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Der rosa Saphir

Hans Ludwig Rosegger: Der rosa Saphir - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorHans Ludwig Rosegger
booktitleHart auf den Fersen
titleDer rosa Saphir
publisherSchuster & Loeffler
printrun1. bis 5. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectid9f3d77cb
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Doktor Peter Florian vertiefte sich eben ins »Handbuch für Untersuchungsrichter« von Professor Hans Groß, als sein alter Schulkamerad und Freund Friedrich Neck, Privatdozent für Ethnologie und Ethnographie – auf deutsch: für Völkerkunde – an der Universität Heidelberg mit allen Merkmalen einer ungewöhnlichen Erregung ins Zimmer stürzte und dabei ganz vergaß, seinen Hut abzunehmen, um statt dessen alsogleich sein Anliegen hervorzusprudeln: »Du mußt mir helfen, lieber Peter, mir ist ganz Schreckliches passiert!«

Florian hob seinen Kopf mit dem seltsamen weißen Haar und dem jungen Gesicht von dem »Handbuch«, in das er noch einen letzten Blick warf, weil er sich von dem fesselnden Abschnitt, den er gerade las, kaum zu trennen vermochte, und fragte: »Hast du ein Duell?«

»Ich, und ein Duell!«

»Oder ist dir Frau Liesl durchgegangen?«

Diese Vermutung wehrte Neck doppelt empört ab: »Was dir nicht einfällt! Aber mein rosa Saphir wurde mir gestohlen!«

»Dein ›Rosa Saphir‹, dein neuer Roman?«

»Ach der! Der liegt bleischwer in den Buchhandlungen, und keine Katz' fragt danach. Der kann mir schon bald gestohlen werden, so große Hoffnungen ich auch auf ihn setzte. Nein – mein Stein, mein wundervoller Edelstein, den mir der Radschah von Trawankur zum Geschenk machte, der für mich einen so großen Wert hat, daß ich ihn auch nicht an Morgan, der eine Riesensumme dafür bot, verkaufte, und der mir die schönsten Erinnerungen an meine indische Reise zurückrief, wenn ich ihn betrachtete. Und der ist nun fort, verschwunden, gestohlen!«

»Willst du dich nicht deiner Kopfbedeckung entledigen?«

»Ich ließ sie im Vorzimmer«, sagte der Dozent und nahm den breitkrempigen Schlapphut ab. »Der Saphir gestohlen ... man sollte es nicht glauben – nein, es ist unglaublich!«

»Warum unglaublich? Ich glaube es gern. Wertsachen in jeder Preislage, allerorts und zu jeder Tages- und Nachtzeit, werden von geübten Dieben gestohlen, und ich weiß nicht, warum dein Stein eine Ausnahme machen soll, wenn du ihn, wie es deine Art ist, herumliegen ließest. Hast du schon alles abgesucht?«

Neck antwortete zuerst nur mit einer Gebärde, die seine Trostlosigkeit verdeutlichte: »Spotte nicht, mein Lieber, diesmal handelt es sich leider nicht um Vergeßlichkeit, sondern es ist ...« Er sprang auf und lief vom Fenster zum Ofen und vom Ofen zum Fenster. »Es ist zum Haarausraufen! Vor einer Woche bat mich noch meine Frau, ich sollte ihr den Stein schenken oder wenigstens leihen, sie wolle sich daraus eine Busennadel anfertigen lassen, ich schlug die Bitte ab und bedaure es heute schmerzlich. Der Edelstein befände sich jetzt bei einem Goldarbeiter, und ich brauchte nicht über seinen Verlust die Hände zu ringen! O, was für ein habsüchtiger Quadratesel war ich – und wenn ich das Kleinod nicht mehr kriege, wenn ich es wirklich nicht mehr kriege ...«

»So lernst du daraus, daß Frauen zuweilen klüger als Männer sind. Übrigens, wer bürgt dir dafür, daß der Saphir nicht auch beim Goldarbeiter hätte gestohlen werden können?«

»Hör auf! Du quälst mich.«

Florian meint ernsthaft: »Ich tröste dich ja. – Aber du jammerst mir vor, statt zu sagen, was du von mir wünschest, denn daß du etwas von mir willst, steht fest, sonst wärst du nicht hergekommen.«

»Komme ich denn nur, wenn ich etwas will?« fragte gekränkt der Dozent. »Wertest du meine Freundschaft so niedrig – dann werde ich besser gehen ...« Aber er traf keine Anstalten dazu, sondern sank wieder in den Sessel, wobei er sich auf seinen Hut setzte.

»Du leugnest doch nicht, etwas von mir zu benötigen?«

»Nein, ganz und gar nicht. Du sollst mir nämlich behilflich sein, den Saphir wieder zu erhalten. Du beschäftigst dich ja mit dem Auffinden gestohlener Gegenstände, und wenn ich bisher deine Studien nach dieser Richtung auch nicht sehr schätzte, so hast du jetzt Gelegenheit, meine Achtung für deine sonderbare Arbeit zu erringen.«

Florian schmunzelte: »Danke sehr! Ich werde die Gelegenheit beim Schopf packen, aber was du das ›Auffinden gestohlener Gegenstände‹ zu nennen beliebst, heißen wir vom Fach ›Kriminalistik‹, und die erstrebt viel mehr. Sie schmiedet die geistigen Waffen zum Aufdecken von Verbrechen und Entdecken von Verbrechern. – Warst du übrigens schon bei der gewerbsmäßigen Polizei, die zuweilen auch nicht ganz ungeschickt sein soll, wie manche behaupten?«

»O die ... Ein Uniformierter war bereits bei uns, durchstöberte die Wohnung, kehrte das Unterste zu oberst, fragte das dümmste Zeug und schrie die Köchin und das Stubenmädchen, die er verdächtigte, wüst an, daß die beiden braven Mädchen auf einmal kündigten. Das fehlte noch, um unser Unglück voll zu machen!«

»Ich werde dir herzlich gern mit Rat und auch in der Tat beistehen, mein lieber Fritz ...«

»Ja, passierte mir das in Indien, ich ginge zum nächstbesten Radschah, und der verschaffte mir den Saphir durch seine Palastwache!«

»Glaubst du? Übrigens bist du nicht in Indien, denn der Stein ging dir in Heidelberg verloren, so daß deine Anrufung eines braunen Radschahs keinen praktischen Nutzen bringen kann. – Nein, so kommen wir nicht von der Stelle. Du mußt schon so liebenswürdig sein und mit meinen schwachen Kräften vorlieb nehmen und deine recht allgemeinen Klagen durch eine möglichst eingehende Schilderung des Falles, soweit er dir bekannt ist, ersetzen. Also bitte!«

Der Ethnologe atmete dreimal tief und hörbar, und während Doktor Florian ihn kritisch durch seine scharfgeschliffenen Brillen betrachtete, erzählte er: »Du weißt, daß ich mich neben meinem eigentlichen Beruf seit Jahren mit schöngeistiger Schriftstellerei befasse, ohne freilich rechten Anklang zu finden, daß Liesl in mir einen großen Dichter erblickt und dies auch durch Kritik und Publikum anerkannt haben will; du weißt ferner, daß ich erst kürzlich wieder einen Roman, den ›Rosa Saphir‹ in Buchform veröffentlichte, in dem ich – wie ich überzeugt bin und meine Frau versichert – sehr spannend die zweihundert Jahre zurückreichende Geschichte des Edelsteins, den mir der Radschah von Trawankur, der an mir, wie man sagt, einen Narren gefressen hatte, zum Abschied verehrte, in wahrhaft künstlerischer Form schilderte.«

»Bitte kürzere Perioden, sonst kann ich nicht folgen, deine Begabung für weitreichende Satzbauten spare dir für deine wissenschaftlichen und schöngeistigen Werke.«

»Unterbrich mich nicht! – Der Roman erschien, und niemand kümmert sich darum, und mein Verleger schreibt enttäuschte Briefe. Da hatte meine Frau einen ausgezeichneten Einfall. Wir sollten bei uns eine große Gesellschaft geben und dazu Geheimräte, Professoren aller vier Fakultäten und einige bessere Journalisten aus Frankfurt, die ich flüchtig kenne, einladen ...«

»Die flüchtigen Journalisten werden aber über die unerwartete Einladung erstaunt gewesen sein – und sich ihr Teil gedacht haben!«

»Schweig! – Liesl wollte dann das Gespräch wie zufällig auf meinen neuen Roman lenken, ich sollte das Thema aufgreifen, wenn's kein anderer tat, und erwähnen, der interessante Stein, um den es sich drehe, befinde sich in meinem Besitz, woraus man ihn nun sehen werde wollen ...«

»Den Roman?«

»Nein, den Stein. – Ich müßte ihn zeigen, die Gesellschaft würde ihn bewundern, man würde natürlich am nächsten Tag mein Buch kaufen, die Journalisten würden lange Feuilletons darüber schreiben, und der Erfolg des Werkes war gesichert.«

»Und statt dessen hat dir ein Geheimrat, ein Professor der vier Fakultäten oder ein besserer Frankfurter Journalist das Kleinod gestohlen, nicht?«

»Aber Peter! Bei dem Souper ging alles wie gewünscht vor sich, und hätte ich nicht ein Glas Rotwein über unser feinstes Tischtuch für zwölf Personen geschüttet, könnte man nicht klagen. Meine Kollegen betrachteten den Stein und beabsichtigten dadurch angeregt, selbstverständlich den Roman, der die Lebensgeschichte des Saphirs enthält, zu erwerben, und die Journalisten machten sich Notizen in ihre Taschenbücher. Aber weißt du, die Geschichte ist auch wirklich interessant. Das Juwel wurde ursprünglich einer indischen Königstochter als Tribut überbracht und ...«

»Verzeih, das gehört nicht hierher, überdies las ich vorgestern den Roman, und habe ihn genau in der Erinnerung. Er ist tatsächlich gut gelungen und verdient einen regen Absatz.«

»Nicht wahr, das sagst du auch? Es freut mich.« Necks Augen leuchteten.

