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Der Roman von Tristan und Isolde

Arthur Schurig: Der Roman von Tristan und Isolde - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDer Roman von Tristan und Isolde
publisherJ. Gnadenfeld & Co
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid25fb2854
created20061213
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Möge er nimmer wiederkehren, der Narr! frohlockte Herzog Audret insgeheim; laut aber sprach er: Wie soll dies Euch gelingen, Herr Tristan? Fürwahr, Ihr habt den Mund gehörig voll. Hierbei werdet Ihr wohl andre Gefahren zu bestehen haben als auf der Insel des Heiligen Samson, durch dessen Zauber Ihr den Wikinger erschlugt. Schon sehe ich Euch wieder in unsrer hohen Halle, ohne die goldene Braut mit der verlegenen Nachricht: Einer Fee gehört das Goldhaar, fern in einem Märchenlande, doch dies Paradies habe ich leider nicht betreten.

Hochmütiger denn je rief Tristan aus: König Marke, achtet des albernen Geschwätzes so wenig wie ich! Aus Dankbarkeit, Liebe und Treue zu Euch, meinem edlen Oheim und gütigen Schutzherrn, fahre ich über das Weltmeer, bis ich finde, was ich suche, meinetwegen nach Avalun. Leib und Leben will ich unverzagt einsetzen. Und nie kehre ich zurück nach Tintagol, es sei denn, ich bringe Euch die Königin mit dem Goldhaar. Das schwöre ich Euch bei meiner Ritterehre!

König Marke ließ sein bestes Schiff rüsten und es reichlich mit Korn, Wein, Honig und anderm Unterhalt versehen. Zwölf tatenlustige junge Ritter wählte sich Herr Tristan und dreißig wackere kühne Männer. Allen befahl er, sich wie Kaufleute zu kleiden. Die Waffen aber und die Panzerhemden verbarg man im Unterraume; dazu prächtige Gewänder, schöne Schuhe, kostbare Pelze und köstliche Scharlachmäntel, wie sie würdigen Brautwerbern eines mächtigen Fürsten geziemen.

Er selber sowie Freund Kurwenal gingen gekleidet als vornehme Spielleute, in roten Röcken und gelben Mützen.

So fuhren sie in das hohe Meer, auf ihrem Drachenschiffe, das Segel dem Winde bietend, der glückhaft wehte.

Schon am dritten Tage erblickte man Land.

Der Steuermann erkannte die langen Felsen. Das Schiff flog König Hangwins grünem Eilande zu. Er vermeldete es Herrn Tristan.

Ihr wißt, Herr Tristan, setzte er bedachtsam hinzu, seit Morolds Tod sind wir Bretonen dortzulande vogelfrei. Wer gefaßt wird, hängt alsobald am Galgen. Es ist gar manchem schon so ergangen. Befehlt Ihr den Kurs zu ändern? Ich denke nicht daran! lachte Tristan. Der göttliche Zufall hat unsern Kiel hierher geführt. Es ist unser Los, in König Hangwins Land zu Ehren oder zu Schanden zu kommen.

Frohgemut landeten die bretonischen Werber im Hafen von Dowelin.

Tristan ließ nur die Wenigen in die Stadt, die andrer Sprachen als bloß der bretonischen mächtig waren, und so glaubten die Hafenleute, das Schiff sei ein Kaufmannsschiff aus dem Angellande. Nur fiel es ihnen auf, daß die Fremdlinge sich um Handel und Schacher wenig kümmerten. Die meisten von ihnen vertrieben sich den lieben langen Tag mit Brettspiel oder bei den Würfeln und verblieben an Bord.

Solches ward dem Könige Hangwin nach seiner Burg, die weithin über Meer und Land lugte, berichtet, worauf der Befehl kam, bei erster bester Gelegenheit seien etliche der Fremdlinge zu ergreifen und ihm vorzuführen.

Andern Vormittags nahm man den Steuermann und zwei der Leute gefangen, wie sie auf dem Markt einen feisten Hammel für die Schiffsküche kauften. Die Verhafteten wurden in den Wachtturm gesperrt, um sie nach Mittag hinauf zur Burg zu schleppen.

