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Der Roman einer Nonne

Benito Pérez Galdós: Der Roman einer Nonne - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorBenito Perez Galdos
titleDer Roman einer Nonne
publisherVerlag von Sachs & Pollák
year1902
translatorDoña Servita
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071202
projectide96cafb8
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4.

Ohne Zweifel, um seine Geduld zu festigen, hatte Gott beschlossen, daß das Elend Don Beltran's in dieser Phase seiner Gefangenschaft nur noch schwerer werde. Sein Freund, der gute Putxet, trennte sich von ihm vor Requena, um sich der Expedition anzuschließen, die bestimmt war, die Provinz von Alicante zu verheeren; wenige seltene Ausnahmen abgerechnet, mußte der arme Greis die Ruhe entbehren, die er sonst auf dem Karren fand. Er muhte sich mühevoll im Gefolge der Truppen nachschleppen, das Schuhwerk in Fetzen, die Füße voll Wunden, sterbend vor Hunger, und er vermeinte unter der Last seiner Mühsal, seiner Leiden und Qualen zusammenzubrechen, ehe er Utiel erreichte. Aber er dachte daran, daß Christus für die Menschen noch mehr gelitten als er, und so überwand sein Muth seine Schwächen und er wappnete sich für noch größeres Unheil, falls das Schicksal ihm solches bescheeren wollte. Man brachte ihn vorerst in einen feuchten Vorraum und von da in eine Art Keller, der einen Ausgang nach einem von hohen Mauern eingeschlossenen Garten besaß. Dort fand er die zwei Todtengräber vor; was aber Marcela betraf, wußten weder er noch diese etwas von ihrem Verbleib. Das obere Stockwerk des Hauses bewohnte Nelet mit einigen anderen Offizieren, und als er von seinem Balkon die Greise bemerkte, die sich in der Sonne wärmten, sagte er zu seinen Freunden:

– Ich weiß wirklich nicht, wozu man uns diese drei Vogelscheuchen aufbürdet. Drei Mäuler zu füttern und man hat keine Hilfe von ihnen.

– Entweder müßte man sie füsiliren, wenn man beweisen kann, daß sie Spione sind, oder sie auf die Straße aussetzen, damit die öffentliche Mildthätigkeit sie ernähre.

Don Beltran blickte hinauf und antwortete mit klagender Stimme, daß der Tod oder das Betteln für ihn gleichbedeutend sei, worauf Nelet ihn hinaufrief. Der Greis gehorchte und stieg langsam die Treppe hinauf; im Zimmer empfing ihn Nelet. Urdaneta trat demüthig ein; er entblößte sein Haupt und erwartete aufrecht die Befehle der Jungen. Nelet, der in einem Fauteuil ausgestreckt lag und seine Beine kratzte, sagte:

– Ist es wahr, daß Sie zur Aristokratie gehören?

– Ja, mein Herr. Ich habe die Ehre, dem vornehmsten Adel Uragomens anzugehören.

– Sind Sie Marquis?

– Ja, meine Titel stammen von den Herrschaften von Tont de Albalate, ich bin Grand erster Klasse ...

– Genug, genug von dieser Litanei. Sie müssen trachten, das Brod, das wir ihnen geben, auch zu verdienen.

Indem er dies sagte, zog er seine beschmutzten Stiefel aus und reichte sie dem Alten:

– Dort in dieser Schublade finden Sie Bürsten und Wichse. Sie werden diese Stiefel reinigen, daß sie wie ein Spiegel glänzen.

Don Beltran blieb einen Augenblick unbeweglich, starr, die Hände ausgestreckt. Sein Wille kämpfte gegen zwei Ideen: die Stiefel nehmen und sie dem dummen, brutalen Kapitän an den Kopf zu werfen oder sich demüthig unterwerfen. Der letztere Gedanke siegte. Nach kurzem Zögern nahm er die Stiefel und auch die Utensilien, die er zur Reinigung bedurfte.

– Rauchen Sie? fragte Nelet, als er sich der Thüre näherte.

– Ja, mein Herr!

Er gab ihm eine Cigarette, doch da er einsah, daß diese ungenügend sei, sagte er:

– Nehmen Sie nur mehr, für Sie und Ihre Genossen. Das Alter schläfert sein Leid mit Tabak ein.

Und der Greis stieg ebenso langsam hinab, als er heraufgekommen war. Auf jeder Stufe blieb er stehen, ohne etwas zu sagen, ohne an etwas zu denken. Wollte er nun die Christinisten irreführen oder hatte er andere strategische Ursachen. Cabrera beschloß, Utiel zu befestigen, und die ersten Gebäude, deren er sich bemächtigte, waren ein Kloster und die sehr solid kunstruirte gothische Kathedrale. Die Häuser ringsumher mußten demolirt werden und es ist wohl überflüssig zu bemerken, daß der Herr von Albalate und seine beiden Genossen bei diesen Arbeiten beschäftigt wurden.

Die drei Greise litten furchtbar an Hunger, als sie wieder in ihren Keller zurückkehrten. Niemand dachte daran, ihnen Nahrung zu geben. Der eine Todtengräber, der sich Pedro Zaida nannte, beschloß, Nahrung zu suchen. Don Beltran wollte lieber Hungers sterben, als um seine Ration zu betteln, und der andere Alte, Namens Alfajar, verlangte gar nichts, da er der Sprache beraubt war. So verbrachten sie einige Tage, indem sie von Brotrinden und Tafelabfällen lebten, die Zaida in der Umgebung auflas, bis Nelet und die übrigen Offizieren ihnen aus Mitleid Nahrung sandten. Man brachte die Nahrung in einem Kessel. Zaida, und Alfajar legten die Knochen, an denen noch Fleisch war und die besseren Reste für Don Beltran weg, während sie die minder guten Dinge selbst aßen. »So findet man selbst in diesem erniedrigenden Elend – sagte sich Urdaneta – zarte Seelen und edle Herzen«, und indem er auf jede Bevorzugung verzichtete, bestand er auf einer gleichmäßigen Vertheilung der armseligen Lebensmittel. Und oft rannen während dieser intimen Szenen dicke Thränen über sein Gesicht herab.

Eines Abends begaben sich die Offiziere zum Fenster, um sie essen zu sehen, und wenige Minuten später kam die Ordonnanz mit den Resten einer Pastete und in Wein getauchten Biskuits und sagte, daß dies für den Marquis bestimmt sei. Bald darauf brachte die Ordonnanz drei Cigarren und Streichhölzer, um diese in Brand zu setzen, Sie begannen zu rauchen und dankten den Offizieren, die ihnen lachend zusahen. Einer von ihnen bemerkte:

– Dieser Marquis scheint ein famoser Schelm zu sein.

Don Beltran schwieg und würdigte den Unverschämten keines Blickes. Auf eine Bemerkung Nelet's, der Urdaneta zu vertheidigen schien, verließen sie dann den Balkon. Die Gefangenen gingen wieder an ihre Arbeit, die an diesem Tage darin bestand, Baumstämme zu Barrikaden aufzuschichten.

Als Urdaneta in der Nacht sich auf dem kalten, feuchten Boden seines Obdachs, nur von den Fellen seiner Begleiter geschützt, neben diesen ausstreckte; als er aß, was Zaida zu verschaffen wußte, oder was man ihnen von oben sandte, dachte er an das Schloß von Cintruenigo. Er sah das Gebäude und dessen Bewohner in seinem Geiste, und das ganze Leben in diesem Herrschaftssitze. Ach! was er dort als Erniedrigung betrachtete, war nichts, als ein belangloser Scherz. Die harten Lektionen der Wirklichkeit hatten seine Gedanken und Meinungen verändert, und was war es eigentlich, was er in Cintruenigo als mit seiner Würde unvereinbar betrachtete? Nichts, gar nichts im Vergleiche zu dem, was er in Utiel zu ertragen hatte. Er erinnerte sich mit Verzweiflung an die Ordnung, die in diesem vornehmen Milieu herrschte, wo Alles auf seinem Platz war, nichts fehlte, was der Bequemlichkeit und dem Wohlbefinden der Bewohner diente.

So dachte er auch an seinen Enkelsohn: er sah ihn als kleines Kind, das so sanft, so schmeichelnd, so artig und seinem Großvater so zärtlich zugethan war; es war sein eigenes Blut, die Inkarnation seines Namens und seiner Rasse! was thäte Rodrigo, sähe er seinen Ahn in diesem Elend? Aber selbst Donna Urraca, sähe sie ihren Schwiegervater solchem Elend ausgesetzt, gezwungen, von Brodrinden und den Tafelabfällen der Carlistenoffiziere zu leben? Was würde sie denken? Don Beltran, der sich nun angesichts seines Gewissens sah, das sich streng vor ihm aufrichtete, erkannte der schweren Fehler, den er begangen, als er die Charaktermängel Derjenigen, die neben ihm lebten, nicht ertragen wollte, damit auch diese seine eigenen Fehler duldeten. So sah er jetzt ganz klar, daß die Ursachen seiner Familienstreitigkeiten nichtig und kindisch waren. Nun sah er seinen Stolz, der die Hauptursache seiner unglücklichen Reise war, in seiner ganzen Häßlichkeit. Er erkannte seine Habgier, seinen unsinnigen Wunsch, Reichthümer anzusammeln, die ihm in seinem vorgerückten Alter ohnedies nutzlos gewesen wären. Was er geliebt hatte, das war der Prunk, daß Bedürfniß, immer Herr und Gebieter zu sein, der Verschwender von Gottes Gnaden. Gott züchtigte ihn und ließ ihn seine strenge Gerechtigkeit fühlen! Und wenn er die Sache genau betrachtete, verdiente sein kleiner Rodrigo es keineswegs, daß er ihn verachtete oder ihm etwas nachtrug! Besaß er doch alle Gaben, deren sein Großvater entbehrte. Niemand konnte ihm eine wirklich böse Handlung vorwerfen. Und was endlich die unverschämte, die befehlshaberische Donna Urraca betraf, hatte sie wirklich keine Ursache gegeben, daß man sie verabscheue! Gewiß nicht! Nein!

Die Reflexionen, in welchen sich die Gewissensangst mit sanften Familienerinnerungen mengten, würden ihn in einen wohlthätigen Schlummer versenkt haben, hätten nicht wilde Schmerzen ihn wach gehalten, die er wie Bisse empfand. Er wandte sich unruhig von einer Seite auf die andere, und die Gedanken, die sein Gehirn durchjagten, ließen ihn ein wenig an seine Schmerzen vergessen.

– O, wenn Juana Teresa wüßte, auf welch' einem Lager der Vater ihres verstorbenen Gatten ruht, sie würde vor Kummer weinen, sie, die so viel Stolz setzt in die ideale Reinlichkeit ihrer Betten; die fast maniakisch auf die tadellose Reinlichkeit achtet. Nirgends in der Welt gibt es solche Kissen und Bettücher als in meinem Hause zu Cintruenigo, wie das nach Lavendel und Veilchen, ja mehr noch als die Parfüms: nach Wohlbefinden duftet. Ja, wenn Juana Teresa mich in diesem Elend sähe, wie würde sie weinen! Armes Herzliebchen! Aber nicht nur aus Mitleid würde sie weinen, sondern auch aus Zorn darüber, daß sie mir nicht helfen kann ...

Cabrera machte fast alltäglich mit tausend oder zweitausend Mann einen Ausfall, um Requena zu bedrohen, und seine Absicht, es zu belagern, zu bestätigen. Von einem dieser Ausflüge heimgekehrt, stieg er vom Pferde, um die Arbeiten zu prüfen; was ihm nicht gut dünkte, kritisirte er scharf und trocken. Er wies auf die Fehler hin und gab die Mittel zu ihrer Verbesserung, Als er Don Beltran bemerkte, der mühselig eine Erdlast trug, näherte er sich ihm und fragte ihn, ob er Herr von Urdaneta sei.

– Zu dienen General, sagte der Greis, ihn anblickend und den mit Erde gefüllten Korb weiter haltend.

– Sie tragen da eine schwere Last – und im Valencianer Dialekt fuhr er fort:

– Und Du, Luisel, verschone diesen armen Mann. Das ist ein vornehmer Mann, der nicht gewohnt ist, zu arbeiten. Ihr seid sehr ungeschickt und besitzet weder viel Geist noch Takt .. Caramba! Man muß doch einen gewöhnlichen Mann von einem Herrn unterscheiden können. Ihr behandelt gewisse Menschen, die Kanaillen sind, wie Edelleute, und verweigert Euer Mitleid diesem armen Alten, der gewohnt ist, auf Teppichen zu gehen ...

Der Greis verstand, daß der General zu seinen Gunsten sprach, und da man ihn auch von seiner Last befreite, murmelte er eine Phrase des Dankes. Cabrera wurde nicht müde, ihn zu betrachten, und so sah er auch seine Füße mit dem zerlumpten Schuhzeug. Auch Don Beltran betrachtete nach Herzenslust den berühmten Guerillero, den er zum ersten Mal auf dem Felde zu Bunol gesehen hatte, als er an der Spitze einer Kavalkade wie der Blitz dahinjagte. Er erkannte dieses dreieckige Gesicht mit den vorspringenden Backen, den großen schwarzen Augen und der häßlichen Nase, deren Flügel immer vibrirten. Er war elegant, aber nicht ohne Originalitätshascherei gekleidet, denn sein Anzug ermangelte der Stickereien und Vergoldungen keineswegs. Der weiße Mantel mit dem rothen Ueberschlag vervollständigte seine Kleidung. Er salutirte militärisch und kehrte nach der Stadt zurück. Nachts, als die Greise sich in ihr Verließ zurückzogen, um die Reste zu verzehren, die Nelet ihnen sandte, kam eine Ordonnanz an ihre Thüre und schrie:

– He! Don Marquis!

– Ich bin's, mein Freund, sagte Urdaneta, dem einst dieser Titel gebührte; was wollen Sie?

– Hier! Der General schickt Ihnen diese Stiefel, sie sind nicht mehr neu, aber noch in gutem Zustand.

– Sehr wohl. Damit ich sie wichse? Gut, lassen Sie sie nur hier.

– Nicht zum Wichsen, aber damit Sie sie anziehen. Sie bedürfen ihrer ja, das sieht man. Der General trägt sie nicht mehr und Ihnen werden sie ausgezeichnete Dienste leisten. Sie sind in gutem Zustand und sie werden Ihnen auch gut passen.