»Bitte um Fortsetzung deines Berichtes über die Geschehnisse des gestrigen Abends.«

»Gern. So um Mitternacht entfernten sich die Gäste, und ich war mit dem vorläufigen Erfolg sehr zufrieden, ebenso Liesl, die mich zur glänzenden Reklame, die wir unauffällig gemacht hatten, beglückwünschte und fast gar nicht über das verdorbene Tischtuch greinte. Aber Rotweinflecke gehen in der Wäsche doch leicht heraus, nicht wahr? Meine Frau behauptet allerdings das Gegenteil und spricht von einer chemischen Putzerei, die ich bezahlen müßte.«

»Da wird sie schon recht haben. Mach dich auf eine ausgiebige Rechnung gefaßt!«

»Einerlei! Was liegt mir an dem Tischtuch. Baumwolle!«

»Leinen.«

»Ich war sehr ermüdet, wir suchten gemeinsam unser Schlafzimmer auf, und Liesl verwahrte den Saphir, den ich gewöhnlich in der eisernen Kasse eingeschlossen halte, über Nacht in ihrer Schmuckschatulle. Ich war schon zu schläfrig, um die Kasse noch aufzuschließen, und außerdem hatte ich den Schlüssel dazu verlegt.«

»Natürlich, dazu sind ja die Schlüssel eiserner Kassen eigens bestimmt.«

»Ich fand ihn übrigens heute morgens sofort wieder. Er stak in einem Werk über die älteste Kultur der Azteken als Lesezeichen – nebenbei bemerkt ein hervorragend lesenswertes Buch mit neuen Gesichtspunkten, das ich dir warm empfehle.«

»Dahinein gehört ohne Zweifel ein Kassenschlüssel.«

»Unterbrich mich nicht immer! – Meine Frau also legte in meiner Gegenwart den Edelstein in ihre Schmuckschatulle, ich stand selbst dabei, als sie den Kasten, wohin sie die Schatulle tat, abschloß, den Schlüssel abzog und in die erste Schreibtischlade legte. Ferner sperrte sie unser gemeinsames Schlafzimmer, wie sie es jeden Abend zu tun pflegt, zu, drehte den Schlüssel quer, damit er nicht von außen herausgestoßen werden könnte – sie ist nämlich ein wenig furchtsam vor Einbrechern –, und hierauf begaben wir uns zur Ruhe.«

»Sehr vernünftig, und ich bin wahrhaftig gespannt, wie die Schlüsselgeschichte enden wird.«

»Einmal in den Federn, schlief ich rasch ein und erwachte erst morgens, da meine Frau schon im Zimmer herumwirtschaftete, immer noch – wie ich hervorheben muß – bei versperrter Zimmertür, bis sie vor dem Schrank in ihrer Schmuckschatulle kramend plötzlich einen schrillen Schrei ausstieß: ›Fritz, der rosa Saphir ist fort!‹ Hast du Worte, Peter?«

»Derweilen noch nicht. Erzähl weiter.«

»Mit beiden Beinen zugleich sprang ich aus dem Bett, war mit einem einzigen Satz – du erinnerst dich von der Prima her, daß ich damals ein berühmter Turner war und das verlernt sich nicht so schnell ... war also mit einem Satz bei Liesl und konnte leider ebenfalls nichts anderes tun, als festzustellen, daß der Stein fehlte ...« Tiefbekümmert knickte der Dozent in sich zusammen.

»Bist du sicher, lieber Friedrich, daß Ihr den Saphir wirklich in der Schatulle unterbrachtet?«

»Ganz sicher.«

»Und Ihr habt heute morgen alles genauestens untersucht?«

»Zehnmal – zwanzigmal – hundertmal!«

»Und nichts?«

»Nichts.«

»Wie groß ist der Saphir?«

»Kleinhaselnußgroß.«

»Er wird irgendwo untergeschlüpft sein.«

»Ja, wo denn?«

»Wüßte ich das, dann wäre ich ein Prophet und ließe mich mit meiner in der Gegenwart seltenen Begabung auf Jahrmärkten gegen Honorar bestaunen.«

»Du nimmst auch gar nichts ernst!«

»O ja, mein lieber Freund, denn du hast mein Interesse oder meine Neugierde, was vielleicht dasselbe ist, durch deinen Bericht lebhaft erregt.«

»Und sagst dazu?« Neck spießte Florian förmlich mit seinen Blicken.

»Sonderbar.«

»Dasselbe Urteil fällte der Uniformierte von der Polizei.«

»Wodurch er sich als umsichtiger Mann erwies, denn die Sache ist tatsächlich sehr sonderbar.«

»Du mußt dir doch schon eine Meinung gebildet haben, lieber Peter, da der Fall ja in dein Fach schlägt, in dem du Jahr und Tag arbeitest.«

Florian verzog den Mund: »Ich kalkuliere, daß nachts einer deiner Geheimräte, deiner Professoren oder besseren Journalisten – sonderlich den Journalisten ist nicht zu trauen – durchs Fenster einstieg und dich beraubte. Welchen der Herren hältst du am ehesten einer solchen Handlung für fähig?«

»Erstens gar keinen, zweitens schlafen wir nicht bei offenem Fenster, und drittens wohnen wir bekanntlich. im zweiten Stock.«

»Waren morgens die Fensterscheiben unversehrt?«

» Alle

»Nun wollen wir aber die Späße beiseite lassen, Fritz, und ernsthaft überlegen und beraten. Die Geschichte ist doch zu dumm und verdient aufgeklärt zu werden, einerseits wegen des kostbaren Steines, anderseits wegen des Problems, das darin steckt und mich sehr interessiert. – Erlaube mir, knapp zu wiederholen, was mir in deinem Bericht wesentlich scheint, und du sagst mir nachher, ob alles stimmt. – Demnach: Rosa Saphir in deinem Beisein von deiner Frau in ihre Schmuckschatulle gelegt, die Schatulle in den Schrank gestellt, den Schrank versperrt und Schrankschlüssel in Schreibtischlade getan. Zimmer abgeschlossen und Schlüssel quergedreht. Morgens Stein verschwunden, übrige Situation unverändert. Ist es so?«

»Genau so.«

»Also stak auch der Schlüssel eurer Schlafzimmertür heute früh noch immer zugedreht und quer im Schloß? Denk bitte nach, von der Antwort hängt viel ab.«

»Ja, das sah ich selbst.«

»Und du weißt ganz bestimmt, daß auch der Schrank mit der Schatulle abgesperrt war wie am Abend?«

»Meine Frau beschwört es, denn wie du dich erinnern wirst, sagte ich, daß Liesl vor mir aus dem Bett aufstand, um den Stein zu betrachten, den sie über alles liebt – und fand ihn nicht ...«

»Da schrie sie?«

»Da schrie sie.«

»Kein Wunder, ich hätte bei einer solchen Überraschung auch geschrien und bin nicht einmal ein empfindsames Frauenzimmer. – War der Saphir versichert gegen Einbruch und Diebstahl?«

»Nein; kann man denn das?«

»Ja, das kann man, Friedrich, und tut's auch als sorgsamer Hausvater.«

»Ich hab' es nicht getan.«

»Bedauerlich. – Und ihr hörtet in der Nacht nichts Auffälliges?«

»Ich habe einen berühmt tiefen Schlaf, daß man neben meinem Bett eine Kanone losschießen kann, ohne mich damit zu wecken, aber Liesl fährt sofort beim leisesten Geräusch auf. Doch auch sie nahm nichts wahr.«

»Die Frauen sind doch die feiner organisierte Hälfte der Menschheit.« Peter Florian hob seinen Überrock vom Kleiderrechen, ergriff Hut und Stock und mahnte ungeduldig: »Na!«

»Was hast du vor?«

»In deine Wohnung zu gehen, deine Frau noch! eingehend zu befragen, falls du eine Wichtigkeit vergessen haben solltest, und euer Schlafzimmer einer scharfen Untersuchung zu unterziehen. Für deine Begleitung wäre ich dir recht dankbar.«

»Solche Umstände sind notwendig?« fragte klagend der Dozent, »ich dachte, ein gelernter Kriminalist wie du müßte ohne weiteres darauf kommen, wo das verfluchte Ding steckt.«

»Du überschätzest mich«, erwiderte Florian bescheiden.

