Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emile Zola >

Der Roman eines Konträrsexuellen

Emile Zola: Der Roman eines Konträrsexuellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleDer Roman eines Konträrsexuellen
editorZola
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060515
projectid22b4efda
Schließen

Navigation:

Nachschrift – Zweites Dokument

IV. Neue Bekenntnisse

Ich habe heute morgen die gestern abend geschriebenen Seiten noch einmal durchgelesen. Ich habe sie nur überflogen und war versucht, sie ins Feuer zu werfen; ich habe es nicht getan, denn sicher hätte ich es nachher bereut. Diese Seiten könnten irgendwelches Interesse für Sie haben; und da ich Ihnen nicht bekannt bin, werde ich nie zu erröten brauchen, sie geschrieben zu haben.

Aus diesem Grunde will ich noch eine Lücke ausfüllen, die ich bewußt aus falscher Scham gelassen habe, die aber Ihrem scharfen Auge sicherlich nicht entgangen wäre. Da ich soviele Greuel gebeichtet habe, kann ich wohl auch andere beichten und mich Ihnen ganz so zeigen, wie ich bin.

Ich hatte Ihnen diese ziemlich schmutzige Erzählung ersparen wollen, doch Sie würden gewiß nicht verstehen, daß ein vollkommen unberührter Jüngling von neunzehn Jahren mit so leichter Mühe einen Mann von fünfundzwanzig verführen konnte, der bereits mehrere Frauen kannte – eine Sache, die mir völlig unbekannt war und ist und die ich auch gar nicht kennenlernen möchte.

Obwohl ich moralisch höchst verderbt war und seit meiner frühesten Jugend von den raffiniertesten Ausschweifungen träumte, verlor ich doch meine sogenannte Unschuld erst im Alter von 16 Jahren. Bis dahin hatte ich mich mit eingebildeten Ausschweifungen und einsamen Genüssen begnügt.

Mein erster Lehrer war ein Freund des Hauses und Jugendfreund meines Vaters ein ehemaliger Kavalleriehauptmann aus Piemont, der alle Kriege in Italien mitgemacht und – so erzählte man – tapfer gegen die Österreicher gekämpft hatte. Er galt für einen vollendeten Wüstling, und man erzählte sich heimlich, er hätte lange Zeit mit einem jungen Manne zusammengelebt und ihm geholfen, drei Viertel seiner Erbschaft aufzuzehren. Dieser Hauptmann lebte von seiner Pension und von zahlreichen Geschäften mit Pferden.

Er war viel gereist und hatte sich lange in Ungarn aufgehalten. Obgleich von niederer Herkunft, verkehrte er doch in den besten Kreisen. Die Damen konnten ihn nicht leiden wegen der geringen Achtung, die er ihnen in seinen Reden und Bewegungen bewies; die Männer, namentlich die Sportler, empfingen ihn mit offenen Armen.

Er besuchte uns manchmal, gab aber zu Anfang kaum acht auf mich. Dennoch fühlte ich mich zu ihm hingezogen und bezeigte ihm viel Sympathie. Er war ein sonnenverbrannter Mann von ungeheurer Größe, von einem Körperbau, der unzerstörbar schien; nur die Muskeln traten hervor, die die Stelle des Fleisches einnahmen, das nicht zu existieren schien. Er war für mich der Typus des alten Haudegen in einem Panzer aus Eisen, und ich habe ihn nie ansehen können, ohne an eine der Gestalten in »Ivanhoe« zu denken. Sein Kopf war prächtig, mager, braun wie der eines Mulatten, mit einer großen, krummen Nase, die leicht nach links geneigt war; seine schwarzen, eingesunkenen Augen schimmerten in seltsamem Glänze; sein langer, schwarzer Schnurrbart ließ einen breiten, spöttischen Mund mit dicken, braunen Lippen und starken, weißen Zähnen sehen. Der riesige Kopf war fast vollständig kahl und nur hinten und an der Seite von einem schwarzen, struppigen Haarkranz bedeckt. Seine Hände standen im Einklang mit seiner Person, die Stimme war rauh und tief, die ganze Gestalt athletisch; seine Kraft herkulisch. Mit seinen beiden Händen zerbrach er ein Hufeisen. Er hatte eine Art, die Leute anzusehen, daß man die Augen zu Boden schlug; auch schonte er niemand.