– Mein Gott! sagte der alte Edelmann, und er entschloß sich endlich, das Geschenk zu übernehmen. Der General hat sich eines Unglücklichen erinnert! Sag' ihm, daß ich ihm sehr dankbar bin. Und ihr Stiefel der Geduld und der Demuth, bekleidet nun meine Füße.

Und vier Tage später, als die ganze Armee im Geheimen nach der Ebene von Valencia aufbrach, war Don Beltran erstaunt, in das Hotel des Generals gerufen zu werden. Der Greis begab sich hin und er fand Don Ramon in einem Zimmer des Erdgeschoßes, das, wie die an den Wänden angebrachten großen Buchstabentafeln bewiesen, wohl eine öffentliche Schule war. Der Chef der Aufständischen saß mit zwei sehr hübschen, als Bäuerinnen gekleideten Frauen bei Tische. In den Ohren trugen sie antike, mit Smaragden und Perlen ausgelegte Ringe von byzantinischer Form. Ihre Kleider waren aus theuren und eleganten Stoffen, aber pedantisch den Bauernkostümen nachgeahmt. Obgleich Beltran sie seiner schwachen Augen wegen nicht sehen konnte, errieth er als erfahrener Frauenfreund ihre Schönheit, und er war überzeugt, daß es vornehme Damen wären, die aus irgendwelcher Ursache diese Verkleidung wählten. Sie saßen zur Rechten und Linken des Generals eng an ihn geschmiegt und dann kam noch ein Feldkaplan, der eher einem Grenadier ähnlich war.

Der Edelmann glaubte nicht ohne Berechtigung, der General hätte ihn rufen lassen, um ihn seinen Freunden als Kuriosität zu zeigen. Die Kuriosität bestand wohl in dem Gegensatz zwischen seinem hohen Adel und dem tiefen Elend. Aber das war nicht das einzige Motiv, es gab noch ein anderes, welches der General selbst darlegte, als er den höflichen Gruß Beltran's erwidert hatte:

– Nun, ich rief Sie zu mir, um Sie zu verständigen, daß Sie sich bereit halten mögen.

– Wozu, General?

– Sie hätten Unrecht, wenn Sie glaubten, wir hielten Sie, nur um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft zu genießen, sagte der General, der im Gespräche ein wenig stotterte.

Da er rasch sprechen wollte, blieb seine Zunge bei jedem Wort stecken.

– Worauf soll ich mich vorbereiten, General?

– Die Repressalien, welche diese elenden Christinisten, wie Sie wissen, zu ihrem System machten, zwingen mich zu Grausamkeiten, die meinem Herzen zuwider sind ...

– Ich verstehe. Sie wollen mich erschießen lassen ... Ich bin vorbereitet. Das Leben, General, das ich führe, ist so hart, daß ich Sie eher für mitleidig, denn für grausam halte, wenn Sie mich davon befreien

– Ich bedaure tief ... Gott weiß, daß ich tief bedaure ... Ich bin von Mitleid erfüllt für Jene, die ich zu opfern gezwungen bin ... Es schmerzt mich, obgleich meine Feinde das Gegentheil denken und mich Tiger nennen! Aber ich glaube, daß alle Schuldlosigkeit der Welt die Schuldlosigkeit meiner Mutter nicht aufwiegt.

– Obgleich ich den Tod nicht fürchte, zwingen mich mein Gewissen und meine Wahrheitsliebe, zu erklären, daß ich kein Spion bin, und daß weder politische noch militärische Ziele mich in dieses Land führten.

– Ich weiß, daß Sie kein Spion sind. Die Nonne Marcela, in die ich volles Vertrauen setze, hat mir es gesagt. Aber hier halten wir Sie fest: Leben um Leben, und wir zahlen: Tod für Tod. Sie wissen, daß die Division Juarte den Bruder des Grafen Casi, des Mitgliedes von Sr. Majestät Rath, gefangen halt. Nun: sobald ich erfahre, daß er erschossen wird, sind Sie zu viel auf dieser Welt. Scheint Ihnen das nicht natürlich, gerecht und gleichmäßig! Edelmann für Edelmann, Kavalier für Kavalier.

Während der gleichmüthige Aufständische diese Erklärung gab, hörte man weder ein Wort noch ein Murmeln, das gegen solche Barbarei protestirt hätte. Nicht einmal ein einfaches Zeichen des Mitleids. Sei es, daß die Gewohnheit gleicher Ungeheuerlichkeiten in den Männern und Frauen jedes Menschlichkeitsgefühl erstickt hatte, sei es, daß sie nicht wagten, es kundzugeben.

– Kann ich mich zurückziehen? fragte der arme Greis, ohne die schreckliche Mittheilung kommentiren zu wollen.

– Warten Sie ein wenig und befreien Sie uns von einem Zweifel. Sind Sie der Marquis von Sarinnan?

– Nein. Der Marquis von Sarinnan ist mein Enkel durch die Heirath meines Sohnes Don Federico mit einer Dame aus dem Hause Idiaquez.

– Sehen Sie, daß ich Recht hatte, sagte die eine der verkleideten Damen, was Urdaneta zu verstehen gab, daß seine Person schon vorher der Gegenstand einer Diskussion war.

– Und welche sind Ihre Titel? fragte der Priester.

– Ich bin Gebieter der Festung von Albalate; Herr auf Rubielos, Merinos und Monzon; Besitzer verschiedener Dörfer, Burgen und Weiden im früheren Königreiche Sobrarbe; Herr auf Olid und Grand von Spanien; Ritter von Montesa und Saragossa und noch manches mehr, das ich aber verschweige, um Sie nicht zu langweilen.

– Sind Sie mit den Carceres nicht verwandt? fragte die andere hübsche Frau.

– Gewiß, Madame, antwortete Don Beltran entzückt, diese sanfte Stimme zu hören, deren Timbre ihm eine noble Abstammung verrieth. Ramon Carcer, der vierte Marquis von Castelbello, ist mein Neffe, und die Borras y Mezquinta sind Vettern meiner Frau, ebenso wie Marianito Zagarriga und der Marquis von Creixel.

– Genug, sagte Cabrera, den die Abhandlung über den Adel zu langweilen begann. Wie behandelt man Sie in meinem Hauptquartier? Erhalten Sie genügende Nahrung?

– Herr, eine Armee, die im Felde steht, kann sich nicht mit einem armen, unnützen Gefangenen beschäftigen, dessen Person Niemanden interessirt.

– Ich wünsche, daß Sie mit der Rücksicht behandelt werden, die Ihrem Range zukommt. Und wenn Jemand Ihnen Respekt versagt, es hören und dem Betreffenden fünfzig Stockhiebe versetzen lassen, wird das Werk eines Augenblicks sein.

– Mein armes Leben lohnt heute wirklich nicht der Mühe, die Beine eines Christen zu beschädigen.

– Armer Herr! Es thut mir sehr leid. Und mit welcher Würde er sein Elend erträgt! sagte die Dame, die ihn ausgefragt, im valencianischen Dialekt.

Der Gefangene konnte diese Worte verstehen und der mitleidige Ausdruck ging ihm ans Herz. Cabrera bot ihm eine Cigarre an, Don Beltran lehnte sie aber mit der Entschuldigung ab, daß er zu so früher Stunde nicht rauche. Der General und die Dame bestanden aber darauf, und die Letztere nahm die Cigarre aus der Hand des Generals, um sie dem Alten in die Hand zu geben.

Als Don Beltran das Zimmer verließ, war er entzückt von der Erinnerung an die sanfte Stimme, die er deutlich vernehmen konnte, und das schöne Gesicht, das seine schwache Augen nur wie durch eine Wolke sehen konnten.

Von diesem Tage an wurde der Gefangene besser behandelt; auf den Gesichtern bemerkte er Zeichen von Höflichkeit und Wohlwollen; aber nichts überraschte ihn so sehr, als die radikale Umänderung, die sich in dem Benehmen des Kapitäns Santapan kundgab, den er bisher nur unter dem Taufnamen Nelet kannte. Dieser begann sich weniger verachtungsvoll zu zeigen; bald würde er ganz menschlich; dann wieder verwandelte er seine Rohheit in eine zärtliche Anhänglichkeit, und schließlich erklärte er Don Beltran, er bedaure, ihn beleidigt zu haben, und daß er den aufrichtigen Wunsch hege, mit ihm eine Freundschaft zu unterhalten. Der Alte nahm diesen Umschwung mit Vergnügen zur Kenntniß, und da er den Verdacht hegte, daß sein neuer Freund wohl an irgend einen geheimen Plan denke, beschloß er zu warten, ehe er sich eine endgiltige Meinung bilden wollte. Bezüglich Marcela's, die er seit dem Angriff auf Buniol aus dem Auge verlor, sagte ihm Nelet, daß Cabrera sie in ein Nonnenkloster einsperren ließ, bis die Entscheidung des Generalvikars, der in der Nähe Don Carlos' war, eintraf.

Cabrera hatte die Ansicht, daß es weder schicklich noch gut sei, wenn eine Nonne gleich einer Landstreicherin disziplinlos durch das Land streife. Nelet theilte diese Ansicht nicht, da der Orden der Marcela seit dem Tridentiner Konzil von der Klausur befreit war.

– Gut, sehr gut, sagte Don Beltran, der bereits ahnte, wohin Nelet hinaus wollte. Auch ich bin für die Befreiung von der Klausur, besonders im gegenwärtigen Falle, denn wenn ich nicht irre, verfolgt Marcela wichtige Interessen, da sie an große religiöse Stiftungen denkt.

So sprachen sie auf dem Wege nach Valencia, ungefähr drei Meilen nach Chiva, wo sie die Nacht verbracht hatten. Eine herrliche Gegend, und Don Beltran athmete glücklich die balsamische Luft, die ihn wieder mit Hoffnung und Lebensfreude erfüllte. Nun marschirten Sieger und Gefangene auf Valencia los, und da Cabrera nicht über genügende Kräfte verfügte, um einen so bedeutenden Platz zu besetzen, schlug er sein Lager in dem benachbarten Burjasot auf, von wo aus er Valencia betrachten und auch von der Stadt aus gesehen werden konnte. Die carlistischen Soldaten kamen auch in Burjasot so zufrieden an, daß sie nur daran dachten, ihren Sieg zu feiern und den Ueberfluß dieser gesegneten Gegend zu genießen. Diese unermüdlichen Soldaten, welche die Entfernungen gleichsam verschlangen, indem sie mit der Beweglichkeit wilder Katzen von einer Region nach der anderen eilten, führten immer einen unersättlichen Hunger mit sich.

Ihr Operationsgebiet wurde in der Regel vollständig geplündert. Valencia war nun die Oase, die Frische, die Ruhe, das leichte Leben mit tausend Gaben. So war das Fest von Burjasot nicht die Idee Cabrera's, sondern die seiner Chefs, Offiziere und Unteroffiziere, die nach Herzenslust essen und trinken wollten, um sich für die bisherigen Mühen und Entbehrungen zu entschädigen, »Wahrlich, sie hatten's verdient!« Man bat den General um die Erlaubniß, die dieser willig ertheilte, denn wenn er es auch verstand, seinen Soldaten die Haut zu schinden, so liebte er es doch, sie ruhen und sich vergnügen zu sehen, wenn dazu sich Gelegenheit ergab.

Ein Theil der Bevölkerung überfluthete das Lager und mengte sich den Truppen bei. Manche kamen aus Anhänglichkeit an die carlistische Sache; Ändere, um billig Gemüse, Fleisch, Fische, Geflügel, Früchte, ja auch Blumen anzubieten, die zu Beginn des Frühjahrs schon im Ueberflusse vorhanden waren. Man beschloß, das Banket auf dem höchsten Punkt der Gegend zu feiern, unter welchem sich die berühmten unterirdischen Silos, die Magazine, befanden, worin die Bewohner ihre Erntevorräthe aufbewahrten. Bald war die weite Esplanade mit Allem erfüllt, was Gott wachsen ließ; theils Geschenke, theils zu billigen Preisen erstanden. Man bestimmte eine Kommission, die Eßzeug und Trinkgläser herbeischaffen sollte, und die gefälligen Einwohner trugen Alles herbei, was man wünschte. Hier wurden ganze Scheiterhaufen in Brand gesteckt, dort Oefen und Töpfe vorbereitet. Eine Gruppe rupfte Enten, die Andere schlachtete Hammel. Aus dem Dorfe schleppte man Gefäße mit Oel, Weinschläuche, Körbe mit Orangen und Käselaibe herbei. Manche rissen Gräser aus und verzehrten sie als Appetiterreger. Die eifrigsten Carlisten der Ortschaft brachten sehr große Tische und Ungeheuer von Stühlen herbei, Andere wieder Tischtücher. Schließlich war jeder Mangel verzeihlich, nur Wein mußte genug vorhanden sein, und darum verdoppelte sich die Zahl der Schläuche unablässig.

Um halb vier Uhr bot das Bacchanale einen fesselnden Anblick: man aß und verschlang Alles ohne Maß und Regel, die Truppen lagen auf der Erde umher oder saßen an kleinen Tischen. Die Sergents bildeten Gruppen von verhältnißmäßig korrekter Besonnenheit. Weiter oben befanden sich die Offiziere hockend, kniend, auf Sätteln sitzend, manche auf römische Art ausgestreckt. Gegenüber der Kapelle gab es Tische, und dort bemerkte man das geistliche Gesicht des Llangostera und andere wichtige Persönlichkeiten: die Lagerchefs, die Intendanten, Chirurgen, Thierärzte und die Marschälle. Die Kapläne waren abwesend, denn ein ernstes Geschäft hielt sie im Dorfe zurück.

Cabrera war schlechter Laune, weil seine alten, schlecht verbundenen Wunden ihn schmerzten, setzte sich einen Augenblick lang an den ersten Tisch, dann stand er auf, ging von Einem zum Anderen, sprach mit Jedermann, und nahm die Glückwünsche entgegen. Seine Blicke wandten sich nach Valencia, und er fletschte die Zähne, als Einer seiner Intimen sagte:

– Don Ramon, wir sind an der Himmelspforte; führen Sie einen Ihrer gewohnten Coups aus und bringen Sie uns da hinein.

