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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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7.

Am Sonntag hatte, wie der Dienstzettel anzeigte, das Regiment Kirchgang. Brieg mußte die Mannschaften seiner Schwadron führen. Er selbst nahm auf der hölzernen Empore Platz. Die Garnisonkirche war kahl und geräumig, weiß getüncht wie eine Kasernenstube und mit bevorzugten Plätzen für die Vorgesetzten. Hinter dem Altar prangte ein schwülstiger Barockaufsatz. Durch die trüben, verstaubten Fenstergläser blickte man auf den Platz und die gegenüberliegende Häuserreihe.

Vieles an diesem Bauwerk erinnerte ihn an die Dorfkirche des väterlichen Gutes; er wußte selbst nicht, warum ihm das gerade auffiel. Sein Geist kehrte während der Predigt zu seiner Kindheit zurück, und alle die nachfolgenden Jahre waren ausgelöscht. Er saß wieder in der wappenbemalten Herrenloge, zu der eine knarrende Holztreppe hinaufführte. Über dem Altar schwebte die weißgetünchte bretterne Kanzel, aus einem kakelbunten, stark geschweiften Holzaufbau hervorspringend, der in ein großes, von dem Dreieck der Trinität eingefaßtes Gottesauge auslief. Rostige vergoldete Strahlen liefen von diesen nach allen Seiten. In den Fensterecken hingen Spinneweben. Dichte Lindenzweige verschatteten den Ausblick mit dämmerndem Grün, dessen Widerschein über die weißen Kalkwände lief. Unten saßen die Bauern und Bäuerinnen, puritanisch geschieden, die letzteren mit wassergekämmten Haaren, ein Spitzentuch in das alte Gebetbuch halb eingeschlagen. Und rings um die Kirche, auf dem wasserumflossenen Hügel, drängten sich verwahrloste Gräber mit dürftigen Holzkreuzen und kakeligen, künstlichen Blumen- und Perlenkränzen, während Holundersträuche mit ihren weißen Blütenrosetten oder blauen Fruchttrauben über die schartige Mauer lugten ... Ja, damals war er ein frommes Kind gewesen, fromm wie seine Mutter, die in der Mystik des Jenseits Ersatz für ihr mangelndes Erdenglück suchte. Er mußte heute lebhafter denn je an sie zurückdenken ...

Sein Vater war eine jener schroffen, nur mit äußeren Realitäten rechnenden Naturen gewesen, wie die Ära Bismarck sie im Volke der Dichter und Denker gezeitigt hat. Ein auf Kampf und Sieg gerichteter Beutemensch, der das habgierig Errungene zäh festhielt und mit Eifersucht bewachte. Ein Mann von trockener Selbstsucht, mit einem heftigen, logisch bornierten Willen, der die Imponderabilien nicht wog und allen feineren Seelenregungen abhold war, aber eigensinnig an einem handfesten Kommißchristentum hing, wonach Gott immer mit den stärksten Bataillonen war und Preußens Großmachtsstellung direkt auf göttlichem Ratschluß beruhte.

