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Der Roman von Tristan und Isolde

Arthur Schurig: Der Roman von Tristan und Isolde - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDer Roman von Tristan und Isolde
publisherJ. Gnadenfeld & Co
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid25fb2854
created20061213
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Er hatte ein halbes Dutzend Edelleute um sich, junge und alte; auch ein Neffe, Herzog Audret, lebte am Hofe. Marke war der reichste Fürst der Bretagne; er knauserte niemals, und oft ging es hoch her im Schlosse Tintagol. Trotzdem fühlte sich der König einsam, und je älter er wurde, umsomehr ward er den Anderen fremd. Er war Junggeselle geblieben; warum, das wußte er eigentlich selber nicht.

Audret war der einzige Sohn von Markes verstorbenen jüngeren Schwester, deren Gatte ebenfalls nicht mehr lebte. Da der Sohn der älteren Schwester Blankeflor verschollen war, so fiel Krone und Land dereinst an Audret, der sich daraufhin gewaltig viel einbildete, ohne daß seinen Dünkel sonstige Vorzüge wettmachten. Der Oheim schätzte den Neffen wenig, und wenn er der Zukunft seines Reiches gedachte, bekam er Herzdrücken. Audret eignete sich nie und nimmer zum Thronerben. Fürstliches Tun und königliches Denken waren nicht von ihm zu erwarten.

Der Zufall fügte es, daß Audret und Tristan nebeneinander standen. Wer keinen von beiden kannte, hätte glauben müssen, Tristan sei ein Königssohn und Audret von unbedeutender Herkunft. Unwillkürlich verglich Marke die jungen Männer.

Er seufzte auf. Seltsame Zuneigung erwuchs in ihm. Wahlverwandtschaft zog ihn zu dem jungen Fremdling hin, von dem er doch nichts weiter wußte als daß er einen Braten nach allen Regeln der Kunst zu zerlegen verstand.

Er, der einsame Fürst, der seiner Umgebung als Menschenfeind, Zweifler und Sonderling galt, bot einem hergelaufenen Knaben die sonst steife und stolze Rechte mit unverkennbarer Huld.

Willkommen, junger Edelmann! sprach er. Meine Burg sei Euer Heim, solange Ihr Euer Glück darin findet.

Tristan neigte sich tief vor dem König. Ein wundersam Gefühl beseligte ihn. Es war ihm, als habe er in Tintagol endlich sein Vaterland gefunden.

Am Abend, als die Tafel aufgehoben war, ließ ein fränkischer Spielmann seine Harfe erklingen, ein Meister seiner Kunst.

Als sein erstes Stück zu Ende war, fragte König Marke den ihm zu Füßen sitzenden Tristan: Junger Freund, was sagt Ihr zu dieser Melodie? Gefällt sie Euch?

Tristan wandte sich an den Harfner: Meister, Ihr habt der alten Weise ein neues schönes Kleid umgetan, der alten Weise zu dem Liede von der Dame, die, ohne daß sie es ahnte, das Herz ihres Liebsten gegessen, des Ritters Gralant, den ihr eifersüchtiger Gemahl auf der Jagd umgebracht hatte. Ihr habt wohlgetan, der allbekannten alten Melodie ihre Art zu lassen. Ein Bretone hat sie ersonnen vor langen Zeiten.

Was wißt Ihr von meiner Kunst? entgegnete der Spielmann ärgerlich. Ihr seid doch ein Kind, kaum kundig eines Instruments.

Ein wenig spiele ich die Harfe, erwiderte Tristan, ohne seine Worte irgendwie zu betonen, aber auch die Rotta. Gebt mir eine! Die habe ich am liebsten.

Man brachte ihm die Zupfgeige.

Tristan präludierte. Darauf sang er den bretonischen Text des Liedes von der Herzemäre.

Alle, die es hörten, waren ergriffen. Am meisten König Marke. Wie das Lied zu Ende war, zog er den Sänger an sich und küßte ihm die dunkelumlockte Stirn.

Gesegnet sei der Meister, der dich das gelehrt hat, zur Freude der Menschen! rief er aus. Sag an, wer ist dein Vater? Wo ist deine Heimat? Wer sind deine Lehrer?

