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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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6.

Am Abend aß Brieg vorschriftsmäßig im Kasino, an das man ihn jetzt mit Gewalt knebeln wollte; er nahm sich vor, aus seinem Beruf ohne Makel auszuscheiden. Der Ton gegen ihn schien gedrückter denn je, als wüßte man schon, was sich vorbereitete, und er verließ das Kasino wie stets, wenn er nicht betrunken war, mit dem Gefühl des Fremdseins und der Kälte. Er hatte bereits die Türklinke in der Hand, als der Kasinounteroffizier aufgeregt hereinkam und den Herren etwas zuwisperte. Er sah, wie sie die Köpfe zusammensteckten und Meyring hinausstürzte, um nicht wiederzukommen.

»Was ist?« fragte er erschrocken.

»Der Fahnenjunker hat sich eben 'nen Bolzen durch die Schläfe gejagt,« antwortete Herr von Schmitt kalt. Diese Antwort empörte Brieg. Ihm war, als krachte neben ihm noch einmal der Schuß des Selbstmörders. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und hörte zu, was die Kameraden über den Tod den Junkers mutmaßten. Große Schulden waren wohl nicht der Grund; auch an eine unglückliche Liebe war kaum zu denken, dazu war der Junge noch zu kindlich und in sich gekehrt, sein Rittmeister war jener Herr von Degenhard, ein Hüne von Gestalt, der nicht selten einem Mann mit der flachen Klinge oder der Hetzpeitsche eins überzog. Mit ihm mochten selbst Waldburg und der Oberleutnant Schumann nichts zu tun haben. Sein Vater war erst zu Geld und Adel gekommen; er hatte seine Reichtümer in den Kolonien gesammelt, und die böse Welt behauptete, er hätte sich durch Sklavenhandel bereichert. Jedenfalls hatte sein Sohn etwas vom Sklavenhändler geerbt und jedermann zitterte vor ihm. Wie Schmitt, der bei seiner Schwadron stand, erzählte, hatte der Junker ihm kürzlich aus purer Angst eine falsche dienstliche Meldung gemacht, und der Rittmeister hatte ihn dafür mit Stubenarrest bestraft. In seiner Ratlosigkeit mochte er sein Leben freiwillig geendet haben.

Brieg entnahm diesen Zusammenhang aus den Reden der Herren und er konnte sich wohl denken, daß der arme Junge wegen dieser Lappalie in den Tod gegangen war. Sie war jedenfalls nur der Tropfen des Überlaufens in einem Faß von Jammer. Der Junker hatte immer stumm dagesessen oder war hochgewippt, um auszutrinken, ganz wie er selbst es seinerzeit auch getan hatte; und dieses Leben ohne Rat, ohne Stütze und Liebe, aber voll aufreibender Strapazen, grimmiger Verweise und drohender Strafen, hatte ihn in die Bruderarme des Todes getrieben. Brieg wunderte sich jetzt, daß er selbst es so lange ausgehalten hatte, ohne zugrunde zu gehen; und diese Zähigkeit erschien ihm als gute Vorbedeutung für seine Zukunft. Wenn er das überwunden hatte, würde er auch weiter kommen!

Herr von Meyring kam nach einiger Zeit wieder; er redete ganz im Protokollstil. Der Junker – so erzählte er – läge vor dem Spiegel mit durchschossener Schläfe; Briefe, die auf die Gründe der Tat deuteten, hätten sich nicht gefunden. Nur ein paar Dienstzettel lagen auf dem Tisch. Meyring hatte sie mitgebracht und legte sie vor; Brieg blickte mit Wehmut über seine Schulter weg auf diese Hinterlassenschaft.

