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Der Ring des Generals

Selma Lagerlöf: Der Ring des Generals - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenovelette
authorSelma Lagerlöf
titleDer Ring des Generals
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 10. Auflage
year1925
translatorMaria Franzos
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid983d0dc1
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10

Wieder vergingen einige Jahre, ohne daß man etwas von dem Ring hörte. Aber da geschah es, daß Jungfer Malvina Spaak im Jahre 1778 als Hausmamsell nach Hedeby kam. Sie war eine arme Pastorstochter aus Sörmland, hatte noch nie den Fuß nach Värmeland gesetzt und hatte keine Ahnung von den Verhältnissen des Hauses, in dem sie dienen sollte.

Noch am selben Tage, an dem sie gekommen war, wurde sie jedoch zur Baronin Löwensköld hineingerufen, um eine recht sonderbare, vertrauliche Mitteilung entgegenzunehmen.

»Ich halte es für das Richtigste,« sagte die Schloßfrau, »der Jungfer gleich zu sagen; es läßt sich nicht leugnen, daß es hier in Hedeby spukt. Es kommt gar nicht so selten vor, daß man auf der Stiege und in den Gängen, ja, manchmal sogar drinnen in den Zimmern einem großen, grobschlächtigen Manne begegnet, der hohe Stulpenstiefel und einen blauen Uniformmantel trägt, ungefähr wie ein alter ›Karoliner‹. Er steht ganz plötzlich vor einem, wenn man eine Tür öffnet, oder zu einem Treppenabsatz kommt, und bevor man sich noch recht wundern kann, wer er sein mag, ist er schon verschwunden. Er tut einem nichts zuleide, ja, wir glauben eher, daß er uns wohl will, und ich bitte die Jungfer, keine Angst zu haben, wenn sie ihm begegnet.«

Jungfer Spaak war damals einundzwanzig Jahre alt, leicht und flink, ganz unbeschreiblich tüchtig in allen erdenklichen häuslichen Arbeiten und Verrichtungen, rührig und entschlossen, so daß jeder Haushalt, den sie führte, wie ein Uhrwerk ging. Aber sie hatte unermeßliche Angst vor Gespenstern, und sie hätte niemals den Platz in Hedeby angenommen, wenn sie dies im vorhinein gewußt hätte. Aber nun war sie einmal da, und ein armes Mädchen muß sich hüten, sich einen guten Posten zu verscherzen. Darum knixte sie vor der Baronin, dankte für die Warnung und versicherte, sie würde sich schon nicht ins Bockshorn jagen lassen.

»Ja, wir begreifen gar nicht, warum er hier umgeht,« fuhr die Baronin fort. »Meine Töchter meinen, daß er dem Großvater meines Mannes ähnlich sieht, dem General Löwensköld, den die Jungfer dort drüben auf dem Bilde sieht, und sie pflegen ihn den General zu nennen. Aber die Jungfer versteht doch, niemand will damit sagen, daß es der General selbst ist – er soll ein ganz ausgezeichneter Mensch gewesen sein – der da umgeht. Tatsache ist, daß wir die ganze Geschichte durchaus nicht verstehen, und wenn die Dienstleute mit irgendwelchen Erklärungen kommen, hoffe ich, daß die Jungfer Verstand genug hat, sie gar nicht erst anzuhören.«

Jungfer Spaak knixte noch einmal und versicherte, daß sie den Dienstleuten nie den geringsten Klatsch über die Herrschaft angehen ließ, und damit war die Audienz zu Ende.

Die Jungfer war freilich nur eine arme Haushälterin, aber da sie besserer Leute Kind war, durfte sie am Herrschaftstisch essen wie der Inspektor und die Gouvernante. Sie war übrigens zierlich und anmutig, ein kleines, zartes Figürchen, blondes Haar und blumenrote Wangen, durchaus keine Unzier für den Herrschaftstisch. Alle fanden in ihr ein herzensgutes Geschöpf, das sich in jeder Weise nützlich zu machen verstand, und sie war bald allgemein beliebt.

Gar bald merkte sie, daß der von der Baronin erwähnte Spuk ein ständiges Gesprächsthema bei den Mahlzeiten war. Bald erklärte eines der jungen Fräuleins, bald die Gouvernante: Heute habe ich den General gesehen, ganz, als wäre dies etwas, worauf man Wert legte und dessen man sich rühmte.

