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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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10.

Die Mahlzeit war unter diesen Umständen recht einsilbig. Brieg hatte ein paar rote Flecken auf den Backen und spielte verlegen mit seinem Messerbänkchen; er vermutete nicht zu Unrecht, daß die hochmütig dozierende Stimme seines Vaters und sein eigener heftiger Tonfall trotz der Wergtür in das Zimmer der jungen Engländerinnen gedrungen sei. Der alte Herr sprach kein Wort mit ihm, holte nur mehrmals tief Luft wie bei einer ärztlichen Untersuchung und benutzte zum Zeichen seiner sorgenvollen Gemütsstimmung das Geschirr auf dem Tische mit hörbarem Ruck. Frau Hüppe und der Hauptmann Althoff hefteten auf beide schadenfrohe Blicke, während Miß Carrie sich bemühte, ihr Lachen zu unterdrücken. Frau von Carsten war zum ersten Male nicht die liebenswürdige Wirtin und blieb Fräulein Schamroth die Antwort schuldig auf die Frage, ob sie nicht beide gleich dick wären. Sie achtete nicht einmal darauf, daß die Kinder immerfort kicherten und der kleine Adolf sie unverschämt nachäffte. Beim Braten stand sie plötzlich auf und verschwand.

»Das hat sie manchmal, so 'n bißchen Magenkrampf,« erklärte Frau Hüppe ihrem künftigen Gestrengen, dessen finstere Miene sie durch Plaudern zu erheitern suchte.

Die einzige, die von diesem stürmischen Sonntag nichts merkte, war Fräulein Schamroth, die in heiterer Ruhe mit ihrer schrillen Stimme fortschwatzte. Sie hatte sich heute Herrn von Brieg zum Opfer erkoren und dieser hörte geduldig an, daß ihre Kopfschmerzen und ihr schlimmes Bein sie leider am Malunterricht hinderten; aber im kommenden Winter hoffte sie Zeit zur Musik zu finden. Zum Glück ahnte sie nicht, daß sie in Brieg einen Kollegen in Apoll neben sich hatte; sonst hätte sie ihn gewiß um Unterweisung und Rat in dieser edlen Kunst gebeten.

Von ihr abgesehen, atmete alles auf, als die Tafelrunde aufgehoben wurde und die gespannte Stimmung sich in Stühleklappern und Gesegnete-Mahlzeit-Sagen auflöste. Althoff schüttelte dem General ehrerbietig die Hand, seinem Sohne dagegen machte er eine steife Verbeugung; zwischendurch drückte er die Hände der Damen.

Der alte Herr ließ sich seinen geliebten Nachmittagskaffee in sein Zimmer bringen. Er fühlte sich nach den heftigen Worten seines Sohnes sehr müde, als ob ihm unversehens das Heft aus der Hand gewunden wäre. In seinen Augen war sein »Jüngchen« immer noch ein unreifer Knabe, und nun verblüffte ihn diese plötzliche Selbständigkeit seines Denkens und der explosive Ausbruch eines gequälten Temperaments. Er fühlte, daß der Schwerpunkt sich verschoben hätte, und er nahm sich vor, seinem Sohne auch eine Stimme im Rat zu erteilen und ihn hinfort mehr mit sanfter Überredung zu leiten. Er sah ein, daß manches an dessen Vorwürfen zutreffend war, daß er bei seinen ehrgeizigen Berechnungen für seines Sohnes Zukunft nur zu oft den Maßstab seiner eignen Jugend angelegt hatte, die ihm jetzt an seinem Lebensabend mit so greifbarer Deutlichkeit in die Erinnerung trat, und daß er die veränderten sozialen Verhältnisse zu sehr außer acht gelassen hatte. Vor allem aber hatte er den Hauptfaktor dieser Rechnung, seinen Sohn selbst, zu wenig berücksichtigt. Er hatte vergessen, daß auch er ein heftiger, reizbarer Jüngling gewesen war, den nur der Stachel des Ehrgeizes und das Schreckbild eines genialen, aber haltlosen Bruders dahingebracht hatten, seine Persönlichkeit nach und nach abzutöten und nur noch aus Prinzip zu handeln. Und so erschien ihm denn sein Sohn in diesem Augenblick als Verkörperung alles dessen, was er in sich niedergerungen hatte, und seine ganze Lebensarbeit schien ihm vernichtet. Er fühlte sich mit einem Male morsch und mürbe und aus allen Himmeln seines Ehrgeizes gestürzt. Dieser Ferdinand, dem er den Namen jenes frederizianischen Reiterführers gegeben hatte, von dem er gehofft hatte, er würde da anknüpfen, wo er selbst durch seine zügellose Schroffheit gescheitert war, dieser einzige Sohn, den er sich als Feldherrn wie Moltke oder als großen Armeeorganisator wie Roon gedacht hatte, warf ihm auf einmal den Säbel vor die Füße und erklärte, was anderes nach eigenem Geschmack anzufangen! Es war der härteste Schlag seit dem Tod seiner Frau!

