Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Schurig >

Der Roman von Tristan und Isolde

Arthur Schurig: Der Roman von Tristan und Isolde - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDer Roman von Tristan und Isolde
publisherJ. Gnadenfeld & Co
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid25fb2854
created20061213
Schließen

Navigation:

Plötzlich erhob sich Lärm.

Wer kommt da?

Eine Schar Aussätziger, geführt von Iwein, einem unglücklichen Edelmanne, den die schlimme Krankheit vor Jahr und Tag befallen hat. Sie hausen in Holzhütten im Walde vor der Stadt, gemieden von aller Welt.

Voll Abscheu gibt man ihnen Raum.

Auf ihren Krücken, mit ihren Klappern, die stieren Augen blutunterlaufen, eiternde Löcher in den elenden Gesichtern, struppig, verwahrlost, schmutzbedeckt, kaum bekleidet, sehen sie aus wie tierische Ungeheuer, grotesk, grausig, unheimlich, ekelhaft.

Iwein tritt vor Marke.

König Marke, schreit er mit schriller Stimme, wir hören, Euer verliebtes Weib soll sterben, auf den brennenden Dornen. Hah, eine nicht üble Strafe für Leichtsinn und Lotterei. Aber zu kurz, viel zu kurz! Laßt sie doch leiden wie Ihr leidet, langsam, lange, lechzend nach diesem schönen Scheiterhaufen! Ich weiß eine bessere Strafe ...

Und die wäre? fragt der König, angewidert von dem Anblick der halbblödsinnigen Schar, die unter gemeinen Gebärden vor ihm tanzt und torkelt.

Gebt uns Euer verworfenes Weib! heult der Unhold. Wir nehmen sie mit in unsre Hütten. Lange haben wir keine Liebste gehabt. Sie soll uns küssen, bis ihr die Zähne aus dem Munde fallen. Wenn sie so aussehen wird wie wir, haben sich ihre Lüste gelegt. Und auf dem Schindanger wird sie verrecken wie wir. Sagt, König, ist das nicht die beste Strafe?

Der böse Geist, der um die Szene kreiste, packte den König.

Er lachte wüst und rief dem Sprecher der Siechen zu:

Bringt Eure Werbung vor! Fragt sie selber!

Isolde brach ihr stolzes Schweigen.

Wahnwitzig seid Ihr, Marke! sprach sie. Was Ihr mir antun wollt, ist eines Königs unwürdig. Bei allem, was Euch heilig ist, und etwas in der Welt muß es doch geben oder gegeben haben, deß zu gedenken Euch barmherzig macht: gebt mich den Flammen!

Marke hatte nicht den Mut, seine unwahre Rolle von sich zu werfen.

Nehmt sie Euch! rief er Iwein zu.

Die Aussätzigen stießen wilde Schreie aus. Iwein packte die taumelnde Isolde, der die Henker die Bande lösten, und führte sie an der Hand zum Westtore der Stadt hinaus, den Hütten der Siechen zu. Die Schar der Anderen folgte dem Paare.

Von Ferne sahen Tristan und Kurwenal den Haufen aus dem Tore ziehen. Alsbald eilten sie zur Straße, auf der die Königin, umheult von den gräßlichen Kranken, dahinwankte.

Das blanke Schwert in der Rechten, trat Tristan vor Iwein, der die blonde Isolde am linken Handgelenk gepackt hielt.

Laßt die Königin frei! rief er ihm zu. Oder Ihr habt Euer armseliges Leben verwirkt!

Iwein warf seinen Mantel ab und drohte mit seinem Stocke.

Knüppel heraus! brüllte er seinen Gefährten zu. Zeigt, daß Ihr noch Männer seid! Haut die Wegelagerer nieder!

Wie er dies schrie, schlug ihm Kurwenal mit dem flachen Schwert den Schädel ein. Schwarzes Blut spritzte hoch auf.

Die Teufel sind ritterlicher Hiebe nicht wert! meinte Kurwenal lachend und traf nacheinander drei von den ihn Umstürmenden auf die gleiche Weise.

Drei andre erlegte Tristan.

Einer von den sieben entkam.

Der lief zurück in die Stadt.

Als König Marke das Geschehnis vernahm, erstickte er fast vor Zorn, daß ihm seine grausame Rache mißlungen war.

Hundert Mark in Gold setzte er aus, dem, der ihm die Entflohenen lebend oder tot brächte. Und über Herrn Tristan ließ er den Landesbann verkünden.

