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Der Roman von Tristan und Isolde

Arthur Schurig: Der Roman von Tristan und Isolde - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDer Roman von Tristan und Isolde
publisherJ. Gnadenfeld & Co
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid25fb2854
created20061213
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Unberührt vom Niedrig-Menschlichen wanderte er rüstig gen Westen, den dunklen Wäldern zu. Auf den blanken Schellen seiner Narrenkappe tanzten fröhliche Herbstsonnenlichter.

In Kerahes empfing ihn Ritter Kurwenal, Schmerz und Freude in den treuen Augen.

Ihm schüttelte Tristan sein übervolles Herz aus. Freund, sprach er zu ihm, der Winter meines wundersamen Lebens ist angebrochen. Mich friert nach so viel Sonne.

Um die Jahreswende brach ihm die alte Wunde wieder auf. Keiner der vielen Ärzte, die man herbeiholte, vermochten sie zu heilen. Was für Mittel sie auch versuchten, Kräuter, Salben, Pflaster und Bäder, nichts wollte helfen. Das Lanzengift, daß im Blute des dem Tode Geweihten geschlummert hatte, verzehrte die Wurzeln seiner Kräfte. Immer bleicher und stiller ward der müde Held; dürr und mager sein Leib. Um seines Friedens willen ließ er schließlich die Quacksalber aus der Burg jagen. Unerschrocken erwartete er sein Ende, und doch packte ihn eines Tages die Sehnsucht nach einem letzten Glücke.

Noch einmal die blonde Isolde sehen!

Aber wie sollte dies geschehen?

Im Fiebertraume dachte der Kranke alle Möglichkeiten durch. Wieder und immer wieder. Er fand den Weg nicht.

Zur Seefahrt nach Dinan durch die Winterstürme hatte er nicht mehr die Kraft. Die Pilgerschaft zu Fuß? Unausführbar. Und selbst wenn er Tintagol erreichen könnte, seine Feinde würden kein Erbarmen kennen. Einst, da er noch ein gefürchteter Recke war, hatten sie triumphiert. Heute, wo er sich mühselig kaum mehr aufrichten konnte, waren sie ihm unbedingt überlegen.

Es ward ihm maßlos bitter um das Herz, und er brach in wilde Klage aus. Wie brannte ihm die tiefeiternde Wunde.

Käme doch der Tod!

Eines Abends, als Kurwenal an seinem Lager saß und ihm stumm die Rechte drückte, sprach er zu ihm: Freund und Bruder, seit fünfunddreißig Jahren sind wir Lebensgefährten und Waffengenossen und halten zu einander wie kaum zwei andre in Freundschaft und Treue. Ich möchte dir meinen letzten Wunsch offenbaren. Heißer und herzlicher vermag kein Sterbender ein Begehren zu haben. Ich will es dir anvertrauen, sobald niemand mehr im Gemach ist außer uns beiden. Schau auch nach, daß niemand in der Vorhalle unser Gespräch vernimmt!

Isolde erschrak über Herrn Tristans sonderbares Verlangen. Als sie hinausgegangen war, befiel sie die Neugier, zu hören, was ihr Gemahl auf dem Herzen habe. Gelehnt an die Wand, da Tristans Bett stand, horchte sie:

Tristan richtete sich sich hoch und lehnte sich an die Wand. Kurwenal setzte sich dicht neben ihn. Beide weinten vor Schmerz, daß sie voneinander gehen sollten. Wie war ihre Freundschaft schön und echt gewesen! Mehr denn ein Menschenalter hindurch hatte der Eine verehrt, was dem Andern als Höchstes galt. Die Wahrheit und die Treue, die ritterlichen Sitten, Herzensgüte und Gradheit, die Künste und die Wissenschaft, alte Lieder und Weisen, Wandern und Kämpfen, ihr Schwert und ihre Ehre hatten sie beide in Leidenschaft geliebt.

