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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 6
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Mr. Limmerburgs Reinfall

»Schön«, meinte Anthony. »Ich habe so etwas erwartet.«

Paul nahm die Zeitung, die sein Freund hingelegt hatte, auf und runzelte die Stirn.

»Seit wann bist du unter die Sportsleute gegangen, Anthony?« verwunderte er sich. »Hast du einen Tip gefunden?«

»Ja und nein. Verzeihe die orakelhafte Antwort, Paul, aber wenn du die Schlußzeilen der letzten Spalte des ersten Blattes gelesen haben wirst, wird es dir klarwerden, was ich meine. Mr. Limmerburg ist vor den Jockeyklub-Ausschuß geladen worden, um sich wegen einiger nicht ganz sauberer Manipulationen zu verantworten.«

»Und?«

»Das heißt, daß, wenn dies noch einmal geschieht, Michael Limmerburg keinen Rennplatz mehr beschicken darf. Das ist das einzige, wovor er sich fürchtet. Er hat Ehrgeiz, der junge Mann. Seine Frau trachtet danach, endlich einmal zur Gesellschaft von Maida Vale zugelassen zu werden; außerdem besuchen zwei seiner Jungen ein College, und auch er wird sein Lebensziel erst als erreicht betrachten, wenn er in der Politik soweit ist, daß er eines Tages geadelt wird.«

»Wer ist denn dieser Michael Limmerburg eigentlich, Anthony?« erkundigte sich sein Freund. »Ich weiß natürlich, daß er einen Rennstall besitzt, aber das ist ja schließlich nicht gerade eine Empfehlung für ihn.«

»Limmerburg«, erklärte der Preller, »ist der Besitzer der Firma Mackintosh & Grimstead, der größten Buchmacherfirma in England. Er hat außerdem unter anderen Firmierungen noch ein halbes Dutzend ähnlicher Betriebe. Endlich ist er der Mann, der unter der Maske eines Wohltäters diejenigen schert, die ja nach einem alten Sprichwort nicht alle werden.«

»Sandy nennt das: ›Die Lämmlein scheren‹, nicht wahr?« warf Paul verständnisvoll ein.

»So ist es. Er hat sein Vermögen dadurch erworben, daß er die Unwissenheit der reichen jungen Leute nach Kräften ausnutzte. Man sagt, er sei derjenige, der den jungen Sollson ruiniert hat, obwohl er ein Landsmann von ihm war. Der arme Teufel ist jedoch nur einer unter vielen anderen gewesen.«

»Und was beabsichtigst du gegen ihn zu unternehmen? Willst du ihn von den Rennplätzen verweisen lassen?«

»Nein«, gab der Preller nachdenklich zurück. »So grausam bin ich gar nicht. Aber bist du nicht auch der Ansicht, daß er zuviel Geld hat und daß der Tag gekommen ist, wo wir ihn ein wenig schröpfen könnten?«

Paul nickte. Ohne dem tiefen Nachdenken seines Freundes weiterhin auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen, fuhr er mit seinem Patiencespiel fort.

»Kannst du ein Pferd von einem Esel unterscheiden, Paul?« unterbrach ihn plötzlich der Freund.

»Ich schmeichle mir ...«, begann Paul.

»Das brauchst du nicht erst zu erwähnen«, unterbrach ihn der Preller. »Scherz beiseite: Verstehst du etwas von Rennpferden?«

»Ich glaube, doch«, erwiderte Paul ernst, aber um seine Lippen zuckte es verräterisch. »Vielleicht erinnerst du dich daran, daß mein alter Herr früher einen Rennstall besessen hat.«

»Um so besser. Höre gut zu. Du sollst im Land herumreisen und Trainer besuchen, die etwas von einem guten Rennpferd wissen, das man unter der Hand kaufen könnte. Es soll ein wirklich gutes Pferd sein, wenn auch gerade kein Favorit. Der Preis ist Nebensache. Verstehst du, was ich haben will?«

»Ja, ich glaube.«

»Der Gaul muß imstande sein, in etwa Monatsfrist zu einem Rennen zugelassen zu werden. Bleibe bei diesen Nachforschungen mit mir in Fühlung, und ich glaube, ich kann dir allerhand Spaß versprechen.«

Die Auskünfte, die der Preller seinem Freund Paul über Michael Limmerburg gegeben hatte, waren, wenn es darauf ankam, noch weit hinter den wirklichen Tatsachen zurückgeblieben. Limmerburg war das, was man in Rennkreisen als ›Schieber‹ zu bezeichnen pflegt.

