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Der Roman einer Nonne

Benito Pérez Galdós: Der Roman einer Nonne - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorBenito Perez Galdos
titleDer Roman einer Nonne
publisherVerlag von Sachs & Pollák
year1902
translatorDoña Servita
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071202
projectide96cafb8
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3.

Einer der Ersten unter den Insurgenten, welche sich den Reisenden näherten, war ein junger Mann, der eine rothe Blouse und ein rothes Gilet trug. An den Beinen hatte er Jagdgamaschen und der gezückte Säbel bewies als einziges Zeichen, daß er in dieser regellos organisirten Bande den Rang eines Offiziers inne hatte. Er blieb vor Marcela erregt stehen, und mit einem fast brutalen Ton und einem starken Valencianer Accent schrie er mehr als er sprach:

– Als ich Dich in der vorigen Woche in Mas Nuevo antraf, sagte ich Dir, daß ich Dich unerbittlich füsiliren lasse, wenn ich Dich nochmals antreffe. Wo willst Du jetzt hin? Wer ist dieser kleine Alte?

Ich gehe hin, wohin ich will, und dieser Herr ist, wer er ist.

– Scherze nicht, Marcela. Denke daran, daß Du mein Blut in Sieden bringst. Und wenn Du nicht auf Dich achtest, werde ich erfüllen, was ich Dir versprach.

– Wilder! Tödte uns, wenn Du willst! rief Marcela mit ebenso viel Verachtung als Energie aus, wobei ihr Auge hell aufleuchtete. Angesichts Deiner Kanonen und Flinten werden ich und diese frommen Männer Dir sagen: »Minister des Satans nehme unsern Körper, Gott wird unsere Seele zu sich nehmen. Sieh' diese zwei niederen und einfachen Männer! Sieh diesen Greis vom höchsten Adel Aragoniens, der sein Haus, seinen Rang der Buße und der Arbeit willen verläßt! Weder er, noch ich, noch die Anderen fürchten den Tod! Nicht wahr, Don Beltran, wir werden sterben? Wir werden mit Freuden sterben, und Gott bitten, daß er unseren Henkern vergeben möge!«

Diese Deklamation von heldenmüthiger Religiosität und der finstere Ausdruck, welchen das Gesicht des Kapitäns annahm, überzeugten Don Beltran, daß seine letzte Stunde geschlagen habe. Er blickte um sich, um Tomé zu suchen. Er beklagte es, daß das Leben seines jungen Dieners diesem traurigen Zwischenfalle zum Opfer fallen werde. Aber der schlaue Bursche hatte, nachdem er seinen Herrn von der Anwesenheit der Insurgenten verständigt hatte, sich wie ein Vogel in die Büsche geschlagen, ehe diese noch herangekommen waren.

Der Kapitän antwortete auf die Provokationen Marcela's:

– Gut! Ich schwöre Dir, daß wir Euch befriedigen werden, da wir aber keinen Kaplan mit haben, der Euch die Beichte abnehmen könnte, sind wir gezwungen, Euch nach der Stadt zu führen. Und da Ihr doch alle Heilige seid, könnt Ihr Euch gegenseitig mit dem letzten Trost versehen ... Vorwärts!

– Wohin führen Sie uns? fragte Beltran, der dem Beispiel der Nonne folgend, heiter und ruhig erscheinen sollte.

– Nach Codonnera!

– Also nach Codonnera. Und wollte Gott, daß wir nur vier Schritte hätten bis zu dem Ort, wo der Kaplan ist, denn so wahr es einen Gott gibt, wir sind unseres Körpers und unseres Lebens schon müde.

Der Kapitän war ein großer, hübscher Junge. Von braunem Teint und fester Haltung, war er mit einer barbarischen Eleganz, aber nicht ohne Geschmack gekleidet. Er befahl den Gefangenen, sich auf den Weg zu machen, und er schien auch nicht so wild zu sein, als Urdaneta anfangs glaubte, denn er näherte sich der Nonne und sagte zu ihr:

– Das Alles passirt Dir nur, weil Du es selbst willst. Du weißt, Marcela, daß ich Dich achte. Bleibe bei mir. Du wirst als ruhige Dame mehr Werth haben, denn als wandernde Nonne.