Seine Frau war ungefähr das Gegenteil von alledem. Ferdinand, der Gemüt und Begabung von der Mutter geerbt hatte, brauchte nur in den eigenen Busen zu greifen, um zu wissen, was sie in dieser Ehe hatte dulden müssen, und sein rückwärts gewandter Blick, an Frau von Carstens Martyrium geschult, erkannte den ganzen Zusammenhang in seiner vollen Tragweite. Ebenso eitel wie jetzt auf sein Söhnchen, ebenso eifersüchtig war sein Vater einst auf seine schöne Frau gewesen; sie durfte weder tanzen noch allein in ein Damencafé gehen, und zu Hause tyrannisierte er sie mit seinen Launen, ohne Verständnis für die Bedürfnisse und die tiefere Innerlichkeit einer Frauenseele, im Grunde auch ohne Achtung vor der Frau. Die »Weiber« hatten ihren Nützlichkeits- und Eitelkeitswert, sie gebaren Kinder, dienten zur Befriedigung angenehmer Begierden, führten die Wirtschaft und trugen eine schätzbare Mitgift ein; im übrigen war ihr Tun und Lassen, ihr Singsang und ihre Putzsucht bestenfalls ein Zeitvertreib, meist aber ein kostspieliges Ärgernis. So hatte er diese hochstehende, feinfühlige Seele in aller Liebe hingemordet, und als sie, die mit achtzehn Lenzen in die Ehe getreten war, mit dreiundvierzig das Fest ihres fünfundzwanzigjährigen Martyriums feierte, war sie eine gealterte, gebrochene Frau. Selbst der silberne Hochzeitstag verlief nicht ohne Gezänk; er hatte als Kadett dabei gesessen und es hatte ihm an der Kehle gewürgt ... Die Eltern hatten damals schon das Gut verkauft und lebten in Berlin. Seitdem war die Haustyrannei des beschäftigungslosen, alten Mannes vollends unerträglich geworden; um jede Fliege an der Wand schlug er Lärm, und in das Herz des Kindes brannten sich jene trostlosen Erinnerungen, wo die Mutter auf den Tisch trommelte und erklärte, sich scheiden zu lassen, während der Vater herumtobte und schrie: »Jede Gemeinschaft ist zwischen uns aufgehoben.« Der Knabe litt furchtbar unter diesen Szenen und Drohungen, zumal er stets zu der Mutter hielt; er malte sich die Scheidung und womöglich Trennung von ihr mit fiebernden Sinnen aus und sagte sich nicht, daß ein Mann, der immer mit Totschießen droht, dies niemals ausführen wird ... Aber die Eltern versöhnten sich wieder um des Kindes willen und die Mutter versank mehr und mehr in pietistische Entsagung. Ihr Geist verdüsterte sich zusehends und ein Jahr nach der Silberhochzeit wurde sie schwermütig ... Wenn er Sonntags aus dem Kadettenkorps auf Urlaub kam, blickte sie ihn so komisch an und strich ihm mit bitterem Lächeln die Haare aus der Stirn, als wollte sie sagen: »Es ist alles eitel.«

Bald danach starb sie. – Es war gerade in den Osterferien nach Ferdinands Einsegnung. Er hatte den letzten Atemzügen der Sterbenden gelauscht. Nun hatte ihr armes Herz ausgelitten, und mit all den ungestillten Schmerzen war sie ins Grab gegangen. Der Vater, der sie auf seine Weise geliebt hatte, knirschte in stummem Gram mit den Zähnen, als hätte ihm jemand ein schweres Unrecht getan; es war der herbste Schlag seines Lebens nächst seiner Verabschiedung und dem Verkauf des Gutes. Die Nacht hielt er, in der Bibel lesend, die Totenwacht neben der Leiche; dann wurde Sarg und Begräbnis bestellt und der Totenschein ordnungsmäßig neben den Trauschein gelegt ... Ob die arme Tote wohl ebenso ruhig dalag? Es war ihm, als müßte sie noch einmal aufstehen, um ihr Leben von neuem zu beginnen, als fehlte ihr etwas, das sie sich in den Sarg noch herabholen müsse, um friedlich zu schlafen ...

Sonntags mochte er gar nicht mehr nach Hause. Er suchte die Mutter umsonst in dem unberührten Sterbezimmer oder floh gruselnd zum Vater, der seinen Schmerz still in sich hineinfraß ...

Brieg fuhr plötzlich aus seinen Gedanken auf. Er hörte das Scharren der schweren Kommißstiefel und das Stoßen der Degengefäße gegen die Banklehnen. Die Kirche war aus ... Die Mannschaften verließen die statte der christlichen Bruderliebe, um sich, in Reih und Glied wieder unterzuordnen ... Die Herren Offiziere tauschten auf dem Platz oder beim Frühschoppen den neusten Garnisonklatsch aus und die Truppen marschierten in die Kasernen zurück; Brieg führte seine Ulanen.

Als er sich dieser Pflicht entledigt hatte, schlug er den Weg zu Frau von Carsten ein. Es war sehr schwül geworden und am Himmel ballten sich bleierne Wolken. An einer Blumenbude kaufte er sich einen Strauß gelber Rosen und blickte sich dabei scheu um, wie einer, der sich nicht mehr sicher fühlt; ihm war, als müßte jeder sehen, für wen er den Strauß kaufte. Wenn Herr von Meyring ihn nun plötzlich gefragt hätte: »Wo wollen Sie denn mit den Rosen hin?« Was hätte er da für ein Gesicht geschnitten, wenn er die Wahrheit erfahren hätte? Denn er hätte die Wahrheit gesagt; im Grunde wurmte es ihn bereits, daß er ihm gestern seine Frechheit nicht herausgegeben hatte, und er wurde den Verdacht nicht los, daß der Adjutant ihn doch mit bewußter Absicht angezapft hatte, nur so feig und geschickt, daß er sich selbst alle Vorteile wahrte und auf jeden Fall kompromittierte, mochte er nun Farbe bekennen oder klein beigeben!

