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Der Rattenfänger von Hameln

Julius Wolff: Der Rattenfänger von Hameln - Kapitel 14
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer Rattenfänger von Hameln
authorJulius Wolff
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald / Prag
isbn3-934774-08-3
titleDer Rattenfänger von Hameln
pages1-245
created20010721
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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XII. Der Rattenkönig
 

        Sorglos in der Kemenate
Saß Regina einst am Wocken,
Spann vom Flachse glatte Fäden
Und Gedanken an den Liebsten,
Als an allen Gliedern zitternd,
Ohne Athem Dorothea
Plötzlich in das Zimmer stürzte,
Auf den Stuhl sank, schrie und ächzte:
»Alle Heil'gen! alle Heil'gen!
Kind, ach Gott! ich bin des Todes!
Drunt im Keller – grauslich Wunder!
Alle Heil'gen! alle Heil'gen!«
Dann versagte ihr die Stimme,
Und sie schnappte Luft und stöhnte.
Aufgesprungen war Regina,
Riß vom Schaff ein Maygollin,
Füllt' es schnell mit starkem Würzwein,
Der mit Pfeffer, Zimt und Näglein
Und Muskatnuß auch versetzt war,
Hielt's der Alten an die Lippen
Und sprach: »Schlucke, liebe Alte,
Stärke dich und dann erzähle.«
»Ach du lieber Himmel! Kindchen,«
Hauchte Dorothea zitternd,
Daß das Krüglein in der Hand ihr
Mit dem Würzwein bebt' und schwappte,
»Unten in dem Keller hab' ich
Jetzt den bösen Geist gesehen;
Eine Ratte mit fünf Köpfen
Und wohl an die hundert Beinen,
Wie ein Wagenrad an Größe,
Schnob mich an mit Feuerspeien;
Glaube, Kind! das ist der Böse,
Der dem Hexenmeister beisteht
In dem tagesscheuen Werke, –
Ach! ich kann nicht mehr – ich sterbe.«
»Altchen! hast dich wohl erschrocken,
Komm nur zu dir, solche Geister
Gehn nicht um bei hellem Tage,
Wollen den Kobold bei Lichte
Einmal näher uns betrachten,
Komm herab, ich gehe mit dir.«
»Kindchen, um des Himmels willen!
Wage nicht dein junges Leben,
Schick' in's Kloster gleich zum Beichtmönch,
Um den Teufel auszutreiben,
Ruf', den Lorenz mit der Pike,
Nimm das Crucifix zu Händen,
Schlag' ein Kreuz und bet' ein Sprüchlein.«

Aber ein beherztes Mädchen
War Regina, rief den Lorenz,
Nahm die Leuchte, und nach langem
Weigern, Bitten, Warnen, Flehen
Stiegen sie hinab zum Keller.
An der Spitze schritt Regina,
Kicherte und scherzte neckisch,
Doch je tiefer sie herabkam,
Um so lauter schlug ihr Herzchen,
Und ihr Lachen selbst verstummte.
Lorenz stieß mit seiner Pike
Fest auf jede Treppenstufe,
Als ob's mehr ihm drum zu thun sei,
Mit dem lauten Waffenlärme
Die Gespenster zu verscheuchen,
Als sie kämpfend zu bestehen.
Hinterdrein schlich, zähneklappernd
Einen kräft'gen Segen murmelnd
Und sich kreuz'gend, Dorothea.
So kam an das tapfre Kleeblatt,
Und Regina hob die Leuchte
An der Schwelle schon des Kellers,
Daß der Raum war hell beschienen.
Ja, – wahrhaftig! da! da kroch es
Langsam hin entlang der Mauer,
Regte zappelnd zwanzig Füße,
Hinten, vorne, an den Seiten,
Hatte ringsum auch fünf Köpfe,
Fünf leibhaft'ge Rattenschnauzen,
Und in ein verwickelt Knäuel
Waren sichtbar alle Schwänze
In einander fest verschlungen.
»Pik' ihn, Lorenz!« rief Regina,
Doch da war es schon verschwunden,
Hatte unter dem Gerümpel
In die Mauer sich verkrochen.
»'s ist der Böse,« sagte Lorenz,
»Und der Spielmann steht im Bunde
Mit dem Satan, 's ist kein Zweifel.«
»Sagt' ich's denn nicht gleich, Reginchen?«
Rief die Alte, »siehst du, Kindchen,
Siehst du! wolltest mich verspotten
Und bist auch nun blaß geworden;
Soll ich dir ein Tränklein brauen?
Hänge dir ein Kräutersäckchen
Auf die Herzgrub', daß der Schrecken
Sich nicht in's Geblüt dir schlage.«

