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Der Roman einer Nonne

Benito Pérez Galdós: Der Roman einer Nonne - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorBenito Perez Galdos
titleDer Roman einer Nonne
publisherVerlag von Sachs & Pollák
year1902
translatorDoña Servita
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071202
projectide96cafb8
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5.

Zeitig früh am nächsten Morgen konnte man Manuel Santapau und den Marquis von Urdaneta, Jeder einen derben Stock in der Hand, Cati zu Fuß verlassen sehen. Nelet war mit Pistolen und einem Säbel bewaffnet und überdies hatte er auch ein Packet mit sich, welches ihre Lebensmittel enthielt. Sie durchschritten eine Landschaft von grandioser Majestät und Schönheit, ohne auf ihrem Wege Jemandem zu begegnen. Zu einer Erlengruppe gelangt, setzten sie sich nieder, um sich durch ein frugales Mahl zu stärken. Und hier, während sie sich auf dem Grase ausstreckten, inmitten einer freundlichen Stille, begann Nelet die Abenteuer zu erzählen, die ihm während seiner Reise zugestoßen waren und die er der Beurtheilung seines Freundes zu unterbreiten wünschte.

Ohne viel Vorbereitungen sagte er Don Beltran, daß er einige entsetzliche, schlaflose Nächte zugebracht hatte; daß, nachdem er tagsüber gegen die Vorposten des Feindes gekämpft, er Nachts von einem halben Dutzend Geister besessen wurde, die er erst für Engel hielt, dann aber als Dämonen erkannte, die ihn erst auf die Plattform des Schlosses von San Mateo schleppten, dann aber in ein Souterrain stürzten, das sich unter dem Wassersaal befindet ...

– Aber, Nelet, sagte Beltran, der begriff, daß sein junger Freund von einem heftigen Fieber heimgesucht gewesen und seine Halluzinationen für Wirklichkeit nahm; aber, Nelet, wenn das ein Traum ist, erzähle mir ihn als Traum, ohne ihm mehr Wichtigkeit beizumessen, als es Hirngespinnsten zukommt.

– Ich erzähle, wie es mir passirte, wie ich es fühlte, und Sie werden dann sehen, ob es ein Traum war. Also ich irrte in dem Souterrain umher, das durch ein fahles Licht beleuchtet war, bis ich mich im Hintergrunde einer Höhle befand, deren Decke einer Kathedralenwölbung glich und wo Männer die Erde schaufelten. Ich sah, wie sie einen langen, schweren, erdfarbenen Gegenstand zutage förderten. Ich näherte mich ihnen und fragte: »Ist das eine Mumie?« und sie antworteten: »Das ist die Mumie eines metallischen Todten, den wir auf Befehl unserer heiligen Herrin, zum Ruhme Gottes und der Religion erwecken.« Ohne mich um diese Auskunft zu kümmern, fragte ich nach dem Ausgange aus der Grotte, von wo ich nach Trabiguera käme. Sie zeigten mir einen in den Fels gehauenen Schacht, und nach sechsstündigem Marsch befand ich mich nicht in Trabiguera, sondern im Schlosse von Cervera del Maestre, zerschlagen, mit blutigen Füßen und wundem Körper. Wenn das ein Traum war, wie kommt es dann, daß ich in Calig einschlief und in Cervera erwachte.

Es war evident, daß der junge Krieger in einem heftigen Fieberanfalle ganz unbewußt einen großen Marsch absolvirte. Don Beltran wollte es ihm begreiflich machen und sagte:

– Bist Du dessen gewiß, daß Du nicht selbst nach Cervera gingst?

– Gewiß. Wie könnte ich es sonst erklären, wenn nicht durch überirdische Mächte, daß ich, als ich Cervera verließ, Malaena begegnete, die mich auf einem Stein sitzend erwartete. Wie konnte sie wissen, daß ich in Cervera sei, wo ich sie doch nach Calig bestellte?

Don Beltran verzichtete darauf, ihm zu erklären, daß Malaena in Calig erfahren haben konnte, daß die Kolonne nach Cervera ging, und daß es ihr, die die Wege so genau kannte, leicht gewesen war, auf Kreuzwegen früher dorthin zu gelangen. Er beschränkte sich darauf, zu antworten:

– Gewiß ist sie eine Hexe, wie man sagt; aber von Bedeutung ist eigentlich nur die Nachricht, welche sie Dir überbrachte.