Mir gegenüber erlaubte er sich die größten Vertraulichkeiten, kraulte mich am Kinn, und wenn er mir auf dem Korridor begegnete oder ich ihn zur Tür begleitete, kniff er mich oder streichelte mich lange, selbst in Gegenwart meines Vaters, der darin nichts Böses sah.

Wie ich Ihnen bereits sagte, kannte ich damals alles nur vom Hörensagen; ich zitterte vor Verlangen, endlich selbst etwas kennenzulernen, und mein Blut geriet in Wallung, wenn dieser Mann mich berührte. Eines Tages, als er meinem Vater von den Wunden sprach, die er im Kriege erhalten hatte, wollte er uns eine Narbe zeigen, die er am Schenkel hatte und für die er sich gerächt hatte, indem er dem deutschen Soldaten, der sie ihm beigebracht hatte, den Schädel spaltete. Er knöpfte seine Hose auf und zeigte uns zu meiner großen Freude ein riesiges, bronzefarben leuchtendes Bein voll schwarzer, harter Haare, das von einer breiten, rosigen Schmarre durchschnitten wurde, die mir inmitten des dunklen Fleisches und der sie umrahmenden braunen Haare sehr hübsch erschien. Ich versuchte mehr zu sehen von dem, was er unter dem Hemd verbarg, sah aber nichts als das dichte, schwarze Gestrüpp, das mich heftig verwirrte.

Ich fühlte keine Zuneigung zu diesem Mann, doch er erschien mir so männlich, daß ich lebhaft wünschte, ihm anzugehören, und wenn es auch nur für einige Augenblicke wäre. Wenn er mich nach jenem Tage ansah, wurde ich davon immer sehr aufgeregt; ich errötete, und wenn er mich berührte, zitterte ich vor Lust. Noch heute, da ich diese Zeilen schreibe, fühle ich dieses Gefühl wieder in mir erwachen, das ich gern ersticken möchte, und ich fühle, wenn er in diesem Augenblick hier wäre, würde ich mich ihm hingeben.

Als ein an solche Abenteuer gewöhnter Mann erkannte er, welchen Vorteil er aus meiner schönen Jugend und aus dem Zauber eines als Junge verkleideten Mädchens, das ich ja eigentlich war, ziehen konnte. Er lud mich ein, mir Pferde anzusehen, die in seinem Stalle standen und die, wie ich glaube, nach einem fremden Lande verschickt werden sollten. Ich ging dorthin, erfüllt von dem Wunsch nach einem Abenteuer, durch das ich endlich etwas erfahren und mich meiner Neigung überlassen könnte, die, noch niemals befriedigt, ungeheuren Umfang angenommen hatte und mir keine Ruhe mehr ließ. Nach der Besichtigung der Pferde, die ich sehr bewunderte, obwohl ich nichts davon verstand, ließ er mich in seine Wohnung hinaufsteigen, die aus einem Salon, einem Schlafzimmer und einem Ankleidezimmer bestand. Sein Bursche besorgte den Dienst und eine alte Zugehfrau half ihm.

Als ich in das rauchige, nach Stall und Zigarren duftende Zimmer trat, in welchem alles herumlag, war ich wie benommen. Das Verlangen hatte mich in so heftige Aufregung versetzt, daß ich fast erstickte und fühlte, wie mir die Beine erstarrten. Ich habe jetzt noch häufig dieses gleichzeitig grausame und köstliche Gefühl.

