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Der Roman eines Konträrsexuellen

Emile Zola: Der Roman eines Konträrsexuellen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
titleDer Roman eines Konträrsexuellen
editorZola
correctorhille@abc.de
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Drittes Dokument

Verehrter Herr!

Ich hoffe, Sie haben das Paket mit den so schrecklich geschriebenen Blättern, das ich Ihnen geschickt habe, erhalten. Ich habe sie mit Vergnügen geschrieben, denn ich bin überzeugt, daß Ihnen eine solche Beichte bei Ihren tiefgehenden Studien über die Menschheit, ihre Krankheiten und ihr Unglück, nur angenehm sein kann.

Ich habe Ihnen während eines traurigen und langweiligen Tages geschrieben, während es in Strömen regnete und die melancholischen Farben sich auf alle Dinge legten. Der letzte Teil dieser Beichte wurde am nächsten Morgen geschrieben, während ein gräßlicher Regen mein Fenster in einem ganz gewöhnlichen und traurigen möblierten Zimmer peitschte.

Was ich geschrieben habe, ist seltsam von meiner Laune und der mich umgebenden Traurigkeit und Langeweile beeinflußt und durchsetzt. Ich habe alle Farben zu sehr in Schwarz gemalt und mich als das gezeigt, was ich bin, aber sicherlich nicht immer bin. Ich bin so und habe diese Melancholie und diese Traurigkeit, die die Grundlage meines Charakters geworden ist, doch ich streife diese Stimmung oft ab und fühle mich nicht immer so unglücklich.

Ich schreibe Ihnen dies nach einem köstlichen Diner in großer Gesellschaft, wo ich zahlreiche Komplimente erhalten habe und wo die schweren Weine und der ganze Glanz eines reichen Hauses Herz und Geist entzückten. Ich will deshalb die Studie zu meiner Person vervollständigen, die ich oft als von der Natur begünstigt betrachte, da sie aus mir ein Wesen gemacht hat, welches die kühnsten Poeten nicht zu schaffen gewußt haben.

Als Mann mit einem herrlichen Körper ausgestattet, besitze ich den Geist, den köstlichen Zauber und den Geschmack der reizendsten Frauen. Ich kann daher zuweilen durch die vereinigten Gaben beider Geschlechter Triumphe feiern, wenn mich auch manchmal das Bedauern fast tötet, weder Mann noch Weib zu sein. Es macht mir Vergnügen, mich mit den verführerischsten Helden der Mythologie zu vergleichen und mir zu sagen, daß Hyazinth, Ganymed und so viele andere reizende Geschöpfe sich in keiner Weise von mir unterschieden und von den schönsten und mächtigsten Göttern angebetet wurden.

Ich habe einen Widerwillen – und zwar den größten – gegen die Frau, doch ich betrachte die Frauen insgesamt als Wesen von meiner Art und unterhalte die lebhafteste Freundschaft zu mehreren von ihnen, die mir ebenfalls die zarteste Freundschaft erweisen und sich vielleicht, ohne ihre Ursachen zu kennen, über meine Zurückhaltung und Unschuld ihnen gegenüber wundern.

Ich stehe in regelmäßigem Briefwechsel mit mehreren reizenden Frauen, die mir oft ihre intimsten Gefühle anvertraut haben und denen ich stets durch eine mehr als ausgelassene Unterhaltung gefallen habe. Mehrere taten, als glaubten sie, ich machte ihnen den Hof, und haben mir ziemlich deutlich Avancen gemacht, doch ich habe sofort Widerwillen gegen sie empfunden und sie mir in angemessener Entfernung gehalten. Ich tue immer so, als wäre ich in eine andere Frau verliebt, und gebe Ihnen Einzelheiten über nur in der Phantasie vorhandene Personen, erzähle ihnen auch alle möglichen Dinge, die ich aus Büchern lerne oder von irgendwelchen Freunden erfahre.

Einmal hat eine verheirate Cousine einige Tage bei uns gewohnt. Sie schlief in einem Zimmer neben meinem, und nur eine Wand trennte unsere beiden Betten, die in den jeweiligen Ecken der beiden Zimmer standen. Nachts schlug sie mit der Faust lachend und scherzend an die Wand zu meinem Zimmer, denn sie war stets sehr lustig und spielte gern das verhätschelte Kind (jetzt ist sie an Meningitis gestorben). Ich zitterte, sie könnte auf den Gedanken kommen, mich zu rufen, und gab vor, sofort einschlafen zu können, indem ich die größte Müdigkeit vorschützte. Ich glaube, ich hätte nackt neben ihr schlafen können, ohne daß auch nur der geringste Wunsch mich gestreift hätte.

Ich kann die größte Sympathie für Damen empfinden – ich sage Damen, denn die anderen erscheinen mir nur als plumpe Tiere –, doch ich kann stets nur ihr Freund und nie etwas anderes sein, während meine Sinne in schrecklicher und mächtiger Weise erwachen, wenn ich einen Mann, der mir gefällt, welcher sozialen Stellung er auch angehören mag, in meiner Nähe spüre, ja selbst nur sehe. Allerdings ziehe ich stets die vornehmen und gutgekleideten Leute, besonders die Militärs, vor.

Gestern, als ich meinen langen Brief an Sie aufgab, wurde ich von dem schönen Gesicht des Postbeamten betroffen – die Römer sind in der Tat sehr schön! Heute habe ich mehrere Briefe abgeschickt, um ihn wiedersehen zu können, und es hat mir gefallen, mit ihm zu sprechen und ihn anzusehen. Er ist wirklich ein schöner Mann.

Ich habe für die Männer eine wahre Leidenschaft, und wenn ich eine Frau wäre, wäre ich in meiner Liebe und in meiner Eifersucht schrecklich.

Glauben Sie nicht, daß ich unter Liebe nur die Ausübung dessen verstehe, was ich Ihnen gestern geschrieben habe; ich glaube, daß es eine schönere und edlere Art zu lieben gibt. Leider werde ich sie niemals empfinden können, denn ein wahrhaft edler und reizender Mann nach meiner Vorstellung würde gewiß nichts von mir wissen wollen, und ich muß mich mit sittenlosen Männern begnügen; allerdings sind sie vielleicht interessanter und besser als die anderen – das ist mein Trost. Dennoch möchte ich jemanden mit schöner und edler Leidenschaft lieben können.