In den Niederungen herrschte eine frenetische Freude; dort gab es schon welche, die die Mahlzeit mit dem Dessert begannen und die nach den Zuckerfrüchten gebratene Enten aßen; dort verzehrte man Käse, ohne vorher etwas genossen zu haben; Andere verschlangen Orangen mit den Schalen und gleich nachher gebackene oder halbrohe Fische, dabei Wein nach Belieben und zum Schluß gezuckerten Speck. Auf manchen besser bestellten Tischen und auf den Rasen ausgebreiteten Tischtüchern gab es Schüsseln mit gekochtem oder kaltem Reis, Aale, Geflügel, ja selbst Würste. An anderen Orten verschlang man halbrohe Lämmer, die man mit den Säbeln zerhieb. Das erste Regiment hatte eine aus zwölf Mann bestehende Musikkapelle, die man mit Musikanten der Königin verstärkte, was ein mittelmäßiges Orchester ergab, das unablässig die aragonesische Jota und nationale Tänze spielte. Diese Disharmonie ergab eine passende Begleitung zu den rohen Festesausbrüchen.

– Die Hunde sollen schweigen! schrien die Unzufriedenen, und sie hatten Recht, denn die Musikanten vergewaltigten die musikalischen Ohren.

Don Beltran wurde von Nelet fast mit Gewalt zu einigen Kammeraden geführt, die auf der Erde sitzend aßen. Doch als er sah, daß der Kapitän sich zurückziehen wollte, sagte er ihm:

– Aber Sie, Santapau, Sie essen nicht?

Worauf Nelet, als schämte er sich vor sich selbst, antwortete:

– Jetzt kann ich nicht, ich muß füsiliren gehen.

– Wie, jetzt! schrie Beltran entsetzt auf, indem er sich mit einem für sein Alter ganz unwahrscheinlichen Sprung erhob.

– Ah, was glaubst Du denn, Alter? fragte ein Lieutenant, der schon von Beginn ab angeheitert war. Glaubtest Du, wir würden sie begnadigen? Oder vielleicht gar noch zum Diner einladen?

Ehe er antworten konnte, hörte man die Salvenschüsse. Don Beltran lief nach der Richtung, wo er den Rauch aufsteigen sah, und als er an der Kirchhofmauer die nackten Leichname sah, stieß er einen Entsetzensruf aus und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Gleich darauf brachte man eine andere, an ein Seil gefesselte Reihe. Es waren fünfundzwanzig, und unter ihnen die Kadeten von Valencia, die eben erst in die Armee eintraten und nun mit dieser Tragödie debutirten. Sie waren nackt und anscheinend resignirt; manche aber waren niedergedrückt, Andere strauchelten am Wege. Die meisten aber zeigten kühne, provozirende Mienen. Mehrere wiesen mit dem erhobenen Arme nach dem wilden Feste und schrien: »Hoch Isabella II.!« Eine Salve schnitt ihren Ausruf und ihren Eifern kurz ab. Dann kamen für Jene, die noch lebten, die Einzelschüsse, was an eine Menschenjagd gemahnte. Aufgereizt durch die Rufe der Opfer, unterbrach die Soldateska einen Augenblick lang ihren Eifer, um die Ehren ihrer Chefs und ihren Haß gegen die Opfer, denen der Tod in einer allzu sanften Weise erschien, in wilden Rufen zu manifestiren. In der Erwartung der weiteren Opfer, die in einem benachbarten Hofe entkleidet wurden, leerten sie neue Weinschläuche, die sie zu Boden warfen, wo sie wie blutende Körper lagen. Von mehreren Seiten schrien Männer, denen die Trunkenheit den Verstand geraubt:

– Noch! Noch!

Was wollten sie mit dem »noch« ? Wein oder Blut? Beides. Wein mit Blut gemischt.

Die Soldaten faßten zu zweien die Todten am Kopfe und an den Füßen, und schichteten sie an der Seite zu einem Haufen. Die Leute aus dem Dorfe, die sich zu Beginn der Metzelei aus instinktiver Neugierde und aus Vorliebe für das Entsetzliche genähert hatten, flohen nun entsetzt. Die Musik heulte ihre lustigen Weisen inmitten dieser fürchterlichen Tragödie, auf der einen Seite von den Salvenschüssen, auf der anderen von den herzzerreißenden Seufzern und den provozirenden Rufen der Opfer begleitet.

Von unendlichem Mitleid und dem Bedürfnis gegen diese barbarische Handlungsweise zu protestiren, bewegt, wandte sich Don Beltran schweren Schrittes nach der Richtstätte. Er hatte den wahnsinnigen Gedanken, mit den Opfern Isabella zu akklamiren. Er wußte nicht, wohin er ging, als eine kräftige Hand ihm faßte und ein Soldat zu ihm sprach:

– Wohin, Alter? Zurück oder eine Kugel trifft Sie.

Zurückweichend, plumpste er mit den Füßen in eine Blutlache. Er sah nackte Körper auf dem Boden zucken, er sah die Geschicklichkeit, mit welcher man sie hinrichtete, als handelte es sich um eine Meute schädlicher Thiere. Der arme Greis floh, ohne zu wissen wohin, und mehr vom Entsetzen denn von der Müdigkeit niedergedrückt, sank er zu Boden.

Eine neue Decharge, Vivats, Todesschreie, Beleidigungen, der Chor der Trunkenbolde, herzzerreißende oder groteske Ausrufe trieben sein Entsetzen auf die Spitze. Er stopfte die Ohren zu und seine Augen suchten nach etwas, was das Ende dieser Metzelei verkündigte. Aber er sah nichts. Rauch bedeckte die Hekatombe. Die Tragödie war noch nicht zu Ende. Nachdem man die Offiziere und Unteroffiziere erledigt hatte, kamen nun die Soldaten an die Reihe. Und immerzu hörte er:

– Noch! Noch! Alle!

Und Jene, die Cabrera aufsuchten, um ihn zu überzeugen, daß das Massakre ein Ende nehmen müsse, erhielten nur die kalte Antwort:

– Heute verweigere ich ihnen nichts.

Der General litt an der Leber furchtbare Schmerzen, sein Mund war ungesund bitter, sein Teint fahl, der Blick weniger leuchtend als sonst, und auf dem Banket begnügte er sich mit ein wenig Wasser und Wein.

Als die Metzelei zu Ende war, fand ein Freund Nelet's den armen Don Beltran fast bewußtlos auf den Boden liegen. Er führte ihn nach seiner Wohnung, wo Nelet ihn sofort zu Bett brachte, ihn warmen Wein trinken ließ, so daß der arme Greis Dank der Fürsorge seines ehemaligen Feindes in einen tiefen Schlaf fiel, in welchem sich sein Körper und sein Geist von den ausgestandenen Aufregungen erholte. Mit Tagesanbruch erhub er sich mit gekräftigtem Magen und gestärktem Geist – einer ruhigen Resignation ergeben. Er lebte im Reiche des Schreckens, an der Grenze des Todes, Folglich mußte er sich vorbereiten, um, wenn auch seine Stunde kommen würde, dem Martyrium muthig und würdevoll begegnen zu können.

Nachdem die Truppen in Eile gefrühstückt hatten, machten sie sich auf den Weg. Den Leichenhaufen ließen sie unberührt zurück, es den Einwohnern von Burjasot überlassend, sie zu beerdigen. Gegen Valencia hin, gingen einige Bataillone, die einen Angriff simulirten. Das hatte aber nur den Zweck, die Einwohner einzuschüchtern, denn für dieses Unternehmen waren Muth und Beweglichkeit allein nicht genug.

Nach dieser Demonstration vor den Mauern von Valencia setzte sich Cabrera mit seiner ganzen Truppe gegen die castilische Ebene in die Bewegung, ohne zu verrathen, wohin er wolle, noch welchen Plan er verfolge. Santapau wurde zum Kommandanten des dritten Regiments ernannt, und da er nun beritten war, nahm er Don Beltran während des ganzen Marsches an der Croupe mit sich. Wahrend dieses langen Weges befestigte sich die Freundschaft zwischen Beltran und Nelet immer mehr, da die Vertraulichkeiten des Letzteren das Herz des Greises eroberten. Da Nelet Beltran am ersten Tag schweigsam und mißtrauisch fand, sagte er ihm, der General hätte ihm gegenüber Beweise aufrichtiger Wertschätzung und Wohlwollens gegeben. Die Thatsachen bestätigen diese Behauptung, denn als die Nacht kalt und regnerisch hereinbrach, sandte Cabrera Don Beltran einen seiner Mäntel, damit der Greis sich zudecken könne. Seinerseits war Nelet bemüht, dem Alten bei der Tafel die besten Stücke und in den Kantonnements das beste Lager zuzuschanzen. Urdaneta war gleichzeitig von Dankbarkeit und von Unruhe erfüllt; denn er bildete sich ein, diese Aufmerksamkeiten wären nur ein Raffinement der Grausamkeit, und daß man ihn gut behandle wie die zum Tode Verurtheilten, denen man vor der Hinrichtung auch Alles zu Willen thut. Nelet versuche es, ihm die Furcht vor der Füsilade zu benehmen, und er sagte ihm, daß Cabrera wohl ganz andere Ursachen habe, ihn zu schonen. Der Greis konnte nicht begreifen, welche Ursachen das sein konnten, da er doch zu gar nichts nutze wäre, und so einigten sich die Beiden dahin, daß es für den edlen Gefangenen wohl am besten sei, die Ereignisse abzuwarten, anzunehmen, was man ihm gab, zu essen, so gut er nur konnte, und zu hoffen.

– Gut, sagte Urdaneta, ich werde also Alles essen, was man mir bringt, und auch die Garderobe des Generals benützen, wenn er fortfahren will, mir einige nützliche Stücke zu schicken. Aber mein Geist kann sich nicht erheitern, denn es ist mir unmöglich, die Erinnerung an die Metzelei von Buriasot zu verscheuchen. Im Stillen protestire ich gegen diese Ungeheuerlichkeiten, und ich bitte Gott, sie zu bestrafen.

– Die Affaire von Burjasot ist nichts Anderes, erwiderte Nelet mit seiner gewohnten Kaltblütigkeit, als eine weitere Stufe zu der Hinrichtungs-Pyramide, die zu errichten Don Ramon geschworen hat. Diese Pyramide ist noch nicht hoch genug, als daß man vor ihrer Spitze das Bild der heiligen Frau Maria Grina könnte erstrahlen lassen. Aber wir müssen marschiren. Vorwärts, lieber Herr. Wir gehen nach Nules, einen unserer stärksten Plätze. Ich versichere Ihnen, dort werden wir Zeit und auch Ursache haben, lange zu sprechen.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr wurde Cabrera in Nules mit Triumphbogen, Flaggen, Musik und Nationaltänzen empfangen. Die schönsten Mädchen der Stadt brachten ihm Glückwünsche und Blumensträuße; die Notabeln hatten Ruheplätze, reichbesetzte Tafeln vorbereitet und für den Nachmittag einen Stierkampf angesetzt. Don Beltran wurde in ein vornehmes Haus einlogirt und mit Nelet wie Könige behandelt. Den Kommandanten riefen der Dienst und auch private Angelegenheiten nach außen. Sie speisten luxuriös, und in dem Moment, als die Offiziere und der Stab sich nach dem Platze begaben, um dem Stiergefechte beizuwohnen, sagte Nelet zu Beltran, daß, nachdem sie die Menge nicht lieben und überdies viel mit einander zu sprechen hätten, es besser wäre, abseits zu promeniren, wo es weniger Menschen und weniger Lärm gebe. Da Urdaneta sich dieser Proposition anschloß, suchten sie die Einsamkeit, die nicht schwer zu finden war, da die ganze Bevölkerung sich nach dem Festplatze begeben hatte.

So gelangten sie zu einer Kirche.

– Sie dürften schon müde sein – sagte Nelet, und da diese Kirche uns durch ihre Einsamkeit und ihre Stille zu rufen scheint, hier auszuruhen und uns nach Gefallen zu unterhalten, wollen wir eintreten und hier können wir über Alles sprechen, was uns gutdünkt.

– Sagen Sie mir, Kamerad, murmelte der Greis, als Nelet ihn an der Hand faßte und ihn in die Kirche hineinzog, bin ich schon ganz erblindet oder ist es hier finsterer denn in einem Ofenrachen.

– Fürchten Sie nichts, ich sehe auch nichts. Wir kommen von der Straße, von der Sonne geblendet. Hier kann uns Niemand stören, noch hören. Ich will direkt auf mein Ziel losgehen und Ihnen sagen, daß ich der unglücklichste, der bemitleidenswürdigste Mensch der Welt bin. Sie werden mir vielleicht sagen, daß mein Unglück ein eingebildetes ist, worauf ich Ihnen antworten werde, daß, selbst wenn Ihre Hypothese richtig ist, die Leiden, die ich zu ertragen habe, nicht minder reell, schrecklich und unerträglich sind. Wenn ich Ihnen gestehe, daß ich das Los der Unglücklichen, die wir in Burjasot füsilirten, beneidete, habe ich Ihnen Alles gesagt.

– Diese Krankheit heißt Leidenschaft, und sie muß durch irgend einen schlechten Eindruck, durch irgend ein lebhaftes, aber unbefriedigtes Liebesgefühl hervorgerufen worden sein.

– Ah, Sie haben den Finger auf die Wunde gelegt. Und wie schmerzlich ist sie! Ich täusche mich nicht, als ich dachte, daß Sie – ein Mann, der viel gesehen, viel in der höchsten Gesellschaft gelebt – die Männer und Frauen und die sozialen Kräfte gut kennen, der Vertraute meiner Qualen sein können, und wer weiß, vielleicht auch der Arzt meines Uebels.

– Ich? Holla! Holla! Freund Nelet, entweder ich bin ein unwissendes Kind, oder die Ursache Ihres Unglücks, dieser Erschütterung ihres Geistes und auch Ihres Körpers ist die Liebe. Und in Parenthese gesagt, ich beginne den Altar zu unterscheiden. Sind nicht zwei alte Frauen dort?

– Nein, zwei Stühle.

– Ah, Freund Nelet, ich beginne zu unterscheiden, daß wir uns in der Kapelle eines Nonnenklosters befinden. Ich höre hinter mir etwas wie ein Murmeln, wie das Rauschen von Unterröcken, und ich fühle den Duft des Nonnenweihrauchs. Das ist ein ganz eigenartiger Kirchengeruch. Täusche ich mich?

– Nein, lieber Herr.

– Wir sind hinter dem Chor!

– Und hinter dem Gitter bemerke ich zwei weiße Gegenstände.

– Sehr gut, fahren wir fort. Also um Liebe handelt es sich. Und ich gebe zu, ja ich will zugeben, daß ich gegen die Angriffe dieser Krankheit als Arzt dienen kann, vermöge meiner alten Augen, die viel gesehen, und auch vermöge der mannigfachen Neigungen, die mein altes Herz bewegt haben. Also vorwärts! Kurz: wer ist sie?

