Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Schurig >

Der Roman von Tristan und Isolde

Arthur Schurig: Der Roman von Tristan und Isolde - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDer Roman von Tristan und Isolde
publisherJ. Gnadenfeld & Co
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid25fb2854
created20061213
Schließen

Navigation:

Herr Tristan litt nicht minder Not und Pein. Das Feuer der hohen Liebe hatte ihm seiner Gebeine Mark entzündet, und das Blut brannte ihm in allen Adern. Auch er vermeinte sterben zu müssen. Seine Zuversicht, sein Gleichmut, seine Lebensfreude waren dahin. Stumm ging er einher, und wenn er Isolden ins geliebte Angesicht schaute, ward er glutrot und rasch wieder blaß. Was bin ich für ein Feigling geworden? warf er sich vor, verwirrt über sich selber.

Wie Brangäne sah, daß die Liebenden ihrem Schicksal unabwendbar verfallen waren, wandte sie sich voll Sorge um die geliebte Herrin an den Ritter Kurwenal, von dem sie wußte, daß er seinem Herrn ergeben war wie sie Isolden.

Ihm war seines Gebieters und Freundes Verwandlung nicht fremd.

Sie schütteten einander das Herz aus.

Was sollen wir tun? fragte Brangäne.

Und sie berieten sich die halbe Nacht.

Wenn wir ihnen nicht helfen, sagte sie, ist es beider Tod. Sie zehren sich in ihrer heimlichen Liebe auf. Ohne Bedenken möchte ich mein Leben für Isolden geben, aber was nützte es ihr und ihm? Keine Frage, wir müssen ihnen ihr Leben erhalten, das der Welt wertvoller ist als das unsere.

Kurwenal sagte: Wer an der Krankheit der Liebe leidet, dem hilft nichts, wenn ihm seine Sehnsucht nicht gestillt wird. Ich muß den Verwunschenen seines Mannestums erinnern.

Am vierten Tage war die Sommersonnenwende.

Strahlend erhob sich der Morgen wie am ersten Tag im Paradiese.

Kurwenal sprach zu Herrn Tristan: Heut ist Sonnenwende, ein Tag der Sonntagskinder und Sieger. Geht zu Isolden! Gesteht ihr Euer Herzeleid! Es steht um sie genau wie um Euch!

Da faßte Herr Tristan Mut und trat vor das Schiffsgemach der Geliebten. An der Tür wankten ihm die Knie. Kaum vermochte er sich bemerkbar zu machen. Urplötzlich kam ihm ins Gedächtnis, daß er König Markes feierlich bestellter Brautwerber war.

Isolde hatte Tristans Tritte gehört.

Sie rief: Herr Tristan, kommt herein!

Er erschrak.

Warum heißt sie mich zu dieser Stunde Herr? fragte er sich. Wie lieb wäre es mir, sie täte mir diese Ehre nicht an. Aber sie ruft mich in ihre Kemnate. Bekennt sie damit nicht vor ihrer Dienerin, daß ich ihr der Liebste bin?

Der Gedanke schenkte ihm Zuversicht und Kraft. Festen Schrittes trat er ein. Und wie er das Gespräch begann, verließ Brangäne das Gemach und ging Geschäften nach.

Die beiden blieben allein miteinander.

Königin, fragte Tristan, nur um nicht zu schweigen, warum habt Ihr mich Herr genannt? Bin ich nicht Euer Lehnsmann, Euer Untertan, Euer Diener, verpflichtet, Euch in Demut zu ehren, zu verehren als Herrin, Gebieterin, Fürstin ...

Isolde unterbrach ihn.

So ist es nicht rief sie. Nie war ich Herrin über dich! Als ich zum ersten Male deinen Namen hörte, Tristan von Leonnois, da ich noch nichts von dir wußte als daß du der Feind meines Hauses, meines Volkes, meines Vaterlandes warst, da schon hast du mich ergriffen. Du machtest dich zum Herren über mich. Dann, als ich dich leibhaft vor mir sah, als ich das Schwert erkannte, das mir den Bruder gemordet, da küßte ich dich vor aller Welt, statt dich totschlagen zu lassen, wie es das Gesetz der Blutrache gebot. Du warbst um mich für einen Andern. Warum bin ich zu dir ins Schiff gestiegen? Es war nicht die Königskrone, die mich lockte. Du warst es, der es mir anbefahl, ohne daß du es mir in Worten sagtest. Es sollte dir ewig geheim bleiben. Und doch sage ich es dir heute. Ach, hätte ich Euch damals nicht geküßt!

