fahr'
und Er hat Lust,
so wird Er auch in Prater kommen
und neben meinem Wagen reiten.
Sei Er jetzt gut und folg' Er mir.

Octavian
Wie Sie befiehlt, Bichette.

Er geht. Eine Pause.

Marschallin allein
Ich hab' ihn nicht einmal geküßt.

Sie klingelt heftig. Lakaien kommen herein von rechts.

Marschallin
Lauft's dem Herrn Grafen nach
und bittet's ihn noch auf ein Wort herauf
Eine Pause.
Ich hab' ihn fortgeh'n lassen und ihn nicht einmal geküßt!

Die Lakaien kommen zurück außer Atem.

Erster Lakai
Der Herr Graf sind auf und davon.

Zweiter Lakai
Gleich beim Tor sind aufgesessen.

Dritter Lakai
Reitknecht hat gewartet.

Vierter Lakai
Gleich beim Tor sind aufgesessen wie der Wind.

Erster Lakai
Waren um die Ecken wie der Wind.

Zweiter Lakai
Sind wir nachgelaufen.

Dritter Lakai
Wie haben wir geschrien.

Vierter Lakai
War umsonst.

Erster Lakai
Waren um die Ecken wie der Wind.

Marschallin
Es ist gut, geht's nur wieder.

Die Lakaien ziehen sich zurück.

Marschallin ruft nach
Den Mohammed!

Der kleine Neger herein, klingelnd, verneigt sich.

Marschallin
Das da trag' –

Neger nimmt eifrig das Saffianfutteral

Marschallin
Weißt ja nicht wohin. Zum Grafen Octavian.
Gib's ab und sag':
Da drinn ist die silberne Ros'n.
Der Herr Graf weiß ohnehin.

Der Neger läuft ab.

Marschallin stützt den Kopf auf die Hand.

 
Vorhang

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