Klagend erinnerten sie sich dessen.

Geliebter Freund, sagte Herr Tristan, ich bin in fremdem Land, habe keine Verwandten, keine Freunde, keine Genossen. Nur dich hatte ich, dich, der du mein erster Freund warst in meinem Leben und nun mein letzter bist. Ohne dich hätte ich hier jeder Freude und jedes Trostes entbehren müssen. Ich bin dem Tode nahe. Niemand in diesem Lande vermag mich zu heilen und zu retten. Eine nur auf Erden vermöchte es: Isolde Blondhaar, die Königin von Cornouaille. Sie allein hat die göttliche Macht, meine Wunde gesunden zu lassen. Wenn sie wüßte, wie ich leide, so käme sie, und wäre es vom andern Ende der Welt. Aber wie sollte ich ihr Kunde geben? Wenn sie erfahren könnte, daß ich ihrer Wunderkraft bedarf, daß ich mich darnach sehne, sie noch einmal zu sehen, so eilt sie hierher, so kommt sie, so erhält sie mir das Leben. Wen aber soll ich mit der Botschaft betrauen? Rate mir, treuer Freund! Besser noch: mache dich selber auf den Weg. Sage ihr: sie möge kommen! Nichts wird sie zurückhalten. Die Liebe wird ihr Flügel verleihen. Kurwenal, bei unsrer Freundschaft, bei unsrer Waffenbrüderschaft, bei unsern Idealen: wagt dieses Abenteuer! Bestellt ihr die Botschaft! Bringt mir Isolden! Ich bleibe dein bester Freund auf immerdar.

Kurwenal drückte dem Weinenden die Hände. Weine nicht, Freund! sagte er voller Milde und Güte. Ich will tun, was du mir aufgetragen. Glaube mir, zu deinem Trost und deiner Rettung nehme ich den Kampf mit der Welt auf, und wäre es mein sicherer Tod. Sage mir deine Botschaft! Ich werde sie deiner Königin bestellen.

Nimm den Jaspisring! Du weißt, er ist das Erkennungszeichen zwischen ihr und mir. Und wenn du im Lande angekommen bist, so begib dich, als Kaufmann verkleidet, an den Hof. Lege der Königin seidene Stoffe vor und lasse sie dabei den Ring sehen. Alsbald wird sie dir Gelegenheit geben, ungestört von Anderen mit ihr zu sprechen. Du weißt, lieber Freund, dereinst beim Abschied hat mir Frau Isolde gelobt: Keine Macht, kein Gesetz, kein Verbot soll mich hindern zu tun, was du mir zu tun entbietest! Und sage ihr, daß ich auf den Tod krank darniederliege, daß ich in Schmerz und Sehnsucht in allen Augenblicken meines mir entschwindenden Lebens ihrer gedenke, daß ich sie herzinniglich grüßen lasse und daß ich sie bitte, zu mir zu eilen, mich zu trösten und, ich wage es noch zu hoffen, mich zu heilen. Mahne meine Freundin an die Tage und Nächte, die wir beieinander verlebt! Mahne sie an unsrer großen Liebe Lust und Leid, an das Gelübde unsrer ewigen Treue! Frage sie, ob sie jener Stunde gedenkt, da sie mich vor König Hangwins Rittern küßte, jenes Tages der Sommersonnenwende, da wir unter dem weißen Segel des Brautschiffes zum ersten Male einander gehörten, jener siebzehn Monde, da wir in der Einsamkeit des Waldes von Morlaix voller Glück hausten? Das Schicksal hat uns grausam getrennt. Mehr Not und Pein haben keine zwei Anderen in ihrer Liebe erlitten. Ich habe Isolden geschworen, nie ein ander Weib zu lieben. Ich habe meinen Eid gehalten. Sag ihr das!

Alles dies erlauschte Frau Isolde Weißhand. Fast sank sie hin. Empörung, Weh und Leid, Zorn, Eifersucht, Rachgier durchtobten ihr armes Herz.

