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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Der fingierte Bankraub

Ziellos spazierte der Preller, ein Paket Bücher unter dem Arm, die Philosophenbrille vor den Augen, den ›Strand‹ entlang. Er sah aus wie ein Student, dessen Stipendien weder hinten noch vorn langen. Vor beinahe jedem Schaufenster blieb er stehen, bis er plötzlich mit einem Mädchen zusammenrannte, das aus einem Geschäftsbau herausgekommen war. Er versuchte sich zu entschuldigen, aber die junge Dame schien das kleine Unglück gar nicht bemerkt zu haben, denn ohne dem Ungeschickten auch nur einen Blick zu schenken, eilte sie weiter. Der kurze Zusammenstoß hatte jedoch Anthony ihr schneeweißes Gesicht und ihre vom Weinen geröteten Augen zu deutlich gezeigt, um nicht sofort seine ganze Aufmerksamkeit zu erregen. Halb unbewußt warf er einen Blick auf das Schild vor dem Tor, aus dem das Mädchen gekommen war. Unter der Firmentafel eines Zigarrenladens befand sich noch ein zweites Messingschild, das als weiteren Bewohner einen Mr. Oliver Digle, Finanzberater, anzeigte.

Der Name war dem Preller nicht ganz unbekannt, denn er hatte ihn in Verbindung mit anrüchigen Prozessen schon häufig nennen gehört. Der Mann war, wie Anthony wußte, ein Wucherer allerschlimmster Sorte. Die Angelegenheit, die das junge Mädchen eben bei Digle erledigt zu haben schien, erregte deshalb Anthonys höchstes Interesse. Er folgte ihr, seine Schritte beschleunigend, um sie wieder einzuholen. Erst glaubte er, sie befinde sich auf dem Weg zur Charing-Cross-Station, wurde aber bald eines Besseren belehrt, denn die junge Dame eilte durch die Villiers Street dem Embankment Park zu. Augenscheinlich befand sie sich auf der Suche nach einer ruhig gelegenen Bank, wo sie sich ganz ihrem Schmerz hingeben könnte. Anthony behielt sie im Auge, bis sie sich endlich auf einer einsamen Bank niederließ. Ohne ein Wort der Entschuldigung nahm er neben ihr Platz, öffnete ein Buch und war allem Anschein nach bald darauf in dessen Lektüre versunken. Seine ganze Aufmerksamkeit galt aber dessen ungeachtet dem Mädchen neben ihm. Sie schien von seiner Gesellschaft wenig entzückt zu sein, denn als er neben ihr Platz nahm, wollte sie augenscheinlich einen anderen Ruheplatz aufsuchen, überlegte es sich dann aber und blieb sitzen.

»Verzeihen Sie«, eröffnete er ruhig das Gespräch. »Vor allen Dingen möchte ich bei Ihnen nicht den Eindruck erwecken, als suchte ich Abenteuer.«

Überrascht starrte ihn die junge Dame an. Er fuhr fort:

»Ich weiß, daß man eine junge Dame nicht auf offener Straße ansprechen soll, aber Sie brauchen vor mir wirklich keine Angst zu haben. Ich habe nicht die geringste Absicht, Ihnen irgendwie lästig zu fallen. Übrigens, der Herr, der dort drüben auf jener Bank so vertieft in seine Zeitung ist, ist ein höherer Beamter Scotland Yards, während der Parkwächter ja, wie Sie sehen, uns ebenfalls im Auge hat. Wenn ich also irgendwie lästig werden sollte, hätten Sie ausreichende Hilfe ganz in Ihrer Nähe.«

Wider Willen mußte sie lächeln.

»Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, mein Herr«, gab sie zurück, »will Ihnen aber nicht verhehlen, daß ich nicht die geringste Lust verspüre, mich mit irgend jemand und am wenigstens mit einem völlig Unbekannten in ein Gespräch einzulassen.«

Er nickte zustimmend.

»Das ist mir klar genug, aber ich habe den Eindruck gewonnen, als sei Ihnen ein Helfer dringend vonnöten. Sie haben eine Auseinandersetzung mit Digle gehabt, nicht wahr?«

Überrascht starrte sie ihn an.

»Woher wissen Sie das?« fragte sie.

