Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
Schließen

Navigation:

4.

Brieg erzählte der geliebten Frau noch auf dem Weg zum Theater, daß sein Vater in seinen Abschied willigte, und daß nun alles gut würde, aber Frau von Carsten schüttelte mutlos den Kopf.

»Wäre dein Vater gar nicht in mein Haus gekommen,« seufzte sie, »so hättest du mich überhaupt nicht kennen gelernt, und das wäre viel besser gewesen!«

Frau von Carsten kämpfte immer noch einen stillen Kampf mit sich selbst; das eine Mal wollte sie dem alten Brieg rundheraus die Wahrheit sagen und so seinen Sohn davon abbringen, sein Lebensglück aufs Spiel zu setzen; dann wieder erschien er ihr als Retter, sie glaubte an seinen Erfolg in einem neuen Berufe, und die Hoffnung auf Glück und Liebe, die sie längst in ihrem Herzen begraben hatte, trieb neue Keime. Von einem ungeliebten Manne hätte sie kein Opfer angenommen, und doch gerade, weil sie ihn mehr und mehr liebte, wollte sie ihm dies Opfer ersparen.

Im Theater saß er in der Loge hinter ihr, tief in eine schattige Ecke gedrückt und doch in dem Gefühl, als seien alle Gläser auf ihn gerichtet. Eine Verlegenheit wie bei seinem ersten Ball überkam ihn. Er zupfte sich die Halsbinde zurecht und prüfte seine Knöpfe nach, ob sie alle auch noch festsäßen; ihm war, als hätte er irgend etwas Anstößiges an sich. Auf der andern Seite des ersten Ranges saß der kleine Graf Limburg und nickte ihm zu. Es war ihm höchst peinlich. In einer Pause trafen sie sich. »Ich sehe mir das Stück schon zum zweiten Male an. Ganz famos, was?« fragte der Graf begeistert.

Brieg wunderte sich über so viel Freimut bei einem Kameraden.

In der Folge riß ihn der Gang der Handlung so fort, daß er seine Umgebung samt ihren Operngläsern vergaß und mit atemloser Spannung zusah. Namentlich die große Pathosszene zwischen Magda und dem Pfarrer ergriff ihn; ihr Aufschrei: »Die Männer da draußen sind Bestien!« war ihm aus tiefster Seele gesprochen, und er wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Frau von Carsten, als diese sich umsah. Neben ihm saß eine dicke Person, den Arm wie ein Feldherr in die Hüfte gestemmt und fortwährend Pfefferminzplätzchen zermalmend. Sie folgte den Vorgängen auf der Bühne mit arrogantem Gesicht, als wollte sie sagen: »Wie wagt man mir so etwas vorzuspielen,« und schüttelte am Schluß empört den Kopf.

Brieg verließ das Theater trotz des schmerzlichen Schlusses nicht ohne innere Erhebung. Hier war einmal der Finger auf die Wunden der Gesellschaft gelegt; das war etwas andres als das flaue Militärlustspiel, wo sie sich am Ende kriegten und alles in Wohlgefallen zerfloß. Das war ein Stück blutendes Leben, so wahr, wie das seiner Geliebten! Ein Lebensstrom schien ihm von dieser neuen Kunst auszugehen, und besonders ermutigte ihn dieser Frauencharakter, der sich selbst treu blieb und alle Lüge, allen konventionellen Schein von sich wies, was auch daraus entstehen mochte. Ja, unter dem Eindruck dieser Figur gereute ihn schon sein halbes Nachgeben gegen seinen Vater! Aber diese Magda hatte ja auch der Pietät halber Konzessionen gemacht. Sie war bis an die Grenze des Möglichen gegangen, und erst das Verbrechen an der Natur, an der Heiligkeit ihrer Mutterliebe, hatte sie zum Bruch getrieben. Auch er wollte, so weit es irgend ging, nachgeben; nur wenn sein Heiligstes, seine Liebe, angetastet wurde, war er zum Äußersten bereit. Und ein dunkles Ahnen sagte ihm, daß auch für ihn der Tag kommen würde, wo sein Vater, dieses Ebenbild jenes altpreußischen Obersten, ihn zur bitteren Wahl zwang.

Als sie die Schritte heimwärts lenkten, waren die stillen Straßen in Mondschein getaucht und die Fontäne auf dem kleinen Platze plätscherte im Silberschein. Es war kühl geworden und die Luft war würzig und rein. Die beiden jungen Damen waren vorausgegangen; ihre hellen Kleider leuchteten durch die Nacht. Brieg folgte ihnen, den Arm in den seiner Freundin gelegt, in stiller Nachdenklichkeit.

