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Der Roman eines Konträrsexuellen

Emile Zola: Der Roman eines Konträrsexuellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
titleDer Roman eines Konträrsexuellen
editorZola
correctorhille@abc.de
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I. Vorfahren – Frühe Kindheit

Ich bin kein Franzose, wenn ich auch die bedeutendsten Städte Frankreichs kenne und sogar einige Zeit in Paris gelebt habe. Ich schreibe Ihnen wahrscheinlich sehr inkorrekt; es ist schon lange her, daß ich diese Sprache gesprochen oder in ihr geschrieben habe. Bitte entschuldigen Sie daher die Ungenauigkeiten und Fehler, von denen diese Seiten wimmeln werden.

Ich weiß nicht, ob Sie Italienisch können; hätte ich Ihnen in dieser Sprache schreiben können, würde ich mich gewiß besser ausgedrückt haben. Ich kümmere mich hier gar nicht um den Stil, sondern will Ihnen nur einfach sagen, was Sie interessieren mag. In diesen schlechtgeschriebenen Zeilen werden Sie mit Ihrem Adlerblick und Ihrem Künstlerherzen die Wunde einer Seele entdecken, die ein schreckliches Verhängnis zu verfolgen scheint, die sich vor sich selbst schämt und die gewiß erst Frieden und Glück finden wird, wenn sie in dieser Erde schlummert, die Sie so wunderbar geschildert haben.

Ich bin 23 Jahre alt, mein Herr, meine Familie ist eine hochgestellte, und ich befinde mich in ziemlich unabhängiger Vermögenslage. Von dieser Seite aus bleibt mir nichts zu wünschen übrig. Mein Vater ist katholisch; er nennt sich einen Deisten, doch seine Religion ist eher eine Art von Pantheismus, was er jedoch nicht zugeben will. Meine Mutter ist eine getaufte Jüdin und ihrer Religion getreu, obwohl sie nur die hauptsächlichen Übungen befolgt. Ich bin der vierte Sohn, der dieser Ehe entsprossen ist. Mein Vater ist einer der schönsten alten Männer, die man sich denken kann. Ein Patriarchenkopf, der selbst auf der Straße die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er ist in seiner Jugend wunderbar schön gewesen und ist es noch jetzt in ziemlich vorgerücktem Alter.

Unsere Familie stammt aus Spanien, hat sich aber schon vor Jahrhunderten in Italien niedergelassen. Mein Vater hat sich mit 19 Jahren verheiratet, meine Mutter war 18 und viel reicher als er. Sie haben sich sehr geliebt und lieben sich noch. Mein Vater besitzt ein sehr empfängliches und nervöses Temperament und ist Künstler durch und durch. Er hat ein ziemlich abenteuerliches Leben geführt mit beachtlichen Höhen und Tiefen, doch selbst in den Augenblicken, wo das Glück ihn zu verlassen schien, hat er sich nicht entmutigen lassen und stets wieder ein Vermögen zu erwerben gewußt. Er hat immer viel verdient und viel ausgegeben. Vor mehreren Jahren hat er ein großes Vermögen an der Börse gemacht und wieder verloren. Ohne reich zu sein, lebt er jetzt noch behaglich und kann sich mit Luxus umgeben, den er stets geliebt hat. Er hat mehrere Hauptstädte Europas besucht, und seine Familie ist ihm fast immer gefolgt. Er liebt die Gesellschaft nur wenig und hat außer seinen geschäftlichen Beziehungen nur wenig Kontakt. Er liebt die Künste leidenschaftlich und umgibt sich gern mit schönen Dingen, hübschen Statuetten und schönen Gemälden. Selbst in den Zeiten, in denen das Glück ihm nicht hold war, ließ er es sich am Notwendigsten fehlen, um ein schönes Buch oder einen hübschen Stich zu kaufen, worin er einen scharfen Gegensatz zu meiner Mutter bildete, die wohl aus Rasseninstinkt sparsamer war. Er liebt seine Familie leidenschaftlich und würde gern alle möglichen Opfer bringen, um uns glücklich und zufrieden zu sehen; doch er hat auch Tage, an denen er schlechter Laune ist, und dann wehe dem, der ihm zu nahe kommt. Er faßt stets weitgehende Entschlüsse, ohne lange nachzudenken, und hat sich dadurch manche Unannehmlichkeit zugezogen. Er hat viel gesehen, ist viel gereist, hat viel verdient und viel ausgegeben. Er liebt mit Leidenschaft die Lektüre, und seit wir einen festen Wohnsitz haben, hat er sich eine schöne Bibliothek geschaffen. Seine Intelligenz ist sehr entwickelt, seine Stirn prächtig, seine Figur mittel, doch er erscheint trotzdem sehr groß. Herr Desbarolles, den er vor einer Reihe von Jahren in Paris konsultiert hat, hat ihm gesagt, daß er unter dem Einfluß von Jupiter und Venus geboren sei und daß er von neuem sein Glück machen werde – und das ist wahr geworden.

