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Friedrich Oppeln-Bronikowski von: Der Rebell - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
titleDer Rebell
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorFr. Koch
year1908
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071015
projectid946d4d96
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3.

Herr von Brieg nahm oft die Gelegenheit wahr, seinen Vater aufzusuchen, und das verbesserte stets die Laune des Generals. Aber in seiner Gegenwart konnte er mit Frau von Carsten solche Gespräche nicht fortsetzen, und unter vier Augen konnte er sie nur selten sprechen; dagegen traf er oft den Hauptmann Althoff mit Frau Hüppe zusammen und begegnete ihnen sogar auf der Straße, allerdings stets in Begleitung von einem der Kinder. Dieser liebenswürdige und korrekte Mann gehörte nach seiner Schätzung zu Gruppe zwei der Infanterieoffiziere, die sich ohne Talent, aber mit eisernem Willen hochdienen, und die Leichtigkeit, mit der Frau Hüppe sich an seinen Arm gehängt hatte, schien ihm noch auf andre Dinge zu deuten, z.B. auf einen großen Hang zur Weiblichkeit. Gegen den Generalssohn zeigte er sich anfangs sehr liebenswürdig, bald aber verschlossen und mißlaunig, als ob er ihm etwas übel nähme. Er raubte Brieg geradezu die Stimmung, wenn er selbst mit Frau van Carsten plauderte und Althoff mit seinem beleidigten Gesicht stumm dabeisaß. Auch Frau Hüppe, der er zu Anfang ein paar Artigkeiten gesagt hatte, schien gegen ihn kälter zu werden, seit er sich durch ihren sinnigen Augenaufschlag nicht mehr betören ließ und sich fast ausschließlich Frau von Carsten widmete.

Übrigens erfuhr Herr von Brieg durch Frau von Carsten, daß sie ihre Partnerin in einem schweren Nervenfieber, das bald nach der Katastrophe ihres Gatten ausbrach, aufopfernd gepflegt hatte, und die Art, wie diese ihr das anscheinend dankte, erfüllte ihn nicht mit Hochachtung vor ihrem Charakter. Dagegen lernte er Frau von Carsten stets höher schätzen, je mehr er mit den Einzelheiten ihres traurigen Schicksals bekannt wurde. Sie war zur großen Dame erzogen worden und besaß alle Eigenschaften einer solchen; doch als die Eltern starben, war so gut wie nichts da. Ihr Vater, der Rittmeister von Meins, war Mitbesitzer eines Ritterguts; aber sein älterer Bruder hatte es zugrunde gewirtschaftet; er lebte in Saus und Braus, bald auf diesem Gute, bald in der Stadt, und so lichteten sich allmählich die wertvollen Waldbestände, ohne wieder aufgeforstet zu werden, so daß schließlich nur noch leichter, unfruchtbarer und unbebauter Heidegrund übrig blieb. Ihre Tante Meins, die eignes Vermögen besaß und von diesem die Hypothekenschulden des Gutes bezahlte, nahm sich der Waise an und verheiratete oder besser verkuppelte sie mit siebzehn Jahren an einen Grävenitzer Dragoner, den Sohn des Kommerzienrats von Carsten, der durch große Terrainspekulationen zu Geld, Adel und einer adligen Frau gekommen war. Er war ein eitler Protz, der seine Frau, eine feine, aristokratische Natur, selbst miserabel behandelte und darum verlangte, daß seine Schwiegertochter sich von seinem Sprößling, an dem er anfänglich mit Affenliebe hing, ebenso behandeln ließ. Als sie sich dann scheiden lassen wollte, hatte er gedroht und gefleht, denn er wußte, daß sein Sohn, der bereits aus dem Heer ausgestoßen war, nun völlig untergehen würde. Aber sie zog die Scheidung diesem unwürdigen Dasein vor – und der hartherzige Parvenu, in seiner Eitelkeit aufs tiefste verletzt, ließ seine Schwiegertochter gänzlich fallen. Um so mutiger erschien es jetzt Brieg, daß sie den Dornenpfad der Scheidung beschritten hatte.

»Ich bewundere Sie,« sagte er ihr einmal, »für alles, was Sie durchgemacht haben, und für den Mut, den Sie dabei bewiesen! An Ihnen könnte mancher Mann sich ein Vorbild nehmen. Und was ich Ihnen von mir vorgeklagt habe, das schmilzt ja vor Ihrem Schicksal zusammen wie Märzschnee ...«

»Oh, machen Sie kein Idol aus mir,« antwortete Frau von Carsten schlicht. »Ich bin ein schwaches Weib. Daß ich mehr durchgemacht habe als andre, ist nicht mein Verdienst.«

Aber ihre Bescheidenheit mehrte seine Bewunderung nur, und ein ungekannter Abscheu ergriff ihn gegen alle, die äußern Wohlstand und glänzende Schmach der Treue gegen sich selbst vorziehen. Seine Beziehungen zu Marie büßten sogar ihren romantischen Nimbus ein; es war ihm willkommen, daß er sie jetzt nur selten sehen konnte, und mit gewisser Absichtlichkeit fußte er auf dem peinlichen Auftritt bei Korner, als hätte dieser den ersten Schatten der Entfremdung auf sie geworfen. Er wollte seine Beziehungen nicht brutal abbrechen, wie seine Kameraden es wohl getan hätten, aber langsam, schonend, wollte er ihnen ein Ende setzen. Der Besuch seines Vaters gab den erwünschten Vorwand, – dann kam das Manöver mit weiteren anderthalb Monaten der Trennung; »und nachher,« sagte er sich in plötzlicher Ahnung, »bin ich vielleicht gar nicht mehr hier ...«

Auch manches andre begann er mit neuen Augen anzusehen, und gegen vieles wurde er scharfsichtiger und hellhöriger. Er fühlte die Widersprüche schärfer heraus, und manches, was er jahrelang stumm ertragen hatte, schien ihm jetzt unerträglich, zum Beispiel das Geschwätz eines Lichterfelder Kadetten, der bisweilen Frau Hüppes Wilhelm besuchte und in der Pension mitaß.