Es verging kaum ein Tag, ohne daß jemand sie fragte, ob sie dem Geist noch nicht begegnet sei, und als sie immer wieder verneinen mußte, merkte sie, daß dies eine gewisse Geringschätzung hervorrief. Es war, als sei sie weniger als die Gouvernante und der Inspektor, die beide den General schon unzählige Male gesehen hatten.

Jungfer Spaak war es noch nie untergekommen, daß man einem Gespenst in so ungezwungener Weise begegnete, und sie ahnte vom ersten Augenblick an, daß dies ein Ende mit Schrecken nehmen würde. Sie sagte zu sich selbst, daß, wenn es wirklich ein Wesen aus der anderen Welt war, welches sich da zeigte, es sicherlich ein Unglücklicher sein mußte, der die Hilfe der Lebenden brauchte, um Ruhe im Grabe zu finden. Sie gehörte zu den tatkräftigen Naturen, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte man ernste Nachforschungen angestellt, um der Sache auf den Grund zu kommen, anstatt sie als Gesprächsthema an der Mittagstafel zu verwenden.

Aber die Jungfer wußte, was ihrer Stellung zukam, und ein Wort des Tadels über das Betragen der Herrschaften wäre ihr nie über die Lippen gekommen. Sie hütete sich für ihre eigene Person, an den Scherzen über das Gespenst teilzunehmen und behielt ihre trüben Ahnungen für sich selbst.

Jungfer Spaak war einen ganzen Monat in Schloß Hedeby gewesen, bevor sie den Geist zu Gesicht bekam. Aber eines Vormittags, als sie auf dem Boden gewesen war, um die Wäsche einzuzählen, begegnete sie unversehens auf der Treppe einem Mann, der rasch beiseite trat, um sie vorbeizulassen. Es war mitten am helllichten Tage, und sie dachte an gar keinen Geisterspuk. Sie fragte sich nur, was ein fremder Mann oben auf dem Boden zu suchen haben konnte, und sie drehte sich um, damit sie ihn nach seinem Begehr frage. Aber auf der ganzen Treppe war kein Mensch zu sehen. Die Jungfer lief hastig wieder hinauf, guckte auf den Boden, untersuchte dunkle Winkel und Dachkammern, ganz bereit, einen Dieb beim Kragen zu packen. Aber als kein menschliches Wesen zu sehen war, ging ihr plötzlich ein Licht auf, wie die Sache zusammenhing.

»Was bin ich doch für ein dummes Ding,« rief sie aus. Das war natürlich kein anderer als der General.

Ja gewiß, ja gewiß! Der Mensch hatte doch einen blauen Rock getragen, ganz wie der alte General auf dem Bilde, und hatte ebensolche ungeheure Stulpenstiefel angehabt. Das Gesicht hatte sie nicht recht erkennen können, es war etwas Graues, etwas Nebelhaftes über den Zügen gelegen.

Jungfer Spaak blieb eine gute Weile auf dem Boden, um sich zu fassen. Die Zähne schlugen aufeinander, und die Beine wollten unter ihr einknicken. Wenn sie nicht an das Mittagessen zu denken gehabt hätte, sie wäre nie die Bodentreppe hinuntergekommen. Sie beschloß sofort, das, was sie gesehen hatte, für sich zu behalten und sich nicht von den anderen damit necken zu lassen.

Aber sie konnte den General nicht aus ihren Gedanken bringen, und etwas Sonderbares mußte man ihr angesehen haben, denn kaum hatte man sich zum Mittagstisch gesetzt, als der Sohn des Hauses, ein neunzehnjähriger Jüngling, der eben von Upsala zu den Weihnachtsferien nach Hause gekommen war, sich ihr zuwandte.

»Heute hat die Jungfer Spaak den General gesehen,« sagte er, und bei dieser plötzlichen Anrede hatte sie nicht die Geistesgegenwart, zu leugnen.

Mit einem Male sah sich Jungfer Spaak als die Hauptperson bei Tische. Alle bestürmten sie mit Fragen, die sie doch so einsilbig als möglich beantwortete. Unglücklicherweise konnte sie nicht in Abrede stellen, daß sie ein bißchen erschrocken war, und darüber amüsierte man sich königlich: erschrocken vor dem General! Nein, das konnte doch niemandem einfallen.

Jungfer Spaak hatte schon öfter beobachtet, daß der Baron und die Baronin sich niemals an den Scherzen über den General beteiligten. Sie ließen die anderen nur gewähren, ohne sie zu stören. Nun bemerkte sie, daß der junge Student die Sache viel ernster nahm als die übrige Jugend.