Quält dich die Reue, Isolde? fragte Tristan. Die Erkenntnis quält mich! erwiderte sie. Und alles in mir und über mir. Erde und Himmel tun mir weh, Leib und Leben, Vergangenheit und Zukunft!

Sie stützte sich wie von ungefähr leicht auf Tristans Schulter.

Und du tust mir weh! fügte sie weich hinzu. Er schaute ihr in die Augen und drückte sie an sich.

Wie der Abendstern im Blau der Ewigkeit hoch über ihren Häuptern aufflammte, waren Tristan und Isolde einander verbunden bis in den Tod.

Von der Kaiserinsel war es nicht mehr weit bis zum Festlande. In der Ferne über dem weißen Nebel schwammen die dunklen Klippen der langen Küste von Cornouaille. Bitteres Leid floß in die süße Lust von Tristan und Isolden. War doch sobald das Köstlichste zu Ende. Ein Dritter trat zwischen sie. Mit dem Rechte des Ehemannes und Gebieters durfte er Besitz nehmen von der Frau, die Tristan über alles liebte. Voll Grauen gedachte Isolde der ihr bevorstehenden Hochzeit.

Am letzten Tage auf der Insel hatten die beiden bis tief in die Nacht Rat gehalten. Gab es einen ehrlichen Weg aus ihrer Not und Pein?

Den gemeinsamen Tod verachteten sie als feige Flucht.

Wie aber, wenn sie im Morgengrauen, ehe das letzte Stück Fahrt begann, in einer Barke entrönnen? Britannias Gestade war ohne viel Gefahr zu erreichen. Und von dort stand ihnen die Welt offen.

Tristan vermochte sich dazu nicht zu entschließen. Er hatte König Marke, seinem Herrn, als Ritter und Held versprochen, seinen ehrenvollen Auftrag zu erfüllen; er hatte König Hangwin gelobt, seine Tochter zu ihrem Ehegemahl zu geleiten. Und sich selber hatte er, so weit er sich zurückbesinnen konnte, die Pflicht gesetzt, nie auch das Geringste zu tun, das ihm an einem Andern unritterlich gedünkt hätte.

Wenn das eine Schuld war, daß er seine Liebe zu Isolden im rechten Augenblicke nicht vernichtet hatte, wohlan, diese Schuld nahm er guten Mutes auf sich! Die Norne hatte ihm dies Glück oder Unheil gesponnen. Niemandem in der Welt hatte er hierbei sein Wort verpfändet. Hingegen, seine Ritterehre erheischte es, wenn auch blutenden Herzens, das Kleinod seines Lebens nach Schloß Tintagol zu führen. Geschehe dann, was geschehen soll!

Isolde hörte stumm an, was der Geliebte sprach. Am Normannenhofe hatten die Frauen zu Dingen der Mannesehre nichts zu sagen.

Ihr graute vor der Hochzeitsnacht mit König Marke, aber die wikingische Königstochter hätte sich selber verachtet, wenn sie der ihr vom neidvollen Schicksal zugeteilten Rolle kleinmütig und verzagt nicht gewachsen gewesen wäre.

Der Dämon, der in jedem höheren Weibe lebt und webt, rief ihr zu: Spiele deine Rolle als eine Meisterin!

Leidenschaftlich umarmte sie den Geliebten, der in ihren schimmernden großen Augen nichts erschaute als erhabene Demut vor der Götter Willen.

Da gesellte sich Brangäne der Beratung. Die heimliche Qual, die ihre treue Seele erlitt, war nicht minder gewaltig. Immer wieder warf sie sich Ungeheures vor. Daß der ihr anvertraute verhängnisvolle Zaubertrank den Liebenden gereicht worden war, es mochte die göttliche Hand des Schicksals so gefügt haben, aber hätte Brangäne ihre Pflicht erfüllt, das Unheil wäre nicht geschehen.

