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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Eine Aktienspekulation

In einem der ersten Hotels Brightons hatte sich unter dem unauffälligen Namen eines Mr. Smith ein junger Mann, begleitet von seinem ›Sekretär‹ Mr. Robinson, eingemietet. Für seine persönliche Bedienung hatte er einen Kammerdiener bei sich.

Die drei Herren schienen sich noch nicht ganz im klaren zu sein, wer von ihnen ›Smith‹ hieß, denn als ein Kellner ein für diesen Herrn bestimmtes Telegramm ausrief, dauerte es eine ganze Weile, ehe sich der. als ›Mr. Robinson‹ Eingeführte zum Empfang meldete und es öffnete. Da er als Mr. Smiths Sekretär bekannt war, fiel dem Überbringer dieses Benehmen nicht weiter auf. Robinson ließ, solange sich der Kellner in seiner Nähe befand, seine Blicke unentwegt auf dem langen Text der Depesche ruhen. Erst als der Ganymed sich seinen übrigen Obliegenheiten widmete, reichte der Sekretär das Blatt weiter.

»Hat er angebissen, Paul?« erkundigte sich der junge Mann, ehe er das Telegramm durchlas.

»Allem Anschein nach, ja.«

»Er wird mich zu einem reichen Mann machen«, meinte Anthony. »Ich komme mir vor wie einer der Mitspieler in ›Ali Baba und die vierzig Räuber‹. Uns geht es besser als dem Mann, über den heute morgen die Zeitungen berichteten. Er hatte versucht, einen Bankkassier zu berauben. Alles, was er davontrug, waren zwei Pfund Sterling und ein blaues Auge. Nein, auf diese Weise sollten Kavaliere ihren Lebensunterhalt nicht verdienen.«

»Da hast du recht«, stimmte ihm Paul zu und nahm auf einem in der Nähe des Kamins stehenden Stuhl Platz. »Übrigens, Anthony, ich habe heute morgen auch von dir etwas in der Zeitung« gelesen: Weißt du, wie sie dich nennen? Den Preller.«

»Dieser Spitzname ist verdammt gut gewählt«, entgegnete Anthony in aller Ruhe. »Ich betrachte mich als ›Wohltäter der Menschheit‹«, fügte er allen Ernstes hinzu. »Erstens beschränke ich meine prellende Tätigkeit auf Ganoven, und zweitens habe ich dich und Sandy aus Not und Sorge gerettet. Man kann ja nicht wissen, ob ihr beide nicht eine verbrecherische Laufbahn eingeschlagen hättet.«

Paul fuhr sich mit der schmalen, weißen Hand über sein sorgfältig gelegtes, glänzendes Haar.

»lch zweifle daran«, meinte er, »daß ich mich verbrecherischem Broterwerb zugewandt hätte; aber ich kann dir wenigstens insoweit beistimmen, als ich zugeben muß, daß ich die verdammte tägliche Plackerei ziemlich satt hatte. Was Sandy anbetrifft, nun, bei ihm zweifle ich nicht daran, daß er sich vielleicht einen Revolver gekauft und damit die Bank von England überfallen hätte. Bisher hast du jedenfalls nichts begangen, was mein Gewissen belastet hätte.«

»Und daß es nie geschehen wird, darauf kannst du dich verlassen«, versicherte seih Freund. »Jeder einzelne von denen, die ich erleichtert habe, war ein Mensch, dessen Gemeinheit und Niederträchtigkeit kein anderes Los verdiente.«

»Stimmt.«

»Nun, und was diesen Mr. Mottenstein betrifft, Paul, so fühle ich auch in diesem Fall keinerlei Gewissensbisse. Gewiß, er war schwer heranzuholen, und wie du weißt, ist die Polizei schon seit Jahren vergeblich hinter ihm her. Auch für mich wird es kein Wurstessen sein, wenn ich versuchen werde, ihn ein wenig zur Ader zu lassen.«

»Warum glaubst du das?« erkundigte sich Paul und blickte von seiner Zeitung auf.

»Erstens hat man ihn bereits vor mir gewarnt.«

»Vor dir?«

Sein Freund nickte.