Tristan fuhr fort: Beeile dich, Freund, ich gebe dir vierzig Nächte Zeit. Kehrst du in dieser Frist nicht zurück, so wirst du mich nicht wiedersehn. Verberge Ziel und Zweck deiner Reise vor jedermann! Erzähle, wer dich auch befragt, du wollest einen berühmten Arzt herbeiholen. Irgendwoher. Mein Schiff soll dich übers Meer fahren. Nimm zwei Segel mit, ein weißes und ein schwarzes. Bringst du mir Isolden, so zieh das weiße Segel auf; folgt sie dir nicht, das schwarze! Grüße mir auch Brangänen! Isolde hat sie dir einmal halb im Scherz geschenkt. Sterbe ich, weil es mein Schicksal will, dann bist du der Fürst meines Landes Leonnois. Ich wüßte keine würdigere Gebieterin neben dir als sie. Die Treue zu mir verbindet euch auf alle Zeit. Und nun: Glückliche Wiederkehr! Ich werde mich nach dem Hafen von Douarnenez tragen lassen. In der Burg auf der Insel in der Bucht, dort will ich dich erwarten. Geh und lebe wohl!

Unter heißen Tränen nahmen die Beiden Abschied voneinander.

Kurwenal rüstete das Schiff. Teure Stoffe packte er ein, schöne fränkische Gefäße, duftenden Wein aus Asturia und hispanische Falken.

Beim ersten guten Wind ging man in die See. Acht Tage und acht Nächte währte die Fahrt.

Weibeszorn ist ein fürchterlich Ding. Jedermann hüte sich davor! Leicht lieben die Frauen; schwer hassen sie. Ihr Haß ist nicht vergänglich wie ihre Liebe. Einmal erwacht, wächst er ins Grenzenlose.

Isolde Weißhands milde Liebe wandelte sich in wilden Haß. Um einer Andern willen war sie verschmäht worden.

Die Worte, die sie heimlich gehört, brannten sich tief in ihr Herz. Die ihr zugefügte Schmach begehrte der Rache.

Als Kurwenal die Tür öffnete, trat sie in Tristans Gemach, als wäre nichts geschehen. Sie pflegte den kranken Gemahl, wie dies die Pflicht der Gattin ist. Sie scherzte mit ihm. Sie küßte ihn. Oft fragte sie den in heimlicher Sehnsucht Harrenden, ob der berühmte Arzt nicht bald da sein müsse.

Ohn Unterlaß sann sie auf Rache.

Als das Schiff im Hafen von Dinan eingelaufen war, begab sich Kurwenal unverweilt nach der Burg Tintagol.

Er führte ein blaues seidenes Tuch bei sich und einen kostbaren Becher, und auf der Faust trug er einen prächtigen Taubenfalken. Alles das brachte er König Marke zum Geschenk, indem er ihn um seinen Schutz bat, und um die Erlaubnis, im Lande Cornouaille Handel treiben zu dürfen, ohne weder von Ritter noch Knecht Schaden zu erleiden.

König Marke nahm das Geschenk an und gab vor versammeltem Hof die erbetene Erlaubnis. Sodann bot der Handelsmann, der sich unerkennbar gemacht, der Königin ein kunstvolles Armband aus bestem Gold zum Kauf an. Nie hatte Isolde ein schöneres geschaut.

Während sie sich das Geschäft überlegte, zog Kurwenal den Ring Tristans vom Finger und hielt ihn neben das bewunderte Armband.

Seht, Königin, des Armbands Gold ist ohne Gleichen, selbst neben dem Ringe hier, einem wunderbaren Kleinod!

Da erkannte die blonde Isolde den grünen Stein. Ihr Herz erzitterte. Sie ward bleich. Gewiß brachte man ihr unheilvolle Kundschaft. Im Augenblick verlor sie beinahe ihre herrliche Haltung.