Er betreibt mit ziemlich großem Erfolg Musik und spielt recht gut Klavier. Die Interpretation der Melodie gelingt ihm gut, doch mit der Harmonie hat er seine Schwierigkeiten. In früherer Zeit beschäftigte er sich auch mit Öl- und Aquarellmalerei, doch das tut er heute nicht mehr, denn er meint, sobald er Bleistift und Pinsel anrührt, gingen seine Geschäfte schlecht. Er ist sehr stolz auf seine Schönheit und pflegt seinen langen Bart und seine schönen, silberweißen Haare sehr sorgfältig. Er bewahrt eine zärtliche Erinnerung an seinen Vater, der nach der Behauptung aller, die ihn gekannt haben, einer der schönsten Männer seiner Zeit war und von allen, die ihm nahe gekommen sind, geliebt und geachtet wurde. Er ist ziemlich jung an einem Herzleiden gestorben.

Meine Mutter war in ihrer Jugend sehr hübsch, obwohl sie aus einer sehr häßlichen und gewöhnlichen Familie stammt. Sie hat immer wenig Geist gehabt, und ich mache es meinem Vater zum Vorwurf, daß er sich mit einer so häßlichen und so wenig vornehmen Familie verbunden hat. Er sagte mir, er wäre damals sehr jung gewesen und hätte von der Bedeutung, die man der Ehe beilegen müsse, nicht viel verstanden.

Wenn ich meine Mutter betrachte, die mit 55 Jahren noch eine hübsche Figur besitzt, obwohl ihr Gesicht aufgedunsen ist, so denke ich immer an die Angele in Ihrem Roman »La Curée«. Da ist dieselbe Sanftmut, derselbe Mangel an Energie, eine erstaunliche Schwäche des Charakters; sie kann keine kleine sentimentale Anekdote lesen, ohne zu weinen; sie hat kein gutes Gedächtnis, und ihre einzige Entschuldigung ist ihre große Güte. Dennoch ist sie in gewissen Dingen herrisch und willkürlich, und niemand kann ihr etwas ausreden, das sie sich in den Kopf gesetzt hat. Ich denke immer, daß das einer der Vorzüge oder Fehler der Rasse ist, von der sie abstammt und für die ich keine Sympathie, ja sogar einen geheimen Widerwillen empfinde. Dennoch liebe ich meine Mutter, doch in meiner Phantasie hätte ich sie mir anders gewünscht – ein Gefühl, das ich sehr bedaure und mir stets zum Vorwurf mache.

Ich bin zehn Jahre nach meinem letzten Bruder geboren, und zwar, als der älteste Sohn 14 Jahre zählte. Meine Geburt war ein tiefer Schmerz für meine Mutter, welche hoffte, sie würde nach drei Knaben eine Tochter bekommen. Doch ich war hübsch und zierlich wie ein kleines Mädchen, und man erzählt mir oft, daß die, die mich mit meinen schönen goldenen Locken und meinen schönen blauen Augen in den Armen meiner Mutter sahen, stets sagten: »Aber es ist ja nicht möglich, daß das ein Junge ist!«

Wenn meine Amme mich sieht, erzählt sie mir immer, die Frauen ihrer Bekanntschaft hätten mir den Beinamen »kleine Madonna« gegeben, so zierlich und zart war ich. Ich besitze noch ein Porträt im Alter von zwei Jahren und kann versichern, daß man sich wirklich kein schöneres Kind denken kann.

Die ganze Familie war sehr stolz auf mich, besonders meine Mutter. Mein Verstand erwachte sehr früh, und ich wurde von jedermann als ein kleines Wunder betrachtet. Ich war damals allein im Hause, denn meine Brüder waren in einer Nachbarstadt in einem Internat. Ich war sehr stolz auf den Zauber, den ich ausübte, und ein so kleines Kind ich auch war, so errötete ich doch vor Vergnügen, wenn ich meine Schönheit rühmen hörte. Ich erinnere mich noch, wie ich vor Freude und Vergnügen zitterte, wenn ich in meinem kleinen bauschigen Kleide aus blauem Pique mit blauen Schleifen und mit meinem großen italienischen Strohhut ausging.

Als ich vier Jahre zählte, nahm man mir meine kleinen Kleider, um mir Hosen und ein kleines Jackett anzuziehen. Wenn man mich als Jungen gekleidet hatte, empfand ich eine wahre Scham – ich erinnere mich, als wäre es heute – und lief schnell fort, um mich zu verstecken und in dem Zimmer meines Kindermädchens zu weinen, die, um mich zu trösten, mich wieder als Mädchen ankleiden mußte. Man lacht stets, wenn man sich an das verzweifelte Geschrei erinnert, das ich anstellte, wenn man mir meine kleinen weißen Kleider nahm, die mein Glück bildeten. Es war mir, als nehme man mir etwas, das stets zu tragen mir bestimmt war.

Das war mein erster großer Schmerz.

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