Ich verstehe alle Opfer, die man bringen kann, wenn man wahrhaft liebt, und ich zittre, daß ich dieses Gefühl nicht kennenlernen kann, vor allem aber, daß ich nicht mit der Leidenschaft und der Aufwallung des Herzens geliebt werden kann, mit der ich selbst, das fühle ich, wohl lieben könnte.

Ich fürchte jetzt, daß die Liebe des jungen Soldaten nur eine schlaue Berechnung gewesen ist, ein Mittel, sich meines Geldes zu erfreuen. Vielleicht ist ihm auch meine Person angenehm gewesen; denn ich habe ihn zweifellos etwas empfinden lassen, was er nicht kannte. Ich fürchte, das ist wirklich alles gewesen und er hat kein anderes Gefühl für mich gehabt.

Was den Hauptmann betrifft, so ist er ein Wüstling, den ich behalte, weil ich derzeit nichts Besseres habe, und dem ich aus Gewohnheit angehöre. Vielleicht liebe ich ihn auch mehr, als ich denke. Wenn er fortreist, ärgert mich das, und seine langen Abwesenheiten sind mir sehr unangenehm, obwohl ich keine wahre Liebe für ihn empfinde, wie ich sie bisher nur ein einziges Mal in meinem Leben empfunden habe und vielleicht nie mehr mit einem so heftigen Ausbruch zärtlicher Gefühle und mit so schrecklicher Eifersucht empfinden werde.

Ich glaube, daß der Hauptmann mich wahrhaft liebt – er sagt es wenigstens. Doch ich habe mehr als einmal beobachtet, daß er sich sehr verändert, wenn die Sache vorbei ist: die Glut und die Leidenschaft, die er mir vorher bezeigt hat, verändern sich sehr, nachdem er getan hat, was er wollte. In der ersten Zeit war es nicht so, und ich glaube, es geht ihm nur um sein Vergnügen. Er achtet nur auf mein eigenartiges Gesicht und auf meine Gestalt, während er sich um mich selbst, das heißt um meine Gefühle und Neigungen, weit weniger kümmert

Im übrigen langweilt er mich sehr. Obwohl er stark ist, und vielleicht weil er so stark und kräftig ist, braucht er sehr lange, bis sein Samen kommt. Ich dagegen ergieße meinen Samen ziemlich bald, und bis er dasselbe tut, komme ich längst wieder zu mir und kann diesen Mann betrachten, der ganz der Leidenschaft unterliegt. Sein Gesicht kommt mir dann wild und gewöhnlich vor; was mir zuvor gefiel, um meine Lust stillen zu können, flößt mir dann Widerwillen und fast Schrecken ein. Ich möchte dann gerne fliehen, doch da ich Lust empfangen habe, ist es nur recht und billig, daß ich ihm dasselbe zugestehe. Das erschöpft mich sehr und ich liege da mit starrem Gesicht, ohne eine Miene zu verziehen. In diesen Augenblicken ist er mir verhaßt. Wenn wir aber gleichzeitig den Samen ergießen, erfüllt mich eine wahre Freude, und an diesen Tagen liebe ich ihn heftig, gebe mich mit Körper und Seele hin, mache alles, um ihm zu gefallen. Einen großen Schmerz bedeutet es für mich, daß ich seinen Samen nicht in meinem Körper aufnehmen kann, was für mich das Höchste wäre. Dieses Verlangen spüre ich ganz heftig in mir und wünsche mir dann glühend, eine Frau zu sein.

Nachdem ich ihm das erste und noch mehrere Male widerstanden hatte, hat er fast darauf verzichtet, mich ganz zu besitzen, wie er es sich wünschte und wie ich es selbst ohne den gräßlichen Schmerz gewünscht hätte, den ich bei diesen Versuchen empfunden hatte, die wegen der ausnehmenden Zartheit meines Körpers zu nichts geführt haben.

Um ihm angenehm zu sein, würde ich wohl ein wenig leiden, doch wenn ich soweit bin – wir haben es drei- oder viermal versucht –, fühle ich nur den Schmerz, und trotz seiner Bemühungen und glühenden Bitten muß ich es abschlagen.

Sie werden vielleicht überrascht sein, daß ich Ihnen mit soviel Leidenschaft von einem Manne spreche, der nicht mehr jung ist, wenn er auch mehrere junge Leute aufwiegt. Ich habe Ihnen von meiner anderen Leidenschaft, die weit stärker war, nicht soviel erzählt. Der Grund ist der, daß der andere nicht mehr am Leben ist und die Sache vier Jahre zurückliegt, während ich noch immer in der Gegenwart lebe und mich ihrer so häufig erfreue. Und dann war ich bei dem anderen verhältnismäßig zurückhaltender, weil ich ihn mehr liebte, und habe nie das getan oder ihn tun lassen, was der Hauptmann mich gelehrt hat und ausführt, und zwar manchmal in recht brutaler Weise, die mich im geheimen entzückt und mich zu allem gefügig macht, was er will. Ich fühle mich so klein neben ihm.

In der Beichte, die ich Ihnen geschrieben und die zu hören ich Sie gewählt habe – wegen meiner Bewunderung für Sie und in der Hoffnung, daß sie Ihnen zu irgendetwas nützlich sein kann –, wollte ich Ihnen nicht von der köstlichen Ausschweifung sprechen, der ich mich mit diesem Manne überlasse. Ich hatte beschlossen, Ihnen nur von jener zarteren Beziehung zu sprechen, die ich im Regiment pflegte, doch in meinem Eifer habe ich nicht dem Verlangen widerstehen können, diese lustvollen Szenen heraufzubeschwören, die ich mit ungeheurem Vergnügen und Verlangen kommen sehe, obwohl ich mich danach oft traurig und gelangweilt fühle.

