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Der Ring des Generals

Selma Lagerlöf: Der Ring des Generals - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenovelette
authorSelma Lagerlöf
titleDer Ring des Generals
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 10. Auflage
year1925
translatorMaria Franzos
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6

Es waren nicht weniger als fünfzehn Mann, die dem Rittmeister Gefolgschaft leisteten, als er am nächsten Morgen um vier Uhr früh auf die Diebsjagd auszog. Und in bester Kampflaune waren sie. Sie hatten eine gerechte Sache und überdies den General hinter sich. Da der Tote die Sache so weit geführt hatte, würde er sie wohl auch einem glücklichen Ausgange zuführen.

Die richtige Wildnis fing jedoch erst eine Meile weit von Hedeby an. Zu Beginn der Wanderung kreuzten sie einen weiten Talgrund, der teilweise bebaut und von kleinen Schuppen übersät war. Hier und dort auf den Hügeln erhoben sich ziemlich große Dörfer. Eines davon war Olsby, wo Bard Bardsson sein Gehöft gehabt hatte, bevor der General es ihm einäscherte. Dahinter lag der tiefe Wald über die Erde gebreitet wie ein dichtes Fell, Baum an Baum ohne Zwischenraum. Aber noch war es hier nicht mit aller menschlichen Macht zu Ende. Es gab schmale Stege im Wald, die zu Sennhütten und Kohlenmeilern hinaufführten.

Der Rittmeister und seine Leute nahmen gleichsam eine andere Haltung, ein anderes Aussehen an, als sie in das Waldesdickicht kamen. Sie hatten hier früher Jagd auf Großwild gemacht, und die Jagdlaune wandelte sie an. Sie begannen scharfe Blicke in das Gestrüpp zu werfen, und sie gingen in ganz anderer Weise, leichter und gleichsam schleichend.

»Über eine Sache sind wir einig, Jungens. Niemand von euch darf sich dieses Diebes wegen ins Unglück stürzen, sondern ihr müßt ihn mir überlassen. Seht nur zu, daß ihr ihn nicht entwischen laßt!«

Dieser Befehl wäre wohl kaum befolgt worden. Alle diese, die noch am vorigen Tage ganz friedlich einhergegangen waren und Heu auf die Schober geworfen hatten, brannten jetzt vor Begierde, Ingilbert, dem Dieb, einen ordentlichen Denkzettel zu geben.

Sie waren jedoch gerade so weit gekommen, daß die großen Föhren, die seit uralter Zeit hier standen, so dicht wurden, daß sie ein ununterbrochenes grünes Dach über ihnen ausbreiteten und alles Unterholz aufgehört hatte und nur Moos den Boden deckte – als sie drei Männer des Weges kommen sahen, die eine Bahre aus Zweigen trugen, auf der ein vierter Mann ruhte.

Der Rittmeister und sein Fähnlein eilten ihnen entgegen, und die Tragenden machten halt, als sie eine so große Menschenschar sahen. Sie hatten einige große Farren über das Gesicht des Liegenden gebreitet, so daß niemand sehen konnte, wer er war, aber die Hedebyer schienen es doch zu wissen, und es lief ihnen ein Schauer über den Rücken.

Sie sahen nicht den alten General neben der Bahre. Nein. Nicht einmal seinen Schatten. Aber trotz alledem wußten sie, daß er da war. Er war mit dem Toten aus dem Walde gekommen. Er stand da und wies mit Fingern auf ihn.

Die drei Männer, die die Bahre trugen, waren wohlbekannte, angesehene Leute. Es war Erik Ivarsson, der einen großen Hof in Olsby besaß, und sein Bruder Ivar Ivarsson, der nicht geheiratet hatte, sondern bei dem Bruder im elterlichen Hofe wohnte. Diese beiden waren schon zu Jahren gekommen, aber der dritte war ein junger Mann. Auch ihn kannte man. Er hieß Paul Eliasson und war ein Pflegesohn der Ivarsöhne.