Tristan deutete auf Kurwenal.

Der da, mein Freund und Hofmeister, der mag Euch auf Eure Frage Rede und Antwort stehen, König Marke!

Kurwenal hielt den Augenblick für günstig.

Schweigsam überreichte er dem Fürsten den Reif, den ihm der Seneschall auf die große Fahrt durch die Welt mitgegeben hatte.

Marke erkannte das Kleinod. Es war der Ring seiner eigenen Mutter, eine Brautgabe seines Vaters. Blankeflor, Markes Lieblingsschwester, hatte ihn getragen bis zu ihrem letzten Atemzuge. Tränen zärtlicher Erinnerung traten ihm in die Augen.

König Marke, rief Kurwenal feierlich aus, dies ist Tristan von Leonnois, Euer Neffe, der Sohn Eurer Schwester Blankeflor und des Königs Riwal, der sein Leben geopfert hat für Euer Land! Ich habe Euern Neffen erzogen, auf daß er Ritter und Hofmann und vor allem Freund aller Edlen werde.

Jene geheimnisvolle Stimme in mir hat mich also nicht betrogen, sprach der König. Vom ersten Augenblick an wußte ich, daß du mein Sohn bist. Der Truchseß bringe uns goldne Becher! Keiner der Tage, die ich bisher erlebt, war schöner denn dieser Tag.

Es ging ein wunderbares Licht von Tristans jungen Augen aus. Alle, die in der Halle saßen, waren voller Freude.

Nur einer begann ihm zu grollen, Audret, denn er sagte sich in bitterer Enttäuschung: Nimmermehr werde ich nun König von Cornouaille!

Fünf Jahre schon weilten Tristan und Kurwenal im Schlosse Tintagol. An König Markes kurzweiligem Hof flogen die Tage rasch dahin.

Der junge Herr von Leonnois übte sich nach Herzenslust mit Schwert und Lanze, pflog Waidwerk und Fischfang, ritt schwere und leichte Rosse, richtete Hunde und Falken ab, warf Ball, schoß mit Pfeil und Bogen, trieb Musik und Schachspiel. Kurwenal unterrichtete ihn in den Sprachen, die er beherrschte. So lernte Tristan Latein, Normannisch und Fränkisch in der Pariser Mundart. Alles das kam ihm später gar wohl zu statten. Und was an alten Liedern im Lande war, auch derlei blieb ihm nicht unbekannt, dank dem gelehrten alten Kaplan, des Königs Geheimschreiber, dem es Freude machte, die von den andern Geistlichen verdammten und verfolgten Denkmäler aus heidnischer Heldenzeit zu sammeln und Liebhabern vorzulesen. Es war ein Lustrum behaglichen Friedens und stiller Freuden.

Da plötzlich, an einem Frühlingstage, traf schlimme Nachricht ein.

König Hangwin von Dowelin, der schreckliche Wikingerfürst, der vor zweiundzwanzig Jahren die bretonischen Lande bezwungen und verwüstet hatte, forderte durch eine Gesandtschaft den Tribut, der ihm als Sieger noch zukam. Das war: hundert Pfund Gold, zweihundert Pfund Silber, dreihundert Pfund Kupfer und hundert Jungfrauen aus den Bauern und Knechten ebenso wie aus den Familien der Edelleute.

Nimmermehr konnte sich König Marke dazu verstehen, den schmachvollen Vertrag zu erfüllen.

Er empfing die Boten. Ihr Führer war der Herzog Morold, wohlbekannt jedem Bretonen. Damals, als er den König Riwal erschlug und im Lande Leonnois einbrach, war er ein unlängst mündiger Jüngling. Jetzt ein stattlicher Vierziger in der Blüte seiner Heldenkraft. Kampf war seine Leidenschaft, Krieg sein Handwerk, Grausamkeit seine Lust. An Gestalt war er ein Hüne. Auch den größten Bretonen überragte er um Haupteslänge.