Ja, seit Meyrings Worten wußte er: für ihn und sie gab es keine Gerechtigkeit mehr. Sie war auf ganz legalem Wege ins Verderben gestürzt worden, und wer dieses sanktionierte Unrecht nicht anerkannte und sie nicht wie einen Pestkranken mied, dem brannte man ebenfalls das Kainszeichen auf die Stirn. Aber der Mensch, der dieses sanfte und liebliche Wesen zugrunde gerichtet hatte, der lief frei herum und durfte sein Werk vollenden! Jeden ungebildeten Unteroffizier, der einen ihm gleichgültigen Untergebenen so mit Säbel und Reitpeitsche angriff, hätte man degradiert und eingesperrt; aber dieser Kerl durfte ein Wesen, das er schützen sollte und das nichts als Liebe verdiente, seelisch und körperlich brechen – und er saß weder im Zuchthause noch im Irrenhause, das auf ihn vielleicht mehr Anspruch hatte!

Die Wut der Verfehmten bemächtigte sich seiner. Er fühlte sein Herz schlagen für alle Unterdrückten, Entrechteten, Unglücklichen, und sein haßgeschärfter Blick sah nichts als Gewalttat und Lüge! In einiger Entfernung ging der Freiherr von Birstein mit seiner Gemahlin am Arm, die Czapka auf dem Kopfe, er groß und elegant, sie häßlich und unansehnlich wie eine kleine Choristin! Sie waren vielleicht auf einer »Verdauungsvisite« begriffen. »Wenn der Engel nur Geld hat!« Das war das Leitmotiv der meisten Ehen. Die Jugendkraft mit Dirnen vertan, und dann, wenn der Schulden mehr wurden als Haare auf dem Haupt, in den Nothafen einer Geldheirat einlaufen und mit einer ungeliebten Frau Kinder zeugen! O diese Verstandessittlichkeit, dieses Rechenexempel von Tugend! Und dabei diese sittliche Protzerei mit der Heiligkeit der Ehe! Diese von Neid und Mißgunst bewachte Moral! Dieses sittliche Naserümpfen über eine Gefallene, die Not oder Verzweiflung zur Schande trieb!

»Wenn der Engel nur Geld hat!« wiederholte Brieg sich höhnisch. Wenn zum Beispiel Frau von Carsten wieder zu Gelde kam, wenn sie zum zweiten Male reich heiratete, irgend einen Protzen, der ihre drei Kinder für den adligen Namen mit in Kauf nahm, dann war alles beim alten! Aber ohne dieses wurde ihr jedes kleine Judenmädchen vorgezogen und jede Schlechtigkeit nachgesagt! ... Und wenn sie wirklich diesen Ruf wahrgemacht hätte, wenn sie sich in den Taumel der Sinne gestürzt hätte, um ihr Unglück zu übertäuben: wäre das nicht verzeihlich gewesen? Aber wie hätten dann alle den Stab über die Dirne gebrochen! Welches moralische Geschrei hätten sie angestimmt! Nur wenn sie im Elend verhungerte, dann wäre alles still gewesen, ganz still ...

Und das nannte sich noch Adel! Das ließ ein so prachtvolles, adliges Weib verkommen und heiratete einen Geldsack, um seine verrosteten Kronen wieder aufzufrischen und die Rasse zu verderben! Birsteins hatten zum Glück keine Kinder, aber hätten sie welche gehabt, was wäre daraus geworden? Man munkelte ja zum Beispiel, daß Herr von Menring mit seiner Habichtsnase von mütterlicher Seite jüdischer Abstammung war. Und andre, die den Adelsstolz besonders hervorkehrten, waren erst vor einer Generation aus dem verachteten Pöbel emporgetaucht, wie der Vater jenes Rittmeisters, der angebliche Sklavenjäger, oder der Kommerzienrat von Carsten. Was blieb denn da vom Adel als der Name und die Anmaßung, und wohin kam der Typus des Pflichtmenschen altpreußischen Schlages? Bisher hatte auch Brieg das adlige Blut in sich wallen gefühlt und mit Schmerzen gesehen, wie der alte Adel überall zugrunde ging; ja, er hatte gewünscht, später einmal, wenn er älter und einflußreicher war, an einer Regeneration seines Standes mitzuarbeiten. Aber jetzt schien es ihm mehr und mehr, daß da nichts zu retten war; wie jede Leidenschaft, zog auch Briegs Ingrimm aus schmerzlichen eignen Erfahrungen allgemeine Gesetze ab und sah nur noch die Nachtseiten der Dinge. Und dieser Standpunkt rechtfertigte seinen Entschluß immer mehr; er beglückwünschte sich zu dem richtigen Instinkt, daß er das untergehende Schiff wie eine Ratte beizeiten verließ ...

