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Der Roman einer Nonne

Benito Pérez Galdós: Der Roman einer Nonne - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorBenito Perez Galdos
titleDer Roman einer Nonne
publisherVerlag von Sachs & Pollák
year1902
translatorDoña Servita
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071202
projectide96cafb8
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6.

Der arme Edelmann, Besitzer in partibus so vieler Güter und Schlösser, war sehr traurig, und sein einziger Trost war, daß er kurz nach dem Abmarsch Santapau's wie durch eine Gnade Gottes seinen alten Freund, den Kaplan Moses Putxet wieder fand, der zwei Tage vorher ankam, um sich der Division Llangostera anzuschließen. Obwohl der Kaplan die aufrichtige und freimüthige Freundschaft Nelet's nicht ersetzen konnte, zerstreute er doch den Greis durch sein Geschwätz und umgab ihn mit kostbaren Aufmerksamkeiten. So ließ er ihm für den Marsch von Cati nach Rassele ein gutes Maulthier satteln. Am 16, Mai Morgens kam Don Beltran dort ganz gebrochen an, und die erste Bitte, die er an seinen Freund richtete, war, ihm eine Stelle anzuweisen, wo er sich erholen könnte. Putxet placirte ihn in einem Zimmer, welches neben der Sakristei der Pfarrkirche lag, zur größten Zufriedenheit des Greises, der ein so gutes Lager kaum erhofft hatte. Sein Wunsch war, daß man ihn auf Ehrenwort sich selbst überlasse, er würde nie die Flucht ergriffen und auf den ersten Ruf der Carlisten sich freiwillig gestellt haben. Aber wenn der Himmel ihm auch dieses gute Lager gewährt hatte, so zeigte er sich in den traurigen Tagen, die nun folgten, doch hart gegen ihn. Am 18. Morgens, als es noch dämmerte, wachte Don Beltran, ohne daß Jemand ihn gerufen hätte, jäh, wie durch ein Schlag auf sein Herz erschüttert, auf.

– Wer ist da? fragte er, ohne sich zu rühren, als er eine schwarze Gestalt bemerkte, die sich seinem Bette näherte.

– Ich bin's, mein lieber Don Beltran, antwortete Putxet, der es auch wirklich war.

Und er näherte sich ihm noch mehr.

– Ich wollte Sie nicht aufwecken, nur sehen, ob Sie schlafen ... es ist noch sehr früh ... schlafen Sie noch eine Stunde ... zwei ... wie viel Sie wollen.

– Was geschieht? Müssen wir aufbrechen?

– Nein, nein, jetzt ... nicht. Es ist ... ich bedauere sehr, daß ich Sie erschreckte ... Seien Sie beruhigt, Exzellenz ... ich verlasse Sie, damit Sie noch ein wenig schlafen können ...

– Ich werde nicht mehr schlafen können Caramba! Ihr Besuch zu so ungewöhnlicher Stunde, die Verwirrung, die ich an Ihnen bemerke, könnten ja den Schaf selbst erwecken. Mein Herz sagt mir, daß Sie mir etwas mitzutheilen haben.

– Die Zeit ist noch nicht gekommen ... Soll man Ihnen Kaffee bereiten?

– Teufel! ... Sie wollen, ich soll schlafen und gleichzeitig Kaffee trinken ... Nun, Herr Putxet, was führt Sie hierher? Mit mir muß man nicht so viele Umstände machen.

– Es ist ... erwiderte der Kaplan, der in der Absicht, geschickt zu sein, immer trauriger und verwirrter wurde ... Ja, es ist besser, daß Sie erwachten und nun aufstehen ... Werden Sie nicht unruhig, verlieren Sie weder Ihren Muth noch Ihre Heiterkeit, lieber Herr ... Einem Menschen wie Sie, der so stark ist ... und die Dinge versteht, kann man es ja sagen ... Nein, nichts, lieber Herr, nichts ... Es ist ein großes Unglück geschehen ...

– Also machen sie doch schon ein Ende, feiger Mann, schwacher Mann, weibischer Mann ...

– Also hören Sie, starker, muthiger und großer Mann, hören Sie also, daß gestern in einem kleinen Dorfe Namens Belen diese elenden Christinisten Don Alonzo de Almela, den Bruder des Grafen Cati, erschossen haben.