– Ungeheuer! Ich ziehe es vor, durch einen Flintenschuß getödtet zu werden, denn vor Ekel zu sterben, antwortete die Nonne, ohne ihn anzuschauen. Fort von mir!

– Es paßt mir, in Deiner Nähe zu bleiben und ich wiederhole, daß, wenn Du thun willst, was ich Dir jüngst in Mas-Nuevo sagte, wirst Du glücklich werden. Du wirst es nicht bereuen, mir anzugehören, und Dein Kopf wird von all diesem Mystizismus befreit werden.

– Wirklich, ich bestätige Dir nochmals, Nelet, daß die Skorpione, die Salamander und all die Ungeheuer, die den abscheulichen Thron Satans zieren, weniger abstoßend sind, als Du es bist.

– Und ich bestätige, daß die braunen Engel, denn es gibt auch solche, weniger hübsch und weniger anmuthig sind als Du... Wo gibt es Augen wie die Deinigen? Welchen Mund könnte man dem Deinigen vergleichen? Und dieser Körper, der unter dem Stamm wie ein Rohr sich biegt? Marcela, Du vergaßest, daß Du ein Weib bist, ich werde das Meinige thun, um Dich daran in einer Weise zu erinnern, für welche Du mir danken wirst.

– Gib mir rasch den Tod! Der Drache öffne seinen Rachen um uns zu verschlingen. Der Geier zerreiße uns! Wir gehören Gott an und zu Ihm wollen unsere Seelen! ...

– Wenn Du mir nicht die Genugthuung gewährst, an meiner Seite zu leben, werde ich mich durch das Vergnügen, Dich zu tödten, trösten. Das ist ein Vergnügen, glaube mir, ein wirkliches Vergnügen, die zu tödten, die man liebt (denn so weiß man, daß sie Niemanden sonst angehören wird), den schönen Körper zucken zu sehen, und ihn dann in die Grube zu senken und mit Erde zu bedecken.

– Also den Tod! Nur rasch den Tod! schrie Marcela verzückt und mit rauher Kehle. Für Gott sterben! In Reinheit sterben! Sehen, wie die Seele sich von solchen Ungeheuerlichkeiten befreit, das ist die höchste Seligkeit!

– Es ist gut, wenn der Herr Kapitän zur Kenntniß nimmt, daß wir keine Spione sind, sagte Don Beltran, dem die verliebten Anstrengungen des Offiziers wieder neue Hoffnungen gaben; wir erfüllen hier unsere Buße, indem wir uns barmherzigen Werken widmen.

– Um Gotteswillen! Keine Feigheit, Don Beltran! schrie Marcela zornig.

– Theures Kind, Du siehst, ich bin sehr tapfer! Ja, auch ich will, daß man uns füsilire! Aber wenn wir schon sterben müssen, vermeiden wir doch die unnützen Aufreizungen.

Ehe sie Codonnera erreichten, stieß das Gros der Bande zu ihnen. Der Chef, der denselben oder einen höheren Grad als den eines Obersten hatte, unterwarf die Gefangenen einem Verhör.

– Sind Sie Peinado? fragte Don Beltran mit den Augen zwinkernd. Wenn Sie es sind, wundern Sie sich nicht, daß ich in Folge meiner schwachen Augen Sie nicht gleich erkannte. Ehemals waren wir gute Freunde.

– Nein, mein Herr, ich bin nicht Peinado, ich bin Tesia, sagte der Chef, ein kleiner, lebhafter Mann, dem gewisse höfliche Formen eigen waren. Peinado ist bei dem Chefgeneral.

Und sich zu Nelet wendend, ertheilte er ihm seine Befehle.