»Ich erriet es. Er versuchte wohl, Ihnen die Daumenschrauben anzusetzen, wie?«

Sie runzelte die Stirn. x

»Sie waren wohl dort? Kennen Sie ihn? Hat er Sie mir nachgesandt?«

»Nein. Ich kenne Mr. Digle nicht persönlich, habe aber allerlei von seinen liebenswürdigen Manieren erfahren. Aus Ihrer Verstörung glaubte ich schließen zu können, daß Sie zu den Unglücklichen gehören, die diesem Shylock in die Klauen geraten sind. Der einzige Zweck, weshalb ich Sie ansprach, war, mich zu erkundigen, ob ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein«, gab sie einsilbig zurück. »Nein, ich befürchte, daß auch Sie mir nicht helfen können. Ich habe mich wie eine Idiotin benommen.«

»Diesen Fehler haben wir alle das eine oder andere Mal begangen«, tröstete er sie. »Bitte, erweisen Sie mir den Gefallen und beichten Sie mir, was Ihnen passiert ist.«

Lange schwieg sei. Endlich war sie mit sich im klaren.

»Ich kann es Ihnen ebenso gut erzählen, denn ich habe nichts verbrochen, was ich zu verbergen hätte. In wenigen Wochen wird ja die große Öffentlichkeit doch davon erfahren.«

Sie war die Witwe eines jungen Offiziers, der im Krieg gefallen war. Er hatte ihr ein kleines Landhaus hinterlassen und einige hundert Pfund Ersparnisse zurücklegen können, von denen sie nun lebte.

»Mein Edi war ein guter Junge, wenn auch ein wenig leichtsinnig«, vervollständigte sie ihre Schilderung. »Natürlich hatte ich keine Ahnung, daß er Mr. Digle Geld schuldete. Allem Anschein nach hatte er sich jedoch von ihm, kurz bevor er fiel, einige tausend Pfund geborgt, wovon ich bis vor kurzem nichts wußte. Vor einigen Tagen besuchte mich ein Vertreter Digles, der mir den vollstreckbaren Schuldtitel vorlegte und Zahlung verlangte. Natürlich werde ich den Namen meines toten Gatten nicht in den Schmutz zerren lassen und deshalb bezahlen. Das bedeutet aber, daß ich mittellos dastehen werde.«

»Und wieviel schuldet Ihr Gatte angeblich dem Verleiher?«

»Die ursprüngliche Darlehenssumme war eintausend Pfund, wuchs jedoch durch Zinsen und Spesen auf zweitausend an. Oh, wie gemein, wie niederträchtig!«

Anthony notierte sich die Zahlen.

»Bitte, geben Sie mir nun Ihre Adresse«, bat er. »Dann möchte ich von Ihnen, wenn möglich, das Ausstellungsdatum der Schuldurkunde und den Grund wissen, warum Ihr Gatte das Geld geborgt hatte.«

Sie schüttelte wieder den Kopf.

»Ich kann Ihnen meine Adresse geben, aber die Einzelheiten der Schuld kenne ich selbst nicht. Sie sind mir ebenso ein Rätsel wie Ihnen. Zur Zeit, als Edi das Geld angeblich geborgt hat, war sein Bankkonto, wie ich bestimmt weiß, ziemlich groß. Warum er also gleichwohl zu einem Geldverleiher ging, weiß ich nicht. Möglich, daß er Verpflichtungen hatte, von denen ich nichts wußte; ich kann es mir aber nicht gut denken, denn er pflegte mir alle seine Sorgen zu beichten.«

»Besten Dank. Ich will Sie nun nicht länger belästigen, kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, daß man Sie zu betrügen versucht. Ich rate Ihnen, nicht einen Penny zu zahlen, bis Sie wieder von mir gehört haben. Haben Sie einen Rechtsbeistand?«

»Nein, ich habe mich bisher noch an keinen Anwalt gewandt.«

»Es wäre vielleicht besser, Sie nähmen sich einen«, riet er ihr. »Man soll sich in derartigen Fällen immer eines Anwalts bedienen.«

»Wohin kann ich Ihnen nötigenfalls Bescheid geben?« wollte sie wissen.

Die Frage setzte den Preller in Verlegenheit.