In den Sternennächten, in denen Tristan und Isolde die Juwelen ihres Lebens fanden, rang sich die zur Dienerin beschiedene Fürstentochter in heißen Tränen zu dem Entschlusse, der geliebten Herrin das Höchste zu opfern, um die schwere Schuld zu sühnen. Tausendmal lieber hätte sie ihr Leben gelassen. Was hätte es geholfen? Es galt ihren jungfräulichen Leib zu opfern.

Ohne sich anmerken zu lassen, daß sie in langem Kampfe sich selber hatte besiegen müssen, erklärte die Getreue:

Herrin, ich werde König Marke geben, was Ihr ein zweites Mal nicht zu geben habt.

Aufschreiend vor Leid und Lebenslust fiel Isolde ihr um den Hals.

Und in echter Weibeslist beschlossen die beiden, den königlichen Ehemann auf das Ärgste zu betrügen.

Cornouaille kam näher und näher. Längst hatten die Hafenwächter das ferne weiße Segel mit dem frohen Wimpel darüber erspäht. Als das Brautschiff einlief, stand König Marke inmitten eines glänzenden Gefolges am Staden.

Fanfaren schmetterten, das bretonische Königsbanner flatterte, eine Flut von Rosen prangte, als Isolde beim Betreten des Landes die ihr feierlich dargebotene Hand König Markes ergriff und ihren künftigen Gemahl in Huld und Liebreiz begrüßte. Ihm, seinen Rittern, seinem Volke erschien die hohe goldblonde Wikingerin wie eine schöne Fee aus dem Märchenlande. Wahrlich, dachte er voller Freude bei sich, welch Glück haben mir meine lieben beiden Schwalben gebracht!

Bescheiden stand Herr Tristan hinter der umjubelten Königin. Es geschah nicht sogleich, daß der beglückte Bräutigam seiner wahrnahm. Umso herzlicher schloß er ihn endlich in seine Arme. Auch den jungen Kämmerer Paranis und der Jungfrau Brangäne reichte er die Rechte als Gesandten des Normannenvolkes, mit dem die Bretonen nach hundertjahrelangen Kämpfen zum ersten Male ein friedliches Band knüpften.

Auf Zeltern ritt der königliche Zug, geführt vom Seneschall Tynas, ein ins Bretonenland, nach dem Schlosse Tintagol.

Sinnend schaute Isolde zur Rechten und zur Linken die weite, weite Haide. Welch schwermütiges Land! Da leuchteten zum freudigen Gruße die hellen Zinnen der stolzen Königsburg auf, hinter der, empor zur Bergeshöhe, die mächtigen Baumwipfel des Gartens geheimnisvoll wogten.

Drei Tage nach Isoldens Ankunft ward des Königs Hochzeit zu Tintagol mit Prunk und Pracht gefeiert.

Es war Wikingerbrauch, daß kein Licht in der Brautkammer brannte bis Mitternacht, wo der Kämmerer zu kommen hatte, eine brennende Kerze in der Hand und einen goldnen Becher mit dem Hochzeitstrunk.

Beim Festmahl erzählte Isolde Herrn Marke hiervon und bat in listiger Verschämtheit, die uralte Sitte der Nordleute gelten zu lassen.

Artig vergönnte ihr dies der verliebte König. Und die Ehre des Hochzeitskämmerers trug er Herrn Tristan an, als dem, dem er die schöne Nacht verdankte.

Aber nicht Isolde lag im Brautbett, sondern Brangäne, die in ihrer Treue preisgab, was sie als einzigen Schatz besaß.

Dunkel verbarg der jungen Königin Betrug und des Königs ewige Schande.

Erst im Augenblick, da um Mitternacht Tristan als Kämmerer mit dem flackernden Lichte ins Gemach trat, schlüpfte Isolde an Brangänens Platz.

In langen Zügen trank der durstige König aus dem ihm feierlich gereichten Becher. Frohlockend nippte Isolde. Und es geht die Sage, Brangäne habe das Krüglein mit der Neige des Zaubertranks ehedem doch nicht ins graue Meer geworfen, sondern aufbewahrt und die letzten Tropfen in den Hochzeitsbecher gemischt. Fürwahr, König Marke hat Frau Isolden geliebt, sogar im Hasse, in Qual und Seelennot, und auch Herrn Tristan sein Herz niemals ganz verschlossen. War Brangäne daran die Urheberin oder war es der Edelmut des Königs?

