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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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2.

Inzwischen war der verlorne Sohn des Regiments richtig um die Kaserne herumgeritten und dann in die bekannte Straße nach Grävenitz eingebogen, die von Bäumen eingefaßt und lange Zeit von Häusern begleitet war. Die weit auseinanderstehenden Laternen brannten nur umschichtig, da im Kalender Mondschein vermerkt war; doch ließ diese Beleuchtung wegen der tiefhängenden Wolken viel zu wünschen übrig. Hinter den letzten Häusern versagte sie ganz. Einige unheimliche Gestalten drängten sich hier an dem nächtlichen Reiter vorüber, ohne daß er ihrer irgendwie acht hatte. Nur das Pferd machte einen schreckhaften Satz und ging dann von selbst in Trab über; dem Trabenden hätte sich so leicht keiner in den Weg gestellt.

Brieg suchte sich zusammenzunehmen. »Was will ich denn eigentlich?« fragte er sich. Die verflossenen Stunden lagen hinter ihm wie ein wüster Traum, und zwischen dem Anfang des Liebesmahls und seinem jetzigen Aufenthalt klaffte in seinem Gedächtnis eine Lücke, die nur unbestimmte Erinnerungen ausfüllten. Plötzlich befiel ihn ein Todesschreck, er hätte irgend etwas Heilloses gesagt oder getan, vielleicht wieder sogar unbewußt den Kommandeur angeödet, wie schon einmal nach dem Liebesmahl, wo er mit ihm über Marinefragen gestritten hatte, ohne einen Aviso von einem Linienschiff unterscheiden zu können und ohne am nächsten Morgen noch die geringste Ahnung davon zu haben. Erst die Neckereien der Kameraden belehrten ihn, was er da angerichtet hatte, und der Oberst behielt in der Folge eine recht schlechte Meinung von ihm ...

Wie er jetzt die verschwimmende Grenze zwischen Erinnerung und Einbildung abtastete, kam ihm sein heutiger Ritt um nichts überlegter vor; er hielt plötzlich sein Pferd an und wollte wieder heimreiten. Aber sofort fiel ihm ein, daß er die Sache damit nicht ungeschehen machte, und daß er das Schlimmste, den Weg durch die Stadt, schon hinter sich hätte, kaum wußte er, wie. So konnte er sein Vorhaben auch zu Ende führen, und morgen früh, wenn er zurückkäme, wollte er die Kameraden auslachen, die ihm das nicht zugetraut hatten. Ein trotziges Selbstgefühl überkam ihn. Er konnte auch etwas! Aber darum galt es doppelt, auf der Hut zu sein, um mit frischem Pferd wieder einzureiten; das wäre ein Triumph!

Anfangs waren die Häuser und Bäume wirr an ihm vorübergeglitten, und das Pferd schwamm dahin wie im Leeren, von nun an achtete er peinlich auf den Sommerweg, in dem die Pferdehufe tonlos versanken, und gab dem Rappen bisweilen eine Schrittreprise. Von Zeit zu Zeit leuchtete am Wegrain gespenstisch ein Kilometerstein auf, und die Wolken, die anfangs wie die Draperien eines riesigen Betthimmels herabhingen, klärten sich allmählich, aber zu einem schwarzen, gemusterten Spinnennetz, dessen Riesenspinne eine tintenschwarze, vor dem Mond stehende Wolke war.

Von dem Wiesengrund, durch den er jetzt trabte, wehte es ihm grabeskalt entgegen und legte sich beklemmend auf seine Brust. Über Bach und Busch schwann in breiten Flocken der Nebel und ballte sich rechts und links vom Straßendamm zu unbestimmten Gestalten, die sich über seinen Kopf weg die Geisterhand reichten ... Er schauerte leicht zusammen und drehte sich um, als ob jemand hinter ihm herritte, dort war alles totenstill; nur das eintönige Prusten des Pferdes und das Knarren des Sattels unterbrach das nächtliche Schweigen. Um ein Gebüsch oberhalb des Weges tanzten Glühwürmer ihren Funkenreigen. Bisweilen trat auch der Mond aus den Wolken hervor, die er silbern umsäumte, und dann liefen lange, merkwürdige Schatten über die Landschaft hin, während neben ihm links auf der Straße ein kleines, scharfumrissenes, blauschwarzes Reiterbild trabte ...