– Und zur Vergeltung dieses barbarischen Aktes wollen die großmüthigen Carlisten nun Don Beltran von Urdaneta dasselbe anthun, rief der Greis, indem er sich halbnackt auf seinem Bette aufrichtete. Gut, sehr gut! Ihr habt mich in der Hand, Mörder! Ich bin bereit zu sterben! Edelmann für Edelmann! so sagte der Chef der Henker ... Don Ramon Cabrera ... Und um mir das anzuzeigen, kamen Sie stotternd und fast weinend zu mir ... Warten Sie, bis ich angekleidet bin ... entschuldigen Sie, wenn es ein wenig lange dauert ... ich bin von Kindheit an gewohnt, mich der Hilfe eines Kammerdieners zu bedienen ... ich bin wenig geschickt in diesen Dingen ... Aber wenn Sie es eilig haben, mich zu expediren, führen Sie mich halbnackt dahin ... der Tod wird darauf nicht achten. Der Mangel an Kleidern wird mich nicht weniger muthig, Euch nicht weniger abscheulich und feige machen!

– Aber es hat ja keine Eile, sagte der Kaplan, indem er ihn umarmte, bis neun Uhr ist ja noch Zeit genug... Und da Sie eines Kammerdieners bedürfen, erlauben Sie meiner Ergebenheit, Ihnen zu helfen.

– Danke, ich hatte es nicht so gemeint, sagte Don Beltran, indem er sich auf das Bett setzte, wahrend der Kaplan seine Kleider herbeibrachte und sich anschickte, ihn anzukleiden. Und da meine Henker mir noch diese Frist gewähren, nehmen Sie zur Kenntniß, daß ich den Kaffee, den Sie mir anboten, nicht ablehne.

– Ich werde sofort anordnen, daß man ihn bereite. Nun ja, das fehlte noch! Es wäre eine unverzeihliche Rücksichtslosigkeit, Sie der Nahrung berauben zu wollen.

– Sehr gut, mein Lieber, ich bin Ihnen sehr verpflichtet. Wie geschickt Sie mich ankleiden! Es scheint. Sie haben in Ihrem ganzen Leben nichts Anderes gemacht.

– Ich war Page Sr. Exzellenz des Don Victor Saëz, Bischof von Tortosa.

Saëz, der Minister des Absolutismus! Derjenige, der Ferdinand VII. half, eine Menge Spanier dem Henker zu übergeben! Sehr gut, mein Lieber, sehr gut. Und da sie die besondere Güte haben, mir als Kammerdiener zu dienen, erlaube ich mir, von Ihrer Ergebenheit die Dienste zu erbitten, die einem Manne wie ich nothwendig sind ... Achten Sie auf dieses Bein... Und aufmerksam, denn es ist rheumatisch! ... Jetzt das Gilet! ... Es ist von Don Ramon und hat mir gute Dienste geleistet ... Nicht so rasch! Ich erinnere Sie an das Wort unseres großen Tyrannen, des Henkers, Ferdinands des Ersehnten ... Sie wissen, das Wort stammt von ihm : »Kleide mich langsam an, ich hab's eilig,« Und jetzt haben Sie die Freundlichkeit, den Kaffee zu verlangen, – Sie werden ihn sofort haben ... Gott weiß, wie schwer es mir war. Ihnen diese Mittheilung zu machen. Gestern rief mich Llangostera, der nebstbei bemerkt sehr niedergeschlagen ist, weil er diese harte Pflicht erfüllen muß ...

– Der Arme. Ich bedauere ihn ...

– Aber die Pflicht ...

– Gewiß, gewiß, die Pflicht ... Dieser wilde Krieg hat die Gewissen zerstört und sie begleiten Verbrechen mit heiligen Worten, die erfunden worden sind, um Tugenden auszudrücken. Ihr mordet im Namen der Gerechtigkeit ... Das ist genau soviel, als würdet Ihr den Teufel auf den Altar Gottes stellen ... Nun, aber nur rasch ...

– Llangostera bat mich, es zu übernehmen und mit dem größten Schmerz nahm ich diesen traurigen Auftrag an ... Ich war einigermaßen schon durch die Freundschaft, mit welcher Sie mich beehren, zu dieser Mission berufen ...

– Die Ehre ist meinerseits. Seien Sie nicht so bescheiden.

– Und er beauftragte mich gleichzeitig. Sie vorzubereiten, falls Sie mich wählen wollten unter den vier Kaplänen, die heute in Rossele sind ...

– Bitte, halten Sie sich für gewählt, Lieber ... Das ist mir gleichgiltig.

