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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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7.

Als der Bursche ihn weckte, fühlte er sich erschöpft und gedankenleer. Ihm war, als hätte ein böser Spuk nachts von feinem Herzblut getrunken. Er blickte zum Fenster hinaus, aber draußen hingen schwere Regenwolken, die alles, was in seiner Seele noch fest war, in gestaltlose Nebel auflösten.

Das Pferdegetrappel und die Musik waren für ihn eine wohltätige Auffrischung. Es war heute Brigadebesichtigung und die Ulanen prangten im neusten Waffenkleid. Der Stolz des Parademarsches schwellte seine Brust, die der kleidsame Schnitt der Ulanka so vorteilhaft heraushob. Die silbernen Quasten und Fangschnüre flogen so keck, während die Reiter in der flotten, drängenden Bewegung auf ihren Sätteln vorbeitanzten, die Lanzen wie Ritter in den Bügel gestellt.

Dann kam das Exerzieren mit seinen schnellen Bewegungen und prächtigen Bildern, und Brieg blickte nicht ohne Bewunderung zu dem selbstsicheren Führer auf, dem schneidigen Brigadegeneral, der mit seinem langen Barbarassobart vor der Front einherbrauste und diese Reitermassen auf dem schmalen Platz hin- und herwarf, ohne daß sie jene Grenzen überschwemmten oder Stauungen eintraten. Ihm schien dieser Mann ein geborner Führer, den der Kleinkram des Dienstes weder zum Steckenreiter gebrochen noch zum Abenteurer hatte entarten lassen, wie seine beiden Regimentskommandeure ...

Warum hatte er selbst so zu enden vermeint wie der Freiherr von Rössing oder der Dragonerhetman, warum nicht so, wie dieser Ritter ohne Furcht und Tadel? Steckte ihm nicht auch der Soldat im Mute, oder war es wirklich nur der schöne bunte Schein, der ihn ans Waffenhandwerk fesselte? Er wußte es selbst nicht mehr. Aber mit gierigen Zügen trank er den Sturmwind auf, der in Gewitterböen den Reitern entgegenschlug und die Mähnen der hochstampfenden Pferde kämmte, während faustdicke Erdklumpen, von den Hufen geschleudert, wie Granatsplitter in die hinteren Staffeln prallten. Und er schwang seinen Säbel und rief trunken Hurra, als die Attacke wie eine Wetterwolke daherbrauste und sich schließlich in regelloses Getümmel auflöste, wie niedergehende Wolkenschauer ...

Dann kam die Kritik, die nicht anders als lobend ausfallen konnte, und der Heimritt unter den Klängen der Reitermusik, wie eine Rückkehr vom Turnier! Welch ein Glück lag doch darin, Menschen anzuführen, die treu an ihm hingen, und ein treues Tier unter dem Leibe zu haben! Selbst die vertraute Landschaft machte ihm das Herz schwer. War er hier nicht geboren und stand nicht jeder Pfad und Bach in sein Herz eingeschrieben? Ihm schien diese Gegend die einzige, wo Bäume und Dinge wirklich waren; überall wo anders waren sie nur Nachbildung und Abwandlung dieser Regel ...

Brieg war schon in sein Kasernenzimmer getreten, als er von neuem Trompetenschall hörte. Es war die Standartenschwadron, die das Wahrzeichen des Regiments in die Kommandantur zurückgebracht hatte und nun einrückte. Es war einer jener herrlichen alten Reitermärsche, den die Trompeter bliesen, und das Herz schwoll ihm bei diesen Klängen. Bald waren es kriegerische Fanfaren, die stolz und herausfordernd zum Kampfe luden, bald ein brausendes Siegeslied, ein übermütiger Daseinsjubel, wie aus tiefster Kehle emporgeschmettert; bald schmolz es hin in ritterlicher Zärtlichkeit, wie eine graziöse Tanzmusik, deren unwiderstehliche Anmut die Paare zum Tanze hinriß.

