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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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2.

Das umfangreiche Schriftstück des Auskunftsbureaus, das Brieg am nächsten Tage nach dem Brigadeexerzieren auf seinem Schreibtisch fand, begann sehr entmutigend: »Einem jungen Kavallerieoffizier mit Realschulbildung und geringem Vermögen stehen nur sehr wenige Berufe offen, die etwas seiner bisherigen gesellschaftlichen Stellung entsprechen.« Mehrere der vorgeschlagenen Berufsarten erforderten eine Vorbereitungszeit von fünf bis acht Jahren und gliederten ihn abermals in eine Hierarchie ein, deren Anschauungen er teilen mußte, um vorwärts zu kommen. Er hätte also nur eine Heuchelei mit einer andern vertauscht. Das Studium der Chemie und Elektrotechnik wurde ihm wegen Überfüllung der Berufe in der Auskunft selbst widerraten, und nur zwei Berufe verhießen ein baldiges Vorwärtskommen: der Berliner Polizeioffizier und der Geometer. Das erstere widerstand ihm sofort; eine blaue Polizeiuniform anziehen, das hieße doch nur vom Pferd auf den Esel satteln, wogegen der Beruf des Landmessers den gewandten Zeichner einen Augenblick lockte. Hier konnte er zu Geld, ja zu Vermögen kommen, wenn er mit dem Vorsatze »to make money«, nach dem spanischen Amerika ging; das Auskunftsbureau war sogar erbötig, ihm Empfehlungen an die Präsidenten der südamerikanischen Freistaaten zu besorgen! Die Vorbereitungszeit dauerte allerdings auch drei Jahre – und danach hätte er entweder ewigen Abschied von Frau von Carsten nehmen müssen, um derentwillen er doch auch einen neuen Beruf suchte, oder aber mit ihr und ihren Kindern auswandern. Er dachte wieder an Cortez, der die Schiffe hinter sich verbrannte. Aber dies alles schien ihm doch etwas phantastisch und er wußte nicht einmal, ob Frau van Carsten ihm in jene fremden, halbwilden Länder würde folgen können, vor allem aber: dieser Beruf wäre nur ein Mittel zum Zweck gewesen, »to make money«; er hätte ihm innerlich fremder gegenüber gestanden, als dem Soldatenhandwerk, für das er ererbte Instinkte besaß. Und er suchte doch gerade ein Feld der Betätigung für seine wahre Persönlichkeit! Und so verweilte sein Geist denn um so länger bei dem Vorschlag, die schriftstellerische Laufbahn zu ergreifen. »Literaten sind entweder wohlhabend,« hieß es in dem Schriftstück, »oder sie haben eine Redakteurstellung inne und widmen sich in ihren Mußestunden der Schriftstellerei, da diese allein, namentlich die schlecht bezahlte Belletristik, nicht ihren Mann nähren kann ...« Mit einem geheimen Freudenschauer las er die schwindelhohen Gehaltsziffern der großen Berliner Chefredakteure, die sich bis zur Höhe von Minister- und Reichskanzlergehältern erhoben. Es war ihm eine stille Genugtuung, daß ein Mann des Geistes und der Feder, ohne staatlich geaicht zu sein, den höchsten Staatsbeamten pekuniär gleichgestellt war. In seinem jetzigen Berufe mußte er ja jedes schriftstellerische Vorhaben erst seinem Kommandeur beichten, ehe es zum Ereignis werden konnte, und wehe ihm, wenn seine Absichten nicht »wohlgesinnt« waren! Der Literatenberuf dagegen erschien ihm als das Reich der Freiheit, das Reich des Geistes, wo jeder sich sein eigenes Dasein zimmerte, wo das Talent sich den eignen Adelsbrief und das eigne Reifezeugnis gab, ohne nach einem Examinator zu fragen. Hier konnte er Fühlung mit Menschen gewinnen, die nicht nur die Repräsentanten ihres Berufes, sondern sie selbst waren. Hier war er in steter Berührung mit Literatur und Theater, mit den edelsten Blüten der Kunst und des Geistes! Hier konnte er sich über blöden Schranken und Vorurteilen hinweg die Hand reichen mit allen, die ein höheres Streben beseelte! Wie anders, wie viel schöner mußte das sein als die aufgezwungene Kameradie, die keine anderen Götter neben sich duldete! Je länger er darüber nachsann, desto klarer wurde es ihm, daß dieser oder kein Beruf der seine wäre und werden müßte. Seine Backen glühten und er schlug sich vor den Kopf, daß er nicht schon längst auf diesen Einfall gekommen war, er, der sich doch schon selbst in der Schriftstellerei versucht hatte, und daß irgend ein Unbekannter vom Schreibpult auch ihm seinen Lebensweg weisen mußte! Dann wieder sah er die höhnischen Gesichter seiner Kameraden; er dachte an Schmitts Ausspruch: »Mensch, Sie wollen doch nicht Rechtsanwalt werden!«