Er war früher dessen Stubenältester gewesen, doch seit Ostern in die Hauptanstalt übergetreten und natürlich noch ganz voll von den ersten Eindrücken, die dieser Wechsel auf sein Gemüt ausgeübt hatte. Brieg erhaschte öfter einen Fetzen dieser Unterhaltung, wenn im Gespräch der Erwachsenen eine Windstille eintrat, und der kindische Tick, die geistige Verkrüpplung, die aus diesen Äußerungen sprach, klang ihm so schrill an sein Ohr, als hätte er das alles nicht jahrelang mit erlebt, – damals als er selbst in solch einem Affenjäckchen seine Kindlichkeit vorzeitig abstreifen lernte. Mit welcher Verachtung zum Beispiel zog der angehende Krieger über einen seiner »Zivilpauker« her, der ein Unikum an »Gemeinheit« sein mußte und demgebührend von seinen Schülern »eingetrieben« wurde; dagegen legte er gegen alles, was den Offiziersrock trug, eine abgöttische Verehrung an den Tag. – Vom Fähnrichsexamen, das ihm schon im nächsten Jahre bevorstand und mit dem er seine wissenschaftliche Ausbildung ein für allemal abschloß, dachte er sehr gering. Man büffelte halt, was »drankommt«, und bestand das Examen mit Ach und Krach, schlimmstenfalls mit Kaisers Gnade; das wäre forsch. Abschreiben von Strebern, d.h. von solchen, die etwas gelernt hätten, wäre ebenso forsch, denn man könnte dabei herausfliegen. Im übrigen wären die aufsichtsführenden Offiziere ja keine Unmenschen und hülfen denen, die sich gut geführt hätten, nach Kräften durch. Viel wichtiger war die Frage, wo man sich »equipieren« lassen sollte, natürlich nur bei einem »gemein teuren« Schneider, Robrecht oder Kühne. Vielleicht wurde er auch Selektaner und dann durfte er die Uhr und den Siegelring, die jetzt nur auf Urlaub erlaubt waren, in der Anstalt selbst tragen; ja, dann kam er den Kameraden, die Fähnrich geworden, ein Vierteljahr im Avancement vor, wie er leuchtenden Auges versicherte. Natürlich biß er auch äußerlich schon den Leutnant heraus und rauchte sogar verbotenerweise auf der Straße, was Wilhelm, der Potsdamer, sehr forsch fand und sofort nachmachte. Auch eine eigne Mütze hatte er nach dem hohen Vorbild für sich durchgesetzt und verbrachte allmorgendlich eine Stunde lang vor dem Spiegel, um sich mit Hilfe von Stangenpomade und einem Handspiegel den Scheitel durchzuziehen und die Haare über den Ohren forsch abstehend zu kämmen; und wenn er das Café auf dem Paradeplatze verließ, wo er Schokolade getrunken und Kuchen gegessen hatte, drehte er vor dem Pfeilerspiegel an seiner Oberlippe herum, als ob da der Schnurrbart schon sproßte. Auch das Gehen mit krummen Ellenbogen, das Grüßen mit abgespreiztem kleinen Finger, das eckige Handschütteln und dergleichen hatte er ihm abgeguckt, und in seine Konversation war ein ganz andrer Ton gekommen. Vorher hatte er den kleinen Mädchen allerlei Kunstausdrücke der Potsdamer Kadettensprache beigebracht, zum Beispiel für Taschentuch »Rotzfahne«, für Füße »Quanten«, für deutsche Beefsteaks »toten Juden« und für Mohrrüben »Polizeifinger«; oder er hatte ihnen erklärt, wie man »Ekligen« das Essen verleidete und die ihnen verekelten Klops dann selbst auffraß; aber seit der Lichterfelder der Klara und den beiden Fräuleins von Carsten die Cour schnitt, schlug auch er einen »schneidigen« Ton an, und statt mit Fräulein Anna und ihrer Puppe »Papa und Mama zu spielen«, wie diese es nannte, – ein Spiel, bei dem es zwischen den Eltern nicht selten zu ehelichen Zwistigkeiten gekommen war, – rauchte er mit Fräulein Agathe jetzt verbotene Zigaretten, die der Lichterfelder eingeschmuggelt hatte, und behandelte sie in ritterlichster Weise mit Eau de Cologne, wenn ihr von dem Tabakgenuß übel wurde ...