»Indische Fakire pflegen noch größere Rätsel im Handumdrehen durch Gedankenübertragung zu lösen.«

»Wie wäre es also, wenn du dir einen indischen Fakir verschriebest? Ich bin nämlich keiner.«

Nach einer kurzen Verzögerung, weil der Ethnologe seinen Schlapphut im Vorzimmer suchte und ihn statt dessen in den Sessel gequetscht fand, marschierten sie ab.

Der Weg von Florians »möbliertem Zimmer« unter dem Schloß zu Necks Wohnung am Wredeplatz war nicht weit. Da der Dozent den Wohnungsschlüssel verlegt hatte – vermutlich in den Bücherkasten oder anderswohin –, so mußte man klingeln, und gleich hinter einem verheulten Stubenmädchen, das die Kränkungen des Polizeikommissärs noch nicht überwunden hatte, erschien die Hausfrau selbst, jung, hübsch, niedlich und hurtig, in einem hellen Hauskleid, und erklärte ihre auffällige Gesichtsröte mit dem unablässigen Bücken auf der Suche nach dem Saphir, der aber hartnäckig blieb und sich nicht finden ließ. Auch maulte Frau Liesl ein wenig, übrigens nach einer warmen Begrüßung des Freundes ihres Mannes, weil er Herrn Doktor Florian herbemüht hatte: »Ich habe die feste Überzeugung, daß der Stein nicht für immer verloren ist und ebenso plötzlich auftauchen wird, wie er verschwand.«

»Wir wollen es hoffen«, pflichtete Peter Florian höflich bei. »Es wäre doch jammerschade um das indische Kleinod. Rosenrote Saphire findet man in der Regel nicht auf der Straße. – Doch schließe ich aus ihrer früheren Äußerung, verehrte gnädige Frau, daß Ihnen meine Abwesenheit bedeutend lieber wäre, als meine Anwesenheit, und sollte das zutreffen, so werde ich natürlich ...«

»Siehst du, siehst du, Liesl«, klagte der Dozent, der wieder eine Anwandlung von Verzweiflung hatte, »jetzt ist er beleidigt!«

»Keine Spur, Fritz, ich meinte bloß ...«

Auch Frau Neck widersprach bestimmt: »Ich sagte ja nichts anderes, als daß es mir leid täte, hättest du Herrn Florian des Saphirs wegen aus einer wichtigen Arbeit gerissen, zumal wir ja schon die Polizei auf den Räuber gehetzt haben. Wozu ist denn die Polizei da, als um Staatsbürgern gegen Verbrecher beizustehen?«

»Freilich, wozu ist die Polizei da!« wiederholte der Dozent mit einer seinem Wesen sonst fremden Ironie. »Der Uniformierte, der überall herumschnüffelte, machte mir ganz den Eindruck, als wisse er nicht ein und aus. Und wird es nie wissen. Er ging ebenso dumm weg, wie er kam.«

»Mir hat seine Art nicht übel gefallen«, erklärte Frau Neck, streckte jedoch sofort zum zweitenmal Florian ihre mollige Hand hin: »Mißverstehen Sie mich nicht, lieber Herr Doktor, Fritz und ich sind Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit, sich mit der dummen Geschichte zu befassen, ungeheuer dankbar. Es täte mir furchtbar leid, kriegten wir das Kleinod nicht wieder, von dem ich nur hoffe, mein Mann schenkt es mir, falls es gefunden wird.«

Peter Florian drückte ihre Hand und gelobte, alles zu tun, was in seinen Kräften liege. Er sei seinem Freunde sehr verbunden, daß er ihn beiziehe, denn nun könne er einmal praktisch erproben, ob seine schönen angelernten und ausgeklügelten Theorien auch in der Praxis etwas taugten. Er wünsche, das Vertrauen, das man ihm entgegenbringe, nicht zu enttäuschen. Zugleich bat er Frau Neck, ihm den Hergang des ganz sonderbaren Falles nochmals zu schildern. Unmöglich sei es ja nicht, daß ihr Gatte eine Wichtigkeit zu erwähnen versäumte.

Der Dozent knurrte etwas von »Mißtrauen«, das sein Freund gegen ihn habe.

Der widersprach: »Zwei Zeugen sind immer besser als ein einziger, Neck.« Er wandte sich an Frau Liesl: »Und Sie sind sicher, gnädige Frau, den Saphir noch besessen zu haben, als die Geheimräte, Professoren und Journalisten das Haus verließen?«

»Ganz, ganz sicher!« Dann berichtete sie eifrig und sprudelnd, was schon der Ethnologe berichtet hatte, nur mit einem erheblichen Mehraufwand von Worten, Gesten und Ausrufen.

Die Darlegungen befriedigten Florian vollkommen, und er bat, den »Tatort« in Augenschein nehmen zu dürfen. Das wurde gern gestattet, und das Ehepaar führte ihn ins Schlafzimmer, wo Frau Liesl im Vorübergehen das verschobene Deckchen des Blumentisches zurechtrückte. Ihr Mann hob zu neuerlichen Erläuterungen an: »Hier der Schrank ...«

»Bitte laß mich ungestört arbeiten!«

Das Schlafzimmer maß ungefähr sechs Meter im Geviert, hatte zwei Fenster gegen den Wredeplatz und eine Tür ins Speisezimmer nebenan. Die Einrichtung fiel in keiner Weise auf. Der Schrank, der das Schmuckkästchen mit dem Stein geborgen hatte, stand unschuldig an der Wand zwischen den Fenstern, und eine Untersuchung seines und des Schlosses der Zimmertür ergab ein tadelloses Einschnappen. Ein nächtliches heimliches Eindringen mit Hilfe eines Nachschlüssels war somit ausgeschlossen, und ein gewaltsames Öffnen der Tür hätte gewiß die Schläfer – wenigstens soweit diese weiblichen Geschlechtes waren – unbedingt wecken und überdies sichtbare Spuren am Holz zurücklassen müssen. Die Fenster hielten gleichfalls dicht und fest, ganz abgesehen davon, daß niemand wagen konnte, vom Wredeplatz her, mitten in der Stadt, eine Leiter zum zweiten Stock eines Hauses anzulehnen. Durch den Kamin und das enge Ofenloch vermochte bestenfalls ein neugeborenes Kind zu kriechen, und neugeborene Kinder, sagte sich Florian mit einiger Berechtigung, pflegen in der Regel keine Einbrüche auszuführen, um rosenrote Saphire zu stehlen.

»Rätselhaft«, murmelte er. »Darf ich nun auch das Innere des Schrankes und die Schmuckschatulle sehen?«

»Natürlich!« Die Hausfrau war eitel Zuvorkommenheit und verfolgte jede Bewegung Peter Florians aufmerksam.

Der griff zuerst nach der Schatulle, einem Kästchen aus Ebenholz mit eingelegten Halbedelsteinen. »Schöne venezianische Arbeit aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts.«

»Ein Erbstück in meiner Familie«, sagte Frau Neck stolz.

Florian öffnete vorsichtig das Behältnis, nahm daraus Stück für Stück in die Hand und reihte die Ringe, Armbänder, Busennadeln und Kettchen sorgsam auf der Tischdecke nebeneinander. »Und es fehlt daraus nur der Saphir, den Sie, verehrte gnädige Frau, und Fritz gestern abend gemeinsam hineintaten?«

»Nur der Saphir, alles andere ist da.«

»Bestimmt?«

»Ganz bestimmt! Ich weiß doch, was ich besitze, und bei den paar Stücken könnte mir ein Abgang unmöglich entgehen. Es müssen im ganzen fünfzehn sein.«

Florian zählte – es waren fünfzehn. Die Schatulle war innen weich gepolstert und mit himmelblauer, ein wenig verschossener und brüchiger Seide ausgeschlagen. »Hm«, sagte er und nichts als: »Hm ...«

Das Stubenmädchen brachte das »Heidelberger Tagblatt«, und Frau Liesl riß ihr die Zeitung förmlich aus der Hand: »Ob schon etwas über den Diebstahl drinnen steht ...« Unter den Lokalnachrichten entdeckte sie das Gesuchte und las laut: » Merkwürdiges und unerklärliches Verschwinden eines seltenen Juwels. Wie bekannt, veröffentlichte das geschätzte Mitglied unserer alma mater Herr Dozent Friedrich Neck kürzlich einen Roman unter dem Titel ›Der Rosa Saphir‹, der in den weitesten Kreisen berechtigtes Aufsehen erregte. Der Held des Buches, wenn man so sagen darf, ist ein seltsamer rosa Saphir – Saphire sind in der Regel blau – und befindet sich im Besitz des Gelehrten. Er gehört einerseits zu seinen wertvollsten Schätzen, anderseits zu seinen schönsten Erinnerungen, da er ihn auf seiner letzten indischen Studienreise (der die wissenschaftliche Welt nebenbei bemerkt Necks klassisches Werk ›Brahma‹ verdankt) von seinem Freunde, dem Radschah von Trawankur, zum Geschenk erhielt. Der Stein hat seine Vergangenheit wie so mancher Edelstein, an dem das Blut derer klebt, die es für seinen Besitz vergossen. Die wechselvolle Vergangenheitsgeschichte des Saphirs bildet den Kern obengenannten bei Schuster und Loeffler in Berlin verlegten Romans – und eben dieser unersetzliche Saphir verschwand diese Nacht anscheinend spurlos aus dem versperrten Schrank im Schlafzimmer seines Eigentümers, ohne daß die nach der Entdeckung seines Verlustes rasch herbeigerufene Polizei auch nur den leisesten Anhaltspunkt fand, von dem aus sie bisher weitere Nachforschungen anstellen konnte. Das Kleinod wurde noch gestern Abend von einem auserlesenen Kreis von Angehörigen unserer Universität in dem gastlichen Haus ihres Kollegen bewundert. Wir werden über den Verlauf der mit gewohnter Rührigkeit durch unsere Polizei angestellten Untersuchung berichten und sprechen die sichere Erwartung aus, daß der geheimnisvolle Vorfall zur allgemeinen Befriedigung und zur Befriedigung des Herrn Dozenten Neck aufgeklärt werde.«

