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Der Ring des Generals

Selma Lagerlöf: Der Ring des Generals - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenovelette
authorSelma Lagerlöf
titleDer Ring des Generals
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 10. Auflage
year1925
translatorMaria Franzos
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7

Es läßt sich nicht leugnen, daß zu jener Zeit bei uns in Värmeland die Wälder weit und die Felder klein waren, die Hofplätze groß, aber die Hütten eng, die Wege schmal, aber die Hügel steil, die Türen niedrig, aber die Schwellen hoch, die Kirchen unansehnlich, aber die Gottesdienste lang, die Lebenstage kurz, aber die Sorgen zahllos. Doch darum waren die Värmeländer doch keine Kopfhänger und langweiligen Patrone.

Wohl nahm der Frost die Ernte, wohl wüteten die wilden Tiere in den Herden und die rote Ruhr in der Kinderschar, aber trotzdem behielten sie die längste Zeit ihre gute Laune. Wo wären sie auch sonst hingekommen?

Aber dies kam vielleicht daher, daß es in jedem Haus einen Tröster gab. Es gab einen, der zu dem Reichen gerade so gut kam wie zu dem Armen, einen, der nie im Stich ließ, und nie müde wurde.

Aber glaubt nur ja nicht, daß dieser Tröster etwas Feierliches oder Hochgestimmtes war, wie Gottes Wort oder Gewissensfrieden oder Liebesglück! Glaubt auch nicht, daß er etwas Niedriges oder Gefährliches war, wie Trunksucht oder Würfelspiel. Er war etwas ganz Unschuldiges und Alltägliches, er war nichts anderes, als das Feuer, das an den Winterabenden im Herde flammte.

Herrgott, wie machte es doch alles schön und traulich in der kleinsten Hütte! Und wie es mit den Leuten dort drinnen seinen Scherz trieb, solange der Abend währte! Es knisterte und prasselte, es war, als lachte es sie aus. Es zischte und spuckte, da war es, als wollte es jemandem nachmachen, der zornig und böse war. Manchmal wußte es sich keinen Rat, wie es einem astreichen Klotz den Garaus machen sollte. Dann erfüllte es den ganzen Raum mit Rauch und Dunst, als wollte es den Leuten zu verstehen geben, daß es zu schlechte Kost hatte, um davon zu leben. Manchmal nahm es die Gelegenheit wahr und sank gerade dann zu einem Gluthaufen zusammen, wenn die Leute im allerbesten Arbeitstakt waren, so daß man die Hände in den Schoß legen und laut auflachen mußte, bis es wieder hochkam.

Am allermutwilligsten war es, wenn die Hausfrau mit den dreibeinigen Kochgeschirren kam und verlangte, daß es das Essen kochen sollte. Ein seltenes Mal war es willig und diensteifrig und machte seine Sache rasch und gut, aber meistens tanzte es stundenlang leicht und toll um den Topf, ohne ihn zum Sieden zu bringen.

Wie leuchtete es nicht in den Augen des Hausvaters auf, wenn er naß und erfroren aus dem schmutzigen Schnee heimkam und das Herdfeuer ihn mit Wärme und Traulichkeit empfing! Wie gut war es nicht, an das wachende Licht zu denken, das in die dunkle Winternacht hinausströmte, ein Leitstern für arme Wanderer und gleichsam ein Zeichen des Schreckens für Luchs und Wolf.

Aber das Herdfeuer konnte mehr als wärmen und leuchten und Essen kochen, es verstand merkwürdigere Dinge, als zu funkeln, zu sprühen, zu prasseln und Rauch zu machen. Es war imstande, die Spiellust in der Menschenseele zum Leben zu erwecken.

Denn was ist die Menschenseele anderes als eine spielende Flamme, sie auch? Sie flackert in und über und um den Menschen, wie die Feuerflamme, in und über und um das rauhe Holz flackert. Wenn nun die, die an einem Winterabend um das Herdfeuer versammelt waren, ein Weilchen schweigend dagesessen und hineingeblickt hatten, dann begann das Feuer zu einem jeden in seiner eigenen, besonderen Sprache zu sprechen. »Schwester Seele,« sagte die Feuerflamme, »bist du nicht Flamme wie ich? Warum so düster und schwer?« »Schwester Flamme,« antwortete die Menschenseele, »ich habe Holz gehackt, und ich habe den ganzen Tag den Haushalt geführt. Ich kann nichts anderes, als stillsitzen und dich ansehen.« – »Das weiß ich schon,« sagte das Feuer. »Jetzt ist es Abendstunde. Mach es jetzt wie ich, flackere und leuchte! Spiele und wärme!«

Und die Seelen gehorchten der Feuerflamme, und begannen zu spielen. Sie erzählten Märchen, sie rieten Rätsel, sie strichen Geigensaiten, sie ritzten Ranken und Rosen in Werkzeuge und Ackergerätschaften. Sie spielten Spiele und sangen Lieder, sie lösten Pfänder aus und erinnerten sich alter Sprichworte. Und unterdessen taute die Eiseskälte aus den Gliedern, die Brummigkeit aus den Gemütern. Sie lebten auf und hatten es fröhlich. Das Herdfeuer und das Spiel vor dem Herdfeuer machten ihnen wieder Lust, das karge, mühselige Leben zu leben.