Dann aber faßte sie den Boten des Geliebten am Arm und zog ihn nach der Fensternische, als wolle sie im Sonnenlichte Armband und Ring vergleichen, um ungestört ihren Handel zu vollenden.

Niemand schenkte ihr und ihrer List sein Augenmerk. Außer Brangänen blieb keiner im Saal.

Herrin! flüsterte Kurwenal, sowie sie allein waren. Herr Tristan entbietet Euch seinen Gruß! Er liebt Euch wie am ersten Tage. Er ist Euch treu geblieben. Aber totwund liegt er darnieder. Eine giftige Lanze machte ihn krank. Keiner kann helfen. Nur Ihr! Gedenkt der Stunde, da Ihr Herrn Tristan geküßt vor König Hangwins Rittern! Gedenkt des Tages, da des Brautschiffs weißes Segel über Euch glänzte! Gedenkt der siebzehn Monde, da Ihr Herrn Tristan im Wald von Morlaix geliebt! Der Ring mahnt Euch an Euern Treueschwur! Herr Tristan ruft Euch bei diesem Ringe! Kein langes Bedenken! Ohne Eure Hilfe muß Herr Tristan sterben. Macht Euch auf. Eilt! Kommt mit mir zu ihm!

Isolde nahm den Ring und betrachtete ihn. Tiefes Leid und große Sehnsucht nach Tristan ergriffen sie. Tausend Erinnerungen wurden ihr wieder wach.

Freund Kurwenal, sprach sie nach einer Weile, sagt mir: wenn ich bereit wäre, Euch zu Herrn Tristan zu folgen, wie soll es geschehen?

Königin, erwiderte Kurwenal voller Freude, brecht morgen in der Frühe hier auf! Sowie Ihr im Hafen seid, wird unser Schiff Euch aufnehmen und dies Land verlassen.

Da erklärte Isolde mit fester Stimme: Haltet das Schiff bereit!

Isolde besprach den Plan ihrer Flucht mit Brangänen, der Getreuen. Sie kamen überein, in der Morgenfrühe zur Jagd mit Falken auszureiten.

Alles ward vorbereitet, und beim Grauen des Tages brach die Königin mit Brangänen, dem Falkner und einem Jäger auf. Herzog Audret, der den königlichen Befehl hatte, Frau Isolden stets zu begleiten, ritt mit. Als sie zwei Stunden scharf geritten waren, hielten sie auf einem Hügel angesichts des Hafens von Dinan. Isolde erspähte den landfremden Wimpel über Kurwenals Schiff.

Ein Fasan ging im Felde vor ihnen auf, und Isolde befahl einen Falken fliegen zu lassen. Der Falke flog rasch hoch und verschwand im lichten Himmel.

Seht Ihr, Herr Audret, sagte die Königin voll List, der Falke ist nach den Schiffen geflogen! Kommt!

Man ritt näher.

Ich sehe den Falken, behauptete Isolde. Er sitzt auf dem Mast des fremden Schiffes dort! Wessen ist es?

Audret erwiderte: Es ist das Schiff des angelländischen Kaufmanns, der Euch gestern das goldne Armband angeboten hat. Gehen wir zu ihm und holen wir uns den Falken!

Kurwenal hatte einen leichten Steg vom Schiffe an das Land bauen lassen und hielt am Heck Ausschau. Als er die Reiter erkannt hatte, rief er mit lauter Stimme: Gruß Euch, Königin! Gefällt es Euch, meine Waren anzuschauen? Ich habe viele schöne und kostbare Dinge.

Hurtig sprang Isolde von ihrem Zelter und lief über den Steg. Brangäne folgte ihr.

Auch Herr Audret saß ab; aber wie er über den Steg ging, schlug einer der Schiffsleute mit einer Ruderstange derb an die Planke, so daß sie kippte.

Der Herzog fiel ins Wasser.