Brangäne hatte ihrer Herrin das Teuerste geopfert. Und doch traute ihr Frau Isolde nicht.

Es war ihr unheimlich, die einzige Mitwisserin ihrer Schuld und Sünde täglich um sich zu sehen. Alles, was eine junge Frau begehren mag, war der Herrscherin zu eigen. Das Volk verehrte sie ob ihrer Schönheit. Keine im ganzen Lande hatte ihren hohen Wuchs, ihren vornehmen Gang, ihr goldnes Haar, ihren Liebreiz, ihre Sieghaftigkeit, keine besaß so ausgesuchte Gewänder, so weiße Perlen, so kostbares Geschmeide, so prächtigen Hausrat. Keine ritt einen schöneren Zelter, hatte edlere Falken und hurtigere Hunde. Keiner waren eifrigere Ritter zu Diensten als Paranis und Kurwenal. Keiner war ein königlicherer Gemahl vermählt. Und keine hatte einen herrlicheren herzliebsten Freund.

Niemand in der Welt kannte Isoldens süßes Geheimnis. Keiner belauschte sie. Keiner stellte ihrem heimlichen Glücke nach. Keiner hätte sie der Untreue bezichten können.

Allein Brangäne.

Konnte nicht der böse Geist plötzlich über sie kommen? Heute oder morgen konnte sie dem Könige Worte des Verrats zuflüstern. Mächtiger als ihre Herrin, konnte sie Isolden verderben zu jeder Stunde. Beider Glück war ihrer Laune Sklave. Ach, auch Tristans Leben lag in ihren Händen!

Fiebernd bedachte Isolde dies alles in so mancher Nacht, wenn sie schlaflos neben König Marke lag. Und langsam wuchs in ihr ein grausamer grausiger Anschlag.

Eines Tages im Herbst da König Marke mit Tristan und den andern Herren, die Dienst im Schlosse taten, zur Sauhatz nach der Weißen Haide geritten war, berief Frau Isolde zwei Knechte zu sich. Sie versprach ihnen die Freiheit und je dreißig Silbertaler, wenn sie eine Tat vollbrächten, die sie ihnen auftragen wolle. Die Knechte erklärten sich bereit.

Schwört mir bei eurer Mutter ewiges Schweigen! befahl die Königin.

Die beiden Knechte schworen, wie ihnen geheißen.

Da sagte die Königin: Ihr wißt, hinter der Burg, im Baumgarten steht ein Brunnen. Stellt euch in dessen Nähe, und wenn einer kommt, ein Mann oder ein Weibsbild, mit einem goldenen Becher Wasser zu schöpfen, den schlagt tot und bringt mir zum Zeichen eurer vollführten Tat die Zunge des Erschlagenen!

Die Knechte empfingen ihre Silberlinge, gelobten nochmals, es also zu tun, und gingen voller Freude über den Lohn.

Die Königin aber legte sich nieder, klagte, sie wäre krank, und begehrte von Brangänen Wasser in ihrem Becher aus dem Baumgarten. Dort war auf weit und breit der frischeste Quell.

Besorgt nahm Brangäne Isoldens Goldbecher und ging zu dem Brunnen. Als sie vom Wasser schöpfte, da traten aus dem Busch die beiden Knechte, packten sie an den Armen und sagten ihr, sie müsse sterben.

Brangäne erschrak ohne Maß und sprach: Was soll das? Ich wüßte nicht, was ich getan hätte, daß ich den Tod verdient. Laßt mich von hinnen!

Die Knechte erwiderten ihr: Es ist der Königin Befehl!

Tief betrübt sagte die treue Brangäne: Bei meinen Göttern, ohne Schuld bin ich jämmerlich verraten. Ich weiß nicht, was die Frau Königin an mir zu rächen wähnt. Ihr aber seid brave Männer, die nichts Ungerechtes vollstrecken dürfen. Eile einer von euch beiden zurück zur Königin und vermelde ihr, ich sei von euch erschlagen, und ich ließe ihr durch meine letzten Worte sagen, Gott Odin soll ihr Leib und Ehre schützen für all das Gute, das sie mir ehedem getan. Ich hätte ihr mein schneeweißes Brauthemd von Herzen gern hingegeben, weil der starke Sturm das ihre zerrissen.