»Ich wohne mit einigen Freunden im Rex-Hotel, Brighton«, gab er nach kurzem Nachdenken Auskunft. »Dort erreicht mich Ihre Post.«

Die geschilderte kurze Unterhaltung hatte bei Anthony tiefen Eindruck hinterlassen. Er versäumte seinen Zug nach Brighton, weil er vorher noch einen kurzen Besuch bei einer privaten Auskunftei zu machen hatte.

»Ja, gewiß, wir können Ihnen über den alten Digle allerlei berichten«, meinte der Chef der Auskunftei auf die Frage seines Besuchers. »Es geht ihm seit einiger Zeit nicht zum besten.«

»Spekulationen?« fragte Anthony rasch.

»Nein: Wettleidenschaft. Er soll in den letzten zwei Monaten über hunderttausend Pfund bei Rennwetten verloren haben.«

»Ist er ehrlich?«

»Wie des Teufels Großvater. Er besitzt eben die Anschauungen eines Wucherers.«

»Das heißt also, daß er ein Schuft ist! Haben Sie irgend etwas Nachteiliges über ihn in Ihrer Kartei?«

»Nein, das nicht. Gewiß, er hatte schon verschiedentlich mit dem Staatsanwalt zu tun, aber es ist ihm bisher immer gelungen, die Fälle außergerichtlich beizulegen.«

»Weiter will ich nichts wissen. Das genügt mir.« Anthony verabschiedete sich und fuhr mit dem nächsten Zug nach Brighton.

Am nächsten Tag besuchte er die junge Witwe in ihrem Landhaus in Chorley und erfuhr dort noch einiges aus dem Leben des gefallenen Offiziers, das ihn interessierte.

»Hat Ihr Gatte, als er das letztemal auf Urlaub war, etwa geheimnisvolle Briefe erhalten?« erkundigte er sich bei der Frau.

Sie dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie:

»Nein, nicht daß ich wüßte ... Doch, jetzt erinnere ich mich. Er hatte damals einen Brief von einer Dame aus Pimlico erhalten, der ihn sehr überraschte. Sie hatte ihn um sein Autogramm gebeten, was sie damit begründete, daß sie von seiner Tapferkeit im Krieg gehört habe. Mein armer Edi ist natürlich nicht einer von jenen gewesen, die sich besonders auszeichneten, und er wunderte sich, wie die Briefschreiberin auf diese sonderbare Idee gekommen war. Das Autogramm hat er ihr aber doch gesandt. Wenn Sie sich einen Augenblick gedulden würden, will ich versuchen, den Brief der Autogrammsammlerin zu finden. Ich habe alle Briefe aufbewahrt, die er im letzten Jahr seines Lebens erhielt.«

Nach zehn Minuten kam sie mit einem Bündel Briefe zurück, aus dem sie bald darauf den herausgesucht hatte, der sich auf das geschilderte Ereignis bezog. Als Absender war eine Dame genannt, die in der Pimlico Road wohnte. Anthony notierte sich die Adresse. Der Name, den die Briefschreiberin angegeben hatte, interessierte ihn wenig, obwohl er deutlich als ›Caroline Smith‹ zu entziffern war.

Am nächsten Vormittag suchte er die angegebene Adresse auf und fand sich in einer billigen Pension. Ja, Mrs. Smith hatte eine Zeitlang hier gewohnt, war aber schon lange ausgezogen. Sie hatte angegeben, daß sie als Sekretärin bei einem Citykaufmann beschäftigt sei.

»Haben Sie eine Ahnung, wie der betreffende Kaufmann heißt?«

»Ja. Bei einem Mr. Digle«, erwiderte die Pensionsinhaberin.

In der darauffolgenden Nacht wurden das Büro und der Geldschrank Digles von einem Eindringling heimgesucht. Es war gegen ein Uhr morgens, als der mitternächtliche Besucher durch das Hintertreppenfenster in den Arbeitsraum des Wucherers eindrang. Das einzige, was der Einbrecher aus dem Geldschrank entwendete, war ein Bündel Papiere, die er lange studierte. Erst kurz vor der Morgendämmerung drehte er das Licht aus, entfernte die vor das Fenster gehängte Decke, steckte einige Papiere zu sich und verschloß den Rest wieder in den Schrank. Dann verließ er das Büro.