»Seit einer Woche versuche ich bei ihm meine Tricks«, sagte er seufzend, »aber bis jetzt immer vergeblich, weil er mich in Verdacht hat. Du weißt doch, Paul, daß es in London kaum einen Ganoven gibt, der nicht vor mir auf dem Quivive wäre.«

»Möchtest du mir nicht sagen, warum du gerade Mottenstein als passendes Opfer ausgewählt hast, Anthony?«

»Du willst wohl, wenn ich deine Neugierde befriedige, dein Gewissen besänftigen, wie?«

»Stimmt!«

»Zufällig werde ich deine Hilfe in diesem Fall gar nicht brauchen«, beruhigte ihn der Freund. »Die ganze Sache ist einfach genug. Mottenstein ist, wie du vielleicht weißt, ein Freihandelsmakler, der seine Geschäfte durch Inserate einleitet. Er ist einer von denen, die armen, unschuldigen Spekulanten einreden, sie könnten aus hundert Pfund so leicht zweihundert machen, wie man sich einen neuen Hut kauft. Im allgemeinen haben ja die Außenseiterspekulanten mit solchen Leuten wie Mottenstein nur ungern etwas zu tun. Ganz besonders trifft das aber bei unserem künftigen Opfer zu, da eine Finanzzeitung offen vor ihm gewarnt hat. Aber Freund Mottenstein hat die Kunden seiner besten Absichten ihnen gegenüber versichert; er hat ihnen lange Briefe geschrieben, in denen er ihnen mitteilte, daß er ihnen davon abrate, ihr ganzes Vermögen auf einmal einer immerhin zweifelhaften Spekulation auszusetzen. Er ziehe es vor, wenn sie ihm nur kleinere Beträge anvertrauten, da er die Verantwortung für größere Spekulationen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, könne. Resultat: Jauchzen und ›Seht ihr, was ich euch gesagt habe?‹ bei seinen Kunden. Sie schicken ihm also nur kleinere Beträge, und ihr Vertrauen wird auch nicht mißbraucht. Reingewinne, die zu den Anlagekapitalien in gar keinem Verhältnis stehen, fangen an einzulaufen, und alle fallen auf die Knie und danken Gott, daß er ihnen einen ehrlichen Menschen wie Mottenstein beschert habe.«

»Und dann?« fragte Paul gespannt.

»Nun, dann laufen bei Mottenstein Briefe in Unmengen ein. Die Leute haben am Köder geleckt. Nun wollen sie größere Beträge anlegen, aber was tut er? Er schreibt ihnen zurück, die große Verantwortung würde ihm seinen guten Nachtschlaf rauben, er könne sich nicht mit so vielen Dingen belasten, empfehle ihnen aber die Firma Alexander McDougal, Mackintosh & Glenstuart – ehrliche, wohlbekannte, schottische. Namen –, die gut eingeführte, konservative Makler irgendwo an einer nordenglischen Börse seien.«

Paul nickte verständnisvoll. »Und die Firma ›Alexander und noch etwas‹ ist in Wirklichkeit Mottenstein selbst, nicht wahr?«

»Erraten! Diese konservative Firma hat keine Gewissensskrupel, wie sie angeblich Mr. Mottenstein hat. Sie bitten die nunmehr voll vertrauenden Spekulanten, jeden Pfennig flüssig zu machen, ja, ihre Haare zu verkaufen, wenn ihnen jemand etwas dafür gebe, und mit dem Erlös Waggerfontein-Goldaktien zu kaufen, die innerhalb acht Tagen ihren Börsenwert verzehnfachen würden. Die armen Teufel fallen meist auf diesen Köder herein, der ihnen so schmackhaft zubereitet hingehalten wird. Aber Mottenstein hat noch einen Pfeil im Köcher: Wenn ihn die armen Schäflein um Rat fragen, bittet er sie, um Gottes willen, ja nicht alles auf eine Karte zu setzen und vorsichtig zu sein. Dann bricht das Verhängnis herein. Anstatt daß die Waggerfontein auf neun, zehn, zwölf Pfund hinaufklettern, fallen sie, bis sie auf drei Pence angekommen sind. Tiefdunkle Dämmerung bricht über die geschorenen Lämmlein herein, während sich Mottenstein ein neues Luxusauto anschaffen kann.«

»Und was beabsichtigst du gegen ihn zu unternehmen?« fragte Paul neugierig.