»Ich für mein Teil,« sagte er, »ich beneide alle, die den General zu sehen bekommen. Ich möchte ihm helfen, aber mir ist er nie erschienen.«

Er sagte dies mit wirklicher Betrübnis und mit einem so schönen Ausdruck, daß Jungfer Spaak innerlich zu Gott betete, daß sein Wunsch doch bald in Erfüllung gehen möge. Der junge Baron würde sich sicherlich des armen Gespenstes erbarmen und ihm die Ruhe des Grabes wiederschenken.

In der nächsten Zeit schien Jungfer Spaak mehr als irgendein anderer der Gegenstand der Aufmerksamkeit des Geistes zu sein. Sie sah ihn so oft, daß sie sich beinahe an ihn gewöhnte. Es war ein plötzliches, augenblickliches Auftauchen, bald auf der Stiege, bald im Flur, bald in einer dunklen Ecke der Küche.

Nie konnte man den leisesten Anlaß des Spuks ausfindig machen. Jungfer Spaak fragte sich manchmal, ob es vielleicht etwas im Hause geben könnte, dem der Geist nachspürte. Aber da er in derselben Sekunde verschwand, in der der Blick eines Menschenauges ihn traf, konnte sie über seine Absichten nicht ins klare kommen.

Den Aussagen der Baronin zum Trotz, merkte Jungfer Spaak, daß die ganze Jugend von Hedeby steif und fest davon überzeugt war, daß es der alte General Löwensköld war, der umging. »Er fühlt sich nicht wohl in seinem Grabe,« sagten die jungen Fräuleins, »und es interessiert ihn, zu verfolgen, was wir hier in Hedeby treiben. Man kann ihm dieses kleine Vergnügen nicht verargen.«

Die Jungfer, die jedesmal, wenn sie den General gesehen hatte, in die Speisekammer gehen mußte, um unbehelligt von den Scherzen der Mägde zu zittern und mit den Zähnen zu klappern, hätte wohl gewünscht, daß er sich nicht so sehr für Hedeby interessierte. Aber sie merkte, daß die übrige Familie ihn geradezu vermißt haben würde.

Man saß zum Beispiel einen langen Abend bei seiner Handarbeit. Man spann oder man nähte, die Lektüre konnte manchmal ausgehen und die Gesprächsthemen ebenfalls. Da stieß plötzlich eines der Fräuleins einen Schrei aus: sie hatte dicht an der Scheibe ein Gesicht gesehen, nein, eigentlich kein Gesicht, nur zwei Reihen blinkender Zähne. Man zündete in aller Eile eine Laterne an, man öffnete die Flurtür, alle Damen mit der Baronin an der Spitze, stürzten hinaus, um den Friedensstörer zu finden. Aber natürlich konnte man nichts entdecken. Man ging wieder hinein, verschloß die Fensterläden, zuckte die Achseln und sagte, es sei wohl kein anderer gewesen als der General. Aber unterdessen war man wach geworden. Man hatte nun etwas, worüber man hin und her grübeln konnte, die Spinnrocken drehten sich mit neuem Schwung, das Plaudern kam in Gang.

Die ganze Familie war überzeugt, daß, sobald man am Abend den Speisesaal verlassen hatte, der General den Raum in Besitz nahm, und daß man ihn dort gefunden haben würde, wenn man sich in das Zimmer gewagt hätte. Und sie hatten nichts dagegen, daß er sich dort drinnen aufhielt. Jungfer Spaak glaubte, daß sie Gefallen an dem Gedanken fanden, daß der friedlose Stammvater in eine warme, behagliche Stube einkehren konnte.

Es gehörte zu den Eigenheiten des Generals, daß er den Speisesaal aufgeräumt und in Ordnung finden wollte, wenn er dort einzog. Jeden Abend sah die Jungfer, wie die Baronin und die Fräuleins ihre Arbeiten zusammenlegten und sie mitnahmen; Spinnrocken und Stickrahmen wurden auch in ein anderes Zimmer getragen. Nicht soviel wie ein Fadenendchen ließ man auf dem Boden liegen.

Jungfer Spaak, die in der Kammer hinter dem Speisesaal schlief, erwachte eines Nachts dadurch, daß irgendein Gegenstand mit hartem Aufplumpsen an die Wand, an der das Bett stand, schlug, und dann über den Boden rollte. Kaum konnte sie sich fassen, als ein neuer Krach und ein neues Rollen erfolgte, und dies wiederholte sich noch zweimal.