– Meine trostlose Freundschaft, erwiderte der Kaplan, der eine hübsche rhetorische Wendung suchte, wird einen Trost finden in dem Vorzug, den solch ein edler Herr mir zugesteht ...

– Meine Beichte wird nicht lange sein, sagte Don Beltran, der in dem Gemache auf- und niederschritt, und wenn Sie wollen, sofort ...

– Ich werde Ihnen erst Kaffee geben lassen. Es ist nicht unschicklich, da es keine Kommunion geben wird, und auch nicht durch meine Schuld. Der Dorfpfarrer hat uns den Streich gespielt, die Kirche zu verlassen, um sich zu den Royalisten einreihen zu lassen. Er war wie besessen, seit die Liberalen seinen Neffen getödtet haben.

Der Kaplan hatte es nicht nothwendig, seinen Freund zu verlassen, um den Kaffee zu bestellen, denn ein Offizier, der sich für Don Beltran interessirte und ihn bedauerte, gab Befehl, daß man ihm dieses Getränk servire. Der Greis dankte den Leuten, die den Kaffee brachten, und zeigte sich sehr gerührt. Als er den Kaffee verzehrt hatte – ein glücklicher Zufall wollte es, daß das Getränk auch gut war – kam Don Beltran auf seine Beichte zurück und sagte mit fester Stimme:

– Ja, mein Gewissen ist sich seiner Licht- und Schattenseiten vollauf bewußt, und es zögert nicht, diese kundzugeben.

– In mir gibt es keine zweifelhafte, räthselhafte, dunkle Fälle. Ich bin einfach und bestimmt. In dieser kritischen Stunde belebt sich mein Gedächtniß und nichts wird der Vergessenheit anheim bleiben. Was Gott weiß, sage ich ohne Furcht, in aller Aufrichtigkeit dem Priester, der mir beisteht, und allen Menschen, die es hören wollen, denn Don Beltran's Leben ist wie sein Charakter deutlich und durchsichtig, und es wäre eine lächerliche Schwäche, verbergen zu wollen, was in Aragon ohnehin alle Welt weiß. Ich bin ein in Aragon allbekannter oder besser ein populärer Mann.

Und als er bemerkte, daß die Offiziere und Soldaten im Nebengemach von der Neugierde bewegt sich zur Thüre drängten, fuhr er fort:

– Treten Sie ein, und wenn Sie wollen, hören Sie zu. Die Sünden, die mein Mund gestehen soll, sind nicht derart, daß sie Schrecken erregen, indem ich meine Fehler gestehe, kann ich hinzufügen: daß Derjenige, der nicht gleiche begangen hätte, den ersten Stein auf mich werfen soll. Nicht als würde ich sie nicht tadelnswerth finden, im Gegentheil. Jetzt in dieser Stunde der Gewissenserleichterung sehe ich, wie sehr ich die göttliche Vorsehung beleidigte, und welch' schlechten Gebrauch ich von den Eigenschaften machte, mit welchen sie mich bedacht hat. Ich hatte immer religiöse Gefühle, ich glaubte blindlings, was die Kirche uns lehrt; aber sei es aus Vergeßlichkeit, sei es aus Faulheit, habe ich die Pflichten, die sie uns vorschreibt, wenig beachtet. Daran habe ich schwer gefehlt, weniger aus Mangel an Gottesfurcht, als in Folge der weltlichen Beschäftigung und der frivolen Vergnügungen, in welchen die höhere Gesellschaft ihre Sinne betäubt. Ich habe das Vergnügen immer eifriger gesucht als die Enthaltsamkeit, und ich habe die Annehmlichkeiten des Lebens den Entbehrungen vorgezogen, ohne aber bis zur Trunkenheit und Ausschweifung mich zu versteigen; nicht weil dies Sünden waren, sondern weil ich sie unschön und geschmacklos fand. Ich war eitel, Freund des Prunkes und der Schmeicheleien, und war immer bestrebt, mein eigenes Ich über das meines Nächsten zu setzen ... Doch füge ich hinzu, daß ich niemals gegen Andere gemein handelte, daß ich mich nie von der Würde entfernte, welche mein Name und mein Rang mir auferlegten. Ich war immer Edelmann: höflich den Gleichgestellten gegenüber, gütig und freundschaftlich zu den Niedereren. Meine größte Sünde – eine unerschöpfliche Quelle in einem Leben voll zahlloser Irrthümer – war meine Thorheit – ich muß es Thorheit nennen, allen Frauen, die mir auf meinen Wegen begegneten, gefallen zu wollen. Meine größte Freude zu allen Zeiten war der Umgang mit Damen von vornehmer oder geringer Abkunft, denn ich nenne Damen Alles, was in der großen weiblichen Menge liebenswürdig ist. Dieser Thorheit habe ich Alles geopfert, aber auch in der Liebe habe im keine häßliche That begangen, welche der gesellschaftliche Kodex verwerfen würde. Es ist wahr, daß diesen Kodex Männer zu Gunsten der Verliebten schufen, und daß die Rechte, die er gewährt, mit den Vorschriften des Dekalogs nichts zu schaffen haben. Also habe ich gesündigt, schwer gesündigt. Und indem ich es erkläre, anerkenne ich alles Böse, was ich verursachte. Und ich füge hinzu, daß ich den Liebesmanövern nicht der Gewissensbisse wegen entsagte, sondern einfach in Folge der natürlichen Schwäche, welche das Älter mit sich bringt, die mich gezwungen hat, meine lasterhaften Gewohnheiten aufzugeben. Ich klage mich an, ich erkenne meine Irrthümer und ich empfehle mich der Barmherzigkeit Gottes.