»Ich will meinen Hebel am schwächsten Punkt in Mottensteins Panzer ansetzen. Ich muß ihm wirklich gute Aktien anbieten, die er dann auf seine Opfer abladen kann. Verkaufte er ihnen die Schwindelaktien persönlich, würde er sich natürlich des schweren Betruges schuldig machen, und er hätte für einige Jahre die Gastfreundschaft des Königs in Anspruch zu nehmen. Das muß vermieden werden. Er hat ja keine zu große Auswahl, wenn er Anteile von Schwindelgesellschaften braucht. Diese Waggerfontein zum Beispiel hat er zu zwei Pence gekauft und die zweihunderttausend Anteile, die er sich besorgt hatte, mit acht bis zehn Schilling pro Stück weitervertrieben. Nun, ich habe einen Wink bekommen, daß ›Alexander und so weiter‹ hinter neuen Aktien her sind und ... ich werde sie ihnen besorgen.«

Er stand auf und begab sich zum Schrank. Ihm entnahm er ein Paket wunderbar lithographierter Papiere.

»Das sind zweihunderttausend Aktien der ›Blei- und Schiefer-A. G. Australien‹«, erklärte er. »Es tut mir ja leid, daß ich keine Goldminenaktien auftischen kann, aber ich habe mein möglichstes getan. Sie kosten mich einen Penny pro Aktie, und zwar ist das ein Penny mehr, als sie in Wirklichkeit wert sind. Innerhalb vier Wochen fällt die Mine an ihre ursprünglichen Eigentümer zurück, wenn es der Gesellschaft, die diese Aktien hier ausgegeben hat, nicht gelingt, fündig zu werden. Die Gruben sind mitten in der Wüste gelegen und haben allen ihren bisherigen Eigentümern Geld und Gesundheit gekostet. Ich glaube nicht, daß es dieser Gesellschaft hier um einen Deut besser gehen wird.«

»Wo hast du denn diese Aktien her?« erkundigte sich Paul.

»Ein Australier, ein junger, netter Kerl, hat sie mir gegen ein Darlehen von zwanzig Pfund verkauft. Niemand kennt den genauen Wert dieser Anteile, und ich beabsichtige, sie an die langnamige Firma Mottensteins zu zwei Schilling sechs Pence pro Stück zu verkaufen. Das würde mir insgesamt fünfundzwanzigtausend Pfund einbringen. Daß Mottensteins Schwesterfirma diese Aktien mit Kußhand nehmen wird, steht zweifellos fest, denn an der englischen Börse sind die Papiere absolut unbekannt. Die Kunden werden die Anteile zu Preisen zwischen fünf und zehn Schilling pro Stück angeboten bekommen.«

»Ist das gegen die künftigen Käufer nicht ungerecht gehandelt?« sprach Paul. »Ich möchte mich natürlich nicht in deine Pläne mischen, aber vergiß nicht, daß ich in einem Pfarrhaus aufgezogen worden bin.«

»Beruhige dein zartes Gewissen«, bat ihn Anthony. »Im selben Augenblick, wo ich diese Aktien losgeworden bin, werde ich an alle Finanzzeitungen einen Brief richten und vor Ankauf dieser Papiere warnen. Die Summe, die ich für sie von den Alexanders erziele, werde ich außerdem mit dem jungen Australier teilen, der mir die Aktien verkauft hat.«

»Schön!« stimmte nun auch der zartbesaitete Paul dem Plan zu und lauschte gespannt den weiteren Ausführungen Anthonys.

Die Firma ›Alexander McDougal und so weiter‹ hatte in einer nordenglischen Stadt einen kleinen unscheinbaren Büroraum inne. Der Geschäftsführer war im Ort als Mr. Alexander, in London aber als Mr. Mottenstein junior bekannt. Diesen über Mittelgröße reichenden jungen Mann besuchte eines Tages ein junger Australier. Das Resultat der Unterredung war, daß Mr. Alexander-Mottenstein am selben Abend den Nachtzug nach London benutzte, um am nächsten Morgen mit seinem Vater im Hampstead zu frühstücken.

Im allgemeinen war der alte Herr nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, aber die Neuigkeiten, die ihm sein talentvoller Sohn mitgebracht hatte, ließen ihn doch aufhorchen.

»Ja, ich glaube von derartigen Aktien vor Jahren gehört zu haben«, meinte der Alte. »Sie wurden an der Börse notiert.«

Er erhob sich und suchte ein altes Jahrbuch der Londoner Börse heraus.

»Ja, hier sind sie. Kapital dreihunderttausend Pfund, Direktoren hm ... hm ... hm ... Wieviel will der Mann für seine Aktien, die Mehrheit des gesamten Kapitals?«

Mr. Mottenstein senior runzelte nachdenklich die Stirn.