Tristan erfuhr das Geschehnis. Sofort übergab er den Oberbefehl seinem ältesten Ritter und eilte nach dem Kerker, bei ihm Kurwenal, beide als Spielleute mit ihren Geigen, aber mit Schwert und Dolch versehen.

Wie der Stadthauptmann der beiden Kavaliere in ihrem unverhohlenen Zorn ansichtig ward, empfing er sie ungemein ehrerbietig. Das war bei aller seiner Rauheit so seine Art; er hatte nicht ohne Gewinn seine drei Dutzend Wikingerfahrten hinter sich. Es war ihm nicht recht klar, was er machen sollte, in welchem Falle er übertriebene Höflichkeit für das Schlaueste hielt. Und mit Recht, denn Herrn Tristans Ingrimm legte sich flugs. Vor Weltmannstum, so hatte ihn Kurwenal gelehrt, bleiben nur Landsknechte wütend.

Artig und gelassen sprach er: Herr Hauptmann, ich bitte Euch, laßt diese drei Leute unsers Schiffes gütigst frei!

Herr Spielmann, erwiderte der Normanne, ich habe König Hangwins Befehl, etliche von Euch Fremdlingen vor ihn zu führen. Meinem Herrn gehorche ich.

Das sah Tristan ein, und er sagte: So führt uns beide vor Euren König, laßt aber die Andern ihres Weges ziehn. Es ist bald Mittag, und Ihr wißt, die Seeluft macht hungrig. Überdies sprechen wir Spielleute Eure Normannensprache, und diese Leute nicht.

Dem Stadthauptmann war der Tausch recht, denn es dünkte ihn, die beiden seien vornehmer als jene drei. So entließ er sie mit ihrem Hammel.

Oben im Normannenschlosse, wohin man sie in ritterlicher Weise zu Pferd gebracht, standen Tristan und Kurwenal alsbald vor König Hangwin und seinen Hofleuten. Seinem Sessel zur Seite saß seine Tochter Isolde.

Als Herr Tristan ihr wunderbar goldblondes Haar schaute, da lächelte er glückselig, denn er hatte gefunden, was er gesucht.

Was lächelt der fremde Spielmann? fragte die Wikingerin den Ritter Paranis, der hinter ihr ihrer Befehle harrte. Es war ihr Kämmerer, aus dem Frankenlande gebürtig, ihr treu ergeben wie kein andrer.

Paranis wußte keine bessere Antwort als ihr kurz zu berichten, daß sich diese zwei Herren freiwillig hatten herführen lassen für drei gemeine Leute, deren man gewaltsam habhaft geworden war.

Also keine Feiglinge! dachte Isolde und sagte nichts weiter. Kühne Männer gefielen ihr immer.

König Hangwin begann ein Verhör.

Woher sie kämen? Was sie im Lande begehrten?

Tristan lächelte zum zweiten Male.

Wir sind bescheidene Spielmänner, erwiderte er, kommend von König Markes Hof. Ich nenne mich Tantris, und der da ist mein Freund Kurwenal. Wollt Ihr gnädig uns hören?

Hangwin fuhr zornig auf.

Ist es Euch nicht bekannt, Herr Tantris, daß jedermann, wer es auch sei, der sich aus Cornouaille auf unsre Insel wagt, sein Leben verwirkt hat?

Nehmt ihnen die Schwerter! fügte er hart hinzu, zu den Knechten gewandt, die an der Tür der Halle Wacht hielten.

Ohne seine glückliche Laune zu verlieren, entgegnete Herr Tristan: König und Herr, wie ich Euch bereits berichtet, sind wir harmlose Spielleute, sakrosankti sozusagen an jedem Ort, wo höfische Sitte ihr Heim hat. Oder ist die Grüne Insel Barbarenland geworden? Wir hatten nichts davon vernommen.