– Sie sagte mir, daß ich, ohne es zu ahnen, Marcela in dem Schlosse bei Trabignera gesehen hatte. Sie war es, die mit den zwei Todtengräbern die Erde über eine Grube aufschaufelte. Marcela sagte meinem Boten, daß, wenn ich sie sehen wollte, ich am Donnerstag, das ist heute, nach Vallibona kommen möge.

– Und darum befinden wir uns hier und darum gehen wir dort hinunter ... sehr gut ... sagte Don Beltran, ohne Nelet bemerken zu lassen, daß er die Richtigkeit des nächtlichen Marsches, den er unter dem Einfluß des Fiebers ohne dämonische Vermittlung zurückgelegt, selbst erwiesen hatte.

Ich sandte Malaena mit einer neuen Botschaft ab und erwarte heute ihre Antwort. Sie erwartet mich in Salvatoria, diesem kleinen, weißen Meierhof, den man von hier aus dort oben auf dem Gebirge sieht.

Sie setzten ihren Weg fort und Don Beltran wollte nochmals versuchen, Santapau von seinem Aberglauben zu heilen. Dieser aber sagte, daß er diesen Glauben von seiner Mutter habe, und daß nichts ihn veranlassen könnte, ihn aufzugeben. So näherten sie sich Salvatoria, und ehe sie es noch erreichten, sahen sie Malaena ihnen entgegenkommen. Nelet eilte ihr entgegen, um das Resultat ihres Botenganges zu erfahren, und Don Beltran benützte die Gelegenheit, um die Liebesbotin zu betrachten.

Sie war eine lebhafte, magere Frau; Gesicht und Hände von der Sonne verbrannt. Ihr Antlitz, daß einer vertrockneten Traubenbeere glich, war von zwei immer beweglichen Mäuschenaugen belebt.

Sie sprach nur den valencianischen Dialekt.

Nelet befahl ihr, vorauszugehen nach dem Ort, wo sie übernachten sollten, Holz aufzulesen, um Feuer zu machen, und aus dem Meierhofe auch Geflügel zu beschaffen. Das bewegliche Weib verschwand alsbald und die Reisenden gingen still dem Plateau zu, auf welchem sich eine kleine Grotte befand, in welcher sie die Nacht verbringen wollten. Nach einem frugalen Mahl streckten sie sich neben dem von Malaena vorbereiteten Feuer aus und nichts störte ihren friedlichen Schlaf.

Am Morgen begaben sie sich nach dem Sanktuarium, wo sie Marcela antreffen sollten. Um sieben Uhr Morgens, als sie gerade die letzte Stufe, welche sie von der Spitze trennte, erklimmen wollten, sahen sie Marcela, von den beiden Greisen gefolgt, aus den Gebüschen herabsteigen. Diese blieben zurück und die Büßerin kam allein, mit einem blühenden Dornenzweig in der Hand ihnen entgegen. Als sie in Hörweite kam, grüßte sie die beiden Freunde mit sanftem, aber ernstem Lächeln und einer graziösen Handbewegung, worauf sie sich auf einen Felsstumpf setzte. Alle Drei betrachteten einander eine Weile, dann unterbrach Marcela die Stille. Ihre Stimme hatte ein wohlwollendes, fast zärtliches Timbre, ganz im Gegensatze zu der mystischen Exaltation, welche sie früher beherrscht hatte.

– Der Aufstieg war Ihnen zu steil, nicht wahr, Don Beltran? Setzen sie sich an meine Seite, und Du, Nelet, mir gegenüber.

– Der steilste Aufstieg, erwiderte Don Beltran mit raffinirter Galanterie, erscheint leicht und sanft, wenn man die Hoffnung hat Dich oben zu treffen.

– Das ist ein Kompliment, lieber Herr, und ich will nicht, daß Sie mir schmeicheln.

– Das ist die Wahrheit, sagte Nelet, der sich nicht mehr zurückhalten konnte. Das ist die Wahrheit, Marcela. Um Deinetwegen habe ich diesen Gipfel erklommen, um Deinetwegen würde ich noch weit höhere ersteigen. Je höher Du bist, umso größer wird meine Freude sein, Dich erreichen zu können. Muß der Mensch nicht immer höher streben, um das Göttliche zu erreichen?

– Jesus! sagte die Nonne lächelnd aber sie sind ja heute Beide verrückt

– Halt! sagte Don Beltran, wenn wir Dich auch als göttlich betrachten, wenn wir Dich auch so verehren, so verbergen wir doch nicht, daß wir Dich menschlich sehen wollten, ohne Deiner Göttlichkeit zu schaden. Denn nach meiner Ansicht muß das Göttliche dem Sterblichen sich mengen, um den besten Zustand zu schaffen, der in der Natur möglich ist.