Der Ethnologe benagte einen Fingernagel: »Wer nur die Zeitung davon unterrichtet hat?«

Florian warf ein: »Dem Stil nach zu schließen, hat den Bericht sicherlich keiner deiner besseren Journalisten verfaßt.«

Mit Eifer mischte sich Frau Liesl ein: »Gewiß hat die Polizei dem ›Tagblatt‹ eine Nachricht zukommen lassen ... und erwartet wahrscheinlich nach Bekanntwerden des Diebstahles von da oder dort Fingerzeige zur Ausforschung des Täters. Es müssen schließlich ja auch alle Juweliere verständigt werden, damit sie allenfalls jene Person anhalten, die ihnen einen rosa Saphir zum Kauf anbietet.«

»Sehr richtig«, bestätigte Florian, »nicht selten ist die breite Öffentlichkeit, das intelligente Publikum, imstande, der Polizei bei der Aufklärung eines dunklen Verbrechens gute Dienste zu leisten – und ohne Zweifel haben wir es hier mit einem wahrhaft dunklen Verbrechen zu tun, das uns manche Nuß zum Knacken geben wird.«

Er ging daran, den übrigen Inhalt der vier Fächer des Schrankes zu überprüfen. »Es ist doch erlaubt, gnädige Frau?«

»Wie können Sie noch fragen! Nur entschuldigen Sie bitte die Unordnung, aber Fritz und ich zusammen und hernach noch einmal ich allein, wir durchwühlten hastig den ganzen Kram, und das sieht man an dem Durcheinander.«

»Hofften Sie etwa, den Saphir außerhalb der Schatulle im Kasten zu finden?«

»Gott, man sucht eben ...«

Neck rannte nervös hin und her: »Ach, die Umstände! Das Gefrage! Die Aufregungen!«

Auf der Schreibtischplatte, dem Blumentisch, auf dem Sofa und den Sesseln breitete Florian die Eingeweide des Schrankes aus: Schachteln mit Haarnadeln, Knöpfen, Maschen, Bändern, Spitzen, zuweilen in einem Wirrwarr, der nicht erst von heute stammte und jetzt sorgsamst gesichert wurde, bis sich deutlich ergab, daß auch auf dem letzten Grund eines Kartons der ersehnte Stein nicht lag; auch nicht in dem Nerzmuff und der nachgeahmten Nerzstola, nicht in dem violetten Kästchen mit den alten Briefen, die sogar aus der neckischen roten Schleife herausmußten. Die Düte Bonbons wurde gezwungen, ihren Inhalt aufzuzeigen, weil sie im Verdacht stand, tückisch Wertvolleres als Süßigkeiten zu verstecken. Aber sie war unschuldig. So folgte ein Ding dem andern und verräumte das Zimmer: Hunderte von Ansichtskarten, eine angesplitterte Vase, ein runzeliger Apfel, eine geborstene Korallenkette, ein zerschmissener Bilderrahmen und ähnlicher Kleinkram.

»Nichts«, sagte Pater Florian. »In diesem Kasten ist der Saphir nicht – ist er nicht mehr.«

»Willst du die Untersuchung auf die übrigen Möbel und Laden dieses Zimmers ausdehnen?« fragte der Gelehrte übellaunig.

»Nein, ich danke. Ich bin außerstande, mir vorzustellen, daß der vertrackte Stein aus der Schatulle zum Beispiel in den Waschkasten übersiedelte, denn Beine hat er ja vermutlich nicht.«

Frau Liesl räumte die hunderterlei Dinge ohne Sorgfalt wieder ein. »Ich werde abends alles ordnen.«

Der Dozent rollte die Schultern: »Lieber Peter, welche Meinung bildest du dir auf Grund des persönlichen Augenscheins?«

»Daß jemand, irgend jemand, in der Nacht, als Ihr schliefet, das Kleinod von seinem Platz nahm. Ein Wesen von Fleisch und Blut, da ich an Gespenster nicht glaube.«

»Ausgeschlossen!« behauptete Neck. »Wie sollte ein fremder Mensch hereingekommen und, ohne gesehen oder gehört zu werden, wieder das Zimmer verlassen haben?«

»Also war es doch ein Gespenst!« meinte Doktor Florian nachgiebig. »Aber Sie, verehrte gnädige Frau, werden gewiß einen Verdacht, die Spur eines Verdachtes hegen, nicht? Die Jugend und Damen – was hier dasselbe ist – pflegen mit Worten und Erklärungen rasch bei der Hand zu sein.«

»Vielleicht ... vielleicht ...« sagte Frau Liesl zögernd. »Ich will es auch auf die Gefahr hin, mich schrecklich zu blamieren, aussprechen ... Vielleicht zersetzte sich der Saphir, zerbröckelte, löste sich chemisch auf – und ist jetzt überhaupt nicht mehr vorhanden ...«

»Das wäre der erste Fall dieser Art und jedenfalls noch seltener als der sehr, sehr seltene rosa Stein.«

Sie fühlte Florians Spott und empfand unangenehm seinen forschenden Blick. Deshalb entschuldigte sie sich errötend: »Gott, ich verstehe ja nichts davon ... und redete bloß, weil Sie mich um meine Ansicht befragten.«

»Eine überaus originelle Ansicht, liebe Frau Dozent, die ich nicht durchaus aus dem Bereich des Möglichen ausschalten möchte, wenn sie mich auch im ersten Augenblick durch ihre Neuheit verblüffte ... Alles, auch das Natürlichste war neu, als es entdeckt wurde, und ich kenne meinen Shakespeare gut genug, um ernstlich über die Richtigkeit Ihres Einfalls nachzudenken. Weißt du, Fritz, welche Shakespearestelle ich meine?«

»Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann ... Diese etwa?«

»Diese meine ich nicht, obschon sie auch sehr schön ist. Ich meine die andere: Es gibt gar viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. – Nur müßte besagter chemischer Prozeß, der sich gewissermaßen nach dem ersten und vor dem zweiten Hahnenschrei vollzog, irgendwelche Restbestände hinterlassen haben, doch sah ich davon nichts in der Schatulle, aber auch schon gar nichts. Wie dem auch sei, ich werde den von der gnädigen Frau geäußerten Gedanken genau prüfen und einschlägige Werke zu Rate ziehen.«

Frau Liesl nickte: »Sie machen mich ganz stolz, lieber Doktor!«

Neck schüttelte entschieden den Kopf: »Diese Lösung halte ich für ganz ausgeschlossen, und das ist mir auch lieb, denn sie bedeutete nicht weniger, als den endgültigen Verlust des Steines.«

»Der in Anbetracht des bisher unerforschten chemischen Phänomens kaum in die Wagschale fiele, lieber Fritz. Die Wissenschaft geht allem anderen voran. Wir wollen uns vor übereilten Urteilen hüten, und ich für meine Person gestehe, daß die Erklärung deiner Frau die einzige ist, die sich mit dem hier Wahrnehmbaren halbwegs in Einklang bringen läßt. Sollte sie sich als richtig herausstellen, so müßte für Frau Liesl eigens eine Ehrenstelle am hiesigen chemischen Institut ins Leben gerufen werden. Ja, ich sage es immer, nichts falscher und verfehlter, als dem weiblichen Geschlecht die Begabung für Neuschöpfungen abzusprechen – instinktiv erfaßt es zuweilen, was das männliche Hirn mit allen seinen Windungen nicht ergründen kann!« Peter Florian schritt einigemal im Zimmer auf und ab: »Fritz, bist du heute nachmittag zu Hause?«

»Jawohl.«

»Und morgen?«

»Fahre ich schon mit dem Zug um halb acht nach Mannheim, wo ich einen Fortbildungskurs abhalte, und bleibe auch über Mittag, wahrscheinlich sogar bis abends, da ich beim Oberbürgermeister eingeladen bin. Warum erkundigst du dich?«

»Weil ich möglicherweise von dir die eine oder andere Auskunft brauchen werde oder dir auch eine Nachricht zu geben habe.«

»Mit dem Telephon Nummer 345 erreichst du mich den ganzen Tag, doch kann dir auch Liesl jederzeit das Gewünschte mitteilen, sie weiß genau so viel wie ich. Daß du mir etwas Angenehmes zu melden haben solltest, glaube ich leider nicht.« –

