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Gutenberg > Julius Wolff >

Der Rattenfänger von Hameln

Julius Wolff: Der Rattenfänger von Hameln - Kapitel 17
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer Rattenfänger von Hameln
authorJulius Wolff
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald / Prag
isbn3-934774-08-3
titleDer Rattenfänger von Hameln
pages1-245
created20010721
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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XV. Die Lautmerung
 

        »Habt Ihr's mir, Herr Secretarius,
Habt Ihr's mir auch aufgeschrieben?«
Lächelnd frug's der Bürgermeister,
Lächelnd nickte Ethelerus
Und behändigte Herrn Wichard
Ein gerolltes Pergamentum,
Darauf stand mit feiner Handschrift,
Manchen großen Goldbuchstaben
Und verwegnen Schnörkelzügen
Ein gelehrt verfaßtes Carmen,
Das im Sonntagsstaat der Schreiber
Eben vor dem Bürgermeister
Und den hundert frohen Gästen
Laut und würdig vorgetragen.
Heut war Hochzeit auf dem Rathhaus;
Wichard Gruwelholt verlobte
Sein geliebtes Kind Regina
Heribert de Sunneborne,
Nun bestelltem Rathsbaumeister,
Und noch vor dem Weihnachtsfeste
Sollte Brautlauf sein, da wollten
Sie den Bund der Ehe schließen;
Doch die Lautmerung des Paares
Ward mit allem Glanz und Aufwand,
Wie Geschlechterstolz und Reichthum
Ständesmäßig es verlangten,
Heut in den geschmückten Räumen
Auf dem Rathhaus abgehalten.

Auf des Saales grauen Estrich
Waren fein geschnittne Binsen
Hingestreut, an alle Wände
Ringsum Teppiche gehangen
Und auf Bänke, Sessel, Schemel
Schön gewirkte Rückelaken
Ausgebreitet; von den Decken
Hingen Kränze und Guirlanden
Ausgespannt in weiten Bögen,
Und auf langen Tafeln prunkte
Blitzend der Tresur des Rathes,
Silberschätze, wie kein Reichsfürst
Mehr in seiner Hofburg aufwies.
Im verschwenderischen Mahle
War man eben bei dem Nachtisch,
Und die Schüsseln mit Gebrat'nem
Und Gespicktem und Gesott'nem
Waren abgeräumt, man ließ selbst,
Zum Verdruß der lieben Jugend,
Nicht einmal den Pfauenbraten
Mit dem prächtig langen Schweife
Und den Wildschweinskopf mit seinen
Krummen, blendend weißen Hauern
Auf den Tischen, die besetzt nun
Mit Latwergen und Konfekten
Von der Kunst des Apothekers.
Spezereyen und Galreyen
Von Canel, Muskat und Ingber,
Quitten, Calmus und Coriander
Amarellen, Bibernellen,
Möllelin und Nespelin,
Honigfladen, Zuckerbackwerk
Und verguldte Marzipane
Standen zwischen Blumensträußen
In den drolligsten Figuren
Und so seltsamen Gebilden,
Daß die Frauen nur verstohlen
Darauf hin zu blicken wagten
Und bei der Zertheilung manches
Derbe Scherzwort hören mußten.
War nun mal so Brauch vor Zeiten,
Und beim Wein, der unerschöpflich
Aus den Kannen in die Becher
Floß, erlaubte man sich Vieles.
Firne, süße, rösche Weine,
Hippokras, Claret und Morolf
Malvasier und Muskateller
Wurden eingeschenkt, Herr Wichard
Aber hielt's mit seinem Liebling,
Mit dem goldnen Bacharacher.
Knechte in den Wappenfarben
Der Geschlechter und der Stadt
Gingen um mit Silberbecken
Bei den Gästen, und zur Waschung
Gossen sie wohlriechend Wasser
Auf die Hände, reichten Tüchlein
Auch zum Trocknen; denn die Edlen,
Die im Überflusse schwelgten,
Denen Wald und Strom und Garten
Ferner Länder selbst ihr Bestes
Auf die Tafel liefern mußten,
Kannten Eins nicht, dessen Mangel
Uns vorm köstlichsten Gerichte
Auf dem Tische rathlos, hilflos
Hungern ließe – eine Gabel.