Die einzige Person, die vielleicht eine wahre Liebe für mich gehabt hat, war der junge Spanier, mit dem ich vielleicht ein Dutzend Mal zusammengewesen bin und der mich bis zum Wahnsinn liebte, während ich nur sehr kühl zu ihm war. Ich fand an ihm eine zu große Ähnlichkeit mit mir selbst. Er war jungfräulich wie ich – obwohl er es nicht zugeben wollte, verriet er es in allen seinen Reden –, und der Mann zog auch ihn mächtig an. Er war zart und nicht schön, obwohl er prächtige, braungrüne Augen hatte, die wie kostbarer Marmor schimmerten.

Einmal hat er mir erzählt, daß er in der Zeit, als er mir folgte, ohne mich zu kennen – das hat mehrere Monate gedauert –, und mich einmal vierzehn Tage nicht sah (ich war damals in Palermo), lange Zeit geweint habe, weil er glaubte, ich sei krank oder tot. Er bewahrte auch ein Oleanderblatt, das ich gepflückt, in das ich hineingebissen und dann zur Erde geworfen hatte, ohne weiter darauf acht zu geben. Er bewahrte es wie eine Reliquie und hat es mir in einem Rahmen unter Glas gezeigt.

Ich habe stets über ihn gespottet und im Innersten ist er mir stets sehr unsympathisch gewesen, wenn ich ihn auch manchmal befriedigen wollte. Ich habe seitdem Angst, jemandem dasselbe Gefühl einzuflößen, und das hat mich geschützt und meine Bereitschaft, mich auf den ersten Blick zu begeistern, gezügelt. Ich bin auch seitdem in Gesellschaft in dem Verhalten meinem Geliebten gegenüber sehr zurückhaltend gewesen, gestatte ihm keine Vertraulichkeit und behandle ihn als mir vollkommen gleichgültiges Wesen. Selbst bei unseren Stelldicheins und in unseren Reden bin ich so und überlasse mich ihm vollständig nur in seiner verschlossenen Wohnung und im Halbdunkel des Zimmers.

Früher war ich nicht so zurückhaltend, doch die Gesellschaft hat mich gelehrt, wie man sich in solch seltsamen und außergewöhnlichen Situationen benehmen muß. Wenn man von ihm spricht, schweige ich oder spreche schlecht von ihm. Oft hat man ihn gegen meine Angriffe verteidigen müssen. Das Schlimmste ist, daß ich in meinen Urteilen aufrichtig bin und das Böse, das ich ausspreche, auch denke. Ich behandle ihn manchmal in Worten sehr schlecht und schrecke nicht davor zurück, ihm in allem, was er sagt, im Beisein anderer zu widersprechen. Dennoch fühle ich, sobald wir allein sind und er sich als der Herr zeigt, meine Überlegenheit schwinden, die sehr künstlich ist, und falle ihm überglücklich, daß ich ihn in seiner Aufregung und Leidenschaft für mich erleben kann, in die Arme. Jedenfalls suche ich seinetwegen keine anderen Zerstreuungen. Mehr als nötig hat ihn die Gewohnheit zu meinem Herrn gemacht; ich trage nur für Augenblicke nach anderen Verlangen, die mir gefallen.

Ich habe Ihnen gestern am Schluß von der Verzweiflung und von der Wut erzählt, die ich empfand, als ich den jungen Mann wiedersah, dessen Schönheit mir stets aufgefallen war. Er ist so schön, daß ich davon ganz bewegt bin, doch ich betrachte ihn mehr wie ein Kunstwerk als wie einen Mann. Ich beneide wohl die Frau, die er haben wird und die sich seiner wird erfreuen können, doch ich möchte ihn eher zum Geliebten als zum Mann haben: er ist zu vollkommen und muß langweilig werden. Das hindert nicht, daß ich ihn nie ohne Aufregung sehe und heiß von ihm geliebt werden, ihn in meinen Armen halten und sein Liebster sein möchte. Leider ist das unmöglich, und ich muß mich mit dem begnügen, was ich habe – was nicht wenig ist: nicht jeder Mann ist vielleicht so glücklich wie ich. Ich habe leidenschaftlich geliebt, und vielleicht entsprach ich ja dem Bild eines charmanten jungen Mannes in seiner schmucken Männlichkeit; ich habe alle Glut der Eifersucht und der befriedigten Leidenschaft, wenn auch nicht vollständig, so doch in genügender Weise kennengelernt; ich werde in schrecklich heftiger Weise von einem alten Krieger, neben dem viele Männer schwach und klein erscheinen, mit der vollen Kraft der Männlichkeit geliebt; er überschüttet mich mit seiner leidenschaftlichen Zärtlichkeit, und wäre ich seiner nicht ein wenig überdrüssig, könnte ich absolut glücklich sein, daß mein Verlangen so erfüllt wird.

Ich bedaure und werde stets die verkehrte Natur in mir bedauern, die mich an Leib und Seele nicht voll genießen läßt, doch da ich jung, hübsch, reizend und reich bin, tröste ich mich darüber, daß meine Seele ungeheuerlich ist, mit dem Gedanken, daß ich das lasterhafte und anmutige Produkt einer raffinierten und verfeinerten Zivilisation bin.

Ich will Ihnen noch ein wenig von meinem wahren Charakter erzählen, was Sie vielleicht auch interessieren und Ihnen eine vollständige Idee von meiner seltsamen Persönlichkeit geben wird. Ich liebe alles, was schön ist, und fast nichts – in allen Bereichen – ist in meinen Augen schön genug, so sehr liebe ich alles, was außergewöhnlich, teuer und elegant ist. Ich habe in der Phantasie Paläste gebaut, die schöner sind als alle, die bestehen, angefüllt mit Meisterwerken, die ich aus allen Meisterwerken der ganzen Welt ausgewählt habe. Der Anblick eines Kunstwerks, ob es von Natur oder gestaltet ist, hat mich stundenlang in Erregung gehalten, und nachts habe ich davon geträumt.

Die Schönheit ist in meinen Augen alles, und alle Laster, alle Verbrechen scheinen mir durch sie entschuldigt.