Was vor allem zum Herdfeuer gehörte, das war doch das Erzählen von allen erdenklichen Heldentaten und Abenteuern. Das war es, was alt und jung ergötzte und nie ein Ende nehmen wollte. Denn Heldentaten und Abenteuer hat es gottlob in dieser Welt genug und übergenug gegeben. Aber nie so viel wie zur Zeit König Karls. Er war der Held aller Helden, und von ihm und seinen Mannen gab es eine Überfülle von Geschichten zu erzählen. Sie vergingen nicht mit ihm selbst und seiner Herrschaft, sie lebten noch nach seinem Tode weiter, sie waren seine beste Hinterlassenschaft.

Von niemandem erzählte man so gerne wie vom König selbst; aber nächst ihm liebte man es, vom General auf Hedeby zu reden, den man gesehen und gesprochen hatte, und den man vom Scheitel bis zur Sohle beschreiben konnte.

Der General war so stark gewesen, daß er Eisen biegen konnte, wie andere Hobelscharten biegen. Er hatte erfahren, daß in Smedsby, unten in Svartsjö, ein Schmied wohnte, der die besten Hufeisen in der Umgegend machte. Der General ritt zu ihm hinunter und bat Michel, er möge sein Pferd beschlagen. Als nun der Schmied mit einem fertigen Hufeisen aus der Schmiede kam, fragte der General, ob er es ansehen könne. Das Hufeisen war ja stark und gut gemacht, aber der General lachte nur auf, als er es sah. »Soll man das hier ein Eisen nennen?« sagte er, und damit bog er das Hufeisen auf und brach es entzwei. Der Schmied erschrak, er glaubte, daß er seine Sache schlecht gemacht hatte. »Es muß ein Sprung im Eisen gewesen sein,« sagte er und holte rasch ein anderes Hufeisen. Aber es ging mit diesem wie mit dem ersten, nur mit dem Unterschied, daß dieses hier zusammengeklappt wurde wie eine Schere, bis es ebenfalls brach. Aber da begann Michel den Braten zu riechen. »Entweder bist du König Karl selbst, oder auch der Starke Bengt auf Hedeby,« sagte er zu dem General. – »Nicht so übel geraten, Michel,« sagte der General, und hierauf gab er ihm die volle Bezahlung für vier neue Hufeisen, wie auch für die beiden, die er ihm zerbrochen hatte.

Es waren noch viele andere Geschichten über den General im Umlauf, und sie wurden erzählt und wieder erzählt, und es gab nicht einen Menschen im ganzen Kirchspiel, der nicht von ihm wußte, und Ehrfurcht und Bewunderung für ihn hegte. Und von seinem Ring wußte man natürlich auch, man wußte, daß er ihm ins Grab gefolgt war, aber die Gier der Menschen sei so groß gewesen, daß er ihm gestohlen worden wäre.

So daß man sich denken kann, daß, wenn etwas imstande war, die Leute neugierig, eifrig und erregt zu machen, es dies war, daß der Ring wiedergefunden und wieder verloren worden war, daß man Ingilbert tot im Walde gefunden hatte, und daß die Olsbyleute jetzt in dem Verdacht standen, sich den Ring angeeignet zu haben, und im Gefängnis saßen. Als die Kirchenbesucher Sonntag nachmittag heimgewandert kamen, konnte man sich kaum so lange gedulden, bis sie die Kirchenkleider abgelegt und einen Bissen genossen hatten, sie mußten gleich von allem erzählen, was ausgesagt, und allem, was eingestanden worden war, und was man wohl glaubte, zu welcher Strafe die Angeklagten verurteilt werden würden.

Es wurde von gar nichts anderem gesprochen. Jeden Abend hielt man in großen wie in kleinen Hütten, beim Taglöhner wie beim Großbauer, am Herdfeuer Gerichtstag ab. Es war eine schaurige und seltsame Sache, und man konnte ihr schwer auf den Grund kommen. Es hielt nicht so leicht, ein entscheidendes Urteil zu fällen, denn es war schwer, ja fast unmöglich, zu glauben, daß die Ivarsöhne und ihr Pflegesohn einen Mann totgeschlagen haben sollten, um einen Ring an sich zu bringen, gleichviel wie kostbar er sein mochte.