Alles, was zu den Geschlechtern
Sich in Hameln rechnen durfte,
War zur Lautmerung geladen
Und mit prächtigen Gewändern
Angethan zum Fest erschienen.
Wenn die Männer an dem Leibrock
Edles Pelzwerk, Otter, Marder,
Zobel selbst und Biber zeigten,
Glänzten schier die Frau'n in Seide,
In Pfellel, Bliat und Siglat,
Palmat, Baldekin und Zindal;
Alle Regenbogenfarben,
Die mit Gold und Silberborten
Noch verzieret, prangten herrlich
An den blühenden Gestalten
Junger Frau'n und hübscher Mädchen
Die mit den Patriziersöhnen
Schimpf und Kurzweil unterhielten.
Von den Rathsherrn nebst Familien
Und der weitesten Verwandtschaft
Fehlte keiner bei dem Feste.
Der Herr Schultheiß, Frau Gebhilde
Und Herr Wichard Gruwelholt
Saßen, wie sich das gebührte,
Auf den Ehrenplätzen, glücklich
Neben dem beglückten Brautpaar.
Sechs Stadtpfeifer – denn mehr waren
Nach der Satzung nicht gestattet –
Spielten Pfeife und Posaune,
Geigen, Clarinett und Trommel,
Und der Mädchen Zippelzehen
Hüpften flott schon in den Schuhen,
Sehnten nach dem Tanz sich endlich.
Doch die alten Herren saßen
Beim Bankett wie festgeschmiedet.

Heribert, vor Freude strahlend,
Trug feilfarbnen Sammt mit Zobel;
Um Regina's schönen Körper
Schmiegte sich leibfarbner Atlas;
Von dem Silbergürtel nieder
Hing ein Täschlein, Ambra duftend,
Vor der Brust saß ihr ein Fürspan,
Drauf ein Adamant erglänzte,
Und im wellig dunklen Haare
Lag wie ein goldne Schlange
Ihr der genueser Stirnreif;
Auf den Sammetschuhen aber
War das Gruwelholte Wappen
Reich gestickt in Gold und Perlen.

Heribert, du darfst wohl jubeln,
Darfst dich wohl beneiden lassen
Um die königliche Jungfrau;
Dieser hohe, schlanke Wuchs,
Diese Pracht der Jugendfülle,
Die im Glanz der dunklen Augen,
In des roten Mundes Schwellen,
Jedes Athemzuges Wallen
Und in jeglicher Bewegung
Reiz und Anmuth sich verkündet,
Und des wundervollen Wesens
Volle, hochgemuthe Liebe, –
Ja wenn Mitgift dir und Bringat
Sich zu goldnen Bergen häuften,
Was bedeutet das, was gilt das
Neben der Geliebten Schönheit!

Und auch du, Regina, freu' dich!
Sieh ihn an, den du erkoren,
Dem du ew'ge Treu gelobtest, –
Kennst du unter allen Männern
Einen nur, der ihm vergleichbar?
Warum senkst du nun die Wimper?
Woher stammt der tiefe Seufzer,
Der sich aus der Brust dir windet?
Heut nicht fröhlich mal, Regina?
Noch nicht glücklich? was begehrst du?
Redest wenig, lächelst selten,
Und was fuhrst du gar zusammen,
Als die Thür sich eben aufthat
Und herein die Gildemeister
Mit Herrn Ethelerus traten?
Ach! Regina, ich, dein Dichter,
Ich versteh' es, und ein Andrer
Weiß es noch, der aber fehlt noch;
Fehlt er dir auch schon, Regina? –
Jene kamen als Gesandte
Aller Zünfte zum Proconsul:
Ludwig Wendehak, der Brauer,
Erich Dolenvoigt, der Beutler,
Und Jobst Grüderich, der Böttger,
Angeführt von Ethelerus.
Einen hohen Silberhumpen
Brachten sie dem Bürgermeister
Zum Geschenke als ein Zeichen
Anhänglicher Treu und Liebe.
Ethelerus war der Sprecher,
Der mit selbstverfaßtem Carmen
In gesammter Zünfte Namen
Feierlichen Glückwunsch aussprach
Und – wie schon erwähnt – Herrn Wichard
Seine Widmung überreichte.
»Füllt ihn mit Johannissegen!«
Rief Herr Wichard freudig dankend,
»Und aufs Wohl getreuer Zünfte
Weih' ich mit dem ersten Trunk ihn;
Laßt von Mund zu Mund ihn kreisen,
Daß ein jeder mag bewundern
Seine feine Kunst und Arbeit
Der getriebnen Wappenschilder
Und der zierlichen Figuren.
Aber Ihr, geliebte Meister,
Nehmet Platz an unsern Tischen,
Seid willkommen heut und immer!«