Im Westen der Ebene um Tintagol dehnte sich der bergige Urwald meilenweit, In ihm lief von Norden nach Süden die Grenze der Reiche Cornouaille und Leonnois.

Dahin war das Ziel, das die drei Flüchtlinge in scharfem Ritt erstrebten, Tristan und Kurwenal, mit ihnen Isolde, die sich auf die Kruppe von Tristans Pferd geschwungen hatte.

Zunächst ging es seewärts; und in der ersten Nacht fanden sie Unterkunft in der Burg Dinan. Tynas vermochte vor Freude und Glück kaum zu reden, als er die späten Gäste erkannte. Daß seine verehrte Königin und Tristan der edle Held gerettet waren, dies dünkte den alten Seneschall ein göttlich Wunder. Er hatte nicht mehr daran geglaubt.

Im Morgengraun entließ er sie auf drei guten Rossen, versehen mit dem Notwendigsten an Waffen, Jagdgerät und Nahrung.

Am zweiten Abend erreichten die Reiter die Klause eines Mönches. Das Christentum hatte damals im bretonischen Lande die ersten Wurzeln geschlagen. In der Stadt Dol war ein Kloster erbaut worden. Von dort entsandten die Bischöfe zahlreiche Diener des neuen Glaubens, die sich über die in jenen Zeiten karg bevölkerten Gaue der Bretagne verstreuten und wie Urchristen in Einsiedeleien hausten.

Ugrim hieß der Klausner, der hier im menschenfernen Waldgebirge sein Leben fristete. Er war in den besten Jahren, aber Asket und Eiferer, vor dem nichts Menschliches Gnade fand.

Tristan machte wenig Hehl aus dem, was ihm und Isolden widerfahren war. Er erzählte es dem frommen Manne.

Herr Ritter, rief der Eremit aus, sich dreimal bekreuzend, Gott der Allmächtige helfe Euch! Sonst seid Ihr verloren für diese und für jene Welt. Ihr habt Verrat geübt an Eurem Könige. Seid ein Ehebrecher. Habt zwei Sünder dem Gericht und wohlverdientem Urteil entzogen. Habt Euren Nächsten erschlagen und bietet dem Gesetz weiteren Trotz. Geht in Euch, Herr, tut Buße, gebt die Königin an den zurück, dem sie nach dem römischen Sakrament gehört. Euch selber aber liefert der weltlichen Gerechtigkeit aus, damit Ihr dereinst vor der himmlischen besteht! Anders seid Ihr ein Verdammter in aller Ewigkeit.

Lieber Einsiedler, erwiderte Tristan nach kurzem Nachdenken, was wißt Ihr, wie es hergeht im Herzen eines Ritters, der seiner Väter herrliches Vorbild hochhält und gar manches nicht zu verstehen vermag, was Ihr und Eure Gesellen uns predigen. Wie soll eine Frau nicht dem gehören, der sie mehr liebt als sein Leben? König Marke hat sie den Aussätzigen überantwortet. Damit sagte er sich los von seinem Weibe. Die Aussätzigen habe ich niedergeschlagen. Fortan ist Frau Isolde mein. Ich kann nicht von ihr lassen und sie nicht von mir.

Die blonde Wikingerin haßte alle Mönche, seitdem sie einmal ein Druidenheiligtum gesehen, das die Christen in ihrer Wut zerstört hatten. Drüben in ihrer Heimat gab es noch keinen Abfall von den alten Göttern.

Gebt Euch keine Mühe, sagte sie zu Ugrim. Wir danken Euch für Eure gütige Gastfreundschaft. Morgen sind wir weit weg von Euch. Stolz tragen wir unser beider Schicksal. Komme was kommen mag!

Spöttisch hörte Kurwenal eine Weile der Glaubensfehde zu. Dann verließ er die enge Stube, um draußen die Pferde zu versorgen.

Wie er wieder hereinkam, sprach er: Jetzt nehmt mein Evangelium! Er brachte ein Krüglein Wein aus dem Sattelsack.

Friedsam plauderten die Vier bei den Bechern. Kurwenal erinnerte die Liebenden an jenen Abend, da sie auf dem Brautschiffe ihren Trunk getan.

Am andern Morgen ward der Ritt durch den Bergwald fortgesetzt. Nach sieben wälschen Meilen erreichte man die Frohe Warte, ein entlegenes Jagdhaus, bereits im Gebiete von Leonnois und Eigentum Tristans, dicht an der Grenze von König Markes Land.