– Ehe ich Ihnen sage, wer sie ist, lassen Sie mich Ihnen schildern, wer er ist, Manuel Santapau, geboren bei Gandera als Sohn reicher Landwirthe, die ihm aber keine sehr gute Erziehung gaben. Einziger Sohn, verstanden es seine Eltern nicht, ihm von Kindesbeinen an den rechten Weg zu weisen, und statt seinen eigenwilligen Charakter einzudämmen, ließen sie ihn sich frei entfalten. Man lachte über seine Spitzbübereien, und seine Fehler wurden eher gelobt als getadelt, und als sie mit der Zeit einen gefährlichen Charakter annahmen, gab es keine Autorität, die ihnen gewachsen gewesen wäre. Endlich als ich sechzehn Jahre alt geworden, empörte ich Gandera, wo wir wohnten, durch mein Betragen. Ich verließ das Haus meines Vaters, wo ich nur erschienen war, um meine leere Börse zu füllen, und gesellte mich anderen Kameraden zu, die wie ich Neigung zum Vagabundenleben hatten, und so zogen wir von Ort zu Ort, überall Unheil stiftend. Meine Studien, die sich nur auf ein wenig Lesen, Schreiben und Rechnen erstreckt hatten, ergänzte ich praktisch durch die Wissenschaft des Bösen.

– Unser Operationsgebiet war weit, und wir übten alle mögliche Arten böser Thaten; aber die schlimmste von allen, jene, in welcher ich mich am meisten auszeichnete, war, junge Mädchen mit täuschenden Vorspiegelungen zu verführen und sie dann im Elend zu verlassen.

– Obgleich es unpassend ist, wenn ich es sage, meine hübsche Erscheinung diente mir da auf die nützlichste Weise; ich konnte hübsche Frauen verführen, sie betrügen und zugrunde richten, ohne auch nur das geringste Mitleid zu fühlen.

– Ich hatte vom Teufel physische Vorzüge, sanfte und betrügerische Formen, die leicht Liebe einflößen konnten. So begabt, wurde ich von Tag zu Tag ein gefährlicherer Feind des weiblichen Geschlechts, ich schonte weder Mädchen noch Frauen und fand Vergnügen an der Schlechtigkeit an sich, so daß es mir ganz gleichgiltig war, ob meine Opfer häßlich, groß ober klein waren.

– Pardon, Nelet, sagte Don Beltran, der seinen Wunsch, den Erzähler zu unterbrechen, nicht länger zurückhalten konnte; pardon, aber der Typus des Don Juan, der seit dem Beginn der Welt existirt, den man in allen Epochen sah, findet heute in einer Gesellschaft, die wie die unsere organisirt ist, nur wenig Terrain für seinen Wagemuth, Das sage ich Ihnen, der ich viel gesehen habe. Ich erlaube mir, eine einfache Frage an Sie zu richten: Wie konnten Sie so lange Ihre Verführungskünste treiben, ohne in die Hände der Gerechtigkeit zu fallen, die Sie ins Gefängniß gesteckt hätte, oder in die Hände eines Vaters, der Sie erschlagen, oder in die Hände eines Gatten, die Sie erwürgt hätten?

– Aber, das ist mir ja passirt, und ich habe meine Züchtigung davongetragen. Ein Gatte aus Tortosa überraschte mich, er spaltete mir den Kopf mit einem Eisenhacken, dann schleifte er mich bis zu einem Berieselungskanal, in welchen er mich hineinwarf, und wo ich rettungslos ertrunken wäre, würde darin mehr Wasser gewesen sein.

– Und das war das Ende. Gestehen Sie nur lieber Nelet, daß es schon an der Zeit war ...

– Gewiß war es an der Zeit! Ich hatte es nur zu sehr verdient. Wenig hat gefehlt, und ich könnte es jetzt nicht erzählen. Ein Sakristan aus einer benachbarten Kapelle hat mich aufgelesen und seiner Mildthätigkeit und der Fürsorge seiner Frau verdanke ich mein Leben. Sie versteckten mich ich weiß gar nicht wie lange Zeit in einer Kirchengruft, in welcher sich eine Menge alter Statuen befanden. Eine dieser Statuen, die gewiß jene des heiligen Anton von Padua war, erhob sich einmal Nachts, näherte sich mir und sprach:

– Nelet!

Ich sah sie und verstand das Wort, wie ich Sie sehe und verstehe, Don Beltran. Er sagte mir, daß Gott gegen mich meiner großen Sünden wegen Zorn hege, und daß er, um mich dafür zu strafen, daß ich durch heuchlerische Vorspiegelung lügnerischer Neigungen so viele arme Geschöpfe ins Unglück stürzte, mir eine echte und heftige Liebe zu einer Person, die mich niemals lieben werde, ins Herz legen wird, und daß diese niemals befriedigte Leidenschaft, dieses niemals gelöschte Feuer mir alle Qualen verursachen werden, welche die Frauen, die ich betrog, meinetwegen ertragen mußten.

– Sie träumten. Aber dieser Traum enthielt eine Lehre von seltener Gerechtigkeit und Vergeltung.

– Traum oder Wirklichkeit, es war ein Fingerzeig des Himmels, wie mir ein Mönch, dem ich am nächsten Tage beichtete, erklärte. Denn ich bereute: ich sah mein Gewissen in seiner ganzen Schwärze, und ich wollte es reinigen. Einige Monate später war es derselbe Mönch, der das Kloster verlassen hatte, und mein geistiges und körperliches Wohl wünschte, der mir den Rath gab, in die carlistische Armee einzutreten und für die heiligen Rechte des Thrones und des Altars zu kämpfen. Das that ich am Ende des Jahres 1835 ... Ich stellte mich Cabrera vor, der mich freundlich empfing. Dank meiner Tapferkeit im Kampfe und meiner Ordnungsliebe im Dienste avancirte ich sehr rasch. Ich war schon Souslieutenant und befand mich in Balderobles, als die liberalen Ungeheuer die Mutter Cabrera's tödteten. Wir hatten vier Damen unter unseren Gefangenen. Don Ramon behandelte sie mit viel Rücksicht, er lud sie an seinen Tisch und einer von ihnen machte er sogar den Hof. Ja, es verlautete sogar, er würde sie bald heirathen. Als er aber den Tod seiner Mutter vernahm, da schwur er, es müsse so viel unschuldiges Blut fließen, um alle Thäler zu überfluthen, alle großen und kleinen Flüsse roth zu färben. Ich hatte die böse Aufgabe, diese vier Frauen zu füsiliren. Die Eine gefiel mir, und unter der Form eines Scherzes richtete ich einige galante Worte an sie, wie ich es früher gewohnt war. Nachdem sie gebeichtet hatten, fielen sie auf die Knie und baten mich schluchzend, sie nicht zu tödten. Aber was thun? Die Disziplin war stärker als mein Gewissen. Sie starben. Ich aber verfiel in Fieberzuckungen, der Teufel schleppte mich an den Haaren auf einen Berg hinauf ...

Don Beltran hatte der Erzählung Nelet's bis hierher zugehört, ohne ihn zu unterbrechen; er halte leicht verstanden, daß sein Freund, sei es in Folge von Wunden oder der großen Strapazen, häufig Fieberanfällen ausgesetzt war, und daß er für Wirklichkeit nahm, was das Delirium ihm suggerirte. Er nahm sich vor, sobald Nelet zu Ende war, ihm die gesunde Auslegung der Dinge beizubringen, doch als er gar den Teufel in Person in der Erzählung seines Freundes erscheinen sah, konnte er sich nicht enthalten, auszurufen:

– Halt, lieber Freund, das ist unmöglich.

– Weil Sie daran nicht glauben. Ich aber glaube und halte aufrecht, was ich sagte. So gewiß, wie wir hier sind, sah ich mich auf der Höhe eines Gebirges von Teufeln umringt, welche die Schatten der Frauen, die ich ins Unglück gestürzt, an mir vorüberziehen ließen, und als mich der erste Teufel zurückbrachte, rief ich den Mönch, der mich tröstete und Gebete lehrte, welche den bösen Feind in die Flucht jagten.

– Und Sie glauben das Alles, armer Nelet?

– Ob ich es glaube, schrie der Chef der Insurgenten mit einer so tiefen Ueberzeugung, daß Don Beltran es für den Moment unnütz fand, ihn bekehren zu wollen; ja, ich glaube es, und wollte Gott, daß ich meiner Seligkeit ebenso gewiß wäre.

– Fahren Sie fort und trachten Sie zur Hauptsache zu gelangen. Wer ist sie?

– Ich bin schon daran. Ich wurde hergestellt und im August kämpfte ich in Calaceite gegen Nogueras. Ich weiß nicht, wie es kam, aber mitten in der Nacht befand ich mich vor einer Höhle, wo ich eine wundervolle Musik hörte, die mit nichts in der Welt zu vergleichen ist. Ein sanftes Blau drang aus der Grotte und inmitten dieses Lichtes sah ich eine Frau! ... Ich kann Ihnen weder von dem Effekt dieses Lichtes, noch von der Schönheit dieser Frau eine Idee geben. Ich weiß nicht, was von den Beiden mich mehr blendete.

– War sie blond?

– Nein, braun, schwarze Augen, bis auf die Schultern herabwallende kurze Haare, von einer unendlichen Anmuth, den Blick gegen den Himmel gerichtet wie eine Heilige, die betet. Die Füße nackt, den Körper in ein Büßergewand gehüllt ... Von grünlicher Farbe und mit einem Strick umgürtet! Marcela!

– Ich dachte mir wohl, sagte sich Don Beltran, daß alle diese teuflischen Kräfte hieherführen werden.

Dann nahm er das Gespräch wieder auf:

– Marcela! Sehr gut! Hat sie Sie angesprochen? Was sagte sie Ihnen?

– Nein, wir sprachen nicht miteinander. Ich blieb wie in Ekstase und fühlte kaum das Blut in meinen Adern, willenlos hatte ich nur das Gefühl, daß all mein Leben nach dem Herzen dränge, in welches eine wilde, verzehrende Liebe einzog, die daraus niemals weichen wird.

– Aber hier ergibt sich eine ernste Einwendung. Denken Sie doch an das Datum, Nelet, ehe Sie sich durch Ihre Legenden fortreißen lassen. Sie sagten, diese wunderbare Erscheinung wäre im August erfolgt; aber nach meiner Rechnung hatte Marcela Sijena im August noch nicht verlassen, und so konnte sie Ihnen auch nicht im Bußgewande erschienen sein.

– Aber das ist ja eben das Wunderbare, Uebernatürliche ... was die Ungläubigen verwirrt. Ich sah Marcela, ehe sie noch das Leben und das Kleid einer Büßerin annahm. Und gerade dieses Vorauseilen der Dinge gibt mir den Beweis der göttlichen Intervention, der furchtbaren Züchtigung, die mir auferlegt wird, und die mich zu einem unheilbaren Durst, zu einer ewig ungetheilten Neigung verdammt.

– Gut, also resumiren wir. Und wo sahen Sie Marcela, in Wirklichkeit; in ihrer eigenen Wirklichkeit?

– In Ginebrosa, und ich war gar nicht überrascht, als ich sie sah, denn ich kannte sie ja schon durch die Erscheinung, von der ich Ihnen erzählte.

– Sprachen Sie mit ihr?

– Ich sprach ihr von Liebe und sie antwortete mir mit Verachtung, indem sie sich entfernte. Zum zweiten Male begegnete Ich ihr in dem Orte Unsere Frau von Pajo. Ich sprach sie mit liebenswürdiger und diskreter Galanterie an, die vom Herzen kam, und sie theilte mir mit, daß sie für mich nur Verachtung und Ekel empfindet. Damals befehligte ich eine Bande, und die Verzweiflung gab mir den Gedanken ein, sie erschießen zu lassen, damit mit ihrem Leben auch meine Qualen enden. Allein es gebrach mir an Muth. Ich ließ sie mit den Worten frei: »Gehe, Tochter der Hölle, wohin Du willst, aber komme mir nicht mehr in den Weg, denn, wenn ich Dir nochmals begegne, werde ich Dich ohne Aufschub füsiliren lassen.«

– Es schien mir, daß, wenn ich sie opferte, ich mich auch von meinen Qualen befreien würde, und daß ich dann fortfahren könnte, sie zu lieben, bis auch mich mein Ende ereilt. Ich hätte es nicht als Grausamkeit empfunden, sie tödten zu lassen, ich erblickte darin nur eine Art, ihr meine Liebe zu zeigen.

– Und die dritte Begegnung?

– Sie waren ihr Zeuge.

– Ah, in dem verdammten Cordonera; ich zittere noch immer, wenn ich daran denke. Ich weiß, was sich dann noch ereignete, und die letzte Nachricht, die mir zukam, besagt, Cabrera hätte Marcela in ein Nonnenkloster sperren lassen, da er die wandernden Nonnen nicht leiden mag.

– Das ist wahr, und das Kloster, in welchem sie sich befindet, ist dieses hier.

– Dieses! Ah! Ah! Mein kostbarer Schelm! sagte Don Beltran, indem er sich erhob und einige Schritte nach dem Chor machte.

– Geben Sie Acht, Herr, es schickt sich nicht, daß wir uns hier die Aufmerksamkeit zuziehen.

– Ah jetzt hab' ich's. Jetzt weiß ich, mein lieber Ritter Nelet, wohin Ihre Beziehungen zu den Dämonen abzielen, sagte der Alte leise, indem er seinen Platz wieder einnahm.

– Sie sind daran, irgend ein großes Abenteuer à la Don Juan vorzubereiten: Klosterschändung, Entführung einer dem Herrn geweihten Jungfrau. Aber verstehen wir uns recht: haben Sie die Absicht, sie zum eigenen Vergnügen zu entführen, aus Eitelkeit eine Nonne zu entführen, oder weil sie es war, die Sie fragte: »Nelet, um wie viel Uhr erfolgt die Entführung?

– Sie fragte mich das nicht, allein ich weiß, wie sehr sie die Freiheit liebt. Ich konnte mich versichern, wie schwer es ihr fällt, wieder und zu schwereren Bedingungen als in Sijena eingeschlossen zu sein. Ich vermuthe, sie ist in einer Verfassung, wo sie mir Dank wissen wird, wenn ich den Versuch wage, sie zu befreien. Vor einigen Tagen sandte ich einen der geschicktesten Agenten nach Nules, dem es gelang, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, und der ihr sagte, ich sei bereit, mich auf dem Weg zu machen, um die Pforten ihres Gefängnisses zu öffnen. Sie erwiderte, daß dies keine Sünde sei, sondern den Verfügungen des Tridentiner Konzils vollauf entspreche. Der Kaplan des dritten Regiments, der sehr gelehrt ist, lieh mir einige Werke über die Gründung und die Geschichte des Klosters von Sijena, deren Lektüre mein Gewissen beruhigte, und so traf ich alle Maßnahmen.