Und die Töne gewannen in seinem Auge Gestalt. Ein Ballsaal leuchtete mit seinem Lichterflirren auf. Er dachte nicht mehr an die faden Ballgespräche, die gespreizte Tourmacherei spottete nicht mehr über die großen Menschenmärkte, wo das schöne Fleisch schamlos zur Schau gestellt ward; er vergaß, daß ihn das alles nicht gelockt hatte, und daß er immer ängstlich gewesen war und wirr darauf losgeschwatzt hatte, wie ein Soldat im Kugelregen, um seine eigene Beklemmung zu übertäuben. Er sah nur den Lichtglanz und die bunten Uniformen, die blendenden Schultern und lachenden Mädchenlippen, all dies wiegende, wogende Schwelgen im Glück ... Er atmete den Hauch des Parfüms und der Glacéhandschuhe und genoß noch einmal den prickelnden Reiz des Soupers, wo in vorgerückter Nachtstunde eine Flasche Champagner und ein schöner Mädchenbusen solch schwärmerisches Liebesgefühl in ihm erweckt hatte... Dann wieder, als die Fanfaren von neuem einsetzten, richtete er sich stolz auf und das Bild eines gigantischen Bauwerks trat vor sein inneres Auge. Auf schwerem granitnen Sockel türmte es sich auf in strenger Gliederung und in unerbittlicher Logik, immer höher und leichter, Glied an Glied untrennbar gekittet, ein jedes in seiner Art klug genutzt, klar geschieden und doch alle zum Ganzen strebend, als wären sie nur da, um die Spitze zu tragen ... Wie falsch erschien ihm plötzlich sein eigener Hohn auf das Drücken nach unten und das Streben nach oben. Wer einmal ein Glied dieses großen Baues war, dem blieb keine andre Wahl, der mußte sich einordnen und unterordnen und sein Ich verleugnen! Bisher hatte er immer nur die Selbstverleugnung und Unfreiheit gesehen, aber nicht das, was durch sie zustande kam, jene machtvolle Organisation ... Aber nun erfüllte ihn mit einem Male Bewunderung davor, – jetzt, wo er sich selbst daraus loslösen wollte, – und der letzte Groll gegen sie war verflogen, seine Kameraden wollten – bewußt oder unbewußt – nichts als tragsame Bauglieder sein, und er wollte die Freiheit und Menschlichkeit. Das trennte sie, wie ein Schicksal zwei Menschen trennt, die bisher zusammen gehalten haben, aber es verfeindete sie nicht ... Nein, er wollte ruhig, ohne Groll, seinen Säbel an die Wand hängen und ein neues Leben beginnen! Erst jetzt hatte er sich ganz durchgekämpft!

Und während drunten die letzten Klänge verzitterten, fühlte er, wie Tränen ihm die Augen füllten, Abschiedstränen der Liebe, die seine Vergangenheit verklärten und ihr den Zoll seiner Dankbarkeit brachten.

Er drehte sich feuchten Auges um, und Herr von Waldburg stand hinter ihm.

»Stör' ich sie?« fragte er gelassen.

»Nein, womit kann ich Ihnen dienen?« antwortete Brieg, seine Bewegung niederkämpfend. Früher, als Herr von Waldburg noch der mächtige Erzieher der Jugend war, hatte er störrisch gegen ihn aufgemuckt, wenn dieser ihm über den Mund fahren wollte; aber jetzt, wo er im Unglück war, fühlte er sich sanft und nachgiebig gegen ihn gestimmt.

»Ich will Ihnen lebewohl sagen,« antwortete Waldburg, »Sie gehen ja nun ins Manöver und nachher bin ich ...« Er machte eine Handbewegung.

»Mein lieber Waldburg,« rief Brieg überschwänglich und wollte ihm kräftig die Hand drücken, wie einem Schicksalsgenossen. Aber Waldburg zog seine wohlgepflegte Rechte mit einem »Au, Sie tun mir ja weh!« zurück. Er hatte den älteren Kameraden noch nicht vergessen.

»Und was haben Sie vor?« fragte Brieg etwas ernüchtert.

»Was kann ein alter Soldat anders tun, als was er bisher getan hat: reiten, saufen und jeuen?«

»Wollen Sie kein Gnadengesuch einreichen und wieder eintreten?«

»Versucht,« antwortete Waldburg kurz, »Schließlich habe ich ja auch nicht mehr und nicht weniger getan als Sie und jeder andre auch, und danach müßten wir alle schon mal den schlichten Abschied gekriegt haben ... Aber Meyring scheint anders darüber zu denken. Ich war gestern auf dem Bureau, um über ein Gnadengesuch mit ihm zu reden; aber der Kommandeur reicht sicher keins ein wegen meiner Beschwerde von neulich ... Wahrscheinlich hat er auch Angst, man könnt' ihm das höheren Orts verübeln ... Na, jedenfalls Meyring, das Barometer seiner Launen, gab mir nicht mal mehr die Hand wie 'nem anständigen Menschen ...«