Freitag, den 19. VIII.
5–6½ Stalldienst.
steht die Schwadron im Exerzieranzug komplett.
3–4 Voltigieren.
4–4¾ Fußexerzieren (dahinter die Bleistiftnotiz »Marschieren und Laufschritt ohne zu rühren«).
5–5¾ Nachexerzieren der Rekruten. (Dahinter die Bleistiftnotiz: »dreißigmal Kehrt ohne Unterbrechung.«)
6 Uhr Stalldienst. (»Dispensiert zur Offizier-Speiseanstalt.«)
Sonnabend, den 20. VIII.
5–6½ Stalldienst.
steht die Schwadron im kleinen Dienstanzug komplett zum Pferdeschwimmen.
2 Uhr Appell mit Drillichzeug. (»Rittmeister erscheint 2,35 Uhr. Abtreten, weil einzelne fehlen. Wieder mit Drillichanzug um 3 Uhr bis 3½ Uhr.«)
3½–4½ Rekruteninstruktion.
4½ Uhr Löhnungsappell.
5–6 Avanciertenvortrag. (»Strafarbeit!«)
6 Uhr Stalldienst. (»Dispensiert zur Offizier-Speiseanstalt.«)

Diese zwei Zettel schienen Brieg ganze Bände zu sprechen. Daß ein Achtzehnjähriger an diesem Sonnabend, wo er von fünf Uhr morgens bis halb sieben Uhr abends Dienst hatte und sich danach umziehen sollte, um im Offizier-Kasino als stummer Gast zu speisen, auch ohne die doppelte Instruktionsstunde, den Strafappell und die Strafarbeit die Nerven verlieren mußte, schien ihm sonnenklar; zumal wenn er außerdem noch unter dem moralischen Druck einer Strafe wegen Lügens im Dienst stand. Brieg fühlte sich einen Augenblick in die eigene Fähnrichszeit zurückversetzt, wo er in der Unteroffizierstube in der neuen Kaserne mit dem stinkigen eisernen Ofen gehaust hatte und auch keinen Menschen besaß, der ihm ein freundliches Wort sagte und Interesse an ihm nahm. Die Unteroffiziere saßen in der Kantine, wo es nach allerhand undefinierbaren Gerüchen, nach Schmalz und Hufschmiere, nach dem dünnen, hellen Bier und aufgewaschenen Holzdielen duftete, und dazu die gebührende Unterhaltung, vielleicht von Manöverabenteuern, wie sich die Bauerndirnen wie zum Fest gewaschen und hohe weiße Strümpfe aus der Brautlade geholt hätten, oder ein Unteroffizier gab zum besten, wie er einem Mädchen eins ausgemeßt hätte ... Die Gemeinen wichen seinem goldbordigen Kragen scheu aus, und die Herren Offiziere, mit denen er nachher im Kasino speiste, sahen ihn kaum an ...

Die Augen brannten ihm wie von Tränen, als er auf die Straße trat, und er schrak auf, als er eine Stimme hinter sich hörte. Es war Meyring, der die Zettel wieder an sich genommen hatte und nach dem Bureau strebte, um eine Meldung aufzusetzen.

»Na, wie gefällt es Ihrem Herrn Vater denn in der Pension?« fragte er katzenfreundlich. »Übrigens kennen Sie doch die Geschichte von der Carsten?«

»Welche Geschichte?« fragte Brieg zusammenfahrend. Schon die Bezeichnung »von der Carsten« dünkte ihm eine moralische Ohrfeige, als hätte sie den Ehrentitel Frau verwirkt.

»Nun, sie wurde neulich im Kasino zum besten gegeben ... Sie soll letztes Jahr guter Hoffnung gewesen und zu einem Fest bei Meins im Empirekleid gekommen sein, um ihre Körperformen zu verhüllen. Glücklicherweise ist die Sache noch zurückgegangen. Graf Kinsky soll der Übeltäter gewesen sein ...«

Brieg hatte einen Augenblick das Gefühl, als ob ihm die Kniee versagten.

»Und diese Ehrabschneiderei glauben Sie?« stieß er hervor.

»Ich habe es von unserm Prinzen,« entgegnete Meyring, als ob damit alles erwiesen wäre. »Und der wird es wohl von irgend einem dritten, vierten und fünften haben. Sie hat wahrscheinlich ein Empirekleid getragen und jemand hat die Geschichte hinzuerfunden und gar noch geglaubt, einen geistreichen Scherz zu machen,« sagte Brieg »So eine geschiedene Frau ist immer verdächtig,« antwortete Meyring mit zweideutigem Lächeln und blickte dabei einem Mädchen mit stark hochgenommenen Röcken lüstern nach. »Irgend 'nen Haken wird die Kiste schon haben ...«

»So,« entgegnete Brieg. »Und wenn die geschiedene Frau der unschuldige Teil ist?«

»Ach, Sie sind noch ein Idealist,« lächelte Meyring. »So 'ne Geschiedene kann's nachher ja doch nicht mehr lassen, wissen Sie ... Es hieße ja auch den Beruf der Frau verkennen ...«

Ihn dünkte Meyrings Schlußfolgerung so über alle Maßen frech und schamlos, daß er einen Augenblick sprachlos stehen blieb. Als er wieder reden konnte, sah er, wie der Adjutant sich mit übermütig nachlässigem Gruß entfernte.

