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Der Rattenfänger von Hameln

Julius Wolff: Der Rattenfänger von Hameln - Kapitel 11
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer Rattenfänger von Hameln
authorJulius Wolff
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald / Prag
isbn3-934774-08-3
titleDer Rattenfänger von Hameln
pages1-245
created20010721
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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IX. Vollmond
 

        Still die Gassen, alle Fenster
Dunkel, Schlaf und Frieden breiten
Ihre Fitt'ge über Hameln.
Keine Leuchte schimmert trübe
Von dem Schreibtisch eines Denkers,
Der die Nacht zum Tage machte
Bei gerollten Pergamenten;
Auch nicht Hammer oder Säge
Tönt aus eines Schreiners Werkstatt,
Der das eiligste der Stücke,
Eines Menschen letzte Wohnung,
Über Nacht zu zimmern hätte;
Müdigkeit und Ruhe senkten
Jedes Augenlid in Schlummer.
Hoch nur über allen Häusern
Aus des Thurmes Glockenstübchen
Scheint ein matter Lampendämmer,
Wo der Thürmer einsam wachet,
Um bei Brand und Ungewitter
Mit dem Hilferuf der Glocke
Rath und Bürger aufzustürmen.
Schlägt die Uhr die volle Stunde,
Schiebt er auf die kleine Luke,
Und nach jeder Himmelsrichtung
Stößt in's Wächterhorn er einmal
Und ruft seinen Gruß hernieder.

Überm Basberg steht der Vollmond,
Aber schnelle Wolken ziehen,
Windgetriebne weiße Segel,
Fratzenköpfe, Ungethüme,
Urweltleiber, Riesenvögel;
Drohend ballt sich's jetzt zusammen,
Flattert in zerrissnen Fetzen
Jetzt gespenstisch rasch vorüber
Vor des Mondes heller Scheibe.
Bald in Finsterniß gehüllet
Schwindet alles Bild dem Auge,
Bald ist klares Licht ergossen
Weithin über alle Dächer,
Drauf die Wolkenschatten tanzen.
Um die Ecke pfeift der Wind,
Und auf manchem Giebel knarret
Eine rost'ge Wetterfahne.
Die gestutzten Wasserspeier
Recken ihre Drachenköpfe
Weit vom Stockwerk in die Gasse.
In des Lichtes schnellem Wandel
Scheint's, als ob sie augenblicklich
Größer und lebendig würden;
Züngelt dort der schwarze Wurm nicht?
Hebt den Schlangenleib und krümmt sich?
Sträubt den Kamm und sperrt den Rachen?
Doch schon finster ist es wieder.
Auf dem Markt im vollen Licht jetzt
Regungslos steht wie ein Steinbild
Hunold mit verschränkten Armen,
Schaut zum Mond empor und murmelt:
»Alter Freund und Fahrtgeselle,
Laß mich heute nicht im Stiche,
Hilf mir mit den Zauberkräften,
Die in deinem Lichte wohnen,
Wenn dein Zirkel sich vollendet.
Kamst mir manchmal ungelegen,
Wenn mit gelbem Neiderblicke
Du mir auf die Wege paßtest;
Hast mir aber auch schon manchmal
Deine Geisterhand gereichet
Und mich keck vollbringen lassen,
Was ich ohne dich nicht wagte.
Diesmal gilt es wieder, Alter!
Bei der Schöpfung ew'gem Fluche,
Der als Knecht und Leibtrabanten
An die Erde dich geschmiedet,
Daß du in dem Weltentollhaus
Mußt in immer gleichem Ringe
Dich um unser Elend drehen, –
Mond, beschwör' ich dich zur Stunde:
Steh' mir bei zu meinem Werke!
Gieß dein Licht auf meinen Scheitel,
Hüll' in deinen kalten, feuchten
Glast und Schimmer meinen Körper,
Daß ich in dem Zaubermantel
Deines Scheines steh' und gehe,
Und wie du zu dir emporziehst
Wassertropfen, Wiesennebel,
Blumenathem, Weibertränen,
Also laß auch mich heranziehn
Alles, was ich will und wünsche,
Was ich rufe, was ich denke,
Was mein wagend Herz gelüstet.« –
Röthlich blitzt' es auf am Himmel,
Und ein Funke fuhr im Bogen
Grad' vor Hunold's Augen nieder.
Schnäuzte sich ein Stern dort oben?
Oder war's ein Feuertropfen,
Ausgespie'n aus Mondeskrater?
Mitternacht schlug es am Thurme,
Und der Wächtergruß ertönte:

              »Bewahr' uns, Herr, zu dieser Stund
Vor aller bösen Geister Bund,
Und schütze uns, Herr Jesu Christ,
Vor Höllenzwang und Teufelslist,
Nimm von uns unsrer Sünden Schuld,
O heilger Geist, durch deine Huld,
Barmherz'ger Gott, mit deinen Händen
Woll' von der Stadt all Unheil wenden.«
Jetzt ein Pfiff, ein langgedehnter,
Gellend, Mark und Bein erschütternd.
Aus der Pfeife Hunold's kam er,
Ging in eine tolle Weise
Dann mit keckem Aufschwung über,
Und es lockte, jauchzte, schrillte,
Daß es durch die öden Gassen
Schauerlich und spukhaft tönte.
Selbst der Wind mit seinem Sausen
Hielt den Athem an erschrocken,
Setzte dann als Unterstimme
Zur Begleitung ein im Takte.
Hunold schritt nun langsam vorwärts,
Spielte auf der Rohrschalmeie
Seine wilde Rattenfuge,
Und dann setzt' er ab und sang:
»Mäuschen! Mäuschen!
Die ihr nun nächtig
Still und bedächtig,
Warm und behäglich,
Fromm und verträglich
Hocket im Nest,
Die ihr zum Knochen
Hungrig gekrochen
Oder beim Schmause
Wohl in der Klause
Feiert ein Fest,
Die ihr auf Schränken,
Tischen und Bänken,
In den Gemächern
Und auf den Dächern
Trippelnd euch jagt,
Die ihr da kraspelt,
Feilet und raspelt,
Pispert und puspert,
Knispert und knuspert,
Scharret und naget,
Spitzet das Öhrchen,
Schärft das Gehörchen,
Glättet eu'r Fellchen,
Bringt eu'r Gesellchen
Mit aus dem Haus;
Ringelt die Schwänzchen
Lustig zum Tänzchen,
Mit meinem Spiele
Lock' ich zum Ziele
Mäusrig und Maus.
Kuchen und Krümel
Streu' ich wie Blümel
Ohn' Unterlassen
Hin auf die Gassen
Reichlich und dicht;
Zucker zum Naschen
Hab' ich in Taschen,
Speck auch gebraten
Wird sich verrathen,
Riecht ihr ihn nicht?
Tummelt euch, Mäuschen!
Niedliche Mäuschen!
Kommet hervor!
Mäuschen hervor!
Hervor! hervor!«
        Wieder nahm er nun die Pfeife,
Blies und trillerte und lockte.
Immer kecker ward die Weise,
Immer dringender die Töne,
Schnelle Läufe, wirre Sprünge,
Bald ein Winseln, bald ein Schmettern,
Dann ein Flehen, dann ein Drohen
Klangen aus dem Zauberrohre.
Und sieh da! es kommt geschlichen,
Scheu und furchtsam, ängstlich prüfend
Wagt sich's näher, stutzt dann wieder,
Hüpft und schlüpft und zuckt und duckt sich.
Huscht dahin, daher im Dämmer.
Mäuse sind's, wie graue Punkte,
Blitzschnell, schattenhaft und lautlos
Gleiten sie da hin und wieder.
Von den Brosam, die gestreut sind,
Nascht die Eine und die Andre,
Fährt dann wieder in den Winkel,
Kommt zurück und frißt und folget
Dreister schon in der Gesellschaft.
Hunold aber bläst sein Stücklein,
Und mit jedem seiner Schritte
Wächst die Schar auf seinen Spuren.
Statt der Pfeife läßt er wieder
Seine Stimme jetzt erschallen:
      »Ratten im Rattenloch, horchet dem Sang,
Höret der Pfeife bestrickenden Klang,
    Hurtig zu Haufen
    Kommet gelaufen,
Rappelt euch auf aus dem dunklen Verlies,
Schnuppert und schnüffelt im schlammigen Fließ,
    Schwänze, die grauen,
    Haarigen, rauhen
Rischeln und rascheln im Kies.

Hier in dem Mondschein sich's wonnig ergeht,
Lustig der Wind um den Rüssel euch weht,
    Still und verlassen
    Ruhen die Gassen,
Muntere Mäuschen nur sind auf dem Platz,
Fürchten nicht Falle, nicht Kralle und Katz,
    Spielen im Dunkeln,
    Äugelein funkeln,
Huida! Die fröhliche Hatz!

Habt ihr den Wanst durch die Spalte gequetscht,
Findet ihr Fraß, daß die Zähne ihr fletscht,
    Schmatzet und schmecket,
    Schnauzbart gelecket,
Holter die Polter Straß' auf und Straß' ab
Folget Kopf über, Kopf unter im Trab,
    Reicht euch die Tatzen
    Tanzende Ratzen,
Ratten herauf und herab!«