Der Rittmeister ging auf die Ivarsöhne zu, und sie stellten die Bahre nieder, um zu grüßen und die Hand zu geben. Es war, als sähe der Rittmeister die ausgestreckten Hände nicht. Er konnte kein Auge von den Farnkräutern verwenden, die das Gesicht des Mannes bedeckten, der auf der Bahre lag.

»Ist es Ingilbert Bardsson, der hier liegt?« fragte er mit einer sonderbar harten Stimme. Es klang beinahe, als spräche er gegen seinen Willen.

»Ja,« sagte Erik Ivarsson, »aber wie kann der Herr Rittmeister das wissen? Hat der Herr Rittmeister ihn an den Kleidern erkannt?«

»Nein,« sagte der Rittmeister, »ich habe ihn nicht an den Kleidern erkannt. Ich habe ihn seit fünf Jahren nicht gesehen.«

Sowohl seine eigenen Leute wie die fremden Männer warfen verwunderte Blicke auf den Rittmeister. Sie fanden alle, daß er an jenem Morgen etwas Ungewöhnliches und Unheimliches an sich hatte. Er war nicht derselbe. Er war nicht leutselig und freundlich, wie er zu sein pflegte.

Er fing an, die Ivarsöhne auszufragen. Was hatten sie zu dieser frühen Morgenstunde im Walde zu schaffen, und wo hatten sie Ingilbert gefunden? Die Ivarsöhne waren Großbauern, und es paßte ihnen nicht, sich in dieser Weise ausfragen zu lassen, aber das Hauptsächlichste bekam er doch aus ihnen heraus.

Sie waren Tags zuvor mit Mehl und Zukost zu den Leuten auf ihrer Alm hinaufgegangen, die ein paar Meilen tiefer im Walde lag, und waren über Nacht bei ihnen geblieben. Am frühen Morgen hatten sie den Heimweg angetreten, und dabei war Ivar Ivarsson den beiden anderen vorausgegangen. Ivar Ivarsson war Soldat gewesen. Er verstand die Kunst, tüchtig auszuschreiten, und es war nicht so leicht, mit ihm Schritt zu halten.

Als Ivar Ivarsson den anderen ein gutes Stück vor war, hatte er einen Mann gesehen, der ihm auf dem Pfad entgegenkam. Der Wald war da ziemlich gelichtet gewesen. Kein Gesträuch, nur große Stämme, und so hatte er den Mann schon von weitem gesehen. Aber er hatte ihn nicht sofort erkannt. Es schwebten Nebelflocken zwischen den Bäumen, und wenn die Sonne hindurchschien, wurden sie zu einem gelben Rauch. Man konnte wohl hindurchsehen, aber nicht mit voller Deutlichkeit.

Ivar Ivarsson hatte gemerkt, daß der Begegnende, als er ihn durch den Nebel erblickte, stehen geblieben war und in größtem Entsetzen die Hände abwehrend ausgestreckt hatte. Ja, als Ivar noch ein paar Schritte gemacht hatte, war er auf die Knie gesunken und hatte gerufen, er möge ihm nicht näher kommen. Es hatte ja den Anschein gehabt, als sei er nicht ganz richtig im Kopfe, und Ivar Ivarsson hatte auf ihn zueilen wollen, um ihn zu beruhigen, aber da war der andere aufgesprungen und in den Wald hinein geflohen. Er war jedoch nur ein paar Schritte gelaufen. Beinahe augenblicklich war er umgesunken und regungslos liegen geblieben. Als Ivar Ivarsson zu ihm hinkam, war er schon tot.

Ivar Ivarsson hatte nun in dem Mann Ingilbert Bardsson erkannt, den Sohn jenes Bard Bardsson, der früher in Olsby gewohnt hatte, aber auf eine Sommeralm gezogen war, nachdem sein Hof abgebrannt war und sein Weib sich ertränkt hatte. Er konnte es nicht fassen, daß Ingilbert tot niedergefallen war, ohne daß irgendeine Hand ihn berührt hatte, und er versuchte ihn wieder zum Leben aufzurütteln, aber das war nicht gelungen. Als die anderen herangekommen waren, hatten sie sofort gesehen, daß der Mann tot war. Aber da nun die Bardsöhne ihre Nachbarn im Dorfe gewesen waren, hatten sie Ingilbert nicht im Walde zurücklassen wollen, sondern hatten eine Bahre zurechtgezimmert und ihn mitgenommen.