Hier gedachten Tristan und Isolde zu bleiben.

Mit Kurwenals Hilfe richteten sie ihr Heim ein, so gut es gehen wollte. Darnach entließen sie den treuen Freund samt den drei Pferden, die ihnen in der Wildnis zu nichts dienen konnten.

Es war eine prächtige Maienmondnacht, als Kurwenal schweren Herzens von den Liebenden schied. Er hatte den Auftrag, sich nach Tristans nicht mehr ferner Burg Kanohel zu begeben und dort an seines Herrn Statt zu schalten und zu walten. Er versprach, in jeder ersten Vollmondnacht, verkleidet als Kaufmann, mit einem stattlichen Reitersack im Jagdhause zu erscheinen. Niemand aber im Lande Leonnois sollte erfahren, daß der Landesherr heimlich zurückgekehrt war.

Die Frohe Warte lag wegabseits tief im Forst, hoch über einem Waldtale, durch das ein munterer Forellenbach floß. Gegen Norden lichtete sich das sanft abfallende grüne Meer der Eichen und Buchen. Dort begann das Gebiet der Wiesen und Sümpfe, das sich der See näherte, deren nächste Bucht in knapp fünf Wegstunden zu erreichen war.

Die Gegend hieß der Wald von Morlaix, genannt nach der Stadt, die an seinem Nordwestende lag.

Noch ehe Kurwenal von dannen ritt, gesellte sich ein andrer Getreuer zu den Einsamen.

Tristan hatte in Tintagol einen schönen Wolfshund aufgezogen, ein kluges gewandtes lebhaftes Tier. Sein Name war Hüsdan. Einen besseren Begleithund besaß kein König in der ganzen Welt.

Weil Herr Marke durch das Geringste, was ihn an Tristan zu erinnern vermochte, in Zorn und Wut geriet, hatten die Leute den Hund in den Zwinger gesperrt. Dort kauerte er im Winkel und nahm keinerlei Futter.

Jeden, der am Käfig vorüberging, ergriff Mitleid mit dem schönen Tiere, das so elend zugrunde ging.

Am siebenten Morgen nach Tristans Flucht kam der letzte der Ritter, die der König auf die Suche nach den Entronnenen ausgesandt hatte, unverrichteter Dinge heim. Der König, dem die Rückkehr vom Burgwart gemeldet war, empfing ihn voller Ungeduld im Hof, um seinen Bericht zu hören. Mißmutig schritt er an Hüsdans Kerker vorüber.

Tristans Hund! fuhr er einen der herumstehenden Knappen an. Soll er mich ewig an den verruchten Verräter mahnen? Zerre den Köter aus dem Loche, schaffe ihn in den Wald und henke ihn dort! Wehe, wenn du meinen Befehl nicht unverweilt vollstreckst. Ich laß dir beide Augen ausstechen!

Der Knappe nahm den Hund aus dem Zwinger und führte ihn an der Leine tief in die Weiße Haide. Das edle Tier folgte ihm willig, denn es witterte die Freiheit. Wie der Knappe nun aber den Hund töten wollte, brachte er es nicht übers Herz. Er wußte, wie Herr Tristan an Hüsdan hing und mit welcher Treue ihm Hüsdan diese Liebe vergalt. Und so ließ er den Wolfshund laufen.

In wilder Freude sprang der Freigewordene an dem Knappen hoch und leckte ihm zum Dank die Hand. Sodann wandte er sich und lief in behaglichem Trabe gen Westen, wo der ferne endlose Forst in seinem matten Blau schimmerte.

Kurwenal, der andern Tags in der grauen Frühe mit Pfeil und Bogen auf die Jagd geritten, hatte just auf einer Halde einen Rehbock erlegt. Er erschrak zu Tode, wie er unversehens Tristans Wolfshund unter überlautem Gebell aus dem Gebüsch stürzen sah.

Markes Jäger sind uns auf der Spur! so durchfuhr es ihn.

Kurwenal packte den Hund, der sich nicht beruhigen wollte, drückte ihn an sich und streichelte ihm den silbergrauen Kopf.

Still, Hüsdan! Sonst sind wir verloren!

Das kluge Tier verstand die Worte.