Am Embankment wurde der Einbrecher von einem Auto erwartet und befand sich eine Viertelstunde später mit seinem Sekretär auf dem Weg nach Brighton. In East Grinstead hielten sie zum Frühstück. Hier erst erstattete Anthony seinem Freund Paul Bericht.

»Die Sache ist mir nun ganz klar«, meinte er. »Der alte Digle kann eben nie genug kriegen. Nicht allein, daß er die ›Jeunesse dorée‹ schröpft, nein, er versucht auch die Hinterbliebenen gefallener Offiziere zu betrügen. Die Schuldtitel, die er ihnen vorlegt, sind wohl in ihrer überwiegenden Mehrzahl Fälschungen. Die Unterschriftsproben hat er sich durch Bitten um Autogramme zu verschaffen gesucht. Das Gerücht, daß er große Wettverluste erlitten habe, ist eine Ente. Ich habe seine Bücher geprüft: Er hat ein Bankguthaben von über achtzigtausend Pfund in bar.«

»Jedenfalls hat er nicht übel kalkuliert«, warf Paul ein. »Er wußte, daß es den meisten Leuten weniger aufs Geld als auf den Ruf der teuren Toten ankommt und daß deshalb ohne weiteres bezahlt werden würde. Das ist der gemeinste Trick, der mir je in meinem Leben vorgekommen ist.«

Anthony nickte zustimmend.

»Es wäre also eine Arbeit nach deinem Geschmack, diesem Mann eine Lehre zu geben?«

»Verdammt noch einmal, ich wäre mit Leib und Seele dabei«, gab Paul zu. »Wie willst du es denn drehen?«

»Ich weiß ja, daß Digle nicht der einzige ist, der sich derartiger Tricks bedient«, fuhr Anthony fort. »Ich habe schon verschiedentlich von anderen Gleiches berichten gehört. Vor allen Dingen will ich aber einmal die Gewohnheiten unseres Freundes Digle studieren. Dann wird sich wohl ein Weg ergeben, ihn zu schröpfen.«

Der also Bedrohte war ein Mann, dessen ganzes Leben nach einem gewissen Schema verlief und außerordentlich methodisch war. Er war, was sparsame Lebenshaltung anbetraf, ein Genie und rühmte sich des öfteren, daß er sich mit einem halben Penny mehr Vergnügen verschaffen könne als ein anderer mit einem Schilling. Von Gestalt war er dick und untersetzt, sein Gesicht war stark gerötet. Als Kleidung hatte er die Tracht eines Kirchenältesten gewählt, was ihm einen gewissen Schimmer von Respektabilität und der Frömmigkeit verlieh. Was seine persönlichen Charaktereigenschaften anbetraf, so hielt man ihn in seiner näheren Umgebung für einen sympathischen und sogar wohltätigen Menschen. Sein Entgegenkommen den Bedürftigen gegenüber drückte sich jedoch mehr durch Rat als durch die Tat aus. Er gab ohne felsenfeste Sicherheit nicht einen Penny aus der Hand. An Leidenschaften besaß er zwei: die Gier, Geld zu verdienen, und die Furcht, es wieder zu verlieren. Gewiß, er hatte Geld bei Pferderennen verloren, aber hatte nicht jeder große Mann seine Leidenschaft?

Er war außerordentlich diskret und verschwiegen, und so war es kein Wunder, daß er sich auch eine außerordentlich diskrete und verschwiegene Bank ausgesucht hatte, um dort sein Vermögen zu deponieren. Es war die Pollacks Privat-Bank, der er sein Vertrauen geschenkt hatte, und sie bestand schon seit mehr als einem Jahrhundert. Über Mr. Digle selbst waren einige anrüchige Erzählungen im Umlauf, die sogar zu polizeilichen Erörterungen geführt hatten, aber erhaben über alles, was man von ihm sprach, verfolgte der Geldverleiher seinen Weg weiter. Eines Tages saß er, vor sich die neueste Zeitung, in seinem Büro, als seine Sekretärin – eine ältere Dame – einen Besucher meldete.

