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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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6.

Herr von Brieg hatte sich nach seinem Nachmittagsdienst rasch zu Frau von Carsten begeben. Er fand sie in Tränen aufgelöst. Als er den Grund ihres Kummers erfuhr, geriet er in Wut und entlud seinen Groll in Flüchen auf diese ganze verlogene Heuchlergesellschaft, die immer mit schönen Worten Ball spielte und doch kein Herz im Busen hätte. Aber gerade aus ihrer Feindschaft wollten sie sich Kraft saugen; just sie machte ja beide zu Bundesgenossen im Kampf gegen alles Gültige!

»Um so mehr verlaß dich auf mich, Anna!« schloß er. »Ich werde dir helfen, dich durchzusetzen gegen alle; ich werde für dich und deine Kinder sorgen. Ich werde ihnen ein besserer Vater sein, als dieser Schinder, der dich mißhandelt hat und deine Kinder gegen dich aufhetzt! Und damit du aus der ersten Kalamität herauskommst, werde ich mein Pferd verkaufen und dir mit dem Erlös beispringen; mein mütterliches Erbteil werde ich später auch schon erlangen; dann findet sich alles andre!«

Die näheren Konsequenzen seines Versprechens machte er sich noch nicht klar, was er gesagt hatte, ging aus seinem Herzen und nicht aus seinem Verstande hervor. Auch schien ihm ein legaler Ehebund, nach allem, was er bisher von der Ehe gesehen hatte, durchaus nicht geeignet, den Bund ihrer Herzen und Schicksale zu heiligen. Unklare Ideen von einer freien Liebesgemeinschaft, die allein der Adel der Neigung legitimiert, schwebten ihm vor. Ein gesetzlich geachtetes Konkubinat aber, das auf materiellen Interessen basiert und juristisch verklausuliert war, widerstrebte ihm schon deshalb, weil er dazu des väterlichen Jaworts bedurfte.

Jetzt, wo seine ganze Weltanschauung zusammenbrach, kannten seine Gedanken keine Schranken mehr. Seine eigene Moral war noch nicht ausgereift und er befand sich in jenem wurzellosen Übergangszustand, in dem alles erlaubt scheint, was gefällt und wo man nur noch mit gegebenen Daten rechnet.

Zum Essen ging er ins Kasino, um die Angelegenheit seines Pferdeverkaufs in Fluß zu bringen, und sobald er damit hervortrat, wandten sich ein paar neugierige Gesichter ihm zu. Schmitt fragte, ob er denn das Manöver zu Fuß mitmachen wolle, und Meyring, der den Zusammenhang durch die Tür des Regimentsbureaus erlauscht hatte, bot ihm mit eisigem Lächeln tausend Mark. Der alte Schinder sei damit noch sehr gut bezahlt, zumal er vor allen Eisenbahnen und Dampfwagen scheute. Brieg überlegte sich, daß er fast das Doppelte gezahlt hatte und er mit tausend Mark weder seine Kasinoschuld tilgen noch seiner Freundin helfen könnte. Es peinigte ihn sehr, daß er sein mütterliches Erbteil nicht sofort hatte. »Er wird schon noch billiger werden!« sagte Meyring schließlich halblaut und brach die Debatte ab.

Am Abend setzte Brieg sein Abschiedsgesuch auf. Es war ein schicksalsvoller Augenblick, als er seinen Namen groß daruntersetzte; mit diesem Federstrich, so meinte er, vollzog er seine Selbstbefreiung.

Dann legte er die Feder hin und richtete seine Gedanken in die Zukunft. Eine leise Beklommenheit ergriff ihn. Unwillkürlich dachte er an die beiden Kinder von Frau von Carsten, denen er heute nachmittag mit einem gewissen Stolz lebewohl gesagt hatte, als wären es nun seine Kinder. Er hatte ihnen einen Kuß auf die Stirn gegeben, aber die scheue Agathe entzog sich seiner Berührung und eilte in die Küche zur alten Minna, während Anna, der kleine Kobold, seine Liebkosung höchst klownhaft erwiderte. Er hatte sie immer plump-vertraulich behandelt, wie ein älterer Spielkamerad, und das Kind hatte sich das schnell zunutze gemacht. Er sagte sich zwar, daß Kinder nie anders sind, und daß sie ja auch nicht verstehen konnte, was er für sie empfand; aber ein leises Unbehagen hinterließ ihm die Szene mit Agathe doch, und ihr starrsinniges Schweigen in seiner Gegenwart – das verhehlte er sich nicht – war nicht Liebe. Und doch hatte er versprochen, für sie zu sorgen! Ja selbst die alte Minna, das Faktotum, hatte ihren Haß gegen Ahlert auf den neuen Hausfreund übertragen und ihn grimmig angeknurrt, als er einmal mit Frau von Carsten ihr Heiligtum, die Küche, zu betreten wagte.

Und je mehr er seine Gedanken in die Zukunft hineinbohrte, desto beklommener ward ihm zumute. Er hörte wieder Frau von Carstens sanfte Warnung, er würde sich entwürdigt und gedemütigt fühlen, wenn er den bunten Rock auszöge, und selbst das Wort des Auskunftsbureaus von den seiner jetzigen Stellung »etwa« entsprechenden Berufen war als geheimer Stachel in seiner Seele haften geblieben und peinigte ihn wie ein Nadelstich. Er sah Frau von Carsten in Berlin eine neue Pension auftun und sich selbst als Leutnant a. D. eine zweifelhafte Rolle darin spielen. Kein Mensch würde ihm dann die jetzige Achtung bezeigen; man würde denken, er sei um die Ecke gegangen. Er würde den Säbel mit der Feder vertauschen und hartherzigen jüdischen Wucherern mit Geistesprodukten fronden, wie sein Vater gesagt hatte! Er, Ferdinand von Brieg! Der vornehme Mensch bäumte mit einem Male in ihm auf und das Standesgefühl, das er längst überwunden wähnte, flüsterte ihm zu: »So etwas kann man nicht ...!«