Doktor Florian bummelte, die Hände in die Taschen gebohrt, langsam über den Wredeplatz, drehte sich einmal um und blickte zurück auf die zwei Fenster des Schlafzimmers der Neckschen Wohnung. Er war übler Laune; wegen der Verworrenheit des Falles, der kaum eine haltbare Vermutung zuließ, und auch wegen der Geringschätzung, mit der der Dozent seine Untersuchungen beurteilte; er glaubte nicht, etwas Angenehmes von ihm zu erfahren – mit anderen Worten hieß das: Du kriegst doch nichts heraus. – Florian blieb stehen. Sollte er sich mit dem Polizeikommissär, der sich von Amts wegen mit der Angelegenheit beschäftigte, ins Einvernehmen setzen? Nein, es hatte keinen Zweck. Der Mann war sicher von seiner Gottähnlichkeit überzeugt und würde jede Einmengung eines Dritten als persönliche Beleidigung empfinden, obschon er selbst gewiß keine Ahnung hatte, wie er die Sache anpacken sollte, um den Täter zu fassen. Wie Florian die Polizei einschätzte, begnügte sie sich vorderhand mit der Verständigung der größeren Goldarbeiter in Mannheim, Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Karlsruhe und Straßburg, um dann ruhig zu warten, ob der Dieb so strafbar blöde war, ihnen seinen Raub anzubieten. Hernach brauchte sie bloß zuzugreifen und den Kerl zu verhaften. Ein sehr einfaches Verfahren, an die Methode, Löwen dadurch zu fangen, daß man die Wüste durch ein Sieb wirft, erinnernd, aber leider nur selten von Erfolg begleitet. Hochwertige Beutestücke, wie zum Beispiel der rosa Saphir eines war, werden von Dieben gewöhnlich so lange zurückgehalten, bis über die Sache Gras wuchs, und dann ins Ausland verschleppt, wo eine verzweigte, internationale Hehlerbande den Vertrieb geschickt und fast gefahrlos übernimmt. Und für den Saphir hatte doch Mister Morgan Interesse – Amerika ist weit und Mister Morgan nicht engherzig ... Ihm werden kaum Edelsteine gestohlen werden! Ein Dummkopf, dem derlei passiert und der kein Bedauern verdient. Wie, wenn Morgan in die Geschichte verwickelt wäre? Warum in die Ferne schweifen ...

Also die Polizei nicht, vorderhand nicht.

Peter Florian trat ins Café Häberlein und verlangte die »Frankfurter Zeitung«.

»Das Morgenblatt?« fragte der Kellner.

»Nein, die zweite Tagesausgabe.« Die war noch nicht da, mußte aber angeblich jeden Augenblick eintreffen. Der Augenblick währte so lange, daß Florian indessen drei Schalen Kaffee trank und zehn Zigaretten rauchte, die seinen Hals kratzten. Endlich brachte der Kellner das Blatt. Da stand es unter dem Strich; dem Sinn nach gleich der Notiz im »Heidelberger Tagblatt« und nur ein wenig ausgeschmückt, da der Verfasser anscheinend zu den journalistischen Gästen Necks am vergangenen Abend gehörte und die wunderbar morgenrosige Farbe des Steines herausstrich.

Florian überlegte es sich teilweise nun doch anders, schritt zum Telephon und klingelte die Polizei auf. Ob er den Beamten sprechen könne, der die Untersuchung wegen des gestohlenen Edelsteins leite. Man wollte wissen, wer anfrage, und er gab Auskunft: »Dozent Doktor Neck.« Schon einige Minuten nachher meldete sich der Kommissär und legte dar, das Ermittlungsverfahren schreite zwar befriedigend fort, aber Bestimmtes könne er leider noch nicht melden. Der Verdacht richte sich gegen eine berüchtigte Einbrecherbande, der man schon seit Wochen, insbesondere auf Betreiben von Neuyork, London und Berlin aus, nachspüre.

Als Florian zu Wort kam, sagte er dem Beamten zuerst einige Höflichkeiten, so, daß er überzeugt sei, es werde seinem Scharfsinn gelingen, das Rätsel zu lösen und den Saphir wieder zustande zu bringen, aber eigentlich wollte er – Dozent Neck – nur fragen, wer die Nachricht vom Verlust des Kleinodes ans »Tagblatt« und an die »Frankfurter Zeitung« weitergab, denn es war erstaunlich, wie rasch die Blätter darüber berichteten.

Der Kommissär antwortete verbindlich: »Ihre Frau Gemahlin beauftragte mich, die Presse zu unterrichten, und da diese uns vielleicht nützlich sein kann, so verständigte ich umgehend die hiesigen und die großen auswärtigen Zeitungen.«

»O, ich danke sehr, Herr Kommissär!« rief Florian ins Telephon. »Verzeihen Sie, ich bemühte Sie ganz unnötigerweise, denn ich erinnere mich jetzt genau, daß Liesl, das heißt meine Frau, mir erzählte, sie hätte Sie um die Gefälligkeit ersucht. Ja, ja, ich bin wirklich zu vergeßlich! Besten Dank für die Mühe, die Sie sich geben!«

Eine Weile noch saß er im Kaffeehaus und sann, wobei weitere fünf Zigaretten in Rauch aufgingen.

In der Leopoldstraße faßte ihn der Geheimrat Habermann ab, schob seinen Arm kollegial unter und fing mit seiner rauhen Stimme vom rosa Saphir zu reden an: »Hören Se, das is aber eine Geschichte! Se wissen ja, der Edelstein vom Neck, nich? Da brat mir einer 'nen Storch! Ich sag Ihnen, ich hab sein neuestes Buch durchgeblättert und wollte nicht recht ran, denn im Vertrauen, so sehr ich meinen Kollegen als Wissenschaftler schätze, für die Bücherschreiberei is er mir zu trocken. Da gehören Windhunde dazu! Meine Frau sagt's auch. Aber jetzt is meine Frau wie doll auf den Roman; is sie. Und liest ohne Unterbrechung fünf Stunden. Zum Schluß, wette ich, wird se den Saphir selbst haben wollen. Und wenn se fertig is, dann laß ich meine Abhandlung über Justinian als Gesetzgeber 'nen Tag liegen und schau mit eigenen Augen, was mit dem Buch los is. Es is natürlich fabelhaft interessant, die Lebensgeschichte von so 'nem Ding zu lesen, mit dem man persönlich bekannt is, und das sich dann auf französisch empfiehlt. Ja, noch etwas ...« Der Geheimrat flüsterte Florian ins Ohr: »Ich kann mirs schon denken, wer den Saphir gestohlen hat!«

Peter horchte auf: »Wer denn?«

»Aus dem Keller meiner Villa – er is vom Wald her ein bißchen stark zugänglich – stehlen se mir jede zweite Nacht ein paar Hühner – so arbeitsscheues Gesindel oder wer – und nich einmal meine Bulldogge, der ›Dickkopf‹, erwischt so 'nen Kerl beim Schlafittchen, und is doch ein scharfer Bursch, der ›Dickkopf‹! Müssen außerordentlich geriebene Jungens sein. Die hörten gewiß auch von dem wertvollen Stein und schlichen sich in Necks Wohnung ein und raubten nachts den Saphir aus der eisernen Kasse. Raubten ihn.« Erwartend starrte Geheimrat Habermann seinen Begleiter an. »Na, was sagen Se dazu?«

»War denn der Stein nachts in der eisernen Kasse verwahrt?«

»Selbstverständlich! Kollege Neck hat ihn da herausgenommen, wie er ihn uns zeigte, und verwahrte ihn dann gewiß wieder darin. So was Kostbares läßt man doch nich irgendwo herumkugeln, wie?«

»Das wäre wahrhaft Sünde.«

»Und Se haben noch nich Ihre Nase in die Sache ringesteckt, Doktorchen? Verzeihen Se die despektierliche Ausdrucksweise, aber Se sind ja Fachmann in abhanden gekommenen Wertgegenständen.«

»O, Sie schmeicheln mir, Herr Geheimrat. An die Praxis wage ich mich noch lange nicht heran. Ich habe bisher nur flüchtig mit Neck und seiner Frau darüber gesprochen. Mir ist ein ähnlicher Fall, ich gestehe es offen, in der einschlägigen Literatur nicht untergekommen.«

»Ja, Theorie und Prax!« meinte Habermann. »Weiß ich, kenn ich, denn ich war ein Jahr Referendar beim Amtsgericht in Charlottenburg, war ich. Wissen allein tut's nich. Unsere besten Detektivs hatten 'nen blauen Dunst von der Jurisprudenz und schnüffelten doch am ersten 'raus, wer was ausgefressen hatte. – Aber wer is denn hinter den Dieben her?«

»Unsere Polizei, Polizeikommissär Müller II.«

»Sehr vernünftig. Fachleute müssen ran, Fachleute mit Erfahrung. Was meinen Se, wenn ich der Polizei Mitteilung wegen meiner Hühnerdiebe machte? Die Jungens haben sicherlich auch den Edelstein gekrapst.«

»Die Polizei wird Ihnen für die Benachrichtigung zweifellos sehr dankbar sein, und erwischt sie damit auch nicht gerade die Kerle, die Neck bestahlen, die Hühnermarder sind auch nicht zu verachten, wenn man sie einsteckt. – Ich habe mir übrigens sagen lassen, der Polizeikommissär tappe noch völlig im Dunklen.«

»Na, da will ich aber eilen! Morjen, Herr Kollege.«

Florian pfiff halblaut einen Marsch. Noch einige Anfragen, dann konnte er beruhigt zu seinem »Handbuch für Untersuchungsrichter« zurückkehren. In der Winterschen Buchhandlung in der Hauptstraße kaufte er eine Flugschrift für fünfzig Pfennige, in der die soziale Frage auf sechsundvierzig Quartseiten ein für allemal gelöst wurde. Das war die halbe Mark reichlich wert. Man brauchte das Ding ja nicht zu lesen! Und beim Geschäftsleiter erkundigte er sich so nebenbei nach dem Absatz des neuen Romans vom Dozenten Neck.