Wie er den Steg erklimmen wollte, traf ihn Kurwenals Pfeil. Zu Tode getroffen, versank er in der Flut.

Ganelon, Godwin, Denowal, Melot waren tot. Nun hatte die göttliche Rache auch Herrn Audret erreicht.

Stirb, Verräter! frohlockte Frau Isolde. Endlich hast du deinen Lohn für das Leid, das du Herrn Tristan und mir angetan!

Da lichtete das Schiff den Anker, und alsbald straffte der frische Morgenwind das weiße Segel und gewann die hohe See.

Währenddem fraß Schmerz und Sehnsucht Tristans letzte Kräfte. Weder Heilung kam noch Trost, und die blonde Isolde nahte ihm nicht.

Bald nach Kurwenals Abfahrt hatte er das Schloß Kerahes verlassen und sein Krankenlager nach der Burg Douarnenez verlegt. Die sechzehn Wegstunden dahin waren ihm schwer geworden, aber der Blick auf die See lieh seiner Seele ein wenig Ruhe. Er liebte die Melancholie des Meeres über die Maßen.

Jeden Morgen ließ er sich an das Fenster tragen, um auszuspähen, ob Kurwenals Schiff käme. Und als er schwächer und schwächer ward, da blieb er auf seinem Lager, immerdar in Gedanken an den Freund, der ihm die Einziggeliebte aus der Ferne, herführen sollte. Nichts sonst in der Welt kümmerte ihn im Herzen.

Seht Ihr das Schiff? Was trägt es für ein Segel? Hundertmal Tag um Tag tat er diese Frage zu jedem, der bei ihm verweilte, auch zu Isolde Weißhand, ohne zu ahnen, daß sie gar wohl wußte, daß es nicht nur Kurwenal war, dessen er so leidvoll harrte.

Hört nun die traurigen Geschehnisse, die zu allen Zeiten, alle, die lieben, mit gewaltigem Mitleid erfüllen werden!

Schon sichtete der Steuermann auf Kurwenals Schiff das Cap de la Chèvre, und alle an Bord freuten sich, da ward das Meer schwarz und die Luft finster. Starker Sturm erhob sich vom Lande her und warf das Schiff zurück auf die hohe See.

Wehe mir Unglückseligen! klagte Frau Isolde. Eine dunkle Macht hemmt unsern Gang so nah am Ziel. Soll dies Schiff untergehn? Soll ich meinen geliebten Tristan nicht wiedersehen? Soll ich ihn nicht heilen und retten? Wenn mich die wilden Wogen verschlingen und man meldet es ihm, so ist es sein Tod. Um alles in der Welt hätte ich dir Hilfe gebracht. Wenn ich jetzt sterben muß, so tut mir nur das Eine leid. Ohne mich wirst du sterben, wie ich auch nicht leben könnte, wüßte ich, du seiest tot. Ich fühle es, wir sterben beide zur nämlichen Stunde. Bei Gott, es steht nicht in meiner Macht, zu dir zu eilen, wie es dein und mein Wunsch war! Bis zuletzt aber will ich hoffen, daß wir uns wiederfinden, daß ich dich heile, oder daß wir zusammen in den Tod gehn.

Fünf Tage tobte der Sturm. Dann legte sich das Unwetter. Der Himmel wurde klar und die See spiegelglatt.

Das weiße Segel ward wieder gehißt; eine leichte Brise blähte es, und bald glitt das Schiff in die weite Bucht von Douarnenez.

Isolde Weisshand saß an Tristans Lager.

Schau nach! Kommt das Schiff? Welches Segel führt es? fragte er.

Als sie an das Fenster trat, tauchte, fern überm Meer, sonnenbeglänzt, das weiße Segel auf. Geliebter! rief sie. Ich sehe das Schiff. Dein Freund Kurwenal naht. Möchte er dir die Heilung bringen!

