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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Mr. Sparkes, Detektiv

»Kannst du dich auf Mrs. Millicent K. Yonker besinnen?« wandte sich der Preller an Paul. Sein Gehilfe nickte. Die beiden saßen an einem glühendheißen Sommernachmittag in einem Ruderboot, das sie unter einem schattigen Baum verankert hatten. Ein kühles Lüftchen fächelte die Wangen der beiden Urlauber.

»Die Erpresserin? Natürlich erinnere ich mich ihrer. Was ist denn mit ihr los?« wollte Paul wissen.

»Sie ist entlassen worden«, gab ihm sein Freund Bescheid.

Paul erhob sich überrascht. »Aber Mensch, sie hatte doch zehn Jahre bekommen?« verwunderte er sich.

»Weiß ich alles, aber der Fall kam vor das Oberste Gericht, und das Urteil wurde wegen eines Formfehlers aufgehoben. Der amerikanische Botschafter mischte sich ein, worauf man sie freiließ. Es stand heute morgen in der Zeitung, Ich habe es mit eigenen Augen gelesen.«

»Hm! Ich glaube, für dich wird bald die Hölle losbrechen.«

Anthony nickte. »Du magst recht haben«, gab er zurück, »denn Meg ist eine der wenigen, die mich jemals wirklich gesehen haben. Du entsinnst dich doch ihrer letzten Worte, als sie nach der Urteilsverkündung abgeführt wurde, nicht wahr? Sie hat eine richtige Bande, trefflich organisiert und geführt, und sie wird ihre Bluthunde so bald wie möglich auf mich loslassen. Daran zweifle ich keinen Augenblick.«

»Warum, zum Donnerwetter, werden eigentlich diese ausländischen Verbrecher nicht abgeschoben?« erregte sich Paul in komischer Entrüstung. Eine Lachsalve quittierte diesen Ausfall. Erst nach geraumer Zeit hatte sich der Preller von seiner wirklich berechtigten Heiterkeit so weit erholt, daß er auf die nächste Frage Pauls antworten konnte: »Weißt du, wo sie sich aufhält, Anthony?« hatte ihn der Freund gefragt.

»In Highbury Manor House, Wilcombe on Sea«, gab der Preller Auskunft. »Ihr gegenwärtiger Name ist Miss Morrison.«

»Du scheinst deinen Nachrichtendienst wirklich ganz hervorragend organisiert zu haben«, konstatierte Paul.

»Ich bin mein eigener Nachrichtendienst. Ich folgte Ihrer Hoheit nach Wilcombe und sandte mir von dort, da ich bemerkt hatte, daß auch ich Schritt für Schritt von ihren Leuten verfolgt wurde, selbst ein Telegramm. Ein Vertreter Madames blickte mir die ganze Zeit, während ich es niederschrieb, über die Schulter. Mit dem Telegramm wollte ich zweierlei erreichen: Erstens wollte ich meiner Freundin die Gewißheit geben, daß ich meinen Spionagedienst auf der Höhe halte, und zweitens sollte sie keinen Zweifel darüber haben, daß ich weiß, wo sie sich aufhält. In einigen Tagen werde ich dich nach Wilcombe schicken, Paul, wo du dich, scheinbar zwecklos, als Privatdetektiv herumtreiben sollst. Miss Morrison und ihre Bande sollen dadurch die Überzeugung bekommen, daß sie und ihr Haus unter Beobachtung gehalten werden. Besonders sollst du dein Augenmerk auf eine Miss Stillington richten.«

»Wer, zum Donnerwetter, ist denn nun wieder diese Miss Stillington?« erkundigte sich Paul überrascht.

»Miss Stillington ist die Person, die das Pech gehabt hat, als Gesellschafterin Miss Morrisons engagiert zu werden. Wie ich erfahren habe, weiß sie nichts von dem wirklichen Charakter ihrer Brotherrin.«

Paul setzte sich bequemer in seinem Stuhl zurecht und brannte sich eine Pfeife an.

»Und was beabsichtigst du mit allen diesen Vorbereitungen zu erreichen? Glaubst du, daß Meg ihr Raubgut in Highbury Manor House versteckt hält?«

Anthony nahm eine geheimnisvolle Miene an.