Als sich Marke, insgeheim ächzend und seufzend, auf seinen Königssessel gesetzt hatte, in der hohen Halle von Tintagol, umgeben von seinen Baronen und Räten, da hob Herzog Morold an:

König Marke, ich bringe Euch und Eurem Volke die letzte Botschaft meines Herrn, des Königs Hangwin. Er fordert den ihm durch Sieg und Vertrag zukommenden Tribut, der seit mehr denn zwanzig Jahren aussteht. Zahlt Ihr ihn, so seid Ihr des Vertrages frei und ledig, und es herrscht Frieden zwischen Euerm und unserm Volke. Gebt das Gold, Silber und Kupfer bei meinen Schiffen ab! Sie ankern gegenüber der Insel des Heiligen Samson, wie Eure Kuttenträger den Ort jetzt nennen. Ebenso die hundert Jungfrauen, wohlausgesucht, ohne Lahme und Bucklige. Laßt durch das Los im Lande bestimmen, welche es sein sollen, und gebt sie ohne Verzug ab!

Der König von Cornouaille stand erregt auf.

Herr Herzog! rief er. Das Gold und Silber sollt Ihr hinwegführen, nimmermehr aber die Jugend meines Landes! Ändert diese schmachvolle Bedingung; sie ist unwürdig Eures Königs und Eures ruhmreichen Volkes!

Morold sann nach.

Die Kampflust war stärker in ihm als die Raubgier. Er schaute sich überlegen und hochmütig im Kreise um. Alle die Ritter König Markes, in ihren bunten Röcken, mit ihren höfischen Schwerterchen, dünkten ihn drollig und spaßig. Etliche kamen ihm obendrein unverschämt und anmaßend vor. Unsagbar gern hätte er mit dem oder jenen auf der Stelle einen kleinen Waffentanz angestellt. Es lüstete ihn mächtig, einem dieser Maulhelden ein Maß Blut abzuzapfen.

Wenn Ihr glaubt, König Marke, sagte er in kühlem Tone, daß Euch der rechtliche Tribut schändet, so gäbe es wohl einen Ausweg. Stellt mir einen aus der Schar Eurer Edlen! Er soll mir im ehrlichen Zweikampf entgegentreten. Wir werden um den Tribut kämpfen. Fällt er, so zahlt Ihr den Tribut! Falle ich, dann haben wir unser Recht verloren! Ihr Herren von Cornouaille, wer von Euch will für die Freiheit Eures Volkes mit mir fechten?

Verstohlen schauten die Ritter des Landes einander an. Keiner trat vor, und alle senkten sie die wohlgelockten Häupter.

Der Eine sagte zu sich: Sieh ihn dir an; er ist stärker als vier Männer!

Betrachte sein Schwert! meinte der Andre. Es ist verhext und verzaubert. Sowie er ausholt, fliegt schon der Kopf seines Feindes.

Der Dritte: Wehe um meine schöne junge Tochter! Habe ich sie erzogen, damit sie Magd und Dirne eines verruchten Wikingers wird?

Aber mein Tod rettet sie doch nicht!

Und keiner trat vor.

Da hielt es den jungen Tristan nicht länger.

Schwer atmend rief er aus:

König und Herr, laßt mich kämpfen mit dem Feinde Eures Landes!

Marke schüttelte sein graues Haupt.

Ihr seid zu jung und noch nicht Ritter!

So schlagt mich zum Ritter!

Morolds finsterer Blick maß den verwegenen Jüngling geringschätzig vom Scheitel bis zur Zeh. Wer seid Ihr, junger Mann? fragte er in gönnerhaftem Tone. Wißt Ihr, daß der Herzog Morold nur mit Erkorenen zu kämpfen gewohnt ist? Wer seid Ihr? Wer ist Euer Vater?

Tristan erbebte. Die heiligste Pflicht seines Lebens, die Blutrache, hob ihm das Herz.

Tristan bin ich, Herr von Leonnois, einziger Sohn des Königs Riwal, mit dem Ihr gekämpft habt wie ich mit Euch kämpfen will, auf Leben oder Tod. Ihr habt ihn erschlagen vor zwei Jahrzehnten. Aber er ist wiedergeboren in mir, seinem Rächer!