Isolde glaubte ihren Augen nicht mehr trauen zu dürfen: der seltsame Fremdling lächelte zum dritten Male, und mehr noch, er warf ihr einen Freundschaft heischenden Blick zu.

Gelassen fuhr er fort: Wir waren an vieler hoher Herren Hofe. Nirgends hat man uns Schaden oder Leid angetan. So nehmt auch Ihr uns huldvoll auf. Laßt uns vor Euch und der Prinzessin spielen! Zeigt Euch uns als Gönner und Freund!

König Hangwin sah seine Tochter fragend an. Ihre hochmütige Miene regte sich nicht.

Es sei! sprach Hangwin, um sich in aller Ruhe zu überlegen, was des Weiteren schicklich zu tun sei. Spielt ein gut Lied!

Tristan nahm seine Rotta und präludierte. Darnach trug er in der Sprache der Normannen aus dem alten Gedichte von Hagbard und Signe vor:

Sage mir, Signe
Du meine Sonne,
Liebste und Licht mir,
Sag mir das Eine!
Seit heute Nacht
Bist Du die Meine,
Bin ich der Deine.
Ohn daß wir fragten Vater und Sippe
Wurden wir Eines, Du,
Königstochter, Ich, Königssohn.

Sag mir das Eine:
Wenn mich Dein Vater
Fängt, und er führt mich
Zur Schädelstätte,
Als Rächer der Söhne,
Die ich ihm erschlagen.

Sage mir, Signe:
Wenn ich, verfallen
Dem Tode, da stehe,
Was wirst du fühlen?
Wahrst Du die Treue,
Weib, Deinem Manne?

Während er spielte und sprach, reichte Paranis seiner Gebieterin, der nachdenklich lauschenden, das Schwert, das man Tristan abgenommen hatte.

Wie Isolde den kalten Stahl in den Händen spürte, richtete sie unwillkürlich ihren versonnenen Blick darauf.

Als berühre sie der Tod, so gräßlich erschrak sie. An den Zacken der Scharte erkannte sie das Schwert dessen, der ihr den geliebten Bruder dereinst im Kampfe gemordet hatte.

Leichenblaß saß sie da, wie versteinert. Sie hätte aufspringen mögen, hinaufrasen zur Kemnate, den Splitter zu vergleichen mit der Scharte dieses Schwertes.

Narrte ein Wahngedanke ihre erregten Sinne? Und sonderbar, wie Hagbards Sang sie berückte!

Isolde kannte das alte nordische Lied seit ihrer Kindheit. Sie liebte, aus Wahlverwandtschaft, diese gewaltigen Gestalten vergangener großer Zeit. Aber noch nie hatte das Lied sie ergriffen so stark wie zu dieser Stunde.

Sie vermochte ihren heißen Blick nicht abzuwenden von dem merkwürdigen Fremdling vor ihr. Wie edel, unbefangen, Gefahr vergessend, fast kindlich er da stand.

Der Gedanke, er sei Hagbard, verwirrte sie urplötzlich.

Er Hagbard! Ich Signe?

Jetzt sprang sie auf. Tristan hielt ein.

Hastig befahl sie dem Kämmerer, ihr den Schwertsplitter aus dem elfenbeinernen Schrein ihres Gemaches zu bringen.

Beeilt Euch, Herr Paranis!

Schon war er fort.

Tristan begann Signes Gegenstrophen aufzusagen. Leidenschaftliche kurze Klänge griff er dazu:

Leid war es und Last nur,
Länger zu leben,
Wenn Erde umarmt,
Den ich umschlungen.
Wann es auch sei,
Ob heut oder morgen,
In Ruhm und Ehre,
In Schmach oder Not:
Dir folg ich in Treue
In jeden Tod!

Geknüpft ward das Band,
Das keiner zerreißt,
Auf immerdar;
Und keiner entwirrt je
Die Fäden des Schicksals
Dir und mir,
Seit Sigars Tochter
In Liebe und Lust
Das Lager geteilt
Mit Hagbard dem Helden.

Qual und namenlose Bange, ein seltsames Hin und Her gleichsam zwischen Himmel und Hölle marterte die Wartende, während das alte Liebeslied ihr Herz durchflutete.