Als der Jubelruf verklungen,
Den des Bürgermeisters Worte
In dem ganzen Kreis erregten,
Und sich Alle wieder setzten, –
Horch! was waren das für Klänge,
Nie in Hameln noch vernommen?
Spielleut, ihr habt solche Weisen?
Doch die Pfeifer lauschten selber
Auf die wunderbaren Töne,
Und da mitten in der Halle
Stand in schmuckem Festgewande,
Einen Epheukranz im Haare,
Stolz und frei der Rattenfänger.
Unbemerkt war er gekommen,
Und ein lieblich Vorspiel macht' er
Auf der Laute, bis im Saale
Tiefe Stille war geworden;
Dann begann, mit Zucht und Anmuth
Sich verneigend, er dies Lied:

            »Nun will ich mit dem reinsten Klang
Mein Saitenspiel wohl rühren,
Nun soll sich meines Liedes Sang
Die höchste Wette küren,
Daß Aller Augen auf mich schau'n,
Wenn ich die Kunst erprobe
Euch holden Mädchen, schönen Frau'n
Zu Liebe und zu Lobe.

Gegrüßet seid mit allem Preis,
Ihr Zarten, Süßen, Losen,
Ihr stolzen, schlanken Lilien weiß
Und ihr, ihr rothen Rosen!
Ihr aller Schuld ein Schirm und Dach,
Ein Schild vor allem Leide,
Voll milder Güte ein klarer Bach,
Eine schimmernde Augenweide.

Ihr seid ein edler Würzewein,
Der Liebe Ingesiegel,
Voll süßer Lust ein goldner Schrein,
Der Treue starker Riegel.
Wenn ihr euch lieb und hold mir neigt
Mit eurem Gruß und Segen,
Mir's wunniglich zu Herzen steigt
Wie duftiger Maienregen.

Und lächelt mir eu'r rother Mund,
So bin ich schon eu'r eigen,
Und was mir blüht auf Herzensgrund,
Das kann ich nicht verschweigen;
Minniglich will ich sel'ger Mann
Euch in die Augen schauen,
So lang' ich singen und sagen kann,
Will ich lieben und loben die Frauen.«

    Froher Beifall ward dem Sänger,
Und man trank Heil für die Schönen.
Bruno Dives' junge Gattin
Margarethe schritt holdselig
Auf ihn zu: »So wohl Euch, Meister!«
Sprach sie lächelnd und kredenzt' ihm
Einen Becher Muskateller,
»Hiermit in dem Namen Derer,
Die so preislich Ihr besungen,
Will ich Euch, Herr Spielmann, danken,
Und ich bitt' Euch, singet mehr noch!«

Schier erschrocken war Regina,
Als den Spielmann sie erblickte,
Und von ihr ersehnt doch kam er
Als ein Gast, vor allen Andern
Voller Ungeduld erwartet.
Als sie sah, wie ihre Freundin
Margarethe ihm den Becher
Grüßend schwenkte, flog ein Schatten
Um die Stirn ihr, und es zuckten
Wie in Eifersucht die Brauen.
Leise an der Laute wieder
Stimmend blickte Hunold endlich
Jetzt hinüber zu Regina,
Und sein Auge traf in ihres.
Alles Blut stieg ihr in's Antlitz;
Hunold aber spielt' und sang:

            »Zwei Sterne machen mich jung und alt
Und haben über mich alle Gewalt
Mit ihrem Blitzen und Blinken;
Ich weiß auch einen rothen Mund,
Ach! daran könnt' ich mich gesund
Von allen Schmerzen trinken.
Doch eine geht dahin und lacht
Und will mich nicht verstehen,
Wie der Sommer in seiner Pracht
Nichts weiß von des Winters Wehen.

Die Vöglein singen das alte Lied,
Daß nie von Leide sich Liebe schied,
Ich schweige in sehnenden Ängsten.
Ich wollte es käme im Abendroth
Den Weg mir entgegen der bleiche Tod
Und spräche: Nun littst du am längsten!
Wohl mag sich freuen am Sonnenstrahl
Der Frohe auf Bergesgipfel,
Ich liege klagend im schattigen Thal,
Und oben glänzen die Wipfel.«

Eingetaucht in Schmerz und Wehmuth
War das Lied; Regina fühlte
Jeden Ton in ihrer Seele
Widerhallen, alle Saiten
Ihres Innern mächtig schwingen;
Zu dem traumgewiegten Herzen
Flüsterten von Huld und Mitleid
Schmeichelnd die erregten Sinne.
Und als hätt' er das errathen,
Ließ es jetzt wie Siegesjubel
Hunold von den Strängen rauschen
Und dazu ein innig Werben,
Süß wie Minnedank, ertönen.
        »Steige auf, du goldne Sonne,
Aus der sturmdurchrauschten Fluth,
Lodre, heiße Liebeswonne,
Brich hervor, verhaltne Gluth!
Ohne Wanken, ohne Schwanken
Eine Lust nur und ein Leid
Wohnt in Wünschen und Gedanken
Und nur eine Seligkeit.

Was auf Erden lebt und webet,
Und was wandelt durch den Raum,
Was die Welle senkt und hebet,
Und was singt und klingt im Traum,
Alles Wehen, alles Stehen
In des Lebens großem Haus,
Alles Werden und Vergehen
Haucht der Liebe Athem aus.

Soll ich leben, muß ich lieben,
Und, Geliebte, höre mich:
Lieber aus der Welt vertrieben,
Als darin sein ohne dich!
Wie aus Bahnen laß mich ahnen
Aus den Augen mein Geschick,
Wie der Liebe leises Mahnen
Dulde meinen stummen Blick.«

      Bang, in steigender Verwirrung
Sah Regina vor sich nieder.
Hunold's Stimme rief sie lockend
Mit verführerischem Klange,
Zog sie mit Gewalt der Sehnsucht,
Und durch die geschlossnen Lider
Fühlte sie doch seine Blicke
Flammensprühend sich umlohen.
Aber als das Lied verklungen,
Und befreit den Blick sie aufschlug,
Schaute sie den Sänger nicht mehr.
Hastig trank sie, und in Unruh
Lehnte sie an Heribert sich,
Kraft und Schutz bei ihm zu suchen
In dem Kampfe der Gefühle,
Der sie fieberheiß durchtobte.
Doch sie fand nicht Halt und Stütze;
Heribertus war von Freunden
Viel umschwärmt, und jeder heischte
Mit dem neuen Rathsbaumeister
Und der Bürgermeistertochter
Einen Ehrentrunk besonders;
Zwingen mußte sich Regina,
Red' und Antwort stehn und lächeln,
Steuerlos im Sturme trieb sie
Auf den hochempörten Wogen
Einer Leidenschaft, die wachsend
Wie des Meeres Fluth hereinbrach. –