Herr, du mein Gott, was treibt der drinnen jetzt? seufzte sie, denn sie begriff ja, von wem der Lärm herrührte. Das war wirklich keine behagliche Nachbarschaft. Die ganze Nacht lag sie da, und der kalte Schweiß brach ihr aus allen Poren, vor Angst, daß der General hereinkommen und sie in einer Gespensterumarmung ersticken könnte.

Als sie am Morgen in den Speisesaal ging, um zu sehen, was geschehen war, nahm sie sowohl die Köchin wie das Stubenmädchen mit. Aber nichts war zerstört, keine Unordnung war zu merken, nur daß mitten im Zimmer vier Äpfel lagen. Ach, ach, man hatte ja am vorigen Abend am Kamin gesessen und hatte Äpfel gegessen, und vier Äpfel waren auf dem Kaminsims vergessen worden. Aber dies hatte dem General nicht behagt. Jungfer Spaak hatte ihre Nachlässigkeit mit einer schlaflosen Nacht büßen müssen.

Andererseits konnte Jungfer Spaak nie vergessen, daß sie einmal einen wirklichen Freundschaftsbeweis vom General empfangen hatte.

Es war Gesellschaft auf Schloß Hedeby gewesen, ein großes Mittagsessen mit vielen Gästen. Jungfer Spaak hatte alle Hände voll zu tun gehabt, Braten an allen Spießen, Windbeutel und Pasteten im Backrohr, und Bouillonkessel und Saucepfannen auf dem Herdfeuer. Und nicht genug damit, die Jungfer sollte auch drinnen im Speisesaal sein, das Tischdecken überwachen, das Silber übernehmen, das die Baronin selbst ihr vorzählte, daran denken, daß Wein und Bier aus dem Keller heraufkam und daß die Kerzen richtig in den Kronleuchtern steckten. Wenn man dazu bedenkt, daß die Küche von Hedeby in ein Flügelgebäude verlegt war, so daß man über den Hof laufen mußte, um hinzukommen, und daß sie bei diesem festlichen Anlaß von fremden und dazu ungeschulten Dienstleuten wimmelte, so kann man sich schon denken, daß es eine tüchtige Person sein mußte, die an der Spitze des Ganzen stand.

Aber alles ging wie am Schnürchen. Es gab keine Daumenabdrücke auf den Gläsern, keinen zweifelhaften Inhalt in den Pasteten, das Bier hatte geschäumt, die Bouillon war gerade richtig gewürzt gewesen, und der Kaffee hatte die erwünschte Stärke. Jungfer Spaak hatte gezeigt, was sie konnte, und die Baronin selbst hatte ihr Komplimente gemacht und gesagt, es hätte nicht besser sein können.

Aber dann kam der furchtbare Rückschlag. Als die Jungfer der Baronin das Silber wieder übergeben sollte, fehlten zwei Löffel, ein Eßlöffel und ein Kaffeelöffel.

Das gab einen Aufruhr. Dazumal konnte nichts Ärgeres in einem Hause passieren, als daß etwas vom Silber fehlte. Das war ein Fieber, eine Unruhe in Schloß Hedeby. Man tat nichts anderes als suchen. Man erinnerte sich, daß eine alte Landstreicherin am Festtage in der Küche gewesen war und man war schon drauf und dran, weit hinauf nach Finnmarken zu fahren, um sie zu erwischen. Man wurde mißtrauisch und unvernünftig. Die Herrin verdächtigte die Haushälterin, die Haushälterin die Mägde, die Mägde einander und die ganze Welt. Bald zeigte sich die eine, bald die andere mit rotverweinten Augen, weil sie glaubte, daß die anderen glaubten, sie hätte sich die zwei Löffel angeeignet.

Dies ging nun schon ein paar Tage so, nichts hatte man gefunden, und Jungfer Spaak war der Verzweiflung nahe. Sie war im Schweinekoben gewesen und hatte den Schweinetrank untersucht, um zu sehen, ob die Löffel vielleicht dort gelandet waren. Sie hatte sich auf die Bodenkammer der Mägde geschlichen und in aller Heimlichkeit ihre kleinen Truhen untersucht. Alles war vergebens gewesen, und jetzt wußte sie nicht mehr, wo sie noch suchen sollte. Sie merkte, daß die Baronin und der ganze Hausstand sie, die Fremde, im Verdacht hatte. Sie hatte das Gefühl, daß man ihr kündigen würde, wenn sie nicht selbst kündigte.