Ungewollt trat ein Bild aus seiner Kadettenzeit vor sein inneres Auge. Es war an einem Sonntagabend, als er wieder einmal von Urlaub kam und auf dem damals noch unbebauten Wege nach dem Gefängnis seiner Jugend zurückstrebte. Nebel lagen über der sandigen Heide, und der Mond webte magisch darin, ganz wie jetzt ... Er war hinter dem schwatzenden Schwarm der Kameraden zurückgeblieben, um in diesem Elfenzauber zu schwelgen. Er hatte eine romantische Melodie vor sich hingepfiffen und sein Blick hing wie gebannt an dem müden, rätselhaften Licht, während die andern von ihren mitgebrachten Butterstullen und »anständigen« Mittagessen renommierten. Weiter war es nichts gewesen, und es war doch so viel für ihn, etwas, wovon er in der spartanischen Öde der Knabenkaserne noch lange gezehrt hatte, als die Butterbrote der Kameraden längst dahin waren ...

Und er dachte weiter zurück an seine Kindheit auf dem lindenumrauschten Gute des Vaters und an seine früh verstorbene Mutter, die ihn so geliebt hatte, und der er doch schon so früh entrissen wurde, als er mit elf Jahren in die rauhe Zucht des Kadettenkorps kam. Da er Offizier werden sollte, wie der Vater und Großvater, so hatte ihn der alte General von Brieg frühzeitig in den bunten Kittel gesteckt, den er selbst als Knabe getragen hatte, in dasselbe Potsdamer Kadettenhaus, wo auch er vor achtundvierzig Jahren eingetreten war ... Brieg entsann sich unwillkürlich der Schicksalsstunde, wo der Vater mit ihm vor dem Gittertor ankam und sagte: »Hier ist es.« An den Fenstern standen gerade ein paar Kadetten, die sich die Haare scheitelten; das war sein erster Eindruck ... Dann kam der Abend, wo der Vater sich stolz von dem eingekleideten »Krieger« verabschiedete und der Kleine unter lauter fremden Gesichtern, in einem engen, fremden Anzug, zwischen braun gestrichenen Spinden, Stühlen und Inventarverzeichnissen an den getünchten Wänden zum erstenmal den Abendsegen blasen hörte. Da war ihm so weh ums Herz geworden, daß er weinte ... Er hatte dort nie heimisch werden können. Blaß und in sich gekehrt stand er abseits unter den Bäumen des Gartens, wenn die Kameraden ihre wilden Spiele spielten, und ein unauslöschliches Heimweh fraß ihm am Herzen. All die lieblosen, freudlosen Kadettenjahre standen wieder in seiner Seele auf; und er hatte doch gewähnt, daß diese Schmerzen tot wären; er hatte sie hinter sich zu lassen vermeint, als er das Hauptportal zum letztenmal verließ. Wie glänzend hatte er sich die Zukunft ausgemalt! Wie heiß den Tag herbeigesehnt, wo er die Ulanka des Fähnrichs mit dem Offiziersrock vertauschte! Nun mußte das Glück kommen, hatte er gedacht, als Herr von Meyring ihn persönlich in der Kaserne aufsuchte, um ihm als erster zu seiner Beförderung Glück zu wünschen! Er hatte jenen Augenblick noch deutlich in der Erinnerung. Sein Mund wollte sich noch nicht bequemen, den früheren Vorgesetzten jetzt als Kameraden anzusprechen, aber er fühlte doch eine ungeheure Scheidewand plötzlich fallen. Nun mußte er ja glücklich werden, nun war er nicht mehr der stumme Untergebene, sondern der gleichberechtigte Kamerad jener gefürchteten Vorgesetzten ... Und er hatte sich gezwungen, sich glücklich zu fühlen; aber bald merkte er, daß er sich nur selbst betrog ... Immer lag es vor ihm, das Glück, und lockte ihn, wie das liebliche Landschaftsbild drunten, das sich von der nächsten Bodenwelle aus zu seinen Füßen erschloß: eine alte Burgruine auf steilem Hügel, schwarz und flächenhaft wie eine riesige Kulisse, und darunter im Mondlicht sich schlängelnd eine silberne Flußschleife ... Wenn er erst dort war, war der Zauber sicher geschwunden ...