»Das sieht ihm ähnlich!« platzte Brieg heraus. »Mir wird er sie bald auch nicht mehr geben ... Ich will auch den Zivilrock anziehen ...«

»Sie wollen wirklich Ihren Abschied nehmen? haben Sie sich mit Ihrem Vater veruneinigt?«

»Noch nicht...«

»Na, und dann ...«

»Dann sind wir ja wohl beide in der gleichen Lage,« entgegnete Brieg mit leichtem Herzklopfen. »Ich liebe eine Frau, und Sie...«

»Ist das die geschiedene Frau von ...«

»Frau von Carsten,' ergänzte Brieg schnell. »Man wird ja schon über uns allerhand geklatscht haben ... Na, und Sie ...«

Die beiden Männer blickten sich einen Augenblick schweigend an. Brieg suchte in Waldburgs Augen zu lesen; aber es waren immer noch die kalten, stahlgrauen Spieleraugen, die ihr Geheimnis nicht verrieten.

»Na, ich wünsche Ihnen viel Glück! Lassen Sie sich's gut gehen und so weiter!« Damit empfahl er sich.

Brieg fühlte sich plötzlich so leer und ernüchtert. Kein Wort von Herzen, kein Wort auch über sein eigenes Herzensschicksal und seine Zukunft war gefallen. Waldburg wies seinen Schicksalsgenossen ab, als wollt' er sagen: »Nehmen sie sich kein Beispiel an mir!«

Aber er war sich jetzt eins mit sich selbst. Er hatte das Wagnis schon halb unternommen und wollte nicht mehr feige Zurückzupfen. Seit wann war Gefährlichkeit für ihn ein Einwand gegen ein Unternehmen? Hatte er nicht sein Handwerk aus der Gefahr gemacht und war er nicht allmorgendlich ausgeritten, gleichgültig, ob er lebend heimkehrte oder sich das Genick brach.

Und sein Geist fand sich zurück in die ruhige Mittellinie, die zwischen den mächtigen Gefühlsausschlägen der letzten Zeit lag. Er überblickte noch einmal seine ganze innere Wandlung, von dem ersten ziellosen Drang und Haß bis zu dem erlösenden Entschluß und dem Vergessen des alten Harms. Gerade der Umstand, daß er imstande war, seinen Groll zu verwinden und für die Vergangenheit Ja zu sagen, bestärkte ihn in dem Glauben an die Nichtigkeit seines Vorhabens. Er stand auf der Grenzscheide zweier Länder, die beide seine Heimat waren; und wenn er den Soldaten äußerlich abtat, so wollte er es innerlich desto mehr bleiben. Er wollte die Tugenden seines alten Berufes nicht wie ein Unkraut aus feinem Herzen jäten, sondern nun erst recht weiter pflegen. Das Heer erschien ihm als ein fruchtbarer, halbwilder Boden, worin noch prächtige Pflanzen wuchsen. Er wollte sie mit ihren Wurzeln loslösen und in Kulturboden verpflanzen und veredeln ... Vor allem den Mut ... Im Heere blieb er gepaart mit Menschenfurcht, ja ein großer Teil der Disziplin war nichts als verfeinerte Menschenfurcht. Er wollte ihn läutern von diesen Schlacken; er wollte auf Menschenfurcht und Engherzigkeit Attacken reiten und unerschrocken seine Pflichten erfüllen – Keine äußerlichen, toten Pflichten, nein, solche des Herzens, die da geboten, Frauen und Wehrlose vor Roheit und Bedrückung zu schützen!

Mit ruhiger Entschlossenheit nahm er sein Abschiedsgesuch zur Hand und ging auf das Regimentsbureau. Hier wurden schon Zurüstungen zum Manöver getroffen. Es roch nach Ziegellack und alles war in unruhiger Bewegung. Der Stab sollte zwar erst zwei Tage nach den Schwadronen ausrücken; aber vorher war noch Sedanfeier und da galt es, keine Zeit zu verlieren.