Jungfer Spaak stand über den Küchenherd gebeugt und weinte, so daß die Tränen zischend auf die heiße Platte fielen, als sie plötzlich das Gefühl hatte, daß sie sich umwenden sollte. Sie tat es, und siehe da! Da stand der General drüben an der Küchenmauer und deutete auf ein Wandbrett, das hoch oben in so unbequemer Lage angebracht war, daß es einem eigentlich nie einfiel, etwas hinaufzulegen.

Der General verschwand wie gewöhnlich im selben Augenblick, in dem er sichtbar geworden war, aber Jungfer Spaak gehorchte seinem Wink. Sie holte die Leiter aus der Speisekammer, stellte sie zu dem Wandbrett, reckte sich hinauf und bekam einen alten, schmutzigen Ausreibfetzen in die Hand. Aber in dem Fetzen lagen die beiden Silberlöffel eingerollt.

Wie waren sie dahingekommen? Sicherlich war es ohne irgend jemandes Wissen oder Wollen geschehen. In dem grenzenlosen Durcheinander bei solch einem großen Festschmaus konnte alles passieren. Der Fetzen war fortgeschleudert worden, weil er im Wege lag, und die Silberlöffel waren irgendwie mitgekommen, ohne daß man es bemerkt hatte.

Aber nun waren sie wiedergefunden, und Jungfer Spaak trug sie glückstrahlend zu der Baronin hinein und war wieder die Helferin und rechte Hand aller Menschen.

Nichts Böses, das nicht auch etwas Gutes im Gefolge hätte. Als der junge Baron Adrian im Frühling heimkam, hörte er davon, daß der General der Jungfer Spaak eine ungewöhnliche Gunst erwiesen hatte, und sofort begann er ihr in ganz besonderer Weise seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. So oft er nur konnte, suchte er sie in der Büfettkammer oder draußen in der Küche auf. Bald kam er unter dem Vorwand, daß er eine neue Schnur für seine Angel brauchte, bald sagte er, es sei der gute Geruch der frischgebackenen Semmeln, der ihn hereingelockt hätte. Bei diesen Anlässen brachte er immer das Gespräch auf das Gebiet des Übersinnlichen. Er ließ sich von der Jungfer Gespenstergeschichten aus den großen Sörmländer Höfen wie Julita und Eriksberg erzählen, und wollte wissen, was sie davon hielt.

Aber am häufigsten wollte er von dem General sprechen. Er sagte, er könne mit den anderen nicht über diese Sache reden, weil sie sie von der scherzhaften Seite nahmen. Er für sein Teil hatte Mitleid mit dem armen Gespenst und wollte ihm zur Ruhe verhelfen. Wenn er nur wüßte, wie er das anstellen sollte!

Da sagte Jungfer Spaak, ihre bescheidene Meinung sei die, daß es etwas im Hause gäbe, dem er nachspähte.

Der junge Baron erblaßte ein wenig. Er sah die Jungfer forschend an.

» Ma foi, Jungfer Spaak,« sagte er, »das ist auch eine Idee! Aber ich versichere der Jungfer, wenn wir hier auf Hedeby etwas hätten, was der General sich wünscht, wir würden keinen Augenblick zögern, es ihm zu überlassen.

Jungfer Spaak begriff ja sehr gut, daß der junge Baron sie einzig und allein des Spukes wegen aufsuchte, aber er war ein so liebenswürdiger junger Mann und so schön. Ja, wenn die Jungfer ihre Meinung sagen sollte, mehr als schön. Er trug den Kopf etwas vorgeneigt, er hatte etwas Nachdenkliches an sich, ja viele meinten, er sei gar zu ernst. Aber das war nur, weil sie ihn nicht kannten. Manchmal warf er den Kopf zurück und scherzte und kam auf tollere Schelmenstücke als irgendein anderer. Aber was er auch tat, es war ein unbeschreiblicher Reiz in seinen Gebärden, seiner Stimme, seinem Lächeln.