Der Mann war groß, ziemlich dick, doch immerhin von stattlichem Äußeren. Bekannt war sein Geschmack, der ihn stets die modernste und passendste Kleidung wählen ließ. Ruhig von Benehmen, offen jedem Menschen gegenüber, genoß dieser ›Buchmacher‹ in allen Kreisen ein Ansehen, wie es nur einem außergewöhnlichen Menschen gezollt wird. Bei allen wichtigeren Rennen war er zugegen, brachte aber seine Wetten selten auf den Rennplätzen selbst an. Nicht allein war er, wie Anthony erwähnt hatte, Besitzer der Buchmacherfirma Mackintosh & Grimstead, sondern besaß auch zahlreiche kleinere Firmen, die Rennwetten auf Kredit annahmen. Aus allen seinen Unternehmungen heimste er ansehnliche Reingewinne ein. Gerade die Mannigfaltigkeit seiner Geschäfte trug dazu bei, ihm das Ansehen, das er genoß, zu verleihen.

Eines Abends wartete er im Manchester Grand Hotel mit seinem stetigen Bewunderer Stinie Moss aufs Essen. Sie schienen einen dritten Teilnehmer zu erwarten, denn Limmerburg zog hin und wieder ungeduldig seine kostbare Uhr. Vor etwa drei Wochen hatte sich der Preller den Plan zurechtgelegt, Mr. Limmerburg ein wenig zu ›prellen‹. Das künftige Opfer war in bester Stimmung.

»Nun, was meinte denn Billy?« fragte er, zum fünftenmal auf seine Uhr blickend.

»Über was denn? Ach so, wegen Billy Boy, wie?«

Limmerburg nickte, und sein Tischgenosse strahlte über das ganze Gesicht.

»Billy Boy?« fragte Stinie verächtlich. »Der Gaul könnte noch mit einer Schildkröte ein Rennen aufnehmen. Du kannst mir's glauben, Michael, dein neuer Freund ist der größte Idiot, der mir jemals vorgekommen ist.«

Tadelnd winkte Limmerburg ab.

»Diesen Ausdruck darfst du niemals gebrauchen, Stinie, mein Junge«, rügte er. »Die Herren, die mit mir verkehren, sind niemals Idioten, merk dir das. Ganz besonders trifft dies auf meinen jungen Freund, Mr. Cannes, zu.« Beide lachten herzlich.

»Warum aber, um Gottes willen, hat er denn überhaupt Billy Boy gekauft, Mike?« erkundigte sich Mr. Moss neugierig. »Beim letzten Rennen, das der Gaul mitmachte, war er doch unter den ›Ferner liefen‹?«

»Ich habe Mr. Cannes zugeredet, das Pferd zu kaufen«, gab Mike Limmerburg zu.

»Und das Geld dazu? Wo hat er das her? Ist es nicht eine Gemeinheit, daß Leute wie er soviel Geld haben, während Kluge, wie wir es sind, immer mit leeren Taschen herumlaufen müssen?«

»Sein Vater in Argentinien scheint sehr reich zu sein«, gab ihm sein Gastgeber Auskunft. »Als er mit mir in Geschäftsverbindung trat, brachte er einen Bankauszug mit, der für fünfzigtausend Pfund gut war.«

»Warum aber einen Gaul wie Billy Boy kaufen? Nicht einen Penny ist er wert. Er hat ein einziges Rennen gewonnen, aber nur weil er gedopt worden war.«

»Pst, Cannes kommt«, flüsterte Limmerburg.