– Führe sie mit Dir, aber gehe nicht nach Codonnera. Du gehst heute Abends bis Belmonte und von da ohne Aufenthalt nach Valderobles, wo wir uns morgen zeitig Früh treffen werden. Ich mache den Umweg über Torrecilla, um die Kolonne des Marquis Palacio zu erreichen. Was diese vier armen Teufel betrifft, ist die Füsilade ganz unnöthig. Wäre diese kein Weib und die Anderen keine Greise, könnte man ihnen fünfzig Stockhiebe verabreichen. Mehr sind sie nicht werth. Führe sie nach Valderobles, dort werde ich sie übernehmen. Du weißt, Don Ramon will diese Bergstreicherin kennen lernen.

Ohne ein Wort zu verlieren, setzte sich die ganze Truppe in Bewegung. Die Nacht war schon sehr vorgeschritten, als Nelet mit seinen Gefangenen nach Valderobles kam, und obgleich sie auf dem Wege Nahrungen erhielten, konnte sich Don Beltran vor Hunger und Müdigkeit nicht mehr halten. Die Knochen schmerzten ihn, als wären sie zerschlagen worden. Aber weniger noch als an der physischen Ermüdung, litt er an der Verzweiflung über das traurige Ende seines thörichten Unternehmens.

– Estercuel hatte Recht, sagte er, indem er seinen armen Körper auf dem Estrich eines leeren Stalles ausstreckte, in welchen man die Gefangenen eingesperrt hatte, wir sind im Mittelalter. Verflucht sei das Mittelalter! Mein Gott, das ist schrecklich! Zu einem schönen Unheil hat mich da eine thörichte Illusion geführt, die eines unerfahrenen Kindes würdiger wäre, denn eines vernünftigen Greises. Und wie werde ich aus dieser Zwickmühle mich befreien, in welche meine Thorheit mich gestürzt hat? Wie mich aus den Händen dieser Kaffern befreien? Kann ich noch jenen Heiligen oder wunderwirkenden Nonnen vertrauen, die Schätze vergraben? Diese Närrin hat mich zugrunde gerichtet, und gewiß ist, daß sie mich nicht retten wird! Gewiß verdiene ich, was mir zugestoßen, weil ich gierig, leichtgläubig und kindisch war! ... Thor! Wahrlich ein edles Alter! Ein herrliches Lebensende! Ich, der ich ausging, um mir einen Bissen Brodes zu schaffen, bin nun gefangen, vom Tode bedroht, exilirt inmitten eines Lumpenvolkes und gezwungen, Brutalitäten zu dulden! Ich würde mich schlagen, wenn ich nicht in dieser Lage wäre, wo neue Schmerzen auf meinem elenden Körper kaum mehr Platz fänden.

Dies waren seine Gedanken vor dem Einschlafen. Glücklicherweise näherten sich die beiden anderen Alten, und die gemeinsame Körperwärme schützte sie gegen die Kälte. Marcela saß auf der anderen Seite und betete mit leiser Stimme. Und am Morgen fühlte der alte Edelmann ein schweres Gewicht, das ihn zu zermalmen drohte, und er bemerkte den Körper der »Heiligen«, die im Schlaf auf ihn gefallen war. Er sagte sanft:

– Erheben Sie sich ein wenig, meine Schwester, Sie zermalmen mir die linke Seite und ich kann nicht schlafen.

Die Nonne erhob sich und klagte, daß sie sich durch die Ermüdung unterjochen ließ, denn sie wollte die ganze Nacht wachen. So beeilte sie sich, ihre Gebete fortzusetzen.

Am nächsten Tag führte man sie zeitig Früh nach Cenia, auf einem höllischen Weg, der höchstens für Ziegen oder Insurgenten gut war. Don Beltran hatte Lust zu bitten, man möge ihn hier lassen, damit die Geier seinen Körper verzehren, oder daß man ihn erschieße, damit sein Martyrium auf die eine oder die andere Art zu Ende sei. Der Kapitän Nelet, der wohl aufbrausenden, aber nicht bösen Charakters war, hatte Mitleid mit ihm. Er gab ihm zu essen, stärkte ihn mit Branntwein und ließ ihn auf ein Maulthier heben, das mit Vorräthen beladen war. Marcela setzte den Weg zu Fuß fort und von Zeit zu Zeit näherte sie sich dem Greise, um ihn zu trösten.