Ich klage mich auch der Sorglosigkeit an, mit welcher ich meine Güter verwaltet und verwendet habe. Gott gibt uns den Reichthum, damit wir weisen und mildthätigen Gebrauch von ihm machen und ihn unseren Kindern übergeben, damit auch sie ihn gut verwenden. Ich war ein wirkliches Faß ohne Boden, aber – da man Alles sagen muß, das Gute wie das Schlechte – meine grenzenlose Großmuth erreichte in gewissem Maße meine Verschwendungssucht. Ich ließ meine Umgebung und Alle, die mich um Hilfe baten, an meinem Vermögen theilnehmen. Ich habe viel Elend erleichtert, viel Thränen getrocknet; keiner meiner Diener konnte gegen mich Klage führen. Wenn der Proceß vor das Tribunal kommt, das über meine Seele zu Gericht sitzt, werden zahllose Zeugen zu meinen Gunsten aussagen. Mein Hauptfehler war meine Liebe für die wichtigste Triebfeder unseres materiellen Daseins, fürs Geld. Das Geld, das die Philosophen, wie man sagt, verachten, das die Religion verdammt, dessen wir aber in der Gesellschaft, in welcher wir leben, nicht entbehren können, ohne Wilde oder Eremiten zu werden. Ich habe das Geld geliebt, es mir aber immer nur auf gesetzliche Weise verschafft, wie verderblich diese für mich auch gewesen sein mag, und ich habe auch nicht das Gewicht eines einzigen Maravedi auf dem Gewissen, von dem man sagen könnte, ich hätte ihn einem Anderen genommen. Ich war ein Sünder und in meiner Todesstunde bekenne ich, daß ich ein verhärteter Sünder war. Sie haben gehört, meine Herren. Ich habe vor Ihnen das Gewissen Don Beltran's von Urdaneta bloßgelegt, den man in Aragonien Don Beltran den Prächtigen nannte. Ich habe keinen meiner Fehler verheimlicht, und wenn ich etwas vergaß, so möge es Gott gefallen, daß es zu meinen Gunsten spräche. So bin ich gewesen, so bin ich. In aller Demuth bedaure ich, gegen die göttlichen Gesetze verstoßen zu haben, ich klage mich dessen vor Allen und vor meinem Beichtvater und Freunde an, ich empfehle meine Seele Gott, im Vertrauen auf die ewige Gerechtigkeit und seine unendliche Barmherzigkeit.

Alle, die den unglücklichen aragonesichen Edelmann sahen und hörten, bewunderten seine Aufrichtigkeit und seine Geistesgegenwart. Und aus der Gruppe von Offizieren und Soldaten, die sich zur Thüre drängten, löste sich ein Lieutenant los, der sich dem Greise näherte, dessen Hand küßte und sagte:

– Herr, wenn Sie im Himmel sein werden, gewähren Sie die Gnade Ihrer Erinnerung Ihrem ergebenen Diener Ricadio Pulpis, der dieselben Sünden wie Sie auf dem Gewissen hat, ohne sich Ihrer Tugenden berühmen zu können.

– Sehr gut, liebes Kind, erwiderte Don Beltran, indem er ihn in seine Arme preßte. Mein Unglück und mein elendes Ende mögen Dir als Spiegel dienen, damit Du Dich selbst erkennst und zur Besserung gelangest.

