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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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7.

Nach den großen Strapazen der letzten Tage und Nächte war es für den Burschen kein kleines, Brieg am nächsten Morgen aus den Federn zu bringen. Im vergangenen Jahre, am Morgen nach einem Liebesmahl, war es sogar passiert, daß er seinen Herrn überhaupt nicht wach bekam, und in seiner Not hatte er den Wachtmeister herbeigerufen, der ebensowenig zu helfen wußte. Jedenfalls hatte Brieg das Exerzieren verabsäumt und der Oberst hatte ihm den Regimentsarzt auf den Hals geschickt, der den jungen, hochgeschossenen Körper nach allen Richtungen beklopfte und befühlte, und ihm schließlich Überanstrengungen und schwere Zigarren verbot, eine Mahnung, die der Kommandeur ihm grimmig wiederholte. Brieg ließ es dabei bewenden, obwohl er nie Zigarren rauchte; aber im Geiste des Kommandeurs war zu dem Bilde des Säufers, für den er den jungen Offizier hielt, noch das des Narkotikers getreten; und das hielt er ihm auch heute nach dem Exerzieren mit dürren Worten vor, nachdem er ihn in Gegenwart seines Rittmeisters zu sich heran gerufen hatte.

Brieg bekam keinen geringen Schrecken darüber, zumal er sah, wie Meyring in einiger Entfernung hielt und schadenfrohe Blicke auf ihn warf. Seine Befürchtung war jedoch irrig. Der Fall Korner kam nicht zur Sprache. Wohl aber diktierte ihm der Oberst zwei Tage Stubenarrest zu, weil er als Offizier vom Dienst das Quartier eigenmächtig verlassen und das Brandpikett nicht geführt hätte. Käme dergleichen noch einmal vor, so würde er ihn zum Train versetzen lassen. Den Arrest sollte er sofort antreten und Herr von Korner den Regimentsdienst übernehmen.

Brieg fühlte sich wie geohrfeigt; ein paar rote Flecken brannten ihm auf den Backen, als er mit seinem Rittmeister der Schwadron nachtrabte. Er sollte erst später durch Werdeck erfahren, daß diese Bestrafung nur die Folge von Meyrings Angeberei und die prompte Dankesquittung für den gestrigen Zwischenfall war; das Garnisonkommando hatte gar nichts gemeldet, denn Schmitt hatte das Pikett an seiner Statt geführt, als er und mehrere Herren vom Spieltisch aufbrachen, um es zur Abwechslung brennen zu sehen. Einstweilen glaubte er also, daß die Meldung vom Garnisonältesten ergangen sei, und machte sich daheim bittere Vorwürfe über seinen Leichtsinn.

Es war der erste Tintenklex auf seiner Konduite – und wer weiß? – vielleicht nur das harmlose Vorspiel eines noch viel schlimmeren Krachs – jetzt, wo sein Vater in Sicht war! Im Herzen fühlte er sich zwar keiner Untat schuldig, aber er wußte ja nicht, wie die andern seinen vermeintlichen Verstoß gegen die Kameradschaft auffaßten, und ob Meyring oder Korner die Sache nicht dem Ehrenrat gemeldet hätten. – Und lag darin, daß er sofort seinen Arrest antreten mußte und daß gerade Herr von Korner für ihn Regimentsdienst übernahm, nicht schon ein Beweis, daß der Kommandeur für diesen Partei nahm?

Jedesmal, wenn ein Paar schwere Kommißstiefel vor seiner Tür vorbeidröhnten, fuhr er scheu auf und gewärtigte das Eintreten eines Kartellträgers oder des Untersuchung führenden Offiziers. Er malte sich alle möglichen Schreckbilder aus; bald war es der drohende Blick seines Vaters, bald der höhnische seiner Kameraden, der ihn aus einer Ecke seines Kasernenzimmers anstierte.

Da er die Ermattung der letzten Tage noch in allen Gliedern spürte, so benutzte er die seltene Gelegenheit, sich einmal früh zu Bett zu legen und auszuschlafen; aber der Schlaf floh seine Lider und er wälzte sich voll unruhiger Gedanken im Bette. Unklare Ideen, nach Amerika zu gehen, wirbelten ihm durch den Kopf. Und doch konnte er sich gar nicht recht vorstellen, wie es war, wenn jemand sich seine Tätigkeit und sein Schicksal selbst bestimmte. Schon in seinen kurzen Urlaubstagen war es ihm stets gewesen, als hätte er den Schwerpunkt verloren ...