Übrigens gab der Lichterfelder, als er eines Abends die forsche Militärmusik im Stadtgarten pries, Veranlassung dazu, daß Althoff die Damen aufforderte, sie sich einmal anzuhören. »Exzellenz geben uns vielleicht auch die Ehre,« bat er, sich unter Verbeugungen die Hände reibend, und um der schönen Augen der netten Frauen willen überwand der alte Herr wirklich sein musikfeindliches Herz und kam mit. Auch sein Sohn schloß sich mit gemischten Gefühlen an. Er hatte sich des Abends schon lange nirgends mehr blicken lassen, so daß die Kameraden bereits schimpften, und andrerseits würden sie vermutlich die Nase rümpfen, wenn sie ihn in dieser Gesellschaft sahen. Immerhin hoffte er mit Frau von Carsten etwas plaudern zu können; doch belegte ihn sein Vater auf dem Hinwege ganz mit Beschlag, und er betrat ziemlich mißgestimmt den weiten Biergarten mit seinem grünen Laubdach und dem Halbdunkel einiger Laternen.

Nach der Gluthitze des Tages herrschte hier angenehme Kühle. Der große reservierte Offiziertisch war noch ziemlich leer; die Artillerie war bereits zur Schießübung ausgerückt, und der Störenfried Ehlert konnte den Hauptmann Althoff und Frau Hüppe nicht mehr ärgern. Die Infanteristen schienen mit diesem nicht gern zusammenzusitzen; sie grüßten ihn halb dienstlich und rückten von ihm ab, angeblich, um ihn mit seinen Damen nicht zu stören, und er setzte sich mit diesen an einen kleinen Nebentisch, den er an die Haupttafel heranschieben ließ. Exzellenz von Brieg war hocherfreut, noch ein paar nachfeiernde Jubelgreise an dem Offizierstisch zu treffen, und alsbald war wieder die gewohnte Unterhaltung im Gange: »Das war zu meiner Zeit doch nicht.« – »A propos, haben Exzellenz schon gelesen, daß H... das XII. Korps bekommen hat? Altersgenosse von mir; dem Kerl hätt' ich's nicht zugetraut, aber die Dummen haben immer Glück«, und so weiter mit reichlich eingestreuten französischen Brocken, in denen die neue Exzellenz besonders »exzellierte«.

Die Neuverordnungen über die Heeressprache waren an den alten Herren spurlos vorübergegangen, als etwas, das man seinen Nachkommen überläßt, während man selbst mit stolzer Absichtlichkeit am Alterprobten festhält. Und so hieß denn Gelände immer noch Terrain, Waldrand Lisière, Schlucht Ravin, schwärmen tiraillieren – und vieles andre ging auch nur auf ieren, wie konzentrieren und deployieren, retirieren und avancieren, flankieren und attackieren, detachieren und degagieren ... Es gab nur eine »Armee« und einen »König von Preußen«, kein Heer und keinen deutschen Kaiser; ein schlechter Anzug war ein malpropres Ajustement usw.

Augenblicklich hatte er wieder sein Lieblingsthema angeschnitten, nämlich Bismarcks Entlassung durch den »jungen Herrn«, wie er geringschätzig sagte; denn mit dem Ende der Jubeltage war er rasch in die alte Nörglerstimmung zurückgefallen. Er war natürlich Bismarckverehrer vom Scheitel bis zur Sohle und liebte es, in den Kürassierstiefeln des eisernen Kanzlers aufzutreten, so wenn er über Caprivi herzog, der jeden Tag zum Rapport beim Monarchen erschiene und dessen Befehle wie ein Wachtmeister entgegennähme, oder wenn er sich gegen den »jungen König« ereiferte, der alte, erprobte Generäle wegjagte, um junge Leute, die den Krieg nur als Leutnants mitgemacht hätten, auf die verantwortlichsten Posten zu stellen ... Er vergaß dabei nur völlig, daß er unter dem alten Kurs über die Vergreisung in den höchsten Kommandostellen, den »Paradeschwindel« und die ungerechte Bevorzugung der Kavalleristen ebenso hergezogen war. Selbst an Bismarck hatte er getadelt, daß er in der Reichsverfassung dem »liberalen Dusel« und der Sozialdemokratie in der Einführung des allgemeinen Wahlrechts Vorschub geleistet hätte. »Warum ist er bei den glorreichen Annexionen von 66 stehen geblieben?« pflegte er zu sagen. »Großpreußen, das war das Rechte; da hätte man mit dem eisernen Besen die süddeutsche Lotterei auskehren können ...«

Gegenwärtig war es die unheilvolle zweijährige Dienstzeit, die der Sozialdemokratie Tür und Tor öffnen sollte. Gute Feldtruppen waren in der kurzen Spanne Zeit nicht auszubilden; dem gemeinen Mann war die Königstreue auch nicht tief genug einzubläuen. Dagegen lernte er Sinn genug für Kampf und Streit und hinreichende Disziplin, um nachher einem sozialistischen Schreier zu gehorchen... Dazu diese Industrie und die großen Städte, die Brutherde der Sozialdemokratie, die den Landmann von der Scholle lockten, die Überanstrengung der Offiziere und Unteroffiziere, die Nervosität nach oben und der Zickzackkurs der Regierung, das ewige Sichvordrängen in die Öffentlichkeit, das unsern altpreußischen Traditionen ins Gesicht schlägt... »Ja,« schloß er mit einem tiefen Seufzer, »unser Staat treibt schweren Erschütterungen entgegen, und ich blicke mit Besorgnis in die Zukunft...«