Herzog Morolds Augen wurden heller. Der angehende Ritter gefiel ihm. Er erinnerte sich jenes Zweikampfes zwischen den Fronten der Wikinger und Cornouailler. Damals war er ein Jüngling wie dieser da. Und mit wohlwollender Gebärde erwiderte er ihm: Angenommen! Laßt Euch zum Mann und Ritter schlagen, und nach drei Nächten kommt zur Mittagszeit nach der Insel des Heiligen Samson, unweit der Bucht, wo meine Schiffe liegen. Dort soll der Waffengang geschehen. Einen von uns beiden werden sie zu Grabe tragen!

Er grüßte den König und die Barone und schritt langsam aus der hohen Halle.

Tristan sank vor seines Oheims Thron in die Knie. Kurwenal ließ König Riwals Schwert herbeibringen. Mit diesem schlug König Marke unter feierlicher Rede den Zwanzigjährigen zum jüngsten Ritter seines Reiches.

Am bestimmten Tage, als die rote Sonne aufging, legte Tristan sein Panzerhemd an, gürtete sich und setzte die graue Stahlhaube auf das Haupt. Herr Kurwenal trug ihm das väterliche Schwert.

Ernsten Gemütes nahmen sie Abschied vom Könige.

Heuchlerisch umringten die Barone den Helden. Fürwitzig seid Ihr! rief ihm Herzog Audret zu. Hättet Ihr Euch nicht so leichtsinnig preisgegeben, manch andrer von uns hätte den blutigen Strauß mit mehr Aussieht auf Erfolg gewagt. Jetzt ists gewiß um Euch geschehn. Um Euch und unser aller Freiheit. Ihr seid zu unerfahren. Wahrlich, Ihr verderbt das glückliche Land Cornouaille!

Das Glöcklein der Burgkapelle begann zu läuten. Drei Mönche kamen und segneten den jungen Rittersmann.

Sodann trabten Kurwenal und Tristan guten Mutes zum Tor hinaus.

Gegenüber der Einfahrt in die tief ins Land stoßende Bucht La Rance lag die kleine Insel Sankt Samson. Wo das Kirchlein des Heiligen stand, verriet ein Riesenstein den späteren Geschlechtern, daß ehedem hier Odin verehrt ward.

Die beiden Reiter stiegen bei der Burg Dinan in die bereit gehaltene Barke. Hoch überm Mastbaum flatterte die Löwenstandarte. Kurwenal gab dem Schiffer die Pferde und nahm selber das Ruder. Die eben beginnende Ebbe erleichterte ihm die Arbeit. Vorbei an der Bucht, wo die Wikingerschiffe lagen, gelangten sie zur Insel, an der im gleichen Augenblick Herzog Morold nebst einem Gefolgsmanne einer großen prächtigen purpurbesegelten Barke entstieg.

Alter Kämpfersitte gemäß begrüßten sich die feindlichen Ritter. Und ehe Tristan zum erhöhten Felsenstrand emporstieg, stieß er mit kräftigem Fußtritt seinen Nachen zurück in die abbrodelnde Brandung. Der Wikingerfürst sah es, lachte ingrimmig und sprach:

Junger Freund, was tut Ihr da? Gebt Ihr die Rückkehr auf?

Mit Nichten, Herr Herzog! entgegnete hochmütig der Leonnois. Nur Einer von uns beiden bedarf einer Barke. Euer Prunkschiff wird des Siegers würdiger sein als dort mein armseliger Kahn.

Das herzlose Wortgefecht spann sich nach alter Sitte noch eine Weile aus, während die Kämpfer sich zur Mitte der Insel begaben. Die Begleiter blieben am Strande zurück.

Als der bitteren Spottreden genug war, begann der einsame Zweikampf.

Lange ging des Waffenglück hin und her, aber keiner bezwang ernstlich den andern. Beide Fechter bluteten aus geringen Wunden. Morold ward hitziger. Ein mächtiger Schlag seines Schwertes gegen Tristans Brust warf ihn in die Knie. Hurtig aber sprang der Unverletzte wieder auf, holte aus und schlug mit wuchtigem Streich des Gegners rechte Hand ab.

Der Schwergetroffene wandte sich zur Flucht.

Der Kampf sei entschieden! rief er dem jungen Sieger zu. Cornouaille sei seines Tributs fortan frei.

