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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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5.

Am Tage nach dem Liebesmahl herrschte im Kasino wieder reges Treiben. Der Schwarm der Reserveoffiziere, die das Offizierskorps verstärkten, und die aufgesetzten Bowlen und Flaschenkühler erweckten den Eindruck, als sollte das Gelage heut fortgesetzt werden. Die gestern zum ersten Mal redlich eingeseiften Sommerleutnants lieferten den Stoff zu allerhand Neckereien, und auch Briegs Ritt wurde höhnisch glossiert; er selbst war noch nicht erschienen. Daneben ging ein geheimnisvolles Tuscheln und Raunen von Mund zu Mund, das sich erst mit dem Käse etwas freier hervorwagte; kosteten doch vorher unziemliche Redensarten Geldstrafen, die vom Tischältesten mit Angabe des Grundes gewissenhaft gebucht wurden.

Die Herren beratschlagten also mit geheimnisvollem Lächeln über ein kleines Fest mit Damen vom Sommertheater, das der junge Herr von Korner in seiner eleganten Junggesellenwohnung geben wollte und zu dem man auch, trotz dem Einspruch des Wirtes, mehr Ulkes halber als aus anderen Gründen, Brieg und seine Liebste einladen wollte. Die Stimmen gingen sehr auseinander, ob er überhaupt kommen würde, und Waldburg, den sein gestriges Glück noch kitzelte, wettete schließlich mit Meyring ein Flasche Sekt, daß er ihn schon dazu bringen wollte.

»Der zimperliche Kerl«, achselzuckte der Adjutant, dessen Groll auf den jungen Offizier sich seit gestern verdoppelt hatte.

»Was hast du eigentlich immer gegen ihn?« entgegnete Waldburg. »Er ist ein gewitzigt Männlein und stets gefällig. Neulich hat er mir erst ein pikfeines Kroki gezeichnet.«

»Na, und die Geschichte von heute nacht«, achselzuckte der Adjutant.

»Gott«, seufzte Waldburg, »er ist halt ein verrückter Hund. Aber das bin ich auch. In solchen Kerls steckt immer am meisten Murr...«

»Er weiß das jedenfalls geschickt zu verbergen«, zischelte Meyring.

»Weil er menschenscheu und verbohrt ist,« entgegnete jener.

»Das ist's ja gerade,« fiel der Adjutant ein. »Er blamiert uns alle mit seinen Verrücktheiten und seinem exaltierten Wesen. Wenn wir nicht gestern noch auf gewesen wären: wer hätte da das Feuerpikett geführt? ... Wir hätten dann einen saftigen Anranzer von oben gekriegt« ...

»Ich werde ihm dafür schon die Hammelbeine noch gerade ziehen,« nickte Herr von Waldburg. »Ihm fehlt nur die rechte Erziehung.«

»Gute Lehren helfen bei dem nichts,« widersprach Meyring. »Morgen macht er doch wieder dieselben Geschichten ... Na, überhaupt,« fuhr er gedehnt fort, als besänne er sich auf etwas. »Acht Tage ist er bis oben zugeknöpft und spricht im Kasino keine Silbe; dann wieder besäuft er sich und redet das dümmste Zeug, daß man sich die Ohren zuhalten möchte. Er hätte überhaupt was andres werden sollen, als Offizier: Museumsdirektor oder Schauspieler oder so ... Der Kommandeur« ...

»Sei kein Frosch,« schnitt Waldburg ihm das Wort ab; »der Brieg wird sich schon machen. Was soll ich denn erst sagen, wenn ihr schon den Mut verliert. Ich war's doch wahrhaftig anders gewöhnt in Hannover ... Da war die Elite der ganzen Kavallerie zusammen ... Da wurde entweder gejeut oder man war besoffen ... Aber hier – nicht mal 'ne Droschke gibt's in diesem Nest, wenn man mit dem Nachtschnellzug von Berlin kommt ... Hier ist alles um hundert Jahre zurück. Wenn die Welt mal untergeht, muß man sich hierher versetzen lassen; dann hat man wenigstens was voraus...»

»Bis jetzt ist allerdings nur der olle ehrliche Seemann untergegangen,« lächelte Meyring boshaft. Waldburg hätte das Spielen mit ihm in Hannover fast um Hals und Kragen gebracht; aber er war noch einmal mit Strafversetzung davongekommen.