Eine der Figuren Balzacs, die mich am meisten entzückt hat, ist der schöne Lucien; ich bilde mir immer ein, daß ich ihm ähnlich sehe, und habe geglaubt, daß die Liebe des schrecklichen Vautrin mehr sinnlicher Natur war, als sich Balzac vielleicht selbst eingestanden hat.

Blumen gefallen mir ungemein, die Treibhausblumen ebenso wie die seltenen, kostspieligen, bizarren Pflanzen; besonders Rosen und große exotische Blumen entzücken mich, sogar in der Malerei. Ich habe eine wahre Abneigung gegen Lilien und alle Wiesenblumen sowie gegen alle, die wild und ohne Pflege wachsen.

In der menschlichen Gemeinschaft liebe ich nur die vornehmen und elegant gekleideten Personen und halte nur sie des Namens Mensch für würdig. Die anderen zählen für mich nicht. Ich mache eine Ausnahme bei den Künstlern, die sich infolge ihrer seelischen Verfeinerung und der Schönheit ihrer Werke eine freiere Haltung gestatten können. Die anderen Leute zählen für mich nicht, und ich habe nur Abneigung gegen sie. Ich ziehe einen prächtigen Hund – einen King-Charles z. B. – allen Arbeitern und Bauern der Welt vor. Die letzteren sind mir verhaßt. Ich mache eine Ausnahme bei einigen der ersteren, wenn sie sehr schön und muskulös sind, was oft vorkommt. Wäre ich eine schöne Dame, hätte ich wohl gern einige von ihnen ausprobiert – wohlverstanden, um sie danach fortzuschicken.

Das Wort Frau erweckt in mir nur Gedanken an Luxus, wappengeschmückte Wagen, Seide und Samt, an weiße und duftende Haut, vollkommene Hände und leichte Sitten. Eine Frau, die zu Fuß geht, erscheint mir erniedrigt und gesunken, und die Frauen aus dem Volke sind für mich etwas Schreckliches, selbst wenn sie schön aussehen.

Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich – obwohl für alles gleichgültig – im Innersten Royalist bin und Könige und Königinnen mir aus einem anderen Material gemacht zu sein scheinen als die übrigen Menschen.

Obwohl nicht überzeugter Katholik und ungläubig, liebe ich den Pomp der Kirche und bin stolz, ihr anzugehören. Ich liebe die reichen Kirchen – namentlich die der Jesuiten mit ihrem Goldschmuck und vielfarbigem Marmor –, auch liebe ich die pomphaften religiösen Zeremonien, die etwas Unbekanntes und Geheimnisvolles in mir erzittern lassen.

Ich habe einen Abscheu vor der Republik und glaube stets – Sie lachen vielleicht –, sie mit schmutzigen und zerlumpten Wesen bevölkert zu sehen.

Ich fühle mich nur in sehr reichen, prächtig ausgestatteten Gemächern wohl – ein Geschmack, den mein Vater mit mir teilt. Er hat wahre Schätze für Kunstgegenstände ausgegeben, besonders für Chinoiserien und für große, prächtige japanische Objekte. Die Zimmerfluchten, in denen sich der Blick in Samt und Spiegeln verliert, entzücken mich. Ich schwärme für Treibhäuser und überheizte Stuben, in denen ich gern im wachen Zustand träume, um geheimnisvolle und sinnliche Bilder heraufzubeschwören.

Stets bin ich eitel gewesen, und ein wahrer Freudenschauer erfaßt mich, wenn ich in unserer Equipage durch das Gitter unseres Gartens fahre und die Leute stehen bleiben, um mir nachzusehen. Ich liebe es, bewundert zu werden, und bin stolz auf meine Schönheit, die ich, soviel es geht, ins rechte Licht zu stellen suche. Ich habe in mir stets Ähnlichkeit entdeckt mit den Büsten der Madame Dubarry – einer als Junge verkleideten Dubarry mit kurzgeschnittenen Haaren. Oft hat man sich über meine Ähnlichkeit mit einer Frau gewundert, und wenn mich das auch manchmal langweilte, fühlte ich mich doch meistens von diesen neugierigen und überraschten Blicken geschmeichelt. Eines Abends vor einer Reihe von Jahren habe ich auf der Rollschuhbahn in Paris Aufsehen erregt. Mehrere Damen glaubten an eine Verkleidung und gaben unzweideutige Beweise ihrer Überraschung; ich war davon entzückt.

In der Malerei ziehe ich die Genrebilder allen anderen vor, besonders wenn sie reiche und moderne Interieurs darstellen. Ich habe übrigens einen wahren Fanatismus für den großen Makart, dessen sinnliche und aufregende Werke mich entzücken. Mein Lieblingsbild ist sein »Tod der Kleopatra«, eine Szene, die ich stets voll Neid bewundert habe.

Zu meinem Charakter gehört eine gewisse Grausamkeit; ich liebe das Leiden eines anderen, besonders wenn ich es verursache. In meiner Kindheit quälte ich oft absichtlich Tiere; ich ging mit dem größten Raffinement zu Werke und empfand dabei selbst einen heftigen Schmerz, der mir gefiel und mich zugleich verzehrte.

Ich bin stets ziemlich anspruchsvoll gewesen, und in der Zeit, als die Geschäfte meines Vaters schlecht gingen, war mir der Mangel an Luxus ganz entsetzlich. Der Luxus ist für mich ein wahres Bedürfnis, ich könnte nicht mit weniger leben. Ich hasse, was gewöhnlich, alltäglich ist, und bewundere in allem das Außerordentliche, das Unmögliche.

Oft habe ich bei Abwesenheit meiner Eltern den ganzen Tag geschlafen. Ich ließ die ganze Wohnung beleuchten und war nachts auf, las und aß im griechischen Gewande, nachdem ich warme, parfümierte Bäder genommen hatte.

Ich male sehr hübsch, besonders Aquarell, und arbeite für die Alben und Fächer der Damen.