Den Knechten war der Rede Sinn verborgen, doch soviel errieten sie, daß die Königin Übles von ihnen gefordert hatte. Darum sagte der Eine zum Andern: Wir wollen unser Gewissen rein halten. Vielleicht ist die Frau Königin schon andern Willens.

Wie sie so miteinander redeten, lief von ungefähr ein Windhund vorüber. Den fingen sie und erstachen ihn.

Die warme Zunge des Tieres in der Hand, ging der eine Knecht vor Frau Isolden.

Hast du deinen Dienst getan? fragte sie ihn erbebend. Hat sie dir etwas aufgetragen ? Sprich, was waren ihre letzten Worte?

Wir haben sie erschlagen, erwiderte der Mann, erschrocken vor der unheimlichen Glut in seiner Herrin meerblauen Augen. Sie läßt Euch sagen, Gott Odin möge Euch Leib und Ehre schützen für all das Gute, das Ihr ihr ehedem angetan. Sie hätte Euch ihr schneeweißes Brauthemd von Herzen gern hingegeben, weil der starke Sturm das Eure zerrissen. Und hier, Königin, ist die Zunge der Gerichteten!

Isolde ward totenbleich. Das Herz stand ihr still. Kaum vermochte sie zu sprechen.

Ich Unselige! sagte sie vor sich hin. Wie weit habe ich mich von mir selber verirrt!

Narr du! rief sie, jäh aus ihrer Ohnmacht erwachend. Mordbube, was hast du getan?

Der Knecht grinste verschmitzt.

So wandelbar ist das Weib! Es lacht und weint, liebt und verrät, leidet und mordet zur selben Stunde.

Frau Königin, sagte er, tröstet Euer Gemüt! Das Weib am Brunnen lebt und ist nicht tot. Da ich sehe, es täte Euch leid, wenn es anders wäre, so bin ich froh, daß wir ihr das Leben gelassen haben.

Spottest du? fragte Isolde ungläubig.

Nochmals sagte der Knecht: Frau Königin, wir haben ihr das Leben gelassen. Zürnt uns nicht! Soll ich sie Euch bringen ?

Wenn ich Brangäne wiedersehe, will ich euch, dich und deinen Gesellen, mit Gold belohnen. Sonst aber seid ihr verflucht auf immerdar.

Als Brangäne leibhaftig wieder vor ihr erschien, sank Isolde, aus Freude wie von Sinnen und Tränen in den Augen, vor ihrer Dienerin nieder und küßte ihr beide Hände.

Treueste der Treuen, sagte sie ehrlichen Sinnes, verachtest du mein undankbares Herz? So lange ich lebe, will ich an dir wieder gut machen, was ich gefehlt. Wie gnädig sind mir die Götter, daß die Einfalt der Knechte dich errettet hat! Verzeihst du mir, Freundin?

Es kommt mir nicht zu, von Verzeihen zu reden. Deine Mutter hat mich den Seeräubern abgekauft und mich dir geschenkt. Du kannst machen mit mir, was du willst. Es ist dein Recht. Du bist die Herrin. Was schön war in meinem nichtigen Leben, verdanke ich deiner hohen Mutter und dir. Und wenn es dir zur Freude ist, daß ich noch lebe, so soll es auch meine Freude sein. Dir und Herrn Tristan diene ich bis zu meinem letzten Stündlein.

Versöhnt küßten sie sich. Und lange weinten sie, still bei einander.

Plötzlich ermannte sich Isolde.

Wenn es wahr ist, sagte sie versonnen, daß wir Frauen dem ewiglich gehören, der uns als Erster hinnimmt, so bist du vor Gott und jedem, der die Wahrheit weiß, die Königin von Cornouaille und ich die Herzogin von Leonnois, im Leben wie im Tode. Und nicht dies ist meine große Schuld, daß ich König Marke betrog, betrüge und weiter betrügen muß, sondern jenes, daß ich Herrn Tristan die Treue der ersten Liebe brach.

