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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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4.

Es war so finster, daß er anfangs nicht die Hand vor Augen sah und wie in einen Abgrund hineintappte. Jeden Augenblick meinte er an etwas anzureiten, das sich dann im letzten Augenblick in das Dunkel zurückzog. Ihm war, als käme er nicht recht vom Fleck, als legte sich etwas lähmend, bestrickend auf seine und seines Pferdes Bewegung. Trotzdem steuerte er der finstersten Stelle zu: dort war der Eingang der Allee, die ihn alsbald wie ein riesiges Grabgewölbe umfing. Die breiten Äste hingen rechts und links bis zur Erde hinab und entzogen ihm selbst den fahlen Schein des Himmelstreifens. Es schien ihm fast unmöglich, hier weiter zu kommen, und er hatte große Lust, umzukehren und zu warten, bis es heller wurde. Aber er mochte sich weder kleinmütig vor den Dragonern zeigen, noch zu spät heimkehren, und so vertraute er sich abermals recht gedrückt dem Instinkt seines Tieres an. Ein beklommenes Gefühl überkam ihn; er räusperte sich, um seine Gegenwart zu fühlen, und erschrak gleich darauf vor dem eigenen Schall. Der Hufschlag des Pferdes, der doch seine einzige Gewißheit war, hallte unheimlich wie in einem Keller ... Dann und wann ging ein Windstoß durch die nassen Blätter und ein kalter Sprühregen troff hernieder, daß Reiter und Pferd schreckhaft zusammenzuckten. Bald nahm auch das Prasseln der Tropfen im Laubwerk zu. Dem überschärften Gehör schien das Knarren und Stöhnen jedes Astes, das Rollen jedes Kiesels verzehnfacht und die hellen Chausseesteine am Straßenrain leuchteten wie lauernde Ungetüme. Hin und wieder zuckte ein Blitz auf, der ihm für Augenblicke den Weg wies. Dann sank wieder alles zurück in feindliches Dunkel.

Mit einem Mal ging das eintönige Rauschen in einen Wolkenbruch über; es war, als schütteten Scheffel von Erbsen auf das Blätterdach, und wenn ein Blitz aufflammte, sah Brieg, daß der Wind die Regenschauer wie tanzende Mückenschwärme über den Boden peitschte und trübe Schlammbäche in den Straßengräben dahinschossen. Er fühlte, wie das Wasser ihm Ellenbogen und Knie näßte, seine ganze Kleidung durchdrang wie ein Bad und die Stiefel beschwerte. Gespenstische Überhelle wechselte mit pechschwarzer Nacht und die Donnerschläge hallten grollend in der finsteren Wölbung. Bei jedem Blitzstrahl zuckten scharfe, bläuliche Schatten über die Straße, und der Rappe machte irre Sätze und drängte in seiner Angst gegen die Stämme, als wollte er ihm die Kniescheiben zerschmettern. Er suchte das freie Feld zu gewinnen, über die vollen Gräben weg in die nassen Äcker zu setzen; nur hinaus aus diesem tobenden, blendenden Dunkel! Aber das Pferd widersetzte sich wie rasend; jedesmal, wenn er es herumwarf, schlug es wild mit dem Kopf und schlurrte in gestrecktem Galopp über die schwimmende Tenne. Minutenlang stand der Himmel wie in lohenden Schwefel getaucht. Brieg hielt sich den Arm vor die Augen gegen die unerträgliche Helle, aber die Nachbilder der Blitze zuckten grausam durch seine verwundeten Augen, als gäbe es nirgends eine Rettung. Schlag auf Schlag krachte der Donner, wie eine ununterbrochene Kanonade. Durch eine Baumlücke sah er links ein Dorf, in Feuerschein gehüllt; zerfetzte Brandwolken trieben darüber hin.

Plötzlich stürzte ein blauer Lichtbach nieder und im selben Moment krachte es ohrenbetäubend, als bärste Metall, und ein tausendfacher Widerhall brach sich wie in einem Brunnenschacht. Der Rappe stieg kerzengerade in die Luft, schlug mit den Vorderbeinen ins Leere, schwankte eine Sekunde und schlurrte mit den Hufen schwer an einem Baumschaft hinunter. Dann jagte er in Todesangst vorwärts, daß dem Reiter die Sinne schwanden. Umsonst parierte er mit wilden Rissen, nach rechts und nach links, nach oben und unten; das durchgehende Tier hatte Ganaschen von Eisen.

Da verlor auch er die Besinnung. Er trieb den Rappen mit der Peitsche zu noch tollerer Fahrt, beugte sich im Sattel vor, als gälte es, ein finish zu reiten. Ihm war, als müßte es über ihn herfallen; als griffe es nach ihm mit eisernen Krallen. Immer lauter toste und brauste es um ihn; und die Baumkronen bogen sich tiefer im Sturm und die schweren Äste schlugen nach ihm, als wollten sie ihn töten, von allen Seiten kam es auf ihn zu; er fühlte es hinter sich, neben sich, Bügel an Bügel ...

Da hieb er die Sporen ein und griff mit beiden Händen in den rechten Zügel, daß der Pferdekopf fast an seinem Knie stand. Der Rappe sprengte mit irrem Satz über den Graben und schleuderte den erschöpften Reiter aus dem Sattel. Aber seine Hand klammerte sich fest in die nassen Zügel, und er wurde von dem Tier ein paar Schritte geschleift; dann erlahmte es in dem aufgeweichten Kornfeld ...

Brieg wandte das Pferd herum und blickte zurück. Über Wendenhausen stieg eine feurige Rauchsäule auf und näher ragte der Burgfels mit dem alten Gemäuer. Die Blitze hatten ihr Ziel getroffen und waren weiter gezogen. Er wischte sich mit dem Ärmel über das schweißtriefende Gesicht und watete mit dem zitternden Pferde zurück auf die Straße. Dann saß er wieder auf und ritt weiter, denn die Knie versagten ihm.