Ein elegant gekleideter, nett aussehender junger Mann schritt auf die beiden Wartenden zu und begrüßte Limmerburg.

»Darf ich Ihnen meinen Freund vorstellen?« fragte der Buchmacher mit einer Geste auf Stinie.

»Servus, Freundchen«, rief Cannes leutselig. »Jeder, der Limmerburgs Freund ist, ist auch der meine.«

»Haben Sie sich die Sache mit Billy Boy schon überlegt«, erkundigte sich Limmerburg, als der junge Mann Platz genommen hatte.

Überrascht starrte ihn Cannes an:

»Billy Boys wegen? Nein. Er befindet sich ja, wie Sie wissen, beim Trainer, und wie mir dieser mitteilte, benimmt er sich recht nett.«

»Hm. Wenn Sie wirklich glauben, daß der Gaul gut ist, würde ich Ihnen raten, auf ihn am Samstag zu setzen.«

»Samstag? Ach ja, es ist ja ein Verlosungsrennen. Glauben Sie, daß er Chancen hat?«

»So gewiß wie das Amen im Gebet. Ich glaube, die anderen Renner werden gegen ihn überhaupt nicht in Frage kommen.«

Nachdenklich kratzte sich der glückliche Besitzer des Wunderpferdes an der Stirn: »Na, na, übertreiben Sie nur nicht. Ich habe die Starterliste nachgesehen, und – verdammt noch einmal – es sind wirklich gute Gäule genannt.« Mr. Cannes schien es zu ergötzen, wenn er seine Sätze mit Flüchen bekräftigen konnte.

»Ach was, die Starterliste will gar nichts besagen«, beruhigte ihn der Buchmacher. »Mit zwei Längen wird er vor den anderen durchs Ziel gehen. Sie wissen ja gar nicht, was für ein Wunderpferd Sie gekauft haben, Mr. Cannes.«

Der junge Mann strahlte.

»Ja, Sie haben recht. Als ich Billy Boy vorige Woche kaufte, sagte ich mir selbst, daß ich da einen verdammt guten Kauf gemacht hätte.«

Limmerburg mußte sich beherrschen, um nicht aufzulachen, aber laut stimmte er seinem Opfer zu. Nach wenigen Minuten beschäftigten sich die Herren mit dem Plan, den Cannes ausgearbeitet hatte, um die Buchmacher ein wenig von ihren überflüssigen Geldern zu erleichtern.

»Sie müssen vermeiden«, riet ihm Michael, »jemand wissen zu lassen, daß Sie auf ihr eigenes Pferd wetten.«

»Aber ... wie soll ich das geheimhalten?« erkundigte sich der Neuling.

»Indem Sie Ihre Gelder telegrafisch bei verschiedenen Buchmachern anlegen. Ich kenne selbst mehr als ein halbes Dutzend Leute, die gern bis zu fünfhundert Pfund Rennwetten telegrafisch annehmen würden. Folgen Sie meinem Rat und schreiben Sie an sie, damit sie gestatten, daß Sie bei ihnen ein Konto eröffnen. Sie können sich ja ausbedingen und bestätigen lassen, daß sie Wetten bis zu fünfhundert Pfund von Ihnen telegrafisch annehmen und ausführen.«

»Das ist ein schlauer Gedanke«, erwiderte der andere nach kurzer Überlegung. »Was mache ich aber, wenn ich gewinne, und die Kerle leugnen ab, daß sie meine Wette angenommen haben?«

»Das können sie doch nicht, denn ich sagte Ihnen ja schon, daß Sie auf Bestätigung bestehen müssen. Kommen Sie, wir wollen ins Schreibzimmer gehen. Dort gebe ich Ihnen meine Adressen, und Sie können die Briefe gleich absenden. Sie brauchen keine Angst um Ihr Geld zu haben, denn die Leute sind alle sichere und wohlbekannte Geschäftsleute.«