Hier war nun der Punkt, wo der auf den Hurraton abgestimmte Hauptmann Althoff submissest widersprach. Er war natürlich auch Bismarckanbeter; was er dem Alten am höchsten anrechnete, das war, daß er in der Konfliktszeit Vertrauen zur Armee gehabt und trotz dem liberalen Geschwätz der Demagogen seine ganze Politik auf diesen ehernen Felsen gebaut hatte. »Aber,« setzte er gedehnt hinzu, »seine Entlassung war bei der impulsiven Natur des Kaisers, die keinen Widerspruch duldet, unvermeidlich und bei aller Hochachtung für Bismarck muß ich doch sagen, daß es so besser ist und daß die Welt dadurch gelernt hat, daß es auch ohne den Alten geht...« Damit führte er in wohlgesetzter Rede aus, wie die kräftige Persönlichkeit des jungen Monarchen belebend wirkte und Deutschlands Ansehen im Ausland mehrte, und dabei blieb er auch trotz der sarkastischen Gegenbemerkungen des alten Brieg, der sich schließlich nach einem anderen, gleichgesinnten Nörgler umsah. Dieser fand sich in Gestalt eines alten, verbitterten Hauptmanns a. D., der alsbald mit ihm über den kolossalen Menschen- und Nervenverbrauch des neuen Kurses, die vielen kostspieligen Uniformänderungen, die ewigen Alarmierungen und Ordensverleihungen, Reisen, Reden, Besichtigungen und Denkmalsenthüllungen herzog.

»Haben Sie schon die neuen Schießabzeichen bemerkt, Exzellenz?« fragte er den General, »wozu der Klimbim? Wenn die Kerls in der Schützenlinie liegen, sind die guten Schützen ja doch nicht herauszuerkennen. Da wären noch besser ein Paar rote Flicken auf dem Hintern, so wie ein Paar Pavianschwielen.« Und die beiden alten Kriegsgurgeln begannen ingrimmig zu lachen.

Schließlich kam der Hauptmann auf seinen wunden Punkt, den Abschied, zu sprechen.

»Sie pressen einen aus wie 'ne Zitrone und schmeißen einen dann auf die Straße,« sagte er giftig. »Jahrelang schwebt die pekuniäre Sorge einem über'm Kopf wie ein Damoklesschwert, und wenn man endlich Hauptmann Erster ist und geheiratet hat, dann ist's die Sorge um die Stellung, um Frau und Kind... Und da muß man ducken und 's Maul halten und sich als alter Familienvater vom Gaul 'runter kanzeln lassen, wie'n Schulbube, ohne mit der Wimper zu zucken... Und schließlich jagen sie einen fort mit 'ner magren Pension ... Für Thron und Altar, heißt es immer, und der Sozialdemokratie drohen sie mit dem Sandhaufen, aber da sollen sie auch den Offizieren so viel geben, daß sie nicht zu den Roten übergehen ... Sie züchten einen ja förmlich zum Sozialdemokraten heran, und dann stellen sie sich an, wenn einer mal die Wahrheit schreibt und die Mißhandlungen und Ehebrüche, das Jeu und die Rechtsbeugungen an die Öffentlichkeit zerrt ...« Und damit begann er zum tausendstenmal die Geschichte seines Abschieds vorzutragen.

»Ja,« fiel ein alter Major ein, »wenn man wenigstens noch genug gelernt hätte, daß man nicht nur auf die elende Pension angewiesen ist und am Hungertuch nagen muß mit zwei Wunden vom Kriege ... Oder sie sollten einen weiter dienen lassen, wenn man für die nächst höhere Stelle nichts taugt, kann man doch in der alten noch was taugen ... Warum der Unsinn, daß man nicht übergangen werden kann? Prinzen und Generalstäbler springen über Tausende, und doch nimmt keiner von denen den Abschied, weil er übergangen ist ...«

Der Nest dieser Litanei ertrank in den Klängen der Musikkapelle, die eben ein sentimentales Lied intonierte; es war »Die Krone im tiefen Rhein«, die auch der Oberst von Rössing im Kasino bisweilen zum besten gab. Ein Kellner eilte mit schwappendem Biertablett vorbei und an verschiedenen Tischen begannen die Gäste mitzusingen, als hätten sie nur so Genuß an der Musik.

Brieg schwirrten noch immer die Reden der alten Herren in den Ohren und plötzlich kam ihm der Gedanke, daß sein Leben ebenso fehl gehen konnte, und er in zwanzig Jahren vielleicht auch dasaß und über sein verpfuschtes Dasein kannegießerte. Ein paar Jahre über die Verhältnisse gelebt und schulden gemacht, Reitdienst und Frauenzimmergeschichten gelernt, ein paar Jahre gestrebt und Routine erworben, und dann im Zylinder, gut abgebürstet, mit knappem Röckchen im Sonnenschein herumspazieren, wie er es in diesem Eldorado der Pensionierten alltäglich sah, und gelangweilt darüber nachgrämeln, daß von drei Hauptleuten höchstens einer Major und von zwei Majors höchstens einer Oberst werden kann: das war so die Durchschnittskarriere ... Etwas Neues anzufangen und umzulernen, dazu waren die meisten zu alt oder zu ungebildet. Jede andre Betätigung war ja schließlich auch mehr oder minder unter dem Stände, ausgenommen die Landwirtschaft – aber wie viele nannten eine Kartoffelklitsche noch ihr eigen? Die meisten waren überschuldet durch die eigene Dienstzeit, wo man die Inspektoren schalten lassen mußte und nur öfter nach Geld schrieb, oder durch die Schulden des Herrn Sohnes, der in Hannover auf Reitschule gejeut hatte. Und wenn man dann die Verwaltung selbst übernahm, ohne Kenntnis des modernen Betriebs und in dem Wahnglauben, es ginge so weiter im alten Schlendrian wie zu Großvaters Zeiten, so war das Gut bald zugrunde gewirtschaftet und der alte Stamm von der Scholle entwurzelt ...