»Warum so schadenfroh?« tadelte er seelenruhig. »Er war ein würdiger alter Herr. Habe manches Kärtchen mit ihm gebogen. Ein herber Verlust für die Armee, daß er so geendet ist ...«

In diesem Augenblick erschien Brieg, wie gewöhnlich zu spät und bleicher denn je; er kam, klein wie ein Ohrwurm, mit verschiedenen Bücklingen näher. Die Prozedur der Eintragung ins Strafbuch ließ er seufzend über sich ergehen und nahm sich sogleich vor, die kleine Strafe wieder herauszusparen, indem er sich nur eine halbe Flasche Tischwein bestellte. Waldburg winkte ihn burschikos zu sich heran und schob einen Stuhl für ihn zurück. Er war dergleichen Liebenswürdigkeiten nicht gewöhnt und nahm diese Aufforderung dankbar an, zumal er noch von gestern ein schlechtes Gewissen hatte.

»Na, Sie Opfer des Alkohols,« begann Waldburg sein Verhör, »kommen Sie mal wieder zu spät? Haben wohl Ihren Kater erst etwas gepflegt?«

»Ich hatte bis jetzt Schwadronsdienst,« entschuldigte Brieg.

»Das ist stets Ihre Ausrede!« widerlegte ihm jener barsch. »Kasino geht vor, das ist Regimentsdienst. Sie entziehen sich der Kameradschaft, – merken Sie sich das! – und die verfluchten Anknöpfmanschetten tragen Sie auch immer noch, mit der Zahnbürste zu reinigen...«

»Ich will sie ja annähen lassen,« versprach Brieg verlegen. Ihm war diese Rüge in Gegenwart der Reserveoffiziere doppelt peinlich.

»Ja, das sagen Sie immer,« fuhr Waldburg auf. »Sie wollen auch immer abends in die Kneipe kommen; aber Sie lassen einen darauf warten, wie auf die ewige Seligkeit, Sie unkameradschaftlicher Mensch Sie!«

»Bitte, ich war erst vorgestern im Stadtgarten,« wandte der junge Herr ein.

»Das ist auch 'ne Heldentat, da unter lauter Infanteristen... Ein Philister sind Sie, und damit basta. Was machen Sie denn abends, wenn Sie keinen Damenbesuch haben? Sie trinken Tee und lesen pikante Lektüre! Auch 'ne Lebensart.«

»Ich lese keine pikante Lektüre,« wehrte Brieg ab.

»Nun, dann dichten Sie, das ist noch viel schlimmer!«

»Nur zu, ich bin's gewöhnt!« lachte er bitter. »Im Kadettenkorps wollte man mir dafür sogar ein Patent auf Verrücktheit ausstellen.«

»Das ist freilich etwas deutlich,« sagte Waldburg in milderem Tone, der Brieg sofort entwaffnete, aber der kalte, harte Zug im Gesichte des Spielers schreckte ihn wieder zurück.

»Sehen Sie mal,« fuhr dieser unbekümmert fort, »ich habe Sie ja soweit ganz gern, aber Sie müssen sich doch mal endlich mit der Wirklichkeit vertraut machen, Herr Poeta. Wenn Sie mal so alt sind, wie ich, können Sie mit Ihren Verrücktheiten doch eklig anlaufen ...«

»Sie sind einer von denen, denen man nichts übel nehmen kann,« lachte der Geschulmeisterte. Er gab sich immer Mühe, nicht empfindlich zu erscheinen.

»Denen, denen,« ... fiel Waldburg ihm brüsk ins Wort. »Sind Sie jetzt fertig? Dann kann ich ja weiter reden.«

»Bitte, reden Sie doch,« gab er spitz zurück.

»Sie sind noch ein Grünspecht und haben älteren Kameraden dankbar zu sein für ihre Lehren,« wies ihn Waldburg mit Würde zurecht. »Müssen auch mal 'n Spaß vertragen, ohne gleich aus dem Sattel zu fliegen! wer leicht pikiert ist, der ist weder klug noch stark – und eines davon muß man heute sein! Nehmen Sie sich ein Vorbild an uns beiden,« fuhr er mit einem Blick auf Meyring fort. »Der da ist der Schlaue, der Schuster, der über Leichen geht. Und der da« – damit schlug er sich auf die Heldenbrust – »ist der Starke, der Rücksichtslose, von dem Sie 'n bißchen natürliche Unverschämtheit lernen können...«

»Das stimmt,« bekräftigte Meyring, dem diese Ausführungen gar nicht behagten. »wenn die den Ausschlag gäbe, wär' er schon kommandierender General...«

»Ich bedanke mich dafür,« wehrte Waldburg ab. »Das Karrieremachen und die Schinderei überlaß ich dir, mein Lieber. Ich will nur noch 'n paar Jährchen wie 'n Mensch leben, mich nirgends langweilen und überall Freunde finden, eh' mir der Teufel das Genick umdreht ...«

Ein melancholischer Zug glitt über das regelmäßige, etwas ausdruckslose Gesicht des schönen Offiziers.