Rache für König Riwal! schrie Tristan im Taumel des Kampfes, rann von neuem wider den Herzog und hieb ihm das Schwert durch Helm und Schädel.

Tot sank Morold zu Boden.

Tristan zog seine blutige Waffe aus des Erschlagenen Haupt und besah sie sich. Ein Splitter war aus der einen Schneide gebrochen und in der Schädeldecke des Besiegten stecken geblieben. Unter dem weithin prunkenden Purpursegel landete Tristan, ehrfürchtig begrüßt von der Schar Leute, die sich inzwischen in banger Erwartung am Strand eingefunden hatten.

Gar bald darnach stachen die Drachenschiffe lautlos in die graue See.

Im Schlosse Tintagol brach Jubel und Freude aus, als der Späher vom Turm Tristans Wiederkehr verkündete.

Keiner hatte einen ihm glückhaften Verlauf des Holmganges erwartet.

König Marke empfing den glorreichen Sieger vor seinem Thron und küßte ihn angesichts aller dreimal auf die Stirn.

Ich werde dich lieben solange ich lebe! gelobte er in inniger Dankbarkeit dem Neffen, den er schon verloren geglaubt. Fluch jedem, der dir feindselig ist!

Von Stund an gab es zwei Parteien am Hofe König Markes, die eine für Herrn Tristan, der ihr als künftiger König von Cornouaille galt, die andre wider ihn. Ihm zugetan war und blieb insbesondre Ritter Tynas, der Seneschall des Landes. Übelgesinnt hingegen war Herr Audret sowie dessen Freunde, die Barone Ganelun, Godwin und Denowal.

Wie sie sahen, daß König Marke seinen wiedergefundenen Neffen als Thronerben zu behandeln begann, nicht nur von rechtswegen, vor allem, weil er sein so lange Jahre liebeleeres Herz gewonnen hatte, da schwoll ihr böser Neid, und sie wendeten jede List und Lüge an, um die Edeln des Landes wider den Eindringling aufzubringen. Im Volk aber ward Herr Tristan gepriesen als Retter des Vaterlandes.

Voll Trauer erreichten Morolds Gefährten den Hafen von Dowelin. Den in eine Hirschhaut genähten Leichnam des gefallenen Recken trugen sie zur hohen Burg König Hangwins.

Dumpf ächzte das Volk.

Rachegierig murmelten die Häuptlinge.

Entsetzt stöhnte die Königin.

Stumm stand der König an der Bahre seines Sohnes. Neben ihm Isolde, sein nun einziges Kind, die goldblonde Achtzehnjährige. Keines der beiden hatte Tränen im Auge. Nicht zu Unrecht hieß es in der damaligen Welt: Weder über ihre Sünden noch um ihre Toten vermögen Wikinger zu weinen.

Weit und breit war die Königstochter berühmt als klügste Ärztin auf der Grünen Insel. Niemanden gab es im Lande, unter Herren wie Knechten, der je, wundenbedeckt zurückgekehrt, nicht alsbald Heilung gefunden hätte durch das Wunder ihrer Kunst. Aber was nützte ihr heute dies heilige Wissen? Der geliebte Bruder war nicht zu retten. Droben in Walhall hatten ihn die Helden der Vorzeit begrüßt.

Isolde untersuchte die gräßliche Schädelwunde, und da fand sie einen Splitter vom Schwerte des fernen Feindes.

Wie heißt er, fragte sie einen der Führer der heimgekehrten Schiffe, wer war es, der Irlands Eiche gefällt hat?

Herr Tristan, Herzog von Leonnois! berichtete der Seemann.

Tristan von Leonnois! wiederholte die blonde Jungfrau, ergriffen von einer heimlichen Gewalt, die sie fühlte und nicht verstand. Der bretonische Löwe hat mir das Herz zerrissen. Wahrlich, bisher war ich Freundin aller Menschen. Hart bin ich geworden und böse. Du, Tristan, du bist es, der mich wandelt! Mit Haß hast du mir die Seele gefüllt. Wehe dir! Unrast sei dein Los, Kampfgefilde deine Heimat!

Trompetenschall leitete die Totenfeier ein.

Racheschwüre, Verwünschungen und Flüche umbrandeten Isolden. Hochmütig verachtete sie, was sie nicht allein empfinden durfte. Nichts teilte sie mit anderen.