War er wirklich einer von denen, die nicht an der Majorsecke geschwenkt wurden? War er einer von den Starken und Rücksichtslosen, die über Leichen gingen und ihren Mantel nach dem Winde drehten, wie Meyring, den die Armut hart gemacht hatte? So verübeln konnte man's keinem; das ganze System, das sie fortwährend zwang, ihr Gefühl zu ersticken und ihre Meinung hintanzusetzen, mußte bei ehrgeizigen Naturen fast notwendig solche Eigenschaften zeitigen. Aber hatte er selbst das Zeug zu solch einem Streben in sich? Und wenn sie Verhältnisse ihn zwangen, über Leichen zu gehen, hätte dieser Erfolg ihn beglückt? Er mußte sich beides verneinen, wozu also auf sein Bestes verzichten und seine Quellen verschütten? Wozu sein Schicksal von der Willkür einiger Vorgesetzten empfangen? Wozu dies mechanische Leben weiter führen, nur damit sein Vater seinen Willen hatte? Er spürte Hunger und Durst nach Inhalt; er fühlte in sich eine peinigende Leere, die sich weder durch Lektüre der »Kreuzzeitung« und »Sportwelt«, noch durch das Stroh der Unterhaltung ausfüllen ließ. Er war eingeengt durch lauter Imperative, abgeschnitten von dem modernen Leben, das an seinem Stande wirkungslos vorüberging. Er war ein gekünsteltes, zusammengekrampftes Wesen, das keinem zur Freude gereichte, am wenigstem sich selbst! Und zum ersten Male kam ihm der befreiende Gedanke: Fort! In die Freiheit! Zu dir selbst!

Frau von Carsten sah, wie es in dem jungen Offizier arbeitete, »Warum so ernst?« fragte sie.

»Ich werde es Ihnen auf dem Heimweg sagen,« antwortete er. Die Scheu vor den Kameraden benahm ihm alle Stimmung und er schien ganz wieder der langweilige Pinsel, der sich am Rock zupfte, am Bärtchen drehte und schweigend daneben saß, wenn andre sprachen.

Seine Verlegenheit wuchs noch, als er Herrn von Meyring in Begleitung des Prinzen von Birkenfeld das Lokal betreten sah. Dieser kam in tänzelndem Ballettschritt auf den Offiziertisch zu, gefolgt von seinem Trabanten, der sich stets gern in seiner durchlauchtigen Gesellschaft zeigte, ja von ihm sich sogar eine geflissentliche Nichtachtung gefallen ließ. Ein Prinz hat die Standespflicht, andre sterbliche zu verachten, sonst verliert er seine Durchlauchtigkeit. Und so nahm ihm denn auch fast niemand etwas übel, ausgenommen vielleicht der Oberleutnant Schumann oder Herr von Waldburg, der ihn auch nur für einen Menschen mit zwei Beinen hielt und ihn sehr bezeichnend einen »hagern Wollüstling« getauft hatte. In der Tat war er dürr von Gestalt und zynisch in seinen Reden; so pflegte er zu bedauern, daß »wir« das jus primae noctis nicht mehr haben, wobei er das wir besonders betonte und vermutlich groß geschrieben hätte. Im übrigen war er ein krötiges Männlein, auf dessen Gesicht sich beleidigendes Schmunzeln mit leichter Zornröte paarte; und in seinen Reitstiefeln mit den winzigen Spörnchen und mit seinem weitabstehenden Bärtchen schien er das leibhaftige Ebenbild des gestiefelten Katers. Auf den Bahndecken seiner Pferde prangte ein protziger Namenszug mit der Fürstenkrone und seine Sprache zeichnete sich durch die gleiche Exklusivität aus: da er es nicht liebte, Worte, die ein anderer schon in den Mund genommen hatte, noch einmal zu brauchen, so erging er sich meist, sofern er nicht vorzog, stillschweigend sein Bärtchen zu streichen, in beispiellosen Ausdrücken. Von einer Dame, die niedergekommen war, pflegte er zum Beispiel zu sagen: »Sie hat gekalbt,« und nur bei Prinzessinnen: »Sie ist eines Rindes genesen.« Brieg grüßte ihn höflich, als er an ihm vorbeistiefelte, und wollte auf seine Frage: »Ist schon jemand da?« mit einer Handbewegung auf die zahlreichen anwesenden Offiziere weisen, begriff aber noch rechtzeitig, daß der Prinz nur Herren vom Regiment meinte, und antwortete: »Bis jetzt nach keiner.« – »Nun, bitte lassen Sie sich nicht stören, lassen Sie sich nicht stören, mein Lieber,« schmunzelte Seine Durchlaucht im Weitergehen und ließ sich mit seinem Gefolgsmann am leeren Tischende nieder. »Kommt denn kein Kellner?« krähte er mit seinem scharfen Stimmchen. Brieg sah, wie das hämische Gesichtchen mehrmals tuschelnd zu ihm herüberblickte; dann mischte sich die Musik in das Stimmengewirr Er hörte nur mit halbem Ohre hin, in dem Glauben, daß sich der Krone im Rhein jetzt das Heidegrab oder vielleicht ein Potpourri mit Trompetensolo anschließen würde; aber plötzlich verbreitete sich vom Musikpodium her Totenstille über die Zuhörer und die Köpfe senkten sich wie ein Kornfeld im Winde. Es war das Vorspiel zu Lohengrin. Mit Entzücken lauschte Brieg den unstofflichen Klängen, die das grobe Geschrei und Krügegeklapper wie mit Engelsflügeln niederwehten, und wie von den Klängen geweckt, trat ihm ein Bild aus seiner Kriegsschulzeit in die Erinnerung. Es war an einem jener einsamen Sonntagsabende, wo er daheimgeblieben war, um sein Herz dem Papier anzuvertrauen, als der Wind die Klänge einer Militärkapelle durch das offene Fenster hereinwehte. Es war der Einzugsmarsch auf der Wartburg. Und über die Brücke dieser Klänge zogen in die öde Kasernenstube all die minniglichen Frauen und geharnischten Ritter, die Leier in der Rechten und das Schwert an der Linken, – sie, die an Minne und Dichtkunst nichts lächerlich fanden, wie seine blasierten Kameraden. Die Märchenpracht des Orients und die Verzückung büßender Askese hatten des Jünglings Ohr und Auge bezaubert; er war in die Knie gesunken und hatte die Arme schluchzend den Tönen entgegengerungen ...