Inzwischen wurde ihm das Parolebuch zur Unterschrift gebracht. Er erschrak, als er am Schluß las: »Ich wünsche den Leutnant von Brieg um drei Uhr auf dem Geschäftszimmer I zu sprechen. – Freiherr von Rössing.«

Was konnte das bedeuten? Hing es mit seiner Kasinoschuld zusammen? Oder gar mit dem gestrigen Spaziergang? Jedenfalls war er entschlossen, die Ehre seiner Freundin zu verteidigen, auch gegen den Obersten! Sein Wille war seit Meyrings zynischer Anzapfung gewaltig gewachsen. Er faßte sogar den großen Entschluß, die Angelegenheit gleich beim Schopfe zu packen und den Kommandeur heute noch um seinen Abschied zu bitten. Wozu das Warten und worauf? Das Herumdrehen mit seinem Vater, der ihn wie ein Bleigewicht immer wieder von seinem Vorsatz abzog, führte ja zu nichts. Wozu die Tage verrinnen lassen, statt zu handeln? In vierzehn Tagen rückte das Regiment zum Manöver aus. Er wollte bis dahin wissen, woran er war, und auch Frau von Carstens Lage erforderte eine baldige Entscheidung. Mit Frau Hüppe konnte sie nicht länger zusammenbleiben, auch ohne die Drohung des Wirtes, sie zum 1. Oktober zu exmittieren ...

Er warf noch einen Blick in den Spiegel und zupfte sich die Halsbinde zurecht. Wie blaß er aussah! Dann ging er aufs Regimentsbureau mit dem Eigensinn, der ihn damals zu dem nächtlichen Ritte nach Grävenitz angetrieben.

An der Südmauer der Kaserne standen in brütender Nachmittagssonne die Pferde, an Ringen angebunden, bald liebkosend die Köpfe zusammensteckend oder, die Ohren tückisch anlegend und sich beißend, ja wohl gar aufeinander losfeuernd. Hier und dort stand eines mit noch nasser Sattellage und der Reiter rieb es immerfort mit dem Strohwisch, während ihm selbst der Schweiß ausbrach. Andere striegelten die Pferde, die dabei wohlig mit dem Kopf schnickten, oder wenn der Striegel an eine kitzlige Stelle kam, ihm quiekend auswichen. Wieder andere waren schon beim Sattelzeugschmieren oder polierten die Kandare mit der Stahlkette, oder sie wuschen die Hufe und schmierten sie mit rotbrauner Hufschmiere glänzend ein. Ein paar Pferde standen mit dem Vorderfuß im Kühleimer und zogen ihren triefenden Huf ungehorsam heraus. Auf dem leeren Reitplatz ritt ein Sergeant das Pferd eines Infanteriemajors, einen großen, häßlichen Bock mit krummer Nase, während der Vizewachtmeister der Dritten, ein bärbeißiger Leuteschinder, eine Abteilung zu Fuß exerzierte, indem er die Leute mit weiten Abständen um den Reitplatz herum langsamen Schritt üben ließ. Die Leute trugen die Degen durch die angewinkelten Arme gesteckt und gegen den Rücken gedrückt, während ihnen der Schweiß von der Stirne troff, und der Wachtmeister kommandierte diesen Automaten mit grausamer Beharrlichkeit die drei Tempos. Brieg ging die ausgetretene Holzstiege zum Regimentsbureau hinauf. Droben herrschte schwüle Kasernenluft, untermischt mit Aktenstaub. Die Schreiber ließen die Federn quietschend über das Papier gleiten; eine Ordonnanz mit der Czapka auf dem Kopf und dem weißen Bandelier über der Brust stand mit einem Buch in der Hand und wartete. Aus der geschlossenen Tür des Vortragszimmers hörte man die barsche Kriegerstimme des Kommandeurs, der sich gerade mit dem Adjutanten besprach.