Der Kommandeur war zerstreuter denn je. Die vielen notwendigen Anordnungen, dazu der unliebsame Fall Waldburg und eine sehr ernste Unterredung, die er gestern mit dem Rittmeister von Treuenfels gehabt hatte, erfüllten seinen Geist derart, daß er den Leutnant von Brieg mitsamt seinem Abschiedsgesuch total vergessen hatte. Erst als dieser das zusammengefaltete Schriftstück öffnete und ihm meldete, daß sein Vater nichts gegen seinen Abschied, hätte, entsann er sich des trotzigen jungen Mannes, der vorgestern mit dem Säbel aufgebumst hatte. Dann fiel ihm ein, daß er und sein Rittmeister es gewagt hatten, die Gratulationscour bei der Kommandeuse zu verabsäumen. Seine Frau hatte ihm das sehr deutlich eingeschärft, sonst hätte er es im Drang der Geschäfte wohl auch vergessen. Übrigens ließ er sich von Brieg noch einmal wiederholen, was er wollte und welche Bewandtnis es mit dem Schriftstück hatte, und erklärte dann schließlich aufs neue, daß es damit wohl Zeit bis nach dem Manöver hätte. Brieg bezwang seine Ungeduld und erklärte ihm in gesetzter Rede, daß er seines Vaters Anwesenheit benutzt hätte, um die anbefohlene Einwilligung sofort persönlich einzuholen, und daß er private Gründe hätte, bald aus dem aktiven Dienststande auszutreten.

»Sie werden mir das gefälligst schriftlich bringen,« befahl der Oberst.

»Herr Oberst,« entgegnete Brieg fest, »ich melde gehorsamst dienstlich, daß ich die Erlaubnis meines Vaters habe.«

»Und ich befehle Ihnen dienstlich«, brummte der Kommandeur barsch, »mir eine schriftliche Erlaubnis zu bringen.«

Brieg schlich mit leicht gekrümmtem Buckel hinaus. Die gewohnte Disziplin, dem Knaben eingebläut, dem Jüngling ins Herz getrichtert, hatte seinen Willen gebrochen; – sie steckte ihm noch so tief im Leib, daß er wieder zusammengeknickt war wie früher... Nun war er so klug wie vorher! Nicht mal sein Pferd verkaufen konnte er und die erhoffte Summe flüssig machen.

»Na, ist Ihr Gaul schon billiger geworden?« erkundigte sich Meyring, der eben das Bureau betrat.

»Meinethalben, mir ist alles recht,« sagte Brieg müde, »wenn ich nur bald meinen Abschied kriege und das Manöver nicht mehr mitmachen brauche!« Diese peinlichen Formalitäten waren ihm, wo sein Entschluß feststand, entsetzlich.

»Ihren Abschied?« tat Meyring erstaunt. »Ist das etwa Ihr Abschiedsgesuch? Zeigen Sie mal her! ... Aber Menschenskind, so was gibt es doch nicht, wollen Sie sich zur Reserve überführen lassen oder als Invalide Ihren Abschied nehmen? Etwas Drittes gibt es nicht. Im letzteren Falle müssen Sie um die gesetzliche Pension bitten und ein ärztliches Attest beibringen ...«

Brieg hatte nie daran gedacht, alljährlich mit den Sommerleutnants wieder einzurücken und eine kostspielige Reserveübung zu absolvieren, ganz abgesehen von der inneren Unfreiheit, in der dies geheime Lasso ihn in seinem Zivilberuf hielt. Es blieb ihm also nichts übrig, als seinen Abschied mit Krankheit zu motivieren.

»Dann muß ich also wohl zum Oberstabsarzt und mich untersuchen lassen?« fragte er kleinlaut.

»Natürlich,« nickte der Adjutant. »Gehen Sie mal wieder 'rein,« fuhr er leutselig fort, indem er auf die verschlossene Tür deutete, »und bitten sie den Herrn Obersten, sich vom Oberstabsarzt untersuchen lassen zu dürfen. Ihr Rittmeister kriegt heut' nachmittag dito seinen Totenschein, da ist das ein Aufwaschen.«

Brieg blickte Meyring erstaunt an. »Will Herr von Treuenfels auch seinen Abschied nehmen?«

»Kommen Sie mal gleich mit,« nötigte Meyring ihn wieder hinein; »ich will's dem Herrn Obersten sagen.«

Brieg ließ sich willig ins Schlepptau nehmen und der Adjutant machte es dem Obersten in vorsichtigem Flüsterton mundgerecht, daß der Leutnant von Brieg krank sei und um Untersuchung durch den Regimentsarzt bäte. Da Herr von Treuenfels ja gleichfalls untersucht würde und der Oberstabsarzt nach dem Manöver so viel mit Freiwilligen und Rekruten zu tun hätte, ließ sich das vielleicht vereinigen...