Da war fürs erste Erik Ivarsson. Er war ein reicher Mann mit großen Feldern und vielen Häusern. Wenn er einen Fehler hatte, so war es dies, daß er so selbstbewußt war und allzuviel auf seine Ehre hielt. Aber gerade deshalb konnte man es so schwer in seinen Kopf bringen, daß irgendein Kleinod auf der Welt ihn dazu vermocht haben sollte, eine unehrenhafte Handlung zu begehen.

Noch weniger konnte man seinen Bruder Ivar verdächtigen. Der war freilich arm, aber er wohnte bei dem Bruder und bekam von ihm alles, was er sich nur wünschen konnte. Er war so gutherzig, daß er all das, was sein gewesen war, hergegeben hatte. Wie sollte es einem solchen Manne in den Sinn kommen, zu morden und zu rauben?

Was Paul Eliasson betraf, so wußte man von ihm, daß er bei den Ivarsöhnen in hoher Gunst stand und Marit Erikstochter heimführen sollte, die die einzige Erbin des Vaters war. Sonst war er ja derjenige, den man am ehesten im Verdacht haben konnte, weil er ein geborener Russe war; und von den Russen wußte man ja, daß sie es für keine Sünde halten, zu stehlen. Ivar Ivarsson hatte ihn mitgebracht, als er aus der russischen Gefangenschaft zurückkam. Er war damals drei Jahre alt und elternlos und hätte im eigenen Land wohl Hungers sterben müssen. Nun war er doch in Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit auferzogen und hatte sich immer gut betragen. Marit Erikstochter und er waren zusammen aufgewachsen, sie hatten sich immer geliebt, und es hätte sich schlecht gereimt, wenn ein Mann, den Glück und Reichtum erwartete, all dies aufs Spiel gesetzt hätte, indem er einen Ring stahl.

Aber andererseits mußte man an den General denken, den General, von dem man, seit man so klein war, singen und sagen gehört hatte, den Mann, den man so gut kannte wie seinen leiblichen Vater, den General, der groß und stark und glaubwürdig war, den General, der tot war, und dem man das Liebste gestohlen hatte, was er besaß.

Der General hatte gewußt, daß Ingilbert Bardsson den Ring auf der Flucht mit hatte, denn sonst hätte Ingilbert in Ruhe seines Weges ziehen können und wäre nicht getötet worden. Der General mußte auch unterrichtet sein, daß die Olsbyer den Ring genommen hatten, sonst wären sie nicht unterwegs dem Rittmeister begegnet, sie wären nicht gefangengenommen, sie wären nicht im Gewahrsam festgehalten worden.

Es war sehr schwer, in einer solchen Sache das Rechte herauszufinden, aber auf den General verließ man sich mehr als auf König Karl selbst, und in den meisten Gerichtsverfahren, die in den kleinen Hütten geführt wurden, wurde ein Schuldspruch gefällt.

Sicherlich erregte es großes Staunen, als das wirkliche Amtsgericht, das im Thinghause in Broby Thing hielt, nachdem es die Angeklagten auf das Peinlichste verhört hatte, aber ihnen weder eine Schuld nachweisen, noch sie zum Geständnis bringen konnte, sich genötigt sah, die des Mordes und Raubes bezichtigten Männer freizusprechen.

Sie wurden jedoch nicht freigelassen, denn das Urteil des Amtsgerichtes mußte vom Appellationsgericht überprüft werden, und das Appellationsgericht war der Meinung, daß die Olsbyleute schuldig waren und gehängt werden sollten.

Wer auch dieses Urteil wurde nicht vollstreckt, denn das Urteil des Appellationsgerichtes mußte noch vom König bestätigt werden.

Aber als das Königsurteil gefallen war und kundgemacht wurde, da verzichteten die Kirchenbesucher gutwillig darauf, ihr Mittagsbrot zu essen, bevor sie nicht den Daheimgebliebenen seinen Inhalt erzählt hatten.

Denn der Inhalt des Urteils war in kurzen Worten dieser: Da es ganz klar zu sein schien, daß einer der Angeklagten gemordet und gestohlen hatte, aber keiner von ihnen seine Schuld gestehen wollte, sollte ein Gottesgericht zwischen ihnen entscheiden. Sie sollten beim nächsten Thing in Anwesenheit des Richters, der Schöffen und der Gemeinde miteinander würfeln. Wer den niedrigsten Wurf tat, sollte für schuldig gelten und ob seiner Missetat des Lebens am Galgen verlustig sein, aber die übrigen beiden sollten alsbald freigelassen werden und zu ihrem Tagewerk zurückkehren.

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