Doch Regina ging zum Vater,
Ihm das seltne Stück zu melden.
Hochauf horchte da Herr Wichard,
Und statt mächtig zu erstaunen,
Sank er in ein tiefes Sinnen,
Schwieg und lächelte und nickte.
Endlich sprach er: »Seid ihr sicher,
Daß ihr richtig auch gesehen,
Euch ein Blendwerk nicht getrogen?«
»Vater, wie ich Euch hier sehe,
Sah ich es mit diesen Augen,
Will's bei allen Heil'gen schwören.«
»Dazu kann es vielleicht kommen,«
Sprach Herr Wichard, »seid verschwiegen
Von dem Fall und übermorgen
Haltet euch bereit, zu Rathhaus
In der allgemeinen Sitzung,
Die ich auf der Zünfte Antrag
Anberaumte, zu erscheinen
Und das Märlein zu erzählen.«
Sprach's und schritt vergnügt zum Schreine,
Drin der Bacharacher hauste,
Schenkte einen vollen Schauer
Sich zum Trost und trank bedächtig:
»Spielmann! Spielmann! mich will dünken,
Hast noch nicht die hundert Mark
Hamelenscher Witt' und Wichte.«

Schön Regina kam zur Alten:
»Dort'chen, sprach sie, »Vater wurde
Ganz vergnügt bei meiner Märe,
Sagt, wir sollen's heimlich halten,
Keinem Menschen davon sagen
Und bereit sein, übermorgen
In der Sitzung auf dem Rathhaus
Die Geschichte zu erzählen.«
»Ich kann schweigen!« sprach die Gute,
»Aber Eines, Kindchen, sag' ich,
Daß der Vater gar gelächelt
Zu der schrecklichen Geschichte,
Das hat etwas zu bedeuten,
Gieb mal Acht, ob ich nicht Recht hab',
Das hat etwas zu bedeuten!«
Dorothea ging zum Garten,
Wäsche auf den Zaun zu hängen,
Und im Nachbargarten harkte
Welkes Laub »des Rathes Amme«
Wie der weisen Frauen Hameln's
Weiseste den Titel führte.
»Frau Gevattrin, ein paar Worte!«
Rief hinüber Dorothea,
»Habt ihr Ratten noch im Keller?
Nein? gewiß nicht? ach! wie glücklich
Seid Ihr! – ob wir welche haben?
Nein! das sag' ich nicht, bewahre!
Aber 's ist 'ne eigne Sache,
Seht Ihr, – wenn ich reden dürfte, –
Aber nein! – o ich kann schweigen! –
Frau Gevattrin wollt Ihr's keiner,
Keiner Menschenseele sagen?
Denkt Euch –« und nun aufgezogen
Ward die Schleuse ihrer Rede
Und das ganze Abenteuer
In der weisen Frau verschwieg'nen,
Treuen Busen ausgeschüttet.
Man versprach sich nochmal Schweigen,
Und dann schied man von einander.
Dorothea, sehr erleichtert
Nach der glücklichen Entbindung,
Eilte spornstreichs in die Küche.
Die Frau Nachbarin ließ aber
Laub und Harke schnell im Stiche,
Lief hinüber zur Frau Base,
Trat mit raschem Gruß in's Stübchen:
»Frau Gevattrin, ein paar Worte!
Habt Ihr Ratten noch im Keller?«
Nun schon fünfzehn aus den fünfen
Jungfer Dorothea's wurden
Und noch grauslicher die Schildrung.
So gevatterte das weiter,
Und die halbe Stadt bald wußte,
In des Bürgermeisters Keller
Sitzt der Satan in Gestalt
Eines ries'gen Rattenknäuels
Mit unendlich vielen Beinen,
Hundert Köpfen, tausend Schwänzen,
Wahren Elephantenzähnen,
Feuerrädern statt der Augen
Und gewalt'gen Tigerkrallen.
Allen war es ohne Zweifel,
Daß das Ungethüm der Böse,
Dem der Fiedler sich verschworen,
Daß mit seinem Höllenzwange
Er beim Rattenfang ihm beisteh'.
Wenigstens die altern Weiber
Hatten das unwiderleglich
Festgestellt, doch bei den jüngern
Hatte der gewandte Spielmann
Einen Stein im Brett, sie glaubten
Nicht so leicht an's Teufelsbündniß.
Auch noch andre Freunde hatt' er
In der Stadt; die muntern Kinder
Hingen sich an ihn, wo immer
Er sich blicken ließ, und folgten
Lärmend ihm in hellen Haufen
Durch die Gassen, schrie'n und baten:
»Bundting, Bundting, blas' ein Stücklein!«
Also nannten sie den Spielmann,
Weil er manchmal statt in dunkler
In ganz bunter Tracht einherging.
Meist auch that er ihnen willig
Den Gefallen, und sie lernten
Bald von ihm die leichten Weisen,
Sangen gern sie und marschirten
Nach dem Takte seiner Pfeife.
Ja, sie paßten auf den Weg ihm,
Und wenn er vom Berg zurückkam,
Standen sie schon vor dem Thore,
Liefen jauchzend, freudestrahlend
Ihm entgegen, und dann zogen
Sie mit Sang und Klang zur Schenke,
Bis ihr Liebling durch die Thüre
Nun verschwand, sie freundlich grüßend.
Ungern litten es die Eltern,
Sahn verdrießlich aus den Häusern,
Wenn der laute Schwarm vorbeizog,
Doch Verbote und selbst Strafen
Halfen wenig; ihren Kindern
War der liebe, lust'ge Sänger
Schnell an's junge Herz gewachsen.


 

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