Verknufft, verschüchtert war er aus dem Kadettenkorps gekommen, ohne eine Ahnung von gesellschaftlichen Anforderungen, aber mit der Verpflichtung, von Anfang an der Ulanka Ehre zu machen. Aus dem Kamaschendrill von Lichterfelde sah er sich plötzlich in eine Welt versetzt, wo nur ein Maßstab galt: Reiten können. Sein Rittmeister hatte es gut gemeint und ihn gleich zum Zusehen bei vier Reitabteilungen kommandiert, und er hatte ohne Belehrung und ohne Verständnis alltäglich vier Stunden lang Rekruten und erste Abteilung, junge und alte Remonten durch den Schlamm des Reitplatzes oder den eiskalten Staub der geschlossenen Bahn an sich vorbeischuckeln sehen, bis es ihm schließlich ganz wirr im Kopfe war; und der Herr Fähnrich machte nachher bei den eigenen Reitkünsten keine gute Figur. Nach dieser summarischen Zustutzung hatte er die Kriegsschule bezogen, wo ihm im Dampftempo eine Fülle trockenen, herzdörrenden Lernstoffes eingetrichtert wurde. Er mußte Divisionen führen, Festungen auf dem Papier belagern und sah sich plötzlich vom Rekruten zum Feldherrn befördert ... Man weihte ihn in die Geheimnisse des letzten, inzwischen völlig veränderten Doppelzünders ein, und das bißchen praktischer Dienst war darüber bald vergessen. Dann kehrte der Junker zum Regiment heim, ohne Ahnung von dem, was man hier von ihm verlangte: nämlich Rekruten instruieren, vor dem Zuge reiten, Patrouillen führen und Reitstunden geben! Der Vater kaufte ihm voreilig ein halb rohes Pferd, klein wie ein Ziegenbock, das er im Frühjahr als Zugführer vor der Front reiten sollte. Er dankte Gott, als die viel zu junge Stute nach mancherlei Verdruß und Verweisen vor Überanstrengung niederbrach und er sich den gutgehenden Rappen seines abgehenden Rittmeisters für teures Geld kaufen konnte.

Seine theoretischen Kenntnisse waren freilich viel besser und frischer als die der Kameraden, die ihr bißchen Kriegsschulweisheit längst verschwitzt hatten und sich darum gegebenenfalls gern an ihn hielten, wenn es galt, ein Kroki zu zeichnen oder eine Winterarbeit zu machen. Besonders machte sich dies der Adjutant zunutze, der seine glänzenden Zeugnisse gelesen hatte; aber auch die andern gingen ihn fortwährend um Liebesdienste an, sogar um Ulkverse zu Hochzeiten und Bratengedichte, denn er hatte eine dichterische Ader. So war er das Mädchen für alles, und er wagte keinem etwas auszuschlagen: es war eine Buße, ein Tribut dafür, daß er anders war. schon im Kadettenhaus war er es so gewöhnt gewesen. Dort hatte er vorsagen müssen und andern die Aufsätze machen – als Lösegeld für den Haß, den seine guten Leistungen erweckten ... Aber ihn als Mensch nehmen, ihm Rat und Ansporn sein, wie er sich in die neuen vielseitigen Pflichten und Verhältnisse zu finden habe, das wollte niemand. Sie wollten alle etwas von ihm haben, aber keiner wollte geben. Ausgenommen vielleicht Herr von Waldburg; aber vor dessen Pferdekuren hatte er eine berechtigte Angst. So hatte er ihm einmal sechshundert Mark im Spiel abgenommen, um ihn, wie er sagte, vom Jeu abzuschrecken. Nur sein Rittmeister nahm sich gelegentlich seiner an. Aber der war ein stiller, wortkarger Niederdeutscher, der ganz in seiner Familie aufging und sich um Kameraden und Kasino ebensowenig scherte, wie seine junge Frau, eine Russin, um die Geselligkeit, was ihnen beiden natürlich sehr verargt wurde. Vielleicht war es die Sympathie gleichen Abseitsstehens, die ihn den jungen Herrn öfter in sein Haus laden ließ; aber jedenfalls war er dadurch kein Lehrer für ihn im Sinne der andern.