    Jetzt hervor aus allen Ecken
Kommt's heran gesetzt, gestoben;
Aus den Häusern kommt's und Höfen,
Den entlegensten der Gäßchen,
Zwängt hervor sich unter Thüren,
Aus dem Rinnstein kommt's gefahren,
Von den Dächern kommt's gesprungen,
Patscht und plätschert in den Pfützen,
Hopst und trapst und quieckt und rasselt,
Jagt sich, hetzt sich, drängt sich vorwärts,
Immer mehr in hellen Haufen,
Immer mehr, immer mehr,
Es woget und wirbelt
Und kribbelt und krabbelt,
Unendliche Schwärme
Wirr durcheinander
Wie Sand am Meere,
Vom Winde getrieben,
Ratten, Ratten,
Zahllose, gierige,
Wüste Geschwader,
Tausende vor ihm,
Tausende hinter ihm,
Zur Rechten, zur Linken,
Überall, überall.
Dazwischen der Mäuse
Wimmelnde Scharen
Zirpend und rucksend,
Tänzelnd und schwänzelnd,
Sich überstürzend,
Und Hunold mitten,
Mitten dazwischen
Im wilden Getümmel
Flötend und pfeifend
Die zaubrische Weise.
Kaum kann er schreiten,
Unter den Füßen
Wird's ihm lebendig,
Springt an ihm hoch,
Klettert empor
An Beinen und Armen
Dem trotzigen Manne,
Schlüpft ihm in's Wamms,
Um Schultern und Kappe;
Schütteln muß er
Heftig die Glieder,
Abzuwehren die
Unholden Gäste.
Ihm perlet die Stirne,
Doch unerschrocken
Blasend mit Macht
Wandelt er fürbaß,
Mit ihm die ganze
Grausige Hetze.

Endlich sieht er nahe blinken
Schon der Weser hellen Spiegel,
Athmet auf, und seine Schritte
Nun verdoppelnd eilt er vorwärts.
Schwellend zwischen seinen Ufern
Rollt der breite Strom zum Meere,
Und des Mondes Strahlen glitzern
In dem windbewegten Wasser,
Schlagen auf den dunklen Wellen
Einen goldnen Steg hinüber.
Hunold bleibt am Ufer stehen,
Und mit einem letzten Jauchzen
Klinget aus der Pfeife Tönen,
Daß ein Echo von den Bergen
Geisterhaft herüber spottet.
Jetzt noch einmal singt wieder:

»Nun Mäuse und Ratten,
Ob alt oder jung,
Hervor aus dem Schatten,
Jetzt gilt es den Sprung;
Es blinket und winket
Die spiegelnde Fluth,
Ertrinket, versinket,
Verteufelte Brut!

Da lauert die Tücke
In goldner Gestalt,
Euch zieht auf die Brücke
Des Zaubers Gewalt.
Es heißet und gleißet
Das Mondlicht so roth
Und reißet und schmeißet
Euch All' in den Tod.

Hinunter, Geziefer,
Verrathen, verflucht,
Nun tiefer und tiefer
Zu schwimmen versucht,
Nun krauchet und tauchet
In Strudel und Graus
Und hauchet und fauchet
Die Seele euch aus!«

      Da hinein mit tollen Sätzen
Stürzt sich's in der Weser Fluten,
Sinnbethöret wälzt und drängt sich's
In den Tod, in's kalte Wasser.
Übermächtig wirkt der Zauber,
Alle Ratten, alle Mäuse,
All die ungezählten Tausend
Rennen, schieben, poltern, schießen
In ihr eigenes Verderben,
Keine Einzige von Allen
Bleibt am sicheren Gestade.
Und im Wasser giebt's ein Schäumen
Und ein Quirlen und ein Brodeln,
Rauschend, zischend spritzt und sprudelt
Es im zappelnden Gewirre.
Aus der Tiefe aufgestiegen
Kommt die schupp'ge Brut der Lachse
Und nun geht es an ein Kämpfen
Zahn um Zahn und Aug' um Auge;
Breite Schwänze, spitze Schwänze,
Bald von Ratten, bald von Lachsen
Ringeln, schlagen aus den Wellen,
Denn es ringt auf Tod und Leben
Wasserraubthier, Landbewohner,
Wuth und Gier auf beiden Seiten.
Höhnisch lächelnd steht am Ufer
Hunold, nimmt hervor die Pfeife,
Bläst zum bittern Todeskampfe
Ein frohlockendes Halali. –
Endlich ist es still geworden,
Hie und da nur glänzt die Flosse,
Taucht der Kopf mit offnem Rachen
Eines Lachses aus dem Wasser.
Ruhig wallt der Fluß die Straße,
Auch der Wind ist eingeschlafen,
Und des Mondes volles Antlitz
Schaut herab in stillem Frieden.
Hunold wischt sich von der Stirne
Kalten Schweiß und wandelt heimwärts.
Als er nahe seiner Herberg,
Schlägt es Eins am Glockenthurme,
Und es ruft der treue Wächter.
          »Gelobet sei in Ewigkeit,
Herr Gott, von aller Christenheit,
Laß uns in deiner Gnade ruhn
Und unsern Feinden Gutes thun,
Und laß uns jede Kreatur
Als wie dein Kind erachten nur,
Begleite uns mit deinem Segen
Auf hellen und auf dunklen Wegen.«


 

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