»Nu,« meinte der, »bis heute morgen war es recht flau, recht flau, aber jetzt hab ich meinen ganzen Vorrat verkauft und noch immer fragen Leute danach. Ich hab auch schon nach Berlin telegraphiert und vier Pakete durch Eilboten bestellt. Ja, sehen Se, Herr Doktor, der Herr Dozent hat Glück, seitdem ihm der Stein gestohlen wurde, ist sein Buch aktuell, und aktuelle Sachen reißen immer. Is das eine Reklame! Er müßt' eigentlich dem Dieb eine besondere Prämie zahlen.«

Peter Florian war ganz derselben Ansicht und setzte seinen Rundgang zu den Buchhändlern fort, bis er mit der fünffachen Bestätigung dessen, was er beim Winterschen Geschäftsleiter gehört hatte, und mit sechs Flugschriften, zum Preise von je fünfzig Pfennigen, beschwert nach Hause ging. Dabei kam er an der Villa des Geheimrates Habermann vorbei, lächelte ein wenig boshaft und rief der Bulldogge »Dickkopf«, die am hellen Tag jeden Spaziergänger ankläffte und nachts die Hühnerdiebe still arbeiten ließ, ein grobes »Kusch!« zu. Und dachte: Hätte der Köter, wie es seine heilige Pflicht ist, die Einschleicher in den Keller rechtzeitig abgefaßt, Necks Saphir hätte von ihnen nicht fortgetragen werden können. Nach der Ansicht des Herrn Geheimrates Habermann.

Dann hinderte Florian nichts mehr, sich wieder zu seinen Studien zu setzen, von denen ihn der Besuch seines Freundes aufgestört hatte.

Vorher warf er bloß die sechs Flugschriften in den Papierkorb und trug drei Mark ins Verlustkonto seines Kassabuches ein.

###

Der Oberkellner im Café Häberlein entschädigte Peter Florian für die angebrannte Morgenschokolade mit einer überreichen Beilage der allerneuesten Zeitungen und versicherte wohlwollend: »Eben erst eingetroffen, Herr Doktor, Herr Doktor sind der erste Leser in Heidelberg.« Das »Tagblatt« brachte abermals eine umfangreiche Notiz über den Saphir, und auch alle übrigen Blätter enthielten längere oder kürzere Berichte, die sich mit dem geheimnisvollen Verschwinden des indischen Juwels beschäftigten, das der bekannte Schriftsteller und angesehene Gelehrte Dozent Friedrich Neck in Heidelberg in seinem spannenden Roman »Der rosa Saphir« (Verlag Schuster u. Loeffler, Berlin) gewissermaßen zum Helden des Buches gemacht hatte. Das stand ebenso im »Berliner Tageblatt« wie in der »Neuen Freien Presse« und in der »Kölnischen«. Die Mannheimer und Straßburger Morgenblätter widmeten dem Vorfall je einige Spalten und ließen durchblicken, ein gefeiertes Mitglied der juristischen Fakultät, das früher selbst einmal beim Strafgericht tätig gewesen, habe der Polizei Angaben gemacht, die wohl geeignet seien, die Ergreifung des Diebes zu erleichtern. Florian wünschte dem Geheimrat Habermann gutmütig einen vollen Erfolg, den er nur mit dem rührigen Kommissär zu teilen haben würde.

War auch der Weg vom Kaffeehaus zu Necks Wohnung nicht weit, führte er auch nur über die unbeträchtliche Breite des Wredeplatzes, er kam Florian dennoch höllisch sauer an, und er wollte lieber den Großglockner besteigen, als diesen Gang tun.

Frau Liesl empfing ihn im Arbeitszimmer ihres Mannes. »Sie bringen hoffentlich eine gute Nachricht, lieber Doktor, die wir sofort meinem Mann nach Mannheim zudrahten können?«

»Teilweise – und wie man es nimmt.«

Ängstlich blickte sie ihn an: »Also – den Stein selbst haben Sie noch nicht gefunden?«

»Noch nicht. Aber es wird Sie zu hören freuen, daß der Geheimrat Habermann hinter ihm her ist, und daß die Zeitungen in Nord und Süd den Fall besprechen und dadurch vielleicht dazu beitragen, den Saphir wiederzuerlangen. Es war eine vorzügliche Idee von Ihnen, verehrte gnädige Frau, dem Kommissär nahezulegen, die Presse zu verständigen.«

Frau Neck errötete und wickelte eine blaue Schleife, die ihr herabbaumelte, etliche Male um ihren Daumen. »Nun ja ...«, zögerte sie, »ich leugne es nicht, daß die Idee eigentlich von mir stammt, wenn ich Ihnen zuerst auch das Umgekehrte sagte, da ich nicht wußte, wie Fritz darüber denken würde ... Mir fiel es eben ein, und da gab ich dem Kommissär einige Winke.«

»Ich lobe es. Das war sehr klug und wird dem Absatz des Buches zuträglich sein. Ich wette, die Nachfrage danach hat stark zugenommen, und der Verleger veranstaltet schon eine Neuauflage.«

Frau Liesl wickelte die blaue Schleife von ihrem Daumen wieder ab und zeigte sich auch sonst kribbelig. Mühsam preßte sie die Worte heraus: »Wie lieb es mir auch ist, solches zu erfahren, besonders Fritzens wegen, der sich über den Erfolg des Buches sehr freuen wird – lieber wäre es mir noch, der Saphir wäre wieder da ...

Florian rückte seine Brille auf dem Nasenrücken hin und her, räusperte die belegte Stimme wieder klar und sagte möglichst freundlich: »Und jetzt, liebe gnädige Frau, da wir unter uns Mädchen sind und uns nicht zu genieren brauchen, wollen wir uns gegenseitig keine Komödie vorspielen, sondern hübsch bei der Wahrheit bleiben – Bitte, geben Sie den Saphir her!«

Da schrie sie grell auf und hob entsetzt die Hände: »Mich halten Sie für den Dieb? Für eine Diebin? Ich soll ihn gestohlen haben?«

»Wer spricht von Diebstahl, meine verehrte Frau Liesl!« Peter Florian redete sanft und gut. »Diebstahl ist nach dem Deutschen Reichsstrafgesetz die Wegnahme einer fremden beweglichen Sache aus dem Gewahrsam eines andern, um sich diese rechtswidrig anzueignen, und wird als einfacher Diebstahl mit Gefängnis von einem Tag bis zu fünf Jahren – falls keine Milderungsgründe vorwalten – bestraft, als schwerer Diebstahl hingegen mit Zuchthaus. Erschrecken Sie nicht, denn erstens nahmen Sie nicht eine ›fremde bewegliche Sache‹ aus dem ›Gewahrsam eines andern‹, da Sie den Saphir geradezu im Auftrag des Eigentümers in Ihrer Schmuckschatulle verwahrten, und zweitens haben Sie ja nicht die Absicht, sich ihn rechtswidrig zuzueignen, sondern wollen ihn gelegentlich wieder rückerstatten, nicht? Höchstens kann es sich um eine Veruntreuung, eine Unterschlagung oder einen Betrug handeln, was ja auch keine Kleinigkeit sein soll, wenn man einen Juristen fragt. Aber auch zu den Tatbeständen dieser Vergehen und Verbrechen dürften wesentliche Momente fehlen.«

Frau Liesl Neck saß ganz klein und ganz gebrochen da, senkte den Blondkopf und atmete stoßweise. Einen plötzlichen Entschluß fassend, stand sie auf und verließ das Zimmer. Florian verknotete die Finger und wartete gespannt, was sich nun ereignen würde. Ob ihm die Hausfrau wohl durch das Stubenmädchen sagen ließ, sie lege weiter kein Gewicht auf seine Anwesenheit in ihrer Wohnung? Das wäre allerdings sehr unklug von ihr gehandelt und triebe die unangenehme Geschichte auf die Spitze.

Aber nicht das Dienstmädchen kam, sondern Frau Neck erschien selbst, trat zu ihm und überreichte ihm einen kleinen, in gelbes Seidenpapier gewickelten Gegenstand. Dann brach sie in klägliches Schluchzen aus, und die Tränen rannen gleich jämmerlichen Bächlein ins Batisttaschentuch.