Er ließ mich auf einem Sofa neben sich Platz nehmen, streichelte mich, lachte mit gezwungener Miene und sah mich mit so seltsamen Augen an, daß ich Angst bekam und gleichzeitig davon entzückt war. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, ich schämte mich und war rot wie eine Pfingstrose. Er drückte mir die Hände, nahm mich auf seine Knie, fing an, mich auf das Ohr zu küssen, wobei er mir so leise etwas zuflüsterte, daß ich es nicht verstand. Dann schwiegen wir beide, ich saß unbeweglich auf seinen Knien, während er fortfuhr, mir die Wangen und den Hals zu küssen. Ich fühlte mich vor Glück dem Tode nahe, denn nie hatte ich eine solche Wollust empfunden. Er erhob sich endlich, wobei er zu mir sagte: «Willst du? willst du?«, und er sprach diese Worte in so heiserem Tone, daß er mir fast Furcht einflößte. Ich antworte nicht, so verwirrt war ich.

Er erhob sich plötzlich, verschloß die Tür, schloß auch die Fensterläden und kam dann zu mir zurück, der ich vor Verlangen, Scham und Furcht keuchte. Er entkleidete mich im Nu, während er mit seinen Händen über meinen ganzen Körper fuhr, zog mich bis auf Strümpfe und Stiefel aus, warf das Hemd beiseite und trug mich wie ein kleines Kind zu seinem Bett. Im Nu war auch er vollkommen nackt und lag neben mir, der ich wie in einem Traum befangen war und mir meiner Gedanken und Handlungen nicht mehr bewußt war.

Er legte sich auf mich, keuchend und stöhnend, umfing mich so heftig mit seinen Armen, daß er mir fast den Atem nahm, und fing an, sich auf mir zu bewegen. Er hatte ein riesiges Glied, mit dem er mich aufs angenehmste liebkoste. Dabei leckte er an meinen Ohren, drang mit seiner Zunge in meinen Mund und streichelte meinen ganzen Körper mit seinen Händen. Mit gebrochener Stimme sagte er süße und törichte Dinge. Als er seinen Samen vergoß, überströmte er mich förmlich und hörte dabei nicht auf, sich zu bewegen, und stöhnte wie ein Stier. Unterdesen hatte auch ich eine große Menge Samen vergossen. Noch lange lagen wir erschöpft aufeinander, wie miteinander verschmolzen. Wir hatten Mühe, uns von einander loszumachen. Ich empfand in diesem Moment nicht mehr die geringste Scham, und auch er schien vollkommen glücklich zu sein. Vor Vergnügen und Befriedigung stieß er lange Seufzer aus.

Als wir uns gewaschen und sorgfältig angekleidet hatten, sah ich mich im Spiegel; ich war betroffen von der seltsamen, fast erschreckenden Schönheit, die ich in diesem Augenblick besaß. Mein Gesicht war purpurfarben, meine Lippen rot wie Blut, meine Augen strahlten im schönsten Glänze. Ich war stolz auf mich und das Vergnügen, das ich gegeben, und auf das, das ich empfangen hatte. Ich empfand für den Hauptmann fast Dankbarkeit und betrachtete mich als ausschließlich ihm angehörend. Er nahm mir das Versprechen ab, ihn oft zu besuchen, was ich von ganzem Herzen tat. Ich hatte nie glänzendere und glücklichere Tage gehabt, und es war mir, als finge ich erst jetzt an zu leben.

Danach habe ich ihn oft besucht. Wir speisten zusammen in einem Restaurant und schlossen uns dann für viele Stunden in seinem Schlafzimmer ein. Dieser Mann war ein wahrer Sartyr, und ich glaube nicht, daß es jemals, auch nicht in den schlimmsten Zeiten des römischen Reiches, einen Römer gegeben hat, der soviele Arten der Lust kannte oder erfand. Er sagte nämlich, alle Glieder seien dazu da, Lust zu bereiten, und wie er dachte, handelte er auch. Er dachte sich neue Stellungen aus, gemeinsame rhythmische Bewegungen, ungewöhnliche Verrenkungen. Ich kann gar nicht sagen, was er mir alles beigebracht hat.