Der Rittmeister stand da und hörte all dies mit finsterer Miene an. Er fand es sehr glaublich. Ingilbert lag da wie für eine lange Wanderschaft gerüstet, ein Ränzel auf dem Rücken und Schuhe an den Füßen. Der Bärenspieß, der auf der Bahre lag, gehörte wohl auch ihm. Sicherlich hatte er in die Fremde ziehen wollen, um den Ring zu verkaufen, aber als er im Waldnebel Ivar Ivarsson begegnet war, hatte er geglaubt, den Geist des Generals zu erblicken. Ja, gewiß, so war es zugegangen. Ivar Ivarsson trug einen alten Soldatenrock und hatte die Hutkrempe nach Karolinischer Art aufgebogen. Die Entfernung, der Nebel und das schlechte Gewissen erklärte den Irrtum.

Wer der Mißmut des Rittmeisters dauerte doch an. Er hatte sich in Zorn und Blutdurst hineingehetzt. Er hatte Ingilbert Bardsson zwischen seinen starken Armen erdrücken wollen. Er brauchte einen Ableiter für seine Rachsucht, und er fand keinen.

Er sah jedoch selbst ein, daß er unbillig war, und er bezwang sich soweit, daß er den Ivarsöhnen erzählte, warum er und seine Leute an diesem Morgen in den Wald gezogen waren. Und er fügte hinzu, daß er sich nun überzeugen wolle, ob der Tote den Ring noch bei sich habe.

Ihm war so zumute, daß er wünschte, die Olsbymänner möchten nein sagen, so daß er sich sein Recht hätte erkämpfen müssen. Aber sie fanden sein Verlangen nur recht und billig, und sie traten ein wenig beiseite, indes ein paar der eigenen Leute des Rittmeisters die Taschen des Toten, seine Schuhe, sein Ränzel, jede Falte seiner Kleider untersuchten.

Der Rittmeister verfolgte anfangs die Untersuchung mit der größten Aufmerksamkeit, aber einmal sah er zufällig zu den Bauern hinüber und glaubte zu bemerken, daß sie spöttische Blicke miteinander wechselten, als ob sie ganz genau wüßten, daß er nichts finden wurde.

So kam es auch. Man mußte das Suchen aufgeben, ohne daß man auf den Ring gestoßen wäre. Aber da die Sache so ausfiel, wendete sich der Verdacht des Rittmeisters ganz natürlich gegen die Bauern. Ebenso war es mit seinen Leuten. Wo war der Ring hingekommen? Ingilbert hatte ihn natürlich mitgehabt, als er floh. Wo befand er sich nun?

Auch jetzt sah niemand den General, aber man spürte ihn. Er stand mitten in der Menge und deutete auf die drei Olsbyer Männer. Die hatten ihn.

Es war mehr als denkbar, daß sie die Taschen des Toten durchsucht und den Ring gefunden hatten.

Es war auch denkbar, daß die Geschichte, die sie vorhin vorgebracht hatten, gar nicht auf Wahrheit beruhte, sondern daß alles ganz anders zugegangen war. Diese Leute, die aus demselben Dorfe waren wie die Bardsöhne, hatten vielleicht gewußt, daß diese den Ring in ihrem Besitz hatten. Sie hatten vielleicht erfahren, daß Bard tot war, und als sie seinem Sohne im Walde begegnet waren, hatten sie sich gedacht, daß er mit dem Ringe fliehen wollte, hatten ihn überfallen und getötet und sich den Schatz angeeignet.

Es war kein anderes Blutmal an ihm zu sehen, als eine Quetschwunde an der Stirne. Die Ivarsöhne hatten gesagt, er sei, als er fiel, mit dem Kopf an einen Stein gestoßen, aber konnte diese Wunde nicht auch von dem groben Knüttel herrühren, den Paul Eliasson in der Hand hielt?