Immerhin war noch nicht alles verloren. Diese plötzliche Aufwallung konnte ein Rückschlag des vererbten Naturells sein, ein aufflackerndes Strohfeuer, oder das Ergebnis irgend eines verrückten neuen Buches von Nietzsche und Konsorten. Sein Sohn hatte ihm ja nur seine Absicht ausgesprochen, ohne voreilig gehandelt zu haben, und so lange er keine Heimlichkeiten vor ihm hatte, ließ sich alles schon wieder ins Gleise bringen. »Tout doucement,« sagte er sich, mit den Augen zwinkernd. Mit halben Zugeständnissen und sanften Ratschlägen, sonst reizte er ihn nur zum Gegenteil. Und da er mit seiner Autorität nicht durchkam, wollte er es mit der Milde versuchen.

»Ja, mein Sohn,« begann er, in seinem Kaffee herumlöffelnd, »deine heftigen Äußerungen vorhin haben mich tief gebeugt. Aber um dir ein neues Opfer zu bringen, werde ich mich noch mehr einschränken und mir vielleicht auch den Nachmittagskaffee absparen, um dir zu helfen ...« Brieg kannte solche Tugendbeispiele seines Vaters aus Erfahrung. Im Grunde ließ er sich nichts abgehen und verzehrte den größten Teil seiner hohen Generalspension selbst. Aber wenn er in den Ferien einmal einen Spaziergang durch den Tiergarten machte, statt mit der Pferdebahn zu fahren, so behauptete er, dies nur aus Sparsamkeitsrücksichten zu tun.

»Enfin,« fuhr er fort, »ich werde dich in einfachere Verhältnisse setzen. Ich werde an den König schreiben und dich in ein andres Regiment versetzen lassen, in ein billiges Dragonerregiment oder ein gutes Infanterieregiment in einer kleinen Residenz.«

Brieg schien alles Reden umsonst gewesen. Er malte sich in seiner schnellen Phantasie aus, wie er sich etwa in Grävenitz mit den Dragonern bezechte und Biergläser an die Wand schmiß, oder in irgendeinem Krähwinkel saß, wo selbst Theater und Geselligkeit fehlten; und bei dem Wort Infanterie fielen ihm sofort wieder die sieben Schreckensjahre seiner vertrauerten Jugend ein, das Kadettenkorps mit seinem Appell- und Gamaschendienst, seinem Griffeklopfen und Staubaufwühlen. Er sah sich, mit einem Tornister bepackt, stumpfsinnig durch rotbraune Staubwolken trollen, während flotte Reiter mit nachlässigem Gruß an ihm vorbeitrabten ... Was war es denn, was ihn an den bunten Rock gefesselt hielt? War es nicht der frische, verwegene Reitergeist seiner Waffe, die malerischen Bilder, der Umgang mit Pferden?

Er hatte ein- oder zweimal den Alptraum gehabt, er müßte ins »Korps« zurück und ihn empfingen wieder die frisch lackierten Schulbänke und die hallenden Korridore mit ihren Namenlisten und Querbäumen. Ungefähr das gleiche Gefühl war es jetzt, als er sich im Geist auf den Rohrstühlen des Infanteriekasinos sitzen sah, wie damals beim Wörthfest. Und wozu überhaupt diese Sirenentöne, dieses sanfte Zurücklocken in die alten Netze?