Der Ritter saß auf, nahm den Hund vor sich in den Sattel, damit er sich weiterhin still verhalte, und ritt nach einem Hügel, von dessen Höhe der einzige Weg in der Gegend, der nach Dinan, weithin zu überblicken war. Eine volle Stunde lag er daselbst auf der Lauer. Erst als er überzeugt war, daß kein Jagdgefolge in der Nähe war, daß sich also der Hund allein auf die Fährte gemacht hatte, um den geliebten Herrn zu finden, jetzt erst empfand er die rechte Freude über den unerwarteten lieben Ankömmling.

Wie er ihn zu Tristan brachte, nahm der Jubel des Wiedersehens auf keiner Seite ein Ende. Nur eines bereitete den Einsiedlern Sorge: Hüsdans ungestümes Gebell.

Ich habe gehört, sagte Isolde, daß man Jagdhunden beibringen kann, keinen Laut zu geben, sei es hinter schweißendem Wild, sei es beim Nahen von Fremden. Es wäre der Mühe wohl wert, deinen Hüsdan so zu gewöhnen.

Ich will es versuchen, erwiderte Tristan, denn ich vermag das treue Tier nicht wieder wegzuschicken.

Es war ein schweres Stück Arbeit, aber es gelang ihm. Nach vier Wochen folgte Hüsdan lautlos der Spur des vom Pfeile getroffenen Wildes; lautlos kam er zu seinem Jäger zurück, und lautlos wußte er ihn an die wohlgemerkte Stelle zu geleiten.

Nichts Schöneres haben Tristan und die blonde Isolde je erlebt als diesen ersten Sommer in ihrem Jagdhause im Walde von Morlaix. Es gebrach ihnen an keinerlei Ding. Ritter Kurwenal schaffte herbei, was sie sich wünschten. Daß sie außer diesem Getreuesten mit niemandem redeten, ward den Einsamen nicht zur Last.

Mit der Sonne erhob sich Tristan. Froh und heiter badete er im kühlen Bache. Er betrieb Waidwerk und Fischerei; er sammelte Beeren und Pilze; er wanderte mit Hüsdan oft bis zum Gestade der See, die er wie jeder Bretone liebte; er schnitzte sich Pfeile, und einmal gelang ihm ein wunderbarer Bogen, den er Nimmer-Daneben taufte.

Um Isolden zu belustigen, erfand er abends, ehe er einschlief, herrliche Geschichten, die er ihr andern Tags erzählte. Und in einer seltsamen Kunst brachte er es zur Meisterschaft. Allen Sorten Vögel, die es im großen Forste gab, in den verstecktesten Winkeln und Schluchten, auf der weiten Haide, in den schlickrigen Sümpfen und auf den schwarzen Klippen am Meere, allen lauschte er ihre Lieder ab. Keine Nachtigall schlug herzinniglicher, keine Lerche trillerte übermütiger, kein Star pfiff drolliger, kein Pirol präludierte tiefsinniger als ihr menschlicher Nachahmer. Wenn Frau Isolde hin und wieder ihre launische Stunde hatte, dann ließ der geliebte kindliche Phantast seine Vogelschar musizieren, und die Grillen verflogen ihr.

Dem wonnigen Sommer folgte ein goldiger Herbst. Aber dann kam der schlimme Winter.

In Felle gehüllt, hausten Tristan und Isolde in ihrem Schlößlein, dessen Wände dünn waren wie die einer Hütte und vor Regen und Sturm, Schnee und Frost nur wenig schützten.

An den langen Winterabenden trug Tristan die Lieder vor, die er gelernt oder selber gedichtet hatte, oder er erzählte von den berühmten Liebespaaren der Vorzeit, die gleich ihnen Lust und Leid erlebt, von Pyramos und Thysbe, von Hero und Leander, von Cäsar und Kleopatra, von König Arthur und der schönen Ginevra.

Tristan ertrug des Winters Not mit heiterer Ergebung, aber Frau Isolde sagte sich: Einen zweiten Winter werde ich nicht überleben.

Als der Schnee schmolz geschah es, daß der treue Kurwenal, der sich den Liebenden eine Reihe von Tagen gesellte, um sie der winterlichen Trübsal zu entheben, auf einer Streife durch den Wald an der Grenze von Cornouaille den Lärm einer Meute vernahm. Er legte sich in einen Hinterhalt und wartete der Jäger.