Ich bin verschlagen und tückisch und gleichzeitig von zuweilen wahrhaft kindischem Einfallsreichtum. Alle, die mit mir in Berührung kommen, beten mich an, und niemand hat meinem Zauber widerstanden. Ich habe stets die Gefühle der Leute angesprochen, und es ist mir immer gelungen, sie das tun zu lassen, was ich wollte, während andere, die mit dem Verstande zu Werke gingen, nichts erreichten. Ich habe oft festgestellt, daß meine Kameraden und Gefährten wegen Kleinigkeiten oder ähnlicher Vergehen bestraft wurden, während ich dank der unschuldigen und melancholischen Miene, die ich annahm, jeder Strafe entging.

Ich habe stets diejenigen tyrannisiert, die mich liebten, doch ich beuge mich sogleich einer rauhen und gebieterischen Stimme. Obgleich schwach und verweichlicht, hasse ich die Schwachen und liebe nur die Starken, die kämpfen und Erfolge erringen. Ich habe es stets bedauert, die Großen und Mächtigen in ihrer Niederlage nicht trösten zu können; ich glaube, wäre ich Marie Louise gewesen, wäre ich Napoleon nach St. Helena gefolgt. Vielleicht wäre ich nicht derselben Meinung gewesen, hätte ich den Neipperg gekannt und geliebt – trotz seines Glasauges.

Ich bewundere mit Begeisterung – das habe ich Ihnen bereits gesagt – alles, was schön und zierlich ist; aber seltsamerweise gefällt mir die grandiose, rauhe und kraftvolle Häßlichkeit an einem Mann ebenso sehr wie die Schönheit, ja vielleicht noch mehr. Ich habe eine sehr lebhafte und rege Intelligenz, trotz aller meiner Ausschweifungen und Schwächen; ich begreife alles, im Guten wie im Schlechten, und bewundere sowohl das eine wie das andere, wenn es nur nichts Gewöhnliches an sich hat.

Die Arithmetik hab ich – abgesehen von den vier Grundrechenarten – nie lernen können, und ich könnte keine Dreisatzaufgabe lösen, obwohl ich lange Zeit einen Rechenlehrer gehabt habe. Ich verstehe auch nichts von Börsengeschäften, obwohl davon in der Familie viel geredet wurde; jetzt höre ich Gott sei Dank nichts mehr davon, denn es ist nicht mehr nötig.

Ich lerne ein Gedicht, das mir gefällt, in fünf Minuten auswendig, so lang es auch sein mag, kann aber nicht zwei Zeilen einer Prosa, die mir zuwider ist, in den Kopf bekommen, selbst wenn ich Stunden daransetze. Ich spiele ziemlich gut Klavier, obwohl ich nie die Geduld gehabt habe, lange zu lernen. Vorzugsweise spiele ich melancholische Stücke, besonders die von Schubert und Mozart. Ich spiele auch Opern und stelle mir beim Spielen gern die Personen des Librettos und ihre Leidenschaften vor. Mein Lieblingskomponist ist Verdi, für den ich schwärme. In der Literatur ziehe ich die Beschreibungen der Gefühle und den langsamen, unvermeidlichen Fortschritt der Leidenschaften dem unnützen Plunder der Abenteuer vor. Ich wollte Ponson du Terrail lesen, doch ist es mir nicht gelungen, ich finde ihn langweilig und ganz unmöglich.

Der historische Roman »Ivanhoe« ausgenommen, weil ich gerne glauben möchte, daß Rebecca eine meiner Urahnen mütterlicherseits gewesen ist –, gefällt mir nicht; die Romane des älteren Dumas haben mich vor längerer Zeit interessiert, doch ich fand die Zusammenstellung historischer Dokumente und die Memoiren der damaligen Zeit bei weitem interessanter. Ich besitze zahllose Bände über Marie Antoinette, meine Lieblingsheldin, und über mehrere berühmte Frauen. Ich sammle gern ihre authentischen Porträts, sogar die häßlichen, die ich niemandem zeige, um nicht wegen meiner geliebten Heldinnen erröten zu müssen. Diese bewahre ich für mich auf. Ich habe 200 Francs für Bände bezahlt, die mich gar nicht interessieren, nur um einen kleinen Stahlstich zu haben, der die Königin Marie Antoinette auf dem Schafott darstellt, nach einer Zeichnung aus dem Jahre 1793.

Die Geschichte Frankreichs interessiert mich am meisten, obwohl ich, hätte ich eine Zeit und ein Land wählen können, um dort zur Welt zu kommen, Rom zur Zeit der Dekadence, etwa unter Hadrian, gewählt hätte (der Hof Heinrichs III. würde mir auch gefallen). Ich hätte im römischen Gewand hinreißend ausgesehen, und ich habe dieses Kostüm für einen Maskenball gewählt, wo ich mit meinen nackten Armen und Beinen und den entzückenden Sandalen, die meine nackten Zehen und ihre wie Achat leuchtenden Nägel sehen ließen, Furore gemacht habe. Der Hauptmann (ich nenne ihn so, obwohl er es nicht mehr ist) war als Gladiator dort und sah in seinem kaffeebraunen Trikot (er ist an sich schon recht dunkel), das seinen herrlichen Körper in seiner ganzen Kraft zeigte, prächtig aus; die Beine und die Brust waren mit Stahl bedeckt. An diesem Abend haben wir uns von Herzen gefreut.

Ich habe eine wahre Leidenschaft für Tiere, besonders für kostbare Vögel und Hunde, und besitze wunderbare japanische Möpse. Früher schwärmte ich auch für Kinder, jetzt kann ich sie nicht mehr ausstehen und streichle sie fast gar nicht mehr, nicht einmal die, die mir nahestehen.

Neapel ist meine Lieblingsstadt, und wenn ich sie verlasse, so geschieht das mit Bedauern, selbst wenn es nur für einige Tage ist. Neapel ist fast der Orient, mit seinen riesigen Palmen und seiner blauen, in seltsamen Feuern flammenden Reede, die im Bild darzustellen unmöglich sein muß. Neapel von Franzosen mit ihrer verfeinerten Zivilisation bewohnt, müßte göttlich sein; es gäbe keine schönere Stadt auf der Welt. Hätte sie in der Zeit, da sie den Spaniern gehörte, den Engländern gehört, welch ein schönes Paradies wäre sie dann! Aber auch so, wie sie jetzt ist, ist sie prächtig; dennoch wäre sie mir verfeinert noch lieber, dann wäre sie das Paradies Mohammeds.