Dann wieder ergriff ihn sein altes Mißtrauen gegen sich selbst, die Frucht seiner zurückgedämmten Instinkte, wenn nun doch nichts aus ihm würde, wie er früher so oft gefürchtet hatte! Seine guten Absichten hatte er schon für die Tat genommen und in der bloßen Tatsache seiner hochfliegenden Träume eine Gewähr ihrer Erfüllung gesehen! Sein früherer Ausspruch, er wolle das tun, was er könnte und möchte, ein Wort, das ihm einst wie eine Selbstoffenbarung erschienen war, mutete ihn jetzt an wie eine hohle Redensart. Ja, was konnte er denn eigentlich? Das geheime Elend seines bisherigen Lebens hatte ihm jede andre Zukunft rosig erscheinen lassen; aber nun dieses Elend ein Ende haben sollte, entkleidete sich auch die Zukunft ihres Rosenschimmers, und finstere Schatten wälzten sich über seine Seele.

Das neue Leben konnte noch schlimmer enden als das alte. In die kleinliche Misere des täglichen Broterwerbes herabzusinken und dabei dichten, ja, überhaupt geistig schaffen, dabei nebenan eine quärrende Kinderstimme oder eine Klavier klappernde Engländerin, von der er sich bei Tisch alles bieten lassen mußte! Und das allgemeine Wettrennen der Konkurrenz, war das etwa besser als die Streberei im Heere? Diese herzdörrende Wissenschaftlichkeit, deren Erzeugnisse er neulich im Schaufenster gesehen hatte, war sie nicht Wüste, so gut wie seine Felddienstordnung und Kriegsgeschichte? Im Grunde war alles das Gleiche, meinte er, nur weniger vornehm ...

Alle die Warnungen, die er bisher nicht beachtet hatte, begannen in seinen Ohren nachzuklingen und er lieh ihnen jetzt willig Gehör. Seines Vaters Wort von den erträumten Wahnbildern, denen er verstockten Herzens nachliefe, erschien ihm mit einem Male so furchtbar wahr, was trennte ihn überhaupt so sehr von seinem Vater? Der schöne Schein, den er liebte, der holde Trug, der einen Augenblick das Herz umgaukelt, aber zerplatzt wie eine schillernde Seifenblase, sobald man ihn fassen will ... Im übrigen waren sie gar nicht so uneins. Auch der alte Herr klagte über das Bildungsdefizit des Offizierstandes, den Kasinoluxus und all die Auswüchse des Friedensmilitarismus. Konnte er wirklich keine Ausnahme bilden und doch seine Stellung behaupten wie der kleine Graf Limburg, dem der Soldatenstand ebensowenig Scheuklappen angelegt hatte wie der Grafentitel? Hatte er nicht vielleicht alle Gegensätze erst künstlich erweitert und ins Giftige umgefälscht? Und war er selbst der Ritter ohne Furcht und Tadel, der ein Recht hat, anderen Moral zu predigen? War alles, was er getan hatte und zu tun gedachte, so einwandsfrei? Und was er vorhatte, war es nicht Undank und Ungerechtigkeit? Alles Gute, was er von andern erfahren hatte, fiel ihm mit einemmal auf die Seele. Die ritterliche Art seines Brigadekommandeurs und seines Rittmeisters, der er sich so verwandt fühlte, und Graf Kinskys weitsichtiger Takt schienen sein vorhaben stumm zu mißbilligen... Ja, er wünschte, man hätte ihm mehr Ungerechtigkeit erwiesen, damit er mit gutem Gewissen seinen Abschied nehmen konnte ... Sein eigenes früheres Selbst hielt ihn vorwurfsvoll zurück. Er sagte sich, daß er sich nicht mit einem Federstrich von seiner Vergangenheit losreißen, daß er alles, was ihm im Blut steckte, nicht durch einen Willensentschluß austilgen könnte ... Ihm war plötzlich zumute, als ritte er mit einem elenden Klepper gegen eine Hürde mit Wassergraben an, mit dem Bewußtsein, daß es ein Todessprung war ...

Ja, es war wirklich wie beim Rennen, eine rasende Jagd der Ereignisse, die ihn weiterriß, oder wie bei einer mißglückten Offiziersübung, Die getroffenen Anordnungen griffen wie Zahnräder weiter, und der Gang der Ereignisse war nicht zu hemmen. Er dachte unwillkürlich an jenen tollen Nachtritt nach Grävenitz, der ihm fast Hals und Kragen gekostet hätte.

Bisher hatten seine Erlebnisse ihn immer bestärkt; wie eine anrollende Flutwelle hatten sie ihn hochgehoben; aber mit einem Male gipfelte die Woge, kippte über und prallte zurück vom Fels des Tatsächlichen, und sein eigenes Schiksal kehrte sich gegen ihn und widerriet ihm höhnisch die gegebenen Ratschläge, jetzt, wo er nicht mehr zurück konnte ...

Aber war es wirklich zu spät? Konnte er Frau von Carsten noch im Stich lassen, wie vor wenigen Tagen, wo sie es ihm selbst nahegelegt hatte? War dies nicht feig und erbärmlich? Die ganze Nacht durch wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager; das Herz arbeitete in ihm wie eine Schiffsmaschine und dem zermarterten Kopf dünkten die Rissen wie Feldsteine. Aber seine Gedanken kletterten gleichsam an einer gläsernen Mauer herauf, an der sie immer wieder herabrutschten.

Erst gegen Morgen versank er in bleiernen Schlaf.

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