»Die Gruben existieren tatsächlich«, meinte er. »Du weißt, daß wir nur bei ganz zweifelsfrei feststehenden Eigentumsverhältnissen uns auf Käufe einlassen können. Es würde Betrug sein, wenn wir anders handelten, und Betrügereien begehe ich nicht.«

»Es wird schon stimmen«, entgegnete sein Sprößling, der bisher hinsichtlich des Vorhandenseins der Grube Zweifel hatte.

»Die Sache sieht ganz gut aus«, fuhr Mottenstein fort. »Wieviel will er haben? Zwei und einen halben Schilling? Er wird es auch für einen tun. Was meinst du?«

Aber sein Sohn schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Er denkt gar nicht daran. Hier, lies den Brief. Nicht einen Penny unter einer halben Krone.«

Mr. Mottenstein seufzte tief auf.

»Wir brauchen Aktien«, sagte er, »und zwar recht dringend. Die Anteile der Baltic Trading Co. sind verkauft, und die Leute schreien in einem fort nach neuen Spekulationsobjekten.«

»Ja, aber sie schreien auch nach den Ersatzaktien, die du ihnen versprochen hattest, als die Waggerfontein pleite gingen, Papa«, erinnerte ihn der Sohn.

»Na, wir werden schon wieder ein paar Papiere erwischen, die uns nicht viel kosten, und die drücken wir ihnen dann in die Hand. Gegenwärtig fühle ich mich nicht gerade in einer philanthropischen Stimmung, um etwas zu verschenken, mein Junge. Die Spesen, die wir haben, sind ...«

Es folgte eine Vorlesung über die Kostspieligkeit des täglichen Lebens, die anziehenden Preise und die unverschämte Dienerschaft, die täglich mit neuen Forderungen das sonst so sonnige Leben Mottensteins zum stetigen Kampfspiel machte. Sein Sohn Julius, der dieselbe Walze schon oft genug gehört hatte, vertiefte sich in die Morgenzeitung, bis der alte Herr schwieg.

Am nächsten Morgen wartete Mr. Julius Mottenstein, alias Mr. Alexander, im Büro eines Freundes auf den Unterhändler für die Australien-Aktien. Die Räumlichkeiten, in denen die Verhandlungen stattfinden sollten, waren für solche Zwecke besonders gut geeignet. Im Nebenzimmer konnte Mr. Mottenstein senior, ohne gehört oder beim Eintritt gesehen zu werden, den Verhandlungen folgen und seine Instruktionen mittels vorher vereinbarter Signale seinem Sohn zukommen lassen.

Bald darauf erschien der Besucher, ein hochaufgeschossener, braungesichtiger junger Mann, typischer Australier.

»Samuel Soames«, stellte er sich mit einer Verbeugung Julius vor, hieß aber im wirklichen Leben Anthony.

»Sie boten uns Aktien an«, erkundigte sich Julius in geschäftlichem Ton. »Nun, ich weiß, daß die Papiere so gut wie wertlos sind, aber meine Firma liebt es, hin und wieder einmal eine kleine Spekulation zu wagen.«

»Ja, das habe ich gehört«, stimmte ihm Anthony mit einem Blick auf seine Ledertasche zu, die die Aktien enthielt.

Julius nahm das erste der gebündelten Pakete in die Hand, las die Zertifikate und schüttelte lächelnd den Kopf.

»Blei- und Schiefer-A. G. Australien? Ich glaube nicht, daß diese Papiere viel Wert für uns haben, Mr. Soames.«

»Dann wollen wir keine Zeit mit zweckloser Unterhaltung verlieren«, meinte der andere trocken und begann, seine Bündel wieder einzupacken.

Vom Nebenzimmer erklang ein warnendes Hüsteln.

»Natürlich sind wir immer bereit, ein gewisses Risiko einzugehen«, lenkte Julius auf die Warnung des unsichtbaren Zuhörers ein. »Was wollen Sie alleräußerst für diese Aktien?«

»Zwei Schilling sechs Pence.«

Julius schüttelte den Kopf.

»Der Preis ist mir zu hoch, denn die Papiere sind unverkäuflich. Bedenken Sie, fünfundzwanzigtausend Pfund für derartige wertlose Anteile. Wir bieten Ihnen, unser letztes Wort, einen Schilling pro Aktie.«

»Sie werden sie entweder zu meinem Preis oder gar nicht kaufen.«

»Schön«, meinte der andere abschließend und erhob sich. »Auf Wiedersehen.«

»Guten Morgen«, erwiderte Anthony und packte seine Papiere wieder in die Tasche.