Als Tristan geendet, reichte Paranis ihr den Splitter zur Scharte.

Kein Zweifel mehr!

Sich aufreckend rief die Königstochter dem Spielmanne zu:

Ihr seid Tristan von Leonnois, Morolds Mörder!

Sturmgeheul brauste durch die hohe Halle. Hundert blanke Schwerter zuckten.

Tristan sah sich von zwanzig Händen gepackt. Da trat Isolde zwischen die Männer, gebot den Rittern zu weichen, näherte sich dem umdrohten Fremdling und küßte ihn auf den Mund.

Dies Symbol erklärte ihn zu ihrem Freunde.

Niemand mehr wagte dem eben noch dem Tode Geweihten das geringste Leid anzutun. Tristan aber erklärte mit feierlicher Stimme: König Hangwin, hört mich in Gnaden an! Fürwahr, ich bin Herzog Tristan von Leonnois, gekommen zu Euch und Eurem Volke, um ewigen Frieden zwischen den Bretonen und Normannen zu schließen. König Marke, der Herr von Cornouaille, mein Oheim, schickt mich zu Euch an der Spitze von zwölf Rittern. Gestattet mir, König Hangwin, die Gesandten in würdigem Gewande morgen um die nämliche Stunde vor Euren Thron zu fuhren!

Ehrerbietig knieten Tristan und Kurwenal vor dem fremden Fürsten nieder. Mit gütiger Gebärde forderte dieser sie auf, sich zu erheben, bot ihnen die Rechte und sprach:

Laßt morgen hören, was König Marke uns verkündet!

Jubelnd empfingen die Ritter im Hafen die Zurückkehrenden. Schon glaubte man sie verloren, denn König Hangwin galt als ein harter Herrscher, der niemandem das Leben schenkte, der es verwirkt hatte. Und auch sich selber hielten alle dem Tode verfallen, da sie den Ausgang des Hafens durch eine Unzahl von Wikingerschiffen gesperrt sahen.

Am andern Morgen kleideten und schmückten sich die Ritter aufs allerprächtigste. Herr Tristan aber legte einen fürstlichen Rock an von feinem rostbraunem Tuch mit goldverbrämtem Saum und hellschimmernden Bernsteinknöpfen, dazu eine lange goldene Halskette mit einem Stern aus Rubinen und Perlen. Sein braunes Haupthaar umschlang die golddurchwirkte purpurne Binde, das Zeichen seiner Herrscherwürde.

So stattlich und vornehm erschienen die bretonischen Herren vor König Hangwin und seinem versammelten Hofstaate. Festlich empfangen mit Hörner- und Trompetenschall schritten sie vor den Thron.

Hangwin begrüßte die Gesandtschaft voller Huld und forderte ihren Führer freundlich auf, sich seines königlichen Auftrages zu entledigen.

Da hob Herr Tristan an:

König Hangwin, ich komme als Brautwerber meines hohen Herrn und lieben Oheims, des Königs Marke von Cornouaille. Der über ein Jahrhundert langen blutigen Fehde müde, will er ewigen Frieden den feindlichen Völkern sichern, indem er Euch fortan ein treuer Eidam zu sein gelobt und Eurer Tochter Isolde als der Königin seines Landes alle ihr gebührenden Würden und Ehren bietet. In sicherem Geleit werden wir sie übers Meer nach Schloß Tintagol führen, wo Glück und Freude ihrer harren. König Hangwin, Ihr habt meinen ritterlichen Auftrag gehört. Gebt mir nun Euren königlichen Bescheid!

Der alte Wikingerfürst wandte den Blick stumm seiner Tochter zu.

Sie bedachte sich kurz und gab ihm mit hochmütiger Geste ihre Zustimmung.

Keiner im weiten Königssaal ahnte, was blitzschnell in ihrer hochmütigen und hochgemuten Seele vorgegangen war.

Es ist mein Los, sprach sie entschlossen bei sich, diesem herrlichen Helden zu folgen, wenn auch als die Braut eines Andern.