Zwei Tage vergingen in solcher Angst und Mühsal, ohne daß etwas Besonderes sich ereignet hätte, und da man mit Vorsicht die Abhänge herabschritt, errieth Don Beltran, daß sie sich der Ebene näherten. In einem Weiler nicht weit von Albocacer begegneten sie einer großen Carlistentruppe, und hier hatte der arme Greis das Glück, einen Kaplan zu finden, der, ohne ihn zu kennen, aber in ihm eine Person von hoher Geburt errieth, ihn mit Aufmerksamkeiten überhäufte und ihn auf einem Munitionswagen installirte, was dem armen Mann so erschien, als wäre er aus der Hölle nach dem Paradies gekommen.

– Gott verläßt die Guten nicht, sagte er, und ich bin gut, obgleich das nicht die Ansicht dieser Landstreicherin ist, die es sich in den Kopf gesetzt hat, aus mir einen Mönch zu machen ... Nie im Leben habe ich Jemandem Böses zugefügt, nur mir selbst ... Mönch! Ich! Und sie läßt mir die Wahl zwischen Kutte und entehrendem Elend. Großer Gott! Einem solchen Dilemma gegenüber weiß ich wirklich nicht, welches Theil ich wählen soll.

Der Kaplan vervollständigte seine guten Dienste, indem er dem Alten Gesellschaft leistete, woraus bald eine wirkliche Freundschaft sich ergab. Er nannte sich Mosen Putxet und war aus Tortosa. Seine Bildung war mangelhaft, allein er war über alle Ereignisse am Laufenden und so konnte er den Verlauf der Kämpfe schildern. Cabrera, der von seiner schweren Krankheit kaum genesen war, war neuerdings durch einen Schuß verwundet worden. Nun hatte er den Plan, seine Armee zu reorganisiren.

– Nach dem, was Sie mir da sagen, bemerkte Urdaneta, befinden wir uns auf dem Krater eines Vulkans und ich habe die Aussicht, blutigen Schlachten beizuwohnen. Gottes Wille geschehe, gewiß beabsichtigt er, mich inmitten dieser Schrecken sterben zu lassen.

– Man gewöhnt sich an Alles, sagte Putxet. In den ersten Tagen war auch mir der Krieg schrecklich, nun aber bin ich an alle seine Grausamkeiten gewöhnt, und ich glaube, Gott selbst gestattet sie, damit die heilige Religion je eher triumphire.

Don Beltran wachte in der Nacht und am Tage schlief er, ohne zu wissen, wie er auf dem Karren diese Gewohnheit angenommen hatte. Eines Nachmittags, als er mit einer gewissen Ueppigkeit gegessen und getrunken hatte und nun sich in einer sanften Lethargie befand, träumte er von Erderschütterungen, Feuersbrünsten und vulkanischen Ausbrüchen. Jäh erwacht, hörte er den entsetzlichen Lärm der Geschütze und er sah, wie auf einem benachbarten Hügel Christinisten und Carlisten sich im Handgemenge befanden. Der Karren stand neben den übrigen und in der Umgebung war Niemand zu sehen. Nach der ersten Angst belebte eine lächelnde Hoffnung das traurige Herz Beltran's. Wenn zufällig die Division der Christinisten die des Borso war, und wenn zufällig diese siegte, und wenn zufällig auch Mero da wäre und heil davon käme, welches Glück! Diese Gedanken waren zu schön, um von der Wirklichkeit bestätigt zu werden.

Die Christinisten gaben ihre Position auf. Er erfuhr es durch die Fröhlichkeit, die sich ringsumher breit machte. Der Karren näherte sich der Vorhut der Sieger und gleich darauf brach die Nacht herein. Man rastete.

Urdaneta fragte: »Wo sind wir?«

Man antwortete ihm mit einer Valencianer Litanei, aus der er nicht klüger ward. Gleich nach der Rast, und nachdem man Lebensmittel vertheilt hatte, vernahm er inmitten des rohen Lokaldialekts einige castilianische Worte, aus denen er verstand, daß man die feindlichen Gefangenen füsiliren werde. Don Beltran fühlte, wie seine Haare sich sträubten und kraftlos und ohne Muth fiel er auf seinen Sack zurück.