»Ja, das glaube ich. Van Deahy ist bei ihr, und er hätte doch vor allen Dingen Ursache, sich versteckt zu halten.«

»Warum aber verläßt sie England nicht für immer? Geld hat sie doch wohl genug!«

»Weil sie mit mir aufräumen will«, erwiderte Anthony. »Sie wird dem Preller eins auswischen, und wenn sie selbst dabei vor die Hunde gehen sollte.«

»Ich wünschte, das letztere geschähe, ehe sie noch mehr Unheil anrichten kann«, meinte Paul. »Wann soll ich abreisen?«

»Übermorgen, mit dem Nachtzug. Vergiß aber nicht zu berücksichtigen, daß du dort rings von ihren Spionen umgeben bist; sogar deine Post wird überwacht werden.«

»Aber warum ...«

»Qui vivra verra«, zitierte Anthony mit einem Augenzwinkern. »Ich habe so eine kleine Ahnung, als wenn ich doch wieder den Siegeslorbeer in diesem Kampf erringen würde.«

Wilcombe war keineswegs ein Badeort, den eine im gesellschaftlichen Leben stehende junge Dame sich als Aufenthalt ausgesucht hätte. Für Milwaukee Meg, alias Mrs. Yonker, alias Miss Morrison, war es aber der geeignetste Fleck, um dort ihr Hauptquartier aufzuschlagen. Das Städtchen lag abseits von den großen Verkehrsadern des Landes und zu weit ab von der Hauptstadt, um ein wünschenswertes Ziel von Wochenendlern zu sein. Schmutzige Straßen, von geschmacklosen Häusern eingefaßt, führten zum sogenannten Luxusviertel. Die Promenade, ironischerweise Strandpromenade genannt, wies ein einziges stilgerechtes Haus auf – alt und geräumig. Es war entstanden, als an die moderne Baukunst und die Fünf-Minuten-Bauten noch nicht zu denken war. Milwaukee Meg hatte dieses Haus als Wohnsitz erkoren, da es ihr alle Vorbedingungen, die sie an ihre Wohngelegenheit zu stellen gewöhnt war und stellen mußte, zu erfüllen schien.

Einige Tage nach der Unterredung zwischen Anthony und Paul spazierten Milwaukee Meg und ein junges Mädchen mit tiefen grauen Augen und feinen Gesichtszügen im Garten vor dem Haus auf und ab. Niemand, der Miss Morrison zum erstenmal sah, würde in ihr die Frau wiedererkannt haben, die vor kurzer Zeit, zu langjähriger Zuchthausstrafe verurteilt, aus der Anklagebank von Old Bailey abgeführt worden war.

Die Dame aus Milwaukee redete, und zwar allem Anschein nach in recht ungeduldiger Stimmung.

»Meine liebe Miss Stillington«, sagte sie eben zu ihrer Begleiterin, »wie kann man so entsetzlich naiv sein? Ich weiß bestimmt, daß Mr. van Deahy nicht die geringsten beleidigenden Absichten hatte. Er ist einer meiner ältesten Freunde.«

Das junge Mädchen an ihrer Seite antwortete nicht, und Miss Morrison fuhr erregt fort:

»Ich weiß, daß Sie ihm außerordentlich sympathisch sind. Finden Sie das so schrecklich? Die meisten jungen Damen würden sich geschmeichelt fühlen, das Ziel so unverhohlener Bewunderung zu sein.«

»Auch ich habe es gern, wenn ich jemand sympathisch bin«, gab das Mädchen zurück: »Was ich aber nur ungern sehe, ist, wenn mich ein Mann, den ich vor kaum einer Woche kennenlernte, auf Schritt und Tritt mit seinen Liebeserklärungen verfolgt. Ich kann jedenfalls seine Gefühle nicht erwidern.«

Miss Morrison lachte.

»Sie müssen sich eben noch an die Welt und ihre Methoden gewöhnen, mein liebes Kind.« Meg legte ihre Hand auf die Schulter ihrer Gesellschafterin. »Sie sind nicht mehr in Ihrem Dorf, sondern inmitten der großen Welt.« Sie verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. »Wenigstens in einem kleinen Ausschnitt davon.« Sie fügte den Nachsatz hinzu, nachdem sie einen ironischen Blick auf ihre nähere Umgebung geworfen hatte.

