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Der Rattenfänger von Hameln

Julius Wolff: Der Rattenfänger von Hameln - Kapitel 16
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer Rattenfänger von Hameln
authorJulius Wolff
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald / Prag
isbn3-934774-08-3
titleDer Rattenfänger von Hameln
pages1-245
created20010721
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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XIV. Der Roland
 

              Mit dem Singen in der Herberg
War's nun aus; die Hörer fehlten,
Die sich sonst zum Spielmann drängten.
Rath und Bürgerschaft von Hameln
Waren einig wider Hunold,
Denn erreicht war, was sie wünschten:
Geld bekam er von der Stadt nicht,
Und die Ratten wie die Mäuse
Waren sie ja los geworden.
In den ersten freien Tagen
Athmeten sie auf vom Joche,
Doch – so mächtig ist Gewohnheit
Lange war's nicht, da begann man
Fast die muntern Langgeschwänzten
Zu vermissen, denn man hatte
Mit den flinken Hausgenossen
Sich schon eingelebt, und plötzlich
War es nun so still im Hause,
Wie wenn eine Schar von Kindern,
Die sich lärmend drin getummelt,
Ihren alten Spielplatz räumte.
Nimmer tanzt' ein kleines Grauchen
Durch's Gemach mehr und ergötzte
Mit den Männlein, die es machte,
In der Einsamkeit die Hausfrau.
Auch das Zirpen, Pfeifen, Knuspern,
Das sich abends regelmäßig
Wie das Heimchen hinterm Herde
Ließ vernehmen, war verstummt nun.
Alle Feindschaft, aller Schaden,
Den die arge Brut gestiftet,
War vergessen, und das Ende
Eines Kampfs, der Zeit und Mühe
Ohne Unterlaß gefordert,
Machte eine Lücke fühlbar,
Die des Tages Stunden dehnte.
Wenig fehlte, daß allmälig
Die vom Übel kaum Erlösten
Den Gehaßten und Verfolgten
Mitleid und Bedauern schenkten.
Die geseufzt, geflucht, gelitten,
Die sich freu'n und jubeln sollten,
Daß sie aller Noth und Drangsal
Nun mit einem Schlage ledig,
Nahmen's hin wie Wetterwechsel,
Dachten nicht daran, dem Manne,
Den sie um den Sold betrogen,
Nur mit einem Wort zu danken,
Und er selbst, der Rattenfänger,
War zu stolz, den Dank zu suchen.
Es bekümmerte sich Niemand
Um den Fahrenden, man traute
Ihm nicht recht mehr, und es wurde
Mancherlei von ihm gemunkelt,
Was doch nicht mit rechten Dingen
Zugehn konnte; zwar die Mädchen
Zog es nach wie vor zum Sänger,
Doch sie durften nicht mehr abends
Sich zum braunen Hirsche schleichen,
Selbst den Handwerksknechten ward es
Von den Meistern jetzt verboten.

Hunold war es tief verächtlich,
Wie man ihn, den man doch anfangs
Fast wie einen Helden ehrte,
Nun so jämmerlich im Stich ließ.
Doch am meisten wurmt' ihn Eines:
Gertrud war ihm unzugänglich;
Nicht mehr in der stillen Laube
Fand er nächtlich die Geliebte;
Streng bewachte sie der Vater,
Der gewarnt war und die Tochter
Jeden Abend sorglich einschloß.
Eine gute Freundin hatte
Von dem sonderbaren Badgeld
Ihr erzählt, das sich der Fremde
Von Regina's Mund erbeten,
Und verstand es nicht, daß Gertrud
Ihr das gar nicht glauben wollte
Und den Spielmannsschwank nicht herzlich
Wie sie selbst belachen konnte.
Gertrud aber saß und sann,
Wußte nicht, was sie von Hunold
Denken sollte, wie es möglich,
Daß es ihn nach anderm Munde,
Als dem ihren, noch gelüste.
Recht wie einen Stich in's Herz
Fühlte sie die bittre Kränkung,
Und auf das Geschlechterfräulein
Kam ihr Eifersucht und Mißgunst.
Doch gedachte sie des Schwures,
Der ihr seine Treu verbürgte,
Schalt sie wieder mit sich selber,
Daß an ihres Hunold's Liebe
Ihr ein Zweifel kommen konnte;
Ihre Angst beschwicht'gend sprach sie:
»Ist ein Scherz von ihm gewesen,
Hat Regina necken wollen,
Weil vorm Rath sie in der Sitzung
Wegen jenes Rattenkönigs
Gegen ihn als Zeugin auftrat.
Aber wie, wenn nun Regina
Doch für Ernst den Scherz genommen,
Um dem Mann für seine Mühe
Wenigstens mit dem erbetnen
Kuß zu danken, Rath und Zünfte
Durch Gerechtigkeit beschämend?
Wär' die endliche Erlösung
Von der ungeheuren Plage
Mit dem Kuß des schönsten Mädchens
Unsrer Stadt zu hoch bezahlet?«
So mit Für und Wider quälte
Sich in ihrer Liebe Gertrud;
Tag und Nacht nicht aus dem Sinne
Kam das Badgeld ihr, voll Schwermuth
Schlug das Herz ihr zum Ersticken;
Ach! und nun von ihm getrennt sein,
Ihn nicht sehn, nicht fragen können!
Als vergeblich eine Stunde
Hunold in der Geisblattlaube
Auf sein blondes Lieb gewartet,
Ging er in der Nacht verdrossen
Zu des Bürgermeisters Wohnung,
Schwang sich übern Zaun hinüber
In den Garten und drang spürend
Bis zum Stamm der alten Linde.
Grade vor dem hölzern Trepplein,
Das hinauf zur Krone führte,
Wo er wußte, daß Regina
Tag für Tag darüber hinschritt,
Kniet' er nieder, Sprüche murmelnd,
Lockerte etwas die Erde
Und vergrub den Liebeszauber
Den er auf dem Basberg formte
Aus des Bilsenkrautes Wurzel.
Sorglich jede Spur vertilgend
Des geheimnisvollen Werkes
Ebnet' er den Weg und streute
Trockne Blätter auf die Stätte.
Dann vom Garten nach dem Hause
Schlich er und hart an der Mauer
Niederkauernd blieb er dorten,
So lang' ihn der schwarze Schleier
Dieser dunklen Nacht bedeckte.