Als er mir alles gezeigt hatte, sagte er eines Tages zu mir: »Jetzt mußt du mir vollständig angehören, ich muß dich ganz und gar besitzen.« Nichts verlangte ich mehr, meine Natur trieb mich dazu, und ich lechzte danach, neue und geheime Wonnen kennenzulernen. Bald verstand ich, was er wollte, und diese Art erschien mir ganz natürlich und ich widersetzte mich nicht. Er hatte eine so vollkommene Hingabe von meiner Seite nicht erwartet und gab seiner Freude darüber lebhaften Ausdruck. Er sagte mir, ich sei sein Schatz und er liebe mich so sehr und wolle mir das größte Vergnügen verschaffen, das ich je gekannt hätte. Mit Bangen sah ich auf sein riesiges, voll erigiertes Glied, das er mit einer Creme einschmierte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie dieses gewaltige Ding in meinen weichen, zarten Körper eingeführt werden könnte. Auch mich cremte er ein, und ich erduldete es voller Erwartung und Begierde, obwohl ich Angst hatte. Er legte mich wie gewöhnlich aufs Bett und legte meine Beine so über seine Schulter, daß er mit seinem Glied an meinen Körper kam. Dabei faßte er mich an den Schultern und setzte zum ersten Stoß an. Ich empfand einen so starken Schmerz, daß ich ihn mit einer heftigen Bewegung zurückstieß, und trotz der Anstrengungen, die er machte, um mich festzuhalten, gelang es mir, mich von ihm zu befreien und aus dem Bett zu springen, wobei ich sagte, ich wolle nicht mehr.

Er knirschte mit den Zähnen und behandelte mich sehr schlecht; er flehte mich an, doch ich war unerbittlich. Es war, wie ich Ihnen sage, der körperliche Schmerz, der mich von dem gewalttätigen Akt zurückhielt, nicht etwa die Scham oder ein anderes Gefühl. Ich folgte nur meiner Natur, die mich so gewollt hatte.

Er mußte sich mit den Vertraulichkeiten begnügen, die er sich bereits erlaubt hatte, denn ich wollte ihn nicht mehr in der Weise befriedigen, die ich als so schmerzhaft empfunden hatte und der ich die zarteren Genüsse vorzog, die keine Spuren hinterlassen. Ich wollte später diese Art zu lieben noch einmal mit meinem Freunde versuchen, doch auch diesmal war der Schmerz zu stark, und ich mußte darauf verzichten, obwohl diesmal mit Bedauern.

Übrigens liebte ich meinen Hauptmann sehr, der sich ganz besonders männlich vorkam, da er mich als so zart und hübsch ansah. Oft bat er mich unter Tränen, ich sollte seine Lust auf jede Art und Weise stillen, doch ich wollte nicht. Er hatte großes Vergnügen an mir und sagte oft, daß er mich schönen Mädchen vorzöge. Wenn er mich in den Armen hielt, küßte, herzte und biß er mich. Einmal, als er gerade seinen Samen ergoß, biß er mich so heftig in die Schulter, daß ich noch tagelang die Spur davon zurückbehielt. Niemals habe ich ihn heftiger geliebt als in diesem Augenblick.

Ich hatte nicht geglaubt, daß es einen Mann von solcher Robustheit geben könnte. Ich habe ihn oft in seiner Nacktheit bewundert. Sein Fleisch hatte und hat noch immer die bronzene Farbe, er weist drei oder vier Narben auf, die von Verwundungen herrühren. Er besitzt die Kraft eines Herkules, obgleich er 52 oder 53 Jahre alt ist (was er nicht zugibt, er behauptet nämlich 48 Jahre alt zu sein, was aber nicht stimmt). Seine Männlichkeit ist sehr stark. Er erzählte mir, daß er, sobald er erwachsen war, drei- oder viermal am Tag Verkehr gehabt habe, jetzt noch etwa einmal am Tag. Wenn er seinen Samen ergießt, hat man das Gefühl, überschwemmt zu werden. Er ist dabei von solcher Begierde erfaßt, daß er zittert und wie ein Löwe brüllt. Er braucht sich auch nie einzustimmen, er ist immer und überall bereit.

Ich war sehr eifersüchtig auf ihn, aber nicht so sehr wie auf jemand mit mehr Charme, Anmut und Jugend. Er war mein Lehrer, und wenn ich in anderen Dingen einen solchen Lehrer gehabt hätte, hätte ich nichts zu klagen gehabt. Sein Weggang und eine neue und süßere Liebe einige Monate später entfernten ihn von mir. Ich habe ihn danach noch oft gesehen, und obwohl er jetzt häufig abwesend ist, hoffe ich doch, daß er noch oft wiederkommt, um mich zu sehen.