Im Grunde wußte er selbst nicht, was ihn noch weitertrieb: er war wieder am Lebensbankrott angelangt, wie einst auf der Kriegsschule, als er zum ersten Male vor der Bahre eines Selbstmörders stand ...

Er war damals in seinen Wertherjahren und sein Herz war wund und überwund von all den Enttäuschungen der ersten Lebenserfahrungen. Schlich er am leuchtenden Frühlingsmorgen an den fettdunstigen Küchenräumen und Kloaken der Kriegsschule vorbei, so hätte er weinen mögen über die Lenzsonne, die Maden in einem toten Hund ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt ... Ja, er kannte seinen Hamlet gut, und der berühmte Selbstmordmonolog stand ihm in die Seele geschrieben. Und da erschoß sich nun eines Tages ein Hauptmann, sein Planzeichnenlehrer, ein Mann von vornehmem und mildem Wesen, – niemand wußte, warum. Eine Viertelstunde vorher hatte er im Hörsaal noch eine Aufgabe für die nächste Stunde gegeben; dann war er gegangen, so ruhig, als wollte er sich zu Bette legen ... Er war vor kurzem aus dem Generalstab gekommen, um sich in dieser leichteren Stellung ein wenig zu erholen, und er wäre jedenfalls dorthin wieder zurückgekehrt. Und nun warf er das Leben fort wie ein altes Kleid! Hatte er vielleicht alles erwogen, seine gewisse Zukunft, seine glänzende Laufbahn – gewogen und zu leicht befunden? Gerade die Unkenntnis aller Motive war es, die den phantasievollen Jüngling bestrickte. Und er fragte sich, warum er noch lebte, warum er dem Finger des Todes nicht folgte, der ihm aus diesem Selbstmord so magisch zuwinkte? Hatte dieser Mann, der das Leben kannte, der kein tastender Jüngling mehr war, sich erschossen: wozu wollte er dann nach leben? Es endigte ja doch mit der Einsicht: »Es ist alles eitel,« endigte ja doch – früher oder später – mit dem Tode! Warum also später? Warum nicht sogleich?

Und er lebte noch einmal die unausgelöschten Eindrücke der Beerdigung durch. Es war ein dumpfer, regnerischer Apriltag, an dem die ganze Kriegsschule in die Wohnung des Selbstmörders zog. Der Sarg verschwand unter Blumenspenden. Ein betäubender Duft von Totenkränzen und schwelenden Wachskerzen herrschte. Dann ordnete sich der Leichenzug; die Musik spielte Trauermärsche und von den Türmen läuteten die Glocken. Es war ein ehrliches Begräbnis. Man hatte gesagt, der Hauptmann habe sich in geistiger Umnachtung erschossen, wiewohl er doch kurz vorher noch Unterricht erteilt hatte! Man hatte es gesagt, um ihm die Ehre der Grabsalven zu wahren und die Trauerparade durch die ganze Stadt! Mit krankhafter Wollust schlürfte sein zerrissenes Gemüt die dumpfen Trommelwirbel ein und die süßen, schluchzenden Trauerklänge; ihm war, als schritte er zu seinem eignen Begräbnis. Es war ein langer Zug von Menschen, die durch Schmutz und Sprühregen ihre neuste Uniform zur Schau trugen. Dann ging es über die alten Stadtwälle hin, wo der Schlehdorn blühte, nach dem hochliegenden Kirchhof, und die Leichenrede begann. Eintönig fielen die Worte des Pfarrers wie die rieselnden Tropfen, es war, als weinte der Himmel über dieses Begräbnis. Dann plötzlich ertönten Kommandos; Hähne knackten, und eine Salve krachte über das Grab hin – und noch eine – und noch eine. Oh dieses Krachen tat seinen zuckenden Nerven wohl! Hätte er doch vor den Büchsen gestanden und wäre da füsiliert worden: dann wäre alles gut gewesen! Er warf noch einen Blick auf die Stelle, wo der Sarg verschwunden war; dann trollte er mechanisch hinter den andern nach Hause. Als er in der Kriegsschule anlangte, war eine fade Leere in seinem Herzen. Der Zwang des Dienstes, die lebenslustige Jugend, der Leichtsinn der Kameraden taten das übrige – und so kam er über den Selbstmord hinaus. – Aber nun war er wieder so weit wie damals!