Einen andern Rückweg aber
Wählte Hunold, als ihn frostig
Schüttelte der Hauch des Windes,
Der des Tages Nah'n verkündet;
Durch verschlungne Gassen irrt' er
Und kam dann von einer Seite,
Wo er ihn noch nie betreten,
Unversehens auf den Marktplatz.
Jetzt noch wenig Schritte vorwärts,
Halt! – im Wege steht ein Andrer.

Hunold Singuf war ein Mann,
Trug ein festes Herz im Busen,
War geübt in Wehr und Waffen;
Was hienieden seines Gleichen,
Menschlich, sterblich, schreckt' ihn nimmer.
Doch was da im Morgengrauen
Wie ein riesenhafter Schatten
Aus dem Boden vor ihm aufstieg,
Machte ihm das Blut gerinnen.
Keinen Fuß breit aber wich er,
Denn der vielbefahrne Sänger
Kannte wohl den finstern Ritter,
Der auf vieler Städte Marktplatz
Wacht hielt über Recht und Frieden
Mit gezücktem Schwert, – den Roland.
Eines Mannes Höhe dreifach
Überragend stand der Recke
Ganz geharnischt, mit dem Handschuh
Der das Zeichen war des Marktrechts,
Angethan, den Schild am Arme
Und das Schwert, das Schwert, das bloße
In der unbeugsamen Rechten.
Unbedeckten Hauptes war er
Wie der Richter, der den Spruch fällt;
Auf den Zügen hart und ehern,
Die nicht Leid, nicht Liebe kannten,
Lag der unerbittlich strenge,
Fürchterliche Ernst des Todes.
Diese Augen sah'n den Menschen
In das Herz hinein und wußten
Um die Schuld auch im Gewissen,
Wenn die fest verschlossnen Lippen,
Die kein Lächeln je bewegte,
Wie das Grab auch ewig schwiegen.
Um das stumme, starre Holzbild,
Angemalt mit rohen Farben,
Das mit Geisterschritt wie Einer,
Der von jener Welt zurückkehrt,
Aus der Nacht hervortrat, schwebten
Blutgeruch und Todesschrecken,
Und ein Grausen packte Hunold.
In dem Dämmerlichte las er
Auf dem Ritterschild die Worte:
»Freiheit gewähr' ich,
Frieden erklär' ich,
Recht verbürg' ich,
Missethat würg' ich.«

Der hier einsam stand, der Roland,
Stand an Kaisers Statt und Königs,
Der auf Erden höchster Richter.
Mit des Königs Frieden weilte
Hunold wohlbeschirmt in Hameln,
Niemand durfte an dem Fremden
Sich vergreifen, wenn er selber
Nicht den Frieden brach im Weichbild;
Und nun hatt' er ihn gebrochen.
Wegen seines leid'gen Zwistes
Mit dem Rathe um das Fanggeld
Konnt' er ja das Urtheil schelten,
Konnte an die Schranne kommen
Und um Recht schrei'n vor dem Stuhle;
Aber mit Verrätherkünsten
An der Unschuld sich zu rächen,
War ein Frevel, der unsühnbar
Sich ihm auf die Seele wälzte.
Eben kam er graden Weges
Von der Unthat, schwarz und tückisch
Wie die Nacht, die sie verhüllte;
Mit des Zaubers Höllenzwange
Hatte gegen Leib und Seele
Einer schuldlos reinen Jungfrau
Er des Teufels Macht beschworen,
Ihre Ehre, ihren Frieden,
All ihr Glück wohl seinem Grolle
Gegen Rath und Stadt zu opfern
Und noch andre brave Herzen
In unsäglich Leid zu stürzen.
Jetzt hier vor ihm stand der Rächer
Mit dem blanken Schwert der Rüge,
Und die starren Augen bohrten
Sich wie Dolche ihm in's Innre.
Friedlos war er, nicht zurück mehr
Konnt' er über jene Schwelle,
Welche zwischen Schuld und Unschuld
Scharf wie eines Messers Schneide
Sich versteckt im Pfad der Menschen,
Und die Viele erst gewahren,
Wenn sie hinter ihnen aufblitzt.