Im nächsten Augenblick ergriff König Hangwin ihre Rechte und legte sie feierlich in die des Werbers, der die schmale, leise zuckende Hand inbrünstig küßte.

Isolde zitterte vor Lust und Leid. Es war ihr zu Mut, als solle sie laut aufjubeln und zugleich in bittere Tränen ausbrechen. Überirdisches ergriff sie. Und wunderbare Zuversicht raunte ihr zu: Noch in Jahrtausenden beneiden dich die Töchter der Erde um dein Glück!

Jede Bangnis schwand ihr.

Mutigen Herzens schritt sie über die Schwelle ihres neuen Lebens.

Ysabel, Isoldens Mutter, war in banger Sorge um das künftige Geschick ihres geliebten letzten Kindes. Die Einundzwanzigjährige sollte die Gattin eines Mannes werden, der längst kein Jüngling mehr. Marke war etwa zehn Jahre jünger als Hangwin, also noch sein Altersgenosse. Und überdies, so hatte man ihr berichtet, war der König von Cornouaille ein Mann, der nur lachte, wenn ihn die Welt und ihr Treiben zu Spott und Hohn reizten. Vor allem aber mißfiel der Königin der dunkeläugige Brautwerber, dessen schreckliches Schwert ewiglich vom Blut ihres teuren Sohnes gerötet blieb.

Um die Mitte der Nacht, nach deren Ende der fremde Ritter ihr die jungfräuliche Tochter in die Ferne entführte, braute sie, geheimnisvolle alte Sprüche betend, nach uralter ererbter Vorschrift, aus allerlei Kräutern, Blüten und Wurzeln, die sie mit eigner Hand gesammelt hatte, ein wundersames Elixier, das sie einem Krug Wein beimischte.

Frauenherzen sind trügerisch und rätselhaft, meinte sie seufzend. Weiß ich, ob Isolde so leichten Mutes in die Ferne zieht, wirklich dem gekrönten Graukopf zuliebe, den sie nie gesehen? Ach, vielleicht weiß sie es selber nicht.

Isolde hatte eine gleichaltrige Gefährtin, ihre Gespielin von Jugend auf, die ihr die beste und vertrauteste Freundin war. Man hatte sie als kleines Mädchen von der Mündung der Düna mitgebracht. Es hieß, sie sei ein lettisches Fürstenkind. Brangäne war ihr Name.

Die Königin nahm sie bei Seite und sagte zu ihr: Liebe Brangäne, du wirst mein einziges Kind in die Fremde begleiten und nie von ihm gehen. Höre mich an! Nimm dieses versiegelte Weinkrüglein und verwahre es gut, auf daß es kein Auge sieht und keine Lippe daraus trinkt! Am Hochzeitsabend aber, ehe du Isolden und ihren Ehegemahl zu ehelicher Minne allein läßt, gieße ihnen beiden zum Mahle den Liebestrank in den Becher. Wisse: die zusammen diesen Wein getrunken, sind einander untrennbar verbunden in Liebe und Leidenschaft, mögen sie es wollen oder nicht, durch alle Lust und alles Leid des Lebens, in allem Denken und Tun, immerdar bis in den gemeinsamen Tod und darüber hinaus in die Ewigkeit.

Brangäne nahm das Krüglein und versprach zu tun, wie ihr geheißen.

Und es kam der Tag heran, an dem das Schiff der Bretonen die Grüne Insel verließ. Ein rosenroter Wimpel wehte Freude kündend hoch über dem schneeweißen Segel.

Nur Paranis und Brangäne begleiteten die Königsbraut in die neue Heimat fern überm Meere.