Der Ekel gegen diesen Pharisäer, mit dem er schon einmal auf ein Haar aneinander geraten war, trieb ihm das Blut in die Schläfen; er hätte ihn in diesem Augenblick kalten Bluts niederstechen können. Aber im nächsten Moment war er sich des Orts und seiner Uniform bewußt. Und sobald sein Jähzorn verraucht war, sagte er sich auch, daß eine Herausforderung Meyrings nur Frau von Carsten bloßstellen würde. Was wußte denn jener von ihm und ihr? Er hatte ihn mit der Pensionswirtin seines Vaters in dessen Gesellschaft im Stadtgarten gesehen, weiter nichts. Er konnte nicht wissen, wieviel sie ihm war; sonst hätte er diese Anzapfung wohl nicht gewagt! Er kolportierte nur eine Verleumdung, wie er nach dem Balle bei Meins über die Ballroben und Strümpfe der Damen gezotet hatte. Damals war Brieg auch nicht auf ihn losgestürzt, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen: warum also jetzt, wo es ihm gleichgültiger denn je war, was diese Gesellschaft, der er den Rücken kehren wollte, noch trieb und sagte? Wozu also noch einen Skandal provozieren und mit dem Verbreiter jener schmutzigen Lüge oder ihrem durchlauchtigsten Erfinder eine Kugel wechseln? Mit dem Entschluß, diesen Dunstkreis mitsamt seinem point d'honneur zu verlassen, hatte er den letzten Respekt vor dem Duell verloren; es schien ihm ein Hohn auf alle Gerechtigkeit, daß der Beleidigte sich zum Überfluß noch den Kugeln des Gegners aussetzen mußte, um diesem ja Gelegenheit zu geben, seine Frechheit noch durch einen Pistolenschuß zu übertrumpfen! Mochten diese Leute also ihr Gift zu seiner Freundin emporspeien: er wußte ja, wie niedrig sie von jeder Frau dachten. »Sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee« murmelte er, »und du wirst der Verleumdung doch nicht entgehen.«

Er ging mißmutig in seine Kasernenstube. Vor dem Wiedersehen mit Marie graute ihm ein wenig: wie sollte er ihr fest in die Augen sehen? Was sollte er ihr sagen, was verschweigen? Und wenn er ihr offen seine Absicht gestand, würde sie ihm glauben und ihn verstehen?

Sein Blick fiel, während er so vor sich grübelte, auf die Tanzkarten und Cotillonorden an der Wand, die er sich aufgehoben hatte wie ein junges Mädchen seine Ballbuketts. Das war nun alles tot und todeswert. Er packte den ganzen Flitter mit beiden Händen, riß ihn herunter und warf ihn in den Ofen. Er wollte das alles verbrennen, ehe er ging. Ihre Briefe hatte er noch ... Er zog den Schlüssel heraus und öffnete die Schublade. Da lagen sie noch, all die rosa und blauen Billetts zweier Jahre, mit einem roten Bändchen umschlungen. Er mochte sie nicht mehr öffnen, um nicht schon vorher das Herz zu verlieren, noch ehe sie kam. Ein neues Leben wollte er anfangen. Fort mit dem alten. Und er verdammte alles zum Feuertod.

Dann ging er Marie abzuholen.