Über ein Jahr ging dahin. Tristan und Isolde glaubten, ihr heimliches hohes Liebesglück könne nimmer ein Ende haben. Aber der böse Feind lag auf der Lauer.

Im Schlosse lebte ein Zwerg; Melot hieß er. Er stammte aus Aquitania. Wie alle Verkrüppelten war er tückisch und boshaft, neidisch und falsch. Unbemerkt schlich er zu allen Stunden durch die Gänge und Gemächer. Und so war er es, der hinter der Liebenden Geheimnis geriet. Brangänens Wachsamkeit vermochte es nicht zu hindern. Weder Frau Isolde noch Herr Tristan hatte ihm Schlimmes je angetan, aber der Bursche haßte ob seiner eigenen kleinlichen dunklen armseligen Natur alles was in Schönheit, Größe und Glück leuchtete.

Wie er wußte, daß die Königin und des Königs Kämmerer des öfteren verbotener Liebe pflogen, wandte er sich an Tristans ärgsten Feind, Herrn Audret. Der frohlockte. Endlich hatte er ein Mittel, den verhaßten Vetter zu verderben und zu entfernen.

Mit hochwichtiger Miene erschien Audret, begleitet von seinen drei Spießgesellen Ganelun, Godwin und Denowal, vor Marke zur Stunde, da der König Bittstellern und Anklägern Gehör zu geben pflegte.

König und Herr, sprach Audret, wir wissen wohl, daß Ihr voll Zorn sein werdet, wenn Ihr mich angehört habt, und es tut uns im Voraus unsagbar leid, aber wir müssen Euch enthüllen, was wir entdeckt haben. Ihr haltet mehr auf Herrn Tristan als ihm gebührt und mehr als er es verdient. Ihr hebt ihn über alle Eure Verwandten, Freunde und Gefolgsmänner. Aber er schändet Eure Ehre. Er buhlt mit Eurem Weibe. Er verleitet sie zu Untreue und Schande. Wir warnen Euch, König Marke. Schickt den Übeltäter schleunigst aus dem Lande, denn was wir Euch vermelden, ist lautere Wahrheit. Schon reden die Leute und spotten Eurer Blindheit.

Marke griff an sein Herz; es tat ihm gewaltig weh. Und ohne seinen Schmerz und Ingrimm zu offenbaren, erwiderte er dem Kläger:

Schweigt! Ich leugne nicht, daß ich Herrn Tristan als einem tapfern Manne den Vorzug gebe vor dir Memme und Schwätzer. Hast du vergessen, wer den raubgierigen Wikinger im mutigen Zweikampf besiegte und das Land von der Schmach befreite? Keiner von meinen Baronen bewies damals seinen Mut. Seitdem liebe ich den jungen Helden; Ihr aber haßt ihn. Genug! Was habt Ihr Schändliches entdeckt? Sprecht, doch macht es kurz! Ich höre Schurkerei ungern.

Audret wagte kaum noch zu reden.

Lieber Oheim, stotterte er verlegen, ich wollte Euch nur gewarnt haben. Wie gesagt, die Leute munkeln so manches. Doch ist gewiß nichts Wahres daran, und Eure Frau Gemahlin, unsre verehrte Königin, hat nichts getan, was Eure Augen nicht sehen und Eure Ohren nicht hören könnten.

Ungnädig hatte König Marke die Verdächtiger entlassen. Er glaubte ihnen kein Sterbenswort, aber eine Wunde hatte man ihm doch geschlagen, und das darein geträufelte Gift blieb nicht ohne Wirkung. Obgleich es weder sein Vorsatz noch seine Art war, ertappte er sich immer wieder dabei, wie er Frau Isolden und seinen Neffen Tristan beobachtete.

Brangäne bemerkte es und warnte die Liebenden. Sie waren auf ihrer Hut; aber einmal geschah es, daß Marke unerwartet eintrat, just wie Tristan Frau Isolden im Arm hielt und küßte. Der König erschrak mehr als Tristan. Der tat, als habe er Scherz getrieben.

