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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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3.

Mit dem Augenblick, wo Brieg das Licht und die Menschen erblickte, war die Beklommenheit von ihm gewichen. Die unendliche Nacht schrumpfte zusammen und alles kam ihm klein und entzaubert vor. Das Schauspiel freilich, das sich seinen geblendeten Augen im Kasino darbot, hatte er nicht erwartet. Der Tisch mit den Biergläsern war an die Wand geschoben und auf den Rohrstühlen des Dragonerkasinos saßen rittlings, in fünf Reihen aufmarschiert, etwa fünfzehn Offiziere, voran ein baumlanger, der Adjutant, der ein abgebrochenes Stuhlbein als Säbel schwang, und hinter ihm zwei mit Trompeten Bewaffnete, die im Augenblick seines Eintretens einen mißtönenden Tusch bliesen. »Guten Morgen, Exzellenz,« scholl es ihm aus einem Dutzend heiser geschriener Bierkehlen entgegen und Brieg wußte in seiner Verlegenheit kaum, ob dies eine Ovation war oder man sich über ihn lustig machte. Wie er noch stand, schrie plötzlich der Anführer mit wild geschwungener Keule: »Parademarsch im Trabe!« und die ganze Horde setzte sich gröhlend und juckelnd in Bewegung, daß die Wände erbebten, und defilierte vor Brieg, wobei die Trompeten ein abscheuliches Gewimmel von sich gaben. Ein stehender Pauker bearbeitete den Tisch taktmäßig mit einer großen Bierkanne, daß die Gläser tanzten und auf dem mit Asche beschmutzten Tafeltuch große Bierlachen entstanden. Brieg war die Betrunkenheit noch nie so widerwärtig erschienen als an diesem Abend, wo er ihr selbst kaum entronnen war. Der Tabaks- und Bierdunst, der ihm entgegenquoll, ekelte ihn an, und er wäre am liebsten wieder umgedreht und aufgesessen. Da schrie der Vorreiter, mit dem Stuhlbein in der Luft fuchtelnd: »Meine Herren, auf das Wohl des Schwesterregiments und seines anwesenden Vertreters!« Und im Nu stürzte die ganze Schar von den Stühlen auf die herumstehenden Biergläser und schluckte die braune Flut gierig herunter, daß man einen Augenblick nur das Gegluckse der Kehlen hörte, wie an der Pferdetränke. Brieg wollte ebenfalls ein Glas ergreifen, um Bescheid zu tun, da sauste es scharf an seinem rechten Ohr vorüber, daß er zur Seite fuhr, klirrte an die Wand, und die Splitter stoben, und im nächsten Moment prallte eine ganze Salve von Biergläsern rechts, links und über seinen Kopf weg hinterdrein, von ohrenzerreißendem Schmettern und Klirren gefolgt. Als die erschrockenen Ordonnanzen in den Saal eilten, lag die ganze Wandseite voller Scherben und an der Tapete tropften ein paar braune Flecke.

Ehe Brieg es sich versah, war er von einem johlenden Haufen umringt, während die Ordonnanzen den Splitterwall notdürftig gegen die Wand kehrten und der Einfachheit halber den Tisch darüberschoben. Man drückte ihm ein Glas in die Hand und alles nahm, nach Bier schreiend, teils auf Stühlen, teils auf der Tischkante Platz. Der späte Ankömmling dankte mit ein paar Worten für die dargebrachte Huldigung und goß den kühlen Trank in die brennende Kehle. Von allen Seiten wurde ihm zugetrunken, aber das abschreckende Beispiel bestärkte ihn in seiner Enthaltsamkeit. Er fand plötzlich einen unbändigen Reiz daran und hörte kalt lächelnd zu, was die Blauröcke ihm von ihrem Liebesmahl erzählten. Der Kommandeur, so sagten sie, hätte sich aus Freude über die gute Kritik und die Liebenswürdigkeit des Generals am meisten bekneipt und wäre vorhin die Treppe heruntergefallen. Einer wollte wissen, daß er sich das Auge blau geschlagen hätte; ein andrer meinte gar, er hätte sich den Arm gebrochen.

»Jedenfalls wird er uns heute nacht nicht mehr alarmieren, wie an Kaisers Geburtstag,« frohlockte ein Dritter, und damit fingen die alten, wohlbekannten Geschichten von neuem an. In der Tat hatte der Oberst am letzten Kaisergeburtstag, wo nicht nur die Herren Offiziere, sondern auch die Mannschaften den pflichtmäßigen patriotischen Rausch hatten, um drei Uhr nachts alarmieren lassen und war mit dem Regiment über die vereiste Dorfstraße nach dem schneebedeckten Exerzierplatz gerückt, um Direktionsreiten nach dem Großen Bären zu üben. Da aber den meisten die Direktion bereits abhanden gekommen war und eine Reihe von Pferden es vorzog, ohne ihre Herren in den warmen Schwadronstall zurückzukehren, taten die übrigen Reiter nach diesem abkühlenden Ritt glücklicherweise ein Gleiches. Immerhin hätte der Scherz dem Obersten von Mitzlaff Hals und Kragen gekostet, wäre ihm höheren Orts wegen seiner Tüchtigkeit nicht so manches nachgesehen worden. Denn er war im Grunde ein guter Soldat voller Initiative, und bei den Besichtigungen schnitt das Regiment stets musterhaft ab. Aber er konnte keine Ruhe halten und heckte oft die merkwürdigsten Pläne aus. So hatte er einmal die freiwillige Feuerwehr des Nestes mit Karabinern armiert und durch Anlegen weißer Armbinden auch uniformiert, und sie hatte Grävenitz bei einem nächtlichen Angriff, den er mit seinen Dragonern unternahm, verteidigt.