Brieg vernahm ziemlich deutlich den Namen Waldburgs.

Dann kam Meyring heraus, um dem Sergeanten einen halblauten Befehl zu geben, grüßte Brieg mit feinem Lächeln und verschwand wieder, von wo er gekommen war.

Er hörte ihn melden: »Leutnant von Brieg ist da.« Dann folgte eine ziemlich lange Unterredung, in der, so kam es ihm vor, auch Frau von Carstens Name fiel. Wenn Meyring nun dem Kommandeur den schnöden Klatsch wiederholte, mit dem er ihn selbst so erbittert hatte? Sein Herz begann gegen seinen Rock zu hämmern; er wäre am liebsten in das Zimmer eingedrungen und hätte ihm ins Gesicht geschrieen: »Lügen Sie nicht!« Um sich abzulenken, besah er die Bilder an den Wänden. Es war der übliche patriotische Schmuck: Die Bilder des alten Kaisers und des »Kronprinzen«, zu dem dann noch der dritte deutsche Kaiser hinzugekauft war, alle drei billige Öldrucke. Der alte Wilhelm sah grämlich aus wie ein alter Feldwebel. Der Kaiser Friedrich mit seinem fuchsroten Vollbart und der geschwollenen Stirnader war zu einem brutalen Förster verzerrt und der jetzige Herrscher mit seinem mächtigen Schnurrbart und den stechenden Blicken erschien als schneidiger Sergeant von der Garde. Wer sollte aus diesen Bildern Herrschertreue lernen! Brieg wandte seine Augen von ihnen ab und studierte eine der an den Wänden hängenden Vorschriften. Aber nur seine Augen lasen die Worte; er konnte den Sinn dieser ineinandergeschachtelten Sätze mit dem Stelldichein der zahlreichen Zeitwörter am Ende nicht enträtseln. Erst nach dreimaligem Lesen dämmerte ihm die Bedeutung auf.

Endlich ging die Tür auf und Meyring zitierte ihn mit einer Handbewegung in das Vortragszimmer. Er schluckte seine Erregung herunter, machte die vorschriftsmäßige Verbeugung und stand dann mit angefaßtem Säbel stramm. Er hörte unten den Hammerschall der Beschlagschmiede auf den Ambossen und das Probetraben der beschlagenen Pferde auf dem Steinpflaster. Der brenzlige Geruch der auf die Pferdehufe gelegten heißen Eisen quoll durch einen verrosteten Ventilator, der an einer der trüben oberen Scheiben sich befand, in das Zimmer. An den Wänden hingen ein paar Karten an Holzstäben.

Nach einigem Prusten fragte der Kommandeur barsch, warum er seinem ausdrücklichen Befehl zuwider seine Kasinoschuld noch immer nicht bezahlt hätte.