Ja, die andern ... Um den kleinen Finger wäre er zu wickeln gewesen, wenn sie ihn richtig zu nehmen wußten. Gab er sich nicht die redlichste Mühe, ihnen näher zu kommen, auf ihre Wünsche, ihre Interessen einzugehen? Und wie sauer wurde ihm das doch oft! Aber keiner lohnte es ihm. Sie blieben wie sie waren, spöttisch und voller Ansprüche, die er nicht einmal recht kannte! Auch nicht einen hatte er gefunden, dem er sich geistig verwandt fühlte, mit dem er sich aussprechen, an dessen Freundesbusen er sich ausweinen konnte. Zu Anfang hatte er sich gesagt, der Mensch müsse sich durchfressen, aber es war immer so geblieben, nichts als kalter und passiver Widerstand, nie ein Wort von Herzen, und wenn er aus dem Kasino heimkehrte, hätte er manchmal laut weinen mögen. Dazu verdarb er sich das mühsam errungene bißchen Sympathie meist wieder durch seine Empfindlichkeit, wenn seine feinen Nerven den rohen Anwürfen und Witzen nicht mehr standhielten; und zur Sühne mußte er sich dann erst recht demütigen.

In vieles würde er sich ohnedies nie fügen, so in die Art der Unterhaltung. Weiber und Pferde waren die zwei Hauptthemata der Kameraden, zu denen nach dem Dienst oder bei der Lektüre des Militärwochenblattes noch das über die Vorgesetzten und Beförderungen trat. Aber wenn sie für Pferde stets ein Herz hatten, so besaßen sie allem Weiblichen gegenüber nur Mißachtung und einen vor nichts halt machenden Zynismus, der geschlechtliche Dinge wie Verdauungsvorgänge ansah. Brieg hätte sich manchmal die Ohren verkleben mögen, nur um ihre Zoten nicht mit anhören zu müssen; er hatte sich aus seinen Knabenträumen eine romantische Scheu und Ehrfurcht vor der Frau gewahrt, und sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, wenn er nach einem Balle mit den Kameraden im Café saß, die Augen noch geblendet von all den weißen Armen, wogenden Busen und roten Mädchenlippen, und die Anzüglichkeiten der andern sein Ohr verwundeten ... Anfangs hatte er das alles noch nicht so recht verstanden oder beschönigt und ins Harmlose hinübergespielt, um sein Ideal zu retten. Aber als er die Kriegsschule bezog, raubten ihm die Kameraden, die meist als Gymnasiasten schon Blut geleckt hatten, die letzten Illusionen und hänselten den »Kadetten«, dessen Erfahrungen in Dingen der Liebe nicht über das hinausgingen, was man im Kadettenhause von älteren Kameraden erlauscht hatte oder aus dem Lexikon und der Bibel herauslas, wie die Geschichte von Loth und seinen zwei Töchtern. Dennoch dauerte es eine Weile, bis er seinen Widerwillen bezwang und mit ins Bordell kam. ... Nachher schien es ihm, als wäre jener Dunstkreis von Wein, Zigarettenrauch, schlechten Parfüms und odeur de femme ihm durch alle Poren gedrungen, bis in die Seele, als klebte ihm etwas Unreines an, das kein Wasser mehr abwaschen könnte, als müßte jeder ihm seine Schmach vom Gesicht ablesen! – War das die Liebe? ...