– Das ist Alles, sagte Don Beltran belustigt, sehr reizend, poetisch und dramatisch. Das sind Liebesabenteuer, welche die Seele nähren; das sind Emotionen, welche es bewirken, daß die Welt mehr ist als ein Bagno, aber sagen Sie mir ...

– Für den Augenblick, mein illustrer Freund, kann ich Ihnen nicht mehr sagen, denn wir müssen uns trennen. In dieser Stunde erwartet mich die Schließerin, die mir wörtlich oder schriftlich mittheilen wird, ob die heutige Nacht unserem Unternehmen günstig ist, oder ob wir bis morgen warten müssen. Warten Sie hier, Sie werden nur so lange allein bleiben, bis ich die Informationen erhalten habe.

Während er allein war, dachte Urdaneta an das sonderbare Abenteuer, in welches er sich hineingemengt sah und das die These des Lieutenants Estercuel ganz eigenartig bestätigte. Der Krieg, das Land, die Rasse, Alles erinnerte an das Mittelalter. Das Leben nahm poetische Formen, lachende Farben an, die sich dem düsteren Roth des maßlos vergossenen Blutes mischten. Ueberdies schien das Land die natürliche Bühne dieses überquellenden Lebens zu sein. Die dünne Schicht moderner Civilisation vermischte sich wie eine schlecht applizirte Farbenlage, und sie ließ die feudalen Kämpfe, den mystischen Eifer, den Aberglauben, schreckliche Grausamkeiten, die hervorragendsten Tugenden, den Heroismus, die Poesie und die Intervention von Engeln und Teufeln erscheinen, die nach Herzenslust durch diese seltsame Welt promenirten.

Nelet kam freudestrahlend zurück, und seinen Freund am Arm fassend, führte er ihn hinaus, während ein Chorknabe sich anschickte, die Pforte der Kirche zu schließen.

– Also heute Nacht? fragte der Greis.

– Ich habe ihren Brief noch nicht gelesen, erwiderte Nelet, vor Freude und Befriedigung zitternd.

– Ah, sie schrieb Ihnen?

– Mehr noch, sie schickt mir Verse! Gehen wir rasch, denn nach dem Lärm, den ich höre, und nach der Menge, die hierhereilt, zu urtheilen, scheint der Stierkampf schon zu Ende sein. Wir sprechen noch am Abend, wenn ich den Brief gelesen habe. Denn das Wichtigste ist noch zurück ... Ich habe Ihnen mein Unglück und meine Wünsche nicht blos darum erzählt, um sprechen zu können. Ich erblickte in Don Beltran de Urdaneta, in dem vornehmen Edelmann, der in Frauendingen viel gesehen und viel erfahren, den einzigen Mann der Welt, in den ich Vertrauen setzen konnte, den Einzigen, der mich zu meinem Ziele führen kann, das ich wie mein Heil ersehne. Nämlich, daß Marcela mich liebe, und daß ich, über ihre Verachtung triumphirend, die Prophezeiung des heiligen Anton von Padua zunichte machen können.

– Es wird mir ein großes Vergnügen sein, antwortete der Edelmann, indem er stehen blieb, um besser verstanden zu werden, Ihnen in dieser ernsten Sache rathen zu können. Das Frauenherz hat für mich keine Geheimnisse. Es ist eine schmerzliche Wissenschaft, lieber Freund, deren Doktorat man nur um den Preis von Leiden und Bitterkeiten erringt. Sie werden in mir einen uneigennützigen Berather haben. Aber lassen wir alle teuflischen Beziehungen aus dem Spiel. Im Laufe meines langen Lebens habe ich diese Herren nie gesehen, noch ihre Wirkung verspürt. Lassen wir die göttlichen Mächte aus dem Spiel. Ich werde Ihnen darlegen, was mir am geeignetsten dünkt, um Ihnen das Herz und das Wohlwollen dieses Fräuleins zu erringen. Und da haben Sie kein kleines Thierchen zu zähmen! Heilig und wild! Philosophisch und männlich! Aber schließlich werden wir ja sehen! ...

Sie erreichten die Mitte der großen Straße, wo es ihnen unmöglich war, über ihre Angelegenheiten zu sprechen, denn Nelet sah sich bald von Freunden und Kameraden umgeben. Alle, und Don Beltran als Erster, dachten daran, sich ein Mittagessen zu verschaffen, was inmitten dieser carlistischen Bevölkerung gar nicht schwierig war. Das Erdgeschoß des Rathhauses ward zu einem Speisesaal umgestaltet, wo sich die Offiziere, Kapläne und die Notabeln der Stadt versammelten, während im ersten Stockwerk dem General und seinem Stab königliche Ehren erwiesen wurden. Die Begleiter Nelet's installirten sich in einem kleinen Saale am Fuße der Treppe, wo man ihnen ein prächtiges Diner servirte, und obwohl sie eng aneinander rücken mußten, sorgten sie dafür, daß auch der edle Gefangene einen Platz erhielt. Dieser hatte kaum den ersten Löffel Suppe verzehrt, als ein Adjutant des Generals mit dem Befehle kam:

– Der Herr von Urdaneta möchte gütigst hinaufkommen, der General bittet ihn zum Diner.

– Mich? Aber sind Sie dessen gewiß?

– Bitte, beeilen Sie sich, man wartet Ihretwegen!

Der Eintritt Don Beltran's in den Festsaal, wo alle Gäste ihre Plätze bereits eingenommen hatten, die anmuthige und höfliche Art, wie er sich dem General näherte, ihn begrüßte und für die ihm erwiesene Ehre dankte, machte auf alle Anwesenden einen ausgezeichneten Eindruck; Jeder erkannte in seinem Benehmen, in seiner Sprache den Aristokraten von Geburt, der in der Kunst des sozialen Verkehrs den Meisterrang behauptete. Mit seltenen Ausnahmen waren die Carlistenchefs, die an der Tafel des Generals saßen, arme Teufel, die durch ihre militärischen Qualitäten weit über ihre Erziehung erhoben wurden.

Schlecht gekleidet und zerlumpt, ragte Don Beltran doch weit über seine Umgebung hinaus, und die Art, wie man ihn betrachtete, bewies, daß die Anwesenden ihrer eigenen Inferiorität bewußt waren. Einer der Notabeln von Rules, der weniger informirt war als die Uebrigen, erlaubte sich zu dem alten Aristokraten zu sagen:

– Nun, alter Vater, Sie müssen hübsch stolz sein; eine gleiche Ehre wie die heutige, ist Ihnen wohl in Ihrem ganzen Leben nicht widerfahren! Mit unserem berühmten General speisen!

– Das ist eine sehr große Ehre, und ich bin sehr dankbar dafür; aber es ist mir nichts Neues. Ich habe mit Napoleon gespeist.

Die Thatsache, daß der Marquis mit diesem berühmten Manne gespeist, rief erst eine Art von Verblüffung hervor, die sich bald zur Bewunderung steigerte. Ein Murmeln wurde von einem Ende der Tafel bis zum anderen hörbar. Cabrera, der nicht so leicht in Verlegenheit kam, befahl dem Adjutanten zu seiner Linken, den Platz dem aragonesischen Edelmann zu überlassen, und sagte dann:

– Mit Napoleon! Sie waren also sein Freund? Setzen Sie sich hierher und erzählen Sie.

Don Beltran nahm zur Linken des Generals Platz, und dem Wunsche des Letzteren entsprechend fuhr er fort:

– Ich hätte nicht Napoleon sagen sollen, sondern Bonaparte, denn es war vor dem italienischen Feldzug. Er war damals nicht älter als Sie jetzt sind, er war mager und hatte lange Haare.

– Ja, ja, sagte Cabrera mit einer Art kindischer Freude, ich besitze sein Porträt in einer illustrirten Biographie, die ich hundertmal gelesen habe. Denn niemals gab es auf der Welt einen Menschen, den ich mehr bewundern könnte.

Don Beltran erzählte Szenen und Einzelheiten, die sich auf die Jahre 1795, 1796 und IV, V der Republik bezogen, und er fügte eine Menge witziger Anekdoten hinzu, die noch lehrreicher als die Geschichte waren. Cabrera hörte ihm mit solchem Vergnügen zu, daß er an das Speisen vergaß, um nur ja nicht einen Gedanken, ein Wort der Schilderung zu verlieren. Und nach jeder Anekdote sagte sich der Greis, der sich so gefeiert sah und dabei ruhig aß: Alle diese Höflichkeit verwundert mich nicht, denn von einem Menschen wie dieser ist kaum Mitleid zu erwarten. Wenn der Zorn ihm in den Nüstern steckt, hat der Leopard keine Freunde mehr, da denkt er weder an frühere Aufmerksamkeiten noch an Zärtlichkeiten. Ich kann nicht vergessen, was Nelet mir sagte. Er ließ die vier Damen, die er gefangen hielt, an seiner Tafel sitzen und er überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten. Der Einen gestattete er auszureiten und er ließ selbst eine Stute für ihren Gebrauch dressiren. Der Anderen machte er mit einer Beständigkeit den Hof, daß man schon von seiner Hochzeit sprach. Und alles das verhinderte ihn nicht, sie alle Vier erschießen zu lassen, als er den Tod seiner Mutter erfuhr. Und man kann nicht einmal von einer Uebereilung sprechen, denn die Ermordung seiner Mutter erfuhr er am 20. und die Hinrichtung fand, wenn ich nicht irre, am 27. statt. Nein, mein Leopard, ich vertraue Deinen Komplimenten nicht, und obgleich Du mir eine sanfte Pfote mit eingezogenen Klauen auf die Schultern legst, ich weiß, daß sie scharf sind, und daß sie eines schönen Tages, da der arme Beltran ganz ahnungslos ist ... Bum!! Auf die andere Welt!

– Warum seufzen Sie? fragte Cabrera. Sind Sie mit der Art, wie wir Sie behandeln, unzufrieden?

– O, mein General. Ich bin zufrieden und Ihnen sehr dankbar. Ich begegne in Ihrer Armee Sympathien, und ich kann hier sehr angenehme Freundschaften knüpfen. Aber Sie wissen, es ist schwer, sich über den Verlust der Freiheit zu trösten.

– Es ist sehr zu bedauern, sagte Cabrera gegen Ende des Diners, daß die Kriegsgesetze, denen ich mich nicht entziehen kann – ich kann es wirklich nicht – mich zwingen, Sie in guter Hut in meiner Armee zu halten, damit Ihr Leben mir Sicherheit biete für das eines Aristokraten, den Iriarte in seiner Gewalt hat. Aber Sie können mich von dieser Unannehmlichkeit befreien und gleichzeitig auch aus dieser peinlichen Lage gerathen, Ja, denn ich anerkenne, daß es peinlich sei, in dem Gedanken zu leben, daß man von einem Augenblick zum anderen füsiliren werde. Ich wiederhole es, Sie könnten ...

– Ah, Du kommst schon, dachte der Greis, ehe er den General nach dem Heilmittel fragte, das ihn aus seiner Besorgniß befreien konnte.

– Aber warum sollte Don Beltran de Urdaneta, der zum vornehmsten Adel Aragoniens zählt, nicht einwilligen, den einzig legitimen König Spaniens anzuerkennen? Unterfertigen Sie eine Erklärung in diesem Sinne, und ich werde sie sofort meinem König mittheilen.

– Herr General, antwortete der alte Edelmann, nachdem er sich geräuspert hatte, um seine Stimme zu reinigen, ich schätze Ihre vortreffliche Absicht, mit welcher Sie mich bestimmen wollten, die Rechte des Infanten anzuerkennen, ihrem vollen Werth nach, und ich wage zu hoffen, daß auch Sie die Loyalität würdigen werden, die mich zwingt, jedes Kompromiß mit der carlistischen Sache abzulehnen. Nach gewissenhafter und tiefgehender Prüfung der Frage glaube ich, daß das Erbfolgerecht der Tochter Ferdinand's VII. zusteht, und da ich feierlich als Grand des Königreiches dieser Auffassung beigetreten bin, wäre es nicht ehrenhaft, wollte ich heute eine gleiche Erklärung zu Gunsten des erhabenen Prinzen abgeben, den ich als den Onkel meiner Königin verehre. Ein illustrer Soldat wie Sie wird es leicht begreifen, daß in der Klasse und in der Familie, welcher ich angehöre, die Religion der Ehre und der Tradition nicht geringere Verpflichtungen auferlegt, als jene der anderen Religion mit ihren geheiligten Dogmen. Nicht um alle Güter der Erde, nicht um mein Leben zu retten, welches der Güter höchstes ist, würde ich durch solchen Verrath den Namen beschmutzen, welchen ich trage. Und das sage ich mit aller Mäßigung, deren ich fähig bin, mit allem Respekt, den ich Ihnen zolle, und ich füge hinzu, daß obgleich ich Anhänger Isabella's bin, obgleich ich überzeugt bin von der Gesetzlichkeit ihrer Rechte, habe ich an dem gegenwärtigen Handel weder mit Waffen noch mit Thaten teilgenommen. Ich bin ein friedlicher Mann und unterwerfe mich den Landesgesetzen, woher sie auch stammen mögen. Ich war niemals Soldat und habe mich niemals um Politik gescheert. Ich anerkenne die Ueberzeugung und die Loyalität, mit welcher Sie das Banner des Infanten tragen; aber ich werde ihm niemals folgen.

Der Champion des Absolutismus hörte mit Aufmerksamkeit und nicht ohne Vergnügen dieser in etwas pathetischem Tone vorgetragenen Erklärung zu, und er würdigte die Motive, welche Don Beltran anführte.

– Das genügt, sprechen wir nicht mehr darüber. Ich bedaure es um Ihretwillen und auch um unserer Sache willen, denn man sage, was man wolle, sie wird von dem Hochadel nicht sonderlich unterstützt. Sie werden aber schon kommen, o, sie werden Alle kommen! Die Herren Granden! Aber sie werden zu spät kommen, denn wir werden ihnen den letzten Rang geben, denn wir ... will heißen, unser König wird bis dahin eine neue Aristokratie geschaffen haben, die er aus den Reihen seiner loyalen Diener wählen wird. Was that Napoleon, als er sich ohne Erbaristokratie sah? Nun: er fabrizirte eine. Seine Generale wurden Herzoge, Prinzen und selbst Könige. Wir sind in der Lage, eine Gesellschaft, ein neues Volk, eine brillante Armee und eine Aristokratie zu schaffen. Und Ihr Anhänger Isabella's, Ihr werdet Ziegen hüten oder die Scholle bebauen. Ja, mein Herr, wenn es von mir abhinge, dann würde es so werden. Allen Marquisen und allen Erzaristokraten, die Karl V. nicht anerkennen wollten, möchte ich die Haue in die Hand geben und sie die kommunalen Aecker bebauen lassen.