Danach hatte ich ein Abenteuer mit einem jungen Spanier, der für mich das tat, was ich für die anderen getan hatte. Er folgte mir lange Zeit überall hin, blieb stundenlang unter meinem Balkon und spazierte am Ufer entlang, wenn ich dort war. Ich machte seine Bekanntschaft, und er bekundete mir die leidenschaftlichste Freundschaft. Ich ließ ihn manchmal zu mir kommen, doch er hatte denselben Charakter wie ich, war sehr schüchtern, und da ich an kraftvolle Männer gewöhnt war, faßte ich bald eine Abneigung gegen ihn. Ich habe ihm den Abschied in sehr wenig höflicher Form gegeben und ihn seitdem nicht wiedergesehen. Ich glaube, er ist mit seiner Familie nach Spanien zurückgekehrt.

Eines Tages folgte mir in der Stadt ein Mann. Mein Hauptmann war verreist, der Spanier langweilte mich und ich bedurfte der Zerstreuung. Wir verständigten uns sehr schnell. Ich gab ihm ein Stelldichein in der Wohnung des Hauptmanns, zu der ich den Schlüssel hatte, doch ich wurde des Mannes überdrüssig, der dasselbe Laster wie Ihr Baptiste besaß. Er war kalt und glatt, er war blond, hatte eine schrille Stimme, er war unsympathisch. Ich konnte nichts mit ihm anfangen, so widerwärtig war er mir. Er verschwand so schnell, wie er gekommen war, und ich habe ihn seitdem nicht wiedergesehen.

 

Das, mein Herr, ist die Beichte, die ich Ihnen ablegen wollte; sie ist beendet. Vielleicht werden Sie mich beklagen, denn es ist ja die Gabe der großen Geister, das Gute und das Böse zu kennen und zu begreifen. Inmitten der Gesellschaft, in der ich lebe und in der ich schon allein durch meine Gedanken einsam bin, empfinde ich eine tiefe Traurigkeit und einen großen Ekel. Ich erwache aus diesem Stumpfsinn nur in den wenigen Augenblicken, wo ich mich meiner tollen Leidenschaft überlassen kann, und diese Augenblicke sind selten, denn ich will niemanden mehr in mein trauriges Geheimnis hineinziehen. Die Damen verhätscheln mich sehr; mehr als eine hat mir Avancen gemacht, die ich stets lächelnd zurückgewiesen habe, doch mit wahrhafter Verzweiflung und unter großem Bedauern. Es gefällt mir gut in der Gesellschaft der Damen, die für mich wahrhaft das sind, was die Damen in »La Curée« für Ihren Maxime waren, dem ich ein wenig ähnle: doch ich bin unglücklicher als er, denn meine Natur hindert mich an der Liebe und läßt mir nur die kalte Ausschweifung, die mir schließlich auch verhaßt werden wird.

Man hänselt mich oft wegen meiner Melancholie und wegen meiner Haltung à la Werther, doch könnte man in meinem Herzen lesen, würde man mich beklagen oder vielleicht über mich lachen. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, habe ich keine Hoffnung hier auf Erden, und alle Freuden der anderen erscheinen mir als ein mir angetaner Schimpf. Ich sollte immer bleiben, was ich bin: ein hübsches, zierliches, parfümiertes, tadellos elegantes, frivoles und in geheimer Seele ausschweifendes Wesen. Ich sage geheim, denn niemand ahnt, was ich bin und was ich tue. Wenn ich sage niemand, so nehme ich davon die drei oder vier Personen aus, die mich wirklich kennengelernt haben; doch da sie meine Schwäche und meine Schande geteilt haben, brauche ich vor ihnen nicht zu erröten, oder wenigstens würden wir zusammen erröten.