Ich liebe die Natur nur in ihren wüstesten Einöden, zum Beispiel einen Wald, doch sobald der Mensch sie betritt, wünsche ich dort eine vollendete Zivilisation mit allen Feinheiten und Übersteigerungen. Ich liebe die Parks nach englischer Manier, doch die Gärten von Versailles und Caserta haben mehr Reiz für mich.

Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich für Ihre Werke schwärme, die ich mit Begeisterung gelesen habe, obwohl der Gegenstand der letzten nicht sehr angenehm war. Das Buch, dem ich den Vorzug gebe, ist »La Curée«, in dem ich einige meiner Gefühle wiederfinde und auch die Welt, in der ich fast immer zu Hause war, in der ich geboren bin und in der ich gelebt habe. Auch »Madeleine Férat« machte einen sehr starken Eindruck auf mich.

 

Mit dem lebhaftesten Vergnügen habe ich heute abend diese Seiten geschrieben. Das Zimmer wirkt sehr angenehm mit seinem brennenden Gas, den warmen Teppichen und dem Lärm des Hotels, das von Menschen wimmelt. Ich bin fast glücklich. Wie lange wird dieser Zustand andauern? Hoffentlich lange Zeit, und ich will nur noch daran denken, mich dessen zu erfreuen, was ich habe, ohne nach etwas anderem zu suchen. Ich habe für mich geschrieben, doch was ich geschrieben habe, sende ich Ihnen. Werde ich Ihnen zu irgendetwas nützlich sein oder habe ich meine Zeit vertan?

Auf jeden Fall bedaure ich diese Stunden nicht. Ich habe mein ganzes Leben mit seinen schrecklichen Schmerzen und seinen schuldhaften und berauschenden Freuden noch einmal durchlebt. Ich glaubte schlafen zu können, doch die auf diesen Seiten heraufbeschworenen Erinnerungen machen mir den Schlummer unmöglich, und ich muß zu meiner Schreiberei zurückkehren, die in wenigen Stunden lange Jahre wieder in mir aufleben läßt. Auch haben mich die Enthaltsamkeit der letzten Wochen und die Reise meines Freundes, der noch nicht von Rückkehr spricht, in seltsamer Weise erhitzt, und ich fühle eine Heftigkeit des Verlangens und der Leidenschaft, die mich hindert, mich einer langen Ruhe hinzugeben. Ich kehre also zu meiner Unterhaltung mit Ihnen zurück, doch sicherlich wird dieses Blatt das letzte sein, das ich Ihnen schreibe, denn sonst, glaube ich, würde ich nie zu Ende kommen und Ihnen zum Schluß ein richtiges Buch schicken, das Sie beträchtlich ermüden würde.

 

Immer, wenn ich meine, am Ende zu sein, finde ich doch noch etwas, das ich Ihnen erzählen muß. Auch gefällt es mir so sehr, von meiner kleinen Person zu sprechen, daß ich niemals aufhören möchte, mein Bildnis heraufzubeschwören, in dem ich mich hier wie in einem getreuen Spiegel betrachte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man jemals müde werden kann, von sich zu sprechen und sich in den kleinsten Dingen zu studieren, besonders wenn das Wesen, das die Natur in uns geschaffen hat, so außergewöhnlich ist, wie ich es bin.

Ich glaube wohl, daß Sie nach allem, was ich Ihnen geschrieben habe, den Rest meines Charakters, meiner Ideen und sogar meiner Umgebung von sich aus ergänzen könnten, doch da es mir ganz besonderes Vergnügen bereitet, mache ich noch ein wenig weiter, und zwar mehr meinetwegen als Ihretwegen.

Sie werden bereits erraten haben, daß ich Gourmand bin, fast ebenso sehr wie Brillat-Savarin selbst. Ich esse nicht viel, doch ich schwärme für gute Weine, selbst für diejenigen, die mir nicht als solche erscheinen, vorausgesetzt, sie haben einen berühmten Namen und sind teuer. Ich habe eine Leidenschaft für Wildbret; Fasane und alles fasanenartige Geflügel bilden mein Entzücken. Ich liebe seltene und stark riechende Käsesorten. Alle Raffinements der Tafel entzücken mich, und es gefällt mir bei einem Diner nur dann, wenn die Tafel glänzend erleuchtet und die Bedienung tadellos ist. Ich schwärme für türkischen Kaffee und trinke davon beträchtliche Mengen, obwohl stets in kleinen Quantitäten und sehr heiß. Liköre gefallen mir ebenfalls, aber in sehr kleinen Mengen. Ich habe stets von den römischen Orgien geträumt, und eine der Szenen, die mich am meisten entzückt haben, ist die Orgie des Arcabes in »Die letzten Tage von Pompeji«. Ich bewundere diese untergegangene Stadt und durchstreife sie oft, wobei ich ihren toten Zauber und ihr vom Vesuv ersticktes Leben heraufbeschwöre.

Ich hege die größte Leidenschaft für Reiterspiele, die Schönheit der Athleten, ihre Kraft und Formvollendung, hat auf mich stets den lebhaftesten Eindruck gemacht. Dagegen erregen mir die Akrobatinnen und Tänzerinnen im Zirkus nur Mitleid und Ekel.

Ich schwärme für schöne Pferde, doch fahre ich lieber im Wagen spazieren als daß ich aufs Pferd steige, obwohl ich ziemlich gut reite.

Ich verabsäume niemals, die Schauspiele mit wilden Tieren anzusehen, und war immer beim Frühstück und Spiel der Löwen und Tiger zugegen, erfüllt von dem geheimen Wunsch, ein wenig Blut fließen zu sehen. Ich würde einen schönen Tierbändiger allen schwächlichen Poeten dieser Welt vorziehen. In meiner Leidenschaft für den Mann wünsche ich mir an ihm Glanz, Tapferkeit, Kraft und Schönheit – Zartheit gefällt mir wenig an ihm, weil ich selbst so zart bin.