Damit ward die Diskussion und auch das Mahl beendet. Don Beltran zog sich zurück, in dem er den »Leopard« trotzdem seiner Werthschätzung und seiner Dankbarkeit versicherte, und er suchte Santapan auf, der ihn bereits ungeduldig erwartete. Nelet gestattete Beltran nicht, über seine persönlichen Angelegenheiten zu sprechen, sondern er zog ihn weg von den Lärm, welchen einige Spieler verursachten, in einen Winkel, wo er ihn von seiner Liebesangelegenheit unterhielt.

– Es kann erst morgen Nachts sein, bemerkte der Offizier. Es ist eine Schwierigkeit eingetreten, die ich noch heute aus dem Weg räumen will. Man sagt, der General beabsichtige, morgen nach Livia aufzubrechen. Ich kenne seine Pläne nicht. Llangostera bleibt hier, um dann nach San Mateo zu gehen, und ich bat, daß man mich seiner Division zutheilen möge, da ich mich nach meiner Heimath sehne, um mich dort mit Kleidern zu versehen und auf meinen Besitz einen Blick zu werfen.

– Und in diesem Falle müßten wir uns leider trennen ...

– Ich glaube nicht. Ich sprach mit Llangostera, der mein Freund und Landsmann ist, und ich glaube, ich werde bei ihm durchsetzen können, daß Sie mit uns bleiben. Für den General werden mir schon eine Ursache finden. Llangostera hat die Pflicht, Sie zu füsiliren, wenn der Feind den Bruder des Grafen Cati tödten sollte, denn diese Persönlichkeit gehörte zu seiner Division, als man sie gefangen nahm. Die Sache gebührt ihm ...

– Gewiß. Ich hätte gar nicht geglaubt, daß die Carlisten so sehr auf Etikette halten!

– Natürlich, und man beobachtet sie mit aller Strenge. Kurz und gut, Sie werden bei uns bleiben.

– Ich bin sehr froh, und was die Füsilade betrifft, ist es wirklich gleichgiltig, ob nun Peter oder Paul es ist, der mich hinüberschickt. Es würde mich aber freuen, wenn Sie Feuer kommandiren würden, denn ich zweifle nicht, daß Sie den Befehl geben werden, nach meinem Herzen zu zielen, damit mein Tod sofort eintrete und ich es nicht nothwendig habe mich wie ein halberwürgter Ochse zu quälen ... Nun können mir über unsere Ungelegenheit weitersprechen.

– Sagen Sie mir aufrichtig, wie Ihre weltlichen Erfahrungen es Ihnen eingeben, ob ich, wenn ich Marcela einmal in Freiheit gesetzt habe, sie verfolgen und brüsk entführen soll, oder glauben Sie, daß ein langsamer Eroberungsfeldzug besser wäre?

– Ja, mein Lieber. Der brüske Angriff ist nicht rathsam, wenn die Festung nicht vorher belagert war und nicht den Wunsch gezeigt hat, sich zu ergeben. Im Gegentheil, geschickter ist, eine Art von Verachtung zu zeigen oder die Absicht, an eine galante Belagerung schreiten zu wollen; sie mit Aufmerksamkeiten zu überhäufen, ohne eine allzu lebhafte verliebte Aengstlichkeit zu verrathen. Verstehen Sie mich recht: eine Frau, die für Ideale lebt, muh durch Ideale bezwungen werden.

– O, wie genial Sie sind! sagte Nelet, ihn voll Freude umarmend. Wie Sie das menschliche Herz kennen! Es ist ein großes Glück für mich, einen solchen Freund gefunden zu haben.

– Und auch für mich. Wenn Du es haben willst, daß ich mit der Ungenirtheit spreche, welche die Beziehungen zwischen Schüler und Lehrer erleichtert, erlaube mir, Dich zu duzen. Also: da sie zum Spiritualismus neigt, mußt Du die mystische Phraseologie der Andachtsbücher studiren. Keine Heftigkeit, nur Vergleiche und Parabeln. Wenn ich recht verstanden habe, was Du mir sagtest, handelt es sich heute nicht um eine gewöhnliche Verführung, sondern um die Eroberung der Seele, um Liebe.

– Ja, Liebe, eine große, eine verzehrende Liebe wie die meinige, erwiderte Nelet mit theatralischem Pathos.

Von Mitgefühl und einem väterlichen Interesse bewegt, aber auch von dem Wunsche geleitet, Marcela die brutalen Angriffe des exaltirten Verliebten zu ersparen, wollte Urdaneta seinen Freund auf den weniger rohen und weniger gefährlichen Weg lenken. Er sagte ihm, daß er in seinen zahlreichen Erinnerungen und Liebesaffairen, die sein Gedächtniß bevölkerten, nach jenen suchen wolle, welche am reinsten und ehrenhaftesten erstrahlen. Weit entfernt davon, die reizende Marcela jäh zu überraschen, müßte er im Gegentheil vorgehen wie ein Mann, der von der reinsten Liebe durchdrungen ist. Es wäre gut, mit der Strategie der Verachtung zu beginnen, mit simulirter Kälte oder Gleichgiltigkeit, die häufig mehr Erfolg haben als das Uebermaß an Leidenschaft; dann müßte er mit ihr in der Ergebenheit für diesen oder jenen Heiligen, für dieses oder jenes Mysterium wetteifern. Und würde das nicht zum Ziele führen, dann müßte eine zarte und respektvolle Galanterie, die bereit ist, sich der geliebten Person zu opfern, Herkulesarbeiten zu vollführen für einen sanften Blick, für eine leichte Zärtlichkeit, für die geringste Gunst zur Anwendung kommen. Es wäre auch nicht schlecht, sich als hoffnungsloser Ritter zu zeigen, ohne jede Ambition der Sinne, dessen Beständigkeit die Prüfungen der Verachtung besteht, der von einer reinen Bewunderung erfüllt ist, in welcher die Seele wie jene Stoffe, die dem Feuer widerstehen, niemals sich verzehrt.

Nach dieser ersten Einleitung mußte die Nonne von ihrem zügellosen Mystizismus geheilt, aus dem endlosen Traum einer unmöglichen Vollkommenheit ins wirkliche Leben geführt werden, damit er ihr eine von Gott gesegnete Heirath vorschlagen könne, die ehrenhafte Vereinigung zweier Körper und zweier Seelen fürs ganze Leben. Was sowohl mit den Klosterregeln von Sijena als auch mit dem Dispens, der im gegebenen Falle leicht zu erhalten wäre, vereinbar ist.

– Das, mein lieber Nelet, ist der Weg, dessen Befolgung Dir ein Mann rathen kann, der reich ist an Jahren und Erfahrungen. Ich glaube, wenn Du ihn entschlossen betrittst, wird Gott Dir helfen und Dich von der Züchtigung befreien, welche Du durch Deine Sünden und Dein wüstes Leben verdient hast. Ja, mein liebes Kind, da Du Marcela liebst, und da sie durch unwiderrufliche Gelübde nicht gebunden ist, da Du alle kirchlichen Ermächtigungen leicht erhalten kannst, liebe sie, mache sie zu der Deinigen, aber auf ehrenhafte Weise. Gründe mit ihr eine Familie: erziehe Deine Kinder in der Liebe zur Tugend und in Gottesfurcht.

Diese beredte Ermahnung erweckte in dem jungen Mann einen solchen Enthusiasmus, daß ihm die Thränen in die Augen schossen, daß er heftige Anstrengungen machen mußte, um seine Bewegung zu verbergen und sie vor der Menge, die den Saal erfüllte, nicht lärmend ausbrechen zu lassen.

– Mein Gott! rief Nelet nach einer Weile aus; sie heirathen! Marcela, mein Weib! Und uns eine friedliche, arbeitsame und angenehme Existenz schaffen! Und Kinder haben! Viele Kinder! Wissen Sie, Don Beltran, ich bin nicht ohne Vermögen. Ich besitze noch den größeren Theil meines Erbes und unter Anderem ein Gut bei Cambrils, das ein wahres Wunder ist.

– Du bist reich und sie ist noch reicher, die Heirath ist angemessen, sagte Beltran mit einem Ernst, welcher auf Nelet den Eindruck einer Entscheidung des Tridentiner Konzils machte. Du mußt wissen, daß Juan Luco, der Vater dieses außergewöhnlichen Weibes, große Kapitalien besaß, die, wie ich weiß, an verschiedenen Orten in die Erde vergraben wurden.

– Ich hörte davon sprechen, aber ich glaubte nicht daran.

– Du Thor! Wie! Du glaubst an Dämonen und zweifelst an den natürlichsten und gewöhnlichsten Dingen! Im Einverständnisse mit ihrem Bruder, der auch den Wunsch hegt, sich kanonisiren zu lassen, beschloß Marcela, dieses ganze Baarvermögen einer religiösen Gründung zu widmen. Welche Dummheit! Als hätten wir nicht genug Klöster in Spanien, mehr als zuviel! Und noch dazu: welchen Augenblick wählte sie, um Behausungen für Mönche und Nonnen erbauen zu lassen? Gerade den Augenblick, da Mendizabel mit einem Federzug alle Mönchsorden aus der Welt schaffte. Aber wir müssen vernünftig sein, und um unsere kleine Nonne nicht zu ärgern, werden wir ihr erlauben, einen Theil ihres Schatzes ihrem heiligen Ziele zu widmen, der andere Theil aber muß bewahrt werden, um Ehrenschulden zu tilgen, welche Juan Luco hinterließ. Wie denkst Du darüber?

– Um aufrichtig zu sein, Don Beltran, ich liebe Marcela so sehr, daß sie meine Seele und mein ganzes Wesen beherrscht, und meine Leidenschaft wird durch keinerlei egoistisches Interesse verwirrt. Mir ist es lieber, wenn sie arm, ohne anderen Besitz als ihr Bußgewand zu mir kommt, das die Schönheit ihres Körpers verhüllt und das ich glücklich wäre, durch die reichsten Seidenstoffe zu ersetzen.

– Lieber Freund, Reichthum schändet nicht. Es ist nicht Dein Fehler, wenn Deine Heilige zu gleicher Zeit eine reiche Erbin ist. Die beste Art, wie Du Deinen Takt beweisen kannst, ist, ihr die Gründung eines kleinen Klosters zu erlauben nicht zu groß – und dann einen guten Theil ihrer klingenden Baarschaft der Tilgung einer Ehrenschuld ihres Vaters zu widmen, einige Rückerstattungen vorzunehmen, die geheiligt sind, sehr geheiligt.

– Ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, denn Alles, was Sie sagen, ist von der Vernunft und einer vollkommenen Kenntniß des menschlichen Lebens diktirt. Ich war sehr glücklich, als ich einen Freund und Berather wie Sie fand.

– Du hast Dir eine gute Stütze verschafft, mein Sohn. Du mußt wissen, daß in dieser Angelegenheit Dir Niemand so von Nutzen sein kann als ich. Und wenn Du es nicht unschicklich findest, werde ich mich zur Ruhe begeben. Ich bin sehr müde und der Schlaf überwältigt mich. Kann mir Jemand hier eine Ruhestätte anweisen, wo ich die Nacht verbringen kann?

Nelet, der voll Aufmerksamkeit war, führte Beltran in das Zimmer, das für ihn selbst vorbereitet worden war, und er beschloß, die Nacht wach zuzubringen, um sich seinen verliebten Träumen hinzugeben. Im fahlen Sternenlicht durchlief er die vereinsamten Straßen und seufzte vor den Mauern des Klosters, in welchem die schöne Theologin gefangen war.

Cabrera marschirte am nächsten Tage gegen Jocar ab und in der folgenden Nacht konnte die Entführung Marcela's ohne Aufsehen vollzogen werden. Beltran bedauerte tief, daß er nicht Zeuge sein konnte eines Vorfalles, der ihm recht interessant und theatralisch dünkte. Aber am Morgen, als Marcela bereits in Sicherheit gebracht war, kam der Verliebte, um ihm selbst die geringfügigsten Einzelheiten des Vorfalles zu erzählen.

Der Agent, den Nelet nach Nules sandte, konnte sich der Mitwirkung einer Schwester versichern, die mit dem Einkaufe der Lebensmittel betraut, mit den Kaufleuten der Stadt verkehrte und es so sehr leicht hatte, das Kloster zu verlassen. Sie vermittelte die Briefe Nelet's an Marcela, welche diese erst mit Mißtrauen, dann aber mit Vergnügen empfing, als sie sich überzeugen konnte, daß die ihr angebotenen Dienste des Nelet aufrichtig gemeint waren. Immerhin aber hatte sie aus Vorsicht es abgelehnt, zu schreiben, und ihre Antworten stets nur mündlich der Vermittlerin mitgetheilt. So ward der Plan der Entführung bald auf beiden Seiten festgestellt. Aber Marcelo hatte den ersten Plan Nelet's, der die Pforten des Klosters unter dem Vorwande, eine christinistische Agentin zu suchen, mit Militärgewalt sprengen wollte, formell abgewiesen. Die Unordnung, welche ein solcher militärischer Angriff hervorgerufen hätte, würde die Flucht Marcela's gewiß sehr erleichtert haben. Der Nonne aber widerstrebte diese Brutalität gegen ein geheiligtes Haus, und sie verständigte ihren Anbeter, daß Vorsicht und Geschicklichkeit in diesem Falle sicherer wären, denn sie erlaubten, die Ueberwachung, welche in dem Kloster auf ihr lastete, im Stillen zu täuschen, nicht aber sie brutal zu brechen. Sie bat um Wachs, das man leicht verschaffen konnte, und machte einen Abdruck des Schlosses, das man öffnen mußte, um zu den Vorratskammern zu gelangen, die wieder nach einem kleinen Platz gingen und mit einem vorspringenden Mansardenfenster versehen waren. Am nächsten Tage ließ Nelet nach dem Abdruck einen Schlüssel anfertigen, den er Marcela mit einer kleinen, aber ausgezeichneten Feile zukommen ließ, sowie eine Flasche Oel mit langem Pinsel, um die Angeln einzuölen und ohne Geräusch an ihre Befreiung schreiten zu können. Die Vermittlerin konnte Marcela auch ein langes Seil aus dünner, aber sehr starker Seide übergeben. Als alle Vorbereitungen getroffen waren, einigte man sich, eine jener Nächte abzuwarten, in welchen die Truppen Cabrera's vorbeimarschiren werden, wodurch Nelet helfen konnte, ohne daß seine Anwesenheit in Nules Verdacht erregte. Die erste Nacht schien Nelet nicht geeignet; es war eine heitere, klare Nacht und das Fest hielt die ganze Bevölkerung auf den Beinen; man mußte die Dazwischenkunft nächtlicher Müßiggänger befürchten, was eine wirkliche Gefahr bedeutet hätte. Man wartete auf die zweite Nacht, die sich schon günstiger anließ, und zwar so, daß Nelet und Marcela eine günstigere Gelegenheit gar nicht hätten träumen können. Es war eine stürmische Nacht, der Wind trieb große schwarze Wolken vor sich her, welche den Mond verdeckten und wahre Güsse niederregnen ließen, welche die Einwohner veranlaßten, sich zu flüchten, und auch jene Soldaten, die nicht der Dienst zum Aufenthalt in den Straßen zwang. Und da sich in der Nähe des Klosters gar kein Wachposten befand, blieb dieses in der Einsamkeit verlassen.