– Halt, sag' ich nun auch, ich bin nicht göttlich, obgleich meine arme menschliche Schwäche nach Göttlichkeit sich sehnt.

Nelet wollte die Frage auf das Gebiet der Aufrichtigkeit und Einfachheit führen:

Ich weiß nicht, sagte er, ob das Gefühl, das mich hierherführt, göttlich oder menschlich ist; aber ich weiß, Marcela, daß es mich treibt. Dir bis ans Ende der Welt zu folgen. Was ich Dir in meinen Briefen gesagt, wiederhole ich nun in der Gegenwart und unter dem Schutze dieses guten Freundes: ich liebe Dich, Gott hat in mir ein Feuer entzündet, das mich verzehrt. Wenn Du Dich meiner Liebe widersetzest, so würde ich glauben, daß die Hölle dieses Feuer über mich geschickt.

O, das nicht, sagte Marcela lebhaft. Die Liebe kommt immer von Gott. Es ist ein himmlisches Feuer, das Deine Seele verzehrt, Nelet. Aber Du darfst nicht beanspruchen, daß ich mein Gelübde breche, um Dir Deine Ruhe zu geben. Die Liebe, die in der Seele entsteht, findet ihr Heilmittel in der Seele, denn sie ist göttlich und sie kann durch göttliche Mittel gemildert und geheilt werden.

– Nein, sagte der Greis, Deine Wissenschaft möge mir entschuldigen, aber die Liebe als rein menschliches Gefühl kann ihre Heilung nur in der menschlichen Sphäre finden.

– Pardon, Don Beltran, lassen sie mich zu Ende kommen. Seneca sagte: »Der Liebeskranke läßt sich nicht durch die Vernunft bestimmen«. Gewiß ist die sehr starke Liebe sehr gefährlich, sie verursacht Unheil und Tod.«

– Aber ich, sagte Nelet lebhaft, ich liebe eine Frau, ein lebendes, schönes Wesen, das Gott mit allen Vollkommenheiten ausgestattet, und meine Vernunft ist mit meiner Liebe in Einklang.

– Lass' mich zu Ende kommen, Nelet ...

– Lass' sie, ja, lass' sie, sagte Don Beltran, der bemerkte, daß es Marcela wirklich Vergnügen bereite, über Liebe zu sprechen, nur daß sie ihren Wunsch unter kühler Gelahrtheit zu verbergen bemüht war.

– Wir haben es erwiesen, fuhr sie fort, daß die Liebe sich nicht durch die Vernunft leiten läßt. Und wollen wir nun das Wesen dieses Gefühles suchen, so finden wir, daß, was die Liebe eines Menschen erweckt, die Vollendung in der Natur ist.

– Sehr gut!

– Bewunderungswürdig!

– Nicht ich sage das, sondern Aristoteles. Da aber nur Gott die Vollendung selbst ist, kann man die menschliche Liebe durch die einzig wirkliche Liebe in Gott ersticken.

– Das ist sehr gelehrt, sagte Nelet, indem er sich ungeduldig erhob um entschlossen das Gespräch auf das menschliche Gebiet zurückzuführen, aber mir kannst Du es nicht weismachen, daß die Liebe zu Gott die Liebe zu einer Frau vergessen machen kann. Nein! Man liebt Gott als Gott und die Frau als Frau. Ich bin Mann und Du bist Weib, warum sollen mir einander nicht lieben und glücklich sein? Wozu hat uns Gott erschaffen? Damit wir einander verabscheuen? Nein, Marcela, das ist Unsinn, was Seneca, Aristoteles und alle Heiligen auch immer sagen mögen. In Liebesdingen weiß ich ebensoviel wie sie, wenn nicht noch mehr. Wenn Du mir einen Grund angeben willst, warum Du mich nicht liebst, dann lasse Gott und alle Heiligen in ihrem Himmel, und spreche mit mir, wie ein Mensch zum Menschen. Sagen wir, dass ich Dir nicht gefalle, daß ich nicht nach Deinem Geschmack bin, und von diesem Argument, das weder weise noch lateinisch ist, werde ich schweigen, mich von meinen Qualen verzehren lassen und vor Kummer sterben ... ja, Marcela, denn Deine Verachtung ist mein Todesurtheil.