Die Allee war zu Ende und der Regen ließ nach. Er ritt über die dröhnende Holzbrücke und trabte wieder an. Das Pferd lahmte. Vor ihm, hinter der schwarzen Masse des Waldes, stieg der Morgendämmer auf. Er sprang ab in den grauen Straßenschmutz und befühlte besorgt die Fesseln. Der Anblick des Pferdes erschreckte ihn. Vor den Lefzen stand ihm weißer Schaum, das dampfende schwarze Fell war mit Schweiß und Straßenschmutz gescheckt und am rechten Vorderknie hatte es sich mit dem Eisen geklopft, daß es blutete. So sollte er nun in die Stadt einreiten, auf einem lahmen Pferd, naß bis auf die Knochen, beschmutzt und verkatert; er mußte furchtbar aussehen, das fühlte er.

Er lief eine Weile neben dem Pferde her und zitterte vor Kälte. Mit einem Male fiel es ihm ein, daß es auch in der Stadt könnte eingeschlagen haben, und daß er Offizier vom Dienst war. Er zog sich kraftlos in den Sattel hinauf und trabte mit dem lahmen Tier wieder an. Das Zwielicht peinigte seine überreizten Nerven. Der Morgenwind kräuselte die Wasserlachen, in denen sich grell das Frührot spiegelte. Die Saaten zur Seite des Weges waren niedergepeitscht. Ein erstes Fuhrwerk kam ihm entgegen; die Wagenlaterne brannte noch. Der Kutscher blickte ihm erstaunt nach. Auch ein paar Arbeiter begegneten ihm, die zu den Ziegeleien vor der Stadt trollten, noch halb im Schlafe. Der Himmel war in ein dunstiges Grau gehüllt.

Als die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen, hatte er bereits die Vorstadt mit ihren niedrigen, schmutzigen Häuschen erreicht. Er schämte sich vor sich selber. Der nasse Tuchrock war verschrumpelt, die Hosen mit Pferdehaaren und einer sich schälfernden Schlammkruste bedeckt, die neuen Lackstiefel verdorben. Leine Hände waren blau vor Frost und die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Trotzdem saß er auf dem schlechten Pflaster ab und führte den Rappen am Zügel; die vorübergehenden musterten ihn mit aufdringlichen Blicken. Ein Bäckerladen hatte seine Pforten bereits aufgetan und aus den offenen Haustüren quoll ihm Kaffeegeruch entgegen.

In der höher gelegenen Altstadt, wo die Mietskasernen begannen, saß er wieder auf. Der Rappe klapperte stumpf über das Pflaster hin, das von dem Wolkenbruch rein gespült war.

Aus der Ferne hörte er, wie in der Kaserne »Futterschütten« geblasen wurde, und sein Gewissen begann sich zu regen, je näher er kam. Unheimlich glühten die Kasernenfenster im Morgenlicht, wenn nun ein paar Kameraden noch aufsaßen?

Schon war er am Offizierskasino vorüber, als plötzlich hinter ihm ein Fenster aufschlug und Waldburgs Stimme ihn anrief: »Na, Sie Bild der Verwesung, wir dachten schon, Sie wären in irgend einer Mördergrube geendigt.«

Halb starr vor Schreck hielt er an und sah Meyring und Waldburg in übernächtigtem Zustand zum Fenster herauslehnen. »Ihre Zicke lahmt ja, Sie Pferdeschinder!« rief der Adjutant. »Ein schöner Training das!«

Brieg blickte verlegen an den Herren vorbei in das Innere des Kasinos. Er sah Schmitt und den völlig zusammengebrochenen Janitschek am Spieltisch sitzen.

»Wenn Sie hier die Nacht durch jeuen, ist es wohl kein Verbrechen, derweil zu reiten,« gab er trotzig zur Antwort.

Aber Meyring ließ sich nicht moralisch verblüffen. »In der Altstadt hat's eingeschlagen und gebrannt,« rief er strafenden Blickes herunter. »Sie haben das Feuerpikett nicht geführt. Wir werden's ja noch vom Garnisonkommando kriegen...«

Schmitt war gleichfalls ans Fenster getreten und Brieg wagte nicht, angesichts des lahmen Gaules sich seines Rittes zu rühmen. »Ich habe noch ein besonderes Hühnchen mit Ihnen zu rupfen!« drohte jener mit dem Finger.

Brieg fühlte sich doppelt geschlagen. Er saß schweigend ab und führte das Pferd zum Kasernentor. Sein Bursche, der gerade zum Abfuttern ging, kam ihm auf dem Hofe entgegen und nahm ihm mit vorwurfsvoller Miene den lahmen Rappen ab, als wollte er sagen: »Wie ich's voraussah!« Brieg befühlte verlegen die geschwollenen Fesseln und befahl: »Nachher kühlen.«

Der Bursche erinnerte seinen Herrn, daß die Schwadron um Punkt sechs zum Regimentsexerzieren ausrückte, und Brieg humpelte mißmutig in seine Wohnung herauf; am liebsten hätte er sich aufs Bett geworfen, wie er war. Aber der Bursche erschien hinter ihm, legte ihm den Dienstanzug zurecht, bereitete etwas dünnen Tee und verschwand dann wieder, um das Chargenpferd zu satteln. Der junge Herr zog sich hastig um, nippte an dem glühenden Tee, drückte die Czapka auf den bleiernen Schädel und eilte dann, am ganzen Körper wie zerschlagen, nach dem Stall herunter; denn bereits gellte das Signal »Ausrücken« durch alle Gänge.

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