Jungfer Spaak war an einem Sommersonntag in der Kirche gewesen und wanderte auf einem kleinen Abkürzungsweg, der schräg über die Pfarrhoffelder ging, heimwärts. Einer oder der andere Andächtige hatte denselben Weg eingeschlagen, und die Jungfer, die es eilig hatte, mußte eine Frau überholen, die zu langsam für sie ging. Gleich darauf kam die Jungfer zu einem Zauntritt, der recht beschwerlich war, und dienstfertig, wie sie immer war, dachte sie an die langsame Wanderin und blieb stehen, um ihr über den Zaun hinüber zu helfen. Sie reichte ihr die Hand, und da merkte sie, daß die Frau gar nicht so alt war, als sie zuerst geglaubt hatte. Sie hatte ein ungewöhnlich weißes und glattes Gesicht, so daß die Jungfer sich dachte, es könne ganz gut möglich sein, daß sie nicht mehr als fünfzig Jahre zählte. Obgleich sie offenbar nichts anderes war als eine gewöhnliche Bäuerin, hatte sie doch eine eigene Würde an sich, so als ob sie etwas erlebt hätte, was sie über ihren Stand hinausgehoben hätte.

Als sie der Frau über den Zaun geholfen hatte, gingen die Jungfer und sie nebeneinander auf dem schmalen Pfade weiter.

»Das ist gewiß die Jungfer, die dem Haushalt in Hedeby vorsteht,« sagte die Bäuerin.

»Ja, das bin ich,« antwortete Jungfer Spaak.

»Ich möchte wirklich wissen, ob die Jungfer gern da ist.«

»Warum sollte man in einem so guten Hause nicht gern sein?« erwiderte die Jungfer zurückhaltend.

»Die Leute sagen ja, daß es da spuken soll?«

»Man soll nicht glauben, was die Leute schwätzen,« sagte die Jungfer in zurechtweisendem Ton.

»Das soll man wohl nicht, nein, das weiß ich ja,« sagte die andere.

Eine Weile blieb es still. Man merkte ja, daß diese Frau etwas wußte, und tatsächlich brannte die Jungfer Spaak vor Begier, sie auszufragen. Aber es war ja nicht richtig, nicht schicklich.

Die Frau war es, die das Gespräch wieder aufnahm.

»Ich finde, die Jungfer schaut so lieb drein,« sagte sie, »und ich will darum der Jungfer einen guten Rat geben. Bleibe Sie nicht zu lange in Hedeby, denn er, der dort umgeht, mit ihm ist nicht zu spaßen. Der läßt nicht früher nach, bis er das hat, was er haben will.«

Jungfer Spaak wollte zuerst ein wenig von oben herab für die Warnung danken, aber die letzten Worte erregten ihre Neugierde.

»Was ist denn das, was er haben will? Weiß Sie, was das ist?«

»Weiß die Jungfer das nicht?« sagte die Bäuerin. »Ja, dann will ich nichts mehr sagen. Es ist vielleicht am besten für die Jungfer, wenn Sie nichts weiß.«

Damit reichte sie Jungfer Spaak die Hand, bog in einen anderen Pfad ein und war bald außer Sehweite.

Jungfer Spaak hütete sich wohl, dieses Gespräch der ganzen Familie beim Mittagstisch zu erzählen, aber am Nachmittag, als Baron Adrian sie in der Milchkammer aufsuchte, ließ sie ihn wissen, was die fremde Frau ihr gesagt hatte. Er war wirklich sehr überrascht.

»Das muß Marit Erikstochter aus Olsby gewesen sein,« sagte er. »Weiß die Jungfer, daß dies das erstemal seit dreißig Jahren ist, daß sie einem aus Hedeby ein freundliches Wort gegeben hat? Mir hat sie einmal eine Mütze geflickt, die ein Olsbyer Junge mir zerrissen hatte, aber sie sah dabei aus, als wollte sie mir die Augen auskratzen.«

»Aber weiß sie, was es ist, was der General sucht?«

»Sie weiß es besser als irgend jemand, Jungfer Spaak. Und ich weiß es auch. Mein Vater hat mir die Geschichte erzählt. Aber die Eltern wollen nicht, daß man es den Schwestern sagt. Sie würden Gespensterfurcht bekommen und vielleicht nicht mehr hier wohnen wollen. Ich darf es auch der Jungfer nicht erzählen.«

»Gott bewahre uns!« sagte die Jungfer. »Wenn der Herr Baron es verboten hat ...«

»Es tut mir leid,« sagte Baron Adrian. »Ich glaube, die Jungfer würde mir helfen können.«

»Ach, wenn ich das dürfte!«

»Denn, ich wiederhole es,« sagte Baron Adrian, »ich will dem armen Geist zur Ruhe verhelfen. Ich habe keine Angst vor ihm. Ich werde ihm folgen, sobald er mich ruft. Warum erscheint er allen anderen, nur mir nie?«

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