– Gut, sehr gut, Nelet, rief Don Beltran strahlend vor Befriedigung aus. So muß ein Mann sprechen, so liebe ich Dich.

– Wir sind gekommen, um Deine Antwort zu hören auf das, was ich Dir in Wort und Schrift mitgetheilt. Ehe ich Dich kannte, liebte ich Dich, ehe ich Dir begegnete, sah ich Dich. Meine Seele ist so voll von Dir, daß ich keinen Plan, keinen Gedanken habe, der sich nicht mit Dir beschäftigte. Also hast Du die Wahl, mich zu lieben oder mich um mein Leben zu bringen. Ich liebe Dich und auch Gott. Aber verlange nicht von mir, daß ich Gott allein liebe, ohne mich um menschliche Dinge zu kümmern, das wäre unmöglich.

Marcela kaute an dem Dornenzweig, ohne ihren Blick zu den beiden Männern zu erheben. Don Beltran näherte sich ihr, um ihr Gesicht zu betrachten, und als er glaubte, eine Verwirrung wahrzunehmen, nützte er den Augenblick. Er winkte Nelet zu schweigen, um sie einer Weile dieser feierlichen Einkehr in sich selbst zu überlassen.

– Du wirst nicht leugnen wollen, sagte Don Beltran, indem er eine Hand auf ihre Knie legte, daß der Mann, in dessen Herz Du ein so edles Feuer entzündetest. Deiner Zärtlichkeit würdig sei. Ritterlich in allen seinen Handlungen, wird er Dir der beste Lebensbegleiter sein, den Gott Dir zuschicken konnte. Leugnest Du es?

– Nein, Herr, erwiderte Marcela mit zu Boden gesenktem Blick, ich kann nicht leugnen, was wahr ist. Ich anerkenne seine guten Eigenschaften, und in Folge seiner Neigung und Beständigkeit achte ich ihn, aber mit jener Achtung, welche mein Gelübde mir erlaubt ...

– Es sei. Man muß erst den Anfang machen, mein Kind. Und jetzt füge ich hinzu, daß Gott es nicht übelnehmen würde, wenn Du Dein jetziges Leben gegen das, was man weltliches Leben nennt, verändertest. Gott hat die Welt erschaffen und die Menschheit, damit sie in ihr lebe. Und er hat die Liebe erschaffen, damit die Menschheit nicht aussterbe ...

– Und ich weiß nicht, sagte Nelet mit plumper Logik, ob es Gott gewesen, der die Klöster erschaffen und den Menschen geboten hätte, sich außerhalb der materiellen Existenz zu stellen. Denn schließlich ist diese Grundlage alles Lebens und auch der Gottesliebe. Denn um Gott zu lieben, muß man leben, und um zu leben, muß man geboren werden ...

– Wenn ich auch schweige, antwortete die Nonne, so mangelt es mir keineswegs an Argumenten, um Euch Beiden zu antworten ...

– O, wir wissen wohl, daß es Dir an Syllogismen und Citaten nicht gebricht, aber nun bitten wir Dich, alle Heiligen ruhig in Deinem Gedächtniß zu lassen und nur Dein Herz zu befragen. Was sagt dieses? Lehnst Du Nelet ab?

– Es sagt mir, ihn nicht zu verachten, sagte die Nonne, ohne Nelet zu betrachten, aber es verpflichtet mich, mein jetziges Leben gegen ein anderes nicht einzutauschen.

– Ich las in irgend einem Buche, bemerkte Nelet, die höchste Buße sei die Ehe, und die größte menschliche That: eine Familie zu erziehen. Wenn Du Dich entschließest Marcela, in die Welt zurückzukehren, wo Du mich als liebenden, treuen Sclaven finden wirst, wirst Du es nie bereuen; und Du wirst sehen, daß Gott Dich noch mehr lieben und segnen werde, denn das Leben, das Du jetzt führst, ist nicht das einer vernünftigen Person, und Gott, unser Schöpfer, wünscht es sicherlich nicht.