»Aber die Starterliste?«

»Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über diese Dinge«, beruhigte ihn Limmerburg. »Das Pferd ›Year Book‹, das so gelobt wird, hat gegen ›Billy Boy‹ überhaupt keine Chancen.«

Den Abend verbrachten sie mit Briefschreiben. Mr. Limmerburg war so entgegenkommend, seinem jungen Freund etwa acht Adressen von Buchmachern zu nennen, die, wie er sagte, sicherlich telegrafische Wetten ausführen und im Gewinnfalle ohne weiteres bezahlen würden. Er mußte es ja wissen, denn er war bei allen von ihnen Mitbesitzer. Mr. Cannes hätte das leicht feststellen können, wenn er sich die Mühe gemacht hätte, im Rennjahrbuch nachzusehen, was er aber nicht tat.

Am selben Abend noch hatte Limmerburg mit seinem Satelliten eine lange Besprechung.

»Year Book ist ein tadelloser Gaul, gegen den Billy Boy überhaupt keine Chancen hat. Als Besitzer ist ein Mr. Robinson genannt. Wer mag der Mann sein?«

Stinie lachte leise.

»Wahrscheinlich genau eine solche Type wie Cannes«, meinte er. »Er hat mehr Geld, als er ausgeben kann. Sein Vater war in der Automobilbranche und hat sich gleichfalls dem Rennsport gewidmet.«

»Können wir ihn kaufen?« fragte Limmerburg nachdenklich.

»Für ein Butterbrot«, bekräftigte Stinie Moss. »Er wohnt hier im Hotel und hat, soviel ich weiß, unter den Rennleuten wenig Bekannte. Wenn du willst, rede ich mit ihm.«

»Nein, das werde ich selbst besorgen.«

Ja, Mr. Robinson befand sich, wie der Portier auf Limmerburgs Frage mitteilte, in seinem Zimmer. Dem Mutigen gehört die Welt. Der Buchmacher beschloß, den Stier bei den Hörnern zu fassen. Er fand Mr. Robinson im eleganten Schlafrock, im Lehnstuhl seines Schlafzimmers, vor sich ein Buch, im Mund eine Pfeife.

»Entschuldigen Sie, wenn ich stören sollte, Mr. Robinson«, bat der späte Besucher. »Ich heiße Limmerburg. Sie werden von mir gehört haben, nicht wahr? Meine Buchmachergeschäfte sind ziemlich ausgedehnt.«

»Ja, ich habe von Ihnen gehört. Setzen Sie sich doch, bitte. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Ich befinde mich in einer prekären Lage, Mr. Robinson. Sie lassen am Samstag ein Pferd laufen, nicht wahr?«

»Ja, meinen Year Book. Ich glaube, er wird der Sieger werden.«

»Nun«, Mr. Limmerburg nahm den feierlichen Ton eines Predigers an, »dann will ich Ihnen mitteilen, daß einer meiner nettesten jungen Freunde ruiniert sein wird.«

Mr. Paul Robinson riß erstaunt seine Augen auf.

»Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert.

»Ich werde Ihnen das erklären«, erwiderte der Besucher, der ein glänzender Lügner war. »Mr. Cannes – der junge Freund, von dem ich sprach – hat sein Pferd Billy Boy eintragen lassen. Bitte, reden Sie niemand gegenüber davon, Sir.«

»Unsere Unterredung betrachte ich als streng vertraulich.«

»Mr. Cannes hat bisher sehr schwere finanzielle Verluste erlitten, Mr. Robinson. Er will nun sein ganzes Geld auf Billy Boy setzen, um ein für alle Male den Kopf freizubekommen. Das einzige Pferd, das wirklich ein Gegner für das seine wäre, ist Year Book.«

Mr. Paul Robinson schien nachzudenken.

»Nun, dann lasse ich eben mein Pferd nicht laufen«, entschloß er sich. »Es ist ja noch in mehreren Rennen eingetragen und wird wohl eines davon gewinnen. Welches, ist ja gleichgültig.«

Mr. Limmerburg schüttelte abwehrend den Kopf.