Als er aufblickte, kam ihm zu seiner Überraschung ein alter Kriegsschullehrer entgegen; es war eben jener Hauptmann, der an Stelle des Selbstmörders getreten war. Er war seit kurzem in das hiesige Grenadierregiment versetzt und befand sich im Besuchsanzug; eine schwarzgekleidete Dame ging an seinem Arm. Beide erkannten sich sofort wieder und der Hauptmann bewillkommnete seinen alten Schüler, den er jetzt als schmucken Ulanenoffizier wiedertraf, nicht ohne einen Anflug von Respekt, während die Dame bereits in die nächste Haustür eingetreten war.

»Wohnen Herr Hauptmann hier?« fragte Brieg.

»Wieso, dachten Sie, ich wohnte nicht mit meiner Frau zusammen?«

»Ich dachte nur, Herr Hauptmann wollten hier Besuch machen,« antwortete Brieg und verabschiedete sich, etwas verwundert über die sonderbare Frage. Dann fiel ihm ein, daß dieser Herr schon auf der Kriegsschule seinen Fähnrichen gegenüber ganz eigentümliche Bemerkungen gemacht hatte. So hatte er einmal erzählt, er hätte seine Hochzeitsnacht mit Skatspielen totgeschlagen ... Und jedenfalls war jene schwarzgekleidete Dame, jenes arme Opfer seiner Ehe, eben nur stumm vorausgegangen, um ähnliche Redensarten über sich selbst nicht vor einem Fremden mit anhören zu müssen! Welche Tragödie mochte hinter diesen stummen Blicken sich täglich abspielen! Briegs Herz blutete bei dem Gedanken. Und doch war dies nur ein besonderer krasser Fall unter so vielen andren! Waren Birsteins glücklicher verheiratet? Seine eignen Eltern? Frau von Carsten? Und nach dem, was sie ihm so erzählt hatte, ihre Schwiegereltern? Was stand auf den Gesichtern der Regimentsdamen geschrieben? Müdigkeit oder Medisance. Einige gingen in Wochenbett und Kinderstube unter, andre, die keine Kinder hatten, schienen darum nicht glücklicher; nur ein paar Ausnahmen, welche die Regel bewiesen, hatten ihre Eheherren unter dem Pantoffel, wie die gestrenge Kommandeuse oder die sparsame Majorin. Um in ihre Verhältnisse näher einzudringen, dazu sah Brieg sie freilich zu wenig. Die Verheirateten sprachen höchst selten von ihren Frauen, und die Unverheirateten sahen sie nur bei den Bällen und offiziellen Diners vom November bis März etlichemal, und höchstens veranstaltete die Kommandeuse allsommerlich ein oder zwei langweilige Picknicks, bei denen sie verlangte, daß man ihren Töchtern den Hof machte.