»Nanu, Waldburg, du wirst sentimental? Muß mir doch mal ansehen, wie das aussieht,« rief Meyring boshaft.

»Bitte, konstatiere eine Träne in meinem linken Augenwinkel,« antwortete jener, rasch gefaßt. »Aber das gehört alles gar nicht zur Sache ... Um Sie handelt es sich, Brieg,« schloß er, mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Kommen Sie gefälligst öfter in die Kneipe und bilden sie sich da ...«

Die Kneipe, in der ein früherer Rittmeister des Regiments, ein eingefleischter Junggeselle, den Vorsitz führte, war Brieg stets ein Greuel gewesen, als Fähnrich war ihm »dienstlich« anempfohlen worden, dort zu erscheinen; er saß wie im Kasino am Tischende, mit dem erstorbenen Wesen des Untergebenen in Gegenwart von Vorgesetzten, das sieben Kadettenjahre ihm aufgeprägt hatten. Oft war er zum Einschlafen müde von den ungewohnten Strapazen, die seinen jungen, hochgeschossenen Körper erschöpften. Aber zum Glück hielt es ihn wach, daß er zwanzigmal aufstehen mußte, sobald ein Vorgesetzter kam oder ging. Oder um ein Glas hinter die Binde zu kippen, so oft ein junger Leutnant ihm zuprostete. Bisweilen ulkte ihn auch einer an, um ihn fühlen zu lassen, daß er sein Vorgesetzter war, und er mußte das mit stummem Lächeln einstecken. In der Zwischenzeit durfte er zwanzig bis dreißig Streichhölzer anzünden, um die Herren mit Feuer zu versehen, und den nichtssagenden Bierreden lauschen, bis man endlich nach Mitternacht die verräucherte Stube verließ und er totmüde, den Magen voll Bier gepumpt, nach seiner Fähnrichsbude in der neuen Kaserne humpelte, um den nächsten Morgen um fünf Uhr wieder im Stelle zu stehen. Seit er Leutnant war, ging er um so seltner dorthin; wußte er doch kaum, was und mit wem er reden sollte.

»Ob man sich da bildet...,« wagte er einzuwenden, aber ein grimmiger Blick Waldburgs ließ ihn nicht vollenden. »Übrigens habe ich auch gar nicht das Geld, immerfort in die Kneipe zu gehen,« setzte er entschuldigend hinzu.

»Das glaub' ich, wenn Sie die Nächte durch Sekt saufen und sich Ihr Geld im Jeu abnehmen lassen,« bestätigte Waldburg, »lassen Sie doch die Pfoten vom Spiel, Sie haben ja doch nicht die Nerven dazu ... Ich kann jedem Anfänger nur abraten...«

»Renommieren Sie doch nicht so mit Solidität,« näselte Herr von Auer, Waldburgs Gegenüber.

»was die junge Brut jetzt frech wird,« bemerkte Waldburg mit Würde, »es ist unglaublich! Freut mich aber doch, daß Sie so geworden sind. Da hat meine Erziehung doch Früchte getragen. Nehmen Sie sich mal 'n Bleistift an dem, Brieg, – das war auch so'n Jammerlappen und ist jetzt doch ein brauchbares Glied des Offizierkorps geworden ...«

»Wann kommt denn übrigens Ihr Alter?« setzte er nun scheinbar unvermittelt hinzu.

»Bald,« sagte Brieg kleinlaut.

»wird er Ihnen wieder so lange auf der Pelle sitzen wie vergangnes Jahr?« fuhr Waldburg fort.

»Ich fürchte, ja,« seufzte Brieg.

»Da werden Sie also immer bei ihm hocken und sich überhaupt nicht mehr blicken lassen, was?« forschte jener weiter.