»Und wenn du mir auch alle Schulden bezahlst, Papa, und mich in Verhältnisse bringst, wo ich nicht künstlich zum Schuldner gemacht werde,« beteuerte er, »mich duldet es nicht länger in dieser unfruchtbaren Enge. Es ist besser, ich tue das, was ich kann und möchte, als daß ich mich Tag und Nacht niederzwinge und mich selbst belüge.«

Diese Bockbeinigkeit schien dem alten Herrn denn doch verdächtig. Hatte er irgend etwas pexiert und mußte deshalb den Abschied nehmen? Und stellte das vorsichtshalber so hin, als ob es freiwillig geschähe? Irgend etwas schien ihm doch dahinter zu stecken, und er fragte rund heraus:

»Wie hoch ist denn deine Kasinoschuld?«

Brieg wollte antworten, aber seine Zunge versagte ihm. Die Aufregung, in der er sich befand, hatte ihn die Umwelt ganz vergessen lassen; jetzt fühlte er plötzlich, daß eine müde, drückende Schwüle herrschte, welche die Nerven erschlaffte und zugleich überreizte.

»Achthundert Mark« würgte er endlich hervor.

Der Vater glaubte, die Welt stürzte zusammen. Er hielt sich die Hand hinters Ohr, um besser zu hören, aber es blieb dabei: Achthundert Mark.

»Aber, mein Sohn, mein Sohn!« jammerte er. »Erst fast fünfhundert Mark Spielschulden und nun achthundert Mark Saufschulden – davon kann ja eine kleine Beamtenfamilie ein Jahr lang leben!«

»Ich werde diese Verpflichtung auf mich nehmen,« sagte Ferdinand schnell, »obwohl ich mich mehr als Opfer dieser Schuld denn als Schuldiger fühle!«

»Und wovon willst du das bezahlen?«

»Von dem Erlös meines Pferdes oder von dem Geld, wovon du auch meine Pferde und meine Equipierung und die Spielschuld bezahlt hast. Es sind ja schon tausende davon genommen ...«

»Über zehntausend,« seufzte der Vater.

»Über zehntausend?« wiederholte Ferdinand betroffen. »Und so wären von den dreißigtausend höchstens noch zwanzigtausend übrig? Und bei dieser kargen Summe hast du mich in ein solches Regiment gesteckt und solche Equipierungsgelder bestritten? ...«

»Es ist der letzte Rest vom Vermögen deiner Mutter,« seufzte der General. Dieses ewige Seufzen wirkte lähmend auf Brieg. »Umsomehr,« fuhr der alte Herr fort, »heißt es bei der Stange bleiben, statt die Flinte ins Korn zu werfen und zu sagen: ›Ich kann nicht!‹ Ich hoffe ja doch noch ein paar Jährchen zu leben, bis du Rittmeister oder Hauptmann bist, und dann bist du ja geborgen. Oder du machst eine reiche Heirat.«

Dieser Vorschlag empörte Brieg besonders. Sein Vater hatte es ungefähr ebenso gemacht. »Weißt du, Papa,« entgegnete er, die Geduld verlierend, »das ist eine Spekulation, die an Hochstapelei grenzt. Wenn du ein so guter Rechner und Mathematiker bist, dann durftest du mich höchstens bei einem Artillerie- oder Infanterieregiment eintreten lassen, statt mich hier auf das Pulverfaß des Bankrotts zu setzen. Es ist gut, daß ich noch beizeiten hinter diese Verhältnisse komme. Jetzt werde ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen, und zu dem Zweck bitte ich dich um Auszahlung meines Vermögens.«

Der alte Herr war aufgesprungen; er zitterte am ganzen Leibe. Die moderne Rebellion, die Gott und König trotzt und ihre eignen Eltern frech vor ihren Richterstuhl zieht, schien da verkörpert vor ihm zu stehen.

»So lange ich lebe, nie!« schrie er, bis ins Mark verletzt.

»Dann werde ich es gerichtlich beanspruchen,« sagte Ferdinand trocken.

»So, so,« keuchte der General wie vor einem meuternden Untergebenen. »Und ich werde dich unter Kuratel stellen lassen, du mißratener Bengel, der seinem alten Vater mit Gerichten droht. Hol dich der Teufel!«

Der junge Offizier griff nach Mütze und Säbel und verließ ohne Gruß die Tür. Das Herz klopfte ihm gewaltig; er fühlte: das war die Entscheidung. Dann wieder überkam ihn das Mitleid mit dem alten Manne, den er hinter sich keuchen hörte: »Mich rührt der Schlag!« Er wollte zurückgehen und versuchen, mit Güte weiter zu kommen. Er wollte seine Hand fassen und ihm alles sagen, ja, alles! Er wollte sagen: »Wenn ich zehntausend Mark für den Schnickschnack von Pferden und Uniform los wurde, dann kann ich auch eine Summe für einen Menschen geben, den ich verehre und liebe!« Aber im nächsten Moment schlug er sich vor den Kopf und lachte über seine eigene Dummheit. »Dadurch mach' ich die Sache ja noch schlimmer!« Er hörte noch, wie sein Vater klingelte und eine Flasche Sodawasser bestellte. Dann schritt er trotzig zur Tür, drehte sich aber wieder um, als er Schritte hinter sich hörte. Es war das Dienstmädchen, das ihn bat, in das Fremdenzimmer nebenan zu kommen. Herr Hauptmann Althoff wünschte ihn zu sprechen.