Brieg erwachte am nächsten Morgen mit feuchten Augen. Im Traume hatte er seine Mutter wiedergesehen: sie hatte ihn wehmütig angeblickt. Seit ihrem Tode verzehrte sich sein liebedurstiges Herz; er vermißte die warme Sonne ihrer Liebe, und unaufhörlich suchte er nach Ersatz. Schillers hochfliegender Idealismus und Heines sehnsuchtskranke Lyrik hatten ihn schon als Kadetten abwechselnd getröstet. Wenn die andern zu Bett gingen, bat er um Erlaubnis, zum Arbeiten aufbleiben zu dürfen; in Wahrheit aber schwelgte er in seinen Büchern, und mit seligem Erstaunen fühlte er den Quell der Dichtung im eigenen Busen aufbrechen. Durch das halboffene Fenster trug der Nachtwind das Geräusch eines fern durch die Heide laufenden Zuges an sein Ohr und ein schwärmender Nachtfalter stieß gegen die Lampe ... Bisweilen hielt er inne und weinte Tränen des Glückes über seine Ergüsse; doch bei dem leisesten Laut auf dem Gang schrak er zusammen und ließ die verbotenen Früchte im Schubfach verschwinden. Das waren Stunden innerer Weihe und Verzückung, die zwar seine Wangen bleichten, aber sie trugen ihn mit starken Armen durch die Dürre seines Lebens und bewahrten ihn vor Stumpfsinn oder Verzweiflung. Auf der Kriegsschule hatte er es dann weiter getrieben. Wenn seine Kameraden des Abends ihrem Durst oder ihrer Begierde nachgingen, blieb er oftmals zurück, um die Enttäuschungen und Sehnsüchte seiner wunden Seele in Verse zu gießen; sie waren ihm wie seine Tränen eine schmerzgeborne Erleichterung.

Und so trat er auch jetzt unwillkürlich an den Schreibtisch und zog zwischen Briefen, Meldekarten und Rechnungen ein paar Schreibbogen hervor, um sein Herz wieder einmal auszuschütten. Etwas lange Gehemmtes brach aus ihm hervor und stand auf dem Papier, ohne daß er es wußte, was ihm die Feder führte. In solchen Augenblicken fühlte er seinen Stolz schwellen; da stand er in seinen Augen gerechtfertigt vor den Kameraden mit ihren rohen Freuden, die manchmal ein Buch verkehrt faßten, um darin zu lesen. Er merkte kaum, daß es Abend wurde; erst als er gar nichts mehr sah, hörte er auf zu schreiben und versank in stilles Träumen.

»Na, was ist denn hier für 'ne ägyptische Finsternis,« schnarrte es plötzlich hinter ihm, daß er schreckhaft zusammenfuhr und die beschriebenen Blätter rasch zu verstecken suchte. »Nehmen Sie doch mal das Futteral von Ihrer Nase und lassen sie im Dunkeln leuchten, oder stecken Sie wenigstens 'ne Lampe an,« ermunterte Waldburgs Stimme. Er drehte sich um und erkannte noch einen Zweiten. Als er ein Streichholz ansteckte, sah er zu seinem Schrecken, daß es Meyring war.

»So, und nun geben Sie uns mal 'n Schnaps, aber 'n anständigen,« fuhr Waldburg unbekümmert fort, »nicht so einen wie Ihre Zigarren, – die sind nur im Freien zu rauchen.«

»Ich darf als Arrestant gar keinen Besuch annehmen,« antwortete Brieg, um sich vor dem Adjutanten keine Blöße zu geben; aber diesem kam solche Tugendhaftigkeit im Gegenteil recht verdächtig vor und er argwöhnte, daß hinter dieser Ausflucht in Wirklichkeit Damenbesuch steckte.

»Wir kommen in einer Ehrensache,« entgegnete er kalt und beobachtete die Wirkung seiner Worte auf Brieg. In der Tat erschrak dieser furchtbar und glaubte sein Schicksal besiegelt; aber er nahm sich zusammen und das gelbe Lampenlicht verhehlte seine Blässe. Ein paar Duelle oder eine ehrengerichtliche Untersuchung, eins ist so schlimm wie das andre, dachte er. Aber wie erstaunte er, als Waldburg nur eine Aufklärung über den Fall Korner verlangte. Aufatmend gab er sein Ehrenwort, daß Marie ihre alte Freundin getroffen und ihr gesagt hätte, wohin sie jetzt ginge; er selbst hätte sie nicht gesprochen und es träfe ihn darum keinerlei Schuld; sie möchten sich doch bei ihr selbst erkundigen. Meyring lehnte verächtlich ab, mit dieser Person etwas zu tun zu haben, fragte jedoch ganz naiv, ob sie vielleicht in seinem Schlafzimmer versteckt wäre. »Überführen Sie sich doch bitte selbst,« forderte Brieg ihn auf, und wirklich ging Meyring in sein Schlafzimmer und blickte sich prüfend um.