– Glaubet nicht, erwiderte Marcela unruhig und verwirrt, ohne den Sprecher anzublicken und weiter an ihrem Dornenzweige nestelnd, glaubet nicht, daß ich nichts zu erwidern weiß, wenn ich auch schweige. Ich will aber nicht, daß die Motive, die mir durch den Kopf gehen, Nelet als Zeichen meiner Verachtung erscheinen. Nein, nein, es ist keine Verachtung und ... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... Selbst wenn ich die Liebe zu der Religion aus meinem Herzen reißen wollte, selbst wenn ich darauf verzichten wollte, meinem Gelübde treu zu bleiben ... Ich könnte es nicht ... nein ich könnte es nicht ... Meine Frömmigkeit ist stärker als ich ... mich ihr ganz ergeben, beweist wahrlich keine Verachtung gegen Nelet ... Nein, ich weiß, was Nelet verdient, und ich werde Gott bitten, es ihn finden zu lassen, daß eine Würdigere als ich seine ehrlichen Wünsche erfülle. Es gibt bessere Frauen, ja viel bessere als ich, von größeren physischen und moralischen Vorzügen als ich, die durch ihre Erscheinung und ihre Tugenden ...

– Nein, nein. Niemand übertrifft Dich, rief Nelet heftig aus, indem er sich erhob und auf sie zueilte, als wollte er sie in seine Arme pressen; nein, es gleicht Dir Keine. Marcela, zwei Buchstaben aus Deinem Munde entscheiden über das Glück und das Heil eines Menschen. Spreche sie aus. Ja sagen ist ebenso leicht wie Athmen. Ein »Nein« wäre mein Todesurtheil, und Deine göttlichen Lippen können mich nicht verdammen!

Marcela erhob sich. Ihr Gesicht und ihr Ton zeigten eine Strenge, welche selbst dem am wenigsten klar Sehenden als Affektation erscheinen mußte:

– Wenn Sie wollen, werden wir nach der Kirche gehen. Ich muß beten und Sie wohl auch, da Sie doch hierherkamen, um ein Gelübde zu leisten.

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie, den Dornenzweig, der ihre graziöse Gestalt schmückte, auf der Schulter, gemessenen Schrittes der Anhöhe zu.

Nelet wollte ihr nacheilen, um das unterbrochene Gespräch weiterzuführen, Beltran hielt ihn aber kräftig zurück, und als er sah, daß die Nonne sich bereits entfernt hatte, sagte er:

– Thor! Du hast also nicht begriffen? Sie gehört uns, sie gehört Dir.

– Es schien mir, als wäre sie nicht empfindlich für irdische Liebe.

– Ruhig, Kind. In dem Augenblick, da sie ihre Philosophie und ihre klassischen Citate über Bord warf bemerkte ich, daß sie ganz verändert war. Diese Feinheiten waren nur eine sehr kunstvolle Koketterie, Sie ist ein Weib ... sie ist ein Weib ... und wir haben gesiegt.

– Weib! wiederholte Nelet wie in einer Extase.

– Siehst Du nicht, wie sie geht? Siehst Du nicht, wie sie ihr Kleid hebt, wie sie den Dornenzweig trägt? Unsere unwiderstehliche Art, zu raisonniren, hat ihr eine starke Erschütterung bereitet. Betrachte Sie, mein Freund, und sage mir, ob sie nicht ein als Heilige verkleidetes Weib ist? Thatsache ist, daß sie wirklich schön ist. Ich sah sie jetzt aus der Nähe, und ich habe sie genau betrachtet ... Ihre Zähne sind ideal, und es wundert mich gar nicht, daß Du von ihnen träumest. Und die Augen! Nelet, umarme mich. Ich gratulire Dir. Ich sehe sie aber nicht mehr. Ist sie schon weit? Wendet sie sich nicht um?

– Bis jetzt noch nicht.

– Ah, ah, ich sehe sie schon wieder. Sie entfernt sich. Aber, Nelet, ich halte jede Wette ... bis sie diesen großen schwarzen Fels erreicht hat ... Ist das kein schwarzer Fels?

– Das ist eine Eiche.

– Also ich wette, ehe sie die Eiche erreicht hat, wird sie sich umwenden und nach uns blicken, um zu sehen, ob wir ihr folgen. Rühre Dich nicht.

Der schlaue Alte hatte thatsächlich Recht behalten. Die Nonne blieb stehen und bewegte ihren Zweig, als fragte sie: »Was macht Ihr eigentlich? Warum folgt Ihr mir nicht?«

Der langsame Gang Beltran's erlaubte ihnen nicht, rasch emporzuklimmen, und so kam ihnen Marcela weit voraus. Von Zeit zu Zeit blickte sie sich um und Nelet winkte ihr, zu warten. Sie blieb aber nicht stehen, und als sie das Sanktuarium erreichten, sahen sie Marcela mit ihren beiden Acolyten vor dem Altar in tiefer Andacht beten. Sie knieten nahe zum Eingange in einer gewissen Distanz von Marcela nieder, um ungestört sprechen zu können.