Den blutumronnenen Schwertsplitter in der Hand, eilte sie hinauf in ihre Kemnate und schloß ihn in den elfenbeinernen Schrein, der ihre Juwelen barg.

Während man am Felsenstrande den Grabhügel türmte, ließ König Hangwin im Reiche verkünden: Wer je es wagt, von Cornouailles Küste kommend, unser Eiland zu betreten, soll ergriffen und gehenkt werden oder schmählich erschlagen!

Abermals vergingen drei Jahre. Der Kampf mit Morold hatte des jungen Helden Leben umgestaltet. Seitdem fühlte er sich als Ritter und Mann, und der Drang nach kühnen Abenteuern wuchs in ihm von Tag zu Tag. Die Ruhe der Seele war ihm verloren gegangen.

Stundenlang verweilte er, auf seinen weiten einsamen Ritten auf Grani, seinem Lieblingshengst, nur von seinen Hunden begleitet, nahe dem Meeresgestade, auf dem Doler Berge. Dort träumte er von seinen Plänen.

Welche Tat muß ich vollenden, fragte er sich, damit der Name Tristan von Leonnois über dies grüne Land, über die weißen Wogen dort, durch alle Welt klingt als der herrlichsten einer noch in Tausenden von Jahren?

Freund Kurwenal weiß zu erzählen, daß irgendwo in der Ferne, über dem grauen Weltmeere das Eiland Avalun leuchtet. Wer es erreicht, ist unsterblich.

Werde ich auf meiner großen Wanderfahrt diese göttliche Insel der Ewigkeit finden? Feindselig lauerte Herzog Audret auf eine Gelegenheit, die seinen Vetter vom Hof entfernen könnte. War der Verhaßte einmal fort, wer weiß, ob er dann jemals wiederkehrte.

Mit viel Geschick hatten Audrets Parteigänger es zuwege gebracht, daß es unter den Würdenträgern des Reiches nur wenige gab, die König Markes Vorliebe für Tristan billigten. Niemand freilich zweifelte daran, daß des Herrschers Wille, seinem bevorzugten Neffen den Thron zu hinterlassen, unbeugsam war, es sei denn ein leiblicher Erbe mit natürlichem Vorrechte verdrängte den Erkorenen.

Marke war ein echter Hagestolz, und wahrlich, nichts war schwieriger als den schon zum Einzelgänger gewordenen zu später Ehe zu bereden.

Gleichwohl, man mußte es versuchen. Darum hörte Audret nicht auf zu sagen: Verehrter Herr Oheim, Ihr müßt Euch ein Weib nehmen, denn es ziemt keinem Fürsten, Herrschaft und Untertanen kinderlos zu hinterlassen. Wählt unter den Königstöchtern der Nachbarländer! Sorgt für einen Leibeserben! Ihr seid es Eurem Volke schuldig.

Ganelun, Godwin und Denowal und alle andern Feinde Tristans bestürmten den König mit dem gleichen Rate. Mitunter flochten sie verblümte Drohungen in ihre Reden, sprachen von Überdruß, Kränkung und Hofflucht.

Der König wußte sich nicht mehr zu helfen. Obgleich er entschlossen war, solcher Bitte und Nötigung immerdar Widerstand zu leisten, wollte er doch auch in Frieden mit seinen Baronen verbleiben und sich seine Liebe zu Tristan nicht vergällen lassen.

Als aber selbst dieser eines Tages ernstlich in ihn drang, dem Wunsche der Ritter zu willfahren, da ihm sonst das Bleiben am Hofe verleidet sei, da versammelte König Marke seine Edelleute und hörte sie einzeln an. Und da er vernahm, daß die Mehrheit mit seinem Vorhaben unzufrieden war, bedingte er sich Bedenkzeit aus und befahl den Baronen, nach vierzig Nächten nochmals vor ihm zu erscheinen.