»So,« brummte der Oberst, »was fehlt Ihnen denn? Nervenzerrüttung? Nicht wahr? Ich habe das schon lange kommen sehen...«

In der Schreibstube ließ Meyring sofort einen Zettel aufsetzen und unterschrieb ihn. »So,« sagte er, »damit gehen sie zum Pflasterkasten. Wenn er Sie für krank erklärt, schreiben Sie Ihr Abschiedsgesuch, und zwar mit der Bitte um gesetzliche Pension.«

»Ich will gar keine Pension,« sagte Brieg. Aus einem dummen Trotzgefühl heraus wollte er vom Staat nichts geschenkt haben.

»Aber das ist Vorschrift,« achselzuckte Meyring. »Ihr Gesuch kann sonst nicht weitergegeben werden oder wird uns zurückgeschickt. Item...«

Brieg ließ alles über sich ergehen. Wo alles andre durchgesetzt war, wollte er nicht an dieser elenden Klippe stranden.

»Also heute um vier Uhr,« schloß Meyring freundlich. »Wenn Sie das Attest haben, können Sie auch vom Manöver zurückgestellt werden... Freilich müssen wir dann den Manöverrapport noch umschmeißen... Aber,« sagte er, die Stimme senkend, und wie auf einen anderen Gegenstand übergehend, »Ich kriege Ihren Gaul doch für elfhundert? Was?...«

Brieg bat sich bis morgen Bedenkzeit aus.

Mit höflichem Gruße verabschiedete er sich und Meyring sagte sich befriedigt: »Den haben wir endlich auch kirre!«

Am Nachmittag ging er zuerst zu seinem Vater, um die schriftliche Erlaubnis, die der Kommandeur heischte, in der Tasche zu haben, ehe er sich vom Oberstabsarzt untersuchen ließ. Der alte Herr empfing ihn seufzend, wie mit einem stummen Vorwurf. Seine Bitte machte ihn stutzig. »Dein Kommandeur ist wohl auch dagegen?« forschte er mißtrauisch.

»Da er sehr fürs schriftliche ist, so wollte er einen Schein,« lächelte Brieg verlegen. Er kam sich vor wie ein perfekter Heuchler und fürchtete, sein Vater möchte ihm das vom Gesicht ablesen.

»Nun, mein Sohn, wenn du es à tout prix willst,« stimmte der alte Herr seufzend zu, »so will ich mich dem, was du für dein Glück hältst, nicht entgegenstemmen. Aber mach mir keine Vorwürfe nachher, wenn die Sache schief geht! Mach mir keine Vorwürfe: du hast es selbst gewollt.«

Damit setzte er sich umständlich an den Schreibtisch und schrieb ihm kurz den gewünschten Schein.

»Da, mein Sohn,« sagte er feierlich. »Möge er zu deinem Glück gereichen!«

Brieg war schmerzlich gerührt, als er sah, wie nahe dem alten Manne das alles ging. Er drückte ihm warm die Hand und sagte: »Ich danke dir, Papa!« Dann verabschiedete er sich, um zum Arzte zu gehen.

Er schritt elastisch und in gehobener Stimmung durch die Straßen. Er fühlte sich endlich befreit! Nun würde alles noch gut werden!

Als er um vier Uhr beim Oberstabsarzt erschien, traf er bereits seinen Rittmeister dort.

»Nanu, was wollen Sie denn hier?« fragte Treuenfels erstaunt.

»Ich will meinen Abschied nehmen, Herr Rittmeister,« sagte Brieg traurig. Er fühlte es wie einen Selbstvorwurf, daß er seinem gütigen Schwadronchef, der ihm so viel persönliches Interesse gezeigt hatte, noch nichts von seiner Absicht verraten hatte.

»Sie auch?« fragte Treuenfels noch erstaunter. »Ja, weswegen denn aber?«

»Ich will was anders anfangen, Herr Rittmeister.«

»Wohl Ihnen!« sagte Treuenfels warm, indem er ihm die Hand drückte. »Ich wollte, ich wäre noch in Ihren Jahren. Dann könnt ich's auch noch. Aber so,« seufzte er und ließ sich matt in das Sofa fallen.

»Herr Rittmeister wollen auch fort?« fragte Brieg diskret.

»Wollen?« entgegnete Treuenfels und hielt sich mit dem Handrücken die Stirn. »Um es Ihnen als Kamerad zu sagen: wenn die Verhältnisse hier bessere wären, blieb' ich lieber, Aber so... diese Klatschereien unter den Regimentsdamen und diese ewigen Schikanen vom Obersten«... Damit schwieg der einsilbige Mann wieder. Brieg ahnte den Zusammenhang eines Zerwürfnisses mit dem Kommandeur, wagte aber nicht, in seinen alten Vorgesetzten zu dringen.