Waldburg war von der Wahrheit seiner Aussagen völlig überzeugt und forderte jetzt mit verdoppelter Energie einen Schnaps. Er fand an Briegs Benehmen nichts Tadelnswertes und hatte schon im Kasino seine Partei ergriffen, als die Herren den gestrigen Vorfall glossierten und Meyring wieder über den nächtlichen Ritt zeterte, den er »pflichtschuldigst« gemeldet hatte. Die Herren hatten das zwar etwas kommissig gefunden, aber Meyring war ganz zufrieden, hier zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen; er hatte wieder einmal Furcht um sich verbreitet und zugleich sein Mütchen gekühlt; ja der Schlag seiner Pranke erschien sozusagen als eine Sühne der Unkameradschaftlichkeit durch Unkameradschaftlichkeit; denn in der Tat war Herr von Korner nach aller Ansicht durch Brieg in die Patsche geritten, und diesen traf die eigentliche Schuld dafür, daß Korner heute, mit einem ärztlichen Attest bewaffnet, beim Obersten um Urlaub nach Aachen hatte bitten müssen. Der Fall war im Kasino erregt kommentiert worden, bis Waldburg schließlich erklärte, den Missetäter selbst zu verhören, ehe man sich ein Urteil bildete. Jetzt war die Sache für ihn vergessen, und er stieß mit Herrn von Brieg an wie sonst.

»Prost,« sagte er, »auf die fünf S in Ihrer Konduite!«

»Wieso?« fragte Brieg ängstlich.

»Na, sie wissen doch sonst immer alles oder bilden sich's wenigstens ein. Wer säuft, kriegt ein S in seine Konduite. SS heißt säuft stark und so weiter bis zu fünf S, säuft sehr stark schlechten Schnaps. Das trifft auf Sie zu mit Ihrem Giftzeug.«

Damit trat er an den Schreibtisch und beäugte die über die Verse gebreitete Rechnung.

»Wohl 'ne Mahnung vom Schneider?« erkundigte er sich teilnahmsvoll. »Was wird denn der alte Herr dazu sagen, was? Wird wohl 'ne kleine Schlittenpartie mit Ihnen machen? Wissen sie, das Probateste ist: bestellen Sie sich gleich noch zwei Überröcke, dann haben Sie wieder Kredit... Und hier ein Bild von Ihrer Liebsten, was?«

So kalt und skrupellos Herr von Waldburg schien, namentlich was Schulden und Spiel anbetraf, so besaß er doch dem schönen Geschlecht gegenüber ein angebornes Zartgefühl, das er freilich nie zeigte. Aber im Grunde hatte er Mitleid mit den Frauen und bedauerte darum lebhaft die unglückliche Emmy, während er gegen ihren Zerstörer einen ehrlichen Widerwillen verspürte. Unter den Kameraden ahnte kaum einer, wie tief die Zuneigung war, die ihn selbst an die erste Schauspielerin des Stadttheaters fesselte, ein Mädchen aus vornehmer Familie, das von einem Offizier verführt und mit einem Kinde sitzen gelassen war, aber den Mut gehabt hatte, weiter zu leben und statt ins Wasser auf die Bühne zu gehen. Ihr Wandel war trotz aller Nachstellungen makellos geblieben, bis der schöne Offizier aus Hannover mit dem treuen Augenaufschlag ihren weg kreuzte. Aber da er ihre Beziehungen stets mit größtem Zartgefühl verschleierte, so munkelte man höchstens über die beiden und dies nicht ohne Respekt, aber niemand erfuhr etwas Genaues, und die Kameraden enthielten sich ganz wider ihre Gewohnheit in Waldburgs Gegenwart aller Anzüglichkeiten, so wußte denn keiner, wie nahe er oft daran gewesen war, die Ulanka auszuziehen und die Geliebte zu heiraten, und daß nur seine mißlichen Vermögensverhältnisse, die er dem Spiel verdankte und die ihn immer wieder zum Spielen zwangen, ihn einstweilen davon abschreckten. Keiner kannte auch seinen stillen Respekt vor dem Kreuz der Liebe, den er durch die Einblicke in das Herz des unglücklichen, gescheiterten Mädchens gelernt hatte, und jedenfalls würde ihn keiner verstanden haben. Immerhin war seine Feinfühligkeit nur auf diesen einen Punkt beschränkt, und die Art, wie er Brieg seine Sympathie zu beweisen suchte, ließ ihn keineswegs aus seiner üblichen Rolle fallen. Er hatte die beschriebenen Blätter entdeckt, die Brieg vergebens unter Briefen und Rechnungen zu verbergen suchte, und ein paar Blicke darauf hatten ihm die traurige Gewißheit gegeben, daß sein junger Kamerad der Verzweiflung entgegentrieb. Der Selbstmord ist in Offizierskreisen ja oft die ultima ratio, und Waldburg selbst war mehr als einmal nahe daran gewesen, seine riesigen Spielschulden durch einen Pistolenschuß zu begleichen; er begann etwas Ähnliches jetzt für Brieg zu fürchten.