»Hauptmann Althoff mich sprechen?« wiederholte er mit einem unbestimmten Schreck und ließ sich in ein leeres Fremdenzimmer führen, in welchem der Hauptmann mit dem Helm in der Hand stand und ihn dienstlich begrüßte.

»Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen,« begann er kalt. »Ich wollte gern in einer Privatsache mit Ihnen reden.« Brieg sah ihn erstaunt an.

»Was ich Ihnen sage, bleibt ganz unter uns, wenn ich bitten darf,« fuhr er fort, indem er sich auf das Sofa niederließ und die Beine kreuzte, ohne Brieg zum Platznehmen einzuladen. Dieser nickte.

»Nun, Sie werden ja gesehen haben,« begann er nach einer Kunstpause, »daß ich mich für Frau Hüppe interessiere. Ich gedenke sie zu heiraten, sobald ich Major bin.«

»Ich gratuliere sehr!« sagte Brieg mit steifer Verbeugung, die der Hauptmann nachlässig erwiderte.

»Worüber ich mit Ihnen reden wollte, ist nicht dies,« sprach er weiter, »sondern Ihr Verhältnis zu Frau von Carsten.« Das Wort Verhältnis betonte er eigentümlich.

»Wie verstehen Herr Hauptmann das?« fragte Brieg verwundert. Er nahm sich vor, diesmal Farbe zu bekennen, zumal Althoff ja sehr genau wußte, daß er Frau von Carsten hochschätzte. Er wollte nicht wieder, wie Meyring gegenüber, klein beigeben und sich nachher Selbstvorwürfe machen.

»Wie Sie mit Frau von Carsten stehen,« fuhr Althoff mit zweideutigem Lächeln fort, indem er die Schultern verzog, »das müssen Sie ja am besten selbst wissen. Ich meine nur, daß Ihr Erscheinen hier im Hause und Ihr offizielles Benehmen gegen diese Dame nicht zu Ärgernis Veranlassung gibt, durch das meine Braut in Mitleidenschaft gezogen werden könnte ...«

»Herr Hauptmann,« entgegnete Brieg fest, »meine Beziehungen zu Frau von Carsten sind freundschaftliche, und ich mache keinem Menschen gegenüber ein Hehl daraus. Mögen die Klatschbasen hineinlegen, was sie wollen!« Er wunderte sich selbst, daß er einem Hauptmann gegenüber diese Sprache wagte.

»Herr Leutnant,« drohte dieser, verletzt aufspringend, »gehen Sie nicht zu weit! Ich müßte mich sonst an Seine Exzellenz, Ihren Herrn Vater wenden, dem dergleichen Eröffnungen nach seinen Jubeltagen nicht angenehm klingen dürften!«

»Ich bitte sich zu wenden, an wen Herr Hauptmann es für gut halten!« gab Brieg unbeirrt zurück. »Ich nehme meinen Abschied!«

Damit verbeugte er sich und ließ den verblüfften Althoff allein im Zimmer. Als er draußen stand, krachte der erste Donnerschlag, daß die Scheiben klirrten. Das Mädchen stürzte durch den Gang, um die offenen Fenster zu schließen, und die alte Köchin, der Brieg zurief, er ließe der gnädigen Frau gute Besserung wünschen, eilte taub gegen seine Worte mit ihrem Gesangbuch nach dem Schlafzimmer, um sich mit diesem Tröster einzuschließen. Brieg ging die Treppe hinunter und wartete im Hausflur das Ende des Platzregens ab. Als der Himmel sich wieder aufklärte und die Schlammbäche in den Rinnsteinen abflossen, trat er aufatmend den Heimweg an. Er fühlte sich von einer schwülen Spannung befreit; etwas Entscheidendes hatte sich vollzogen.

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