Gar schwer war Isolden der Abschied gewesen von den lieben Eltern, Gespielinnen und Freunden, von der stolzen Königsburg und dem trauten Vaterlande, das sie bis in alle Winkel kannte und schätzte. Je weiter der hurtige Kiel des Schiffes sie hinwegführte unbekannter Zukunft entgegen, umso trauriger und trübseliger ward die Wikingerin. Oft in den stillen Nächten oder wenn sie allein in dem zeltartigen Gemache saß, das man ihr und Brangänen im Schiffe gezimmert hatte, weinte sie, sie, die noch nie geweint. Warum bin ich dem fremden Ritter gefolgt, fragte sie sich in banger Reue? Ist er nicht meines Bruders Mörder? Ein Feind meines Vaterlandes? Ist er mir der ehrliche gute Freund, zu dem ihn meine Träume erhoben, ich weiß nicht wie? Warum folge ich ihm willenlos, als sei ich die Seine und er nicht der Werber eines Anderen?

Und wenn sie dann am Morgen in der flammenden Junisonne auf der Bank unter dem Segel saß, plaudernd mit Tristan, vermochte sie sich nicht satt zu sehen an seinen gütigen braunen Augen, in deren Tiefe es glühte und glänzte wie geheimnisvolles Gold. Alle Sehnsucht, alles Weh, alle Reue war verscheucht und vergessen. Er erzählte ihr vom Schlosse Tintagol und vom Leben in den Burgen der Bretagne. Er erzählte ihr von seinem ritterlichen Vater Riwal, seiner edlen Mutter Blankeflor und ihrer Liebe. Er erzählte ihr von der Sehnsucht seiner Jugend, von der Freundschaft mit Kurwenal, von der weiten Welt, durch die ihn der Vielerfahrene geleiten wolle. Er erzählte ihr, wie er sich das lebensfreudige Paris und das toternste Rom vorstellte. Dorthin würden sie wandern, und weiter noch, nach Byzanz und dem Heiligen Grabe. Manchmal brachte Tristan seine Rotta und trug der still Lauschenden aus dem Schatze seiner Lieder vor.

Die bretonischen klangen Isoldens Ohr am schönsten. Allein schon die Worte mit ihren hellen Vokalen umschmeichelten sie wie reine Musik. Und der weltgewandte weise Kurwenal begann ihr die Sprache der Bretagne zu lehren. Wer eine fremde Sprache erlernt, der erwirbt sich eine zweite Heimat, pflegte er zu sagen, und lächelnd setzte er hinzu: Wer vieler Menschen Sprachen redet, der ist ein geistiger König auf Erden.

So fuhren sie über das glitzernde Meer.

Drei Tage vor der Sonnenwende kam die Kaiserinsel (so hatten die Römer sie genannt) in Sicht. Das Schiff glühte in der Sommersonne. Jedermann sehnte sich nach Schatten und Kühle.

Da bat Isolde, man möge auf dem Eiland einen Tag rasten. Gern erfüllte Tristan ihren Wunsch. Gegen Mittag, zwischen Flut und Ebbe, stieß das Schiff in den Glimmersand einer Bucht.

Die Ritter und Leute gingen alsbald samt und sonders in das bewaldete Land. Isolde und Brangäne entdeckten im nahen Gehölz einen behaglichen Ort, wo sie sich unter einer Felsenwand lagerten. Tristan blieb bei den beiden Frauen.

Als sie sich gesetzt hatten, dürstete es Isolden. Für einen Becher kühlen Weines würde ich dem, der ihn mir kredenzt, herzlich Dank wissen, meinte sie.

Im Bauche des Schiffes fehlte es an keinerlei Vorrat, und König Hangwin, der einen guten Tropfen zu schätzen verstand, hatte eine stattliche Reihe Krüge mit asturischem Rebensaft verfrachten lassen. Dessen erinnerte sich Herr Tristan.

Er schritt nach der Bucht, wo das Schiff, gestützt von Steinen, im Sande lag, und befahl der jungen Kammerzofe, die er antraf, ihm einen der Krüge und die Becher zu bringen, deren sich Isolde und Tristan beim Mahle zu bedienen pflegten.

Damit kam er zu den Frauen zurück.

Brangäne füllte einen der goldenen Henkelbecher und reichte ihn der durstigen Herrin. Sie trank, und nach ihr trank Tristan.