Und warum sollte ich mich dessen schämen, was ich getan habe? Hat nicht die Natur den ersten Fehltritt begangen und mich zu ewiger Unfruchtbarkeit verurteilt? Ich hätte ein anbetungswürdiges und angebetetes Weib sein können, eine tadellose Mutter und Gattin, und ich bin doch nur ein unvollkommenes, ungeheuerliches Wesen, das sich wünscht, was ihm nicht erlaubt ist, und seinerseits von denen begehrt wird, die er nur als Freundinnen und nicht als Geliebte betrachten darf. Kennen Sie eine schmerzlichere Qual, und ist mein Fehltritt nicht entschuldbar?

Ich bin überzeugt, verehrter Herr, Sie werden diese Beichte als eines der ungezwungensten menschlichen Dokumente aufbewahren und mir Dank wissen, daß ich sie Ihnen geschickt habe. Ich hoffe, Sie werden sich mit dem begnügen, was Sie über mich erfahren haben, und keine Nachforschungen anstellen, um mehr ausfindig zu machen.

Ich will Ihnen noch sagen, was Sie hinsichtlich meiner Umgebung und des Milieus, in dem ich lebe, interessieren kannAnmerkung des Herausgebers Dr. Laupts: »Ich übergehe hier einige Details, die zu charakteristisch sind und Indiskreten vielleicht erlauben würden, die Identität des Autors dieser Bekenntnisse aufzudecken. Um die Hinweise, die er zu seiner Familie gibt, zusammenzufassen, genügt es, darauf hinzuweisen, daß diese Familie väterlicherseits aus angesehenen und hohem Adel stammt«..

... wären nicht die Mitgift und glückliche Spekulationen gewesen, so würden wir recht traurige Repräsentanten des Adels sein. Die Heirat meines Vaters erklärt unseren Abstieg und unseren Reichtum.

Meine Brüder sind alle verheiratet und haben eine schöne Familie. Ich bitte Gott stets, er möge keines ihrer Kinder mir körperlich oder moralisch ähnlich werden lassen. Ich fühle, daß ich, wenn ich alt werde, in Frömmigkeit verfallen werde, die mir den einzig möglichen Trost bieten wird. Doch es ist mein glühendster Wunsch, nicht alt zu werden und in der Blüte meiner Jugend und Schönheit zu sterben. Wenn ich alt würde, würde ich mich allzu sehr hassen und verachten.

Ich habe diesen schon so langen Seiten nichts mehr hinzuzufügen; ich fürchte, Sie schrecklich gelangweilt zu haben, wenn Sie überhaupt den Mut gehabt haben, bis hierher zu lesen. Gleichviel, ich habe meine Seele ein wenig entlastet und mit einer Art rückschauender Wollust die abscheulichen und glühenden Szenen beschrieben, bei denen ich mitgewirkt habe. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu versichern, daß an meiner Erzählung alles wahr ist; ich hätte keinen Grund gehabt zu lügen, und Sie selbst werden vielleicht die Wahrhaftigkeit dessen, was ich Ihnen schreibe, erkennen. Ich habe mich, glaube ich, sehr hart behandelt und mir weder körperlich noch moralisch geschmeichelt.

Verzeihen Sie das schreckliche Geschmiere, doch ich schreibe sozusagen mit offenem Herzen, als wenn ich einem Arzte oder einem Freunde beichtete, und deshalb habe ich nicht auf die Form und auf die Orthographie sehen können.

Das, verehrter Meister, hatte Ihnen zu sagen

Einer Ihrer leidenschaftlichsten Bewunderer.

PS. Wissen Sie, mein Herr, was mich getrieben hat, Ihnen hier, wo ich aus Anlaß des Jubiläums des Heiligen Vaters bin, zu schreiben? Es ist die Wut und der Neid, den ich empfunden habe, als ich einen jungen Mann von der vollkommensten und erhabensten Schönheit wiedersah, für den ich einst die edelste Leidenschaft gehegt und zu dem ich nie gesprochen habe und niemals sprechen werde. Ich liebe ihn so sehr, daß ich ihn hasse, und wünschte ihn tot, damit er keinem mehr angehören kann. Haben Sie jemals von einem vergleichbaren Martyrium gehört?

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.