Siehe, es war der Ritter Ganelun von König Markes Hofe, einer der drei, die Herrn Tristan nächst seinem Vetter Audret arg verhaßt waren. Ohne Begleiter ritt er heran. Offenbar hatte ihn der Eifer der Jagd von den Gefährten getrennt. Kurwenal zögerte keinen Augenblick. Solch gute Gelegenheit schenken einem die Götter nicht alle Tage!

Von Kurwenals Speer getroffen, sank Ganelun von seinem Pferde.

Mit brechendem Auge erkannte er noch den Feind, der sich frohlockend über ihn beugte. Erbarmungslos ward ihm das Haupt vom Rumpf geschlagen.

Kurwenal nahm es beim Schopfe und brachte es seinem Herrn.

Heil dir! rief er ihm zu. Von deinen Feinden erfreut sich einer weniger des Lebens! Mögen die andern gar bald dem Schandbuben folgen!

Zur Sommerszeit begab es sich, daß König Marke mit kleinem Gefolge an der Westgrenze seines Reiches des Waidwerks pflog. Einer seiner Hundsmänner namens Orri hatte einen starken Hirsch erspürt. Im Eifer der Verfolgung geriet er hinüber in das Land Leonnois, gerade vor die Frohe Warte. Wie er im Busch stand, um abzuwarten, ob das einsame Haus, das er noch nie gesehen, bewohnt sei, da kamen Tristan und Isolde daher.

Orri erkannte sie und belauerte sie eine Weile. Alsdann machte er sich auf und legte eilends die sechs oder sieben Wegstunden zurück, die er sich von der königlichen Herberge entfernt hatte.

Herr und König, vermeldete er, ein glücklicher Zufall hat mir den Ort verraten, wo Herr Tristan haust.

Und er erzählte, was er erspäht.

Marke, dem sich im Augenblick hundert hastige Pläne boten, befahl dem Hüter, bei Todesstrafe vor jedermann zu schweigen.

Morgen, wenn der Hahn kräht, sagte er zu ihm, sei bereit, mich dorthin zu führen! Hoher Lohn ist dir gewiß.

Die weissen Nebel von der See her flatterten noch über die endlose Haide, als der König und der Hundsmann Orri das Gehöft verließen, in dem die ritterliche Jagdgesellschaft in jenen Tagen ihren Standort hatte.

Wie die zwei an die Frohe Warte kamen, befahl Marke seinem Begleiter, mit den Pferden im Walde zu verbleiben. Er selber schritt durch die hohe Hecke auf das kleine Haus zu. Ringsum brütete Totenstille. Kein Laut verriet, daß der verlassene Ort zwei Menschen barg.

Tristan war in der Morgenfrühe in den Wald jagen gegangen. Müde kam er zurück und begehrte zu schlafen. Isolde bettete ihn unter der großen Linde im Garten, unweit vom Hause, auf Moos und Heu, und legte sich neben den Geliebten.

Da er jederzeit auf der Hut vor Feinden sein mußte, hatte er sein Schwert stets bei sich. Auch an diesem Morgen hatte er es zwischen sich und Isolden gelegt, um es bei der Hand zu haben.

Der blanke Stahl zwischen uns? scherzte Isolde. Er hütet meine Unschuld zu spät.

Deuten wir das Zeichen anders! sagte Tristan. Jedesmal wenn du dich mir schenkst, Geliebte, nehme ich dich, als sei es zum ersten Male. Du bist mir die Ewigkeusche!

Freund, erwiderte sie, dann liegt das Schwert am rechten Platze.

So fand König Marke die Liebenden im Schlafe nebeneinander. Im ersten Augenblick durchraste ihn Grimm und Groll. Ohne zu wissen was er tat oder tun solle, zog er sein Schwert.

Soll ich Tristan wecken und mit ihm auf Tod oder Leben kämpfen? fragte er sich, und der Puls schlug ihm wild. Schon schwur er zu sich selber: Einer von uns beiden soll den Tag nicht überleben!

Da fiel sein Blick auf die blanke Klinge des Feindes.

Hand in Hand schlummern sie, und zwischen sich das nackte Schwert?

Tausend Zweifel durchzuckten ihn. Weggeweht wie die weißen Morgennebel von der mittäglichen braunen Haide war sein Haß, und heiß wie die Sommersonne hoch über den Wipfeln brannte ihm im Herzen die törichte alte Liebe zur schönen Isolde.

Ist es möglich? fragte er sich. Wen zu täuschen, wäre das Zeichen der Keuschheit ausgelegt?