Ein junger Mann kam auf die beiden Frauen zu, und als sie ihn am jenseitigen Ende des Gartens auftauchen sah, verabschiedete sie ihre Begleiterin mit einem Kopfnicken.

»Hör mal«, begrüßte sie den Neuankömmling, »du darfst bei diesem jungen Mädchen nicht zu sehr ins Zeug gehen. Poussiere, soviel du willst, aber erst, wenn unsere Sache erledigt ist. Gegenwärtig können wir es uns nicht gestatten, wegen einer Lappalie unseren ganzen Plan aufs Spiel zu setzen.«

Van Deahy nickte zustimmend.

»Ich bin auf Miss Stillington wie versessen«, erwiderte er sorglos. Miss Morrison lächelte sarkastisch.

»Du hast immer jemand, auf den du versessen bist«, meinte sie anzüglich. »Laß das Mädchen vorläufig in Frieden. Vielleicht kannst du dich ihr später nähern und mit ihr einig werden.«

»Wann wollen wir denn reisen?«

»Sobald ich mit dem Preller abgerechnet habe«, erwiderte das Mädchen hart. »Ich habe dir ja gesagt, daß ich mich an ihm rächen werde, und zwar so, daß er mich nicht so schnell vergessen dürfte.«

»Hast du seinen Spion heute morgen gesehen? Da draußen steht er.« Er wies über die Gartenmauer. »Er telegrafiert ständig nach London, und zwar an jemand, der noch nicht im Adreßbuch steht. Ich habe nachgesehen, um mich zu vergewissern, ob ich seinen Auftraggeber kenne.«

»Die Telegramme sind in Code abgefaßt, nicht wahr?« erkundigte sich Meg. Von Deahy nickte.

»Ich möchte nur wissen, was der Esel mit seiner Spioniererei bezweckt? Was will er denn damit erreichen?«

»Was er erwartet und bezweckt? Wahrscheinlich Brummschädel für sich und seine Mitarbeiter. Er glaubt wohl, wenn er uns dauernd im Nacken sitzt, den kommenden Angriff abwehren zu können. Wißt ihr schon, wo der Preller wohnt?«

»Nein.« Van Deahy schüttelte betrübt den Kopf. »Drei unserer besten Spürhunde arbeiten in London. Wir hoffen aber bald, durch das Postamt herauszubekommen, wo die Telegramme hinbestellt werden.«

»Das würde uns auch nichts nützen, denn sicherlich arbeitet er unter einer Deckadresse.«

»Das glaube ich nicht. Nun, wir können ja abwarten und sehen, was daraus wird.«

»Während du in der Zwischenzeit Miss Stillington in Ruhe lassen wirst«, schloß Miss Morrison die Unterredung.

Van Deahy stimmte diesem Befehl schweren Herzens zu. Eine Woche verging, ohne daß sich etwas Neues ereignet hätte. Nach Ablauf der Frist stürmte van Deahy eines Tages aufgeregt zu seiner Chefin.

»Wir haben Glück gehabt«, verkündete er jubelnd.

»Nun?«

»Wir haben einen Brief von dem Beobachter hier erwischt. Er heißt Paul und wohnt in der Seaview Road. Leider haben wir nur die Telegramme und den Brief hier abfangen können. Hier ist er!«

Er reichte ihr die Papiere. Milwaukee Meg riß den Umschlag auf.