– Du siehst, sie ist ganz verändert und besänftigt, sagte Urdaneta, und Du darfst diese Veränderung nicht der Beständigkeit Deiner Liebeserklärungen zuschreiben. Das ist die Wirkung des Lebens im Freien, der Freiheit, des unausgesetzten Kontaktes mit der Natur, den Feldern, den Bergen, den finsteren Wäldern und den krystallhellen Quellen. O, jene die ihre Bußanstalten in geschlossenen Gegenden errichten, die kennen das Menschenherz sehr gut. Die Gesellschaft ist eine große Liebesvermittlerin, die Natur aber eine noch größere. Obgleich Marcela sich noch mit ihrer pedantischen Wissenschaft vertheidigen will, ist sie doch schon besiegt, von Liebesleid berührt. Ich erkenne es an ihrem Gang, an dem Timbre ihrer Stimme. Wie sehr sie auch die Theologin spielt, mich täuscht sie nicht. Um sie aber vollständig zu bezähmen, um ihr ein Ja zu entlocken, das mächtig ist, wie diese Kirche, heißt es geschickt vorgehen. Merke wohl auf Alles, was ich Dir sagen werde, Nelet.

Nelet betete und auch der alte Edelmann bat die Jungfrau, sein schwaches Gesicht zu heilen und ihn aus seiner ungerechten Gefangenschaft zu befreien. Nach langem Harren hatte auch Marcela ihre Gebete beendet, und sie faßte Beltran an der Hand, um die beiden Reisenden an einen Ort zu führen, der zu den Füßen großer Eichen gelegen, durch das Mauerwerk der Eremitage geschützt war.

Sie hockten sich auf dem Grase nieder und nahmen ihre Unterredung wieder auf, welche Marcela mit folgenden Worten begann:

– Ich bat Gott und die Jungfrau mit der tiefsten Andacht, mich zu erleuchten. Mir ist mein religiöses Leben noch nicht lästig, noch empfinde ich auch nur den Schatten des Wunsches, ein anderes Leben zu beginnen. Ich bat Gott auch, die glühende Neigung Nelet's erkalten zu lassen, und ich hoffe ...

– Die wird Gott nicht erkalten lassen, rief der Verliebte aus. Im Gegentheil, mehr beleben wird er sie. Je mehr ich Dich sehe, Marcela, umso glühender liebe ich Dich. Ich bat Gott, Dir etwas von dem Feuer zu geben, das in mir im Ueberfluß vorhanden ist und daß er Dir Geschmack am Familienleben gebe.

– Gewiß, mein liebes Kind, würde Nelet Dich zu irgend einem beschämenden oder unreinen Zugeständniß bewegen wollen, dann wären Deine Skrupeln sehr gerechtfertigt. Er schlägt Dir aber einen heiligen Bund vor dem Altar vor, und diesem Vorschlage schließe auch ich mich an. Welche Vortheile bietet Dir dieses Wanderleben? Wen beglückst Du mit Deiner Buße? Wäre es nicht christlicher und mildthätiger, einen ehrenwerthen Mann vom Tode zu erretten, sein Martyrium in Glück, seine Hölle in ein Paradies zu verwandeln?

– Heiliger Gott, schrie Nelet wie närrisch, Don Beltran spricht wie das Evangelium selbst. Ich möchte Gott sehen, wie ich Euch sehe, um in seiner Gegenwart zu fragen: »Habe ich nicht recht und Marcela unrecht?«

– Beruhige Dich, Manuel, sagte Beltran, den dieser Uebereifer beunruhigte. Ich sehe in den sanften Blicken dieses Engels, daß unsere Gründe in ihr Verständniß eingedrungen sind und daß Gott seine Hand auf ihren Willen legt und sagt: »Erhebe Dich, theure Tochter, und folge Deinem Gatten!«

Es folgte eine kleine Pause. Nelet, bleich wie der Tod, betrachtete den Boden und zog mit zitternden Händen an den längsten Strähnen seines Haarwuchses. Marcela's Gesicht glühte, ihr Athem war gepreßt, ihr Kopf fiel in der Haltung der Schmerzensmutter zur Seite, und den Blick zur Erde gerichtet, sprach sie folgende Worte, ohne sich an philosophische Citate anzulehnen:

– Ihr seid Beide ohne Mitleid. Ihr verursachet mir grausames Leid. Ich möchte das Gute auf meiner Seite sehen und ich sehe das Böse. Meinetwegen und ohne daß ich daran Schuld trüge, leidet Nelet an der schmerzlichsten Krankheit, für welche es weder Trost noch Heilung gibt. Ich sehe es und kann nicht helfen. Könnte ich es, würde ich es ohne Zweifel thun. Darum bitte ich Euch, mich nicht zu quälen und mich weiterziehen zu lassen.