Da fragte Tristan, sich mühselig aufrichtend, zitternd vor Angst und Freude: Ist es wirklich Kurwenals Schiff? So sagt mir, liebe Freundin, wie sieht das Segel aus?

Ich sehe es deutlich, erwiderte die Bretonin mit harter Stimme, heimlich jubelnd, daß ihr der Augenblick der Rache anbrach. Das Segel ist schwarz.

Herr Tristan sank zurück.

Ich vermag mein Leben nicht länger zu halten, sprach er tonlos. Sei gegrüßt zum letzten Male, Isolde, du meine traute Freundin!

Und noch zweimal rief er: Isolde!

Isolde Weißhand war aus dem Gemach geschritten.

Alsbald klang wilde Klage durch das sonst so stille Haus. Arundische Ritter hoben den toten Helden von seinem Lager, legten ihn in der Halle der Burg auf einen morgenländischen bunten Teppich und deckten ein wappenbesticktes Totentuch über ihn.

In der Kapelle und drüben im Münster der Stadt Douarnenez fingen die Glocken an feierlich zu läuten.

Wie nun Isolde die Blonde, begleitet von Brangänen und Kurwenal, dem Schiff entstieg, vernahm sie die laute Wehklage des Volkes und den ernsten Klang der Glocken.

Sie fragte einen alten Mann, der ihre hohe Gestalt anstaunte: Was trauert Ihr?

Tristan, der beste des Landes, ist tot! antwortete er.

Stumm schritt Isolde durch die Gassen hin zur Burg. Ein purpurner Schleier umwallte sie. Jedermann schaute voll Bewunderung auf ihre hoheitsvolle Gestalt. Eine so schöne Frau hatte noch keiner gesehen.

Wer ist sie? Woher kommt sie?

Ist es die Königin von Avalun?

Vor dem Toten in der Halle begegneten die beiden Isolden einander. Einen Augenblick schauten sie sich scharf in die Augen.

Geht! rief die Germanin in mildem Hochmut und bot der Bretonin die Rechte. Geht! Um Herrn Tristan zu weinen, habe ich größere Rechte denn Ihr. Wer von uns zwei liebt ihn mehr als das Leben?

Isolde Weißhand ergriff die Hand ihrer erhabenen Rivalin, und aufschluchzend verließ sie die Halle.

Isolde die Blonde kniete auf dem Teppich vor dem Geliebten nieder, hob das Tuch von seinem Haupt und küßte den Toten auf Mund und Stirn.

Ihn mit beiden Armen umschlingend, sank sie über ihn hin.

Ihr Herz hörte auf zu schlagen.

So starb Isolde in der nämlichen Stunde wie ihr geliebter Freund.

Die Kunde von dem Tode Tristans und Isoldens flog zu König Marke. Sofort rüstete er ein Schiff und eilte nach der Bucht von Douarnenez. Wie er am Eiland landete, das noch heutzutage die Tristans-Insel heißt, sammelte man gerade vom ausgeglühten Scheiterhaufen die Asche der beiden Liebenden.

In zwei kostbaren Urnen, die eine aus Chalcedon, die andere aus Beryll, führte der tiefbetrübte König die Überreste der Toten nach Tintagol. Dort, an der Schloßkapelle, links und rechts vom Chor, übergab er sie der Erde.

Über Isoldens Grab pflanzte Kurwenal einen Rosenstrauch, Brangäne einen Rebenstock über der Ruhestätte Tristans.

Die Ranken der Rose und der Rebe wuchsen am Gemäuer empor; sie umarmten sich über dem Dache der Kirche, und sie kletterten auf der andern Seite hinab, die Rebe zu Isolden, die Rose zu Tristan.

Kurwenal und Brangäne gingen bald darnach zu Schiff nach dem Lande Leonnois, als dessen Fürst und Fürstin sie in der Burg Kanohel herrschten, vom Volk verehrt ob ihrer wunderbaren Treue noch lange Jahre.

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