Keiner wußte bis heute das Versteck der Weltflüchtigen. Niemand kam hierher, und wäre jemand gekommen, in der nächsten Stunde wären diese beiden weitergeflohen.

Lange stand der König da wie gelähmt. Verwunderung, Freude, Hoffnung, Nachsicht, Güte stimmten ihn um.

Es muß Liebe geben, sprach er nachdenklich zu sich, die ich nicht kenne, wie es Herzen gibt, ungleich dem meinen. Allezeit war ich anders als die Andern. Abseits und über den Menschen habe ich gelebt. Umsoweniger darf ich, der ich nur mich oder nicht einmal mich selber verstehe, die Art der Anderen mißachten.

Behutsam nahm er Tristans Schwert. Die Scharte daran erinnerte ihn an Unvergeßbares. Und ebenso behutsam legte er sein eigenes Schwert zwischen die Schlummernden.

Eine Weile noch betrachtete er, ergriffen von Erinnerungen, Isoldens sonnenverbranntes Antlitz. Es war schmäler denn einst, und es dünkte ihn, stilles Leid läge darin.

Der Smaragd im Reif ihrer Rechten sprühte sein grünes Licht im Strahle der Sonne. Wie weit lag die frohe Zeit zurück, da er die schlanke weiße geliebte Hand mit diesem Ringe geschmückt hatte!

Ohne Mühe streifte er ihn der Schlafenden ab; er saß nicht fest. Und er nahm von seiner Hand den Reif, den ihm Isolde am Abend ihrer Ankunft in Tintagol geschenkt hatte. Ein Spruch in Runen war darauf eingegraben, wilde Wikingerworte:

Heiß oder Eis: Drittes nicht weiß!

Diesen Reif ließ er um Isoldens Finger gleiten. Wenige Augenblicke später verhallte der Schlag acht eiliger Hufe.

Isolde erwachte zuerst. Als sie den Runenring an ihrem Finger sah, erschrak sie schier zu Tod. Erregt sprang sie auf und rief:

Liebster, wehe uns! Der König hat uns erspürt. Uns droht Gefahr!

Auffahrend erblickte Tristan Markes Schwert neben sich.

Rasch überdachte er die Lage.

Gewiß war Marke allein hier. Er hat uns entdeckt und holt nun seine Ritter und Reisige, uns festzunehmen und fortzuführen.

Auf, Freundin! Rasch müssen wir fliehn!

Isolde hörte es kaum.

Schau! sagte sie. König Markes Reif an meiner Hand! Den meinen hat er mir im Schlafe genommen. Sag, was heißt dies Zeichen?

Lang und bedächtig sprachen sie hin und her. Der Tag verflog. Schon rollte der Abend seinen schwarzen Schatten über die Haide. Nicht mehr gedachten die Liebenden der Flucht.

Warum hat König Marke mich nicht gemordet? fragte Tristan. Ich schlief; er nahm mir mein Schwert; ich war in seiner Gewalt. Und wenn er zu feig gewesen wäre, mich eigenhändig zu erschlagen, wenn er hierzu seine Knechte hätte herbeiholen wollen: weshalb gab er mir sein Schwert?

Nein, seine Gedanken und sein Wille haben andere Absicht. Waffentausch bedeutet niemals Feindschaft, sondern Friedensschluß. König Marke hat mir verziehn!

Er hat sich der Liebe erinnert, die er mir geschenkt, als ich vor zehn Jahren, noch ein Knabe, an seinen Hof kam. Ihm zu Füßen vergaß ich meine Heimat Leonnois. Für sein Vaterland habe ich mit Morold gekämpft. Für ihn bin ich ausgefahren gen Feindesland. Ihm habe ich Isolde Blondhaar geworben. Ihm habe ich die Sonne in sein finsteres Schloß gebracht. Ach, und ich weiß, ihm habe ich Isolden vom Feuertode errettet; ihm sie von den Aussätzigen befreit.

Dies mir gegebene Schwert zeigt mir seine königliche Großmut. Nun ist es an mir, mich ihm als Königssohn zu erweisen. Noch liebt er Isolden. Er will sie wiedergewinnen. Er packt mich an meiner Ritterehre. Ich soll ihm das Weib, das wir beide lieben, jeder auf seine Art, freiwillig zurückgeben.

Tristan zergrübelte sich das Hirn. Auf allen Wegen seiner Gedanken geriet er immer wieder an diesen fragwürdigen Ausgang.