– Weiterziehen! rief Nelet überrascht, mit blitzenden Augen aus. Weiterziehen und mich meinem Kummer überlassen? Willst Du mich vielleicht nicht mehr sehen? Um Gotteswillen, Marcela, sage das nicht. Nein, Du kannst es nicht wollen, daß ich zum wilden Thiere werde. Beleidige Gott nicht, indem Du sein Geschöpf zum Ungeheuer machst. Wenn Du schon gar keine andere Ursache findest, mich zu lieben, so thue es eines frommen Werkes willen, indem Du eine Seele rettest. Werde ich Dich denn niemals überzeugen?

– Wenn meine Anwesenheit dazu dient. Deine Seele zur Gottesliebe zu bewegen, werde ich kommen, so oft Du es wünschest und so oft nur eine Gelegenheit sich ergibt. Indem ich davon sprach, weiter zu ziehen, wollte ich keinesfalls mich für immer von Dir entfernen. Ich meinte nur, daß die Stunde gekommen sei, uns für heute zu trennen. Und ich verpflichte mich mit aller Aufrichtigkeit, die Zeit unserer Trennung dazu zu benutzen, über diese ernste Frage nachzudenken und Gott zu bitten, daß er mir helfe, sie zu lösen.

– Und ich versichere Dir, erklärte Santapau mit einer Stimme, die einen festen Entschluß verrieth, daß, wenn Du für immer hättest Abschied nehmen wollen, würde ich, ehe Du noch einen Schritt gethan hättest, mich in diesen Abgrund gestürzt haben.

– Mein liebes Kind, sagte Urdaneta, Marcela versprach Dir wieder zu kommen, und sie wird wieder kommen. Ich garantire dafür. In einigen Tagen werden wir eine andere Zusammenkunft haben, an irgend einem Ort, den wir bestimmen können.

– Und nicht Gott allein muß ich um Rath bitten, fügte die Nonne hinzu, ich muß mich auch mit meinem Bruder Franciscus verständigen. Ich muß ihn von dieser schrecklichen Neuigkeit in Kenntniß setzen. Vor Allem muß ich einen Beichtvater aufsuchen, um ihm die tiefe Verwirrung darzulegen, in welche mich Eure verführerischen Worte stürzten. Dann werde ich meinen Bruder besuchen, worauf ich Sie durch Malaena verständigen werde, wo wir uns wieder treffen könnten.

– Und Du wirst über Tod und Leben entscheiden, erwiderte der Verliebte. Gut. Wenn Du mich tödten mußt, dann nur rasch zugreifen. Wenn ich leben darf, lasse mich es bald wissen, damit ich nicht länger ein Leben führe, das mich tödtet.

Marcela erhob sich und sagte mit einer weiblichen Anmuth, die Don Beltran als günstiges Zeichen deutete:

– Erlaubt Ihr mir, mich zurückzuziehen?

– So rasch? murmelte Nelet.

– Ich irrte, meine Herren, sagte sie wieder mit anmuthigem Ausdruck und schelmischem Lächeln, ich hätte nicht die Erlaubniß verlangen, sondern Sie bitten müssen, sich zurückzuziehen. Entschuldigen Sie mir, und damit Niemand von uns verletzt werde, wollen wir uns zu gleicher Zeit nach verschiedenen Richtungen zurückziehen. Ich will nach Bel.

– Und wir in entgegengesetzter Richtung, wohin es Gott gefallen wird. Du siehst, Nelet ist nicht zufrieden damit, daß Du uns sobald Deinen göttlichen Anblick entziehst, aber ich werde ihn überreden, sich zufrieden zu geben. Sei unbesorgt. Er findet in mir einen Tröster für den Geist und einen Beruhiger für die Nerven.

– Ich beuge mich, sagte Nelet mit edlem und anmuthigem Ton. Ich nehme die Trennung an, die Du so voll von echter Weiblichkeit vorgeschlagen hast. Ja, ich liebe Dich als Weib mehr denn als Heilige.