Ich liebe leidenschaftlich das Spiel, je waghalsiger es ist, umso besser gefällt es mir. Ich habe ziemlich viel Glück im Spiel, doch das Geld zerrinnt mir in den Händen und bleibt nie in meinen Taschen. Oft habe ich die – allerdings unbedeutenden – Spielverluste meines Freundes gutgemacht.

Für mich gebe ich wenig aus und fast ausschließlich nur für Bücher, Nippsachen und meine Toilette, die mich sehr interessiert. Ich liebe den strengen und korrekten Chic der Engländer, deren sämtliche Moden, einfache wie ausgefallene, wir nachahmen. Ich liebe Schwarz sehr, das mein hübsches, blondes Gesicht hervortreten läßt, ich liebe blendende Wäsche und elegante, nach der letzten Mode gefertigte Stiefel.

Ich bin von sehr eleganter Gestalt und wirke nicht unbeholfen. Schmucksachen liebe ich bei Männern wenig und trage nur sehr einfache Krawattennadeln, dagegen ist meine Uhr ein wahres Wunder. Am kleinen Finger der linken Hand trage ich einen einfachen Reif aus Eisen mit einem großen Diamanten, den mir meine Mutter geschenkt hat. Mein großer Luxus sind meine Spazierstöcke; ich habe welche von Verdier, die wunderbar sind, besonders einer mit einem Knauf aus prächtigem Bergkristall.

Ich glaube, ich habe Ihnen noch nicht von meinen Händen gesprochen, die wirklich herrlich sind, vielleicht das Schönste, was ich besitze, meinen Teint und meine Haare ausgenommen. Ich bin sehr stolz auf sie, umso mehr, als sie viel bewundert werden und man mir oft gesagt hat, es sei ein Vergnügen, von ihnen berührt zu werden. Ein großer Bildhauer, der unglücklicherweise vor kurzer Zeit gestorben ist und den ich kannte, wollte sie modellieren. Ich habe eine Kopie des Abdrucks in meinem Zimmer auf einem blausamtenen Kissen. Die Form der Hände ist vollendet, obgleich ungewöhnlich: lang, schmal und scheinbar ohne Knoten und Muskeln. Die Finger sind lang, am Anfang breit, enden sie in Spindelform. Obgleich von unerhörter Zartheit und ausnehmender Feinheit, sind sie doch an der Spitze viereckig, und ich muß nach dieser Form meine Nägel schneiden, die übrigens Edelsteinen von leuchtendem und glänzendem Rot ähnlich sehen und nach dem weißen Halbmond alle Nuancen des Rosa aufweisen. Obwohl viereckig, ist ihre Form vollendet, und das Fleisch, von dem sie eingerahmt sind und das trotz ihrer Länge über sie hinauswächst, ist weich und fein wie das Häutchen eines Eis. Während ich Ihnen schreibe, bewundere ich meine Hände, sie sind wirklich sehr schön. Der Daumen ist entzückend, rund mit ovalem Nagel. Die Hand selbst ist wie weicher Samt, auf dem man leichte, kaum merkliche, von den Adern verursachte blaue Schattierungen bemerkt. Der kleine Finger ist zierlich und abgespreizt. Die vorderen Fingerglieder sind auf eine etwas merkwürdige Art eingebogen und von lebhaftem Rosa, das zu dem sonstigen matten Schimmer einen Gegensatz bildet. Der Handteller, den eines Abends eine deutsche Dame studiert hat, die sich mit Chiromantie und Tischrücken beschäftigt, wird von kräftigen, langen und scharfgezeichneten Linien durchschnitten. Diese werden von einer diagonalen, unterbrochenen Linie gekreuzt. Die Dame hat mir diese Linien erklärt, doch ich fürchte auf recht phantasievolle und deutsche Art.

Ich habe die Schönheit meiner Hände und meines Gesichts von meiner Großmutter väterlicherseits geerbt, die sehr schön war und deren Arme und Hände so herrlich waren, daß Canova selbst ihr eines Tages Komplimente darüber machte. Man behauptet, sie sei die Mätresse – wehe, wenn man erfährt, daß ich das geschrieben habe - von ...Anmerkung Dr. Laupts: Hier folgt der Name eines Königs. gewesen, der sonst für unsere Familie nichts getan hat und dem wir vielleicht nur die Form unserer Lippen und unseres Kinns verdanken.

Mein Großvater war in der Ehe unglücklich und starb noch jung, infolge des Kummers, den ihm seine Frau verursachte, die ihn übrigens nicht lange überlebte; sie starb vor meiner Geburt. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, sind meine Brüder sehr kräftig und wohlgebaut, der älteste ist strahlend schön, er ähnelt meinem Vater, vielleicht ist er nicht ganz so schön wie dieser. Die beiden anderen sind nicht schön, besonders der dritte ähnelt der Familie meiner Mutter, die mir verhaßt ist. Alle sind viel größer und stärker als ich und in sehr kurzem Abstand von einander geboren. Ich bin zehn Jahre nach dem letzten zur Welt gekommen, und zwar nach einer schrecklichen Krankheit meiner Mutter, die sie dem Tode nahe brachte, ich glaube, es war ein bösartiges Fieber. Alle Kinder meiner Brüder sind hübsch, stark und wohlgebaut. Es war auch ein kleines Mädchen darunter, das mir, wie man meinte, erstaunlich ähnelte; sie ist 18 Monate nach ihrer Geburt innerhalb weniger Stunden gestorben, ohne daß irgendein Symptom eines nahen Todes vorausgegangen wäre. Ich hoffe, auch einmal auf diese Weise zu sterben.