– Mögen Sie doch mich auch füsiliren, damit meine Qualen zu Ende wären!

Gleich darauf veranlaßte ihn ein seltsames Geräusch, die Augen zu öffnen; er sah in der Entfernung brennende Fackeln, dann hörte er Schüsse, denen eine düstere Stille folgte.

– Armer Mero! murmelte der Greis, Gott sei Dir gnädig!

Einige Zeit später kam Putxet. Er stieg auf den Karren und sagte zu seinem Freunde:

– Ich bin erschöpft, ich kann nicht weiter. Jedes dieser Geschäfte trifft mich wie eine schwere Krankheit.

Er zog aus seinem Tornister die guten Mundvorräthe, die dieser enthielt und lud den Greis ein, sein Mahl zu theilen. Der alte Edelmann entschuldigte sich damit, daß er keinen Appetit besaß, und der Andere sagte wohl auch, daß er nicht hungrig sei, erklärte aber, man müsse sich nähren, selbst ohne Eßlust zu besitzen, um den Strapazen des kommenden Tages gewachsen zu sein.

– Sechzehn haben mir gebeichtet, sagte er mit schmerzlicher Betonung; das ist sehr traurig! Sie thun unrecht daran, nicht zu essen. Man darf den Körper nicht vernachlässigen. Nach Mitternacht darf ich nichts mehr genießen, denn ich muß die Messe lesen. Morgen ist Sonntag, darum hat man beschlossen, die Hinrichtungen noch in der Nacht zu vollstrecken, Blutopfer! Verdammter Krieg! ... Wie Sie sehen, muß ich mich kräftigen. Es ist eine lange Zeit von Mitternacht bis zehn Uhr Morgens – die Stunde der Feldmesse.

Nach seinem Souper schlief der Kaplan sofort ein. Don Beltran wachte bis zum Morgen in seinen Gedanken vertieft. In dieser traurigen Nacht, die der Vorläufer noch trauriger Tage sein konnte, fühlte sich der alte Aristokrat geneigt, die Gefühle seines Freundes zu verachten, während er sich selbst von ungleich religiöseren Gefühlen durchdrungen dünkte, in der höheren, göttlicheren Auslegung des Wortes.

Bei Tagesanbruch, als er eben zu schlummern begann, rief man ihn. Im ersten Augenblick glaubte er, daß man ihn füsiliren wolle.

– Gehen wir, ich bin bereit, sagte er, machen wir einmal ein Ende.

Man zögerte nicht lange, ihm mitzutheilen, daß eine penible Aufgabe seiner harre: die Todten der letzten Hekatombe zu beerdigen, und im ersten Impuls seines Stolzes und seines Würdegefühls fühlte er sich versucht, die seinem sozialen Range so unwürdige Mission zornig zurückzuweisen. Bald aber wich der Stolz der christlichen Entsagung, welche die Eingebungen seiner jüngsten Schlaflosigkeit in ihm erweckt hatten.

– Ich gehe, wohin Sie wollen, sagte er, ich verdiene, was mir zugestoßen, und noch viel mehr.

Der Gedanke, daß er unter den Leichnamen auch jenen Baldomero Galan's finden könnte, machte ihn einen Augenblick lang in seinem Entschlusse wankend, bald aber überwand er diese Schwäche, indem er sich sagte: »Wenn er darunter ist, werde ich den armen Mero, diesen Lieutenant und Märtyrer, begraben.«

Mit Trauer und einer schrecklichen Konsternation betrachtete Beltran die sechzehn Leichname, die nackt und starr dalagen, und da es ihm unmöglich war, Jenen zu finden, den er suchte, ohne sich den Leichnamen zu nähern, mußte er einen nach dem anderen betrachten und ihre eisigkalten Gesichter berühren. Sie waren Alle jung und ihre frische Existenz ward auf die barbarischeste Weise abgeschnitten.