»Ich wollt', es wäre nicht so,« entgegnete der junge Offizier. »Glauben Sie, es wäre mir angenehm, so zwischen zwei Feuern zu sitzen. Die Kameraden hier und der Alte dort.«

»Zwei Feuer?« wiederholte der Inquisitor. »Die Kameraden gehen doch wohl vor. Seien Sie gefälligst nicht so schlapp gegen Ihren Alten!«

»Sie wissen, ich hänge ganz von ihm ab,« antwortete Brieg niedergeschlagen, »wenn ich nicht nach seiner Pfeife tanze, droht er, mir nichts mehr zu geben...«

»Da haben wir's also!« polterte Waldburg heraus. »Das ist doch wirklich ein Skandal! Meyring, du mußt das dem Kommandeur sagen...«

»Ich muß jetzt gehen und mich umziehen,« erklärte dieser gelangweilt.

»Wieso?«

»Na, junge Remonten bewegen ... Um acht ist Ball beim Brigadekommandeur. Der Oberst kommt auch hin.«

»Solltest lieber die dumme Hopserei im Hochsommer lassen,« nörgelte Waldburg. Und indem er Meyring mit dem Fuß anstieß, brummte er halblaut: »Dummer Kerl, warte doch nur 'ne Minute, bis ich meine Wette gewonnen habe.« Dann wandte er sich unvermittelt zu Brieg: »wollen Sie uns dann wenigstens noch diesen Abend widmen, oder sind Sie dazu auch zu ruppig geworden?«

Brieg wollte nicht wieder neue Kohlen auf sein Haupt laden und nickte zustimmend.

»Ordonnanz, Flasche Heidsiek!« brüllte Waldburg, als ob er das große Los gewonnen hätte.

»Was ist denn los?« fragte der junge Herr erschrocken. Als er erfuhr, um was es sich handelte, sträubte er sich mit Händen und Füßen, Marie mitzubringen. Aber da brauste Waldburg auf: »Zum Teufel, freuen Sie sich doch, daß Sie mit Ihrer Flamme mal in anständige Gesellschaft kommen. Außerdem haben Sie Ihr Wort gegeben, und das werden Sie doch nicht brechen wollen! Korner und Schmitt holen die Damen nachher ab, wenn das Theater aus ist. Punkt zehn Uhr fällt der erste Schuß. Kleiden Sie sich in Purpur und köstliche Leinewand...«

Damit stand er vom Tische auf, ließ sich den eben gewonnenen Sekt neben den Spieltisch stellen und nötigte den Reserveoffizier zu einem Ecarté mit sehr hohem Point, während Meyring es fertig brachte, den schwachen Mann auch noch zur Übernahme seiner verlornen Wette zu bewegen. Dann verschwand er schleunigst.

Waldburg belobte den gefälligen Stellvertreter für seine kameradschaftliche Gesinnung, während er sich dessen Sekt wohl schmecken ließ.

»So ist es recht,« sagte er, mit ihm anstoßend, »ihr Sommerleutnants müßt uns den harten Dienst und seine hohen Kosten etwas erleichtern! Prost, Sie Unglücklicher!«

Brieg verzehrte seine Mahlzeit, soweit sie nachserviert wurde, in trüber Stimmung. Er war wieder mal aufs Glatteis gegangen, was würde Marie dazu sagen? Ein solches Zusammensein in einem Restaurant, die Folge einer zufälligen Begegnung, hatte er noch in übler Erinnerung. Schmitt hatte sich damals gegen Marie die ärgsten Ausdrücke erlaubt, die diese zum Teil gar nicht verstand; als sie sie ihm aber nacherzählte, war er schamrot geworden und hatte sich geschworen, nie wieder mit ihr in solche Gesellschaft zu gehen ... Und nun hatte ihn Waldburg bei seinem angeblichen Worte gepackt und er glaubte in seiner Harmlosigkeit, es könnte ein Ehrenhandel daraus entstehen, wenn er es brach. Das war die Sache doch nicht wert! Nein, in Zukunft wollte er sich nicht mehr düpieren lassen, aber sein Wort halten mußte er wohl!

Er war aufgestanden, die Hand auf das Tafeltuch gestützt, und schaute einen Augenblick verdrossen vor sich hin. Dann verließ er das Kasino, das die andern meist schon mit dem Sommertheater oder dem Wirtshaus vertauscht hatten. Nur Waldburg und Janitschek saßen noch bei Kerzenschein am Spieltisch.

Brieg ging müde nach seiner Kasernenwohnung. Sein nasser Anzug hing noch als stumme Anklage auf Stühlen herum. Er fand einen Brief von seinem Berliner Schneider vor, der auf Bezahlung drängte.

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