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Der Rattenfänger von Hameln

Julius Wolff: Der Rattenfänger von Hameln - Kapitel 5
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer Rattenfänger von Hameln
authorJulius Wolff
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald / Prag
isbn3-934774-08-3
titleDer Rattenfänger von Hameln
pages1-245
created20010721
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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III. In der Kemenate
 

            Schon war Herr de Sunneborne
Heimgekehrt zu seinem Hause,
Das am Markt ihm stattlich ragte,
Als Herr Gruwelholt am Tische
Einsam schreibend saß, doch schien's ihm
Nicht die liebste Arbeit grade,
Denn er hielt nicht viel vom Schreiben.
Was gesprochne Worte wogen,
Wußt' er, und ein gut Gedächtniß
Hatte ihm Natur gegeben,
Doch die Pergamente haßt' er.
Solche Klexereien, meint' er,
Ließen drehen sich und wenden,
Könnten auch den bravsten Menschen
Unversehns zum Schelmen machen.
Immer stand er auf dem Stocke
Mit dem Rathstuhlschreiber, der ihm
Viel zu viel Geschreibsel machte;
Was für Ding' auch zur Verhandlung
Vor dem hohen Rathe kamen,
Sicher brachte Ethelerus
Was Geschriebenes zur Stelle,
Tippte mit dem Zeigefinger
Auf Kapitel und Artikel,
Stritt und legte aus und klaubte
An der Worte Sinn und Deutung.
Und mit höhnischem Gesichte
Widersprach er eigensinnig
Und schob seine Kritzeleien,
Wie sie es im Rathe nannten,
Stets wie Riegel oder Pflöcke
Vor die muthigsten Beschlüsse.
Dennoch war er unentbehrlich
Im Collegium, schlau und findig
Half er auch mit seinen Ränken
Dem Senat aus mancher Klemme,
Und nur Wen'ge gab's in Hameln,
Die des Schreibens kundig waren.
Zu den Wenigen gehörte
Zwar Herr Wichard, doch zuwider
War ihm das gelehrte Wesen,
Und etwas bedeuten mußt' es,
Wenn er sich zum Schreiben setzte.
War's vielleicht sein letzter Wille,
Den er zu Papiere brachte?
Oftmals legte er bei Seite
Seinen Federkiel und wischte
Sich die Perlen von der Stirne,
Ging im Zimmer auf und nieder
Und dann seufzend wieder schrieb er.

In der Kemenate aber,
Deren wohlvergittert Fenster
Nach des Hauses Garten blickte,
Saßen jetzt die beiden Frauen.
Schweigsam war's in dem Gemache,
Schön Regina saß am Fenster
Und sah nieder in den Garten;
Doch die bunten Asternbeete
Fesselten nicht ihre Blicke,
Und in tiefem Sinnen weilten
Ganz wo anders die Gedanken,
Bis mit Fragen Dorothea
Sie aus ihren Träumen weckte.
Diese schaffte an der Kunkel
Doch wie festes, dralles Garn sie
Auch aus ihrem Flachse spulte,
Des Gespräches dünner Faden
Riß, kaum angeknüpft, schon wieder.
Selten nur erhielt sie Antwort,
Und dann leckte sie im Unmuth
Immer rascher an die Finger,
Die den Faden ründend drehten.
Um des Flachses gelben Büschel
War der Wockenbrief geschlungen
Und mit himmelblauem Bande,
Breiter Schleife, langen Enden
Festgebunden; auf dem Briefe
Waren wunderbare Blumen
Und zwei Englein auch gemalet,
Die mit dicken, rothen Backen
Auf einander losposaunten.
Rastlos schnurrte ihre Spindel;
Aber kam das Rad zum Stehen,
Wenn ein falscher Tritt der Alten
Aus dem Takt und Schwung es brachte,
Gab es keinen Laut im Stübchen,
Als daß unterm Schrein im Winkel
Eine Maus am Holze nagte.