»Nein, das geht nicht, Sir«, widersprach er. »Ich wollte Ihnen – bitte, nehmen Sie meinen Vorschlag nicht übel – raten, Year Book zwar laufen zu lassen, aber so, daß er ...«

»... verliert«, vollendete der andere den Satz. »Na, das ließe sich vielleicht machen, das heißt: gegen eine Vergütung.«

Diese Worte verschlugen dem erstaunten Limmerburg den Atem. Er hatte beabsichtigt, bei diesem Mr. Robinson seine rührseligsten Akkorde anzuschlagen, und fand zu seinem Erstaunen, daß der junge Pferdebesitzer nicht ganz so jung und unerfahren war, wie er aussah. Limmerburg hatte schon vieles erlebt, aber eine derartig offen zur Schau getragene Skrupellosigkeit war ihm noch nicht vorgekommen. Er lachte.

»Na, darüber werden wir uns nicht in die Haare geraten«, beschied er den anderen. »Genügen Ihnen hundert Pfund?«

»Nein; fünfhundert sofort bar auf den Tisch, und Year Book ist für das Samstagrennen tot und begraben.«

Der Blick, mit dem Limmerburg den Hausherrn musterte, wurde immer bewundernder. Er zog seine Brieftasche und zählte fünf Einhundert-Pfund-Noten auf den Tisch.

»Sie sind mir ein feiner Ganove«, meinte er.

»Möglich«, gab der andere offen zu. »Wollen Sie ein Gläschen mit mir trinken?«

Limmerburg nahm an, um einige Minuten später Mr. Stinie Moss aufzusuchen.

»Alles in Butter, Stinie. Es bedurfte keiner langen Überredungskünste; ich habe die Sache geregelt. Er wollte sein Pferd gar nicht laufen lassen, aber das hätte uns nichts genützt. Jetzt werden wir gegen Year Book wetten.«

»Dann wird es mit seiner Favoritenherrlichkeit bald vorbei sein« prophezeite Stinie und hatte sich, wie die Ereignisse bewiesen, nicht getäuscht. Der Renntag war für Mr. Limmerburg eine Goldquelle geworden. Zwischen zwei Rennen sah er den aufgeregten Mr. Cannes auf sich zukommen, der aus dem Telegrafenamt herausgetreten war.

»Alles fein, fein«, meinte der junge Mann, unterdrückten Jubel in seiner Stimme. »Alle die Leute, an die ich auf Ihren Rat hin geschrieben hatte, haben meine Wetten angenommen und bestätigt. Viertausend Pfund im ganzen.«

»Bravo. Vergessen Sie nur nicht Ihre alten Freunde, wenn Sie gewinnen.«

»Nie werde ich das tun«, versprach der Glückliche. »Sie haben mir einen großen Gefallen erwiesen, und ich bin nicht undankbar. Glauben Sie, daß ich mich auf meine Buchmacher verlassen kann?«

»Zweifellos. Kommen Sie, wir wollen uns das Rennen ansehen.«

»Sie glauben doch nicht, daß Year Book gewinnt?«

»Nein.« Limmerburg glaubte bestimmt zu wissen, daß er die Wahrheit sprach, denn er hatte ja ein Vermögen gegen das Pferd gesetzt. Schon hatten die Rennbahnbesucher Lunte gerochen, und Year Book war nicht mehr der Favorit, der er bisher gewesen war. Man konnte Wetten mit 5:1 anbringen, während noch heute morgen solche mit 1:2 nur mit Achselzucken entgegengenommen worden waren.

Merkwürdig genug: Trotz aller Zweifel in die Qualität Year Books konnte man auf Cannes' Favoriten Billy Boy Wetten so hoch wie zwanzig und dreißig zu eins abschließen.

Die Pferde kamen gut ab. Das rotweiße Jackett, das Year Books Jockey trug, stand in Front und verlor den Platz nicht mehr. Billy Boy hatte den Platz inne, den Limmerburg ihm vorausgesagt hatte: den letzten.