Heiß vor Zorn rief Marke: Tristan von Leonnois, Euer verliebtes Spiel mit meinem Weibe geht über die Schranken des Wohlerlaubten. Nicht will ich glauben, daß du den ungeheuerlichen Verrat, dessen dich deine Feinde zeihen, zu begehen fähig wärest. Doch was nicht ist, kann kommen. Darum befehle ich dir in noch unverletzter Freundschaft: Hebe dich aus meinem Hause! Meine Seele ist voller Unruhe. Sobald sie ihren Frieden wiedergewonnen hat, rufe ich dich zurück. Geh jetzt; es könnte anders dein Tod sein!

Tristan ließ sein und Kurwenals Roß satteln, denn er sah ein, daß sein Bleiben im Schlosse Tintagol ihm und der geliebten Frau nur Unheil und Gefahr bringen müsse.

Schweren Herzens brach er auf und ritt gen Dinan, um beim Seneschall Tynas Zuflucht zu suchen. Er wußte, sein greiser Freund kündigte ihm auch an den Tagen der königlichen Ungnade die Kameradschaft nicht.

Es war ein trüber Oktobernachmittag. Rauher Nordwind wehte vom Meere her. Wilde Gänse flatterten über die Haide. Es fröstelte den jungen Reitersmann. Er fühlte sich totunglücklich und namenlos einsam. Und als er am Abend in der Halle bei dem Freunde saß, da fiel er ihm um den Hals und weinte vor unsagbarer Sehnsucht.

Wildes Fieber schüttelte ihn. Drei Wochen lang lag er krank darnieder.

Krank ward auch Isolde, als sie ihres liebsten Freundes Zustand erfuhr.

Was half es ? Es galt zu leben und zu hoffen, so schwer es beide ankam.

Der Winter rann träg dahin, ein trister trübseliger Winter ohne Sonne und Freude.

Aber als Balder, der Lichtgott, die ersten Himmelschlüssel über die sprießenden Wiesen streute, da erwachte Tristan aus seiner Ohnmacht und grübelte nach, wie auch seiner Liebe neuer Frühling zu Teil werde.

Er setzte sich auf seinen Hengst und legte die sechs Wegstunden von Dinan nach Tintagol in anderthalb Stunde zurück. Er verbarg Grani im Walde, sprang über die hohe Pfahlmauer in den Baumgarten hinter Markes Burg und lauerte auf Brangänen.

Zufällig kam sie spät abends nach dem Brunnen. Unter den Bäumen auf halber Höhe redeten sie lange miteinander.

Hilf mir, Brangäne! bat Tristan. Ich muß Eure Herrin wiedersehen, sonst gehe ich zugrunde. Die treue Magd erwiderte: Täglich sagt Frau Isolde zu mir: Hilf mir, Brangäne! Ich muß den Einziggeliebten wiedersehen, sonst sterbe ich!

Da ward der Liebende wieder wohlgemut. Nach einer Weile, nachdem ihr der Verbannte von seinem unseligen Leben erzählt hatte, sagte Brangäne: Hört mich an, Herr Tristan! Ihr wißt, von der Bergeshöhe läuft die alte römische Wasserleitung hinab in das Badegemach von Frau Isolden. Wenn ihr droben in das Sammelbecken einen Holzspahn werft, so schwimmt er durch die Röhren bis in die Marmorwanne. Wir werden allezeit Obacht geben. Wenn wir einen Spahn mit einem Stern aus fünf Strichen darin finden, wird meine Herrin nachts zu Beginn der zwölften Stunde unter der alten Linde am Brunnen im Baumgarten Eurer warten.

Selig vor Freude schied Tristan von der listenreichen Brangäne. Frau Isolde aber ward von Stund an froh und fröhlich. Vor Erwartung blühte und glühte sie wie eine junge Rose.

Zweimal in jeder Woche fanden die harrenden Frauen im Bad einen Spahn mit darein geritztem Stern. Nichts ist einer Liebenden wonniglicher als solche Sternenbotschaft.

König Marke schlief den Schlaf des Gerechten, während sich Frau Isolde, einen langen Mantel aus schwarzer Seide um die nackten Schultern, im Dunkel des Baumgartens mit ihrem Herzensfreunde küßte und koste.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.