Putxet, der untröstlich war, sprach seine niedergeschmetterte Stimmung in folgenden Worten aus:

– Ich sagte Llangostera und ich wiederholte es, daß der heutige Tag für Hinrichtungen nicht geeignet sei. Denken Sie doch: Pfingstsonntag. Ein Tag, an welchem die Kirche das Ausströmen des heiligen Geistes in der Gestalt feuriger Flammen feiert. Und wo wir ein so erhabenes, so herrliches Fest feiern, will er ein Blutopfer haben! Und wenn es auch gestattet und geheiligt wird durch die Kriegsgesetze – verdammte Gesetze! – Nein, das darf nicht sein! Ich protestire. Ich muß darauf bestehen, daß man bis morgen warte. Mir scheint, da ich doch der geistliche Leiter des Regiments bin, habe ich das Recht zu fordern, daß man mir Gehör schenke. Wir sind nicht zu dem Zwecke da immer rasch, rasch, rasch die Beichte abzunehmen. Um meinen Bemerkungen nicht Rechnung tragen zu müssen, versetzt man mich in die Unmöglichkeit eine Messe zu lesen ... Es mangelt uns das Nothwendige ... Eine solche Nachlässigkeit ist unstatthaft ... Patronen fehlen gewiß nicht! ... Was zum Krieg gehört, ist in Hülle und Fülle vorhanden ... Was zur Kirche gehört, nicht. So geht es bei uns zu.

– Ereifere Dich nicht, Freund Putxet, bemerkte Don Beltran, der sich niedersetzte, um nachzudenken, und quäle Dich nicht wegen meiner Hinrichtung, Das ist nicht von Bedeutung, ob heute oder morgen. Wenn heute ein großer Festtag ist, was thut's? Gott weiß, daß Ihr ein wenig außer Rand und Band seid und Eure Angelegenheiten nicht nach dem Kalender richten könnet. Darüber ist man einig, daß in Kriegszeiten Alles erlaubt ist. Und wenn sich heute eine gute Gelegenheit ergäbe, eine Schlacht zu liefern, würdet Ihr sie vorüberstreichen lassen, weil heute Pfingsten ist. Nein. Und würdet Ihr nicht trotz des Festes eine Menge Christen tödten? Wenn es zulässig ist, den himmlischen Vater »Gott der Schlachten« zu nennen, wie es die Feldkapläne in ihren Predigten und die Generale in ihren Manifesten thun; wenn Gott, wie Ihr sagt, der höchste Feldherr ist, dann wird er auch Nachsicht üben, wenn ihr an einem hohen Festtage die Kriegsgesetze anwendet. Was mich betrifft, ich wünsche keinen Aufschub, denn in diesem Augenblick bin ich resignirt und fast ruhig, und ich stehe nicht dafür ein, daß ich diese Resignation und diese Ruhe vierundzwanzig Stunden lang bewahren kann ... Uebrigens, wir sind Männer, und der Gedanke, eines gewaltthätigen Todes nach vielen Vorbereitungen und Ceremonien zu sterben ... ängstigt wohl ... gewiß. Tödtet mich rasch und stellet meinen Muth nicht auf die Probe.

Der hartnäckige Kaplan ergab sich nicht, und auf seiner Idee beharrend, sagte er zu dem unglücklichen Edelmann:

– Ich will bei dem Chef noch einen Versuch machen ... Ich kehre sofort zurück ... Im Vorbeigehen werde ich den Befehl geben, daß man Ihnen Rühreier servire ... Ich sah Paradeisäpfel, und wenn Sie wollen ...

– Ausgezeichnet, mein Lieber, wie es Ihnen gefällt, ich danke für Alles. Thun Sie, was Ihnen beliebt. Ich habe keinen Willen mehr. Ich will mich überreden, daß ich nicht mehr am Leben sei.

Als er allein blieb, versank der arme Verurtheilte in traurige Reflexionen. Er suchte die Motive seines tragischen Abenteuers, denn in einem Falle solcher und noch viel weniger tragischen Art lieben es alle Menschen den Ursprung, den Anfang des Unglücks zu erforschen, das sie bedrückt.