In Wahrheit hatte der Herr von Treuenfels den Obersten tödlich beleidigt. Im Drang der Manövervorbereitungen hatte er die berühmte Termineingabe: »Vorschläge zur Vereinfachung des Schreibwesens« vor ein paar Tagen tatsächlich mit »Abschaffung dieser Eingabe« beantwortet. Ein anderer hätte über diesen guten Witz gelacht und ihn der Schwadron ohne weiteres zurückgegeben; aber Herrn von Rössing, der sich in seinem Lieblingssteckenpferd, das höheren Orts nur Anerkennung gefunden hatte, sehr beleidigt fühlte, kam es sehr gelegen, daß ihm der Starrsinnige selbst eine bequeme Handhabe bot, ihm den Hals zu brechen. Er hatte Herrn von Treuenfels gestern eine grimmige Standrede gehalten, daß er diese Eingabe weiterreichen würde und daß er sich die Folgen selbst zuzuschreiben hätte, und daraufhin hatte Treuenfels kurzerhand um seinen Abschied gebeten; er wollte die erste Karte ausspielen.

Die Untersuchung des Rittmeisters währte lange. Brieg hing derweilen seinen Gedanken nach. Das Bedauern, das er gestern noch empfunden hatte, einem Manne wie Treuenfels oder Kinsky den Rücken zu kehren, war durch die Ereignisse bereits widerlegt und Herr von Treuenfels hatte ihn eben selbst zu seinem Entschlusse beglückwünscht.

Endlich kam jener heraus und Brieg präsentierte seinen Zettel. Der Oberstabsarzt brummte etwas von Lazarettdienst, den er nicht versäumen könnte, wies ihn aber schließlich auf sein Zureden doch in sein Untersuchungszimmer und begann damit, seine Augen zu untersuchen.

»Was fehlt Ihnen eigentlich?« fragte er schließlich.

»Nervenzerrüttung.«

»Ach ja, ich entsinne mich... Damals, als Sie nicht wach zu kriegen waren... Jedenfalls sind Sie nicht felddienstfähig. Denken Sie mal, im Kriege, wenn plötzlich Alarm ist und man kann sie nicht wachkriegen... Dann fallen Sie dem Feind in die Hände oder so was.«

Der Oberstabsarzt war eigentlich nur Augenarzt und hatte als solcher auch Zivilpraxis. Die übrigen Zweige der Heilwissenschaft lagen ihm ziemlich fern und es fehlte darum nicht an Mißgriffen. In den Jahren seines ärztlichen Waltens war der Invalidenfonds besonders stark belastet, denn er pflegte zum Beispiel erfrorene oder gequetschte Gliedmaßen oft mit dem Amputationsmesser zu kurieren, und bei schwierigen Fällen hatten seine Diagnosen noch verhängnisvollere Folgen gehabt.

»Strecken Sie mal die Arme aus,« sagte er plötzlich.

Brieg war durch die Aufregungen der letzten Zeit recht nervös geworden, und seine Fingerspitzen vibrierten an den ausgestreckten Händen.

»Hm! ich sehe!« bemerkte der Arzt. »Sie leiden wohl auch viel an Kopfschmerzen?«

Brieg bejahte alles. Im stillen stöhnte er, daß selbst sein Abschied nicht ohne Lüge und Komödie möglich war. Aber was half es? Das Land der Freiheit begann erst draußen.

Endlich war die Körpervisitation beendet und der Arzt versprach das Attest in dem angedeuteten Sinn aufzusetzen.

Er ging aufatmend in die Kasernenwohnung zurück, um seine Habseligkeiten zu ordnen: nach dem Manöver sollte der Zahlmeister all diesen bunten Plunder von Uniformen, Säbeln, Fangschnüren und Sattelzeug losschlagen, um damit seine Schneiderrechnung zu decken, wenn überhaupt soviel dabei heraus käme! Dann setzte er ein verändertes Abschiedsgesuch auf. Er schämte sich dieser Bettelei um ein Almosen; aber wenigstens würde es die Verluste an seinen Pferden und die Kosten der Equipierung nach acht bis zehn Jahren wieder wettmachen. Es war eine Art Schadenersatz: er nahm also vom Staat nichts geschenkt, und sonst wäre er ja auch nicht freigekommen!

Und dann in Gottes Namen: weg mit dem Gaul für elfhundert Mark.

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