»Postlagernd für Mr. Smith?« las sie die Adresse. »Wie hast du ihn denn klammern können?«

»Indem wir den Wächter bewachten«, lachte van Deahy. »Einer unserer Beobachter hatte ihn beobachtet, als er einen Karton hellblauen Schreibpapiers und Umschläge kaufte. Wir haben deshalb bei der Post auf diese farbigen Briefe aufpassen lassen. Das ist der erste, der durchkam.«

›Mein lieber Mr. Smith‹, lautete das Schreiben. ›Die Arbeit ist zum Davonlaufen. Ich glaube auch nicht, daß es viel Zweck haben wird, noch länger hierzubleiben. Ich habe von der Dame noch nichts bemerkt, und die Sache wird mir nachgerade langweilig. Eben empfing ich Ihren Brief, in dem Sie mir mitteilten, daß jemand von der Auskunftei Quilter meinen Posten hier übernehmen wird. Ich glaube zwar nicht, daß er viel mehr als ich ausfindig machen wird, stimme Ihnen aber in dieser Anordnung gern zu. Er wird Ihnen ja seine Berichte direkt erstatten können. Ich rate von Telegrammen ab. Er soll Sie in London aufsuchen und Ihnen alles Notwendige in Ihrer Wohnung mitteilen. Ich werde für Mr. Sparkes ein Zimmer reservieren lassen. (So heißt er doch, nicht wahr?) Er wird sich hier hoffentlich wohler fühlen als ich. Paul.‹

Die Augen Megs schimmerten in seltsamem Feuer.

»Ich glaube«, sagte sie mit mühsam unterdrückter Aufregung, »wir werden unseren Freund erwischen. Früher oder später graben sich Leute wie der Preller selbst ihr Grab. ›Mr. Smith‹ wird sich wundern.«

Am nächsten Tag tauchte ein neues Gesicht auf der Strandpromenade auf. Das Mädchen beobachtete den Neuankömmling von einem Fenster ihrer Wohnung und sandte dann van Deahy aus, um das Terrain aufzuklären. Kurz darauf kam er mit Neuigkeiten zurück, die ihr viel Spaß bereiteten.

»Er heißt Sparkes und ist Privatdetektiv«, berichtete er.

»Was für eine Sorte ist er denn?«

»So ein eingebildeter Geck im mittleren Alter. Schnaps und Bier scheinen seine Hauptnahrungsmittel zu sein. Im übrigen sitzt er den ganzen lieben langen Tag auf einer Bank und läßt sich von der Sonne bescheinen. Wenn du einen Spaziergang machst, kannst du ihn gar nicht übersehen. Starke Brauen, rote Nase und einen Backenbart wie ein Dschungeldickicht.«

Sie folgte dem Rat ihres Komplicen und fand die Beschreibung zutreffend. Mr. Sparkes saß auf einer Bank und starrte, müßig die Daumen drehend, auf die See hinaus. Als Miss Morrison an ihm vorbeispazierte, blickte er nicht einmal auf.

»Jetzt haben wir unseren Freund, den Preller«, meinte Meg, als sie wieder zu Hause eintraf.

»Wie willst du es denn anfangen?« erkundigte sich van Deahy.

»Das wirst du bald merken. Jener Sparkes hat das, was ich am meisten benötige: die Adresse des Prellers.«

Am gleichen Nachmittag schickte sie ihre Boten aus. Von diesem Augenblick an brauchte sich Mr. Sparkes nicht mehr über Langeweile zu beklagen. Er lernte einige recht nette Leute kennen, die bei ihm stehenblieben, auf die Regierung schimpften, das Wetter besprachen und auch sonst gern einen kleinen Klatsch mit ihm anfingen. Einer der neuen Bekannten lud Sparkes zu einer Erfrischung ein. Nach langem Zögern lehnte er ab.

»Es tut mir leid ... nichts würde mir besser passen ...«, sagte er, »aber ich habe hier einen Auftrag zu erfüllen. Wenn ich mit Ihnen ginge, würde ich vielleicht meinen Posten verlieren.«

Der andere lachte ihn aus, und nach weiterer Überredung begleitete Sparkes den neuerworbenen Freund in die nächste Kneipe.

»Kennen Sie die Leute, die in dem Haus gegenüber der Bank, wo Sie saßen, wohnen?« erkundigte sich der Spion ganz nebenbei.

»Jawohl«, erwiderte Sparkes.

»Nette Leute sind's – alte, gute Freunde von mir. Natürlich haben sie eine Menge Feinde. Hoffentlich gehören Sie nicht auch zu ihnen.« Der Abgesandte Megs blickte seinen Trinkgefährten an.

»Ich tue nur, was mir befohlen wird«, umging Sparkes geschickt die Frage.