– Gewiß, sagte sich Don Beltran, schickt mir Gott den Tod in einer so schrecklichen Form, um mich für die ungeheuren Sünden der letzten Tage zu bestrafen. Ich habe Nelet unterstützt, als er die Nonne Marcela verführen wollte und obgleich ich gleich vom ersten Augenblick an die Ehe als Form und Ziel der Verführung erklärte, ist es doch nicht weniger ernst und heiligthumschänderisch, eine Nonne zum Bruche ihres Gelübdes zu bewegen. Und was noch schlimmer ist, daß ich dem Verliebten Lehren gab und ihm Verhaltungsmaßregeln vorschrieb nach den Regeln, welche ich aus den Erfahrungen meines früheren sündhaften Lebens abgeleitet habe. Ah, ich habe wohl verdient, was mir passirte! Ich erkenne Deine Hand, Gott der Gerechtigkeit!

– Ich habe sehr schlecht daran gethan, mich mit der Thorheit des armen Nelet zu beschäftigen! Wer hat mir gesagt, der Liebesvermittler zwischen einem Aufständischen und einer Nonne zu sein? Was habe ich davon, wenn eine Maske und ein Ueberspannter heirathen oder nicht? Aber in dem Hintergrunde meiner Absichten sehe ich das verdammte Interesse, den Wunsch, eine Hilfsquelle zu verschaffen! Ein anderes Motiv hatte meine häßliche Intervention in dieser Affaire durchaus nicht. Und daß die wandernde Nonne, dank den infamen Verhaltungsmaßregeln, welche ich Nelet vorgeschrieben hatte, sich wirklich veränderte, daß das Gift der Liebe nun wirklich ihre Adern durchdringt, daran ist nicht zu zweifeln. Durch meine Schuld und dank meiner perfiden Kunst wird sie nun wirklich ihr Gelübde brechen. Ein häßliches Interesse hat mich bewegt, der Gedanke, daß sie nach ihrer Heirath den Wunsch ihres Vaters mir gegenüber erfüllen werde. Bös waren meine Gedanken und bös meine That, und um meine Verkehrtheit zu strafen, erlaubte es Gott, daß diese Schurken mich vor ihre Gewehre stellen.

Putxet kam und unterbrach die Reflexionen mit der Mittheilung, daß Llangostera, nachdem der Kaplan erklärt hatte, die Angelegenheit vor den Generalvikar zu bringen, die Hinrichtung auf den nächsten Tag verschoben hatte. Urdaneta wußte nicht, ob er dieser Nachricht sich erfreuen oder ihretwegen betrübt sein solle. Wenn er Vergnügen darüber empfand, so war es jedenfalls ein trauriges. Zum Frühstück, das er mit dem Kaplan und dem Lieutenant Pulpis einnahm, brachte er nur geringe Eßlust mit. Am Abend stieg seine Traurigkeit auf die höchste Stufe und die Anwesenheit seiner Wächter brachte ihn in eine gereizte Stimmung. Da sie ihn nicht allein lassen wollten, warf er sich auf sein Lager, als ob er die Absicht gehabt hätte, zu schlafen, aber in Wirklichkeit gedachte er der Vergangenheit, seiner Familie und seines Heims in Cientruenigo.

– Ah, wenn Rodrigo und Johanna Teresa mich in dieser Lage sähen, wie viele Thränen würden sie vergießen. Gewiß ... Sie lieben mich, wenn es auch Zwistigkeiten gab, wenn mir uns auch um Thorheiten zankten, die von hier aus betrachtet nur Lachen und Verachtung verdienen. Mein Gott! wie strafst Du mich am Ende meiner Tage. Mir ist, als wäre ich schon in der Ewigkeit, von wo man die Dinge dieser Welt in ihrer natürlichen Winzigkeit erblickt. Sie lieben mich, ja sie lieben mich! Und auch ich liebe meinen Enkel und seine Mutter, die die Gattin meines Sohnes ist. Jetzt verzeihe ich ihr von ganzem Herzen die Widerwärtigkeiten, die ich in meiner Dummheit als schwere Beleidigungen auffaßte. Und wenn sie erfahren werden, wie Don Beltran der Prächtige geendet hat, werden sie auch mir den Kummer verzeihen, den ich ihnen verursachte, meine bösen Worte, meine böswilligen Handlungen. Sie werden für mich beten und Gott bitten, mich aufzunehmen, und sie werden für mein Seelenheil religiöse Stiftungen gründen. Ich sehe schon den ganzen Klerus von Cientruenigo tagelang mit Messen und Responsorien beschäftigt. Aber meine Reue ist stark.

Auch seiner Tochter und seinem Schwiegersohn de Villarcano verzieh er die Beleidigungen, die er angeblich erlitt. In seinen Gedanken umarmte er seine Enkel und mit vielen Thränen und Seufzern nahm er Abschied von ihnen. Dann bevölkerten seine Freunde einer nach dem anderen in einer langsamen und melancholischen Prozession sein Gedächtniß. Er erinnerte sich des armen Mero und Salomens, und wünschte ihnen ein glückliches, gesundes Leben.