Ich bin ansonsten vollkommen wohlgebaut, besitze eine beachtliche Nervenkraft, ein nicht geringes Temperament und Lebhaftigkeit. Manchmal verfalle ich in großen Stumpfsinn, doch erwache ich daraus mit außerordentlicher Freude und einer heftigen Lachlust. Ich schone dann niemanden und werde durch meine Reden, meine Schmeicheleien und Liebenswürdigkeiten, mit denen ich meine Umgebung überschütte, der Liebling aller. Mit einem Mal werde ich schweigsam und traurig, und alle Welt wundert sich über diese plötzlichen und ihrer Ansicht nach grundlosen Veränderungen. Der Ausdruck meines Gesichts, dessen Oberlippe von der Nase durch eine ganz kleine Krümmung getrennt ist, verändert sich wie die Farben des Meeres an einem stürmischen Tage. Die Augen sind fast immer melancholisch und unter ihren langen Wimpern verborgen, man sieht sie kaum. Ihre Farbe ist nicht bestimmbar, sie sind abwechselnd blau, grau oder grün, oft werden sie auch violett.

Man sagt mir, ich hätte eine arrogante und spöttische Miene. In Wahrheit nehme ich oft diesen Ausdruck an, um meine Ängstlichkeit und Verlegenheit vor der Welt zu verbergen, die ich mir auf diese Weise vom Leibe halte.

Ich glaube, es gibt auf der Welt wenige Menschen, die so egoistisch sind wie ich. Für eine meiner Vergnügungen würde ich die ganze Welt opfern, und nur in meinen plötzlichen Leidenschaften verstehe ich, was es heißt, einem anderen ein Opfer zu bringen.

In meiner Familie, die mich stets verwöhnt hat, wundert man sich über meine Kälte, und nennt man mich deswegen oft undankbar. Das hat meinen Vater oft gequält, der mir gegenüber sehr schwach ist und selbst bei ungünstigen Umständen meinen Wünsche und Launen, so außergewöhnlich und nutzlos sie auch waren, nicht widerstehen konnte.

In Wahrheit habe ich nur wenig Zuneigung für sie, und ich habe ihnen das auch in Stunden schlechter Laune gesagt. Den Grund erraten Sie zweifellos. Ich betrachte sie als die – allerdings unschuldige – Ursache meiner verderbten und außergewöhnlichen Natur und kann ihnen nicht verzeihen, mich so geschaffen zu haben.

Ich hege einen schrecklichen Groll gegen sie, doch ich versuche jetzt, dieses schlechte Gefühl loszuwerden, und bemühe mich, ihnen eine große Freundschaft zu bezeugen, die ich manchmal auch wirklich empfinde, wenn ich an all ihre Liebe für mich denke. Ich würde sterben, wenn sie von dem, was ich empfinde und tue, etwas erfahren oder ahnen würden.

Oft haben sie mich grausam verletzt, wenn sie mich wegen meiner vermuteten Abenteuer und wegen der Liebe, die die Damen für mich hegen, aufzogen. Ich habe sie in solchen Augenblicken gehaßt und ihnen in einer sehr harten Weise geantwortet, die sie nur bei mir dulden, während sie auffahren würden, wenn andere es ihnen gegenüber an Respekt fehlen ließen.

Mein Vater geht wenig in die Gesellschaft, sein Haus und die Sorge, es zu schmücken und zu verschönern, beschäftigen ihn ganz und gar, um alles übrige kümmert er sich nicht, außer um seine Enkel, die ihn anbeten und die er leidenschaftlich liebt. Ich bin auf sie sehr eifersüchtig gewesen und konnte sie nicht leiden, jetzt kümmere ich mich sehr wenig um sie.

Ich achte sehr auf meine Gesundheit, obwohl ich mir im Alter von 15 oder 16 Jahren – vor dem Hauptmann – in der Einsamkeit, in der ich mich befand, und infolge der schrecklichen Entdeckungen, die ich an mir machte, den Tod gewünscht habe, ohne zu wissen, was er eigentlich ist. Ich sehnte mich wohl nur nach einer Veränderung in einem unmöglichen und unerträglichen Zustande.

Ich habe dieses Gefühl schnell aufgegeben, als ich das Grauen des Nichts und der Verwesung begriff. Damals verbrachte ich nachts Stunden auf meinem Balkon, fast nackt und bei beträchtlicher Kälte, und dachte daran, mich so zu töten und meinen Leidenschaften zu entfliehen, die damals niemand befriedigte. Doch ich habe mich nicht einmal erkältet und diese Dummheiten sehr schnell gelassen.

Ich habe seitdem gesehen, daß man, solange man lebt, genießen kann, und ich hoffe, noch meine ganze Jugend zu erleben. Vielleicht werde ich, wenn ich ihre Grenzen überschreite, noch weiter leben und 100 Jahre alt werden wollen. Das ist wohl möglich.

Ich dusche häufig und pflege mich soviel wie möglich, um alle meine Kräfte zur Verfügung zu haben im Dienst meiner Leidenschaften und um meinen Herrn zufriedenstellen zu können, der jetzt fern von mir ist und dessen Rückkehr ich mit Ungeduld erwarte. Er schreibt mir oft und erzählt mir von Ungarn, von seinen Pferden und von den Frauen des Landes. Gott weiß, was für Streiche er mir spielt! Wenn er sich nur nicht mit Männern einläßt, das ist alles, was ich will und wünsche. Sein Geburtstag war in den letzten Tagen, und ich habe ihm eine herrliche, prachtvoll ziselierte Reitgerte geschickt. Er schreibt mir auch, daß er trotz der Reise durch die wilden und anstrengenden Länder sehr guter Laune ist und stets eine schöne Photographie von mir vor sich liegen hat. Er sagt, daß er nur an seine Rückkehr denke und oft von mir und meinem Lieblingsparfüm träume. Er sagt auch, daß er nur selten den strengen Gehrock und die eleganten Kragen ablege, die ich ihm »aufgedrängt« habe.

Ich vergaß Ihnen zu sagen, daß ich gern möchte, daß Sie mehr Einzelheiten über die äußere Erscheinung Ihrer Figuren mitteilen. Erklärt das Physische nicht auch das Moralische der Völker und Individuen?

Ich habe eben »Mademoiselle de Maupin« gelesen und bin davon ganz entzückt. Welch schönes Buch und welch schöne, sanfte Verdorbenheit.

 

Entschuldigen Sie die schreckliche Schrift und alle sprachlichen und orthographischen Fehler, doch meine Seele und meine Leidenschaft rissen mich fort, und ich habe nur auf mich selbst geachtet!

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