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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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12.

Im Kasino herrschte nach der Parade reges Treiben; man las und kommentierte das neue Wochenblatt, orakelte über Waldburgs bevorstehenden schlichten Abschied und über Treuenfelsens Pensionierung, ja ein Kluger wollte sogar wissen, daß auch der Brigadekommandeur ginge. Herr von Korner war, angeblich geheilt, aus Aachen zurückgekehrt und saß im Kreise seiner alten Freunde mit keck nach oben gepflegtem Bärtchen. Man erzählte ihm eben, Brieg habe bei der Parade gefehlt, und zweifelte an seinem Geisteszustand.

»Meyring behauptet, er wollte Literat werden,« erklärte Schmitt ironisch.

Seine Durchlaucht brach in ein homerisches Gelächter aus. »Famoser Witz das!« schmunzelte der Prinz. »Mensch muß wirklich total übergeschnappt sein.«

»Bewegliche Gegenstände dürfen nur mit Erlaubnis des Eskadronchefs verrückt werden,« schnarrte Auer, der heute seine albernste Laune aufgesetzt hatte. Er besaß eine erstaunliche Gabe, Worte umzudrehen, und ein hervorragendes Gedächtnis für alle albernen Redensarten, die er aus Waldburgs und der andern Mund aufschnappte oder in Witzblättern las.

In diesem Augenblick kam Meyring erhitzt herein. »Herrschaften,« sagte er atemholend, »Brieg ist verrückt geworden.« »Alte Jacke,« lachte der Prinz, daß die Frühstücksorden auf seinem Brüstchen klirrten.

»Im Ernst,« sagte Meyring aufgeregt. »Er hat mich eben mit dem Säbel angegriffen. Jetzt ist eine Wache vor seiner Tür ... Wir warten auf den Oberstabsarzt ...«

Die Ulanen waren aufgestanden und umringten Meyring, mit Fragen in ihn dringend.

»Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende,« bemerkte Schmitt. »Der Skandal wäre doch zu groß gewesen fürs Regiment ...«

»Irrenanstalt ist heute höchst standesgemäß,« ergänzte Seine Durchlaucht. »Es gibt einen ganzen Haufen Prinzen, die geistesgestört sind ...«

Dann erging man sich in Betrachtungen darüber, daß es ja gar nicht anders kommen konnte. Sein ganzes verrücktes und nervöses Gebühren, sein Saufen, seine nächtlichen Ritte, die Sache mit Korner, die Freundschaft mit der Carsten – all das waren nur Vorstufen der Verrücktheit.

»Es ist schon heute früh ausgebrochen,« erklärte Meyring. »Er ist während der Parade im Paradeanzug mit kleiner Mütze durch die Stadt gelaufen, statt zum Dienst zu gehen ...«

»Hier wendet sich der Gast mit Grausen,« sagte Auer und nahm wieder Platz.

Durch die hintere Kasinotür erschien Graf Kinsky, hagerer und bleicher denn je. »Meine Herren,« sagte er mit seiner heiseren Stimme, »ich muß Ihnen eine betrübende Mitteilung machen. Unser Kamerad Brieg hat sich erschossen!«

»Der arme Kerl,« sagte der kleine Graf Limburg.

»So hat er wenigstens dem Regiment keine Unehre gemacht,« ergänzte Schmitt. »Ich finde das nett von ihm!«

Damit war ihm ein ehrenvolles Schweigen gesichert, wie man es Kameraden, die freiwillig aus dem Leben scheiden, zu wahren pflegt. Nur Auer deklamierte: »Man sagt, er wollte sterben.« Aber sein Zitat fand keinen Anklang.


Frau van Carsten saß in dumpfem, tränenlosem Brüten, zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankend. Sie hörte Musik an ihren Fenstern vorüberziehen und wieder verhallen. Einmal kam auch Frau Hüppe hereingelaufen und riß das Erkerfenster auf. Sie ließ alles geschehen wie im Traum.

Frau Hüppe nahm keine Notiz von ihr. Die Regimentsmusik konzertierte unten; ihr galanter Bräutigam hatte sie bestellt. Gegenüber erschienen in den geöffneten Fenstern neugierige Köpfe. Es war Mendelssohns »Hochzeitsmarsch«, der gespielt wurde. Tränen der Rührung netzten ihre Wangen; sie sah sich bereits an der Seite ihres Emil zum Altar schreiten. Nach dem nächsten Stück ging sie herunter, um dem Kapellmeister persönlich zu danken, sie fühlte sich schon ganz als Frau Majorin und kannte ihre repräsentativen Pflichten. In der Haustür begegnete sie einem Ulanen, der vor ihr zur Seite trat. Er mochte ein Billet doux von Brieg bringen. Sie sah ihn feindselig an, als zerstörte er ihr Brautglück.

Sie ließ den Kapellmeister sein Stück erst zu Ende bringen; dann trat sie an ihn heran, um ihm zu danken. In diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Aus dem Erkerfenster des dritten Stocks stürzte eine Frau kopfüber auf die Straße und schlug dicht vor ihr auf das Pflaster. Ihr Gehirn spritzte nach allen Seiten und befleckte Frau Hüppes neue Sommertoilette. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Als sie wieder aufwachte, befand sie sich im Hausflur und der Major Althoff stand vor ihr. Er suchte sie zu beruhigen und zu sich zu bringen, »Wer war es denn?« fragte sie, noch immer verwirrt, »Ach,« log er, »eine Fremde!«


Der Brigadegeneral nahm nach dem Manöver seinen Abschied. Die Hintermänner des Freiherrn von Rössing hatten sich als stärker erwiesen, als das Taktgefühl und die militärischen Tugenden des kernigen Reiterführers. Waldburg hatte von seiten des Kommandeurs natürlich kein Gnadengesuch durchsetzen können; er hatte somit nur die Möglichkeit, als Gemeiner auf Beförderung wieder einzutreten, und dazu war er zu stolz und zu bequem. Er heiratete seine Geliebte und spielte in Berliner Sport- und Lebemannskreisen eine Rolle; später wußte er wenigstens das eine zu erreichen, daß man ihn in die Kategorie der ehrenvoll verabschiedeten Offiziere zurückversetzte. Herr von Meyring war Rittmeister und Brigadeadjutant in einem rheinischen Industriezentrum geworden und hatte sich dort einen Goldfisch geangelt. Wenn man ihn fragte, wie es ihm ginge, pflegte er zu sagen: »Täglich besser.« Der Major Althoff endlich hatte sich von seiner Maitresse losgekauft und steuerte zielbewußt dem Regimentskommandeur zu, von seiner Gattin geschickt unterstützt. Er hat es noch bis zum General gebracht.

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