Ihre erste Mutterpflicht, die Verjüngung des Lebens, erfüllten die meisten ja erstaunlich gut; sie gaben dieser heranblühenden Jugend soviel von ihren überschüssigen Lebenskräften, daß das lockere Leutnantsleben ihrer Väter selten üble Folgen bei den Kindern zeitigte. Aber damit hatten sie sich auch ausgegeben. Jenen zweiten Pflichtenkreis, zu dem die Frau emporwächst, wenn sie ihrer physischen Pflicht genügt hat und ihre Reize verblühen, schienen die meisten nicht einmal zu kennen und jedenfalls wurde ihnen die Möglichkeit, sich darin zu betätigen, durch die herrschenden Verhältnisse entzogen. Wo hatte Brieg wohl je, außer im Hause seines Rittmeisters, eine Dame gefunden, die gereifte Lebenserfahrung mit warmem Empfinden verband und der jungen, unverheirateten Generation Respekt vor der Frau beibrachte. Ihm schwebte der französische Salon des ancien régime vor, wo die älteren Frauen den Mittelpunkt der Kultur, der Herzens- und Geistesverfeinerung bildeten. Aber die meisten Regimentsdamen, die über den Schneider heraus waren, besaßen ein leeres Herz und einen noch unter den Backfischstandpunkt herabgesunkenen Geist. Auch sie waren keine Menschen, nur Vorgesetzte und Untergebene, die auf ihren Rang pochten oder sich sklavisch demütigten und mit den Jahren ebenso verknöcherten wie ihre Männer mit zunehmendem Dienstalter ... Die jüngeren Damen bestachen wenigstens noch durch ihre körperlichen Reize, aber wenn an deren Stelle nur das rigorose Fordern von Rechten und Ehren trat, so daß die Herren sich ihnen gegenüber wie im Dienst fühlten, der ja auch allerhand langweilige Verrichtungen mit korrektem Mienenspiel heischte: war es da erstaunlich, daß die meisten sich nach des Tages Last und Hitze lieber im Bierbankgeträtsch gehen ließen, statt sich in Damengesellschaft zu langweilen? Aber dadurch ward der Abgrund noch erweitert und die schlechten Sportsmanieren gaben den Rest. War es da zu verwundern, daß ein Offizier keine Achtung vor dem Weibe hatte, ja nicht einmal eine Idee von der Hoheit der Frau? Im Kadettenkorps bereits von dem andern Geschlecht abgeschieden, lernten die jungen Leute gerade in den empfindsamsten Jahren nur die Hefe der Weiblichkeit gründlich kennen, und jedes zartere Gefühl war, wenn sie schließlich reif zur Ehe wurden, unwiederbringlich dahin.

Nur wenige Häuser trennten ihn noch von seiner Freundin; das alles stieß schon an ihr Zimmer an, nahm sozusagen teil an ihr. Er eilte die Treppe hinauf und klingelte. Der kleine Adolf öffnete mit einem scheelen Blick auf die Blumen und führte ihn auf sein Geheiß in das Zimmer seiner Mutter. Der Junge machte ihm mit seinen großen Füßen und Händen, die wie bei jungen Hunden zuerst gewachsen waren, einen unangenehmen Eindruck.

Frau von Carsten war überrascht, als er mit Blumen für sie eintrat. Seine Augen blitzten von Trotz und Feuer. Er schien größer und männlicher als sonst, und der Flaumbart auf seiner Oberlippe begann sich stärker zu kräuseln.

Sie sah müde und vergrämt aus; sie hatte die Nacht auf ihren Kissen geweint und war erst bei Tagesanbruch in bleiernen Schlaf gefallen. Allerhand häuslicher Verdruß kam hinzu. Die Kinder waren unausstehlich gewesen. Die beiden Kadetten wollten mit Adolf und den »jungen Damen« in eine Konditorei gehen, um ihren Abschied mit Schokolade zu begießen, denn Ihre Ferien liefen Dienstag ab und Adolf sollte Mittwoch zu seinem Vater reisen. Frau von Carsten hatte ihren Kindern verboten mitzugehen, schon weil ihr dieser ganze Ton nicht paßte, und auch um unnötige Kosten zu vermeiden, aber Frau Hüppe hatte ihrer Klara einen großen Hut mit lächerlich abstehenden Federn auf den gedankenlosen Flachskopf gesetzt und die drei waren frohlockend abgezogen, während Adolf seiner Mutter wie eine wütige Katze ins Gesicht fauchte: »In acht Tagen, wenn ich bei Papa bin, kann ich überall mit. Bis dahin werd' ich's in dieser Lausebude schon noch aushalten.« Und als er von der Mutter den verdienten Katzenkopf bekam, hatte er sich gegen denselben, mit den Fäusten in die Luft schlagend, gewehrt. Anna hatte noch weiter gebettelt, aber der Bengel hatte sie wütend von der Mutter fortgerissen und halblaut gesagt: »Rede doch gar nicht mit Mama. Ich werd' es Papa schon sagen, daß er uns wegnimmt ...« Damit war er hinausgelaufen und hatte die Tür hinter sich zugeschmissen. Frau von Carsten hatte diese letzten Worte nicht mehr gehört; sie verstand Flüstertöne nicht, da ihr Herr Gemahl ihr bei einer seiner Mißhandlungen das Trommelfell beschädigt hatte. Aber was ihr nicht entging, war die gewalttätige Auflehnung, die der Knirps jedesmal zeigte, wenn er vom Vater kam oder zu ihm fahren wollte.