– Und ich freue mich, Dich so geduldig zu sehen, antwortete Marcela, indem sie ihrem Pfade zuschritt. Viel könnte ich über die Heiligkeit und den weiblichen Beruf sagen, aber dazu ist jetzt nicht der Augenblick da.

– Wirst Du lange zögern, mir es zu sagen?

– Gott wird den Zeitpunkt bestimmen; er allein kann die Gelegenheit herbeischaffen.

– Gut. Ich beuge mich wieder. Meine Sanftmuth stammt nur von Deiner Güte. Du lächeltest, Marcela, und das genügt, daß ich mich nicht mehr kenne, daß ich viel besser geworden, als ich es jemals gewesen bin.

– Und jetzt, als ob ich es sehen würde, sagte die Nonne mit noch mehr Anmuth und Lebhaftigkeit als früher. Ihr werdet langsam gehen und jeden Augenblick stehen bleiben, um zurückzuschauen.

– Und Du, wirst Du ein Gleiches thun? fragte Nelet lebhaft.

– Wenn ich manchesmal den Kopf wenden werde, sagte sie ein Lächeln unterdrückend, so wird es geschehen, um die Thorheit der Menschen zu betrachten, und damit Ihr nicht glauben sollt, daß es aus Verachtung unterbleibt. Gehen wir, Nelet und Don Beltran, und Gott geleite Euren Weg!

Sie trennten sich und nach zehn Schlitten rief Beltran aus:

– Ich konstatire nur, daß nicht ich mich umwende, sondern dieser Schelm, der das Bedürfniß hat, Dich zu sehen.

– Adieu, erwiderte die Nonne.

– Nach kurzer Zeit sagten die beiden Reisenden:

– Blieb sie stehen, um uns nachzublicken?

– Ja, eben jetzt. Und ich finde nicht den Muth, sie in meine Arme zu pressen!

– Ruhe, mein Kind, Du hast Zeit. Und jetzt?

– Sie geht langsam, sie blickt zum Himmel. Ich sehe sie nicht mehr, sie verschwand hinter einer Baumgruppe. Welche Gestalt! Welch' himmlische Erscheinung! Ich werde wahnsinnig!

– Ruhe! Ich wiederhole Dir: Du hast Zeit. Du wirst sie bald in voller Reife sehen.

– Ah, da ist sie wieder.

– Wendet sie sich um?

– Ja, sie hat einen kleinen Zweig im Munde. Wie glücklich dieser Zweig!

– Du hast Zeit! Gehen wir, gehen wir?

– Nein, nein, dieses Weib ist nicht von dieser Welt.

– Ob von dieser oder von der anderen, sie gehört Dir.

Die beiden Reisenden kehrten nach Cati zurück; der Eine ein wenig getröstet, der Ändere befriedigt von der Wendung der Dinge, in welchen er als Berather fungirte. Don Beltran schien es, daß von dem Punkte, bei welchem Nelet mit Marcela angelangt war, bis zur Hochzeit nur ein ganz kleiner Weg mehr zurückzulegen sei. Und so stieg seine Verzweiflung auf die Spitze, als Santapau ihn am nächsten Morgen mit folgenden Worten aus dem Schlafe weckte:

– Mein armer Freund, das Schicksal oder in seinem Namen Don Ramon Cabrera hat beschlossen, daß wir uns trennen müssen. Er hat aus Salvatoria den Befehl ertheilt, daß das 3. Regiment und drei Kompagnien des 1, Regiments unverweilt zu ihm stoßen müssen. Mir scheint, es gilt meiner Geburtsstadt, und ich kann mich weder unter dem Vorwand einer Krankheit noch sonst irgendwie von dem verdammten Gehorsam, den ich meinen Chefs schulde, befreien. Aber ich bin müde, ja müde dieser Sklaverei und bei der ersten Gelegenheit nehme ich meinen Abschied. Liebe und Disziplin passen nicht zusammen. Ich habe Sie Llangostera sehr warm empfohlen, der in Rossele Fuß fassen wird, um den Hilfstruppen für Gandesa den Weg abzuschneiden. Also: Adieu! was ich bedauere, ist, daß Malaena kommt und mich nicht finden wird. Aber ich verständigte sie, daß sie in diesem Falle sich mit Ihnen ins Einvernehmen setze... Es genügt, ihr meinen Aufenthaltsort zu sagen. Sie hat eine gute Nase und wird meine Spur schon finden ... Ich habe keine Minute Zeit mehr. Adieu!

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