– Mero ist nicht darunter, sagte sich Don Beltran, indem er sich von einer schmerzlichen Last befreit fühlte. Arme Kinder! ... Warum nahm man ihnen das Leben? ... Spanien verliert sein Blut! Es zerstört sich selbst ... Ich bin Zeuge des Selbstmordes einer Nation! ... Vorwärts! ... Begraben wir sie in ihrer eigenen Erde! ...

Er nahm die Schaufel, die man für ihn vorbereitet hatte und begann ruhig zu graben. Diese niedrige Arbeit senkte die Resignation immer tiefer in sein Herz, und mit ihr die Ueberzeugung, daß sein Unglück vom Himmel herrühre, und die logische Folge sei eines Lebens der Verschwendung und der Vergnügungen. An seiner Seite sah er die beiden Todtengräber arbeiten, die Marcela begleitet hatten, aber er sprach nicht zu ihnen.

– Ich dachte, sagte sich Don Beltran, als er mit seiner Arbeit zu Ende war, daß mich diese Sache furchtbar aufregen werde, aber man gewöhnt sich an Alles. Und ich würde nun mit Vergnügen essen, wenn ich etwas hätte.

Er ging zu seinem Karren zurück, in der Hoffnung, den Tornister Putxet's zu finden, aber man wies ihn nach dem Lager, wo bald die Messe stattfinden sollte.

– Also zur Messe, murmelte er bereitwillig, in einer absoluten Passivität, die jedem Befehl nachkommt. Der Altar befand sich in der Ebene unter einer herrlich belaubten Eiche. Die Sonne erstrahlte hell und leuchtend und machte sich mehr als nothwendig war, fühlbar. Eine leichte erfrischende Brise wehte vom Mittelmeer herüber, das man von hier aus wohl nicht sehen, aber errathen konnte. Die Truppen begaben sich zur Messe. Die Chefs zu Pferde stellten sich an die Spitze ihrer Korps und Mosen Putxet trat aus einem Feldzelt. Er hatte die Meßkleider an und zwei Grenadiere dienten ihm als Ministranten.

Don Beltran hörte von dem Platze, den man ihm anwies, die Messe mit Sammlung an, und nicht weit von sich sah er Marcela, die an der Seite der beiden Todtengräber kniete. Beim Vorweisen des Allerheiligsten erinnerte ihn das Schmettern der Trompeten und das Wirbeln der Trommeln an die armen jungen Männer, die er am Morgen begraben hatte, und diese Erinnerung beeinträchtigte ein wenig seine Frömmigkeit. Bald aber ermannte er sich, er schlug ein Kreuz und sagte sich:

– Dämone dieses Kreuzes, lange werdet Ihr Eure Sünden beweinen müssen, ehe Christus Euch verzeihen wird.

Auf dem Rückwege zu seinem Karren fragte Urdaneta, ob man sich wohl auf der castilischen Ebene befinde. Ohne aber die Antwort abzuwarten, streckte er sich der Länge nach aus, und nachdem er die Lebensmittel verzehrte, die der gute Putxet ihm gab, schlief er bald ein.

In der Nacht war der Karren starken Erschütterungen ausgesetzt, ein Beweis, daß es steil abwärts ging. Am Morgen übersetzten sie einen Fluß von mäßiger Ausdehnung, Am nächsten Tag sah Beltran eine Ortschaft, die man Olla nannte, dann eine mit Namen Chestolgar oder so. Um die Mitte der nächsten Nacht wurde Halt gemacht. Urdaneta glaubte zu bemerken, daß eine andere Truppe sich ihnen anschloß. Unablässig hörte man Trompetenschall und Trommelwirbel. Er stieg von seinem Karren ab, um Bewegung zu machen. Als er zurückkehrte, sagte ihm Putxet, daß sie in der Nähe von Bunol oder Siete-Agnas wären, und daß Don Ramon gekommen sei, um mit Forcadell zu berathen. Bei Tagesanbruch gewahrten sie vom Osten her die Christinisten und um acht Uhr bemerkten Putxet und ein anderer Priester, daß die Truppen der Königin auf einem für sie ungünstigen Terrain heftig angegriffen wurden und sich zerstreuten.