»Ein junger Mann wünscht Sie zu sprechen, Mr. Digle.«

»Wie sieht er denn aus?« fragte der Wucherer vorsichtshalber.

»Ich glaube, daß er ein Kunde ist. Er ist ganz aufgeregt.«

Nachdenklich kratzte sich Digle am Kinn.

»Lassen Sie ihn hereinkommen«, entschied er.

Die Sekretärin hatte recht berichtet. Der Besucher war unstreitig sehr aufgeregt. Es war genau vierzehn Uhr zwanzig Minuten, eine Zeit, die man genau in Erinnerung behalten muß, da sie für den Verlauf dieser Geschichte wichtig ist.

»Nun«, begrüßte Digle leutselig den jungen Mann. »Womit, kann ich Ihnen dienen?«

Der Besucher warf einen Blick auf die noch immer wartende Sekretärin. Ein Wink Digles, und sie zog sich zurück.

»Ich hätte Ihnen etwas ganz Persönliches mitzuteilen«, eröffnete der nun etwas beruhigte junge Mann das Gespräch.

»Setzen Sie sich«, lud ihn der gütige Hausherr ein. »Ziehen Sie sich einen Stuhl hier heran und packen Sie aus. Wollen Sie eine Zigarette rauchen?«

Der andere wollte. Mit zitternden Fingern hielt er das brennende Streichholz an den Tabak.

»Sie müssen mir versprechen, Mr. Digle, alles, was ich Ihnen jetzt mitteile, als tiefstes Geheimnis zu bewahren.«

Ein melodramatischer Anfang, ganz nach dem Herzen Digles.

»Diese Wände haben schon viele Geheimnisse mit anhören müssen«, beruhigte er seinen Besucher. »Nichts davon ist an die Öffentlichkeit gedrungen. Sprechen Sie ruhig und unbesorgt.«

Immer noch zögerte der andere.

»Wenn es sich nun um eine Sache handelt«, fragte er und blickte den Hausherrn verstohlen an, »die ein Verbrechen beträfe?«

Digle lächelte verhalten.

»Geht mich auch nichts an. Ich kümmere mich nicht um ungelegte Eier. Sie können mich ruhig als Beichtvater betrachten, junger Mann, und sicher sein, daß mir Ihr Geheimnis heilig ist.«

Endlich war der andere beruhigt.

»Ich danke Ihnen für dieses Versprechen, Sir. Man hatte mir schon berichtet, daß man Ihnen volles Vertrauen schenken dürfe.«

»Das können Sie auch«, bekräftigte Digle diese gute Meinung. Er war auf die Geschichte seines Besuchers aufs höchste gespannt.

»Vor allen Dingen möchte ich vorausschicken, Mr. Digle, daß ich für mehr als zweitausend Pfund englische Kriegsanleihe besitze, die ich, wenn ich wollte, morgen in Bargeld umsetzen könnte. Ich habe sie bei mir.« Er faßte in die Tasche und entnahm ihr einen dicken Briefumschlag. Es wäre zu wenig behauptet, wenn man sagen wollte, daß Digle überrascht war. Die Besucher waren selten, die mit zweitausend Pfund in der Tasche zu ihm kamen.

»Ich brauche, bis morgen nur, eintausend Pfund Darlehen, Sir«, fuhr der andere fort. »Ich werde Ihnen Zinsen zahlen und diese Anleihestücke als Sicherheit hinterlegen.«

»Es wird sich vielleicht machen lassen«, meinte der Geldverleiher und warf einen Blick auf die Wanduhr. »Die Banken schließen um drei. Wenn die Sicherheit in Ordnung geht, können Sie den Scheck über tausend Pfund, sagen wir zu zehn Prozent für den einen Tag, haben.«

Er warf dem Bittsteller einen prüfenden Blick zu.

»Ach, die Zinsen machen mir kein Kopfzerbrechen«, meinte der Darlehenssucher ungeduldig. »Ich muß das Geld aber sofort haben.« Er unterbrach sich, anscheinend ohne jeden Grund. Er hatte die Sicherheit für das Darlehen bei sich. Digle hatte ihm das Geld so gut wie versprochen – warum also dieses neuerliche Zögern. Der Hausherr begann Lunte zu riechen und beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen.