Dorothea frug schon wieder,
Was des Herren Schultheiß Kommen
Wohl für Ursach haben möchte,
Bis ihr denn Regina sagte,
Mit welch liebenswürd'gem Scherze
Sie von Beiden aus dem Zimmer
Sei heraus complimentiret.
»So! also die Ohren klingen,
Sprach Herr Sunneborne, Kindchen,
Das hat etwas zu bedeuten!
Bist nun zwanzig Jahr geworden,
Und ich kann dir's nicht verdenken,
Daß es dir im Kopf herumgeht,
Was von dir sie sprechen könnten.«
Also knüpfte Dorothea
Wieder an den Redefaden,
Und nun fand sie ein Kapitel,
Drin wie Keiner sie zu Haus war,
That sich auch was drauf zu gute,
Und die Uhr war aufgezogen.
»Kind!« sprach sie, »wenn Einem fangen
Beide Ohren an zu klingen
Oder auch nur eins von beiden,
Da ist Vieles zu beachten:
Wann und wo und wie es anfängt,
Ob es eins nur ist, ob beide,
Ob das rechte oder linke,
Und in welchem es zuerst klingt.
Ist's das linke, so bedeutet's
Selten Gutes, was geredet,
Aber wenn dann auch das rechte
Bald drauf einsetzt, hat man Einen
Zur Vertheid'gung, der die Unschuld
Gegen Ungebühr in Schutz nimmt.
Aber wenn das rechte anfängt,
So wird Gutes zwar gesprochen,
Doch es ist dann schon Vergangnes
Oder Sittsamkeit und Tugend,
Um deßwillen man gelobt wird.
Wenn nun aber beide Ohren
Auf einmal zusammen klingen,
Ja dann deutet's auf die Zukunft.
Gieb genau nun Acht und horche,
Welchen Ton das Klingen annimmt:
Ist's ein Summen und ein Sausen,
Dann droht Unheil uns vom Feinde,
Der auf Böses sinnt und Schaden;
Ist's ein feines Tiriliren
Wie des kleinsten Mückleins Stimme,
Kann man ein Geschenk erwarten
Oder sonsten eine Freude,
– Weiß nicht, meine alten Ohren
Sind mir heute auch ganz närrisch,
Höre was wie Silberklimpern –
Aber – was ich sagen wollte,
Aber ist's ein lustig Singen
Wie von Harfen und Quinternen
In der rechten Mittellage,
So als ob man hoch im Himmel
Gottes Englein spielen hörte,
Kindchen, ja! das ist das Schönste,
Dann gedenkt, in Lieb' und Treue
Einer still und heiß des Andern;
Ist der Eine eine Jungfrau,
Kommt der Andre bald als Freier
Und kommt dann auch nicht vergebens.
Nun besinne dich und horche,
Ob dir's klingt und wie sich's anhört.«
»Liebe Alte,« rief Regina,
»Freilich klingt mir's in den Ohren
Und so überlaut und lustig,
Daß ich Alles kaum verstanden,
Was du mir davon erzähltest.«
»Siehst du, Kindchen! siehst, ich sagt' es,
Das hat etwas zu bedeuten!
Und nun brauch' ich nicht zu fragen:
Wie weit ist es denn von Straßburg?
Wieviel Tage muß man reisen
Von dem Rheine bis zur Weser?
Und wie lange – horch! da klopft es,
Ein!« – da in der Thüre stand
Heribert de Sunneborne.
»Alle Heil'gen! alle Heil'gen!
Alle – ach! du meine Güte!
Ach, da ist er! meine Ahnung!
Siehst du, Kindchen! siehst, ich sagt' es,
Das hat etwas – doch was sag' ich?
Drauß im Garten wartet Lorenz,
Daß ich ihm – ja was denn? daß ich «
Und schon war sie an der Thüre.
Aber Heribert ergriff sie
Schnell beim Arm und sagte freundlich
»Habt Ihr es denn gar so eilig,
Jungfer Dorothea? laßt mich
Doch nur guten Tag Euch bieten
Und sagt selbst mir gute Märe.«
Dann sich zu Regina wendend
Grüßt' er herzlich sie und innig,
Und Regina, tief erröthend,
Schlug die dunklen Wimpern nieder,
Fand nicht gleich die rechten Worte
Zur Entgegnung, doch sie ließ ihm
Ihre Hand, die sanft er drückte.
Die Verlegenheit zu enden,
Zog er nun hervor ein Päckchen,
Kramte allerliebste Sachen,
Die er mit aus Straßburg brachte,
Vor den Augen aus der Frauen.
Jungfer Dorotheen schenkt' er
Einen schönen Kamm aus Schildkrot,
Einen helfenbeinern Fürspan
Und mit Silbergarn durchflochten,
Eine Haubenschnur aus Basel.
Doch Reginen auf die Locken
Drückt' er einen goldnen Stirnreif
Feinster genueser Arbeit.
Dorothea schlug die Hände
Einmal über's andre staunend
Ob der Herrlichkeit zusammen,
Sträubte sich, das anzunehmen,
Nahm's dann doch, und überschwenglich
Reich an Worten war ihr Danken.
»Ach! was wird der Lorenz sagen!«
Rief sie, »dem muß ich doch Alles –
Ganz geschwind will ich's ihm zeigen.«
Damit nahm sie die Geschenke
Und entwischte aus der Kammer.
Heribertus und Regina
Waren nun allein; ein Blick nur
Flog hinüber und herüber,
Und beglückt in seine Arme
Schloß der Bräutigam die Braut.


 

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