»Donnerwetter, schon wieder 'n neues Drama? wieviel bringen sich denn darin um?« fragte er barsch.

»Es ist gar kein Drama,« wehrte Brieg ab, indem er ihm die Blätter vergeblich zu entreißen suchte.

»Wissen Sie, der Selbstmord ist ein Laster,« fuhr Waldburg fort, »besonders wenn er zur Gewohnheit wird.«

»Es endigt gar nicht mit Selbstmord,« erklärte Herr von Brieg in einer Anwandlung von Spottsucht. »Der Held greift zu Suff und Spiel, um sich die Öde des Alltags erträglich zu machen..«

»Ja,« seufzte Waldburg, »was soll man schließlich auch anders anfangen...?«

Brieg sah ihn einen Augenblick verwundert an. Wäre der andre nicht dagewesen, er hätte ihm als Leidensgefährten das Herz ausgeschüttet und ihn um seine Freundschaft gebeten. Aber Waldburg hatte die gleichgültige Ruhe nicht verloren.

»Ne,« sagte er, das Blatt niederlegend, »das ist nichts; da muß man zu viel nachdenken... Nach wem dichten Sie übrigens, nach Goethe oder nach dem Assistenzarzt?«

»Assistenzarzt?« wiederholte Brieg.

»Na ja, natürlich, ich meine den Schiller. Der war auch so'n Pflasterkasten wie unser Doktor Müller. Denken Sie mal, wenn der sich nun hinsetzte und losdichtete: Es gibt im Augenblicke Menschenleben...« »Sie treiben mir das Dichten doch nicht aus,« sagte Brieg fest.

»Schmieren Sie nur in Gottes Namen weiter,« lachte der andre. »Zum Beispiel ein vaterländisches Trauerspiel; da werden sie gleich zu den Gardehusaren versetzt und kriegen noch Gnadenzulage von S. M.« »Solche Hintergedanken habe ich nicht bei meiner Poeterei« lehnte der junge Mann ab.

»Haben Sie nicht wenigstens was Anständiges zu lesen?« fragte Waldburg, sich zum Gehen wendend, »Ach was, Zola oder so was,« wehrte er mit ungeduldiger Handbewegung ab, als Brieg auf ein paar Klassikerausgaben hinwies. »Mit Ihrem Hamlet oder Faust da lassen Sie mich aus, da kommt man nur auf dumme Gedanken, wie Sie... heizen Sie zur Probe mal den Ofen damit, das wird Ihnen gut tun.«

Damit ging er dem schon unruhig vor der Tür trippelnden Meyring nach.

Brieg atmete erleichtert auf. Es war nur ein Aufschub, eine Galgenfrist, dachte er. Der frisch geschürte Haß würde wieder glimmen und eines Tages würde eine Katastrophe hereinbrechen. Aber jetzt, wo sein Vater kommen wollte, war ihm dieser Aufschub sehr lieb... Dann wieder erfüllte ihn der Widerwille gegen diese protzige Unbildung. Die Witze über Schiller klangen ihm noch in den Ohren; der dichtende Karlsschüler war ihm stets wie ein Leidensgefährte erschienen, und ihm fiel ein Wort van Max Piccolomini über den Soldatenstand ein, das so recht auf seine Gemütsstimmung paßte:

»...Die Seele fehlt dem nichtigen Geschäft–
Es gibt ein andres Glück und andre Freuden...«

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