Ach, es war nicht Wein wie andrer Wein! Endlose Herzensnot, Leben und Tod war darinnen.

Die Zofe hatte den besonderen Krug gebracht, den die Königin Ysabel Brangänen anvertraut. Er stand bei ihrem Lager im Schiff. Da der Schenk nicht zur Stelle war, fand die Zofe nur das eine Gefäß.

Mit einem Male fiel Brangänens Blick auf den Krug, der am Henkel, kaum sichtbar, ein mahnendes Kreuzlein zeigte.

Wehe mir! rief sie bei sich aus, und das Herz stand ihr still. Das ist der Liebestrank, der meiner Sorge anvertraut ward!

Er war zur Hälfte geleert.

Zu spät. Mochten sie das Unheil bis zur Neige schlürfen!

Entsetzt floh Brangäne nach dem Schiff, um sich Gewißheit zu holen.

Kein Wort mehr sprachen Tristan und Isolde in dieser Stunde. Sie schauten einander an, ein jedes beglückt von der Gegenwart des Andern.

Unterdessen wehklagte Brangäne.

Nimmer werde ich meinen Frieden wiederfinden. Nichts auf Erden hatte ich als meine Pflicht und Treue. Achtlos habe ich sie zerbrochen. Was bleibt mir vom Leben? Wie kann ich sühnen, was ich getan?

Schaudernd wiederholte sie sich jene Worte der Königin Ysabel: Wisse, die zusammen diesen Wein getrunken, sind einander untrennbar verbunden in Liebe und Leidenschaft, mögen sie es wollen oder nicht, durch alle Lust und alles Leid des Lebens, in allem Denken und Nun, immerdar bis in den gemeinsamen Tod...

Drei Tage währte bereits die Rast auf dem bretonischen Cythera. Täglich bat Isolde Herrn Kurwenal, einen weiteren Tag zu verweilen.

Voll bangen Leids beobachtete Brangäne ihre Herrin und deren Freund. In den drei Tagen hatte Isolde weder Speise noch Trank genommen. Jener Becher war ihr letztes Labsal.

Auch Tristan begehrte weder zu essen noch zu trinken. Ernst und bleich schritt er einher. Mitunter schien es der Betrachterin, als versuche er die Geliebte zu meiden.

Wie sollte das enden?

Beide waren ineinander verwandelt. Jedes empfand unsagbare Not, jedes wähnte, es litte allein, und jedes fürchtete, ein Fremder möchte das kaum sich selbst Eingestandene erspähen. Keines redete, aus Angst, ein zu kühnes Wort könne des Andern Tod sein.

Nachts, in ihrem Verschlage, wachte Isolde brennenden Herzens. Wehe mir, flüsterte sie, welch Leid frißt heimlich an mir um den lieben und leiden Mann. Kann das Leid sein, was Liebe ist? Ach, ich habe ihn so lieb, daß ich ohne ihn sterbe. In jedem Augenblicke denke ich nur noch seiner. Kaum kann ich mich halten, es ihm nicht gleich einzugestehen. Ich arme Sünderin! Bin ich nicht die Braut eines Andern? Müßten wir einander nicht Todfeinde sein? Mein Bruder hat seinen Vater erschlagen; er meinen Bruder. Doch Feindin ich ihm? Nimmermehr! Zwischen Himmel und Erde gibt es keinen besseren, keinen edleren, keinen herrlicheren Mann. Keinen, der ein größerer Held wäre. Ich kenne seinen Adel, seine Tugend, seine Schönheit, sein Rittertum, seinen klugen Sinn, sein wahrhaftig Gemüt. Auf allen seinen Wegen wirbt er um Ehre und höchsten Ruhm. Kann ich ihn mehr preisen? Es fehlt ihm kein männlicher Vorzug. Er ist der süßeste Mann, den je eine Jungfrau liebgewann. Darum bin ich ihm zugetan. Er ist die Sonne meiner Seele. Aber ach, hat er mich lieb? So lieb wie ich ihn? O Gott der Liebe, erbarme dich meiner!

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