»Schön. Ich will mit offenen Karten spielen, Sir«, meinte plötzlich der andere. »Sie sind hier, um jenes Haus zu beobachten, nicht wahr? Die Bewohnerin des Hauses fühlt sich durch Sie bedrückt und belästigt.«

Sparkes schwieg.

»Ich weiß nicht, wie Sie von Ihren Auftraggebern entlohnt werden, aber ich könnte Ihnen hundert Pfund zuschanzen, ohne daß nur das geringste herauskäme.«

»Hundert Pfund?« Das Interesse Sparkes' schien erwacht. »Natürlich müßte ich meine Pflicht ...«

»Der Auftrag, den ich für Sie habe, würde mit Ihren Instruktionen nicht im Widerspruch stehen«, beruhigte ihn der neugefundene Wohltäter. »Wenn Sie das Geld verdienen wollen, kommen Sie heute abend hinauf zu meinen Freunden dort drüben. Sie können ja warten, bis es dunkel geworden und niemand in der Nähe ist, der Sie beobachten könnte.«

Sparkes kratzte sich nachdenklich die Nase, strich sich seinen wirren Bart glatt und sagte endlich:

»Nun, wenn es wirklich nicht gegen meine Pflicht geht und ...«

»Also halb elf, nicht wahr?« unterbrach ihn der Versucher. »Wollen Sie kommen?« Sparkes nickte.

Er sollte, wie ihm der andere nun mitteilte, durch das Tor bis zum Haus hinaufgehen und dort an die Tür klopfen. Er würde empfangen werden, und zwar von ihm, dem Freund, selbst.

Genau zur festgesetzten Minute schlürfte Mr. Sparkes den Weg zum Haus hinauf und hatte kaum die halbe Entfernung zurückgelegt, als jemand aus dem Schatten der Bäume heraustrat und ihm die Hand auf den Arm legte. Er wandte sich überrascht um und erkannte in dem fahlen Mondlicht die Gestalt eines jungen Mädchens.

»Ich rate Ihnen vom Betreten des Hauses ab«, warnte sie ihn. »Ich hörte die Leute dort oben über Sie sprechen. Sagen Sie mir doch bitte, was hier eigentlich vor sich geht?«

»Gar nichts, Miss«, erwiderte Sparkes überrascht.

Das Mädchen schien von der Auskunft nicht befriedigt.

»Man sprach über Sie. Ich kenne Sie und weiß, daß Sie unser Haus beobachten. Warum das? Madame sagte mir, daß Sie erwartet würden und – bitte, sagen Sie mir doch, was los ist!«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Miss. Aber«, er senkte seine Stimme zum Flüstern, »wenn ich Ihnen raten kann, verlassen Sie diese Stellung so bald als möglich.«

Er beobachtete sie, bis sie im Dunkel des Gartens untergetaucht war, und setzte dann seinen Weg bis zur Tür fort. Noch ehe er klopfen konnte, wurde sie vor ihm geöffnet. Sein Gesellschafter vom Morgen stand auf der Schwelle, und als er Sparkes erkannte, führte er ihn in einen eleganten Salon. Miss Morrison und Mr. van Deahy begrüßten ihn höflich. Ein weißgedeckter Tisch mit Tellern und einladenden Flaschen besetzt, harrte des Besuchers.

Die Einleitung war kurz. Miss Morrison lud den Gast ein, Platz zu nehmen, und kam gleich auf den Grund der Einladung zu sprechen.

»Ich erkläre mich einverstanden, Ihnen zwei Wochen lang jede Woche einhundert Pfund zu zahlen«, sagte sie, »wenn Sie das tun, was ich Ihnen befehle. Nach Ablauf der beiden Wochen erhalten Sie einen weiteren Bonus von hundert Pfund als Belohnung für gute Dienste.«

»Entschuldigen Sie, Madame«, erwiderte der also Beglückte. »Verlangen Sie auch nichts, was meinem Auftrag von anderer Seite widerspricht?«

»Mann«, gab sie ungeduldig zurück, »glauben Sie denn, ich würde Ihnen dreihundert Pfund zahlen, nur um das Vergnügen zu genießen, mich mit Ihnen zu unterhalten? Wollen Sie meinen Vorschlag annehmen oder nicht?« Die Frage klang sehr entschieden.