Zweimal hüstelte der im Nebenzimmer verborgene Mottenstein.

»Seien Sie doch vernünftig, Mr. Soames«, lenkte Julius ein. »Aus Kompromissen besteht ja das ganze Leben, also – ich biete Ihnen einen Schilling sechs Pence pro Anteil.«

»Zwei Schilling und sechs oder gar nichts«, bestand Anthony unnachgiebig auf dem genannten Preis. »Die Thames Investment Trust, Ihre Konkurrenz, hat mir bereits zwei Schilling drei Pence geboten.«

Das schlug dem Faß den Boden aus, denn wenn Mottenstein einen Rivalen auf dem lämmerscherenden Markt zu fürchten hatte, dann war es die Gesellschaft, die Anthony eben erwähnt hatte. Ein heftiges Husten scholl vom Nebenzimmer herüber, und Julius besann sich auf seine Pflicht.

»Gut also«, gab er endlich resigniert nach. »Wir werden Ihnen einen auf nächsten Montag vordatierten Scheck geben.«

»Stellen Sie ihn lieber für vergangenen Montag aus«, lachte der Verkäufer. »Ein für alle Male, Mr. Alexander: Sie nehmen entweder die Aktien zu zwei und sechs Pence, zahlbar sofort, oder Sie werden sie überhaupt nicht bekommen.«

Wieder wartete Julius das Hustensignal von seinem Vater ab. Als es erklang, nahm er sein Scheckbuch heraus und füllte den Scheck wunschgemäß als Barscheck aus.

Als der Besucher mit seinem Geld das Zimmer verlassen hatte, kam der Alte herein.

»Durch deine Tricks hättest du mir bald das ganze Geschäft vermasselt, Julius«, brummte er. »Ich bin fest überzeugt, du hättest sie billiger bekommen, wenn du es richtig angefangen hättest. Na, Schwamm drüber. Wir wollen gleich das Rundschreiben an unsere Kunden fertigmachen. Je schneller wir die Papiere losbekommen, um so besser. Ich habe eine Ahnung, als würden diese Aktien wie warme Semmeln abgehen, denn hinter Bleiaktien sind sie jetzt wie die Verrückten her.«

Drei lange Stunden beschäftigten sich er und sein hoffnungsvoller Sohn mit der Abfassung der brieflichen Köder.

Das Rundschreiben mochte zwar nicht ganz der Wahrheit entsprechen, war aber von einer Bildhaftigkeit der Sprache, die einem Dichter Ehre gemacht hätte. Noch am selben Abend gingen die Offerten hinaus. Plötzlich fiel der Schlag.

Mr. Mottenstein und Mr. Julius, alias Mr. Alexander, saßen in ihrem Londoner Büro und hatten alle Hände voll zu tun, die Aufträge, die wie ein Sturzbach hereinkamen, zu notieren und auszuführen. Plötzlich schlug das Telefon an. Der Anrufende war der Handelsredakteur eines kleinen Wochenblattes, der Ursache hatte, sich Mottensteins mit Dankbarkeit zu erinnern.

»Wir haben eben ein Rundschreiben erhalten, wie wahrscheinlich auch alle anderen Finanzblätter«, teilte er dem aufhorchenden Mottenstein mit.

»Um was handelt es sich?« erkundigte sich dieser, in trüber Ahnung die Stirn runzelnd.

»Um Bleiaktien, die, wie ich höre, von Ihnen stammen, Mr. Mottenstein. Sie wissen doch, daß die Abbaugenehmigung der Gesellschaft nächste Woche erlischt. Der Absender des Rundschreibens meint, daß die Aktien nicht das Papier, auf das sie gedruckt sind, wert seien.«

Der Senior wurde weiß wie frischgefallener Schnee. Gewiß, fünfundzwanzigtausend Pfund zu verlieren, konnte ihn nicht ruinieren, aber der Schmerz über den Verlust würde ihm das Herz brechen.