In des Festes Glanz und Freuden
Schwirrten oft die frohen Gäste
Plaudernd, scherzend durcheinander,
Wechselten am Tisch die Plätze,
Und in immer neuen Gruppen
Saßen sie beim Wein zusammen.
Da der Schultheiß mit Herrn Wichard
Und den ältesten der Rathsherrn,
Dort die Mütter und Matronen,
Hier die immer heitre Jugend.
Amelung de Oldendorpe,
Thidericus de Emberne
Und der Graf vom Schwalenberge
Tranken einig mit einander
Aus dem größten der Pokale,
Der aus Silber reich geschmiedet,
Und den einst der Abt von Fulda
Schenkte, als sein Bruder Otto
Vogt geworden war in Hameln.
Um Herrn Steneken vereinten
Sich der Zünfte Abgesandte,
Und der lust'ge Rathstuhlschreiber
War umringt von einem Kranze
Junger Frau'n und hübscher Mädchen
Die des alten Junggesellen
Witz und spaßige Geschichten
Stets ergötzten; sie begehrten
Mit dem Spielmann selbst zu reden,
Denn er hatt' in ihren Herzen
Durch sein Singen und sein Wesen
Einen Platz sich schon erobert,
Daß sie nicht zu jener Klasse
Elend Fahrender ihn zählten,
Die verfehmt und ehrlos waren;
Ethelerus winkte Hunold,
Der im Kreise willig Platz nahm
Und von seinen weiten Fahrten
Mancherlei berichten mußte.
Adelheid de Oldendorpe
Frug ihn nach der Tracht der Frauen
Fern im Reich und an den Höfen;
Ludovika Senewolde
Forschte nach des Sängers Herkunft;
Und schön Anna Hogeherte
Wollte wissen, wen von allen
Den berühmten Minnesängern
Er gesehn, und welchem Meister
Er der Lieder Kunst verdanke;
Aber Margarethe Dives
Ließ sich's als ihr Amt nicht nehmen,
Stets von Neuem ihm den Becher
Mit dem besten Wein zu füllen.
Jetzt herzu kam der Herr Stiftsprobst:
»Ei, ei, ei! Herr Secretarius,
Scherzt' er, Vorsicht bei den Frauen!
Habt mir meinen lieben Isfried
Schrecklich eingeseift mal wieder;
Keines Menschen Kraft vermochte
Ihn zur Mette aufzurütteln,
Und er schnarchte so entsetzlich,
Daß ich dacht', es wär sein Letztes.«
»Sagt' ich's nicht?« sprach Ethelerus,
»Fragt den Spielmann nur, Hochwürden,
Der Kanonikus doch meinte,
Daß man in dem Stiftskonvente
Es ganz anders noch gewohnt sei.«
Den Herrn Probst enthob der Antwort
Jetzt ein Stücklein, das die Pfeifer
Wieder nun zum Besten gaben.

In den Kreis dann trat Regina,
Die es nicht mehr auf dem Platz hielt;
Zwischen Adelheid und Anna;
Hunold gegenüber ließ sie
Schnell sich nieder, doch die Augen
Wagte kaum sie zu erheben.
»Sollen wir denn noch nicht tanzen?«
Schmollte Anna, »wenn der Spielmann
Weiß so schön zum Tanz zu spielen
Wie zu singen, möcht' ich wohl ihn
Auch auf seiner Fiedel hören.«
»O ich merkt' es längst schon, Anna,
Hast nicht Ruh mehr auf dem Schemel«,
Neckte Adelheid, »und möchtest
Dich mit Konrad de Golterne
Drehn, so lang der Athem aushält,
Doch ich hörte gern ein Lied noch.«
»Ja, ein Lied, ein Lied noch, Meister!«
Rief es da von allen Seiten.
Hunold blickte auf Regina,
Die zum Wort die Lippen regte,
Aber keines sprach und zitternd
Ihn mit tiefem Blicke ansah,
Den in heißester Erregung
Sie nicht mehr vom Sänger wandte.
Hunold schien mit sich zu kämpfen,
Und als kost' es Überwindung,
Schwankt' und zögert' er, dann aber
Wie zu einer That entschlossen,
Stand er auf, nahm seine Laute,
Trat zurück, griff in die Saiten,
Und nach einem kurzen Vorspiel
Dunkeler Akkorde sang er:

              »Du rote Rose auf grüner Heid',
Wer hieß dich blühn?
Du heißes Herz in tiefem Leid,
Was will dein Glühn?
Es braust der Sturm vom Berg herab,
Dich knickt er um;
Es gräbt die Liebe ein stilles Grab,
Du bist dann stumm.