Florian wickelte das gelbe Seidenpapier auf und hielt den Saphir in der Hand. »Na, sehen Sie!« Und erhob sich und näherte sich der weinenden Frau, der er seine Rechte auf ihren blonden Wuschelkopf legte: »Warum denn so unglücklich? Man muß ja froh sein, das schöne Stück wieder zu haben! Ja, ja, es gibt noch ehrliche Seelen, die Gefundenes dem rechtmäßigen Eigentümer zurückerstatten, sobald man es fordert.«

Sie lächelte matt und betupfte ihre nassen Wangen, um sie zu trocknen: »Sie sind ein Scheusal, Peter Florian!«

»Was ich im allgemeinen nicht zu leugnen wage, aber diesmal bin ich ein rettender Engel für eine entsetzlich leichtsinnige junge Frau, die nicht über die nächsten vierundzwanzig Stunden hinausdenkt. Und weil nun die salzige Hochflut zu versiegen beginnt, bitte ich Sie, mir die verflixte Geschichte in aller Ruhe und offenherzig zu erklären, da ich zwar deren Hergang und Zweck zu verstehen glaube, aber ich möchte die Wahrheit aus Ihrem eigenen Mund hören. Und dann wollen wir gemeinsam beraten, wie wir den verfahrenen Karren wieder ins rechte Geleise schieben. Nicht wahr, Sie beabsichtigten den Saphir bei einer guten Gelegenheit Ihrem Manne wieder auszuliefern?«

Dankbar schaute sie ihn an. Er war scheinbar doch nicht das Scheusal, das sie ihn genannt hatte, und würde nicht die Handschellen aus der Tasche ziehen, um sie ins Gefängnis zu führen. Erst stockend, bald aber mit der angeborenen und sorgsam gepflegten Beredsamkeit brachte Frau Liesl ihre Beichte vor: »Sehen Sie, lieber Doktor, mein Mann schreibt Bücher, er hat eine solche Sehnsucht nach Anerkennung als Dichter, und seine größten Hoffnungen setzte er auf den neuen Roman, den ich übrigens furchtbar nett finde – ich habe ihn schon dreimal gelesen und die Korrekturen besorgt –, aber als er erschien, kümmerte sich keine Katz' darum, und ich wußte, geschieht kein Wunder, so ist auch er eine Niete. Und weil Fritz darüber todunglücklich war – er zeigte es nur nicht, doch ahnte ich es – so ...«

»So gingen Sie daran, das Wunder gewaltsam herbeizuführen!«

Frau Neck kaute verlegen am Zipfel ihres Taschentuches: »Wenn der Berg nicht zum Ochsen kommt, so muß der Ochs eben zum Berg ...

»Falls der Ochs ein Prophet ist und das Sensationsbedürfnis der Menschen kennt, denen alles doppelt lieb wird, sowie sich ein Geheimnis darum rankt. Übrigens sind die meisten Ochsen keine Propheten, und wenn sie sich schon einmal entschließen, auf einen Berg zu steigen, so bleiben sie doch bestimmt beim ersten neuen Tor stehen, statt die paar Latten mit ihrem Gehörn einzurennen. – Aber jetzt weiter: Ihnen fiel eine originelle Reklame ein: Sie gaben ein Souper, zu dem Sie Geheimräte, Professoren und etliche bessere Journalisten einluden, ließen den Stein von Hand zu Hand gehen und wußten, daß Sie dadurch auch das Interesse für den Roman weckten. Ist es nicht so?«

Sie stimmte stumm nickend zu.

»Alles sehr sein ausgeklügelt – aber ich an Ihrer Stelle hätte auch die Professoren-, Geheimrats- und Journalisten gattinnen miteingeladen, denn Frauenzungen sind die besten Träger der Tagesreklame, während Männer – angeblich – bedeutend weniger herumreden. Überdies sind nach Schätzung Eingeweihter achtzig von hundert Lesern belletristischer Bücher weiblichen Geschlechtes.«

»Das wußte ich nicht«, gestand sie ehrlich.

»Jetzt wissen Sie's – für ein andermal! – Und nach dem gelungenen Souper, das den Appetit nach dem ›Rosa Saphir‹, ich meine den Roman, erregte, planten Sie einen zweiten, noch viel wirksameren Streich und wollten den Stein auf unerklärliche Art und Weise verschwinden lassen – was denn auch geschah.«

»Nein, nein!« wehrte Frau Liesl eifrig ab. »Der Einfall, den Saphir zu verbergen und dadurch die Leute noch neugieriger zu machen, kam mir erst diese Nacht, ganz plötzlich, ohne weiteren Vorbedacht. Schon im Bett liegend, dachte ich, daß, wenn auch die paar Herren das Buch nun kauften oder es sich ausliehen, damit noch so gut wie nichts erreicht war, und daß die Journalisten vielleicht gar nicht darüber schreiben würden. In meiner Betrübnis schoß mir eine Idee durch den Kopf: Der Stein soll ganz verschwinden ... Die Polizei und die Zeitungen, wenn ich es geschickt anstellte, würden sich dann der Sache annehmen, und das erst gab eine herrliche Reklame!« Wieder träufelten die Tränen. »Aber Sie grauslicher Mensch haben meine Absichten und meine Freude vereitelt und bereiten mir schreckliche Unannehmlichkeiten ... Ich Hab mich gleich geärgert, als Fritz Sie herbeischleppte, weil ich Ihnen schon zutraute, Sie würden meinen Plan durchschauen und durchkreuzen. Der Polizeikommissär war so angenehm dumm!«

Würdevoll verbeugte sich Florian: »Ich danke im eigenen und im Namen des abwesenden Polizeikommissärs für Ihre gute Meinung. Der Mann – ich meine den letztgenannten – ist wahrhaftig ein Dummkopf. Er muß sich doch sagen, es sei nach der Lage der Dinge schlechterdings unmöglich, daß der Saphir durch zwei verschlossene Türen durch, aus einem Zimmer, in dem zwei Menschen schliefen, gestohlen wurde. Also konnte nur Ihr Gemahl oder Sie der Täter sein. Der arme, rechtschaffene Fritz in einem solchen Verdacht! Ein berühmter Dozent der weltberühmten Universität stiehlt einen Edelstein – und ausgerechnet einen, der ihm schon gehört! Ausgeschlossen. Besonders wenn ein armer Polizeimann nicht entferntest ahnt, wie sonderbare Reklamen es gibt, falls man Einfälle und Kurage hat. In meinen Augen war dem lieben Fritz eine so raffiniert angelegte Geschichte niemals zuzutrauen. Demnach war er unschuldig, und schuldig mußten Sie sein, verehrteste gnädige Frau. Der schon von Anfang an vorhandene Verdacht gegen Sie verdichtete sich in mir, als Sie von der chemischen Zersetzung des Juwels sprachen. Das konnten Sie unmöglich selbst glauben!«

»Und Sie, Doktor, stellten sich, als ob Sie es glaubten!«

»Man muß die – Verbrecher, die man überführen will, stets in Sicherheit wiegen.«

»Ja, ich war sehr dumm!« gestand sie.

»Der Kommissär hätte auch das geschluckt. Man sei immer in der Wahl dessen, dem man etwas an die Nase binden will, höllisch vorsichtig! Sonst geht es unweigerlich schief. Alle Nasen eignen sich nicht für seltsame Angebinde ... Hernach ertappte ich Sie auf einer kleinen Unwahrheit, da Sie mir erklärten, der Polizei sei der Gedanke gekommen, die Zeitungen der halben Welt einzuweihen – damit ja der Dieb im nächsten Morgenblatt lesen kann, welche Fährten seine Gegner verfolgen! Und selbst angenommen, die Idee mit der Alarmierung der Presse wäre wirklich auf dem Mist des Herrn Polizeikommissärs gewachsen, der arme phantasielose Teufel hätte sicher nicht zugleich für den Roman Propaganda gemacht und jeder Schriftleitung gleich den Verleger genannt. Ich kenne meine Pappenheimer, am Neckar und anderswo. Hinter der Geschichte mußte jemand anderer stecken ...« Mit liebenswürdiger Gebärde wies er auf Frau Liesl.

»Sie sind gefährlich, gemeingefährlich!« äußerte sie ziemlich gefaßt. »Und Sie glaubten, ich hätte mir den Saphir angeeignet, weil Fritz ihn mir nicht für eine Busennadel schenken wollte?«

»Was er jetzt zu tun gewiß nicht unterlassen wird.«

»Sie hielten mich also für eine Diebin? Aber wie sollte ich meines heimlichen Besitzes froh werden, denn tragen konnte ich das Juwel ja nicht!«

Diese Fragen waren Florian peinlich. »Ursprünglich dachte ich freilich auch daran, daß Sie den Stein aus Leidenschaft oder um mit ihm heimliche Schulden ebenso heimlich zu begleichen, entwendeten ...«

»Danke sehr für Ihre gute Meinung!«

»Bitte – es kommen die sonderbarsten Sachen in den allerbesten Familien vor. – Aber dann, als Sie sich aus die Zeitung stürzten und ich Ihr ungeheucheltes Interesse für die Notiz im ›Tagblatt‹ beobachtete, vermutete ich so ziemlich den Endzweck ihrer gelungenen Komödie, und wurde vollends von der Richtigkeit meiner Vermutung überzeugt, als ich mit den Buchhändlern gesprochen hatte, die mir den Einfluß des Diebstahls auf den Absatz des Romans mitteilten.«

»Das Zusammentreffen konnte ein zufälliges sein.«

»Solche Zufälle sind sehr lobenswert und noch viel seltener. An wirklich gute Zufälle glaube ich nicht gern. Doch jetzt seien Sie noch ganz besonders liebenswürdig und sagen Sie mir, wie Sie den Saphir aus der Schatulle entfernten und wo Sie ihn versteckten.«

»Ungefähr um vier Uhr, Fritz schlief tief und fest ...«

»So daß man ungefährdet eine Kanone neben seinem Bett abfeuern konnte!«

Frau Liesl lachte, verschluckte sich und hustete.