Schallender Beifall lohnte dem Kapellmeister, der sich geschmeichelt verbeugte, als gälte ihm dieser Tribut der Überwundenen. Brieg hörte, wie sein Vater sich nach dem Anlaß dieses Aufhebens erkundigte. »Ach so, Wagner,« sagte er geringschätzig. »Ja, ich sehe den Kerl noch mit seinen Künstlerlocken in Versailles ... Da trieb er sich mit so'n paar andern Strolchen im Hauptquartier des Kronprinzen herum; der protegierte ja leider Gottes immer solches Gesindel, um sich populär zu machen. Aber wir haben den Kerl gar nicht angeguckt ...« Aber Lohengrin ist doch sehr hübsch,« wandte die musikliebende Frau Hüppe ein.

»Ja so, der Schwanenritter,« bemerkte die Exzellenz höhnisch, »so'n Kulissenreißer, der sich auf die gepanzerte Heldenbrust schlägt ... das ist was Großes ... Und da sitzen die Frauenzimmer in ihrem Kunstdusel und heulen vor Rührung bei dem Gedudel und Tschingdarassa ... Ne, jeder pommersche Grenadier, der vor'm Feinde fällt, ist mir lieber als so'n Dudler ...«

Die Herren sahen sich teils betroffen, teils belustigt an und der junge Brieg wechselte mit Frau von Carsten einen verständnisvollen Blick. Das Zetern seines Vaters war ihm nichts Unerwartetes, es bestätigte nur wieder seine Meinung; aber der spontane Sieg eines Künstlers über eine bunt zusammengewürfelte Menge von Ladenschwengeln, Bierphilistern und deutschen Hausfrauen erfüllte ihn mit verwundertem Stolze, als wäre es seine Sache, die da siegte ... Das Volk mußte doch mehr Kunstsinn haben, als seine Kameraden, deren Urteile über Kunstfragen denen seines Vaters kaum etwas nachgaben und zum mindesten stets die größte Unkenntnis verrieten. Viele waren selbst »wegen des alten Adels des Schreibens unkundig,« wie der Oberleutnant Schumann einmal boshaft bemerkte, und entschlossen sich nur mit Stöhnen zum Aufsetzen eines Urlaubsgesuchs oder einer Winterarbeit, die wie mit dem Besenstiel geschrieben schien. »Der Kerl schreibt Bücher,« hieß es von einem Offizier, der ein Instruktionsbuch geschrieben hatte, und die Vorträge, welche die Herren im Winter im Kasino halten mußten, erinnerten an jene chinesischen Martertode, wo der Delinquent durch ein fortwährendes unangenehmes Geräusch langsam getötet wird; zum mindesten ertötete dieser Zwang bei dem Vortragenden wie bei seinen Hörern den letzten Rest von geistigem Interesse. In der wertvollen städtischen Gemäldegalerie waren manche, die schon zehn oder fünfzehn Jahre am Orte standen, noch nie gewesen, und höchstens nahmen sie einem Bilderhändler mal ein Parforcebild ab oder ein schönes halbnacktes Mädchen, das sich in einem blauseidenen Himmelbett räkelt ...

Nein, in dieser Umgebung war jede Kunst ausgeschlossen. Barbaren in ihrer Art zu sprechen, in ihren eckigen, brüsken Bewegungen, in ihren dünkelhaften und verzerrten Gesichtern, hatten diese Menschen nur harte, grobe Empfindungen ohne jedes Schönheitsgefühl, ohne Zartgefühl in der Liebe. Er sah mit einem Mal ein, daß dies beides zusammengehörte, und daß Liebe und Kunst durch ein geheimes Band verknüpft waren.