Auch die jungen Engländerinnen hatten sich ziemlich unsanft beschwert, daß das neue Stubenmädchen in seiner Dummheit ihre Bücher feucht abgewischt hätte. Miß Carrie erklärte, sie zöge nächstens überhaupt aus der langweiligen Pension aus. Leutnant Ehlert sei fort, Herr Althoff kümmere sich nur um Frau Hüppe, Herr von Brieg nur um Frau von Carsten und der alte General wäre most shocking, denn er wollte sie immerfort küssen ... Selbst die alte Minna war heute in lebensgefährlicher Stimmung, da Frau von Carsten ihr des Tischbesuches wegen nicht erlaubt hatte, in die Kirche zu gehen.

Brieg erkundigte sich teilnehmend nach dem Grund ihres Kummers.

»Ach,« wehrte sie müde ab, »alles zieht an mir herum; ich bin nur die Sklavin der Fremden, der Kinder, selbst der Dienstboten. Und dann die trostlose Zukunft ...«

»Verlieren Sie den Mut nicht,« sagte Brieg warm. »Ich versprach Ihnen zu helfen. Ich bin mit meinem Entschluß fertig und will heute noch mit meinem Vater reden, daß er mich freigibt ... Ja wirklich, das will ich!« wiederholte er, als sie ihn betroffen ansah. »Und sehen Sie,« fuhr er fort, »all den Mut und die Sicherheit dank' ich Ihnen. Sie haben mich erweckt und an der tiefsten Stelle meines Wesens ergriffen: jetzt bin ich nicht mehr zurückzubringen. Und zum Dank,« fuhr er feierlich fort, »möchte ich auch Ihnen etwas von dieser Sicherheit mitteilen. Wenn Sie wüßten, wie klar ich das alles sehe und welche Zuversicht ich habe, daß uns noch eine Zukunft beschieden ist. Wir wollen uns nicht wie Theaterhelden hinstellen und von der Würde der Arbeit faseln, aber wir wollen die Arbeit nicht scheuen, wenn sie uns befreit und zu uns selbst führt aus hohlem Schein und geistloser Leere. Es wird vielleicht eine Zeit kommen, in der man uns belächeln oder verwünschen wird. Unsre adligen Verwandten uns für verrückt halten. Aber das ist gut. Es wird einen ganzen Bruch geben. Wir werden nicht mehr zurück können und vorwärts müssen... Ich weiß, was Sie einwenden wollen: ich sei ein Mann und Sie ein schwaches Weib, das Rücksichten zu nehmen hat und durch die Not hier festgekettet ist; und darum,« sagte er, die Stimme erhebend, »biete ich Ihnen meinen Schutz und meinen Beistand an. Ich habe ein kleines Vermögen von meiner Mutter her, das werd' ich mir von meinem Vater auszahlen lassen und Ihnen helfen ...«

»Das nehm' ich nicht an, nicht von Ihnen,« wehrte Frau von Carsten ab.

»Aber was wollen Sie sonst?« drang der junge Herr in sie. »Wenn kein Mensch Ihnen beisteht, und es kommt einer, der Sie verehrt, und bittet Sie, sich helfen zu lassen ...«

»Ihr Vater wird es niemals zugeben.«

»Das Geld ist meines. Ich kann es verlangen und werd' es, mag passieren, was will!«

»Sie werden es doch nicht mit Ihrem Vater verderben wollen um meinetwegen...«

»Ich will mir einen andern Beruf suchen, weiter nichts. Und wenn mein Verdienst noch so spärlich ist im Anfang: ich kann entbehren. Ich habe unter Wohlhabenden ärmlich leben müssen: das ist schlimmer, als wenn man mit Armen teilt.«

»Es wird Ihnen leid tun, sehr bald,« warnte Frau von Carsten. »Wenn Sie Ihren bunten Rock ausgezogen haben, werden Sie sich gedrückt, entwürdigt fühlen, und mir wird es immer auf der Seele liegen, ja, Sie werden es mir selbst zum Vorwurf machen, daß Sie meinetwegen dieses Opfer brachten ... Wer bin ich denn und womit habe ich es verdient, daß Sie mir helfen wollen?«