Endlich schlugen die verschiedenen Uhren der Stadt die zwölf Schläge der Mitternacht, Es war vereinbart, daß Marcela um diese Stunde ihre Zelle verlassen und trachten werde, die Vorrathskammer zu erreichen, deren Mansarde nach der Straße ging. In seiner Ungeduld war Nelet schon früher dort; seit Langem schon war er in Begleitung der zwei Todtengräber, die er auf den Wunsch Marcela's aufgesucht hatte, in der Umgebung des Klosters versteckt. Die beiden Alten aufzufinden war ihm nicht schwer, da sie aus Ergebenheit für Marcela sich in Nules niedergelassen hatten. Sie nährten die Hoffnung, ihr sich eines Tages wieder anschließen und wie in der Vergangenheit dienen zu können. So bedurfte Santapau keiner Anstrengungen, um sie seinem Projekte zu gewinnen.

Marcela sollte ihren Freunden ein Zeichen geben, sobald es ihr gelungen war, die Vorratskammer zu erreichen und das Gitter des Mansardenfensters zu brechen. Sie sollte ein Streichholz anzünden. Nelet konnte seine Ungeduld und seine Unruhe nicht zügeln. Trotz der Kälte, welche die Regengüsse verursachten, wagte er es nicht, sich zu rühren, nicht eine Cigarre anzuzünden, noch auf die Uhr zu blicken. Es schien ihm, als gingen die Stadtuhren mit einer zur Verzweiflung treibenden Langsamkeit. Seine überhitzte Phantasie spiegelte ihm alle Gefahren vor, welchen sein Ideal ausgesetzt war. Bald schien es ihm, als wäre die Verzögerung des verabredeten Zeichens der Beweis, daß die Flucht entdeckt worden war, ehe Marcela noch die Vorrathskammer erreichen konnte; dann wieder befürchtete er, sie hätte das Gitter nicht entfernen können. Dann wieder schien es ihm besser so, als daß sie ihr Leben der zweifelhaften Festigkeit einer Seidenschnur anvertrauen sollte. Er war überzeugt, daß ihr der gefahrvolle Abstieg niemals gelingen könnte, und daß es ihm beschieden sei, sie vor sich hinstürzen und zerschmettern zu sehen, ahne daß er ihr zu Hilfe eilen könnte. Endlich leuchtete das verabredete Signal vor dem Mansardenfenster auf, ein gleiches Signal verständigte die schöne Büßerin, daß die Umgebung des Klosters ganz verlassen sei, und daß sie sich ohne Gefahr in die Arme ihrer Freunde hinunterlassen könne.

Ohne Zeit zu verlieren, wickelte Marcela ihre Schnur um eine Eisenstange, dann knüpfte sie die beiden Enden und warf sie herab, wo Nelet und die beiden Todtengräber sie faßten und festhielten. Zu ihrem größten Erstaunen und ihrer aufrichtigen Bewunderung sahen sie dann Marcela mit einer Geschicklichkeit und Anmuth sich hinunterlassen, die den Neid eines Turners von Beruf erregt haben würde.

Bald war sie unten und während die beiden Todtengräber die Schnur beschwerten, damit sie nicht an die Mauer anschlage, fing Nelet den schönen Flüchtling in seinen Armen auf. Sie war bewegt und verwirrt, denn obgleich sie die Vorschrift gebraucht hatte, die Strümpfe an ihr Kleid zu befestigen, hatte das Reiben der Schnur doch die Knie bloßgelegt und da der Wind die Wolken verjagte, konnte Nelet sich an der skulpturalen Schönheit von Marcela's Beinen ergötzen.

In dem Augenblick, da sie den Erdboden erreichte, beeilten sich die beiden Alten, die Schnur loszulösen, welche dann Alfajar in einer seiner unergründlichen Taschen verschwinden ließ. Das Verschwinden der Schnur mußte die Art von Marcela's Flucht noch dunkler erscheinen lassen. Dann aber beeilten sie sich, ohne Zeitverlust davonzugehen, um sich vor den Nachforschungen in Sicherheit zu bringen.

Nelet bemerkte den Kummer, welchen Marcela der Gedanke verursachte, daß sie während des Abstiegs ein Bein sehen ließ, und so wollte er ihre Verlegenheit durch Komplimente oder Liebesbetheuerungen nicht noch vermehren. In treuer Befolgung der Rathschläge, welche der Marquis von Urdaneta ihm gegeben hatte, zeigte er sich aufmerksam und voll ritterlicher Höflichkeit, in welche aber dennoch etwas Kälte und Verachtung gemengt war. Ganz dem Programm entsprechend, welches er mit seinem Professor der galanten Wissenschaften vereinbart hatte. Er versicherte der Nonne, daß er an ihrer Befreiung nur seiner Liebe zur Religion und des Respekts wegen arbeitete, welchen er für die Entscheidungen des Konzile von Trident empfinde, das die Privilegien der Nonnen von Sijena geheiligt und bestätigt habe. Marcela antwortete ihm, sie sei ihm dankbar für ihre Freiheit, aber um seine Dienste zu vervollständigen, sei es nothwendig, sie in den Stand zu setzen, Nules sofort zu verlassen und die Landstraße zu erreichen Es war unserem Verliebten nicht schwer, diese Wünsche Marcela's zu erfüllen, und vor Tagesanbruch befand sich Marcela, von den beiden Alten – ihren Schülern oder Dienern – begleitet, auf dem Wege nach Villa Vieja. Santapau trug Sorge, seinem Ideal zu empfehlen, sich ja nicht von der Truppe, die er befehligte, zu entfernen, da sie sonst irgend einem anderen Chef begegnen könnte, der sie den Befehlen Cabrera's entsprechend wieder einsperren ließe.

Diese Erzählung entzückte Don Beltran erstens des Interesses wegen, das er beiden Helden entgegenbrachte, dann auch der persönlichen Vortheile wegen, die er daraus zu ziehen hoffte. Es schien ihm undenkbar, daß Marcela dem großen Dienste gegenüber, den Nelet ihr erwies, fühllos bleiben könnte. Diese romantische Entführung mußte wohl auf ihre Einbildungskraft wirken und sie bestimmen, den Krieger mit günstigeren Augen zu betrachten; endlich müßten das Leben, das sie seit langer Zeit führte, die Freiheit, deren sie sich erfreute, die Ereignisse, in welche sie verwickelt worden, in ihr die Gefühle erwecken, mit welchen die Natur sie bedachte, und welche das Klosterleben wohl unterdrücken, aber nicht zerstören konnte. Diese Gefühle müßten sie zur Liebe führen, die wieder sie antreiben müßte, die Mittel zu suchen, welche ihre Wünsche befriedigen konnten. Es war evident, daß Marcela einwilligen würde, die Frau Nelet's zu werden, daß sie aber eher alle Qualen und selbst den Tod würde ertragen haben, ehe sie die Geliebte Nelet's geworden wäre. Von nun ab waren die Rathschläge und die Interventionen Don Beltran's Marcela unentbehrlich geworden, um ihre Pläne zu verwirklichen, und es war gewiß, daß die Tochter Juan Luca's, sobald sie ihres Gelübdes entbunden und Santapau verlobt war, keinen Augenblick zögern würde, die Ergebenheit Urdaneta's dadurch zu belohnen, daß sie ihm einen Theil oder die ganze Summe restituiren werde, welche Juan Luco zum Schaden seines früheren Gebieters erworben hatte.

In das zauberhafte Bild fiel aber ein Schatten, Don Beltran fragte sich nicht ohne eine gewisse Unruhe, ob die Flucht Marcela's nicht einen Skandal hervorrufen würde, dessen sich Cabrera und die fanatischen Mönche, die Don Carlos umgaben, annehmen müßten; und würde in diesem Falle die kirchliche Autorität sich der Entlobung der Tochter Juan Luco's nicht widersetzen? Aber nachdem er die Frage von allen Seiten betrachtet hatte, schien Beltran überzeugt, daß Aehnliches nicht zu befürchten wäre. Vorerst konnte man nicht wissen, wer die Flucht Marcelos begünstigt hat, und selbst wenn man dahin gelangte, Nelet zu verdächtigen, war es immerhin gewiß, daß man es reiflich überlegen würde, einen der wichtigsten Offiziere Cabreras zu verfolgen oder zu beunruhigen. Alles wohl überlegt, kam er dann zur Ueberzeugung, daß die mitwirkende Schwester nur ein unbewußtes Werkzeug der geheimen Wünsche der Superiorin gewesen. Marcela mußte alle Würdenträger des Klosters, wo sie gefangen war, in große Verlegenheit setzen, da sie stets besondere Rücksichten in der Behandlung beanspruchte, die ihr als Nonne von Sijena kraft der vom Tridentiner Konzil bestätigten Spezialprivilegien zukamen. Ihr theologisches Wissen und ihr stupendes Gedächtniß setzten sie in die Lage, ihre Forderungen mit den authentischen und verehrten Textstellen zu belegen und die überwachenden Schwestern und Superiorin somit aufs Stillschweigen zu beschränken, die gewiß zwanzigmal im Tage den Augenblick verfluchten, in welchem die wandernde Nonne die Schwelle des Klosters übertreten hatte. Der unabhängige Geist Marcela's, ihr entschlossenes Gehaben, ihr Widerstand gegen die strengen Klosterregeln waren ein schlechtes Beispiel den jüngeren Nonnen, und Don Beltran bildete sich nicht ohne Anschein von Berechtigung ein, daß die Oberin entzückt sein müsse, daß Marcela ihre lateinische Citate und ihre Privilegien nun anderwärts hingetragen hatte. Er war also überzeugt, daß das Kloster über die Flucht Marcela's nur soweit Klage führen werde, wie viel nothwendig sein wird, die eigene Verantwortung zu decken, daß man aber alle Schritte unterlassen werde, welche den Flüchtling, den wiederzusehen Niemand Verlangen trug, zurückführen könnten. Und so kam es thatsächlich.

Nachdem er der Erzählung Nelet's zugehört und die obigen Reflexionen erwogen hatte, sagte Beltran zu seinem Schüler:

– Mein liebes Kind, ich bin sehr zufrieden; Du bist mit ebensoviel Takt als Geschicklichkeit vorgegangen, Du warst aufmerksam und ein wenig verachtend, dienstbereit, indem Du die beiden Greise Marcela zu Begleitern gabst, die über ihre Tugend wachen können; und vorsichtig, indem Du ihr befahlst, sich von Deiner Truppe nicht zu entfernen, wodurch wir sie immer bei der Hand haben und sie uns nicht entwischen kann.

– Ich bin bemüht, von Ihnen, der Sie diese Dinge so gut kennen, zu lernen. Ich war ein großer Frauenjäger, aber ich habe nur auf gewöhnliche Weise Eroberungen gemacht, brutal, mit den schlechten Manieren meiner ländlichen Erziehung. Aber Sie ... Wie sagten Sie doch, daß man die Männer nenne, deren liebste Beschäftigung es ist, Frauen zu betrügen?

– Don Juans.

– Also ich war so eine Art kleiner Don Juan niederer Gattung, ohne Feinheit, ohne schöne Sprache, grob und ziemlich gewöhnlich. Sie aber scheinen an den Höfen Don Juan gewesen zu sein.

Urdaneta lachte. Sie mußten aber ihr Gespräch unterbrechen, denn das Regiment Nelet's, das mit zwei anderen eine von Perteyaz befehligte Brigade bildete, eilte dem Serrador zur Hilfe, der sich bei der Belagerung von Burriana in schlechter Position befand. Sie kamen aber zu spät, denn Serrador hatte schon zum Rückzug geblasen; so kam Nelet wieder zu Llangostera zurück, der nach Lucena und Albocacer marschirte und auf dem Wege Alles zusammenlas: Menschen, Thiere, Lebensmittel und Fouragen. Alle diese Märsche langweilten Beltran, und Nelet konnte Marcela nur zweimal sehen. Kaum daß er das erste Mal einige Worte mit ihr wechseln konnte; aber das zweite Mal sprachen sie freier und dem Rathe Beltran's folgend, wurde Nelet nun ausdrucksvoller, da er sah, daß seine affektirte Verachtung ganz ohne Erfolg blieb. Einige Tage später hörte Nelet, daß Marcela sich mit Alfajar in der Eremitage von Hortisede befinde, wo sie von den Strapazen ausruhen wolle. Er beschloß, den ersten freien Augenblick zu einem Besuche zu benutzen. In Folge einer wirklichen oder affektirten Gleichgültigkeit empfing ihn die Nonne, ohne Ueberraschung noch Freude zu zeigen. Sie schien traurig, eingenommen und selbst des Dienstes vergessen zu haben, denn als Nelet das Gespräch auf die Details ihrer Flucht führte, schien sie seinen Worten gar kein Interesse zu schenken, und auch die Schwierigkeiten, welche ihre Freunde zu bewältigen hatten, um ihre Flucht aus dem Kloster zu ermöglichen, waren weit davon, ihr den Ausdruck des Dankes zu entlocken, auf welchen Nelet mit Recht zählte.