Unwillkürlich blickte er wieder zu Frau von Carsten hinüber, die in ihrem stillen Lächeln dasaß, mit dem Grübchen im Kinn, ein anmutiges Kunstwerk der Natur, das im Elend verkommen zu lassen ihm als Frevel erschien.

Ja, nur Barbaren konnten so daneben stehen und zusehen, wie diese Seele sich verblutete, wie diese Perle am Boden herumlag, bis einer kam und sie zertrat.

Ihm schien es plötzlich, als seien sie beide vom Unglück einander zugeführt, als wäre ihnen der Boden unter den Füßen entrückt, damit sie ineinander zu wurzeln suchten, als müßten sie beide unter ihre Vergangenheit einen dicken Strich machen und von neuem anfangen! Und in seinem Geiste knüpfte sich das Land einer Seelenfreundschaft – der ersten und einzigen seines Lebens, – und der Gedanke, dieser Frau nahe zu stehen, kam ihm unendlich süß vor. Das Lichtergeflirr in den Lindenzweigen und der Duft der Blüten stimmten ihn weich und zärtlich, und gern hätte er Frau von Carsten die Hand gedrückt.

Zum Glück brach man bald auf; am Himmel flammte Wetterleuchten und Frau Hüppe bekam Angst um ihr neues Sommerkleid. Am untern Ende des Offizierstisches hatten sich noch ein paar Ulanen zusammengefunden und grüßten, als die Gruppe vorbeikam, mit reserviertem Lächeln. Waldburg saß auch darunter und rief ihm ein lakonisches »Sie hätten sich doch auch zu uns setzen können« zu. Draußen nahm der General mit ein paar gestikulierenden Jubelgreisen, die mehrfach in den Rinnstein stolperten, die Tete; dann folgte Althoff mit Frau Hüppe, die an seinem Arm hing und sich heute besonders in den Hüften wiegte; den Gruß eines Offiziers, der nach dem Stadtgarten strebte, erwiderte sie sehr hoheitsvoll mit. Brieg bot Frau von Carsten ebenfalls den Arm und blieb mit ihr etwas zurück.

Sofort fiel es ihm wie ein Alp von der Brust. Ein paar Worte von ihr belebten ihn wie mit einem Zauberschlag. Ja, sie war sein Asyl, wohin er sich flüchten konnte, um seiner inneren Stimme zu lauschen; sie war sein geheimer Verbündeter im Kampf gegen alle, sein einziger Vertrauter, an dessen Busen er sich hätte werfen und ausweinen mögen.

»Oh Sie!« sagte er warm. »In Ihrer Nähe ist alles Leben und Ihre Worte sind wie ein Frühlingswind über meine Seele: Sie sind Natur in all dieser öden Gespreiztheit! Ich habe gedürstet nach einem Menschen und bin daran verzweifelt, einen zu finden. Aber nun hab' ich Sie gefunden und Sie haben mich erlöst: Das ist es, was ich Ihnen vorhin sagen wollte!« Er hatte die letzten Worte ganz laut gesprochen, ohne an die andern zu denken, und Frau Hüppe drehte sich hustend um. Brieg schwieg betreten und sie schritten stumm weiter. Die Schritte hallten auf der glatten, leeren Straße und die Laternen warfen scharfumrissene Blätterschatten auf die Steinplatten. Die hellen Kleider der Damen leuchteten durch das Dunkel. Am Himmel stand eine braunschwarze Wetterwand, aus der es hin und wieder aufflammte.

»Und noch eins,« fuhr Brieg nach einer Weile fort, »Sie sollten sich doch entschließen, von hier fortzukommen in andre Verhältnisse. Mich drängt es auch in die Weite ... Der ärgste Kampf, die Armut selbst, scheint mir Glück gegen das Zwitterleben hier. Sie sind in der gleichen Lage. Mit einem Auge blicken Sie nach dem Erwerbsleben und mit dem andern nach der guten Gesellschaft ...«

»O tadeln Sie mich nicht für meine Halbheit,« bat Frau von Carsten. »Ich kann mich noch nicht entschließen, mein früheres Leben ganz aufzugeben. Es war mir schon eine entsetzliche Überwindung, diese Pension überhaupt anzufangen, wo ich mir von jedem rücksichtslosen Fremden alles gefallen lassen muss ... Das hatte ich mir nicht geträumt, als ich heiratete, und darauf bin ich nicht erzogen ... Als ich zum ersten Mal bei Tisch saß mit all den fremden Gesichtern und in ihren Zimmern standen die Möbel von meiner Aussteuer, da hab' ich kaum die Tränen herunterwürgen können. Und plötzlich redete mich jemand barsch an, daß ich zusammenschrak und keine Luft mehr bekam und heraus musste. Und so geht es mir seitdem immer unter den Leuten; mir ist dann, als ob hier innen alles wund wäre und sich zusammenkrampfte, und ich habe dann gerade noch die Kraft, nach dem Mädchen zu klingeln, dass ich zu Bett gebracht werde.«

»Aber sind Sie denn nie beim Arzt gewesen?«

»Bei mehr als einem. Sie sagen alle dasselbe. Weniger Aufregung und mehr Ruhe und Pflege. Wie soll ich da in eine große Stadt ziehen und nach mehr von mir verlangen? Und vor allem, wovon soll ich's? Zu alledem, was Sie raten und was die Ärzte raten, gehört Geld und abermals Geld, und ich habe nur Schulden und drängende Gläubiger, die mich nächstens auspfänden werden ... So steht es mit mir, um es Ihnen einmal offen zu sagen. Haben Sie da noch Mut, zu raten und zu helfen? Nein, Herr von Brieg, genießen Sie Ihre paar jungen Jahre mit Leuten, die glücklich sind, denen es gut geht, und überlassen Sie mich meinem Schicksal: mir ist doch nicht mehr zu helfen ...«