»Ich habe kein Geld, Herr Oberst,« erwiderte Brieg kleinlaut, »und mein Vater hat sich bis jetzt noch nicht entschlossen, sie zu bezahlen.«

»So, dann werde ich an Ihren Herrn Vater schreiben, damit die Sache bis zum Manöver endlich in Ordnung kommt. Sie sollten sich was schämen, solche Schulden zu machen. Je mehr anderwärtig Wohlleben und Luxus überhand nehmen, desto ernster tritt an den Offizier die Pflicht heran, nicht zu vergessen, daß es nicht materielle Güter sind, die ihm seine hoch angesehene Stellung im Staate sichern – so heißt es in den Ehrengerichtsverordnungen Sr. Majestät, des Hochseligen Kaisers Wilhelms I, § 1, die Ihnen oft genug vorgelesen worden sind.«

Damit ging er zu allgemeinen Vorwürfen gegen Brieg über. Er wäre ein liederlicher Offizier, der sich durch einen leichtsinnigen Streich selbst die Ehre des Distanzrittes verscherzt hätte. Solcher Mangel an Streben sei doppelt strafwürdig bei so schönen Talenten und er würde seinem Vater ein ganz gehöriges Licht über ihn aufstecken, damit er nicht auch so endete, wie der Spieler, der Waldburg, der seinen schlechten Einfluß anscheinend auch auf ihn ausgeübt hätte! »Gehen Sie und nehmen Sie sich zusammen, sonst gebe ich Sie zum Train ein.«

Brieg machte nach der vorschriftsmäßigen Verbeugung kehrt und ging aufatmend zur Tür; aber schon auf der Schwelle machte er sich Vorwürfe, daß er die Gelegenheit habe vorübergehen lassen, und drehte sich kurz um.

»Herr Oberst verzeihen,« sagte er.

»Was wollen Sie denn noch?«

»Ich will mich nicht rechtfertigen, Herr Oberst, aber ich bitte um meinen Abschied.«

Der Kommandeur starrte ihn verblüfft an und prustete. »Jetzt, acht Tage vor'm Manöver? Und weshalb?«

»Ich will mir einen andern Beruf wählen, Herr Oberst!« entgegnete der junge Offizier, ihm fest in die Augen blickend. Nun er das Wort heraus hatte, war ihm seine Ruhe wiedergegeben.

Der Kommandeur glaubte, Brieg sei in der Augusthitze übergeschnappt. Dann wieder durchfuhr ihn der Gedanke, daß er mit daran schuld wäre, wenn dieser leicht gereizte, widerspenstige Offizier sich zum Abschied gedrängt wähnte. Und sein Vater, die neugebackene Exzellenz, würde dies in seinem Vaterstolz jedenfalls höheren Ortes zur Geltung bringen. Der Oberst dachte an die erträumten Generalepauletten.

»Und Ihr Herr Vater, ist der damit einverstanden?« fragte er kurz.

»Wohl kaum, Herr Oberst.«

»Und wie wollen Sie da Ihren Abschied nehmen?« polterte der mürrische Mann heraus.

»Ich bin majorenn und habe meinen Entschluß gefaßt,« antwortete Brieg fest.

»Sie werden sich das gefälligst überlegen und nicht ohne Einwilligung Ihres Herrn Vaters handeln.«

»Herr Oberst verzeihen, ich habe mir alles überlegt!« Brieg sprach diese Worte, indem er sich energisch aufrichtete. Sein Säbel stieß leise auf den Fußboden auf, als wollte er seine Worte betonen.

»Ich frage nicht, was Sie sich überlegt haben,« schrie der Oberst. »Sie sind noch ein unreifer Mensch und haben keinen Begriff von Pflichtgefühl. Sie werden nichts tun, als was Ihr Herr Vater Ihnen erlaubt. Merken Sie sich das, oder ich stecke Sie in Arrest!«

Brieg wagte nicht, zum zweitenmal anzufangen. Sein Mut war verflogen; er fühlte sich wieder ganz in der Hand seines allmächtigen Kommandeurs. Er verbeugte sich kurz und ging, ohne nach weiteren Befehlen zu fragen.

Als er draußen stand, war er so klug wie vorher. Der Oberst gab sein Abschiedsgesuch nicht weiter, wenn sein Vater nicht zustimmte, und sein Vater gab ihm diese Einwilligung nie, solange er den Kommandeur auf seiner Seite wußte, besonders da er sein Erbteil herausgefordert hatte. Er saß da in einer schönen Zwickmühle.

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