Der Rittmeister stand da und sah zu Boden. In seinem Innern kämpfte er einen Kampf aus. Er hatte immer nur Gutes von den drei Männern gehört, und es widerstrebte ihm, zu glauben, daß sie gemordet und gestohlen hatten.

Alle seine Leute hatten sich um ihn gesammelt. Ein paar von ihnen schwangen schon die Waffen. Da war keiner, der glaubte, daß man ohne Kampf von der Stelle kommen würde.

Da trat Erik Ivarsson auf den Rittmeister zu.

»Wir Brüder und auch Paul Eliasson, der unser Pflegesohn ist und bald mein Schwiegersohn sein wird, wir verstehen schon, was der Herr Rittmeister und seine Leute von uns denken. Wir meinen nun, daß wir nicht auseinandergehen sollen, ohne daß der Herr Rittmeister auch unsere Taschen und Kleider untersucht hat.«

Bei diesem Anerbieten wich das Dunkel ein wenig aus der Seele des Rittmeisters. Er erhob Einwände. Sowohl die Ivarsöhne wie ihr Pflegesohn waren Männer, auf die kein Verdacht fallen konnte.

Aber die Bauern wollten der Sache ein Ende machen. Sie begannen selbst ihre Taschen umzudrehen und die Schuhe abzulegen, und da gab der Rittmeister seinen Leuten einen Wink, ihnen den Willen zu tun.

Kein Ring wurde entdeckt, aber in einer Rindenbutte, die Ivar Ivarsson auf dem Rücken trug, fand man einen kleinen Beutel aus Ziegenleder.

»Gehört dieser Beutel Euch?« fragte der Rittmeister, nachdem er den Beutel untersucht und gefunden hatte, daß er leer war.

Wenn nun Ivar Ivarsson Ja geantwortet hätte, wäre die Sache vielleicht damit abgetan gewesen, aber anstatt dessen gestand er mit der größten Ruhe der Welt:

»Nein, der lag auf dem Wege, nicht weit von der Stelle, wo Ingilbert fiel. Ich hob ihn auf und warf ihn in die Butte, weil er noch unbenützt und ganz aussah.

»Aber gerade in einem solchen Beutel lag der Ring, als der Propst ihn Ingilbert zuwarf,« sagte der Rittmeister, und nun war das Dunkel wieder in der Stimme und im Gesichtsausdruck.

»Und da wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ihr Ivarsöhne mit mir zum Amtmann kommt, wenn ihr euch nicht lieber dafür entscheidet, mir den Ring gutwillig zu geben.«

Aber nun war es mit der Geduld der Olsbyer zu Ende.

»Der Herr Rittmeister ist nicht derjenige, der das Recht hat, uns zu verhaften,« sagte Erik Ivarsson. Damit ergriff er den Spieß, der neben Ingilbert lag, um sich einen Weg zu bahnen, und sein Bruder und sein Schwiegersohn gesellten sich zu ihm.

Die Hedebyer wichen in der ersten Verblüffung zurück, bis auf den Rittmeister, der vor Wohlbehagen laut auflachte. Er zog seinen Säbel und hackte den Spieß durch.

Aber das war die einzige Waffentat, die in diesem Kriege vollbracht wurde. Die eigenen Leute des Rittmeisters zogen ihn zurück und entrissen ihm die Waffe.

Es war nämlich so, daß Amtmann Carelius es für gut befunden hatte, sich auch an jenem Morgen in den Wald zu begeben. Er war gerade im rechten Augenblick auf dem Pfade zum Vorschein gekommen, gefolgt von einem Gerichtsdiener.

Nun gab es neue Untersuchungen und neue Verhöre, aber das Ende war doch, daß Erik Ivarsson, sein Bruder Ivar und ihr Pflegesohn Paul verhaftet und als des Mordes und Raubes stark verdächtig ins Gefängnis geführt wurden.

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