»Wir sind behackt worden«, berichtete er seinem Sohn. Er gebrauchte ein anderes Wort, das sich aber nicht für den Druck eignet. »Ich hätte so etwas voraussehen müssen, Julius. Der verdammte ›Preller‹ war es, dem wir ins Garn gegangen sind, obwohl wir vor ihm zur Genüge gewarnt wurden.« Er schnaufte, als wollte ihn jeden Augenblick der Schlag treffen. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, setzte er seinen Bericht fort: »Julius«, meinte er, »wir werden wegen dieser Sache mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Der verdammte Lump wird uns überall anschwärzen.« Erregt lief er auf und ab: »Nicht das Geld ist es, das wir verloren haben, was mir Kopfzerbrechen macht; der Ruf der Firma geht dabei zum Teufel! Verdammter Kerl, dieser Preller. Nur einen Augenblick möchte ich ihn hier haben! Fünfzehn Jahre müßte er dafür bekommen; hängen sollte man ihn!«

Julius ließ den Wortschwall über sich ergehen und beschränkte sich darauf, nachdenklich sein Kinn zu reiben.

»Vater«, sagte er dann. »Ich habe eine Idee.« Das Brummen des anderen schien wenig Hoffnung auszudrücken. Er hörte aber trotzdem schweigend zu.

»Warum sollten wir nicht –«, begann Julius.

»Was willst du eigentlich?« unterbrach ihn der Ältere.

»Ich weiß, daß uns der Verlust zwar hart trifft, daß wir ihn aber gleichwohl überleben werden. Die Hauptsache ist ja der Ruf unserer Firma, nicht wahr, Vater?« Der Senior nickte.

»Gut, jage einen Brief an alle Kunden hinaus und teile ihnen mit, daß wir ihnen die Aktien als Ersatzanteil für die Verluste bei den Waggerfontein-Aktien umsonst liefern. Schreibe ihnen, daß du das Beste von den Ersatzpapieren erhoffst. Dadurch wird die Firma als nobel verschrien, und kein Mensch wird sich beschweren können, daß wir ihn beschwindeln wollten.«

»Die Idee ist gut«, lobte der stolze Vater. »Glänzend ist sie! Hol das Personal, und dann: ran an die Arbeit!«

Bei der Firma Mottenstein, Makler, wurde diese Nacht durchgearbeitet. Es wurde vier Uhr morgens, ehe die letzten Gratisaktien an die freudig überraschte Kundschaft hinausgingen.

Am gleichen Tag erhielt der Preller von dem Schachzug seines Gegners Kenntnis. Er lachte.

»Der alte Schwindler war doch ein wenig zu schlau für mich«, erkannte er die Fähigkeiten des alten Mottenstein an. »Sein Herz wird gebrochen sein, daß er diese zweihunderttausend Aktien umsonst hergeben mußte, auch wenn sie in Wirklichkeit nicht einmal den Papierwert hatten. Aber alle Achtung! Den Ruf seiner Schwindelfirma rettet er damit. Ich möchte wissen, in welchen seligen Träumen die Empfänger der Aktien schweben!«

»Sie können gar nicht hoch genug sein, diese Träume«, warf Paul ein. »Hast du die Morgenzeitungen gelesen?«

»Was steht denn drin?« fragte Anthony rasch.

Paul erhob sich und reichte ihm eine Zeitung, deren schreiende Schlagzeilen Anthony schnell genug Auskunft darüber gaben, was Paul gemeint hatte.

Überraschung in Australien! Hochwertige Goldader in verlassener Bleigrube entdeckt. Wertlose Aktien: Heutiger Kurs drei Pfund pro Aktie.

Der Bericht kam aus Australien und lautete kurz und inhaltsschwer wie folgt:

›Einige zufällig auf den Gruben der Blei- und Schiefer-A. G. Australien schürfende Goldsucher sind auf reichhaltige Lager des wertvollen Metalls gestoßen. Dadurch sind die Anteile der Gesellschaft, gestern kaum das Papier, auf dem sie gedrückt waren, wert, zum heutigen Kurs von drei Pfund pro Aktie außerordentlich gefragt.‹

Anthony pfiff vor sich hin.

»Na, ich kann mich wenigstens trösten, daß ich meinen Anteil bekommen habe«, meinte er.

»Und ich den meinen auch«, stimmte Paul zu. Weder er noch Sandy wurden jemals vergessen, wenn der Chef seinen ›Fischzug‹ gemacht hatte.

»Heute abend wird bei den Kunden Mottensteins eitel Freude herrschen, Anthony. Nur Mottenstein selbst dürfte Kopfschmerzen haben.« Paul lachte und setzte sich wieder zur Patience nieder, die er bei der Lektüre der überraschenden Nachricht widerwillig unterbrochen hatte.

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