In der Pension hatte sich schon alles zur Ruhe begeben. Die beiden Engländerinnen gingen leise zu Bett und Brieg trat mit Frau von Carsten noch einen Augenblick in das mondhelle Erkerzimmer. Die Gegenstände warfen lange, blauschwarze Schlagschatten und alles sah so märchenhaft und entkörpert aus. Sie traten Hand in Hand ans Fenster und blickten in den Mond.

»Anna,« sagte er leise, »dies ist der schönste Tag meines Lebens. Heute hast du mir gesagt, daß du mich liebst!« Sie wollte etwas erwidern, aber er schloß ihr mit einem Kuß die Lippen und streichelte ihre lichtumsäumten Haare. Und zum ersten Male erwiderte sie seine Liebkosung mit leidenschaftlicher Glut. Sie schmiegte sich fest an ihn und ein Schauer lief ihm durch alle Glieder.

»So möcht' ich sterben!« lispelte sie.

Eine Sternschnuppe löste sich von dem dunklen Firmament und zog einen langen Goldstreifen durch das fahle Blauschwarz.

»Nein,« sagte er, »so möcht' ich leben.«

Nur widerstrebend trennte er sich von ihr; er hätte die ganze Nacht so in Mondschein und erster Liebe schwelgen mögen. Als er heimging, schwellte ein ungekannter Stolz seine Brust und die letzte Scheu vor seinen Vorgesetzten und Kameraden war dahin. Er, der junge Mensch, besaß das Herz dieser schönen Frau! Er war ihr Beschützer, ein Mann geworden! Er hatte sein Schicksal selbst in die Hand genommen! Daß jugendlicher Ehrgeiz in diese Liebe hineinspielte, daß das Trotzgefühl gegen die Kameraden sie schürte, machte er sich nicht klar. Er sah nur die Liebe und bedauerte jene armseligen, liebeleeren Menschen, er, der eine Welt von Glück in sich entstehen fühlte! Er kam sich so reich vor, daß er von seinem Überfluß hätte an sie abgeben mögen, und in seinem Überschwange sehnte er sich nach einem Freund, dem er sein volles Herz ausschütten konnte. Unwillkürlich hielt er Umschau unter den bekannten Gesichtern, aber nur zwei oder drei blickten ihn freundlich an: sein Rittmeister in seiner stillen Güte, und Graf Kinsky, der ihm so liebe Worte über Frau von Carsten gesagt hatte und den er seitdem doppelt schätzte; aber beide standen durch Alter und Lebensstellung zu weit von ihm, sie hätten sich über seine Herzensergießungen höchstens gewundert. Nur einen wußte er, dem er sich hätte anvertrauen mögen: es war der kleine Graf Limburg, dessen vorurteilsloser Freimut ihn erst heute überrascht hatte; am liebsten wäre er gleich nach dessen Wohnung gegangen, hätte ihn aus dem Schlaf aufgetrommelt und ihm sein holdes Geheimnis anvertraut. Aber im nächsten Moment sagte er sich, daß dieser jetzt vielleicht in den Armen einer Dirne lag, und in plötzlichem Ekel verschwor er sich, sein Geheimnis für sich zu behalten.