Als junger Offizier hatte er dann allerhand Verirrungen mitgemacht, wie er die wüsten Trinksitten der Kriegsschule mitgemacht hatte; doch fühlte er sich bald davon angewidert und suchte seine Rettung in einer Liebschaft mit einer kleinen Nähterin, die ihm treu und ergeben war und nie etwas andres von ihm nahm, als kleine Aufmerksamkeiten und zu Weihnachten eine billige Brosche oder Uhrkette.

Aber trotz dieses für einen Ulanenoffizier bescheidenen Lebens lag er in stetem Konflikt mit seinem Geldbeutel. Wie sollte er monatlich mit hundertfünfzig Mark auskommen – das war die Frage, für die er keine Lösung fand. Erst fünf Mark Zulage als Kadetten-Unteroffizier und dann plötzlich hundertfünfzig Mark im Portemonnaie – ein sinnverwirrender Sprung! Er wußte eine so große Summe anfangs weder zu übersehen noch einzuteilen. Aber bald merkte er, daß es viel zu wenig war, und daß er der Ärmste im Regiment war. Das Kasino mit seinen Liebesmahlen und Verführungen! Das leichte Bestellen auf Borg! Und dann die Abzüge: Kleiderkasse, Silberkasse, Abschiedsgeschenke, Festmahle mit eingeladenen Gästen ... Einmal in seinem Leben hatte er bar Geld von seinem Gehalt gesehen, und zwar, als er Offizier wurde und am nächsten Ersten auch sein Gnadengehalt für den letzten Monat erhielt. Aber zur Feier dieses Tages mußte er eine große Sektbowle stiften, und schon bei der nächsten Abrechnung war sein Konto mit einem Minus behaftet. Und dieses Minus wuchs zusehend. Wie oft hatte er sich schon vorgenommen, mit Apfelwein und billigem Mosel auszukommen, aber immer wieder hatte die Pflicht der Kameradschaft und der Zwang der Verführung gesiegt! Und nun war er auch noch in seinen guten Sachen ausgeritten! Der Schmelz war hin, auch wenn kein Regen kam. Und seine Kleiderrechnung in Berlin betrug ohnedies Hunderte. Woher das Geld nehmen, ohne zu stehlen? Er konnte ja keinen Verdienst suchen. Spielen? Das war ihm schlecht bekommen. Waldburg hatte ihn, zur Abschreckung, wie er sagte, eines Nachts im Kasino um sechshundert Mark »erleichtert«. Vierhundertfünfzig Mark hatte er dem Vater gebeichtet, und den Rest mit einem ganzen Monatsgehalt gedeckt, wodurch er sich abermals in Schulden gestürzt hatte. Und der Vater hatte ihm gedroht, sich im Wiederholungsfalle an den Kommandeur zu wenden! ... Rennen? Aber dazu war einmal Betriebskapital nötig – und Glück, genau wie beim Hasardspiel ... Beim Lotteriespiel hatte er noch weniger Chancen gehabt. Er wünschte, noch all das schöne Geld zu haben, das er nach und nach in Mecklenburger, Braunschweiger, Hamburger und Sächsischen Losen verputzt hatte, lauter verbotene Lotterien, in denen er doch nie etwas gewann ...

Und nun wollte noch sein Vater kommen, wie im Vorjahre, um ihn wieder zu drangsalieren und zur Sparsamkeit anzuhalten und ihm das Leben zur Hölle zu machen. Er würde sich beschweren, daß sein Lohn zu selten bei ihm speiste, und im Kasino würde man ihm wieder vorwerfen, er entzöge sich der Kameradschaft. Dazu seine lastende Kasinoschuld! Selbst wenn er ihm alles beichtete: würde sein Vater es auch nur verstehen? Ein harter, höhnischer Zug legte sich um seinen Mund. Hatte sein Vater ihn je menschlich erfaßt? Seine Gaben und Gefühle berücksichtigt? Nein, er war ihm fremd wie jeder andre. Nur die Liebe zum Soldatenstand verknüpfte ihre Interessen. Er war eine Ziffer in seinen väterlichen Berechnungen, die Hauptziffer sogar, aber auch nichts weiter!