– Ohne mich – sagte Nelet von Kummer niedergedrückt und bereit, der in ihm kochenden Erregung zu weichen – könntest Du noch immer in der Einsamkeit Deines Gefängnisses zu Nules sitzen. Du verdankst mir Deine Freiheit, Marcela, nur scheint Dir diese Freiheit, deren Du Dich in so ausgedehntem Maße erfreust, keinen Preis werth.

– Und wer ermächtigt Dich, zu sagen, daß ich die Freiheit als ein Gut betrachte? antwortete Marcela traurig. Wagst Du es zu bestätigen, daß ich nicht eine der größten Sünden beging, als ich aus dem heiligen Hause, wo ich Schutz fand, entfloh nur mich an einer Schnur herabließ, wie eine schamlose Ballerina? Ich kann diese unschickliche Erinnerung nicht vergessen, und ich bitte Gott unablässig, mir die Sünde zu verzeihen, die ich beging, und die ich durch die härtesten Opfer, die ich mir auferlegen will, büßen werde.

– Also bereust Du heute, Marcela, was Du vor kaum wenigen Tagen so eifrig ersehntest? fragte Nelet, ohne seinen zu Boden gesenkten Blick zu erheben. Wenn Du so sprichst, um mich zu quälen, Marcela, so bitte ich Dich, lass' genug sein des grausamen Spiels, das mich an Dich und an Gott zweifeln läßt.

– Ich will Dich nicht quälen, Nelet. Ich verdamme nur mich selbst zu den härtesten Züchtigungen, um für die Sünde meiner Flucht zu büßen. Damit Gott mir verzeihe, damit er mir erlaube, Dir gut zu sein, damit er mir erlaube, Deine zärtlichen Worte ohne Sünde anzuhören, müssen wir, verstehst Du, Nelet, einige grausame Züchtigungen ertragen, und die erste von allen ist, wir müssen aufhören, uns zu sehen, da unsere Begegnungen, unsere Unterhaltungen uns Versuchungen aussetzen, denen wir doch ausweichen müssen!

Sie sprach mit einem so sanften und traurigen Ernst, die Gründe, die sie anführte, schienen so gerecht und ihre Gesten und Worte stimmten so sehr überein, daß Nelet in seiner Verwirrung nichts antworten konnte.

– Aus Allem, was ich Dir sagte, geht hervor, fuhr Marcela fort, indem sie sich erhob und Alfajar den Befehl gab, seine Werkzeuge und sein Gepäck zusammenzupacken; und das mußt Du auch selbst einsehen, Nelet, daß es nothwendig ist, daß wir aufhören, uns zu sehen, bis Gott in seiner Güte unsere Seelen und unser Gewissen beruhigt, damit wir uns ohne Verwirrung sprechen und freundschaftliche Worte wechseln können.

Nelet versuchte sie vergebens von diesem Entschlusse abzubringen. Marcela ließ die traurige, aber zugleich leidenschaftliche Rede des Kommandanten ohne Antwort, und sie entfernte sich, indem sie ihn unentschlossen und trostlos zurückließ.

Santapau wußte nicht, was zu denken; es schien ihm, als würde hinter dem Widerstande Marcela's ein neues Gefühl sich bergen, das sie in der Angst, zu unterliegen, bekämpfen wollte. Warum wollte sie den Anblick Nelet's fliehen, wenn sie nicht fürchtete, daß das Vergnügen, ihn zu sehen, sie beherrschen würde? Die Gebete, welche sie an Gott richtete, daß er ihr erlaube, die Liebeserklärungen Nelet's ohne Sünde anzuhören, hatten nichts mehr gemein mit den heftigen Flüchen, die sie ihm an den Kopf schleuderte, als er ihr anläßlich ihrer ersten Begegnung von Liebe sprach. Die Bewegung dieser Zusammenkunft, die Aengstlichkeit, welche Marcela in ihm zurückließ, wirkten wahrscheinlich schlecht auf die gereizten Nerven Nelet's, denn als er mit seinen Truppen marschirte, um Cabrera zu Hilfe zu eilen, klagte er über heftige Kopfschmerzen, und er schien die Wiederholung einer jener Krisen zu fürchten, an welchen er den Dämonen Antheil zumuthete, die ihn quälten. Da Cantavieja durch Verrath eingenommen ward, hielten die Truppen Nelet's in der Mitte des Weges, wo sie von Cabrera den Befehl erhielten, nach Cenia zu marschiren.

Es war von Gott bestimmt, daß Don Beltran und Nelet, ehe sie Cenia verließen, einem ebenso schmerzlichen Schauspiel beiwohnen mußten, wie das in Burjasot gewesen. Denn dorthin brachte man die Gefangenen von San Mateo und man schritt in aller Ruhe an ihre Hinrichtung. Die Ersten, die ankamen, wurden in verschiedene in die Berge gehöhlte Keller eingesperrt, und um die Lebensmittel zu sparen, ließ man sie hungern; dann aber wurden sie wieder, um an Munition zu sparen, durch Bajonnetstöße hingerichtet. Achtunddreißig Offiziere und Unteroffiziere wurden auf diese Weise getödtet, ohne einen Kadeten von zwölf Jahren zu rechnen, der an seinen Vater, den Exkommandanten der Festung von San Mateo, gefesselt, zur Richtstätte schritt. Das letzte Opfer, das wie ein Vieh auf dem Schlachthofe fiel, war eine portugiesische Marketenderin.

Santapau nahm an dieser Tragödie keinen Antheil, denn die Liebe hatte den Wilden sanft und menschlich gemacht; so ließ er sich, als er von dem geplanten Massakre erfuhr, krank melden, und er war es auch wirklich an Leib und Seele. Ohne soviel zu klagen wie sein Freund, war auch Don Beltran nicht von guter Gesundheit. Beide freuten sich, als Nelet die Ordre erhielt, mit der Hälfte seiner Mannschaft nach Benifaze aufzubrechen. Don Beltran ward in einer zwischen dem Kloster und der Kirche gelegenen Passage untergebracht, von der aus er eine hübsche Aussicht auf die Ruinen einer von Don Jaime von Aragon gegründeten Abtei hatte, deren herrliche Schönheit er bewundern konnte, Nelet befand sich ebenfalls in dem Kloster gut aufgehoben, das seiner momentanen Geistesverfassung wunderbar entsprach. Schon am ersten Tage erholte er sich von der Krankheit, die er aus Cenia mitgebracht hatte; aber am zweiten Tage war er wieder die Beute einer schwarzen Laune und ein nervöses Zittern überkam ihn, welche ihm die Besuche der höllischen Wesen verkündeten, die sich an seine Fersen hefteten. Um nächsten Tag erzählte er seinem Professor der Liebeskunst, daß er sich nach den Strapazen sehr ermüdet zu Bett legte, aber nicht einschlafen konnte. In der Schlaflosigkeit hatte er Marcela oder zumindest einen Theil von Marcela gesehen. Aber so deutlich, lieber Urdaneta, so deutlich, wie ich Sie in diesem Augenblicke sehe.

– Zum Teufel! Und welchen Theil ihres Körpers hast Du gesehen? Darf man es wissen?

– Den Mund und die Zähne. Ist das nicht sonderbar? Und glauben Sie mir, es gibt in der Welt keine Zähne wie die ihrigen, weiß wie Milch und so regelmäßig und schön, daß man verrückt wird, wenn man sie betrachtet. Ueber und unter diesen Perlenreihen sah ich die Lippen und nichts weiter ...

– Gewiß lächelte sie. Das ist ein gutes Zeichen. Und Du hast diesen reizenden Mund nur einmal gesehen?

– Mehr als zwanzigmal und die letzte Nacht erschien er mir sieben- oder achtmal.

– Obgleich wir uns hier sehr wohl befinden, ist es doch ärgerlich, daß die militärischen Pflichten uns von der göttlichen Marcela entfernen.

Nelet gestand hierauf, daß er, ehe er Cenia verließ, in seinem Wunsche, sie zu sehen und mit ihr zu sprechen, daran gedacht hatte, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, denn er empfand es schlimmer als den Tod, so lange von ihr entfernt zu sein. Er hatte das Glück, einem alten Hirten zu begegnen, der die Umgebung des Gebirges sehr genau kannte, und Marcela, die er als Heilige betrachtete, sehr ergeben war. Diesen beauftragte er, ihren Spuren zu folgen und ihn über ihren Aufenthalt auf dem Laufenden zu halten. Am zweiten Tage nach ihrer Ankunft in Benifaze brachte er beruhigende Nachrichten. Marcela weilte mit Vorliebe auf den höchsten Gipfeln des Gebirges oder in den am meisten verehrten Heiligtümern des Landes. Und als Don Beltran ihn fragte, ob sie ihm in Prosa oder in Versen geschrieben, antwortete Nelet, daß die Botschaften, die der alte Hirt ihm überbrachte, in einfacher Prosa gehalten waren. Marcela hatte ihn beauftragt, ihren beiden Freunden herzliche Grüße zu bestellen und ihnen zu versichern, daß sie in allen Gebeten ihnen eine gute Gesundheit und gute Gedanken erbitte. Und was besonders Nelet betraf, sandte sie ihm die Versicherung ihrer Dankbarkeit und das Versprechen, wohin er wollte zu eilen, sobald er ihr irgend etwas zu sagen hätte.

– Uh, ah, prächtig! Sie willigt ein, einer Rendezvousbitte zu entsprechen! Das geht gut, mein lieber Nelet, sehr gut. Es ist sehr zu bedauern, daß ich als Gefangener und Du als Soldat, der militärische Pflichten zu erfüllen hat, nicht hineilen können, wohin unsere Sehnsucht uns ruft.

– Ich denke auch daran, lieber Meister, antwortete Santapau nach kurzem Zögern. Ich bin dieser militärischen Sklaverei müde. Ich bin entschlossen, aus Krankheitsursachen meine Entlassung zu fordern und mit ihr zu gehen, und müßte ich selbst das Leben eines Büßers führen.

Sehr bewegt, gab ihm Urdaneta die Versicherung, daß er ein Gleiches thun würde, wenn er könnte; daß er sich mit Vergnügen den beiden Todtengräbern anschlösse, welche die heilige Frau begleiten. Nelet fügte hinzu, daß er für seinen Verkehr mit Marcela noch einen anderen Boten gefunden habe. Das war eine arme Frau, Namens Malaena, die auch etwas von einer Büßerin oder zumindest von einer Landstreicherin an sich hatte und mehr durch das Elend, die Arbeit und den Kummer gealtert war, denn in Folge ihrer Jahre. Obgleich man sie in der Umgebung von Salvatorria als Hexe betrachtete und ihr mit Steinwürfen nachsetzte, war sie eine arme, heilige, sehr einfache, sehr harmlose und sehr treue Frau. Indem er sie als Botin wählte, erkannte er in ihr eine Art sehr diskreter und ergebener Brieftaube, und um sie sich zu gewinnen, schenkte er ihr eine Kutte, Kopftücher und neue Sandalen, die sie auf ihren Märschen in die Berge so sehr benöthigte. Ihren Antrittsdienst leistete sie mit der Ueberbringung einer Liebesbotschaft, zu welcher Nelet alle Kraft zusammennahm, nachdem er Don Beltran um Rath fragte, der mehrere Korrekturen vornahm, welche das leidenschaftliche Feuer des unglücklichen jungen Mannes dämpften.

Die weiteren Ereignisse brachten Urdaneta wieder eine Reihe von traurigen Tagen, Nelet mußte fort und Beltran stand heillose Angst aus, als er aus der Umgebung des Kampfplatzes die Salvenschüsse der Füsiladen hörte. Endlich kam Nelet an der Spitze eines kleinen Detachements aus San Mateo zurück, und seine erste Bewegung war, sich in seine Arme zu stürzen.

Don Beltran mußte eine Anstrengung machen, um die Freudenthränen zu verbergen, welche diese Begegnung ihm erpressen wollte, ehe er ihm seine Zärtlichkeit bewies, da das blasse, abgemagerte Gesicht seines Freundes eine schwere Krankheit oder eine Geistesverwirrung verrieth. Der Kommandant wollte keine Erklärungen geben, er sparte diese für die Zeit auf, da sie sich in dem kleinen Dorfe befinden würden, wo sie die Nacht verbringen sollten.

Er sagte nur, daß er sich krank fühlte und Cabrera um die Erlaubniß gebeten habe, sich einige Tage erholen zu dürfen. Und da sein Professor in der Liebeskunst es bedauerte, nicht bei ihm bleiben zu können, sagte Nelet, daß sie Cabanero in Cati finden würden und daß der braue Aragonese, der Don Beltran für ihm früher erwiesene Dienste dankbar sei, diese Gelegenheit gerne wahrnehmen werde, um ihm seine Erkenntlichkeit zu beweisen, ohne seine militärischen Pflichten zu verletzen. Getröstet durch diesen Gedanken, fand der alte Edelmann seine Ruhe wieder und so gingen sie, über die jüngsten Ereignisse sprechend, zusammen nach Cati.

Die erste Sorge Nelet's war, als sie in Cati ankamen, Cabanero, der sich seit dem Vorabend dort befand, aufzusuchen und ihm von dem unglücklichen Edelmann zu erzählen, welcher das erste Paar Schuhe, das er tragen durfte, der Großmuth des Carlistenchefs verdankte. Cabanero sagte, daß er ihn kenne, und zeigte sich sehr erstaunt, den edlen Herrn von soviel Unglück erfolgt zu sehen. Er lief zu ihm hin, küßte ihm die Hand und lauschte den Worten Beltran's, der ihm erzählte, wie er in Gefangenschaft gerieth und nun als Geisel zurückgehalten werde, was noch die traurigste Situation sei, in welche ein Mann unter so beklagenswerthen Verhältnissen gerathen könnte. Cabanero, von Mitleid erfüllt, gab ihm das formelle Versprechen, bei dem Chef im Interesse seiner Freilassung Vorstellungen zu erheben, und lud ihn an seinen Tisch, der wohl arm, aber in gleicher Lage nicht zu verachten war. Was den kleinen Ausflug betraf, den Nelet mit Urdaneta unternehmen wollte, um ein Gelübde zu erfüllen, wollte er dem Gefangenen zwei Tage gewähren, gegen eine Garantie, die alle Geiseln und Schätze der Welt übersteigen.

– Mein Ehrenwort! Nicht wahr? fragte Don Beltran, seine magere Hand ausstreckend. Ich gebe es Dir.

Der Aragonese antwortete mit Vertrauen, daß das Wort einer so bedeutenden Persönlichkeit hinreichend sei, um seine Verantwortung zu decken, und damit war die Sache erledigt.

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