Er hatte bereits die Kaserne erreicht, und doch wäre er am liebsten immer weiter gewandert durch die silberne Mondnacht, in den Park, den ihre Schritte geheiligt hatten. Die Kaserne lag totenstill da; die alten schäbigen Mauern waren mit Silber beschlagen und warfen tiefe, blauschwarze Schlagschatten. Der Posten am Schilderhaus schien ihm besonders freudig zu präsentieren, als wüßte er um sein Glück und teilte es. Einen Augenblick hatte er den absurden Gedanken, seinen Burschen zu wecken und ihm sein Herz auszuschütten. Zu seiner Überraschung hatte er ihn einmal betroffen, wie er auf seiner Mannschaftsstube, während die andern putzten oder aßen, an dem schmutzigen Tisch saß und ein hübsches Gedicht abschrieb, das er in einer Zeitung gefunden hatte. Der Bursche pflegt ja das Abbild seines Herrn zu sein, und wie der von Waldburg den großen Herrn im kleinen spielte, so schwärmte der seine für Poesie, während er bisweilen das Stiefelputzen vernachlässigte ... Brieg ging auch wirklich in die Mannschaftsstube, schon um dem Burschen zu sagen, welches Pferd er morgen reiten wolle; ihn dürstete nach einem menschlichen Wesen. Die Poesie freilich verging ihm sofort, als er die Mannschaftsstube betrat. Sie dünstete nach Pfeifenknaster und Sattelschmiere und namentlich nach den zehn Schläfern, die in ihren übereinandergestellten eisernen Bettstellen mit den gemusterten Leinenbezügen und Pferdedecken schnarchten. Der Mond fiel grell durch die unverhängten Fenster. Auf dem braunen Holztisch erkannte er eine offene Büchse Stiefelschmiere neben einem Schmalztopf. An der Wand standen Tonkrüge und daneben hingen schmutzige Handtücher. Sein Bursche, der in einem der unteren Betten lag, streckte den rechten Fuß unter der Decke hervor. Brieg bückte sich zu ihm herunter und stieß ihn solange an, bis der Ulan seinen Auftrag schlaftrunken wiederholte, wonach er sich brummend auf die andre Seite wälzte. Etwas ernüchtert begab der junge Offizier sich in seine Wohnung zurück. Er zog die Photographie der jungen Frau mit ihrem Kindchen aus seiner Brusttasche und hielt im Mondschein ein leises Zwiegespräch damit. Dann küßte er sie und legte sie unter sein Kopfkissen.

Als er am nächsten Morgen erwachte, schien ihm ein neues Leben angebrochen, das mit dem alten nicht mehr verknüpft war. Er fühlte sich in einer stolzen Feiertagsstimmung, wie einst, wenn er als Kind an seinem Geburtstag erwachte, im Vorgefühl der Geschenke, die ihm das neue Jahr bringen würde. In die Brust geworfen, ritt er vor seinem Zuge. Diese stolzen, exakten Manöver von tausend Reitern, die ein eiserner Wille lenkte, wo man, in Staubwolken gehüllt, scharf der Signale und Winke achten mußte und eine falsche Bewegung heillosen Wirrwarr hervorrief, das alles paßte herrlich zu seiner gehobenen Gemütsstimmung.

Beim Nachhausereiten hatte seine Schwadron die Musik und ritt an der Tete hinter dem Stabe. Wie stolz diese Töne klangen! Wie sie das Hufgetrappel übertönten und sein Herz schwellten! Und es beschlich ihn ein heimliches Bedauern, daß dies alles für ihn nun ein Ende haben sollte.

Herr von Meyring parierte plötzlich sein Pferd zurück, drängte es an Brieg heran und bat ihn, ihm ein Kroki zu seiner Offizierübung zu zeichnen.

»Sie schütteln sich ja alles aus dem Ärmel,« bat er freundlich, »und dabei machen Sie's so fein. Die Winterarbeit, die Sie für Schmitt gemacht haben, ist als beste im Regiment weitergegeben worden ... Nicht wahr, Sie zeichnen mir das Ding? Sie kriegen auch 'ne Pulle Sekt dafür ...«

Brieg lehnte sein Anerbieten aus Zeitmangel glatt ab. Er verstand nicht, wie Meyring nach dem neulichen Auftritt die Stirn hatte, ihn um so etwas anzugehen.

»Was haben Sie denn so viel zu tun?« fragte Meyring mit stechendem Blick. Brieg glaubte, es wäre eine Anspielung auf seine Beziehungen zu Frau van Carsten, und blieb nun erst recht bei seiner Weigerung. Da ritt der Adjutant pikiert fort.

Im Kasino herrschte bereits ein »leichter Manöverton«, der sich von dem sonst üblichen durch größere Eindeutigkeit unterschied. Brieg fühlte sich dadurch bis aufs Blut verletzt, und er war bereits so nervös und mißtrauisch geworden, daß er bei jedem Zufallswörtchen schwitzte. Von Minute zu Minute erwartete Brieg, Herr von Meyring oder ein andrer würde ihn anreden: »Na, Sie waren ja gestern mit der Carsten im Theater ... und vorgestern im Fürstenpark ... gratuliere schön,« oder so ähnlich. Doch es erfolgte nichts, und er ging, oder besser er floh, nachdem er hastig sein Frühstück verzehrt hatte. Erschrocken drehte er sich um, als Graf Limburg hinter ihm herrief: »He, Brieg, vergessen Sie nicht, zu gratulieren! Die Kommandeuse hat heute Geburtstag!« Dieser wohlmeinende Rat beruhigte ihn. Er war nahe daran umzukehren und sich einen Augenblick mit dem Grafen in ein Gespräch einzulassen, aber im nächsten Moment sagte er sich, daß dieser dann gewiß an seinen Theaterbesuch anknüpfen und die Bombe dann doch platzen würde. Er dachte wieder an seinen gestrigen Schwur, sein Geheimnis zu wahren, und sagte sich zum Trost, daß auch jener den Offizierssitten wahrscheinlich zu sehr angepaßt war, als daß er ihn richtig verstanden hätte.