»Erholen Sie sich, und lassen Sie mich fortfahren, verehrte gnädige Frau: Ungefähr um vier Uhr, es dämmerte bereits im Osten, krochen Sie behutsam aus den Federn (für alle Fälle behutsam, denn einem männlichen Schlaf ist niemals ganz zu trauen!), schlichen zum Schreibtisch, holten den Schrankschlüssel heraus, öffneten den Schrank, tasteten im Halbdunkel nach der Schatulle und kramten mit spitzen Fingern den Saphir hervor, den Sie in gelbes Seidenpapier, nämlich in eine Obstserviette, wie ich sehe, wickelten und steckten ihn –?«

»… in den Wäscheschrank unter die Dienstbotenleintücher ...«

»Den Saphir so vieler indischer Radschahs ausgerechnet unter die Dienstbotenleintücher! Was wahr ist, ist wahr: Frauenzimmer kennen keine Pietät. – Und brachten am eigentlichen Tatort alles wieder äußerlich in die frühere Ordnung, sperrten den Kasten ab und hinterlegten den Schlüssel in der Schreibtischlade.«

»So war es, genau so.«

»Es konnte nur so sein. Die Logik ist kein leerer Wahn, wenn sie auch nicht alle Rätsel löst. – Morgens zu einer bürgerlichen Zeit standen Sie dann regelrecht aus dem Bett auf, der ahnungslose Fritz schlief noch, wollten angeblich den hübschen Stein, die Sehnsucht ihrer Träume, betrachten, fanden ihn natürlich nicht in der Schatulle und schrien mit solcher Meisterschaft, daß der gutgläubige Gatte nicht den leisesten Verdacht schöpfte.«

»Ja, ja«, Frau Neck lächelte unbekümmert und sorglos. »Nur erwähnten Sie nicht, daß mein Mann schon vor meinem Schrei erwacht war!«

»Das scheint mir nebensächlich, mag jedoch immerhin festgestellt werden. Aber wir sind leider noch nicht fertig, das dicke Ende kommt erst.«

»Sie meinen den Polizeikommissär?«

»Keineswegs. Sie hatten die Absicht, das Kleinod, sobald es durch sein zeitweiliges Nichtvorhandensein das deutsche bücherkaufende Publikum hinreichend beschäftigt hatte, wieder erscheinen zu lassen.«

»Selbstverständlich.«

»Und wie sollte die Auferstehung vor sich gehen, ohne daß Sie Ihren – sagen wir schonend – Kunstgriff eingestanden, was zu tun gewiß nicht in Ihrer Absicht lag?«

Frau Liesl zuckte die Achseln: »Ich dachte ... ich ... es würde mir dafür schon zur rechten Zeit ein neuerlicher guter Gedanke kommen. Es eilte ja nicht.«

»Und kam er, der gute Gedanke? Ist er jetzt da? Jetzt eilt es nämlich!«

Bestürzt starrte sie Peter Florian an. Und schwieg.

»Wir müssen doch den Stein wiederfinden und müssen auch erklären, wo er war und wie wir ihn entdeckten. Die Wahrheit vor der Polizei und der Öffentlichkeit zu bekennen, ist unmöglich. Man würde Sie, liebe gnädige Frau, mitleidslos verdammen, und außerdem könnten Sie wegen Irreführung einer Behörde, die Anspruch erhebt, ernst genommen zu werden, in arge Verlegenheit geraten, die unter Umständen die Karriere Ihres Mannes zerstört und Sie selbst ins Strafhaus bringt.«

Zum zweitenmal und erheblich reichlicher flossen die Tränen aus den blauen Augen der Frau Dozentin: »Um Gottes willen, das hab ich nicht überlegt, das ist ja furchtbar ...« Sie faltete die Hände: »Lieber, lieber Herr Doktor, Sie müssen mir helfen, oder ich gehe ins Wasser!«

»Das wäre das Allerschönste! Haben Sie dabei den Neckar im Auge? Er eignet sich nicht recht dazu. Erzählte doch schon Mark Twain, daß er einmal auf der ›Alten Brücke‹ stand und sah, wie ein Arbeiter sich todesmutig in die Fluten stürzte, um einen Jungen, der beim Spielen ins Wasser fiel, zu retten. Der gute Twain bewunderte den Tapferen, aber seine Bewunderung sank ein bißchen, als er gewahrte, daß die Fluten des Neckars dem wackeren Retter kaum bis ans Knie reichten. – Nein, nein, damit ist's nichts. Beruhigen Sie sich nur. Um Ihnen zu helfen, bin ich ja da, und werde Ihnen genau so todesmutig wie Mark Twains köstlicher Arbeiter beistehen. Wäre das nicht meine Absicht, so hätte ich mich auf den Großartigen hinausgespielt, der statt mit Ihnen, verehrte gnädige Frau, unter vier Augen zu verhandeln, der Polizei oder Fritz mitteilte, Frau Elisabeth Neck habe lange Finger.«

»Herr Doktor!«

»Also, wie beschließen wir die Geschichte, die so wirkungsvoll einsetzte, am hübschesten ... Warten Sie, ich habe es. Bitte, bringen Sie mir Ihre Schmuckschatulle.«

Eine knappe Minute, und das Kästchen stand vor Florian: »Hier.« Neugierig lugte ihm Frau Liesl über die Schultern.

Er leerte es behändig um, daß Ringe und Armbänder, die Nadeln und Kettchen heraussprangen, und prüfte die Innenfütterung, die weiche Wattefüllung des Bodens und die verschossene, brüchige, himmelblaue Seide.

Und unvermutet, daß Frau Neck ob des Zerstörungswerkes aufquiekte, bohrte Peter Florian den Zeigefinger der rechten Hand in die Polsterung, die alte Seide riß, und es entstand ein schmaler Schlitz.

»Was tun Sie denn, Doktor, Sie machen es ja kaput!«

Er antwortete nicht, sondern drückte den rosa Saphir in den Riß und streifte die Seide darüber wieder glatt, so daß nur ein sehr genaues Hinsehen den Schaden wahrnehmen konnte. Das Juwel duckte sich gehorsam in die Wattefütterung – und wartete darauf, gefunden zu werden. »Na?« fragte Florian.

Da erriet Liesl Neck, was er bezweckte, und strahlte glückselig. »Sie Künstler! Und jetzt will ich sofort meinem Mann telephonieren, wir hätten den Saphir gefunden.« Und eilte schon zur Tür.

»Halt! Dageblieben! Ich denke, wir teilen es anders ein. Damit auch ich meinen Ruhm ernte, warten Sie geduldig, bis Fritz zurückkehrt, dann sagen Sie ihm gefälligst, ich hätte die feste Überzeugung, der Stein sei gar nicht gestohlen worden, sondern nach wie vor irgendwo in der Wohnung. Veranlassen Sie ihn, sich an einer neuerlichen Untersuchung zu beteiligen, wobei mir auch die Anwesenheit des Herrn Polizeikommissärs nicht unlieb wäre. Dann hantieren Sie an der Schmuckschatulle herum und stoßen plötzlich einen Schrei aus – in dieser Kunst sind Sie ja Meisterin! – und krabbeln das Juwel mühsam – ich muß schon bitten: mühsam! – unter der schlissigen Seide hervor ... Wie?«

»Herrlich! Wunderbar! Sie sind mein Retter!«

»Aus dem Neckar!«

»Gleich morgen in der Früh werde ich den Kommissär berufen und nach Ihrem Rate handeln.«

Peter Florian dachte, sein lieber Freund Neck verdiene für seine Nichtachtung der Kriminalistik schon eine kleine Strafe, die er mit längerer Sorge abzahlen möge, und die Polizei könnte sich auch noch ein bißchen auf eigene Faust plagen, weshalb er sagte: »Gleich morgen früh? Warum gleich morgen früh? Diese unziemliche Eile brächte Sie um den halben Erfolg Ihrer so fein eingeleiteten Reklame für den Roman. Auch der Verleger wäre Ihnen dafür nicht dankbar. Ein banal wiedergefundener Stein interessiert die Leute gar nicht mehr, und sie sind imstande, das bereits bestellte Exemplar des ›Rosa Saphir‹ wieder abzubestellen. Warten Sie noch etliche Tage. Ein weiser Papst – die meisten oder sogar alle Päpste sind nämlich weise – meinte: Mundus vult decipi, ergo decipiamus – auf gut deutsch: Die Menschen wollen bemogelt werden, also bemogle man sie! – Aber man darf nicht zu früh damit aushören, sonst hat die Mogelei ihren Zweck verfehlt.«

Liesl Neck sperrte ihren Mund vor Staunen weit auf: »Hören Sie ... Aus Ihnen hätte kein schlechter Gauner werden können, Doktor, wären Sie früh genug in die rechten Hände geraten!«

»Ich lernte Sie leider erst vor einem Jahre kennen, verehrteste gnädige Frau«, sagte rätselhaft Peter Florian, und die dunkle Rätselhaftigkeit minderte ein wenig das Kränkende seiner Äußerung.

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