Das Wiedersehen war ein sehr gedrücktes. Sie wollte sich nicht ausreden lassen, daß die lange Trennung der Anfang vom Ende war und daß den Anlaß hierzu jener Vorfall bei Korner bildete. Die müde Art, wie er ihr das Gegenteil versicherte und dabei ihrem Blick auswich, bestärkte sie noch in ihrer Meinung. Er hatte zwei Gläser Rotwein eingeschenkt, aber sie nippte nur daran; und ihm schien der Wein sauer; er schnürte ihm die Kehle zu. Er schimpfte über den sauren Wein, über die schwüle Luft, dann stockte die Unterhaltung wieder. Ein Nachtfalter kam hereingeflogen und stieß gegen die Lampenglocke wie ein unruhiger, planloser Gedanke, und die alten Kommißmöbel standen steif und breitspurig da und warfen lange Schatten über die blanke Diele.

»Du willst mich loswerden,« stieß Marie plötzlich hervor und ihre Augen umflorten sich. »Sage es mir offen.«

Brieg schüttelte traurig den Kopf. »Nein, Marie,« sagte er tonlos und senkte den Blick, »aber ich werde bald nicht mehr hier sein. Ich will meinen Abschied nehmen ...«

Marie blickte ihn erstaunt an. »Ja, es muß etwas vorgegangen sein,« sagte sie, »ich hab' es wohl gemerkt. Deines Vaters Hiersein und daß wir uns nie mehr sehen, das ist doch sonst nie gewesen ...«

»Meines Vaters Hiersein hat nichts damit zu tun, Marie,« erwiderte er, mit einem Streichholz spielend. »Ich habe auch keine hohen Schulden gemacht oder gespielt, so daß ich deswegen den Abschied nehmen müßte; ebensowenig ist der Abend bei Korner daran schuld. Ich habe mich freiwillig entschieden, mir einen andern Beruf zu suchen, der meinen Anlagen besser entspricht; du weißt ja selbst, wie vieles mir hier nicht behagte ...«

Marie war ihm um den Hals geflogen und drückte ihn weinend an sich.

»So wird' ich dich nicht mehr wiedersehen,« schluchzte sie.

»Doch, Marie,« sagte er ruhig, »ich muß ja noch meine Sachen hier ordnen, ehe ich fortgehe ...«

Er entzog sich sanft ihren Umschlingungen und sie trocknete ihre Tränen.

»Nein,« würgte sie hervor, »du sagst das alles nur, um mich los zu sein.«

Dies Wort gab ihm einen Stich ins Herz. »Ich würde es für ebenso feig wie gemein halten, dir das vorzulügen, Marie,« fuhr er auf. »Ich will meinen Abschied nehmen und fortgehen – und wir werden uns noch einmal sehen vor meinem Scheiden ...«

Marie war bei diesem bestimmten Ton aufgestanden. »Wenn du mich also noch einmal sehen willst,« sagte sie tonlos, »so schreibe es mir und ich will gern kommen. Sonst aber,« und hier übermannten sie die Tränen wieder, »Lebewohl! Ich danke dir für all die schönen Stunden, die ich mit dir verlebt habe, und für alles Gute, was du mir erwiesen hast. Ich werde immer, immer daran zurückdenken ...«

Brieg drückte sie an sich, ohne ihr in die Augen zu schauen. Er war kaum eines Wortes mächtig. »Ich habe dir zu danken,« stammelte er. »Für alles ... für alles ... Ich werde dir schreiben ... Es ist noch nicht das letzte Mal.«

Sie hatte sich aus seinem Arm losgemacht und ihre heißen Wangen getrocknet. Dann ging sie mit ihrem elastischen Schritt zur Tür, die sich hinter ihr schloß.

Brieg sah das leichte Sommerfähnchen in dem Türspalt verschwinden; ein trockener, brennender Schmerz ergriff ihn, den keine Träne erlöste. Er trat ans Fenster und preßte den Kopf gegen die Scheiben. Das Seitentor war noch nicht zu und sie schlug den gewohnten Weg nach Hause ein. Da ging nun alles hin, was er in den letzten Jahren an Glück und Freude gehabt hatte, was ihn moralisch über Wasser gehalten ... Er kam sich so undankbar und herzlos vor, als hätte er ein großes Unrecht begangen.

Draußen erklangen die langgezogenen Sätze des »Zapfenstreichs«, wie damals zu Weihnachten, als sie hier gesessen und Glühwein getrunken hatten – und nun war das alles tot und vergessen.

Und doch: es mußte, mußte gebrochen sein!

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