Aber Hunold war kein Schwächling,
Der auf halbem Wege stehn bleibt;
Weder Knie noch Nacken beugt' er
Und nahm voll und willig auf sich,
Was die That, die rasch beschlossen,
Rascher noch vollführt, ihm auflud.
Daß es ihn auch, den Verschlagnen,
Kühnen eisig überlaufen,
Als er just auf diesem Gange
Unvermuthet auf den Roland
Grade stieß, – war's zu verwundern?
Nur zu gut kannt' er den Blutbann,
Dachte an die scharfe Frage,
An Gericht und Gottesurtheil
Und an das Gekrächz der Raben
Von der Eiche auf dem Basberg.
Nach dem ersten herben Schrecken,
Den wohl halb der rasche Anblick,
Halb im Morgengrau'n das Frösteln
Unwillkürlich ihm erzeugte,
Kam der alte Trotz ihm wieder.
Mit verschränkten Armen stellt' er
Sich dem Roland gegenüber,
Sah ihm in's Gesicht und sagte:
»Du standst dort, eh' ich geboren,
Wirst noch stehn, wenn ich verscharrt bin,
Aber jetzt auf meinen Knochen,
Mann von Holz, steh' ich noch selber,
Und so wenig meine Fiedel
Dich zum Tanzen bringt, so wenig
Bringt dein Schwert mich um mein Leben;
Steh' nur, steh' und droh' und schweige,
Ich, ich geh' und sing' und liebe.«
Da – Entsetzen! auf dem Haupte
Hunold's sträubte jedes Haar sich, –
Roland drohte mit dem Schwerte.
Deutlich sah er's sich bewegen,
Keine Sinnestäuschung war es,
Grade auf ihn nieder zuckt' es,
Stand dann wieder unbeweglich.
Nur ein Windstoß war's gewesen,
Der die rost'ge Eisenklinge
In der plumpen Hand des Ritters,
Wo in der gehöhlten Faust sie
Lose steckte, schwanken machte.
Hast'gen Schrittes wankte Hunold
Durch die Gassen nach der Herberg,
Warf erschöpft sich auf sein Lager,
Doch der Schlummer, der ihn tröstlich
Mit Vergessen sollt' umspannen,
Floh ihn lange; spät entschlief er,
Und im Traum erschien ihm Gertrud.

Als vom Schlafe des Gerechten
Hameln's wackrer Bürgermeister
An dem Morgen sich erhoben
Und nach täglicher Gewohnheit
Von dem Fenster schob den Vorhang,
Wind und Wetter zu betrachten,
Sah er grade gegenüber
Seinem Kämmerlein im Hofe
An des Nußbaums tiefstem Zweige,
Aufgehangen bei den Schwänzen
Todt den Rattenkönig baumeln.
»Hat er doch noch Wort gehalten!«
Sprach Herr Wichard, »willst ihm danken;
Ist ihm wohl zuviel geschehen
In der Sitzung auf dem Rathhaus;
Mit dem Kusse von Regina
War's wohl nicht so ernst gemeint,
Wußte nicht, daß sie verlobt ist.
Wäre ungerecht und hart doch,
Wenn der Mann für seine Arbeit,
Die er ehrlich uns geleistet,
Sollte leer ausgehn, und kann ich
Auch die hundert Mark ihm heute
Von der Stadt nicht mehr verschaffen,
Will ich einen Badeheller
Ihm doch selbst und reichlich senden
Auch die bitterbösen Worte
Muß ich gut zu machen suchen;
Weiß ein Mittel, ganz gelegen
Kommt mir's, auch der Zünfte wegen,
Denken sonst, sie hätten einzig
Gunst und Ungunst zu vertheilen.«
Sprach es und erschloß die Truhe.
Als dann um die Mittagsstunde
Hunold niederstieg vom Söller,
Ward vom Wirthe ihm gemeldet,
Daß der Stadtknecht dagewesen,
Welcher diesen straffen Beutel
Für den Spielmann hinterlassen
Und in Bürgermeisters Namen
Ihn zur Lautmerung geladen,
Daß er mit Gesang und Spiele
Am Verlobungsfest der Tochter
Dort die Gäste möcht' erheitern. –
Nur ein stumm gedankenvolles
Lächeln war des Spielmanns Antwort.


 

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