Durch solche Vorkommnisse waren seine Offiziere an nächtliche Reiterstücklein gewöhnt, und Briegs Ritt machte ihm in ihren Augen durchaus keine Unehre, ja, der junge Ulanenoffizier genoß das seltene Vergnügen, allseitig gefeiert zu werden. Die armen, meist unadligen Dragoner blickten auf ihr vornehmes Schwesterregiment immer mit einem Gemisch von Neid und Devotion, und es war Brieg darum ein leichtes, die allgemeine Sympathie zu entfesseln, zumal er, um seinen Gastgebern nichts schuldig zu bleiben, auch ein Stücklein von seinem Kommandeur zum besten gab.

»Fritzchen« – so lautete der Spitzname – war der gerade Gegensatz des Obersten van Mitzlaff. War dieser ein Mann der Tat bis zur Verzerrung, so war der Freiherr von Rössing ein Erztheoretiker, dem der Oberstenrang durch seine Leistungen am Schreibtisch zugefallen war und dem seine Freunde im Ministerium die Stange hielten, auch wenn er in der Praxis zu sehr auf seinen Theorien herumritt und dadurch Anstoß bei den höheren Stäben erregte, die gar nicht einsehen wollten, welche Fülle strategischer Gaben da den höheren Stellen entgegendrängte. – Insbesondere war der Brigadekommandeur, ein schneidiger Reiter und ritterlicher Mann, ihm wenig gewogen, denn er huldigte dem Grundsatz des Reglements: Im Kriege verspricht nur das Einfache Erfolg. Um so besser stand Herr von Rössing sich mit seinem Major beim Stabe, dem fanatischen Beschlagschmied und Pferdepfleger, der bei den ewigen Pferdeappells seine rechte Hand bildete; denn er selbst verstand sehr wenig von Pferden und plagte die Rittmeister mit diesen Revisionen, die eigentlich ihre Sache waren, lediglich aus Theorie. Auch die häufigen Nacht- und Felddienstübungen entsprangen der gleichen Quelle und führten in der Praxis oft zu den wunderlichsten Gefechtsbildern, denen er dann durch Gegenbefehle und markierten Feind abzuhelfen suchte. Und in dem tatfrohen Obersten von Mitzlaff fand er stets einen Helfer, der ihm über drei Meilen gern die Bruderhand reichte oder gegen ihn und seine Mannen zu Felde zog.

Ein paar der Herren lehnten eben weit zum Fenster hinaus, um sich den Kopf etwas abzukühlen. Ein dicker warmer Tropfen fiel dem einen auf die Nase, so daß er zurückfuhr.

»Es regnet,« riefen mehrere Stimmen durcheinander. Brieg schnellte hoch, wie eine Spiralfeder, und eilte ebenfalls ans Fenster. Der Himmel hatte sich wieder bezogen und der Regen rauschte bereits hernieder. Drunten rettete sich der Posten klirrenden Schritts in das Schilderhaus. Am Himmel zuckte Wetterleuchten und eine schwüle Spannung lag in der Luft.

Brieg zog die Uhr: es war bereits zwei, und er mußte vor morgen zurück sein. Er wußte, daß sein neuer Überrock geliefert war, wenn es so weiter regnete: aber was half es? Er verabschiedete sich also, aber die meisten trollten mit ihm trotz des Regens, singend, rauchend und mit aufgeknöpftem Überrock nach dem Stall. Einer schwatzte sogar etwas von Eskortieren und Mitreiten.

Brieg ließ dem Pferd von der verschlafenen Stallwache einen Stalleimer Wasser reichen, den es gierig aussoff, befühlte die Beine, murmelte etwas wie: »Klar wie Drahtseile« und schob die Hand prüfend zwischen die Gurte. Dann gab er der Stallwache irgendein Geldstück und saß draußen auf, von dem Chorus umringt, der den Rappen beklätschelte und nach Alter und Preis fragte. Brieg log die Frager, wie es Brauch war, an, verabschiedete sich mit Händedrücken und kurzem Dank und trabte dann keck über das regenglatte Pflaster der Chaussee zu. »Kommen Sie gut über!« wurde ihm nachgeschrien.

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