Sparkes dachte einen Augenblick angestrengt nach.

»Ich nehme ihn an«, gab er dann zurück.

»Gut. Sie sind klüger, als ich dachte. Wohin senden Sie Ihre Telegramme?«

»Ich sende gar keine, sondern berichte alle paar Tage mündlich.«

»Wohin?« rief sie aufgeregt.

Sparkes zögerte.

»Gib ihm das Geld!« befahl Miss Morrison ihrem Genossen.

Van Deahy nahm eine Brieftasche heraus und zählte langsam und geduldig einhundert Pfund in Banknoten ab. Das kleine Bündel legte er vor den Detektiv. Sparkes nahm es auf, faltete es und versenkte es in seine Tasche.

»604 Cathedral Buildings, Westminster«, gab er Auskunft.

»Gut. Wohnt Ihr Auftraggeber dort?«

»Ja, Miss. Er bewohnt zehn Zimmer, wovon zwei überhaupt nie benutzt werden. So hat man mir berichtet«, fügte er hinzu.

»Dort hat er sicherlich seinen Raub aufbewahrt«, meinte van Deahy.

Meg schritt aufgeregt im Zimmer auf und ab. Endlich nahm sie wieder Platz.

»Darauf müssen wir ein Glas Sekt trinken«, sagte sie. »Sie trinken ihn doch gewiß gern, Mr. Sparkes, nicht wahr?« wandte sie sich an ihn.

»Jawohl, Miss«, erwiderte Sparkes trocken. »Ehe wir aber anfangen, Miss, möchte ich Ihnen noch etwas mitteilen.« Er senkte seine Stimme. »Ja, mein Auftraggeber ist reich. Kann uns auch wirklich niemand zuhören?« Er blickte sich besorgt nach der Tür um, die hinter einem Vorhang verborgen lag.

»Nein«, beruhigte ihn van Deahy.

»Bitte, sehen Sie doch lieber nach, Sir. Ich bin aufgeregt wie ein Schuljunge vor dem Examen.«

Van Deahy begab sich zur Tür, öffnete sie und schritt mit Miss Morrison ins angrenzende Zimmer, dessen Beleuchtung er ebenfalls einschaltete, um Sparkes zu beruhigen.

»Sie sehen, daß wir wirklich allein sind«, meinte er, als sich alle wieder im Zimmer befanden. »Was gibt es denn?«

»Er will das Land verlassen, Sir, und zwar schon in zwei oder drei Wochen.«

»Ausreißen will er?« Das Mädchen war aufgesprungen. »Das ist wirklich wichtig. Wohin will er denn?«

»Soweit ich schließen konnte – nach Spanien.«

»So, so? Prosit Mr. Sparkes!« Sie trank ihm zu.

»Prosit«, wünschte auch van Deahy und nahm einen tiefen Schluck.

»Schmeckt großartig«, erklärte Mr. Sparkes und wischte sich genießerisch den Mund ab.

Die anderen beiden starrten ihn an, immer noch ihre Gläser in der Hand. Van Deahy war der erste, der zusammenbrach. Mr. Sparkes fing gleich darauf Miss Morrison elegant und sicher in seinen Armen auf.

Dann nahm er das kleine Fläschchen, das er bisher in seiner Hand verborgen gehalten und aus dessen Inhalt er etwas in die Sektgläser der anderen geschüttet hatte, und steckte es wieder in seine Tasche. Nun verließ er das Zimmer, dessen Tür er sorgfältig hinter sich verschloß. Während der nächsten Viertelstunde war er eifrig mit der Durchsuchung des Schlafzimmers Miss Morrisons beschäftigt. Endlich verließ er das Haus und sprang in seinen vor der Tür haltenden Wagen.

»Alles in Ordnung?« fragte der Chauffeur.

»Völlig, Paul. Ich konnte nur auf diese Weise ins Haus gelangen, aber ich glaube, es hat sich gelohnt. Ich habe Megs ganzes Vermögen mitgenommen. Los, Paul!«

Paul grinste über das ganze Gesicht und trat auf den Gashebel.

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