Plötzlich sahen sie eine Reitertruppe, die rasend herbeisprengte. Die Pferde übersetzten, wie vom Schwindel erfaßt, Gruben und Barrieren, an ihrer Spitze ritt auf einem Schimmel ein junger Mann in einem Kostüm von schreienden Farben. Als dieser Reiter den Convoi passirte, sahen Jene, die sich dort befanden, ein Gesicht, das eine vage Aehnlichkeit mit einem Katzenkopfe hatte; die schwarzen Augen strahlten; sein Teint war matt, fast grünlich; die Nase weit gebläht, als hätten die Nüstern sich geöffnet, um das Athmen zu erleichtern. Sein weißer Mantel mit rothem Revers flatterte von den Schultern wie eine Fahne herab. Er hatte den Degen gezückt und man hörte ihn mit vibrirender Stimme und im Valencianer Dialekt schreien:

– Hierher, meine Kinder! Folget mir! Wir werden Sie zermalmen! Hoch Karl VII.! Tod diesen feigen Schurken!

Die Reitertruppe, die von Infanterie gefolgt war, umschrieb auf der Ebene einen großen Kreis, und als sie sich entfernt hatte, verhinderte der aufgewirbelte Staub, ihre Spur zu verfolgen. Man hörte einen schrecklichen Lärm, als wären enorme Massen zusammengestürzt.

– Dieser Don Ramon ist fürchterlich! schrie Putxet, indem er die Arme wie freudetrunken zum Himmel erhob. Der wird's ihnen zeigen. Kein Einziger wird übrig bleiben, um den Hergang zu erzählen. Dieser strahlende Tag wird uns die Thore des schönen Valencia öffnen, der Königin des Turiathales. Schauen Sie dorthin. Die Staubwolken verflüchtigen sich! Die Anhänger Isabella's retten sich in wilder Flucht.

Mit diesen Ausbrüchen einer kindlichen Freude signalisirte der Priester die einzelnen Vorgänge des Kampfes, den er von seinem Standplatze aus gut beobachten konnte. Gegen Mittag war die ganze Carlistenarmee auf dem Vormarsch nach Bunol begriffen, wohin sie die flüchtenden Liberalen verfolgten.

– Ich fürchte sehr, sagte Putxet zu seinem Freund, indem er eine kleine Erfrischung zu sich nahm, ich fürchte sehr, daß wir diesen Abend wieder eine Vorstellung haben werden. Ich wäre glücklich, wenn man die jetzige Art der Kriegführung ändern und endlich einmal Quartier machen würde. Es ist doch gewiß menschlicher, dem Besiegten zu verzeihen. Nicht wahr?

Im Gasthofe zu Bunol angekommen, ging man methodischer vor, man sparte die Schießmunitionen, als man, wie wenn es sich um eine ganz natürliche Sache handelte, an die Hinrichtung von siebenundzwanzig Offizieren und Unteroffizieren schritt. Zum Glück für Urdaneta erhielt er diesmal nicht den Befehl, die Beerdigung vorzunehmen. Er hörte Schüsse und sah seinen Freund leicht bewegt und melancholisch zurückkehren. Das war Alles ...

Zwei Tage später erfuhr Cabrera, daß eine Kolonne der Christinisten um Alcanar cirkulire. Er sandte Llangostera gegen dieselbe, der nach seinem Siege füsiliren konnte, wie viel er nur wollte. Dann als er die Nachricht erhielt, daß der General von Valencia auf Castellon zu marschire, mit Streitkräften, die genügend waren, um die Garnison von Maestrazzo zu entsetzen, sandte er auch gegen diesen einen Chef, während er in verschwenderischer Aktivität zu gleicher Zeit auch noch andere Expeditionen absandte. Nicht zufrieden mit dem Siege von Bunol, wo er Waffen und Pferde in Menge erbeutete und auch sonst noch die reiche Gegend brandschatzte, marschirte er auf Requena, wo er einen Angriff simulirte, um dann bis Utiel vorzudringen, wo er sein Hauptquartier aufschlug und sich beeilte, seine Stellung zu befestigen.

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