»Zerbrechen Sie sich nicht unnötig den Kopf. Sie befinden sich bei einem Freund. Beichten Sie, was eigentlich los ist.«

»Ich muß schon, denn ich brauche Ihren Rat. Ich will mit dem Geld meinen Bruder außer Landes schicken. Er muß vor Nachteinbruch über die Grenze sein, noch ehe seine Tat entdeckt wird.«

»So? Ihr Bruder hat also etwas ausgefressen?«

»Ja, er hat etwas getan, was er nie hätte tun dürfen. Er hat ein Verbrechen begangen, das wohl als das größte dieses Jahrhunderts anzusprechen ist. Ich weiß, ich darf Ihnen Vertrauen schenken. Sie meinen es ehrlich mit mir, das sehe ich Ihnen an.«

Der geschmeichelte Wucherer lächelte.

»Das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts?« knüpfte er an die Bemerkung des andern an. »Ist das nicht ein wenig zuviel gesagt, mein junger Freund? Was kann er denn gemacht haben?«

»Was würden Sie dazu sagen, wenn er eine Bank um zweihunderttausend Pfund Sterling beraubt hätte, Mr. Digle?«

Nur ein leises Zucken der Augenbrauen verriet die Überraschung des Wucherers.

»Ich müßte Ihnen recht geben. Es wäre das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts«, begnügte er sich zu erwidern.

»Schrecklich, entsetzlich.« Der junge Mann stöhnte. »Hunderte armer Leute werden ihr Geld verlieren. Und das Schlimmste ist, daß mein Bruder wußte, daß die Bank, die er bestahl, nicht mehr ganz sicher dastand. Er ließ sich aber nicht von der Ausführung seines Planes abhalten.«

»Na, na, nicht jede Bank bricht wegen zweihunderttausend Pfund Verlust zusammen«, tröstete ihn Digle. Was ging ihn die Sache an? Er erhielt zehn Prozent für ein eintägiges Darlehen gegen beste Sicherheiten; alles andere interessierte ihn wenig. »Welche Bank ist es denn?« fragte er, mehr um das Gespräch fortzuführen als aus Interesse.

»Eine Privatbank. Ja, wenn es eine der großen Banken wäre, würde es lange nicht so schlimm ...«

»Eine Privatbank?« Langsam wiederholte Digle die Frage. »Wie heißt sie denn?«

»Das möchte ich lieber verschweigen«, gab der andere zurück.

»Los, machen Sie keinen Unsinn. Wie heißt sie?« Digle war ungeduldig geworden. »Wie heißt die Bank, die sowieso nicht mehr ganz sicher dasteht und außerdem noch um zweihunderttausend Pfund bestohlen wurde?«

»Pollacks Privat-Bank!«

Die Wirkung dieser Antwort war erstaunlich. Wie elektrisiert sprang Digle auf, sein gerötetes Gesicht wurde aschgrau.

»W-a-s?« stotterte er. »Pollacks Bank? Wissen die Leute davon?«

»Nein, nein, bis jetzt noch nicht, aber morgen früh werden sie es merken und, Gott weiß, was dann geschieht. Bankrott wird sie machen müssen. Ich möchte am liebsten hingehen und dem Direktor Bescheid geben. Sie können dann machen, was sie wollen.«

»Das werden Sie schön bleiben lassen«, brüllte ihn Digle an. Er raste zum Pult, entnahm einem Fach ein Scheckbuch und riß seinen Hut vom Kleiderständer.

»Warten Sie hier, bis ich wiederkomme«, rief er heftig. »Ich will Ihr Geld holen gehen.«

Er eilte, so schnell ihn seine kurzen Beine zu tragen vermochten, die Treppe hinab und sprang in das erste Taxi, das ihm begegnete. Zwölf vor drei trat er durch die Drehtür in Pollacks Privat-Bank ein, ein Institut, das bisher alle finanziellen Stürme des Jahrhunderts überdauert hatte. Geradewegs zum Kassenschalter begab sich Digle. Der grauhaarige Kassierer begrüßte ihn mit einem Kopfnicken.

»Wie hoch beläuft sich mein Guthaben?« fragte Digle mit einem Blick auf die Wanduhr.