»Nichts von Opfern,« wehrte Herr von Brieg ab. »Ich helfe mir selber. Sie waren der Anstoß, nicht die Ursache meines Entschlusses. Es wäre früher oder später doch so gekommen, und dann vielleicht gewaltsam. So gehe ich freiwillig und Sie gaben mir die Kraft dazu ...«

»O lassen Sie mich bitten, brechen Sie nicht gleich mit Ihrem jetzigen Leben,« redete Frau von Carsten zu. »Es ändert ja doch nichts an der Sache, wenn Sie erst ein Jahr auf Urlaub gehen und sich à la suite stellen lassen, oder wie Sie es nennen. Tun sie es mir zuliebe, es ist die erste Bitte, die ich an Sie wage...«

Sie schob ihm zaghaft die Hand hin und er bedeckte sie mit Küssen.

»Nennen Sie mich du,« bat er errötend. »Unser Schicksal, unser Weg, unsre Zukunft sind die gleichen...«

»Wenn es Ihnen Freude macht,« lächelte sie und erwiderte den Druck seiner Hand, die noch immer die ihre umschlang. Ihm war, als ginge ein Lebensstrom von dieser kleinen Hand auf ihn über und löste in ihm ungeahnte Kräfte aus. Er hielt einen Augenblick den Atem an und blickte ihr lächelnd ins Gesicht. Es schien plötzlich aufzuleuchten und sich zu verjüngen; etwas Jugendliches, Jungfräuliches schien hindurch wie die Sonne durch Wolkenschleier, etwas, das hervorzubrechen begehrte und die Nebel des Grames schon niederkämpfte ... Da zog er sie an sich und küßte sie auf die Stirn.

»Mein lieber Freund,« lispelte sie, »wie soll ich dir das danken?«

In diesem Augenblick knackte etwas an der Tür. Frau von Carsten sprang hoch und riß sie auf. Frau Hüppe stand dahinter.

»Ah, Sie sind wieder hier, Herr Leutnant,« sagte sie unverfroren. »Ich dachte, Frau von Carsten wäre allein... Pardon, ich habe zu tun.«

Damit wehte sie hinaus.

Frau von Carsten schloß die Tür wieder.

»Was soll ich dazu sagen?« murmelte er.

»Wenn sie uns belauscht hat...«

»Desto eher mußt du dich von ihr losmachen,« riet Brieg. »Gründe genug sind vorhanden ... Dieser allein genügt. Sie ist dein böser Geist, der dich aussaugt und auf deine Kosten glänzen will: das hab' ich längst gemerkt. Statt dir beizustehen und zu raten, nahm sie dir den letzten Glauben an Welt und Menschen.«

»Du urteilst zu hart über sie,« verteidigte Frau von Carsten, »Sie spielt sich immer selbst Komödie vor, um an sich zu glauben; das ist alles. Auch kann ich sie nicht vor die Tür setzen, da sie fast mittellos ist.«

»Mag ihr Hauptmann Althoff sie doch ernähren, oder mag sie lernen, auf eigenen Füßen zu stehen,« entschied Brieg. »Vergolten hat sie dir deine Güte und Aufopferung wahrlich nicht. Also was duldest du sie noch hier? Du mußt hart werden, Anna, und ich auch; unsre Güte war Schwäche. Wir warfen uns fort, um doch einmal geliebt zu werden. Wir gingen in die Irre, aber nun haben wir Ziel und Zweck gefunden; nun darf uns nichts mehr abbringen vom rechten Wege ...«

Brieg hatte abermals ihre Hand ergriffen und sie waren beide zur Tür gegangen. »Jetzt will ich zu meinem Vater gehen,« sagte er feierlich.

»Denke an dein Versprechen, nichts zu überstürzen! Sei nicht zu schroff,« mahnte sie sanft.

»Ach, ich war es bisher nie genug,« sagte er. »Ich war willenlos und verprügelt durch die Disziplin, verkümmert und nervös durch törichte Schulden und unhaltbare Verhältnisse. Aber nun hast du alles geändert!« Damit ging er und sie winkte ihm nach, als wollte sie ihn zur Sanftmut mahnen.

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