Immer noch den Blick auf den weitausgreifenden Year Book gerichtet, wandte sich der Buchmacher an Stinie.

»Year Book läuft mir zu gut«, sagte er, ohne seine Besorgnis zu verbergen.

»Er wird gleich zurückfallen«, tröstete ihn sein Freund. »Harrogate macht das Rennen.«

Aber Year Book fiel nicht zurück. In der Kurve war er immer noch erster und setzte auch seinen weiteren Weg wie eine gutgeölte Maschine fort. Mit vier Längen ging er als Sieger durchs Ziel.

Die Ausdrücke, mit denen Limmerburg den glücklichen Besitzer des Favoriten belegte, waren einigermaßen unparlamentarisch.

»Er hat uns ›geschoben‹. Na, das macht schließlich nichts. Wir machen unseren Verlust an Billy Boy wieder gut. Hier kommt das Kamel, das auf ihn gesetzt hat.«

›Das Kamel‹ war Mr. Cannes, der sich eben durch das Gedränge seinen Weg suchte.

»Dabei macht er noch ein ziemlich freudiges Gesicht«, verwunderte sich Stinie.

»Ja, wir müssen ihn noch mehr zur Ader lassen«, stimmte Limmerburg zu. »'n Tag, Mr. Cannes! Schade, Sie haben Pech gehabt!«

»Meinen Sie Billy Boys wegen?«

»Natürlich. Ich dachte bestimmt, daß er gewinnen würde.«

»Ich nicht«, gab der erstaunliche Mr. Cannes zur Antwort.

»Sie nicht?« Limmerburg war überrascht.

»Ganz und gar nicht. Ich wußte, daß er Letzter werden würde. Er ist es ja auch geworden, nicht wahr?«

Ein furchtbarer Gedanke tauchte in Limmerburg auf.

»Auf welches Pferd hatten Sie denn eigentlich gewettet?« fragte er, gespannt der Antwort harrend.

»Auf Year Book natürlich. Ich konnte viertausend Pfund auf ihn placieren«, gab Cannes, faunisch lächelnd, zurück. »Lauter verläßliche Buchmacherfirmen, Mr. Limmerburg; alles bei Leuten, die mit Ihnen arbeiten.«

Limmerburg schien einem Schlaganfall nahe zu sein.

»Erwarten Sie wirklich, daß Sie Ihre Gewinne ausbezahlt bekommen?« fragte er höhnisch, als er sich ein wenig von seinem Schrecken erholt hatte.

»Natürlich, was glauben Sie denn?« gab der junge Mann voller Vertrauen zurück. »Ich weiß, daß ich mein Geld bekomme, denn ich bin überzeugt, daß Sie kaum den Wunsch hegen werden, wieder vor dem Jockeyklub-Ausschuß zu erscheinen. Wenigstens in den nächsten Jahren nicht.«

Mr. Limmerburg antwortete nicht, sondern schluckte nur krampfhaft.

Später am Tag beichtete er seinem Bundesgenossen Stinie.

»Moss«, jammerte er. »Wir sind behackt worden, und ich muß die Medizin schlucken, ob ich will oder nicht. Die beiden jungen« -, er gebrauchte eine nicht druckfähige Bezeichnung – »haben bestimmt zusammengearbeitet. Der eine hat bare fünfhundert Pfund ergaunert, und der andere, mein Gott, beinahe zwanzigtausend Pfund.«

»Warum aber willst du denn bezahlen?« wollte Stinie wissen.

»Sei doch kein Esel. Ich habe genug von dem einen Mal, wo mich die Ausschußmitglieder vor ihr Gericht zitierten. Ich habe zwei Jungens auf der Schule, und meine Frau soll nächste Woche der Königin vorgestellt werden. Wenn ich nur wüßte, wer die beiden Halunken sind.«

Er erfuhr es niemals. Der Preller hatte seine und Pauls Identität zu gut unter der Maske zweier Grünlinge verborgen.

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