Die erste Hälfte der Nacht verbrachte er in großer Unruhe; stundenlang sprach er ohne zu ermüden, bald um Episoden aus seinem Leben zu erzählen, bald gab er Putxet Instruktionen, damit dieser in Alcaniz sein Pferd und sein Gepäck auffinde, um diese mit der Nachricht von seinem Tode nach Cientruenigo zu senden. Er gab den Wunsch kund, seinem Enkel und seiner Tochter zu schreiben, da aber sein Kopf schmerzte und seine Hand zitterte, konnte er nur fünf bis sechs Zeilen zu Papier bringen, in welchen er seine Unschuld beteuerte und sein tragisches Ende erzählte. Er erklärte, als christlicher Edelmann zu sterben, das Übel, das er angerichtet, zu bereuen und ohne Ausnahme Allen zu verzeihen, selbst seinen Mördern.

– Ich möchte, dass wir schon jetzt ein Ende machen. Die Stunden, die mir noch zu leben bleiben, drücken mich wie Jahrhunderte.

Als er seine Beichte in frommer Andacht wiederholt hatte, riet ihm Putxet zu schlafen. Aber Don Beltran widersetzte sich dem Schlaf, und so sprachen sie bis zum Morgen. Als er die Stunde näher rücken fühlte, rief der Verurteilte die Offiziere zu sich, um sich von ihnen zu verabschieden. Sie stellten sich in einen Kreis um den Tisch und hörten bewegt der ebenso einfachen als inhaltvollen Erklärung zu, die der Greis an sie richtete:

– Meine Freunde, ich bin Euch dankbar für die zarte Sympathie, die Ihr mir unter diesen Umständen erwiesen habt. Ihr seid Ehrenmänner, ich bin es auch, und als solcher will ich sterben, und als solche werdet Ihr Euch bis zu dem letzten Augenblick benehmen. Ihr werdet mir das Leben rasch nehmen, ohne mich einem nutzlosen Martyrium auszusetzen. Und wenn das Vorrecht des Alters mich ermächtigt, Euch einen Rath zu geben, laßt mich davon profitiren und räumet meinen Worten die Autorität ein, welche der nahe Tod gibt.

Und dann sprach er mit einer Geistesruhe, mit einer Ueberlegenheit, welche die traurige Situation noch erhebender gestaltete, von Spanien, dem Vaterlande beider Kriegsparteien, das durch den schrecklichen Kampf unfehlbar seinem Ruin entgegengeführt würde. Er ermahnte sie, seiner Fehler zu gedenken und den Irrthümern auszuweichen, die er begangen hatte; dann entschuldigte er seine Schwatzhaftigkeit und sagte:

– Die Stunde ist da, machen wir rasch ein Ende. Erfüllet Eure Pflicht mich zu tödten, und ich erfülle die meinige, die darin besteht, in Frieden mit Gott und den Menschen ruhig und muthig zu sterben.

Einer nach dem Anderen kam, um ihn zu umarmen. Schon waren einige Minuten über die für die Hinrichtung festgesetzte Stunde verstrichen, und Don Beltran rief von einer nervösen Unruhe erfaßt aus:

– Aber was thun wir da, meine Herren, wir verlieren eine kostbare Zeit.

Die Sonne brach durch's Fenster herein und verkündete einen herrlichen Frühlingstag. Urdaneta, der an dem Fenster stand, konnte einen Seufzer nicht unterdrücken und seinen Blick auf die grüne, lachende Landschaft werfend, sah er einige Ziegen und einen alten gefesselten Esel:

– Armes Thier, sagte er, Ihr würdet ihm einen Dienst erweisen, wenn Ihr ihn mir opfern wolltet, aber er wäre nicht einverstanden ... Natürlich ... Obgleich alt und zahnlos, liebt er doch noch das grüne Gras ... Feinschmecker! ... Also gehen wir!

Pulpis trat ein und sagte, der Chef hätte einen Boten geschickt, mit dem Auftrage, zu warten ... Gewiß wollte auch er von Don Beltran Abschied nehmen.

– Also, sagte dieser mit ängstlichem Erstaunen, er komme doch endlich! Kommt er schon?