Er sah, wie Isolde zum hundertsten Male den Runenreif betrachtete.

Sehnte sie sich nach dem Purpurmantel zurück? War sie nicht zur Königin geboren? Zu Prunk und Pracht, Würde und Macht?

Verdarb sie nicht, langsam und leise, hier in der menschenfernen Einöde? Über ein Jahr währte ihr Waldleben in Einsamkeit, Entbehrungen, Gefahr. Hart war der Winter gewesen. Schon wehte wieder kühler Herbstwind über die verblühende Haide.

Ein zweiter Winter wäre der Tod der Liebe oder der Untergang der Einzigen!

Das Herz ward ihm schwer.

Isolde, sprach er, was glaubst du, daß dir des Königs Ring verkünden soll?

Liebster Freund, erwiderte sie, darüber bin ich mir nicht im Zweifel. Marke verzeiht mir wie dir. Auch die Gründe sind mir nicht mehr verborgen.

Tristan fragte: Hat der König eingesehen, daß er dir Unrecht getan hat, als er den Verleumdern sein argwöhnisches Ohr lieh und Verdacht für Beweis nahm?

Isolde lachte auf.

Selbstbetrug, erwiderte sie, ist doch tausendmal süßer als Selbsterkenntnis. Marke schmeichelt sich, dein Schwert habe meine Unschuld gehütet, ihm, dem edelsten Manne seines Landes. Das ist der Quell seiner Großmut. Tor und Narr ist der Mann, der einem Weibe verfallen ist.

Tristan verstand sie nicht. Nun hütet dich also sein Schwert und du bist wieder die Königin? Und ich habe dich verloren? Jetzt im Traum und bald in der Wirklichkeit? fragte er traurigen Sinnes.

Isolde ergriff die Waffe, warf sie fort und küßte den Geliebten.

Was wohl antwortest du mir, fuhr Tristan fort, wenn ich dich offen und ehrlich frage: Willst du wieder die Königin sein? Es steht in deiner Macht. Sieh, du hattest Markes Smaragd an deinem Finger bewahrt. Hättest ihn ins Meer werfen sollen, wo es am tiefsten ist! Und der König trug deinen Runenspruch. Als du dem Scheiterhaufen entrannst, hätte Marke den Reif in die Flammen werfen müssen. Das wäre Haß, Abkehr, Vergessen gewesen. So aber hat die geheime Macht der beiden Ringe euch von neuem einander genähert. Horch auf! Der König ruft dich! Die Königin hat zu entscheiden!

Und du? fragte Isolde.

Vor ihrem inneren Auge schaute sie sich sitzen, das Diadem auf dem Haupte, in der hohen Halle von Tintagol, auf dem goldenen Sessel neben König Markes Thron, inmitten der prunkvollen Edelleute von Cornouaille.

Ich? wiederholte Tristan. Du weißt doch, Unrast ist mein Los, Kampfgefilde meine Heimat! In jugendlicher Tatenlust habe ich mein Land Leonnois verlassen, um in der weiten Welt Unvergleichliches zu vollbringen. In Tintagol bin ich verblieben, gefesselt von einem blonden Haar. Zerreiße es, Königin, und wir sind beide wieder frei! Ich werde meine Weltfahrt fortsetzen, zur Seite der Gefährten, mit dem ich sie dereinst begonnen. Jedes erfüllt sein Schicksal. Welche wahre Frau der Erde wollte nicht Königin sein, und welcher echte Mann nicht Eroberer eines Märchenreiches an der Welt Ende?

Seine Augen leuchteten in düsterer Begeisterung. Isolde erfaßte seine Hände.

Liebster, sprach sie, das Schönste, was ich erlebt habe, was ich erleben konnte und nimmer wieder erleben werde, waren die siebzehn Monate, die mir mit dir in der Verlassenheit hier beschieden waren. Nie werde ich sie vergessen, nie dafür zu danken aufhören. Diese göttliche Zeit ist verronnen. Sie weiterzuspinnen, weigert sich die Vorsehung. Zu ewig friedsamem Dasein bist du nicht geboren. Du sollst die Welt mit deinem Namen erfüllen. Wir wollen kein Alltagsleben führen. Du schenkst mich dem Könige zurück und ich dich der Welt und der Nachwelt.

Als der Tag zur Rüste ging, hatten Tristan und Isolde beschlossen, den Klausner Ugrim aufzusuchen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.