Denk nicht an Tod, an Leben denk
In Lieb und Lust,
Dich selber wirf als dein Geschenk
An meine Brust.
Ich weiß es ja, daß du mich liebst
In Überfluß,
O Seligkeit! wenn du mir giebst
Den ersten Kuß.

Geschrieben steht am Sternenzelt,
Du wärest mein;
Was fragt die Liebe nach der Welt
Und ihrem Schein?
Um meinen Nacken schling den Arm,
Preß Mund auf Mund,
Ruhst anders nicht so süß und warm
Im weiten Rund.

Versink, vergiß im Wonnerausch
Der Erde Zeit,
Giebst für den Augenblick in Tausch
Die Ewigkeit.
Komm! daß du meine Sehnsucht stillst,
O Königin!
Und wenn du meine Seele willst,
So nimm sie hin!«

        Von tiefinnerster Bewegung
Hingerissen, schlug die Laute
Er beim Schluß so übermächtig,
Daß mit schrillem Ton die Saiten
Auf dem Instrumente sprangen,
Und es heftig von sich schleudernd
Öffnet' er mit heißem Blicke
Auf Regina weit die Arme.
Da – begab sich Unerhörtes,
Was den Gästen Blut und Athem
Stocken macht' im Nu – Regina
Hob mit leuchtendem Gesichte
Und an allen Gliedern bebend
Sich von ihrem Sitz, schritt vorwärts,
Warf sich an die Brust dem Sänger
Und umschlang ihn liebeglühend.
In berauschend langem Kusse
Hielt er innig sie umfangen,
Und die stolze Lust des Siegers
Funkelte in seinen Augen,
Als er mit erhobnem Haupte
Über die Versammlung blickte.
Eh' von Staunen und Entsetzen
Die Gesellschaft sich erholte,
Stürzte angstvoll Dorothea
Jetzt herein, blieb wie versteinert
Mit weit aufgerissnen Augen
Stehen; keines Wortes mächtig,
Hielt sie, wie man bösen Geistern
Hält das Kruzifix entgegen,
Die geschnitzte Bilsenwurzel
Vor den Spielmann hin, der trotzig
Auf die Ungerufne starrte.
Heribert war aufgesprungen
Und entriß die Braut dem Andern
Sie mit liebevollem Zuspruch
In die treuen Arme schließend.

Noch war nicht gelöst das Räthsel;
Bald auf Hunold und Regina,
Bald auf Dorothea lenkten
Fragend sich die Blicke Aller.
Und die Alte brachte schluchzend
Nun hervor mit vielem Stottern:
»Vor der Linde warf ein Maulwurf
Auf, und unsre Hühner scharrten
Aus dem Hügel diese Wurzel,
Jagten schreiend sich im Garten,
Bis das Ding ich ihnen abnahm,
Sah, daß es ein Liebeszauber,
Ein verruchtes Hexenkunststück;
Das hat etwas – Unheil ahnend
Lief ich her – der ist's gewesen!
Seht ihn an, den Gottverfluchten!«
Durch den Saal mit lautem Angstruf
Flüchteten die Frau'n zusammen,
»Waffen! Waffen!« schrie'n die Männer,
Stürzten drohend auf den Spielmann,
Klingen fuhren aus der Scheide,
Und er selber griff zum Dolche.
Doch der Schultheiß trat dazwischen,
Gruwelholt und Ethelerus
Stellten schützend sich vor Hunold,
Und es rief der greise Schultheiß:
»Halt! ich bann' ihn! greift dem Richter
Nicht in's Schwert, der Schuld und Unschuld
Mißt und wägt in Kaisers Namen!
Stadttrabanten, schließt in Eisen
Diesen Mann, werft in den Thurm ihn.«


 

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