Plötzlich polterten die Pferdehufe auf etwas hohles, wie auf einen Sarg: Er fuhr erschrocken auf und griff in die Zügel, die er dem Rappen hingegeben hatte. Betty scheute vor den weißlich flimmernden Holzgeländern der hohen, dröhnenden Bretterbrücke, die über den Fluß führte.

»Dummes Tier,« stieß er hervor und strich dem Pferd mit der Reitpeitsche über den schönen gebogenen Rabenhals, um es zu beruhigen. Und er liebkoste es länger als nötig. Alles in allem hatte er nichts auf der Welt als das treue Tier, seine Liebschaft und seine Leute, an denen er gleichfalls mit Liebe hing. Er wollte sich in die Notwendigkeit fügen und das unnütze Sehnen lassen. »Wozu all dies Leid, dieser ziellose Drang, der doch keine Befriedigung bringt?« fragte er sich. »Ja, wozu dieser Ritt?«

Und er war abermals nahe daran, umzuwenden und heimzutraben. Doch da blinkten von der nächsten Geländewelle aus schon ein paar spärliche Lichter durch den leichten Dunstschleier, der über dem Tal lag: es mußte Grävenitz sein. Er zog die Uhr. Halb zwölf. Es war im Mondschein ganz deutlich zu sehen. In einer halben Stunde konnte er da sein. Warum so dicht vor dem Ziel abstoppen und doppelt zum Gespött werden? Trab!

Es ging noch einmal bergab und in sanfter Biegung bergan, dann kam eine lange, tiefschattige Allee, und er war da. Der Nachtwind, der durch die duftenden Kornfelder strich, wehte ihm unbestimmte Geräusche zu. Er horchte gespannt hin und unterschied die ferne Melodie eines Froschteichs. Aber je näher er kam, glaubte er noch etwas andres zu hören; es war wie Gesang und fernes Stimmengewirr, als würde dort ein Fest gefeiert und irgend ein Hoch ausgebracht. Schon blinkten im ungewissen Schein die weißen Knöpfe und Helmbeschläge des Dragonerpostens, der vor der Kaserne auf und ab klirrte. Jetzt blitzte auch die Klinge auf und der hellblaue Rock leuchtete intensiv, während der karminrote Kragen schwarz wirkte. Der Posten blickte den Reiter scharf an und präsentierte dann.

Auf Befragen über den Lärm erfuhr er, daß die Herren Offiziere noch im Kasino wären. »Das ist ja famos!« rief er aus: so hatte er doch Zeugen, daß er in Grävenitz gewesen war. Schon unterschied er deutlich Menschenstimmen, Gesang und mißtönige Musik. Breite Lichtwürfel fielen aus den Fenstern in die Dunkelheit. Einer, der im Fenster lehnte, rief ihn an und er gab sich zu erkennen. Sofort erschienen mit Hallo mehrere Köpfe im Fenster.

»Na, hat Ihr Brotherr mal wieder was ausgeheckt, daß er sie nachts über Land schickt? – Wohl 'n kleiner Alarm mit Nachtübung in der Brigade?« schrieen mehrere Stimmen durcheinander.

»Nein,« antwortete Brieg, »ich hab' nur 'ne Wette gemacht. Wir hatten heute Liebesmahl ...«

»So, wir auch. Kommen Sie nur 'rauf. Wir tagen hier noch. Der neue Divisionskommandeur war heute bei uns zur Schwadronsbesichtigung. Tadellos gewesen ...«

Eine verschlafene Ordonnanz stand bereits vor Brieg, griff in Nasenriemen und rechten Bügel und wartete, daß er absäße.

»Aber nur 'n Augenblick,« sagte er, indem er sporenklirrend absprang. »Führen Sie das Pferd etwas herum, es ist naß vom Reiten.«

Die Ordonnanz schlug die Bügel hoch und nahm die Zügel herunter. Der Rappe schüttelte sich schnaufend, während Brieg die Steintreppe satzweise hinaufstürmte.

»Führen Sie den Gaul mal gleich in den Schwadronsstall der Ersten,« näselte einer aus dem Fenster herunter, und die Ordonnanz gehorchte.

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