Zwei Minuten einer grausamen Erwartung verstrichen bis zur Ankunft Llangostera's. Wenn sein Geistlichengesicht etwas verrieth, so waren es nur Zeichen einer großen Ergebenheit und Wachsamkeit für den Dienst.

– Setzen Sie sich, sagte er zu dem Verurtheilten, ohne irgend einen Gruß. Wir haben es nicht eilig. Wie hat man Sie mit Speisen versehen?

– Ich? Speisen? Und wozu? Ich speise nie zu so früher Stunde.

– Gut. Man wird Ihnen etwas bringen. Es gibt noch Lammsbraten von gestern Abends.

– Danke. Ich speise nie zu dieser Stunde.

– Aber. Es gibt einen neuen Aufschub. Verzeihen Sie, ich weiß, daß das sehr peinlich ist.

– Ja, Herr, das sage ich selbst, wenn ich noch einen Tag zu leben habe, sagte Don Beltran, indem er die Sonne und die Landschaft betrachtete.

– Einen Tag? Ich weiß nicht, wie viele Tage es sein werden. Dieser Don Ramon ruht niemals und er läßt auch die Anderen nicht ruhen. Vor einer Stunde ist hier die Truppe des Erzpriesters angekommen. Ich erhielt durch seine Vermittlung diese Depesche, worin er mir nach einer Menge von Dingen, die mit dieser Sache nichts zu schaffen haben, sagt ...

– Mich ein wenig länger zu quälen?

– Nein, mein Herr. Daß wir Sie nicht erschießen und noch heute nach Gandesa schicken sollen. Er möchte Sie über einige Dinge ausfragen, die Sie allein kennen.

– Ich? ... Dinge kennen? ... Träume ich?

– Strengen Sie Ihr Gehirn nicht an. Sie werden in zwei Stunden mit zwei Kompagnien des 3. Regiments und den Pferden, die ich hier habe, nach Gandesa aufbrechen. Don Ramon will Sie über politische Dinge befragen ... was da unten ... am Hofe vorgeht?

– Am himmlischen Hofe?

– Nein, etwas tiefer. Also Sie werden abmarschiren.

– Gut, sagte Don Beltran, und erhob sich wie ein Kind, daß das Bedürfniß fühlt, umherzutollen. Gehen wir nach Gandesa und sprechen wir über Höfe, über Alles, was Don Ramon nur immer will. Ich weiß zwar nichts, aber vielleicht kann ich ihm Dinge von großem Interesse sagen ... was weiß ich? ... Herr Llangostera, wenn das eine Art Gnade ist, möge Gott sie Ihnen vergelten, denn Sie haben gewiß Theil daran ...

– Ich nicht. Wenn dieser Befehl nicht gekommen wäre, würden Sie sich schon des Paradieses erfreuen können. Also meine Glückwünsche ...

– Danke, Leben Sie tausend Jahre, Herr Llangostera. Und jetzt erinnere ich mich Ihres freundlichen Anerbietens und bitte um den Lammsbraten. Ich fühle einen gierigen Appetit.

– Gut, stillen Sie ihn. Aber vergessen Sie nicht, um acht Uhr Abmarsch.

Kaum hatte der Chef der Aufständischen die Schwelle überschritten, als Putxet sich auf seinen Freund stürzte, ihn so in seine Arme preßte, daß er ihn zu erdrücken drohte.

– Mir, mir, mein edler Herr, verdanken Sie Ihr Heil ... ohne die entsetzliche Schlacht, die ich gestern des Pfingstfestes wegen lieferte, würde der Gegenbefehl Don Ramon's Sie im Grabe getroffen haben. Und ich that es. Sie können es mir glauben – nicht allein des Pfingstfestes wegen, sondern weil mein Herz mir sagte, daß ein Tag gewonnen, auch der Mensch gerettet sei. Ich hatte eine Ahnung ... Ich wußte, daß Cabrera sich seit einigen Tagen mit Geschichten abquält, die man ihm vom Lager des Königs brachte.

– Aber ich bin über die dortigen Vorgänge ebensowenig informirt, wie über die Ereignisse, die sich auf dem Monde abspielen.

– Aber gehen Sie, das ist unmöglich, Don Ramon hat nicht ohne Grund an Sie gedacht, und er rechnet darauf, daß Sie ihn informiren werden.

– Ich schwöre ...

– Aber für alle Fälle, wenn Sie nichts wissen, erfinden Sie. In meinen Augen sind Sie schon begnadigt und bald werden Sie auch freigelassen werden!

– Wie Gott will, Freund Putxet.

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