Zwischen dem König und seinem Neffen herrschte das Schweigen der Erwartung. Keiner sah einen guten Ausweg. In seinen Gedanken und Träumen sehnte sich Tristan weit weg vom Haß und Neid seiner feigen Feinde, während Marke in seinem früheren Willen zu schwanken begann. Allmählich machte er sich mit der Notwendigkeit vertraut, seinen vornehmsten Wunsch und zugleich sein behagliches Hagestolztum zu opfern. Und wenn er seinen hämischen Untertanen zuliebe auch einer Frau Venusin die Hälfte seines Thrones einräumte, war damit der leibliche Erbe verbürgt?

Gleich einem Faun laut lachend, bedachte er dies, als er am vierzigsten Tage zu früher Stunde sein fürstliches Himmelbett verließ und sich ans offene Fenster begab, um sich am Maienmorgen zu erfrischen.

Da verflog sich im Eifer neckischen Streites ein sich jagendes Schwalbenpaar in Markes Gemach. Es hatte wohl droben im Turm sein noch unfertiges Nest. Und wie die beiden Vögel erschrocken sahen, wohin sie geraten waren, schwirrten sie durch das weite Fenster hurtig wieder hinaus und entschwanden mit fröhlichem Schrei im Blau der Lüfte. Ihren Schnäbeln war der Gegenstand ihres Spieles entfallen, ein langes Frauenhaar, blonder als Dukatengold und feiner als feinste Seide aus dem Morgenlande.

König Marke hob das Haar auf. Wiederum lachte er wie ein Faun:

Das senden mir die Götter!

Meine verehrten Ritter und Räte, sprach König Marke, als er gegen Mittag in die hohe Halle vor die harrenden Herren trat. Vorausgesetzt, daß der Brautwerber, den ich aussenden werde, seines Auftrages gerecht wird, ist es mein königlicher Wille, Eurem Wunsche zu willfahren. Ich habe meine Wahl unter den Töchtern der Erde getroffen.

Man murmelte Beifall, wennschon sich keiner der Höflinge klar ward, ob der Fürst im Spott oder im Ernst redete.

Darum stellte Herzog Audret die Frage: Sagt, König Marke, wer ist die Erkorene?

Marke erzählte die kleine Geschichte vom Schwalbenpaar und fügte hinzu: Die dieses wundersame Goldhaar ihr eigen nennt, die habe ich erkoren. Wisset, nie und nimmer werde ich einer Andern die Krone des Landes anbieten. An Euch aber, meine Herren, ist es, die Königsbraut nach Tintagol zu geleiten. Ich ahne es nicht, woher die Schwalben ihren Schatz mitgebracht haben. Gewiß aus weiter Ferne, denn unter den Bretoninnen habe ich solch Goldhaar niemals gesehen.

Audret vermochte des Argwohns nicht ledig zu werden, sein königlicher Oheim treibe argen Scherz mit ihm und seinen Genossen, um sich ihrer Forderung listenreich zu entziehen.

Mit bösem Blick auf Tristan fragte er: Wir freuen uns Eures Entschlusses, König Marke. Doch sagt, wer soll Euer Brautwerber sein?

Ich dachte zuvörderst an Euch, lieber Neffe, erwiderte der Herr der Bretonen, offenbar belustigt, denn Ihr wart doch wohl der Vater des Gedankens. Audret verbeugte sich geschmeichelt, um seine Ratlosigkeit zu verbergen. Empört über die Wendung der Dinge schaute er sich um. Es dünkte ihn, über die Gesichter seiner besten Freunde husche unverkennbare Schadenfreude. Er, der das gemächliche Leben über alles liebte, er sollte sich urplötzlich aufmachen und in die weite Welt fahren – mit dem lächerlichen Auftrage, zu einem ausgekämmten Frauenhaar die wer weiß wo weilende Besitzerin aufzuspüren!

Zu seiner Überraschung trat Tristan vor den Oheim und sagte: Verstattet mir in Gnaden, König Marke, daß ich mit etlichen Eurer Ritter und Mannen ausziehe, auf einem Eurer Schiffe, um die Eine zu suchen, der dies schöne goldene Haar zu eigen ist! Ich zweifle nicht, daß die Schwalben Boten des Schicksals waren. Irgendwo über Land und Meer harrt eine herrliche Königstochter Eurer Werbung. Verlaßt Euch auf mich! Ich werde die Königsbraut gen Tintagol geleiten.

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