Nach wenigen Minuten gab ihm der Beamte die erbetene Auskunft:

»Neunundsiebzigtausendachthundertzweiundvierzig Pfund, Sir.«

Ohne ein Wort zu sprechen, füllte Digle einen Scheck aus und reichte ihn dem Kassierer. Dieser warf einen Blick darauf, ohne irgendwelche Überraschung zu verraten.

»Sie wollen Ihr ganzes Guthaben abheben?« fragte er. »Damit wird Ihr Konto geschlossen sein, Sir.«

Digle nickte nur. Was kümmerte es ihn, wenn sein Scheck ausbezahlt worden war, was aus der Bank wurde?

Der Kassierer verließ den Schalter, und Digle wartete. Würde der Bankleiter kommen und ihn bitten, sein Geld auf der Bank zu belassen? Würde man überhaupt noch bezahlen können? Nichts dergleichen geschah. Der Kassierer zählte aus einer dicken Notentasche neunundsiebzig Stück Tausendpfundnoten ab, fügte noch einige kleine Banknoten hinzu, strich Mr. Digles Scheckunterschrift aus und widmete sich weiter seiner früheren Beschäftigung.

Mit zitternder Hand steckte der Verleiher das Geld in seine Tasche. Es war genau zwei Minuten vor drei, als er durch die Drehtür auf die Straße trat. Kaum hatte er den Bürgersteig betreten, als ihn jemand am Arm berührte.

»Ihr Name ist Digle, nicht wahr?« fragte der Unbekannte.

»Ja, so heiße ich.«

»Ich bin Kriminalinspektor Rause von Scotland Yard, Sir. Ich habe einen Haftbefehl gegen Sie wegen Urkundenfälschung. Der Antragsteller heißt Mary Sinclair, Witwe des Leutnants Edward Sinclair. Sie werden beschuldigt, den Namen des Toten unberechtigterweise unter einen Schuldtitel zu Ihren Gunsten gesetzt zu haben.«

»Was soll das heißen?« Digle war entsetzt. »Diese Beschuldigung ist eine Niedertracht.«

»Wollen Sie mir unauffällig folgen oder nicht?«

»Gewiß werde ich kommen.«

Die beiden stiegen in ein wartendes Taxi. Der Beamte setzte sich dem Gefangenen gegenüber.

»Strecken Sie Ihre Hände aus«, befahl er ihm.

»Ich erhebe Einspruch ...« Ehe Digle noch den Satz beenden konnte, hatten sich um seine Gelenke Handschellen gelegt.

»Wenn Sie eingeliefert werden, können Sie, soviel Sie wollen, protestieren«, meinte der Detektivinspektor lachend. »Ich erfülle nur meine Pflicht.« Er nahm ein Etui heraus und brannte sich eine Zigarette an. Auch seinem Gefangenen bot er eine an. Erst wollte sie Digle ausschlagen, nahm sie aber zuletzt doch.

»Ja, ich verstehe«, gab er nun zu. »Das alles gehört ja bei Ihnen zur Tagesarbeit, nicht wahr? Sie werden aber bald sehen, daß Sie sich geirrt haben.«

Der Beamte hielt ihm ein Streichholz an die Zigarette, und Digle schwelgte im Genuß des duftenden Rauches. Plötzlich glaubte er zu bemerken, daß der Zigarette ein merkwürdiger Geschmack anhaftete.

»Was soll das heißen?« fragte er beklommen.

»Das werden Sie bald wissen«, gab der andere ruhig zurück.

Am selben Abend hörte ein Spaziergänger aus einem Gebüsch am Chisleholm Common ein Stöhnen dringen. Als er der Ursache nachging, stieß er auf einen alten Herrn, der mit verstörtem Gesichtsausdruck um sich starrte. Seine Handgelenke waren gefesselt, seine Taschen völlig leer.

Nur langsam konnte man aus den verwirrten Aussagen des noch immer halb Betäubten klug werden. Aber um diese Zeit befanden sich der Preller – der aufgeregte junge Mann, der Digle im Büro aufgesucht hatte, um dem Bruder zur Flucht zu verhelfen – sowie der Taxichauffeur – Paul – bereits weit vom Schauplatz ihres letzten Streiches.

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