Am Nachmittag wallfahrteten die Ulanen, mit Buketts bewaffnet, nach dem Hause des Kommandeurs zur Gratulationscour. Die Kommandeuse thronte, von diesen Spenden umgeben, holdlächelnd auf dem Sofa und die Damen waren nach der Rangliste um sie gruppiert, während die Herren in den Ecken umherstanden und ein Glas sauren Moselwein in der Hand hielten, ohne daß sie wagten, den Krätzer zu trinken. Durch die geöffneten Fenster drangen die Klänge der zum Wiegenfeste aufspielenden Regimentskapelle herein. Die Damen prepelten etwas Torte; nachher kam noch eine süße Speise, von der eine jede ein Tellerchen voll aufgetan erhielt, wie bei einer Kindergesellschaft ... So schrecklich solche Huldigungstage oder Picknicks unter Leitung der Kommandeuse den meisten auch waren, so beugte sich doch alles mit schnöden Glossen unter das Joch dieser Kommißpekkos. Wer ein feines Ohr hatte, merkte sofort, daß auch die anderen Damen auf alles, was sie sagten, den schärfsten Akzent der Bewunderung oder Verurteilung setzten. Alles war entweder »ganz ausgezeichnet«, oder »beispiellos« und »unerhört«, und dies klang aus dem gestrengen Munde der rangältesten Damen wie ein eingeschärfter Befehl und zwischen den zarten Lippen der jüngeren wie ein höchst bereitwilliges Unterstreichen der vorgesetzten Meinung. Frau von Treuenfels war »natürlich« wieder krank und glänzte ebenso wie ihr Gatte durch Abwesenheit. »Na, überhaupt Treuenfelsens, da ist wenig Treue,« monierte die Majorin herb. Und damit fielen die bösen Zungen wieder einmal über die »Ausländerin« her, die immer ihre eigenen Wege ginge und sich anscheinend für was Besseres hielte als die anderen Damen. Der Rest dieser Konversation erstickte in Achselzucken und unmerklichem Schmollen der Lippen. Auch Herrn von Briegs Fehlen wurde peinlich bemerkt.

»Na, Brieg und Treuenfels, das ist ja die gleiche Schwadron,« bemerkte die Majorin mit ihrer rauhen Wachtmeisterstimme; »wie der Herr, so der Knecht.« Dabei wechselte sie mit der Kommandeuse einen vielsagenden Blick, der zu sagen schien: »Es ist nicht mehr nötig, sich darüber aufzuregen, wir werden Treuenfels bald los sein.«

»Wissen Sie schon das neueste, gnädige Frau,« warf eine pikante Brünette, die Frau des Distanzreiters ein, »der junge Dachs macht neuerdings einer Dame den Hof, die fast seine Mutter sein könnte. Frau von Carsten, frühere Offizierstochter, jetzt geschiedene Frau und Pensionsbesitzerin und so weiter ... Sogar ins Theater soll er ihr gestern nachgelaufen sein.«

»Aber das ist ja unerhört, meine liebe Frau von Rosenberg,« lächelte die neben der Kommandeuse auf einem Fauteuil sitzende Rittmeistersgattin malitiös. »Dann ist es ja freilich nicht schwer zu erraten, weshalb er die elementarsten Gesellschaftspflichten verabsäumt ...«

»Und sie hatte an« ... begann die schnippische Brünette mit ihrem flinken Zünglein.

»Lassen Sie der doch nicht immer das Ohr der Kommandeuse,« wisperte eine andere zu ihrer Nachbarin und suchte sich dann selbst an die Regimentsmutter heranzudrängen.

Und dieselben medisanten Zungen, die sich soeben an Frau von Treuenfels gewetzt hatten, hechelten nun all den giftigen Klatsch durch, den männliche und weibliche Klatschbasen über Frau von Carsten verbreitet hatten.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.