»Wenn ich irgendwo hingehöre,« antwortete er ritterlich, »so gehöre ich zum Unglück – zu Ihnen ...Lassen Sie mich einen Teil Ihres Kummers tragen, vertrauen Sie mir alles an; das wird Sie erleichtern. Ich kenne das: es muß einmal heraus, sonst droht die Brust zu zerplatzen ... Und verlieren Sie vor allem die Hoffnung nicht.«

»Ach,« sagte Frau von Carsten tonlos, »worauf soll ich hoffen? Mein Leben ist nur ein Aufschub meines Unterganges. Dieser kleinliche, erbitterte Kampf. dieses Zanken um ein Butterbrot, das ich nicht gelernt habe und nie lernen werde – das ist es, was die Kräfte so zermürbt.«

»Wo Sie so vieles erduldet und durchgeführt haben, werden Sie auch dies überwinden,« ermutigte Brieg. »Und ich will Ihnen helfen, soweit es in meinen schwachen Kräften steht: das verspreche ich Ihnen! Schöpfen Sie neuen Mut! Sie sind nicht mehr allein. Sie haben einen Freund, der Ihr Schicksal mitträgt! Wollen Sie? Wollen wir Freundschaft halten?«

»Macht Ihnen das so viel Freude?« entgegnete Frau von Carsten wehmütig. Aber er suchte ihre Hand und drückte sie, denn sie näherten sich bereits dem Hause und Brieg dürstete nach einem Unterpfand ihrer Neigung. »Es ist mein Glück,« bekräftigte er. Dann schritt er ruhiger neben ihr her, als hätte sich etwas entschieden.

Sie waren bereits vor dem Hause angelangt und die vereinigten Ordnungsparteien verabschiedeten sich. Leider bestand Althoff darauf, die Damen noch hinauf zu begleiten, und Brieg schloß sich in einer Art Trotz an. Vor der Tür des dritten Stocks fand abermals eine Abschiedsszene statt, aber der Hauptmann ging immer noch nicht, als wollte er sagen: »Wir wollen doch sehen, wer es länger aushält.« Brieg verschwand schließlich, nachdem er den Damen die Hand geküßt hatte, still beglückt über den lebhaften Händedruck Frau von Carstens. Erst jetzt lud Frau Hüppe den Hauptmann ein, doch noch einen Augenblick näher zu treten.

»Ich würde gern als Freund von Ihnen scheiden,« sagte er, als sie allein waren, »aber ich kann Ihnen darin nicht gehorchen... Wenigstens fürs erste nicht. Ich habe etwas... mich hält etwas ...«

»Was denn?« erkundigte sich Frau Hüppe naiv, »wir sprachen schon so viel von unser beider Schicksal, daß Sie's mir getrost sagen können. Ihr Herz ist wohl noch engagiert?«

»Mein Herz – das nun gerade nicht,« erwiderte er, bis in die Glatze rot werdend. »Allerdings bin ich – habe ich Beziehungen, die sich schwer werden abbrechen lassen. Die Person hängt an mir wie 'ne Klette. Bevor das nicht im reinen ist ...«

»O das ist doch nur Formsache,« schnitt Frau Hüppe ab. »Bei einem so edlen Gemüt wie dem Ihren zweifle ich nicht, daß Sie sich mit Anstand herauswickeln werden. Also auf gute Freundschaft ...«

»Sie sind mein rettender Engel!« stotterte der Hauptmann. »Wahrhaftig, ich mußte der Geschichte mal ein Ende machen ... Besonders, wo jetzt der Major vor der Tür steht. Nun geben Sie mir Anstoß dazu ...«

»Wird es schwer sein?« fragte sie, den Blick verlegen auf ihre zierlichen Halbschuhe und durchbrochenen Seidenstrümpfe lenkend.

»Ich fürchte, ja,« seufzte Althoff. »Das Mädchen lebt sozusagen ganz von mir. Hoffentlich geht es ohne Skandal ab...«

»Gott, haben Sie die Befürchtung?« stieß sie hervor.

»Sie ist rabiat und in mich verliebt,« gestand er, den Kopf wiegend.

»Sie edler Mann – wieviel zu gut denken Sie doch von den Menschen,« lispelte die hübsche Frau mit ihrem holdesten Augenaufschlag. »Diese listige Kokotte hat Sie umgarnt, und da reden Sie noch von Liebe!«

»Sie verstehen mich wie eine alte Freundin!« erwiderte er dankbar.

»Sie machen mich stolz, Herr Major ... Herr Hauptmann ... Sonderbar, ich sage immer schon Herr Major,« schmeichelte sie. Und tief atmend an ihn herantretend: »Wie gern bringt eine Frau für Sie das Opfer der Überwindung! Nicht wahr, Sie fassen es nicht falsch auf, daß ich an dieser unglücklichen Sache keinen Anstoß nehme? ... Ich sehe durch die Äußerlichkeiten hindurch auf den Menschen ...«

Dann verabschiedete sich Althoff in aller Sittsamkeit.

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